
Es
wundert Lili Owen Rowlands gar nicht, dass
Jacques Lacan ein miserabler Vater war, und doch liest sie erschrocken in den Erinnerungen seiner
Tochter Sibylle, wie schlecht er seine Familie behandelte. 2013 nahm sich Sibylle nach Jahren der Depressionen das Leben, auf Englisch sind ihre Erinnerungen erst jetzt erschienen, auf Französisch und Deutsch bereits Ende der neunziger Jahre: "Sibylle Prosa ist dicht und kontrolliert. Zum Glück hat sie nicht von der Opakheit ihres Vaters und bedient sich auch nicht seiner Begrifflichkeit. Aber mit der Entdeckung seines Doppellebens geht eine erkennbare Schwächung dessen einher, was Lacan, der Analyst, die
Imago des Vaters nennen würde: Das Bild des abwesenden Vaters verzerrt sich zu dem
eines erbärmlichen. Mit 21 Jahren wurde Sibylle plötzlich krank, überkommen von einer andauernden und immensen Müdigkeit, und als sich auch nach etlichen Monaten ihre Kondition nicht verbesserte, sucht ihre Mutter Malou Rat bei Lacan und arrangierte seinen Besuch. Am verabredeten Tag wartete Sibylle auf ihren Vater, vom Balkon aus blickt sie auf die Rue Jadin, die Zeit verstrich, aber niemand kam. Endlich sah sie ihn aus einem
Bordell am Ende der Straße auftauchen, das 'von Menschen mit Klasse besucht' wurde. Sie schäumte vor Wut: 'Wie kann er es wagen, in der Rue Jadin zu vögeln, nur wenige Schritte entfernt vom Haus seiner Kinder und seiner Exfrau?' Wer mit Lacans Arbeit vertraut ist, wird nicht überrascht sein, dass er
launisch und anmaßend sein konnte, ein Womaniser. Aber 'Ein Vater' enthüllt auch
Lacans Habgier und seinen Hang, Menschen von niedrigerem sozialen Status
mit Verachtung zu begegnen - für ihn waren sie subaltern."
Niemand konnte das
Schweigen einsamer Männer so in Szene setzen wie
Jean-Pierre Melville, der große Einzelgänger unter den Filmregisseuren. Adam Schatz liest mit großer Bewunderung zwei Biografien von Bertrand Teissier und Antoine de Baecque, in denen er auch viel über Melvilles Zeit in der Résistance und als Kämpfer für das freie Frankreich erfährt. Und er
ärgert sich furchtbar, dass Melville als Genre-Regisseur abgetan wurde: "Der
Minimalismus von Melvilles Filmen - wie auch ihre Gleichgültigkeit gegenüber psychologischen Beweggründen oder melodramatischen Konventionen - brachte ihm die Bemerkung ein, er imitiere Robert Bresson. Melville antworte darauf gereizt, er habe Bresson'sche Techniken bereits vor Bresson benutzt, also würde Bresson eher 'Melville-sieren'. Die Beobachtung war ziemlich treffend, doch selbst
André Bazin, der ihre Richtigkeit anerkannte, attestierte Bresson, Melvilles Innovationen zur Vollendung zu bringen, als hätte erst Bresson aus den Tricks eines geringeren Filmemachers echte Kunst gemacht... Der unschmeichelhafte Vergleich mit Bresson verrät
Vorurteile gegenüber dem Genre - und vielleicht auch noch andere. Melville, ein atheistischer Jude, drehte Krimis, Polizeifilme und politische Thriller, während Bresson, der gläubige Katholik, Arthouse-Filme mit spirituellem Ehrgeiz schuf. Die Gnade, die Bressons Charakteren gelegentlich zukommt, wird den Unterwelt-Verschwörern bei Melville niemals zuteil. Sie leben in einer gefallenen Welt, in der Brüderlichkeit die einzige Zuflucht bietet, den einzigen Ausweg der Tod."
Weiteres: Ian Penman
liest Jason Drapers
Prince-Biografie, hört sich noch mal durch sämtlich Alben und stellt fest: "Da Prince nur zu gern mit seiner Erscheinung spielte, hielt er nichts von der Verehrung des angeblich Authentischen, wie man
schwarz, männlich oder soulful zu sein hat." Tom Strevenson
liest die Berge von Papier, die ein
New-York-Times-Reporter nach dem Ende des
Islamischen Staats sichergestellt hat und die auch dem Möchtegern-Kalifat ein
ermüdendes Maß an Bürokratie attestieren. David Runciman
gibt allen Politikern, die gern den starken Mann markieren, mit auf den Weg, dass
Margaret Thatcher Erfolg auf ihrem
politischem Pragmatismus gründete.