Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.01.2024 - Bühne

Die Rollstühle - Elisabeth Löffler und Cornelia Scheuer, © Sandra Fockenberger

Eugène Ionescos "Die Stühle" werden in Yosi Wanunus im Wiener Theater am Werk uraufgeführtem Stück zu "Die Rollstühle". Die Modernisierung gelingt, findet Michael Wurmitzer im Standard, nicht zuletzt dank der beiden hervorragenden Schauspielerinnen Elisabeth Löffler und Cornelia Scheuer. Die beiden brillieren "[n]icht nur mit Witz, auch mit ebenso viel Grazie, etwa wenn Scheuer ihren Rollstuhl zur Drehbühne umfunktioniert, wird hier gegen die Alltagslangeweile angekämpft. Wenn man nicht mehr weiterweiß, dreht man sich im Kreis. Um Längen schlagen dann auch die Gäste der auf ihren fahrbaren Untersätzen versammelten Freundinnen die des Stückvorbilds. Nicht nur, weil sie illuster als 'Olympiasiegerin im Kurzstreckengehen', 'Person, die nur rückwärtsgeht' oder 'Madame Bein, Oberbefehlshaberin der marschierenden Truppen' vorgestellt werden."

Jakob Hayner freut sich in der Welt über die vielversprechende Auswahl des diesjährigen Theatertreffen: "Auffällig ist, dass in der Auswahl Gegenwartskommentar und Eigenlogik der Kunst zusammenkommen. So zeigt Ulrich Rasches düsterer 'Nathan' von den Salzburger Festspielen den Judenhass als Grenze der Aufklärung. Und 'Bucket List' von der Berliner Schaubühne ist zwar nicht Yael Ronens bester, aber ein wichtiger Abend, geprägt vom Schock der Hamas-Massaker in Israel."

Weiteres: Margarete Affenzeller rekonstruiert im Standard einen Streit zwischen dem Regisseur Paul Manker und den Theatergastspielen am Semmering. Besprochen werden Jezz Butterworths Stück "Hills of California" in der Inszenierung von Sam Mendes am Harold Pinter Theater, London (NZZ), Sivan Ben Yoishais Ibsen-Inszenierung "Nora oder Wie man das Herrenhaus kompostiert" am Deutschen Theater in Berlin ("erstaunlich verzopft", FAZ) und Pina Bauschs "Nelken" in Boris Charmatz' Inszenierung am Tanztheater Wuppertal ("ein Desaster, und das in mehrfacher Hinsicht", FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.01.2024 - Bühne

"Der goldene Hahn" an der Komischen Oper Berlin. Foto: Monika Rittershaus. 

Bitterböse ist Nikolai Rimski-Korsakows schaurig-schöne Oper "Der goldene Hahn", freut sich Egbert Tholl in der SZ: Der Zar war bei der Uraufführung überhaupt nicht erfreut - und auch heute würde dieses Stück, das auf einem Puschkin Märchen basiert, wohl kaum Anklang bei den russischen Eliten finden. Es geht, erzählt Tholl, um einen unfähigen Herrscher, der von einem zweifelhaften Astrologen zum Geschenk einen goldenen Hahn erhält, der bei Gefahr kräht. Aber der Zar hat nur die Königin Proshina im Kopf und stürzt sich ins Verderben, sein Volk gleich mit. Barrie Koskys Inszenierung an der Komischen Oper in Berlin ist "stupende präzis", staunt Tholl, und erst die Musik!: "Die Musik zehrt, malt eine Sehnsucht, eine Begierde, eine Lust an der Begierde, gegen die die "Salome" von Richard Strauss - ein anderes, zur gleichen Zeit entstandenes Opern-Erotikon - fast schon familientauglich ist. Der Dirigent James Gaffigan wirkt, als habe er sich vollkommen in diese Musik verknallt, er umsorgt jedes kleinste Detail, er schildert plastisch, aufregend, elegant. Proshina und Ulyanov müssten gar nichts singen, die Musik erzählte alles, bohrende Neugierde am anderen, von ihr ironisch, spielerisch, verführerisch dargeboten. Proshinas Stimme ist ein Geschenk, federleicht und doch glühend, sie ist die Spielführerin, sie bestimmt die Regeln. Aus Liebe wird der Zar morden, sie schmeißt ihn dann weg wie irgendetwas sehr lästig Gewordenes."

