Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

582 Presseschau-Absätze - Seite 19 von 59

Magazinrundschau vom 16.06.2020 - London Review of Books

Sollten sich die Amerikaner an den Deutschen in Sachen Vergangenheitsbewältigung ein Beispiel nehmen? Thomas Laqueur, selbst ein Kind aus der deutsch-jüdischen Diaspora, liest Susan Neimans entsprechenden Aufruf "Von den Deutschen lernen" mit großer Skepsis. Zum einen findet er die deutsche Wiedergutmachung gegenüber Juden und Israelkleinlicher und zögerlicher, als Neiman es darstellt. Aber selbst wenn es um Straßenumbenennung oder Denkmalsturz geht, scheint ihm die Aufgabe, das an Schwarzen begangene Unrecht zu kompensieren, eigentlich unmöglich: "Die Nazizeit war kurz und klar begrenzt. Der Weg zur deutschen Erlösung zeichnete sich schnell ab: Gesteht eure Sünden und bereut, leistet Wiedergutmachung und gelobt Besserung. Die Vergangenheit der USA aufzuarbeiten ist zeitlich eine andere Angelegenheit. Als Problem stellt sich die gesamte nationale Geschichte dar: Vor vierhundert Jahren kamen afrikanische Sklaven an diese Küsten, vor hundertfünfzig Jahre sprach der 13. Verfassungszusatz schwarze Amerikanern die vollen Bürgerrechten zu, vor sechzig Jahren erst endete das langlebigste, rechtlich abgestützte Rassistenregime der Weltgeschichte, dank Gerichtsurteilen und Gesetzgebung in den sechziger Jahren. Diese Geschichte verlangt von uns nicht nur, wie im deutschen Fall, zu erklären, wie wir einer Ideologie des Bösen erliegen konnten, sondern warum es so schwierig gewesen ist, das zu tun, was Lincoln in Gettysburg erhoffte: uns selbst dem Grundsatz zu verpflichten, dass alle Menschen gleich geschaffen sind ... Deutschlands unbestreitbare Niederlage im Zweiten Weltkrieg war grundlegend für seinen Versuch, mit seiner Vergangenheit ins Reine zu kommen. Auch der amerikanische Süden verlor seinen Krieg. Aber er gewann den Frieden, in Folge seiner eigenen Anstrengungen, aber auch mit Zustimmung oder aus Indifferenz des restlichen Landes. Sein Sieg zeigte sich 1896, als der Supreme Court im Fall Plessy vs. Ferguson entschied, die Segregation unter dem Schlagwort 'Seperate but equal' zuzulassen."

Im Aufbegehren gegen Rassismus und Polizeigewalt sieht Adam Shatz - bei aller Sympathie - eher eine Welle des Protestes als eine neue Bewegung: "Die Proteste bieten einen unausgereiften Mix aus Marxismus, Antikolonialismus, Black-Power-Rhetorik, intersektionalem Feminismus, radikaler Achtsamkeit und (das ist schließlich Amerika) Anrufugungen von Jesus und anderen Propheten. Es ist eine Zeit des Handelns, und die Demonstranten arebiten ihre Ideen und Pläne auf den Straßen aus, ohne die charismatische Führer, die in den fünfziger und sechziger Jahren die  Kämpfe der Bürgerrechtsbewegung prägten. Diese anfängliche Stärke kann sich, wie in der arabischen Revolte zu einer Schwäche wandeln kann."

Magazinrundschau vom 02.06.2020 - London Review of Books

Auch John Lanchester gehört zu den Fans von Georges Simenon, und er kann noch nicht einmal sagen, welcher der 75 Maigret-Romane ihm am besten gefällt. Dass sie so präzise Milieus und Charaktere zeichnen, liegt daran, dass Simenon nicht an das Böse glaubte, weiß Lanchester. Dass sie alle gleich großartig sind, liege an Simenons origineller Arbeitsweise: "Ein Maigret-Roman kam über Simenon wie eine Krankheit: Er fühlt, wie sich der Druck einer Idee aufbaute, bis er keine andere Wahl mehr hatte als sie niederzuschreiben. In dieser Phase ging er für eine Kontrolle zum Arzt, um sich daraufhin in seinem Arbeitszimmer einzuschließen und seinen Roman runterzuschreiben, bis er fertig war. Das dauerte rund sieben Tage, plus zwei für die Korrektur. Jedes Buch ist ein Delirium, ein Schwitzkasten, ein Fluch. Bizarr ist, dass sie für Simenon eigentlich eine willkommene Lockerung und Verlangsamung des Tempos waren: Während seiner Zeit als Autor von Groschenromanen mit Anfang zwanzig schrieb er jeden Tag, bis er achtzig getippte Seiten fertig hatten. Dann übergab er sich. So schreibt man 150 Bücher in sieben Jahren."

