Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

570 Presseschau-Absätze - Seite 21 von 57

Magazinrundschau vom 02.04.2019 - London Review of Books

Rachel Nolan liest neue Recherchen zum Massaker an den 43 mexikanischen Studenten, die 2014 in Iguala ermordet wurden. Bekannt ist mittlerweile, dass die linken Studenten des Ayotzinapa College - offenbar wie mehr oder weniger üblich - einen Bus gekapert hatten, um in Mexiko-Stadt am Gedenken an das Tlatelolco-Massaker teilzunehmen, und von der Polizei gestoppt wurden. Aber weder Anabel Hernández noch John Gibler können in ihren hervorragenden Büchern am Ende klären, wer genau an den Morden beteiligt war (Polizei, Armee, Drogenkartelle?) und wer sie in Auftrag gab: der Bürgermeister von Iguala, die Führung des Bundesstaates Guerero oder gar der damalige Staatspräsident? Nolan hält alles für möglich, aber nichts für bewiesen: "Dass Narcos den mexikanische Staatsapparat infiltriert haben, ist Gerücht und Tatsache zugleich. Ich erinnere mich, wie eine Anthropologin erklärte, wann es angemessen sei, von einem Narco-Staat zu sprechen: 'Bei einer meiner Recherchen interviewte ich einige Drogenhändler' sagte sie, 'und als ich beim nächsten Mal wieder einen von ihnen sprach, war er bereits der Bürgermeister.' Schwieriger ist es, Beweise für die Bundesebene zu finden, auch wenn gerade beim Prozess gegen den Drogenbaron El Chapo ein Zeuge behauptete, dass Enrique Peña Nieto, der PRI-Präsident zur Zeit von Ayotzinapa, vom Sinaloa-Kartell 100 Millionen Dollar kassiert hatte. Wir wissen aber nicht, wer worin verwickelt ist. Wer ließ die Studenten verschwinden? Angesichts all der Räubereien, Korruption und bösen Absichten auf Seiten des Staates rufen schon viele Mexikaners gar nicht mehr die Polizei, wenn sie ausgeraubt werden, erst recht nicht, wenn sie ein Verbrechen beobachten. Wozu? Die Polizei macht alles nur schlimmer. Und sie wird alles den Kriminellen verraten. Auch vor den Studenten von Ayotzinapa gab es andere Massaker. Schätzungsweise 130.000 Menschen sind in den mexikanischen Drogenkriegen getötet worden, und 27.000 Menschen verschwunden. Aber nach dem Massaker von Ayotzinapa ist etwas gebrochen. Am nächsten Tag gingen die Leute in Mexiko Stadt, Guerero und über all im Land auf die Straßen und skandierten: Fue el estado! Fue el estado! Es war der Staat."

Weiteres: In nur zwei Jahren haben die USA mit Donald Trump jegliche politische Autorität eingebüßt, aber nichts von ihrer Macht, betont Adam Tooze: "Die beiden Säulen globaler Macht - das Militär und die Finanzen - stehen fest auf ihren Fundamenten. Aber die amerikanische Demokratie erhebt keinerlei Anspruch mehr darauf, politisches Modell zu sein." Emily Witt rekapituliert den Opioid-Skandal um das Schmerzmittel OxyContin von Purdue-Pharma.