Im VAN-Magazin ist Albrecht Selge ebenfalls begeistert: "Barrie Kosky konstruiert keine direkten Bezüge, die sich zwar nicht aufdrängen, aber irgendwie möglich wären. Stattdessen serviert er uns einen stringenten Albtraum im dichten Steppengras und zugleich ein unterhaltsames Varieté, in dem auch anregend getanzt wird. Der Hofstaat - sowohl Nebenfiguren als auch Chor - tritt als umgekehrte Zentauren auf: oben Pferdekopf, unten bestrapste Beine. Zar Dodons Kriegspferd aber wird eine zentaurische Schindmähre anderen Kalibers sein, nämlich ein hübsch gekurbelter Apparat, vorne Rosskopf, hinten Gerippe." Im Tagesspiegel bespricht Ulrich Amling das Stück.

Weiteres: Im Tagesspiegel betont Rüdiger Schaper die Wichtigkeit des Theaters im Kampf gegen Rechtsextremismus und gibt einen kleinen historischen Abriss bedeutender Theaterereignisse. In der FAZ gratuliert Jürgen Kesting dem Counter-Tenor Jochen Kowalski zum Siebzigsten.

Besprochen werden Katharina Thomas Inszenierung von Jaques Offenbachs Oper "Banditen" an der Oper Frankfurt (FR, FAZ), Michael Schachermaiers Inszenierung von Wagners "Tristan und Isolde" am Anhaltischen Theater Dessau (nmz), Augusta Holmès' Oper "La Montagne Noire" in der Inszenierung von Emily Hehl am Theater Dortmund (Welt), Tatjana Gürbacas Inszenierung von Louise Bertins Faust-Oper am Aalto-Theater in Essen (Welt), Jossi Wielers Inszenierung von Virginia Woolfs "Orlando" am Hamburger Schauspielhaus (SZ), Katie Mitchells Inszenierung von George Benjamins Oper "Written on skin" an der Deutschen Oper Berlin (VAN) und Moritz Sostmanns Adaption von Serhij Zhadans Roman "Internat" am Theater Münster (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.01.2024 - Bühne

Szene aus "Written on skin", Deutsche Oper Berlin. Foto: Bernd Uhlig.

"Nicht ganz von dieser Welt" erscheint Tazlerin Katharina Granzin George Benjamins Oper "Written on Skin", die, von Katie Mitchell in ihrer Ur-Form inszeniert, an der Deutschen Oper Berlin zu sehen ist. Die Handlung basiert auf einer mittelalterlichen Legende, erfahren wir, eine Liebesgeschichte zwischen einem Jungen und einer Frau, mit schrecklichen Ausgang. Besonders freut sich die Kritikerin über einige überaschende Highlights in der Musik: "Die kammermusikalische Besetzung der Singenden - außer den drei Hauptrollen gibt es ein paar wenige Nebenparts mit geringem Anteil am Geschehen - wird unterfüttert durch einen vielstimmigen dramatischen Kommentar aus dem Orchestergraben. Benjamin reizt nicht nur die Klangfarben- und Artikulationsmöglichkeiten des herkömmlichen Orchesterapparats nach allen Regeln der Kunst aus, sondern fügt noch weitere hinzu. Eine Glasharmonika und eine Gambe setzen immer wieder überraschende Akzente und ergänzen das musikalische Erleben um eine ganze klangliche Assoziationsebene: Die Anmutung von etwas, das sich in weiter Ferne abspielt, wird dadurch musikalisch kongenial abgebildet. Marc Albrecht und das Orchester der Deutschen Oper lassen die komplexe Partitur mit hörbarer Lust an deren musikalischer Vielgestaltigkeit lebendig werden."

