9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.07.2019 - Geschichte

Der Historiker Jörn Leonhard, Autor des Buchs "Der überforderte Frieden - Versailles und die Welt 1918-1923", kommt in der FAZ auf die Versailler Friedenskonferenz zurück und macht auf die Zweischneidigkeit des Schlüsselbegriffs von der "Self Determination" aufmerksam, mit dem der amerikanische Präsident Woodrow Wilson viele beteiligte Nationen begeisterte: "Die vermeintliche Eindeutigkeit dieser Ordnungsvision, die in den Nachkriegsgesellschaften etwa Polens, der Tschechoslowakei oder des späteren Jugoslawiens mit dem Bild der Imperien als Völkergefängnisse zusammenfiel, traf in der Praxis auf eine ausgesprochene Spannung zwischen demokratischer Partizipation und einer ethnischen Definition von Staatlichkeit. Das universalistische Versprechen des Selbstbestimmungsrechts traf gleichsam auf die weiter bestehenden multiethnischen Gemengelagen Ost-, Ostmittel und Südosteuropas."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.07.2019 - Geschichte

In der NZZ kritisiert der Zeithistoriker Andreas Wirsching die zunehmende Neubewertung der Weimarer Reichsverfassung: Dahinter stecke der Wunsch, "Deutschland mit einer positiven demokratischen Tradition auszustatten", meint er und verweist darauf, dass die Weimarer Republik nicht zuletzt am Nebeneinander unterschiedlicher Demokatiemodelle scheiterte: "Tatsächlich waren es weniger die direktdemokratischen Elemente, die der Weimarer Republik zusetzten, auch wenn das Volksbegehren gegen den Young-Plan 1929 Adolf Hitler erstmals eine große nationale Bühne verschaffte. Weitaus gefährlicher war aber die Machtfülle des Reichspräsidenten, der drei Verfassungskompetenzen kombinieren konnte. Artikel 53 der Weimarer Reichsverfassung (WRV) erlaubte ihm, den Reichskanzler zu ernennen und zu entlassen, und machte ihn damit zum Herrn über die Exekutive. Mit Artikel 25 konnte der Reichspräsident jederzeit den Reichstag auflösen und damit die Legislative zumindest temporär ausschalten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.07.2019 - Geschichte

Der Literaturwissenschaftler Manfred Schneider stellt das Attentat gegen Hitler vor 75 Jahren in der NZZ in einen historischen Zusammenhang: "Zumeist bleiben Attentate politische Symbole, Symbole legitimer oder grundloser Gewalt. Der versuchte Anschlag auf den Diktator Adolf Hitler ist indessen das bleibende Zeichen einer von der abendländischen Tradition getragenen Überzeugung, dass eine politische Ordnung nicht auf willkürliche Macht gegründet sein darf, sondern allein auf Recht."

Im Tagesspiegel schreibt Sophie von Bechtolsheim, die Enkelin Claus Graf Stauffenbergs, die gerade ein Gegenbuch zu Thomas Karlaufs umstrittener Stauffenberg-Biografie geschrieben hat, über Widerstand im allgemeinen (etwas allzu allgemeinen, muss man sagen): "Wir Bürger werden unserer Verantwortung nur gerecht, wenn wir bereit sind, uns persönlich im Rahmen unserer Möglichkeiten für ein friedliches, gerechtes, würdevolles Zusammenleben einzusetzen." Auch Johannes Tuchel, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin, würdigt den Widerstand gegen Hitler im Tagesspiegel. Im FAZ-Leitartikel zum Jahrestag schreibt Reinhard Müller gegen all jene, die an Stauffenbergs Motiven mäkeln: "Entscheidend bleibt der versuchte Tyrannenmord."

FR-Autor Arno Widmann gibt bei aller Würdigung der Widerständler, die bei Gelingen ihres Vorhabens die Soldaten zum Weiterkämpfen aufgefordert hätten, den damaligen Kriegsalliierten recht: "Schon auf der Konferenz von Casablanca zu Beginn des Jahres 1943 hatten die Alliierten sich auf das Kriegsziel einer bedingungslosen Kapitulation Deutschlands geeinigt. Sie würden davon nicht abrücken. Den Fehler von 1918 wollten sie nicht wiederholen. Deutschland musste besetzt und radikal reformiert werden. Wir können froh sein, dass der Putsch vom 20. Juli 1944 gescheitert ist."