Magazinrundschau vom 19.03.2019 - London Review of Books

Mit einer gewissen Bitterkeit erinnert Madawi Al-Rasheed daran, wie bereitwillig Journalisten und Akademiker im Westen daran mitgearbeitet haben, Kronprinz Mohammed bin Salman zum segensreichen Reformer Saudi-Arabiens zu stilisieren: PR-Firmen wie Consulum und Freud lancierten gigantische Kampagnen, bevor ihm die Queen den roten Teppich ausrollte und niemand mehr nach Kritikern im Gefängnis oder den Zerstörungen im Jemen fragte. Economist und Financial Times waren ganz berauscht von der Aussicht, ein Teil der auf drei Billionen Dollar geschätzten staatlichen Ölfirma Saudi Aramco könnte privatisiert werden. Cambridge, Harvard und das MIT haben sich Lehrstühle von MBS finanzieren lassen. PR-Institute wurden zu Think Tanks verklärt. "In westlichen Berichten zur Ägide von MBS geht es selten um die saudische Gesellschaft selbst. Wenn, dann erklären uns Reporter und Akademiker, dass die Gesellschaft sich ändert und Freiheit angebrochen ist. Sie verschweigen, dass Saudis noch immer nicht die Freiheit haben, nach eigenem Willen zu denken und handeln - und dass es natürlich keinerlei Freiheit gibt, die Arrangements der Macht zu kritisieren. Diskussionen über religiöse Reformen, über soziale Themen und Geschlechterfragen werden nicht toleriert, wie die steigenden Zahl von verhafteten Klerikern und Frauenrechtlerinnen zeigen. Auch Debatten über die wirtschaftlichen Pläne von MBS sind nicht erlaubt. Nehmen wir den Fall des Ökonomen Essam al-Zamil, der in den sozialen Medien die Weisheit der geplanten Priviatisierung von Saudi Aramco in Zweifel zog. Am 1. Oktober letzten Jahres, dem Tag vor der Ermordung Jamal Kashoggis, wurde al-Zamil angeklagt, sich einer terroristischen Organisation angeschlossen und Informationen an ausländische Diplomaten gegeben zu haben. Während MBS seine Macht konsolidiert und genauso repressiv regiert wie jeder andere saudische Herrscher vor ihm, schafft er es, im Ausland dafür gepriesen zu werden, dass er lautstark westliche 'Freiheiten' verkündet. Dabei kommen ihm diese 'Freiheiten' nur zugute. Kino und Zirkus: Sie halten die jungen Leute beschäftigt. Die Aufhebung des Autofahrverbots für Frauen - in den Augen der Welt schon immer eine Peinlichkeit - ein Kinderspiel."

Mit den Gelben Westen geht Frankreichs Peripherie auf die Straße, so viel ist klar, anderes bleibt an dieser Bewegung rätselhaft, muss auch Jeremy Harding eingestehen. Warum zum Beispiel gehen nicht auch die Einwanderer auf die Straße? Sind Krawalle nicht die Spezialität der Banlieue? Andererseits ist die Banlieue arm, aber nicht Peripherie. "Als Reporter für Libération bekam Ramsès Kefi eine große Bandbreite von Reaktionen zu hören. Zum Beispiel: 'Warum sollen wir uns ihnen anschließen? Sie haben auch nie mit uns protestiert.' Er erfuhr aber auch, dass viele junge Leute mit demonstrieren wollten, aber von den Älteren aufgehalten wurden. Bei den Ausschreitungen an Samstagen bestand immer die Gefahr, dass die Sicherheitskräfte viel härter gegen Nicht-Weiße vorgehen als gegen Weiße. Oder wie es Youcef Brakni formulierte, als ich ihn im Februar auf einer Demo in Paris traf: Wenn sich junge Schwarze im Zentrum von Paris so aufgeführt hätten wie die Gilets Jaunes, dann hätte es Tote gegeben."