Besprochen werden Mateja Koležniks Inszenierung von Sartres Stück "Die schmutzigen Hände" am Berliner Ensemble (FAZ, tsp), Anica Tomićs Inszenierung von Ibsens "Nora oder wie man das Herrenhaus kompostiert" am DT Berlin (nachtkritik), Jan Friedrichs Adaption von Kim de l'Horizons Roman "Blutbuch" am Theater Magdeburg (nachtkritik), K.D. Schmidts Inszenierung von "Wer hat Angst vor Virginia Woolf am Staatstheater Mainz (FR), Noah L. Perktolds Inszenierung von Arthur Schnitzlers Stücks "Komödie der Worte" am Staatstheater Wiesbaden (FR), Trisha Browns Choreografie "Twelve Ton Roses", getanzt vom Ballett de Lorraine, in der Bundeskunsthalle Bonn (FAZ), Tatjana Gürbacas Inszenierung von Louise Bertins Faust-Oper am Aalto-Theater in Essen (FAZ), Stefan Kaegis Inszenierung von "Das ist keine Botschaft (Made in Taiwan)" im Haus der Berliner Festspiele (taz), Boris Charmatz' Neuinszenierung von Pina Bauschs "Nelken" am Staatstheater Wuppertal (tsp), Sandra Strunz Inszenierung von A. L. Kennedys "Als lebten wir in einem barmherzigen Land" Münchner Kammerspielen (SZ), Nina Mattenklotz' Inszenierung von "Antigone" nach Sophokles (nachtkritik) und Sebastian Hartmanns Inszenierung von "Atlantis - Die Welt als Wille und Vorstellung" (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.01.2024 - Bühne

Peter Laudenbach freut sich in der SZ nach der Bekanntgabe des Programms endlich mal wieder auf das diesjährige Berliner Theatertreffen. Das wird eine "Feier des Theaters und seiner Mittel", jubelt er: "Mit der Bekanntgabe der Auswahl weicht die schulterzuckende bis genervte Gleichgültigkeit vergangener Jahre der Vorfreude auf ein Theaterfest, mit dem das Treffen wieder das werden könnte, was es über Jahrzehnte war: schlicht das wichtigste, Maßstäbe setzende, in die Gesellschaft ausstrahlende und die Bedeutung der gottlob nicht totzukriegenden Bühnenkunst manifestierende Theaterfestival
des Landes."

Weiteres: Die Kritiker trauern um den Regisseur Frank-Patrick Steckel.

Besprochen werden das Stück "Mauern" vom feministischen Theaterkollektive She She Pop im Mousonturm Frankfurt (FR), das Tanzsolo "Scarbo" von Ioannis Mandafounis im Bockenheimer Depot in Frankfurt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.01.2024 - Bühne

Das ist keine Botschaft (Made in Taiwan). Bild: Claudia Ndebele.

"Die Bühne wird zum Politikum", konstatiert SZ-Kritiker Peter Laudenbach angesichts des Theaterabends "Das ist keine Botschaft (Made in Taiwan)" im Haus der Berliner Festspiele: "Der Regisseur Stefan Kaegi hat das Stück mit seinen Protagonisten entwickelt, die sich auf der Bühne selbst spielen. Geprobt wurde die internationale Koproduktion vor Ort in Taiwan, im Nationaltheater Taipeh. Der Titel der Inszenierung ist natürlich eine ironische Falle und mindestens doppelbödig: 'Das ist keine Botschaft (Made in Taiwan)'. Denn natürlich soll die Inszenierung genau das sein, eine Botschaft an den Rest der Welt, den kleinen Inselstaat vor der chinesischen Küste nicht zu vergessen. Aber die Aufführung ist gleichzeitig auch die temporäre Simulation einer staatlichen Institution, die Theatervariante einer diplomatischen Vertretung, wenn Taiwan zum Beispiel in Berlin schon keine Botschaft, sondern nur eine Ständige Repräsentanz unterhalten darf."

Eine Interpretation, der sich auch nachtkritiker Michael Wolf anschließt, allerdings weniger überzeugt: Der Abend kompensiere "die offizielle diplomatischen Vertretung mit der unmittelbaren Begegnung. Persönlich und politisch ist das folgerichtig, ästhetisch aber enttäuscht es. Ausgerechnet Stefan Kaegi lässt seine Protagonisten jene Eigenheit des Theaters beschwören, die auch Bühnenvereins-Funktionären regelmäßig das Herz erwärmt: das Hier und Jetzt, die Kopräsenz aller Beteiligten. Schade! Arbeiten der Rimini-Protokoll-Mitglieder sind meist auch kleine Fluchten aus der Konvention, sind Entwürfe dessen, was Theater noch sein könnte. Hier jedoch fällt diese Neuentdeckung aus, hier begnügt sich die Kunst damit, das zu sein, was sie angeblich schon immer war."