Und Thomas Karlauf bleibt in der FAZ bei seiner grundsätzlichen Kritik an den Attentätern vom 20. Juli: "Natürlich waren die Verschwörer schockiert über das, was sie über die Verbrechen im Osten erfuhren - und die meisten waren früh und umfassend im Bilde. Ihre Empörung setzte jedoch 'keine unmittelbare Gegenwehr oder Auflehnung in Gang', befand schon Hans Rothfels, der erste Historiker, der sich mit dem Thema befasste. 1964 urteilte Hannah Arendt - unter dem Eindruck des Eichmann-Prozesses womöglich überhart -, den Verschwörern sei aus ihrer Kenntnis der Massenmorde offenbar nicht einmal ein Gewissensproblem entstanden." Karlauf nutzt seinen Artikel nebenbei zur Polemik gegen Bechtolsheim und "eine Hamburger Wochenzeitung", die "den Wimpel der Ehre dadurch hochzuhalten meint, dass sie in der aktuellen Debatte ausschließlich Enkel, Enkelinnen und Schwiegersöhne zu Wort kommen lässt".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.07.2019 - Geschichte

Der 20. Juli sollte ein offizieller Feiertag sein, fordert die Literaturagentin und Verlegerin Elisabeth Ruge, Enkelin des deutschen Widerstandskämpfers, Fritz-Dietlof von der Schulenburg, im SZ-Interview mit Joachim Käppner. Der Widerstand spiele für die Identität unserer demokratischen Gesellschaft allerdings schon seit Kriegsende 1945 keine Rolle, meint sie: "Die meisten Deutschen hatten sehr wenig Interesse, sich von den Überlebenden aus dem Widerstand den Spiegel vorhalten zu lassen und anzuerkennen, dass Widerstehen eben doch möglich gewesen war. In den Gerichten saßen viele ehemalige Nazis, und es brauchte Ausnahmepersönlichkeiten wie den Staatsanwalt Fritz Bauer, damit der Widerstand nicht weiterhin als Verrat eingestuft wurde. Später, in der linken Erinnerung seit den 68ern, gab es so ein Gefühl: Wenden wir uns dem Widerstand zu, speziell dem des 20. Juli, dann wenden wir uns von den Opfern des NS-Staates ab."

Eine Gedenkstätte für die im Zweiten Weltkrieg im ukrainischen Babij Jar 65.000 Ermordeten ist längst überfällig, schreibt in der NZZ der Historiker Bert Hoppe. Aber es gibt Einwände gegen das geplante Babij Jar Holocaust Memorial Center: Auf einem jüdischen Friedhof baue man nicht, heißt es; das Projekt werde zudem von russlandnahen ukrainischen Milliardären unterstützt, klagt Wolodomir Wiatrowich, Leiter des ukrainischen Instituts für nationales Gedenken im Gespräch mit Hoppe. Aber: "Wiatrowich ist selbst umstritten, weil er die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), die anfangs mit den Deutschen kollaborierte und deren Angehörige zahlreiche Kriegsverbrechen verübten, vorrangig als Befreiungsbewegung darstellt. Die Beteiligung Einheimischer am Judenmord solle durchaus erforscht werden, so beteuert Wiatrowich nun, und die polnischen Gesetzentwürfe, Äußerungen über eine mögliche Mitschuld von Polen am Holocaust zu bestrafen, bezeichnet er als 'destruktiv'. Aber es sei ebenso notwendig, den Holocaust in die Gesamtgeschichte der Ukraine im Zeitalter der beiden totalitären Regime einzubetten. Das Verhalten der Menschen im Zweiten Weltkrieg lasse sich nicht verstehen, wenn man die Hungersnot von 1932/33 und den Großen Terror von 1937/38 ausblende."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.07.2019 - Geschichte