Magazinrundschau vom 05.03.2019 - London Review of Books

Verbunden mit einer Hommage an ihre Großmutter schickt Diana Stone Eindrücke aus Simbabwe, wo die Frustrationen wieder einmal überkochen. Ein Jahr nach Emmerson Mnangagwas Putsch gegen den greisen Robert Mugabe ist die Währung zusammengebrochen, es gibt kein Benzin mehr, das Bier ist auf eine Dose pro Woche rationiert und immer wieder wird das Internet abgeschaltet: "Simbabwe muss nicht arm sein, das macht einen so fertig. Es hat zahlreiche Mineralien, große Wasserreserven, eine gebildete und ehrgeizige Bevölkerung, einen Nationalpark in der Größe von Belgien, und einige der schönsten Landschaften der Welt. Simbabwe ist arm, weil es im großem Maßstab von seiner eigenen Regierung ausgeraubt wird. Eine kleine Zahl von Simbabwern fühlt sich zu Wohlstand berechtigt, und der einzige Weg, so reich zu werden wie sie glauben, dass es ihnen zusteht, ist die Plünderung der öffentlichen und halböffentlichen Kassen. Die Unsicherheit, wie lange sich das gegenwärtige Regime wird halten können, fördert eine extreme Kurzsichtigkeit: Solange es geht, fahren die Leute ihre Ernte ein. Simbabwes Defizit liegt bei zwölf Prozent des BIP; mit einer solcher Verschuldung stiehlt man zwangsläufig von der Zukunft. Aber Simbabwe ist auch aus einem anderen Grund arm: Ein Regime auf Angst zu gründen ist teuer. Die Armee zu mobilisieren kostet Geld. Trängengas gibt es nicht umsonst. Die Emigration fordert ebenfalls ihren Preis, der Brain Drain  junger Simbabwer, ebenso wie der Verlust von Leben, wenn sie von Soldaten zu Tode geprügelt werden. Und schließlich: Bei allem Mut und aller Ausdauer der Simbabwer sind Menschen, die in Angst leben müssen, unweigerlich weniger produktiv, weniger zuversichtlich, unsicher, ob sie abends länger bei der Arbeit bleiben können oder kreative Risiken auf sich nehmen sollen. Angst beeinflusst die Ökonomie in allem, vom Grafikdesign bis zur Landwirtschaft: Auf seinem Stück Land kann man Mais oder Tomaten pflanzen: Tomaten sind auf dem Markt mehr wert, aber wenn alles den Bach runtergeht und die Märkte zusammenbrechen, kann man seinen Mais lagern und selber essen. Also pflanzen alle Mais und bleiben arm."

Weiteres: Adam Phillips bewundert auch aus psychoanalytischer Sicht, wie Kate Manne in ihrem Buch "Down Girl" Misogynie als politisch-gesellschaftliche Logik dekonstruiert. Ferdinand Mount beißt sich an den Brexiteers fest.

Magazinrundschau vom 12.02.2019 - London Review of Books

In einem ausführlichen Report untersucht Perry Anderson die Lage in Brasilien, das Ende der Ära Lula und Dilma, den Zusammenbruch des alten Parteiensystems und die Wahl Jair Bolsonaros. Ist der Mann jetzt ein Faschist? Oder nur ein Populist? Da hält Anderson den Ball flach. Vor allem sei Bolsonaro ein Marktliberaler und ein Mann aus Rio de Janeiro, das politisch lange Zeit stillgelegt war, schreibt Anderson: "Der Vergleich mit Trump, der Bolsonaro als politische Analogie am nächsten kommt, lässt Stärken und Schwächen erkennen. Obwohl er aus viel bescheideneren Verhältnissen stammt, ist Bolsonaro weniger ungebildet. Die Erziehung in einer Militärakademie sorgte dafür, dass ihm Bücher nicht komplett fremd sind. Da ihm seine eigene Begrenzungen bewusst sind, geht ist ihm auch Trumps Egomanie ab. Trumps übersteigertes Selbstvertrauen rührt nicht nur aus dem Aufwachsen in einer Millionärsfamilie, sondern auch von seinen Erfolgen mit der Immobilienspekulation und im Showbusiness. Bolsonaro, der in seinem Leben nie etwas geleitet hat, verfügt über keinerlei derartigen Muskelaufbau. Er ist weniger selbstsicher. Auch wenn er wie Trump zu wütenden Ausbrüchen neigt, gibt er schnell klein bei, wenn die Reaktionen zu negativ werden. In den ersten Wochen seiner Regierung erklang eine Kakophonie divergierender Aussagen, die er entweder zurücknahm oder leugnete. Aber nicht nur in seinem Charakter, sondern auch in den Umständen ist Bolsonaro eine viel brüchigere Figur. Wie Trump wurde auch er quasi über Nacht und gegen jede Erwartung an die Macht katapultiert. Trump wurde mit einem deutlich geringeren Anteil von 46 Prozent gewählt als Bolsonaro, der auf eine Mehrheit von 55 Prozent kam. Aber Trumps glühende Anhänger stehen ideologisch fest hinter ihm, während Bolsonaros Basis größer aber schwächer ist, wie Umfragen nach seinen vielen Politshows nahelegen."