Mit gemischten Gefühlen kommt FAZ-Kritikerin Teresa Grenzmann aus Claudia Bossards Inszenierung von Thomas Manns "Zauberberg" am Münchner Volkstheater: "Ein Bildungsroman? Ein Anti-Bildungsroman? Darüber scheiden sich nicht nur die Geister - auch Claudia Bossard und ihr Dramaturg Leon Frisch vermögen sich nicht zu entscheiden zwischen einem tief diskursiv inhalierten Ernst aus Geist und Materie, Menschsein und Kranksein, Intellekt und Affekt, Leben, Lieben oder Tod und einem eher flach geatmeten, pointenreichen Spaß". Das geht nicht immer ganz reibungslos auf, erfahren wir: "Gleichzeitigkeit ist Programm in dieser Inszenierung. (…) Wahlweise gute Ohren oder starke Nerven braucht das Publikum etwa in der 'Walpurgisnacht': Während auf der Hinterbühne der Faschingsrave tobt, kann Liv Stapelfeldts Madame Chauchat, die hier völlig unbeeindruckt von der Männerwelt ihr Ding durchzieht, vorn mit dem spröden Hamburger Gast anbandeln."

Besprochen werden außerdem die szenische Lesung "Schreiben über die Situation" über das Danach des Hamas-Massakers an den Münchner Kammerspielen (taz), die von Milo Rau inszenierte Oper "Justice" im Grand Théâtre de Genève (Welt) und die sehr freie Neuinterpretation von Goethes "Torquato Tasso" im Wiener Theater Bronski & Grünberg (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.01.2024 - Bühne

Szene aus "Justice". Bild: Carole Parodi

In einer Bergbauregion im Süden des Kongo stürzte 2019 ein Tanklaster des Schweizer Unternehmens Glencore mit Schwefelsäure auf den Marktplatz und einen Bus, 21 Menschen starben, viele weitere wurden verletzt, bis heute wurde keine Entschädigung gezahlt. Milo Rau hat sich mit dem kongolesischen Dichter Fiston Mwanza Mujila und dem spanischen Avantgarde-Komponisten Hector Parra zusammengetan, um den Opfern Parras Oper "Justice" zu widmen und auf die Bühne der Oper in Genf zu bringen. Herausgekommen ist ein "Oratorium als Fanal gegen verbrecherischen Kapitalismus", das den SZ-Kritiker Egbert Tholl so bewegt wie begeistert: "Axelle Fanyo singt die Mutter eines toten Kindes, die Schilderung dessen Sterbens ist drastisch, Fanyos Lamento zu Tränen rührend. Milo Rau entwirft ein offenes Tableau, auf der Bühne das Wrack des Tankers, eine Tischgesellschaft, die um Entschädigung streitet. Die fehlt bis heute, mit ein Anlass für die Uraufführung. Man erfährt viel über kongolesische Geschichte, Arbeitsbedingungen, internationale, verantwortungslose Ausbeutung der Böden. Rau vermeidet Wut. Was aber 'Justice' schafft, ist hochemotionale Analyse, ist szenischer Essay, ist fabelhaft gut." Auch Standard-Kritiker Ronald Pohl applaudiert Rau, der einmal mehr die "Gelüste verwöhnter Kulinariker vollauf befriedigt": "Auf dem kontaminierten Boden postkolonialen Unrechts erblühen süßeste Kantilenen: Verlustklagen, vorn an der Rampe kniend angestimmt, wo sie helfen, im Nu jedes Herz zu zerreißen. Zieht man von Raus Kunst das zivilgesellschaftliche Engagement ab, das diskursive Pathos, erhält man tadellos konventionelles (Opern-)Theater."

Zu viel der Agitation, findet hingegen Jan Brachmann in der FAZ: "Wäre die pure Dokumentation noch redlich, so benutzen die inszenierten filmischen Arrangements von zerfressenen Menschenkörpern, verstümmelten Gliedmaßen und Tierkadavern auf Händlerständen reales Elend als Rohstoff einer Ästhetisierung. Eine visuelle Pornographie der Grässlichkeit wiederholt damit die wirtschaftliche Ausbeutung der Region." Ein bisschen viel Effekt attestiert auch Marco Greif (NZZ) Raus Inszenierung, aber zum Glück gibt es die Musik von Parra und das Libretto von Mwanza Mujila, meint er.