Die Zeit widmet in ihrem Feuilleton mehrere Seiten dem Widerstand gegen Hitler. Christian Staas überlegt, warum sich die Deutschen mit den Widerständlern immer noch so schwer tun: "Bis heute gerät auf schwankenden Boden, wer den 20. Juli mit dem demokratischen Selbstverständnis der Bundesrepublik in Einklang bringen will - auch wenn es ein schöner Gedanke ist, den Linda von Keyserlingk-Rehbein äußert: dass allein schon in der breiten Allianz, die sich im Kampf gegen Hitler zusammenfand, etwas Demokratisch-Pluralistisches liegt. Doch sowenig sich der 20. Juli als ein 'Aufstand der Junker' abtun lässt, so wenig will er zu modernen Demokratie-Vorstellungen passen. Dass er den Deutschen keine Ruhe lässt, hat auch damit zu tun. Aber warum sollten sie mit dieser Geschichte zur Ruhe kommen?"

Karl Heinz Bohrer hat eine andere Erklärung: "Nicht umsonst ist zu hören, es gebe in Berlin keine Gesellschaft mehr, weil das jüdisch-intellektuelle, aber auch das aristokratische Element fehle. Dazu hatten Ironie, Aggressivität, aber auch Pathos und Allüre gehört. Bei Figuren wie Adam von Trott zu Solz, Helmuth James von Moltke oder Peter Yorck von Wartenburg ist dieser privilegierte kulturelle Stil besonders auffallend und distanzheischend."

Außerdem: Die Zeit-Redakteure Elisabeth von Thadden, Jens Jessen und Maximilian Probst, alle drei mit Widerständlern verwandt, unterhalten sich über den Wert von Erinnerungen.

In der taz erzählt Johannes Tuchel, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin, in einem Essay von der Ablehnung und Ignoranz, die die Bundesrepublik dem Widerstand entgegenbrachte: "Die nationalsozialistische 'Rechtsprechung' galt in vollem Umfang weiter. Der Deutsche Bundestag konnte sich erst 1998 dazu entschließen, die Urteile des 'Volksgerichtshofs'" und der Sondergerichte aufzuheben. Und erst 2002 hob das deutsche Parlament die Urteile der Militärjustiz auf, erst 2009 auch die Urteile wegen sogenannten Kriegsverrates - einer von den Nationalsozialisten eingeführten Norm, die immer weiter ausgeweitet wurde." Tuchel berichtet auch, wie die AfD, Pegida und ihre Postillen sich des 20. Juli bemächtigen wollen.

Interessant liest sich in diesem Zusammenhang der taz-Artikel der Historikers Sven Deppisch, der darlegt, wie wichtig es sei, dass sich heutige Polizeischüler mit der Geschichte ihrer Institution im Nationalsozialismus auseinandersetzen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.07.2019 - Geschichte

Die Hohenzollern wollen Schlösser und Kunstwerke zurück, um weiterhin leben zu können, ohne arbeiten zu müssen. Darüber ließe sich noch verhandeln. Aber nicht darüber, dass die Familie auch noch Mitspracherecht bei künftigen Ausstellungen zur preußischen Geschichte will, meint Andreas Kilb in der FAZ: "Damit ist die republikanische Schmerzgrenze erreicht. Es hat seinen Grund, dass das Haus Hohenzollern bei der offiziellen Darstellung deutscher Geschichte nicht mitreden darf. Sein letzter gekrönter Vertreter Wilhelm II. hat - nicht aus Blutdurst, sondern aus Fahrlässigkeit und Inkompetenz - das Deutsche Reich in den Ersten Weltkrieg getrieben und dafür mit dem Verlust seines Throns bezahlt. Und mehrere seiner Nachfahren haben mindestens zeitweise mit dem Nationalsozialismus paktiert." Im Tagesspiegel berichtet Thorsten Metzner inzwischen: "Der Preußenprinz lässt widersprechen - Die Sammlungen in Museen sollen für die Öffentlichkeit erhalten bleiben."