Weiteres: Tony Wood hält den Versuch, Venezuelas Oppositionsführer Juan Guaidó an Stelle des politisch bankrotten Nicolás Maduro ins Amt zu bringen, für total illegitim, von den USA gesteuert und mit Hilfe willfähriger Halbdiktaturen ins Werk gesetzt. Greg Grandin verliert ein paar grundsätzliche Worte zum Thema staatliche Souveränitit in Lateinamerika.

Magazinrundschau vom 22.01.2019 - London Review of Books

Die Brexiteers kennen nur eine Taktik, glaubt William Davies: "Raus, und wenn das nicht klappt, dann raus." Das Problem mit dem Ausstieg sei, dass er keine politische Lösung ist, meint Davies und begründet dies mit dem Standardwerk "Exit, Voice and Loyalty" des Ökonomen Albert Hirschman, der untersuchte, wie Menschen in einem Markt ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck bringen können: "Meistens halten wir uns Exit und Voice als Optionen offen, eher als theoretische Rechte denn im täglichen Verhalten. Viele Konsumenten wechseln ihr Waschmittel nicht (Exit), wie auch nur wenige Wähler ihre Abgeordneten mit Forderungen und Beschwerden behelligen (Voice). Aber entscheidend ist, dass wir das Recht haben, dies zu tun. Das garantiert uns ein Minimum an Macht. Aber diese Rechte haben jeweils ihre eigene Domäne: Exit gehört in die Sphäre des Marktes, Voice in die Sphäre der Politik. Wie konnte also die Ideologie des Exits - oder seine Fantasie - die britische Politik verschlingen? Wie konnte ein Prinzip des Marktes, der Ausdruck der eigenen Unzufriedenheit durch den Ausstieg, die größte Verfassungskrise seit 1945 hervorrufen? So gesehen ist der Brexit weniger eine Demonstration von Souveränität und Demokratie, als ein neuer Schritt in der Marktwerdung der Politik. Wenn es das fundamentale Recht eines jeden Investors, Kunden oder Händlers ist, zu gehen, wann es ihm passt, warum dann nicht auch das einer Nation?"

Weiteres: Auch mit achtzig Jahren lässt Reporterurgestein Seymour Hersh nicht locker: Diesmal geht er Hinweisen nach, wie George H.W. Bush als Vizepräsident von Ronald Reagan verdeckte Operationen am Kongress vorbei lancierte. Besprochen werden Zachary Leaders Biografie des Schriftstellers Saul Bellow und die beiden neu aufgelegten Großewerke "The Great Terror" und "The Harvest of Sorrow" des britischen Historikers Robert Conquest.

Magazinrundschau vom 02.01.2019 - London Review of Books

Sind die Briten so zerstritten, weil die Brexit-Verhandlungen so verfahren sind, oder ist es genau umgekehrt?, fragt David Runciman und blickt auf die politische Kräfte, die sich gegenseitig in London lahmlegen: "Zeigt der Brexit die Grenzen dessen, was politisch möglich ist? Vielleicht. Aber es kommt trotzdem darauf an, ob die Grenzen durch das Ziel bestimmt wurden - den Austritt aus der EU - oder durch die Mittel, die wir zu seinem Erreichen anwenden können. Wenn es einer Nation einfach nicht möglich sein sollte, eine internationale Organisation zu verlassen, mit der ihr Recht und ihre Wirtschaft seit vierzig Jahren so eng verwoben sind, dann besteht hierin die Lektion für alle größeren Demokratien im 21. Jahrhundert: Ihr seid nicht so souverän, wie Ihr glaubt. Das ist sicher auch die Lehre, die viele europäische Politiker ihre Wähler am liebsten aus dem Brexit-Fiasko ziehen lassen würden. Aber wenn es eher eine Geschichte unglücklicher Geschicke sein sollte als eine der unvermeidlichen Enttäuschungen, dann sollte ihre Moral aus etwas anderem bestehen: Nicht dass man einen Brexit lassen sollte, sondern dass man Politik nicht auf britische Art betreiben sollte. Dieses System - parlamentarische Souveränität, eine starke Exekutive, Mehrheitswahlrecht, keine kodifizierte Verfassung und deshalb ein Referendum aus einer Laune heraus - ist dafür geschaffen, Entscheidungen zu vereinfachen. Wenn wir zu keiner kommen können, dann ist vielleicht etwas falsch mit dem ganzen Setup. Politische Realisten sagen, wer einen Zweck will, muss die Mittel dafür wollen. Uns fehlen die Mittel, die Mittel zu wollen."