Die staatlichen Theater in Russland erhalten seit einigen Tagen per Post Aufforderung des Kulturministeriums, ihre Stücke künftig gemäß den "traditionellen geistig-moralischen Werten" Russlands zu inszenieren, berichtet Stefan Scholl in der FR: "Ein Sammelsurium aus allgemein menschlichen oder christlichen Werten, Sowjetparolen und Worthülsen, die als Regelwerk für eine neue Theatertradition nicht wirklich taugen." Bisher verteidigten die Hauptbühnen noch ihre Freiräume, "aber jetzt wollen Putins Kulturfunktionäre auch dem ein Ende setzen, so die Kritikerin Marina Dawydowa gegenüber dem Telegram-Kanal Moschem Objasnit: 'Sie werden alles Lebendige, was auf der russischen Bühne übrig geblieben ist, suchen, finden und vernichten.' Russlands Theater droht die Rückkehr zur sowjetischen Zensur."

Weitere Artikel: Für die Zeit hat Volker Weidermann mit dem ostdeutschen Schriftsteller Lukas Rietzschel über dessen in Zittau uraufgeführtes Stück "Das beispielhafte Leben des Samuel W." und ein AfD-Verbot gesprochen. Für die taz berichtet Sophia Zessnik vom Festival Internacional Santiago a Mil in Chile, einem der wichtigsten Theaterfestivals Lateinamerikas, das, wie ihr dessen Leiterin Carmen Romero Quero erklärt, auch politisch in Chile eine große Rolle spielt. In der NZZ berichtet Ueli Bernays von schlechter Stimmung bei der Generalversammlung der Zürcher Schauspielhaus AG. Die Bilanzen sind schlecht, das Publikum bleibt aus: "140 000 Zuschauerinnen und Zuschauer wurden für die letzte Saison budgetiert, aber es sind nur 94 577 gekommen - bei insgesamt 477 Veranstaltungen. Das ergibt eine Auslastung von durchschnittlich unter 50 Prozent."

Besprochen werden Shakesspeares "Sturm", inszeniert als postkoloniale Sci-Fi-Satire durch die Gruppe Moved by the Motion am Zürcher Schauspielhaus (FAZ) und Sofie Boitens und Lorenz Noltings Inszenierung "P*RN" im Deutschen Theater in Berlin, bei der Jugendliche "unaufgeregt" über Pornos und Masturbation sinnieren, wie Jakob Hayner in der Welt schreibt.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.01.2024 - Bühne

"Kranke Hunde" am Schauspiel Basel ©Lucia Hunziker

Viel Freude hat NZZ-Kritiker Alfred Schlienger im Schauspiel Basel mit Ariane Kochs "Kranke Hunde", einer Krankenhausparabel, die in einer Hundewelt spielt. Hört sich seltsam an? Macht aber viel Spaß, versichert der Kritiker: "Das Theaterhaus als Doppelmetapher sowohl für den Spitaldschungel als auch für den labyrinthisch anmutenden menschlichen Körper. Das ergibt großartig surreale Bilder, vom übermüdeten Ärzteteam (Dominic Hartmann, Timur Özkan, Gala Othero Winter), das im Lastenaufzug im Stehen schläft, von durch kafkaeske Spitalgänge flüchtendem Personal, von der gepeinigten Patientin Poch (Marie Löcker), die sich vom OP-Schragen löst und mit ihrem hellsichtig-fiebrigen Bewusstsein durchs ganze Haus wabert. Da entwickelt die Inszenierung einen unwiderstehlichen Albtraum-Charme. Video wird hier nicht eingesetzt als modernistische Spielerei, sondern als sinnige Steigerung traumatisierender Empfindungen."

Uwe Eric Laufenberg ist nicht mehr Intendant am Staatstheater Wiesbaden. Die Entscheidung fiel wohl nach einem Gespräch des neuen hessischen Kunst- und Kulturministers Timon Gremmels (SPD) mit Laufenberg. Judith von Sternburg zieht in der FR Bilanz seines Schaffens. Künstlerisch gab es nicht viel auszusetzen an seiner Arbeit. Jedoch: "Der schwierigste Teil spielte sich hinter den Kulissen ab. Vor den Kulissen schrieb Laufenberg seinen Kritikern (und Kritikerinnen) böse Briefe (unorthodox, aber sein gutes Recht, selbstverständlich), aber im Hause selbst gab es solche Verwerfungen, dass bald selbst die Garderobendamen davon zu erzählen wussten. Mit dem Orchester geriet der Intendant ins Gehege, als es um Coronavorkehrungen ging, die der Intendant ja einerseits zähneknirschend mittragen musste, die er andererseits zugleich im Internet in seinen Corona-Monologen attackierte. Die Corona-Monologe, ein bizarres Genre, wurde später als private Meinungsäußerungen des Intendanten deklariert. Grotesk."