Weitere Artikel: Susan Pedersen huldigt der britischen Autorin Shelagh Delaney, die so erfolgreich den marriage plot umschrieb in ein: "Boy meets girl. Boy gets stupid. Boy and girl live stupidly ever after." Eliot Weinberger fügt Beobachtungen aus Donald Trumps kopflosem Amerika zu einem unverändert deprimierenden Bild: Während seiner gesamten Präsidentschaft, lagen Trumps Zustimmungsraten um die vierzig Prozent (er ist der einzige Präsident, bei dem sie nie über fünfzig Prozent stiegen). Heute, zehntausenden Toten und Millionen Arbeitslosen zum Trotz, bekommt er noch immer eine Zustimmung von vierzig Prozent. Man dachte, dass die Menschen ihre Meinung änderten, nachdem er Bleiche als Mittel gegen das Virus empfohlen hatte, taten sie aber nicht."

Magazinrundschau vom 19.05.2020 - London Review of Books

Vielleicht überzieht Priyamvada Gopal ein wenig, wenn sie in ihrer Geschichte "Insurgent Empire" jedes Aufbegehren gegen das britische Empire rückwirkend als antikolonialistische Rebellion deutet, meint Adom Getachew in einer sehr lesenswerten Besprechung des Buches. Viele Dissidenten - James Williams, Dadabhai Naoroji und selbst Marcus Garvey - forderten, als britische Bürger und nach britischem Recht behandelt zu werden. Aber stark sei, wie sie eine andere Vorstellung herausfordert: "Gopal geht es weniger darum, wie die Untertanen in den Kolonien das Empire verhandelten, ablehnten oder für sich beanspruchten, als vielmehr darum, wie die Krise des Empires auch in den Metropolen Widerspruch erzeugte. Sie widerspricht der Vorstellung, dass der antikolonialen Widerstand britischen Freiheitsideen entsprang. Das 'abgenutzte Caliban-Modell', demzufolge der Sklave die Sklaverei in der Sprache seines Herren ablehnt, verstärkt ein Geschichtsbild, nach dem das britische Empire Kredit für seine eigene Auflösung beanspruchen kann. Dieser Mythos erwürgte und erstickte die britische Politik, argumentierte auch schon der (karibische Kulturtheoretiker) C.L.R. James: Die Neugestaltung der Beziehungen innerhalb des Empire sei durch die anhaltende Unfähigkeit der kolonialen Klasse vereitelt worden, sich auch nur vorzustellen, dass irgendetwas, was in den Kolonien passiert, 'die Menschen in den fortgeschrittenen Ländern inspirieren oder klüger machen könnte'."

Weitere Artikel: Eric Foner nimmt die Ungerechtigkeiten des amerikanischen Wahlsystems unter die Lupe. Andrew O'Hagan schreibt über Robert Louis Stevenson.