Die Ermittlungen zum Oktoberfestanschlag vom 26. September 1980 werden eingestellt, nicht gerade von Ergebnissen gekrönt. Dominik Baur unterhält sich in der taz mit dem Journalisten Ulrich Chaussy, der sich jahrzehntelang mit dem Attentat beschäftigt hat. Er sagt zum Beispiel, dass Franz-Josef Strauß kein Interesse daran hatte, die Nähe des Attentäters Gundolf Köhler zur Wehrsportgruppe Hoffmann allzu sehr zu thematisieren, denn das Attentat geschah kurz vor der Bundestagswahl, und Strauß hatte Innenminister Gerhart Baum attackiert, "weil er die Sicherheitsdienste mit seinem Bürgerrechtsgerede so verunsichert habe, dass die sich nicht mehr trauten, radikalen Gruppen den Puls zu fühlen. Wenn jetzt herausgekommen wäre, dass ausgerechnet die WSG Hoffmann mit dem Anschlag zu tun haben könnte, wäre das für die CSU der politische GAU gewesen. Schließlich war es Baum, der die Gruppe am 30. Januar 1980 verboten hatte, und es war Strauß, der sie jahrelang hat groß werden lassen und sich sogar noch über die Verbotsaktion lustig gemacht hatte: Man solle einen Mann, der sonntags auf dem Land im Kampfanzug spazieren geht, in Ruhe lassen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.07.2019 - Geschichte

Jochen Staadt vom Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität Berlin beleuchtet in der FAZ die Aktivitäten der Stasi in der Westberliner Studentenbewegung und kommt nochmal auf die Beiträge des Marburger Politologen Wolfgang Abendroth zur Gründung einer neuen kommunistischen Partei in Westdeutschland zu sprechen. Abendroth hatte mal als linker Kritiker der DDR angefangen, so Staadt: "Sein Meinungsumschwung über den SED-Staat setzte 1966 ein. Am 17. Juni 1967, zur gleichen Zeit als Rudi Dutschke in Berlin 'terroristische und bürokratische Methoden des Kommunismus' scharf angriff, sprach Abendroth in Frankfurt am Main über 'die Existenz eines funktionierenden und prosperierenden sozialistischen Staates auf deutschem Boden', der 'trotz aller bürokratischen Schranken' wegen der gleichzeitigen Wirtschaftskrise im Westen 'erstmalig nach dem Kriege' den 'westdeutschen Kapitalismus als System' in Frage stelle."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.07.2019 - Geschichte

Angesichts von sechs Millionen von den Nazis ermordeten Juden gab es erstaunlich wenig Racheakte nach dem Ende des Dritten Reichs. Das erfährt Joachim Käppner (SZ) aus einem Vortrag des amerikanischen Historikers Mark Roseman auf einer Tagung des Münchner NS-Dokumentationszentrums über Gewalt in der Nachkriegszeit: "Die Gründe dafür sind vielschichtig, vor allem aber, so argumentiert Roseman überzeugend, lagen sie 'in der Natur des Holocaust selbst'. Die überwiegende Mehrzahl der Todesopfer und der Überlebenden waren Menschen, welche mit Gewalt nichts im Sinn gehabt hatten, von den orthodoxen Juden in Polen bis zu jüdischen deutschen Bürgern. ... Jene zutiefst traumatisierten Menschen, die das Grauen verarbeiten, nach ihren Angehörigen suchen und irgendwie weiterleben mussten, erwarteten Gerechtigkeit und Strafe, wenn überhaupt, von der internationalen Justiz. Zeugnis abzulegen, das war fortan und bleibt, solange es noch Augenzeugen gibt, ihr wichtigstes Anliegen."

Außerdem: In der NZZ lernt Andreas Breitenstein aus zwei Büchern über den Gulag und die "Generation des großen Oktobers" darüber nach, wie wenig der Opfer des Bolschewismus heute gedacht wird.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.06.2019 - Geschichte