Ganz ausgestanden ist die Krise mit dem Abschied Laufenbergs möglicherweise noch nicht. Wie Christiane Lutz in der SZ schreibt, wurden auch gegen ein anderes Mitglied des Wiesbadener Vorstandsteams Vorwürfe laut: "Vergangenen September verfassten andererseits mehrere Mitarbeiter des Theaters, darunter Dramaturgin Anika Bárdos und Schauspieldirektor Wolfgang Behrens, einen öffentlichen Brief, in dem sie eine Zusammenarbeit nicht mit Laufenberg, sondern mit Geschäftsführer Holger von Berg, 'nicht mehr für möglich' erachteten. Sie warfen ihm unter anderem vor, Mitarbeiter mit 'offenbar willkürlichen, sich ändernden finanziellen Ergebnisprognosen' zu tyrannisieren und 'keine ordentlichen Etats zur Verfügung' zu stellen. Die Hilferufe an das hessische Ministerium seien ohne Erfolg geblieben. Berg wies über seine Anwälte die Vorwürfe als 'unzutreffend' zurück."

Weitere Artikel: Reinhard J. Brembeck trifft sich für die SZ mit dem Dirigenten Jordi Savall, der derzeit in Salzburg eine Mozartoper probt. Margarete Affenzeller stellt im Standard Alexander Giesche vor, einen popmusikaffinen Theaterregisseur, der bald am Volkstheater Wien inszeniert. Katrin Ullmann unterhält sich für die taz Nord mit Melanie Zimmermann, der künstlerischen Leiterin des Tanztheater-Festivals "Real Dance" über Diversität im Tanz. Ueli Bernais berichtet für die NZZ von der Generalversammlung des Schauspielhaus Zürich.

Besprochen wird das Programm "Das Restaurant" der beiden Schauspieler Manuel Rubey und Simon Schwarz im Wiener Stadtsaal (FAZ), die Kafka-Adaption "Die Verwandlung" am Wiener Akademietheater (FAZ), die Ingmar-Bergman-Adaption "Schande" am Hamburger Thalia-Theater (SZ), Wagners "Walküre" am La Monnaie, Brüssel (nmz) und Lydia Steiers Inszenierung der Leonard-Bernstein-Operette Candide im Wiener Museumsquartier (nmz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.01.2024 - Bühne

Szene aus "Das Portal" am Schauspiel Stuttgart. Foto: Björn Klein.

Dieser Feier des "gehobenen Trashs" wohnt Welt-Kritiker Jacob Hayner gerne bei: Herbert Fritsch hat "Das Portal" von Nis-Momme Stockmann am Schauspiel Stuttgart inszeniert und den Kritiker mit seiner Persiflage auf den Theaterbetrieb nicht enttäuscht. Im Zentrum steht ein Dramaturg, der sich als "tragischer Held" in eine Welt von ziemlich durchgeknallten Theaterleuten verirrt hat, erzählt der Kritiker, dabei bleibt die Inszenierung bei allem Spott "ihrem Objekt (dem Theater) in Zuneigung verbunden", freut sich Hayner: "Die Anzüge sind nur aufgedruckt, mehr Schein als Sein. Die Künstlerin Charlie Casanova, eine Figurine zwischen Commedia dell'Arte und Oskar Schlemmer, gibt am Flügel den Takt vor. Die Töne stolpern und purzeln herum wie die Schauspieler, die sich zu immer neuen Figuren und Bildern ordnen. Ein buntes Durcheinander, ganz ohne Video oder weiteres Bling-Bling. Dieses Theater will weder die Welt abbilden noch entschlüsseln. Es ist eine Feier des Spielerischen. Was Fritsch an den Bühnenmitteln spart, lässt er seine Truppe ins Körperliche legen. Alles ist übertrieben und exaltiert, die Gesichtszüge und Gliedmaßen sind außer Kontrolle, die Stimme flattert durch die Tonhöhen."

Auch FAZ-Kritikerin Grete Götze hat einen heillos verrückten, aber sehr unterhaltsamen Abend erlebt: "Der Abend wimmelt von Szenen, die man sich immer wieder ansehen könnte, weil Fritsch wie gewohnt aus den Schauspielern maximale Spiellust herauskitzelt und szenisch furchtlos mit den vielen abenteuerlichen Vorgaben des Textes umgeht - wenn im Text etwa Gewitterböen das Theatergebäude auseinanderreißen wollen, rennen die Schauspieler bei Fritsch mit scheppernden Blechrahmen über die Bühne." Björn Hayer stimmt in der taz in das Lob ein.