Außerdem lässt die London Review Autoren aus ganz Europa zu Wort kommen, die kurz resümieren, wie ihre jeweiligen Ländern auf den Brexit blicken. Etwa einen recht sarkastischen Kommentar von Dubravka Ugresic: "Kroatien hat wahrscheinlich mehr Erfahrung als andere Länder beim Betreten und Verlassen von Allianzen."

Magazinrundschau vom 18.12.2018 - London Review of Books

Die BBC muss laut Statut neunzig Prozent aller Zuschauer erreichen. Doch nachdem sie bereits die Premier League verloren hat, droht ihr auch der Verlust der Rechte an Wimbledon oder David Attenboroughs Dokus. Und dann soll sie auch noch mit Netflix konkurrieren, das allein 2018 zwölf Milliarden Dollar für Inhalte ausgeben konnte. Mit 3,8 Milliarden Pfund kann die BBC das nicht finanzieren, räumt Owen Bennett-Jones ein. Andererseits leide der Sender auch eindeutig unter einem inkompetenten, überbezahlten Management - und viel zu üppig ausgestatteten Redaktionen. Warum sollen dreißig Leute zum Weltwirtschaftsforum nach Davos? Hundert zum Staatsbegräbnis von Nelson Mandela? "Solche Exzesse sind nicht nur teuer, sondern kontraproduktiv. ... Gelegentlich erscheint auf den Bildschirmen neuer Mitarbeiter die Botschaft: 'Bitte nicht bei XY anrufen. Wenn sie noch einen Anruf von der BBC bekommen, reden sie nie wieder mit uns.' Solche Probleme entstehen, weil jedes Programm über sein eigenes Budget verfügt. Das heißt, dass die BBC niemals ihre Mittel in großem Maße einsetzen kann. Denn es bedeutet auch, dass für BBC-Journalisten die größte Konkurrenz immer die eigenen Leute sind. Typischerweise wird es ein Korrespondent, der für die Zehn-Uhr-Nachrichten einen amerikanischen Parteitag abdeckt, für unter seiner Würde halten, einem anderen Magazin einen Bericht zu schicken. Die ganze Hackordnung runter wird jeder Korrespondent seinen eigenen Status dadurch bestärken, dass er es ablehnt, in einem Programm zu erschienen, über das er sich erhaben fühlt, während er immer versuchen wird, in das nächst höhere zu kommen. Am unteren Ende werden Radio Wales und Radio Schottland von Freien bedient, denen es egal ist, ob sie von 'Today' oder 'Good Morning Scotland' vierzig Pfund für drei Minuten bekommen. Weil jedoch nichts vertraglich festgelegt ist, sind die Grenzen permanent umkämpft und in Bewegung. Bei all diesem Gezerre wird kaum ein Gedanke daran verschwendet, was die anderen Medien machen. Für einen BBC-Korrespondenten ist es egal, ob ITV ein Interview mit jemandem bekommt. Wichtig ist allein, dass kein anderer aus der BBC es bekommt."

Weiteres: T.J Clark preist in seinem sehr schönen Text die Ausstellung "Mantegna und Bellini", die jetzt noch in der National Gallery in London und ab März in der Gemäldegalerie in Berlin zu sehen sein wird. Und da er sich nicht unbedingt durch Besuchermassen hindurchkämpfen muss, wie er bemerkt, hat er Zeit, die "Darbringung Christi im Tempel" in der zarten Version von Bellini und in der lebensprallen von Mantegna zu vergleichen. John Lanchester grübelt über die Frage, warum er viel lieber Agatha Christie liest als Margery Allingham and Dorothy Sayers, die eigentlich die besseren Schriftstellerinnen waren. Sein Ergebnis: Deren Bücher funktionieren einfach nicht so gut: "Je höher das Maß an Schriftstellerhaftigkeit desto größer ist das Risiko des Scheitern, genremäßig."