Magazinrundschau vom 05.05.2020 - London Review of Books

Jacqueline Rose liest auch noch einmal Albert Camus' "Pest", und denkt über seinen Humanismus nach, der ihm den Spott und die Verachtung von Jean-Paul Sarte und Simone de Beauvoir einbrachte: "Camus weigerte sich, den Einzelnen willkürlichen numerischen Berechnungen zu unterwerfen. Darin bestand für ihn die Kreativität: sie folgte der Entscheidung, die Welt über die Qualen des Moments hinaus zu imaginieren. Das erste echte Anzeichen im Roman für einen Rückzug der Krankheit scheint auf, wenn die Zahlen nicht mehr aufgehen oder keinen Sinn mehr ergeben: Am Montag steigen die Todeszahlen, während es am Mittwoch aus irgendeinem Grund keine mehr gibt; in einem Viertel sterben noch Hunderte, an anderen Orten scheint die Pest leise entwischt zu sein. Die Pest, bemerkt Camus' Erzähler, verlor ihre Kontrolle, ihre gnadenlose mathematische Effizienz, die bis dahin ihre Trumpfkarte war'. Mathematik ebnet ein. Sie ist eine tödliche Kunst. Menschen zählen, tot oder lebendig, heißt, eine Welt der Abstraktion zu betreten, das erste Anzeichen dafür, dass die Dinge eine verzweifelte Wendung genommen haben. Zählen kann natürlich auch das genaue Gegenteil bedeuten. Wenn jemand zählt, kommt es auf ihn an, mit der weiteren Implikation, dass er für seine Taten verantwortlich gemacht werden kann. Nicht zu zählen, heißt dann, übersehen zu werden oder unsichtbar zu sein, wie die Araber von Oran. Deren Abwesenheit in Camus' Porträt der französisch-algerischen Stadt, in welcher der Roman angesiedelt ist, scheint mittlerweile sein gravierendstes Versäumnis zu sein. Damals lebten in Oran mehr als hunderttausend."

Ein Grönlandhai kann bis zu fünfhundert Jahre alt werden, Katherine Rundell ist trotzdem froh, keiner zu sein. Besonders schön sind diese Tiere nämlich nicht. "Sie riechen auch. Ihre Körper weisen hohe Konzentrationen an Harnstoff auf, die sicherstellen soll, dass sie die gleiche Salzkonzentration wie der Ozean bewahren, um zu verhindern, dass sie durch Osmose Wasser verlieren oder gewinnen, aber es bedeutet auch, dass sie nach Urin riechen - so sehr, dass der Hai in der Legende der Inuit aus dem Nachttopf von Sedna, der Göttin des Meeres, entstanden sein soll."

Weiteres: Colm Toíbín liest die "Dolphin Letters", den Briefwechsel zwischen Elizabeth Hardwick und Robert Lowell über das schreckliche Ende ihrer Ehe. David Renton erzählt, wie schnell man in diesen Zeiten obdachlos werden kann. Und Irina Dumitrescu bespricht ein Buch über "Obszöne Pädagogik" im Spätmittelalter.

Magazinrundschau vom 21.04.2020 - London Review of Books

Wang Xiuyings Berichte aus Wuhan sind immer wieder hervorragende Informationsquellen. In ihrem neuesten Artikel informiert sie, dass jeder, der in China aus der Reihe tanzt - indem er sich beschwert oder mit der Polizei streitet  - im Fernsehen an den Pranger gestellt wird. Außerdem steigert sich der Nationalstolz in neue Höhen, besonders wenn die Chinesen Bilder aus den USA zu sehen bekommen, wo die Leute weder vernünftige Versicherungen noch irgendwelche Ersparnisse haben. Aber vieles lernen Chinese gerade auch gern über andere Länder, erzählt Wang: "Italiener haben offenbar musikalisches Talent und ihre Bürgermeister wissen, wie man ungehorsame Bürger zur Raison bringt - fortissimo. In Spanien, wo man sein Haus nur verlassen darf, um seinen Hund auszuführen, leihen sich die Menschen gegenseitig ihre Haustiere. Andrew Cuomo, der Gouverneur von New York, und sein Bruder Chris, ein CNN-Journalist, rivalisieren live im Fernsehen um die Zuneigung ihrer Mutter. Wir haben gelernt, dass Westler ungern Gesichtsmasken tragen, aber viel Toilettenpapier kaufen. 'Warum horteten Chinesen während der Ausgangsbeschränkungen kein Klopaper?', geht ein Witz. 'Weil wir schon am 11. November genug für ein ganzes Jahr gekauft haben' - unsere Version des Black Friday."