Weiteres: Christine Dössel erinnert in der SZ daran, dass Sandra Hüller, die gerade als Filmschauspielerin enorm erfolgreich ist, auch schon als Theaterschauspielerin herausragend war.

Besprochen werden Emel Aydoğdus Adaption von Gün Tanks Roman "Die Optimistinnen" am Gorki Theater in Berlin (taz), Seline Seidlers Inszenierung von Suzie Millers Monodrama "Prima Facie" am Staatstheater Hannover (taz), Claudia Bauers Inszenierung von "Der Würgeengel" am Schauspiel Frankfurt (SZ), Romeo Castellucis Inszenierung von Wagners "Walküre" in Brüssel (SZ, nmz), der Ballettabend "Time Keepers" am Opernhaus Zürich, unter anderem mit "Les noces" von Igor Strawinsky, choreografiert von Bronislawa Nijinska (NZZ), Nadja Loschkys Inszenierung von Mieczyslaw Weinbergs Oper "Die Passagierin" am Staatstheater Mainz (FR), Janina Velhorns Inszenierung von Nina Segals Zweierbeziehungsstück "Nachts (bevor die Sonne aufgeht)" am Schauspiel Frankfurt (FR), Tomas Krupas Inszenierung Pat To Yans Stück "Neometropolis" am Stadttheater Gießen (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.01.2024 - Bühne

Szene aus "Der Würgeengel" nach Luis Buñuel am Schauspiel Frankfurt. Foto: Arno Declair. 

Nachtkritiker Leopold Lippert sieht schon bald die Anzeichen dafür, was bei Claudia Bauers Inszenierung von "Der Würgeengel" am Schauspiel Frankfurt passieren wird: "Hier wird die Moralfassade der feinen Gesellschaft gleich bröckeln". Luis Buñuel hatte 1962 im gleichnamigen Film eine mondäne Abendgesellschaft zum Ausharren in einem Salon verdammt. Die Tür ist nicht verschlossen, dennoch kann keiner der Partygäste über die Schwelle treten - schnell fallen die Masken des Anstands, so Lippert. PeterLicht und SE Struck haben den Film in ihrer Bearbeitung mit Anspielungen auf Klimakrise und Krieg in die Gegenwart gerückt. Bis dahin ist alles recht vorhersehbar, meint Lippert, aber "was den Abend aber dann doch sehr besonders macht, ist der Detailreichtum und die Präzision, mit der Text und Sound dieses Nichtstun über die Zeit hinwegdehnen. Dabei hilft es, dass die Schauspieler ... Teil eines kollektiven Klangkörpers sind, der von chorischem Sprechen über sich verhärtende Wiederholungsschleifen zu zerstückeltem Smalltalk und japsenden Eskalationsspiralen tönt. Wenn der Text, der voll mit aparten Wortgebilden wie "hineindiffundierend" "Sofasavanne", oder "Weg-Champagner" ist, an einer Stelle sehr wiederholend behauptet, 'Ja genau, es stagniert so vor sich hin!', dann hat das deswegen etwas Trotziges ..."

In der FR ist Judith von Sternburg nicht völlig überzeugt, spannend ist aber zum Beispiel die Darstellung der Hausangestellten Maria als "Rächerin der Unterschicht": "Anbieten kann sie ansonsten nur noch E-Zigaretten, auch empfiehlt sie die bodenschonenden Filznoppen unter den Möbeln, die sie allerdings, wie sich zeigt, schon selbst gegessen hat. Mit Notsituationen kommt sie aus eigener Erfahrung besser zurecht als die reichen Leute. Interessant, dass das Buñuel zu vordergründig gewesen zu sein scheint. Schillernder hingegen der Einfall, dass Maria zugleich der bei Buñuel rein surrealistische kleine Bär sein könnte, der durch die Villa streunt. Sein grausiges Brummen kommt in den sparsam eingesetzten Videos aus Preuß' Mund."

Weiteres: FAZ und SZ gratulieren der Theater- und Filmschauspielerin Angela Winkler zum Geburtstag. Die 23 Gemeinden des Salzkammerguts sind dieses Jahr Europäische Kulturhauptstadt: In der SZ berichtet Reinhard J. Brembeck von einer fulminanten Eröffnung in Bad Ischl.