Magazinrundschau vom 04.12.2018 - London Review of Books

Ein Jammer, dass wir die Schriftstellerin Lucia Berlin erst so spät entdeckt haben, seufzt Patricia Lockwood, die Berlins unvergleichlichen Mix aus Minimalismus und Exzess einfach überwältigend findet. Woher der Mix kommt, kann Lockwood in den Memoiren "Welcome Home" nachlesen, die vom tragisch-glamouröse Eheleben einer genialen Frau erzählt: "Ein Bildhauer-Ehemann, der sie an jedem Ort neu arrangieren wollte, ein Jazz-Pianist, der nicht mit ihr sprach. Vielleicht sind das die Ironien der Fünfziger. Auftritt Buddy Berlin, der mit [ihrem damaligen Ehemann] Race Newton Saxofon spielte. Lucia hatte in New Mexiko eine kurze Affäre mit ihm, die endete, als sie mit Race nach New York zog. Lucia verkaufte Kinderponchos, lebte im gleichen Haus wie Denise Levertov und war glücklich - wie könnte sie nicht? -, bis eines Nachts Buddy auftauchte, 'mit einer Falsche Brandy und vier Tickets nach Acapulco'. In jener Welt nannte man das eine Geste, und an eine Person wie Lucia Berlin waren Gesten nicht verschenkt. Am nächsten Tag sandte Race ein Telegramm an Ed Dorn, in dem es unter anderem hieß: 'Lucia und Kinder sind letzte Nacht weg mit Berlin. Absolut keine Warnzeichen vorher. Sie ist irrational.' Ach ja? Vielleicht wollte sie lieber einen Heroinjunkie heiraten als noch einen Lehrer. Geniale Frauen heiraten oft Lehrmeister, vielleicht weil ihr Lernhunger so groß ist, dass sie oft bei Typen landen, die sich gern so stilisieren, auch wenn sie nur Schwindler sind ... Buddy gab ihr auf andere Art Nachhilfe - er war ein Lehrmeister in Lebensfreude und Vergnügen, ein Rattenfänger. Sensationell reich geworden, zuerst durch das Geld seiner Frau Wuzza, dann durch eine Volkswagen-Vertretung, die er durch sie bekam und die eine der ersten im Westen war und so erfolgreich, dass es ihn über alles erhaben machte, worum Menschen sich sorgen müssen."  

Weitere Artikel: James Meek liest Alan Rusbridgers Rückblick auf den Journalismus und dessen Niedergang. Vor allem eine Lehre entnimmt er "Breaking news": "Das Internet hat nicht unbedingt das Verhältnis der Menschen zu den Nachrichten verändert, sondern ihr Selbstbewusstsein beim Lesen. Zuvor waren wir isolierte Empfänger, jetzt wissen wir, dass wir Mitglieder einer Gruppe sind, die in gemeinsamer Weise auf eine Nachricht reagieren. Das erleichtert erfreulicherweise die Solidarität mit Unterdrückten, Aktivisten, Minderheiten. Aber auch die Paranoiden, Misstrauischen, Fremdenfeindlichen und Verschwörungstheoretiker wissen jetzt, dass sie nicht allein sind."