2003 machte Anonymas Tagebuch "Eine Frau in Berlin" Furore, in dem eine Berliner Journalistin von der Eroberung der Stadt durch die Rote Armee und vor allem von den Vergewaltigungen berichteten, denen Frauen ausgesetzt war. Die Historikerin Yuliya von Saal am Münchner Institut für Zeitgeschichte hat nun das Buch mit den Originalaufzeichnungen verglichen, und wie Maximilian Senfft in der SZ informiert, sind sie literarisch so stark bearbeitet, dass sie größtenteils nicht als authentisch gelten können: "Die reflexiven Passagen mit einem starken feministischen Akzent und Kritik an der Nazi-Männlichkeit hat Marta Hillers laut der Studie von Yuliya von Saal erst später für die Buchfassung ausgearbeitet. Einige Erlebnisse wurden durch fiktive Elemente verdichtet. 'An diesen Stellen weichen Tagebuch und Buchfassung massiv voneinander ab, so zum Beispiel, wenn aus einem Zahnarztbesuch ein angstbesetzter Besuch beim Gynäkologen wird, um eine ungewollte Schwangerschaft auszuschließen.' Wer also ein authentisches Zeitdokument aus den Trümmern Berlins lesen will, muss zu Marta Hillers' handschriftlichen Aufzeichnungen greifen, nicht zum literarisierten Tagebuch der 'Anonyma'."

In der FAZ erinnert Patrick Bahners daran, dass die Authentizität der Tagebücher schon früh angezweifelt wurde: SZ-Journalist Jens Bisky hatte Marta Hillers als Verfasserin und den Schriftsteller Kurt Marek als Mitautor enthüllt, der unter dem Pseudonym C.W. Ceram den Bestseller "Götter, Gräber und Gelehrte". Für Bahners steht jetzt nicht nur Walter Kempowski blamiert da, der als Gutachter für den Eichborn Verlag, die Echtheit bestätitgt hatte, sondern auch eine andere Idee: "Am Ende des Krieges stehe 'auch die Niederlage der Männer als Geschlecht', mit der 'männerbeherrschten Naziwelt' stürze 'der Mythos ,Mann'': Warum wollte man unbedingt glauben, dass die Namenlose ihre Erfahrung schon auf diese allgemeine Formel gebracht hatte, als sie noch in der Gewalt der sowjetischen Männer war? Von der Niederschrift einer Selbsttherapie sprach eine Rezension - mit der Pointe, dass die Therapie gleichzeitig mit der Verletzung gewesen sein soll. So beglaubigte das Buch von 1959 im Jahre 2003 eine Phantasie von der heilenden, ermächtigenden Kraft weiblichen Schreibens." (mehr zu den Blamagen hier, hier, hier und hier)

"Ich finde, dass es für unsere Gesellschaft gefährlich ist, wenn durch Mutmaßungen moralische Vorbilder demontiert werden", sagt Stauffenberg-Enkelin Sophie von Bechtolsheim im NZZ-Interview mit Marc Felix Serrao im Bezug auf Thomas Karlaufs Biografie ihres Großvaters (Unser Resümee). Als Held möchte sie ihren Großvater, dem sie nun ebenfalls eine Biografie widmet, dennoch nicht missverstanden wissen: "Man muss wissen, dass mein Großvater andere Menschen gerne aus der Reserve gelockt hat. Meine Großmutter hat dafür den Begriff Advocatus Diaboli benutzt. Für Historiker macht es das nicht einfach. Wenn Sie einzelne Sätze aus dem Kontext herauslösen oder Ironie nicht kenntlich machen, kann mein Großvater plötzlich wie ein Hardliner erscheinen. Auch dieser George-Sprech, den er ab und zu zeigt, dieses schwärmerische Pathos, dieser glühende Patriotismus wirken heute sehr fremd."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.06.2019 - Geschichte

Welt-Autor Thomas Schmid geht in einem lesenswerten Essay in seinem Blog nochmal dem "Rätsel der Münchner Räterepublik 1918/19" nach - es hat mit Preußen zu tun: "Es ist der Erste Weltkrieg, der (...) München in einen rasanten Veränderungsstrudel reißt. Viele junge Bayern waren 1914 wenig begeistert ins Feld gezogen, der Krieg gilt als eine preußische Angelegenheit. Nicht zu Unrecht argwöhnen manche, Berlin werde das Kriegsregiment nutzen, um Bayern noch mehr von seiner Selbstständigkeit zu rauben. Früh sehnen sich breite Bevölkerungskreise nur noch nach Frieden. Die militärischen Erfolgsmeldungen beeindrucken viele Bayern von Anfang an kaum." Diese Stimmung, so Schmid, bildet den Grundstoff füür die Revolutionsbereitschaft in einer Stadt mit wenig Proletariat.