Besprochen werden Claudia Bossards Inszenierung von "Der Zauberberg" am Münchner Volkstheater (nachtkritik), Lucia Bihlers Adaption von Kafkas "Verwandlung" am Burgtheater Wien (nachtkritik, SZ), Ingo Putz' Adaption von Lukas Rietzschels Roman "Das beispielhafte Leben des Samuel W." am Gerhart-Hauptmann-Theater in Görlitz-Zittau (nachtkritik, FAZ), Julia Wisserts Inszenierung von Necati Öziris Stück "Der Ring des Nibelungen. Eine Machtverschiebung" am Theater Dortmund (nachtkritik), Wu Tsangs Inszenierung von Shakespeares "Der Sturm" (in Zusammenarbeit mit Moved by the motion) am Schauspielhaus Zürich (nachtkritik, NZZ), Vera Nemirovas Inszenierung der Mozart-Oper "Don Giovanni" am Staatstheater Nürnberg (nmz) und Sapir Hellers Inszenierung von "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" nach Heinrich Böll in den Kammerspielen Frankfurt (FR), Jana Klatas Adaption von Platons "Der Staat" am Theater Krakau (SZ) und Adena Jacobs Inszenierung von "Nosferatu" am Burgtheater in Wien (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.01.2024 - Bühne

Szene aus "Wolf unter Wölfen" am Thalia Theater. Foto © Armin Smailovic

Dreieinhalb Stunden dauert Luk Percevals Adaption von Hans Falladas Roman "Wolf unter Wölfen" am Hamburger Thalia-Theater. SZ-Kritiker Egbert Tholl hat schwer gelitten, obwohl das Thema eigentlich interessant ist: "Seit geraumer Zeit denkt man darüber nach, wie weit sich Deutschland wieder den Verhältnissen der Weimarer Republik annähert, sei es in den politischen Verhältnissen, den pekuniären oder einfach nur denen eines trübseligen Lebensgefühls. Immer bleibt die Frage, was man von damals fürs Heute lernen könnte, und Falladas Roman ist da nicht die schlechteste Diskussionsgrundlage. Weil er voll ist mit grandiosen Personenbildern, weil er ein umfassendes Gesellschaftstableau ist. Voll mit Irren, Verrückten, Kaputten. Das Irritierende nun nach dieser Premiere am Hamburger Thalia-Theater ist, dass sich Regisseur Luk Perceval für die Gegenwart nicht zu interessieren scheint. Seine Inszenierung von 'Wolf unter Wölfen' ist hermetisches Kunstgewerbe."

Man muss ja nicht immer mit dem Zaunpfahl winken, denkt sich dagegen nachtkritiker Andreas Schnell und bewundert das abstrakte Bühnenbild von Annette Kurz: "zeitlos schöne Bilder, große weiße Kugeln, die symbolträchtig für das Roulettespiel stehen, dem Falladas Protagonist verfallen ist. Aber auch für den Wettbewerb, den nur einer (oder eine) gewinnen kann: als nur noch eine Kugel übrig bleibt, die von langen Stangen umringt ist. Billard-Queues vielleicht, aus denen später der Wald um das Gut Neulohe wird, wo der wesentliche Teil der Handlung spielt, während die verbliebene Kugel zum Mond wird."

Weitere Artikel: Friedrich Dieckmann singt in der FAZ (Bilder und Zeiten) dem Bühnenbildner und Regisseur Achim Freyer ein Loblied.

Besprochen werden außerdem Sebastian Nüblings Inszenierung von Ariane Kochs "Kranke Hunde" am Theater Basel (nachtkritik), die Uraufführung von "Split" des Autorenduos Ivana Sokola und Jona Spreter in der Inszenierung von Pablo Lawall am Theater Münster (nachtkritik), Emel Aydoğdus Adaption von Gün Tanks Roman "Die Optimistinnen" am Berliner Gorki Studio Я (ein schöner "Feel-Good-Abend", lobt nachtkritiker Georg Kasch) und Rachid Ouramdanes Choreographie "Corps Extrèmes im Haus der Berliner Festspiele (Lebensgefährliche Akrobatik wird hier gezeigt, beeindruckend, aber "hat das irgendeine Aussagekraft für künstlerische Praktiken und Ästhetiken?" fragt sich Wiebke Hüster in der FAZ).