Magazinrundschau vom 20.11.2018 - London Review of Books

Neal Ascherson liest zwei Bücher, die den Niedergang Britanniens in den Blick nehmen: David Edgerton rekapituliert in "The Rise and Fall of the British Nation" den Verlust der britischen Stellung in der Welt, während James Hamilton-Paterson in "What We Have Lost" recht melancholisch das Verschwinden von Sozialstaat, Idealen und britischer Industrie beklagt. Ascherson verliert beim Lesen der beiden Bücher seinen Glauben, dass es mit seinem Land eigentlich voran gehe, unregelmäßig, mit Umwegen und Stopps, aber voran. Dafür, dass es nicht so ist, findet er in beiden Büchern eine recht ähnliche Erklärung: "Beide Autoren teilen die Verachtung für britische Manager. Und beide zielen in zwei Richtungen. Zum einen mokieren sie sich über den Dilettantismus der alten Vorstände, zum anderen empören sie sich - und das ist wichtiger - über das Desaster, das uns die 'Finanzleute' eingebrockt haben, die an die Stelle jener alten Direktoren rückten, die noch über eine Ausbildung als Ingenieure oder solide technische Kenntnisse verfügten. Die Vorstände mit ihren altertümelnden Titeln geben ein leichtes Ziel ab, auch wenn Edgerton seine Leser daran erinnert, dass britische Aristokraten oft kluge Investoren waren. Ein investigativer Beamter stieß einst auf eine Korrelation: Je mehr Ehrentitel ein Vorstand angehäuft hatte, umso näher rückte der Bankrott des Unternehmens. Der Chef dieses Beamten beobachtete sogar, dass sich der Vorstand von Dunlop im Moment des Zusammenbruchs 1985 las wie ein Botenbericht aus 'Heinrich dem Fünften'. Aber als sich die feinen Pinkel zurückzogen, wurden sie von einer ganz anderen Spezies ersetzt: Die 'Finanzleute', denen die Aktienkurse einer Firma wichtiger sind als ihre Produkte, zogen in die City von London - einst nicht nur Zentrum der Banken, sondern auch der industriellen Investitionen -, die nun mit einem Big Bang zu einem Kasino für Schuldenspekulation wurde."

Weiteres: Emilie Bickerton huldigt dem Fotografen Nadar. Ferdinand Mount liest neue Bücher über Queen Victoria. Eric Foner blickt auf die Vorgeschichte des amerikanischen Bürgerkriegs.

Magazinrundschau vom 06.11.2018 - London Review of Books

Auch auf Englisch ist jetzt der sechste und letzte Band von Karl Ove Knausgaard "Mein Kampf" erschienen, Fredric Jameson hat alle Bände gelesen und Bewegendes und Bedeutendes gefunden, am grandiosesten findet er die Essays, die Parenthesen, in denen Knausgard über andere Schriftsteller oder Theoretiker nachdenkt. Aber was seine erzählerische Form betrifft, bemerkt Jameson, dass Knausgard selten dramatisiert. Kaum etwas erwecke er zum Leben, und von Gefühle erzähle er nicht, er zähle sie auf: "In der Postmoderne haben wir den Versuch aufgeben, unser alltägliches Leben zu verfremden und es in einem neuen, poetischen oder alptraumartigen Licht zu sehen. Wir haben aufgegeben, es in seiner Warenform zu analysieren. Wir haben die Suche nach einer neuen Sprache aufgegeben, um den Strom des Immergleichen zu beschreiben, oder neue Pschologien, um verstörend unoriginelle Reaktionen oder seelische Vorkommnisse zu diagnostizieren. Es bleibt nur noch, aus dem Leben eine Aufzählung zu machen, eine Liste all der Artikel, die einem unterkommen. Es sind aber nicht nur die Gegenstände, die Karl Ove kauft und gebraucht, die hier aufgezählt werden: Zu Artikeln werden auch die Menschen, die Gefühle und Gedanken. Darum bestehen die unzähligen Sätze in diesen Tausenden von Seiten - so variantenreich sei auch sein mögen - auch nicht die höchste Prüfung postmoderner Ästhetik: die Heterogenität (eigentlich das magische Schlüsselwort unserer Zeit). Wenn Vielfalt die Würze des Lebens ist, müssen wir bedauernd feststellen, dann kitzeln diese Seiten nicht den Gaumen."

Weiteres: Swati Dhingra und Josh De Lyon versuchen, die Kosten eines Brexit ohne Abkommen abzuschätzen. Michael Wood liest noch einmal Graham Greenes "Dritten Mann".