Magazinrundschau vom 14.04.2020 - London Review of Books

Simone de Beauvoir hat kein vorbildliches Leben geführt, stellt Joanna Biggs fest: Ihre Abhängigkeit von Jean-Paul Sartre war geradezu pervers, fatal war die Bedenkenlosigkeit, mit der die beiden sich junge Frauen zuschoben. Am Ende wurde Beauvoir zu einer kalten, übellaunigen Trinkerin, die stets ihr Pariser Leben überhöhte, dabei schuf sie ihre größten Werke, "Das andere Geschlecht" und "Die Mandarine von Paris", während ihrer konventionellen, aber eben inspirierenden Liebesbeziehung mit Nelson Algren. Zwei neue Bücher über Beauvoir, Kate Kirkpatricks Biografie "Becoming Beauvoir" und Deirdre Bairs Memoir "Parisian Live", beschönigen nichts am Leben der französischen Autorin, und Briggs findet das ganz richtig: So befreit man Ikonen! "Der Schaden, den sie Bianca Bienefeld zugefügt hatten, war groß und andauernd, Beauvoirs Grausamkeit kann man einer Frau kaum verzeihen, die immerhin die existenzialistische Ethik begründet hatte (so weit brachte es Sartre nie) und die in all ihren Stücken, Essays und Romanen betonte, dass entscheidend im Leben Beziehungen seien, die auf Gegenseitigkeit basierten. Fast inakzetabel erscheinen mir Beauvoirs viele Beziehungen zu Menschen, die jünger und von ihr eingeschüchtert waren, die sie verriet und im Stich ließ. Was würde man über sie sagen, wenn sie ein Mann im Zeitalter von #MeToo wäre? Nathalie Sorokines Mutter zeigte sie für ihren ausschweifenden Lebenswandel an, und Beauvoir wurde 1943 von den Vichy-Behörden vom Dienst suspendiert, was ihr als Perle in der Krone der Resistance angerechnet wurde, statt als Verstoß gegen die guten Sitten. Aber nach Bianca ließ sich Beauvoir nicht mehr auf ein solches Trio ein; sie erkannte, dass sie jemandem wehgetan hatte, den sie liebte, offenbar war sie es, die dem schmuddeligen Treiben ein Ende machte."

Weiteres: Adam Tooze blickt mit ungefiltertem Entsetzen auf die Weltwirtschaft: "Die Aussichten der EU sind düster, die der USA vielleicht noch übler." Skye Arundhati Thomas erklärt, dass Social Distancing in Indien für die armen Menschen schlichtweg unmöglich ist.

Magazinrundschau vom 07.04.2020 - London Review of Books

Richard Norton-Taylor war als Reporter vierzig Jahre lang beim Guardian zuständig für Sicherheit und Verteidigung, in seinem Buch "The State of Secrecy: Spies and the Media in Britain" blickt er auf all die Affären und Skandale zurück, die die britische Regierung geheim halten wollte: während des Nordirland-Konflikts, im Irakkrieg, zu Beginn der Massenüberwachung durch das GCHQ. Der Historiker Neal Ascherson sieht von Norton-Taylor sehr deutlich vor Augen geführt, dass der britische Staat noch immer in seinem Wesen eine Monarchie ist, und Informationen scheinen, wie einst Schwäne und Störe, noch immer königliches Eigentum zu sein. Der Souverän ist hier nicht das Volk: "Wir haben keine unveräußerliche Rechte, es ist uns nur erlaubt, zu wählen und frei zu sprechen, weil die Regierung durch das Parlament großzügiger Weise einen Teil ihrer Macht an ihre Untertanen abgibt. Dieses Monopol umfasst natürlich auch die Information. Grob gesagt sind nach Ansicht der britischen Regierung alle amtlichen Informationen geheim, aber die Behörden können entscheiden, Menschen, die dazu eigentlich nicht befugt sind, Zugang zu gewähren. In den vergangenen Jahrhunderten bezog sich das im Prinzip auf die Presse und die Medien, aber der Staat wusste sehr wohl, dass ein solcher Zugang gegen politische Unterstützung verkauft werden kann. Dass alle öffentlichen Informationen frei und offen sein sollen, solange sie nicht anderweitig spezifiziert werden, bleibt eine fremde Vorstellung, trotz des Freedom of Information Acts."

Magazinrundschau vom 31.03.2020 - London Review of Books

Vor zwei Jahre wäre Kapstadt beinahe das Wasser ausgegangen, nachdem es vier Jahre nicht geregnet hatte. Seitdem liefert sich die Stadt eine Art furchtbares Rennen mit São Paulo, Chennai und Mexiko-Stadt. In weniger als fünf Jahren werden zwei Drittel der Weltbevölkerung unter Wassermangel leiden, berichtet Rosa Lyster in einer  Kontinente umfassenden Reportage: "Ich dachte immer, dass die Menschen es im übertragenen Sinne meinten, wenn sie sagten, Mexiko City versinke, oder dass diese Tatsache nur für Hydrologen oder Ingenieure sichtbar wäre. Aber nein: Die Stadt sackt ab, während sie immer mehr Wasser aus immer tieferen Schichten hochpumpt, und droht in dem Lehmbett zusammenzustürzen, auf dem sie errichtet ist. Selbst wer nicht weiß, was ein Grundwasserleiter ist, kann das sehen. In der Kathedrale spürt man es: Der Boden wellt sich uneben, die Säulen neigen sich, und wenn man beim Gehen seine Augen schließt, fühlt man sich wie auf einem Boot. 2016 spracht Papst Franziskus zu den mexikanischen Bischöfen. Er ermahnte sie, den Drogenhandel anzuprangern und den Gemeinden dabei zu helfen, 'den Fluten zu entkommen, in denen so viele ertränken'. Gewalt wird oft auf diese Art beschrieben, aber diese Worte tönen leer in einem Gebäude, das in einer Stadt untergeht, die sich zu Tode trinkt. Es gibt unzählige Straßen mit schiefen Häusern, Geschichten von wegsackenden Grundschulen, in Itztapalapa wurde eine Kind von einem Senkloch verschluckt. Das sollte nirgendwo passieren, aber wirklich nicht in Mexiko-Stadt, wo es an mehr Tagen im Jahr regnet als in London. Die ursprünglichen Aztekenstadt Tenochtitlan wurde auf einer Insel in der Mitte eines Sees erbaut, umgeben von weiteren Seen. Bevor Cortés begann sie trockenzulegen und die Stadt für immer verwandelte, war sie so etwas wie ein Süßwasser-Venedig. In Zeiten des Klimawandels kann man das nicht mit aller Sicherheit sagen, aber Mexiko ist nicht Kapstadt. Es regnet dort viel, und der Regen wird direkt in das Abwassersystem kanalisiert. Das Problem ist nicht Wasserknappheit, sondern Missmanagement, schlechte Infrastruktur und Ungleichheit."

Weiteres: Brasiliens Autokrat Jair Bolsonaro stürzt mit seiner Strategie, Donald Trump auch in der Corona-Krise alles nachzumachen ("Affe sehen, Affe tun"), das Land ins totale Chaos, stöhnt Forrest Hylton: Das Parlament opponiert, die Gouverneure meutern, die Ökonomie stürzt ins Bodenlose: Vier Fünftel der Bevölkerung verdienen ihr Gelf in der informellen Ökonomie. Mit Begeisterung und großem Vergnügen liest Julian Barnes die versammelten Attacken von J.K. Huysmans auf die moderne Kunst des 19. Jahrhundert

Magazinrundschau vom 17.03.2020 - London Review of Books

Kein Land hatte jemals einen so bescheidenen, freundlichen, pazifistischen und demokratischen Monarchen wie Japan mit seinem abgedankten Kaiser Akihito. Richard Lloyd Parry, langjähriger Times-Korrespondent in Ostasien, schreibt voller Zärtlichkeit über Akihito und seine Frau, die schöne, stille Michiko, und die unglücklichen Söhne. Und doch, bemerkt Parry voller Trauer, hat Akihito die wichtigste Aufgabe seines Lebens nicht gemeistert: "All die Tugenden, die er repräsentierte, Pazifismus, Liberalismus, Demokratie und Respekt vor der Wissenschaft, haben die Unterstützung der Monarchie nicht gebraucht. Sie siegen - oder scheitern - anderswo, im Parlament, in den Medien und Universitäten, in der Gesellschaft. Japans kaiserliches System hat aber als Nährboden für einen Virus gedient, der anderswo kaum überlebt hätte: Aberglauben, Rassismus und Autoritarismus sind noch immer lebendig, selbst ein Dreivierteljahrhundert nach ihrer militärischen Niederlage. Akihitos Entschlossenheit, die Grenzen der Verfassung zu achten, machten ihm unmöglich, was vielleicht sein größtes Verdienst gewesen wäre: die Versöhnung mit den Opfern der japanischen Grausamkeit während des Krieges. Worte wurden angeboten, aber sie reichten nicht. Die Minderheit der rechten Nationalisten - und es ist eine Minderheit - hat gereicht, um seine Reden zu neutralisieren. Nötig gewesen wäre eine physische Geste, die man hätte filmen und als visuelles Emblem immer wieder vorspielen können. Vergleichbar mit Willy Brandts Kniefall am Mahnmal für das Warschauer Ghetto."

Weiteres: Der Virologie Rupert Beale rät in Sachen Corona zu flächendeckenden Tests, auch bei leichtesten Symptomen, zu Händewaschen und Abstandhalten, Schulschließungen etc, dann werden viele Menschen überleben. Aber wie die Gesellschaft danach aussehen wird, vermag er auch nicht abzuschätzen. Besprochen werden der Abschluss von Hilary Mantels Thomas-Cromwell-Saga "The Mirrir and the Light" und Christopher Clarks Analyse preußischer Herrschaft "Von Zeit und Macht".

Magazinrundschau vom 03.03.2020 - London Review of Books

Nachdem sich die Gefahr des Coronavirus nicht mehr leugnen ließ, konnte man in China ein Phänomen beobachten, das in der ganzen Welt bekannt ist: Die Verantwortlichen schoben sich gegenseitig die Schuld zu. In China nennt man es "Wok werfen", erzählt Wang Xiuying. "Woks zu werfen ist eine Kunst, die man beherrschen muss, wenn man in China etwas erreichen will. Ob Sie einen Flughafen bauen, sich um ein Forschungsstipendium bewerben oder einen Ausländer zu einem Vortrag einladen. ... Auch am Arbeitsplatz kann ein Schritt in die falsche Richtung einen Vorgesetzten provozieren und eine Karriere ruinieren, so dass es manchmal am klügsten ist, gar nichts zu tun." Bis ein Virus zuschlägt. Dann gibt es auch in China Menschen, die sich über alle Hierarchien hinwegsetzen, um zu helfen. "Nachdem der Parteisekretär der Provinz Hubei kurzerhand wegen Unfähigkeit von seinem Posten enthoben worden war, flog man den Bürgermeister von Schanghai ein, Ying Yong (der Name reimt sich auf das Wort für 'Tapferkeit'), um das Amt zu übernehmen. Am nächsten Tag schnellte die offizielle Zahl der neu bestätigten Fälle in Hubei von 1.638 auf 14.840. ... Die Menschen wussten, dass der neue Parteisekretär von Hubei sich mit Strafverfolgung auskennt und im Ruf stand, Chaos zu beseitigen. Wie die anderen neu ernannten Spitzenkräfte - der Parteisekretär der Stadt Wuhan wurde am selben Tag abgelöst - weiß Ying Yong aus dem Effeff, wie Bürokratie funktioniert und wie allgegenwärtig sie ist. Solche Leute senden ein Signal, dass sie sich nicht mit den üblichen Ausreden abspeisen lassen, die lokale Beamte zu ihrer eigenen Verteidigung vorbringen. Keine fliegenden Woks mehr. Die Bürger Schanghais stimmten zu, ihren Bürgermeister zu 'spenden', 'solange wir Dr. Zhang behalten dürfen'. Zhang Wenhong, Direktor der Abteilung für Infektionskrankheiten am Huashan-Krankenhaus in Shanghai, wurde bei einer Pressekonferenz zum Nationalhelden, als er verkündete: 'Das Erste-Hilfe-Team brachte sich selbst in große Gefahr. Sie sind müde und müssen sich ausruhen. Wir sollten gute Leute nicht ausnutzen. Von nun an werde ich alle Sanitäter an der Front durch Parteimitglieder aus verschiedenen Bereichen ersetzen. Haben Sie nicht alle geschworen, das Interesse des Volkes an die erste Stelle zu setzen, als Sie der Partei beitraten, ungeachtet der Schwierigkeiten? Es ist mir egal, was Sie wirklich dachten, als Sie der Partei beitraten. Jetzt ist es an der Zeit, das zu erfüllen, was Sie versprochen haben. Es ist mir egal, ob Sie persönlich zustimmen oder nicht: es ist nicht verhandelbar.' Das Video ging viral, und jetzt würden die Bürger vor Ort ihn gegen nichts mehr eintauschen. Als Dr. Zhang den Leuten sagte, sie sollten zu Hause bleiben, hörten sie zu."