9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.06.2019 - Geschichte

Vor fünf Jahren forderte Ta-Nehisi Coates in einem Essay für den Atlantic Reparationen an Schwarze in Amerika als Wiedergutmachung für Sklaverei und Rassismus. Nun sprach er im Kongress, wo ein Ausschuss die Frage der Reparationen prüfen soll, und wendete sich gegen das Argument, dass heutige Bürger nicht für Verbrechen von vor 150 Jahren zur Rechenschaft gezogen werden könnten: "Diese Zurückweisung offenbart eine seltsame Theorie des Regierens, die darin besteht, dass Amerikaner nur generationenweise verantwortlich seien. Aber die Vereinigten Staaten bezahlten noch bis in dieses Jahrhundert Renten an Nachfahren von Bürgerkriegssoldaten. Wir respektieren Verträge, die vor 200 Jahren geschlossen wurden, obwohl niemand mehr lebt, der diese Verträge zeichnete. Viele von uns würden es lieben, wenn sie nur für Dinge besteuert würden, für die sie individuell verantwortlich sind. Aber wir sind amerikanische Bürger und also an ein kollektives Projekt gebunden, das über unsere persönliche Reichweite hinausgeht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.06.2019 - Geschichte

25 Jahre nach dem Völkermord in Ruanda kann taz-Reporter Francois Misser das Land kaum wiederekennen. In der einst völlig verwüsteten Hauptstadt Kigali prägen jetzt todschicke Hotels und Kongresszentren die Skyline, berichtet Misser, aber auch die menschliche Landschaft habe sich verändert: "Früher, bis 1994, sprach man von Hutu, Tutsi und Twa als ethnischen Identitäten, festgeschrieben auf den Personalausweisen, was die systematische Jagd auf Tutsi während des Völkermordes einfach machte. Unter der neuen RPF-Regierung wurden diese Begrifflichkeiten amtlich abgeschafft. Umgangssprachlich hielten neue Kategorien Einzug: 'Sopecya', die Tutsi-Überlebenden; 'Dubai', die aus der Diaspora zurückgekehrten Tutsi-Exilanten; 'Tingi Tingi', die aus dem Kongo zurückkehrenden Hutu-Flüchtlinge. Auch das ist längst obsolet. Fast 60 Prozent der heutigen Bevölkerung Ruandas wurde überhaupt erst nach dem Völkermord geboren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.06.2019 - Geschichte

D-Day vor 75 Jahren. Die Agentur Magnum bringt auf ihrer Website einige Fotos von Robert Capa, der die Landung auf Omaha Beach begleitete:




Ulrich Ladurner besucht für die Zeit das Valle de los Caídos, wo General Franco ein gigantisches Mausoleum für sich bauen ließ, das er mit einem 150 Meter hohen Kreuz krönte. Aber seine Überreste sollen umgebettet werden, und seitdem gibt es in Spanien Streit: "Achtzig Jahre nach dem Bürgerkrieg und fast 45 Jahre nach dem Ende der Franco-Diktatur hat sich Spanien noch immer nicht mit der Vergangenheit ausgesöhnt. Der Streit um die Exhumierung Francos ist nur der vorläufige Höhepunkt einer langen und schmerzhaften Wahrheitsfindung. Der 'Pakt des Vergessens', den die Politiker in den Siebzigerjahren geschlossen hatten, war mit der Zeit löchrig geworden. Es zeigte sich, dass man den Umgang mit der Geschichte nicht auf Dauer untersagen kann."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.05.2019 - Geschichte

Der Holodomor bestand nicht nur im Hungermord vorwiegend an Ukrainern, sondern auch in der systematischen Auslöschung der ukrainischen Eliten, schreibt Welt-Autor Richard Herzinger in einem Rezensionsessay zu Anne Appelbaums Geschichte dieses Menschheitsverbrechens. Ukrainer in Deutschland fordern eine Anerkennung des des Genozid-Charakters dieses Verbrechens, berichtet Herzinger weiter: "Die Ukrainer rufen den Bundestag auf, 'diesen Schritt der historischen Gerechtigkeit endlich zu wagen.' In der Tat ist die Frage berechtigt, warum mehrere europäische Parlamente, darunter das deutsche, die planmäßige Ermordung der Armenier durch das nationalistische Regime der Türkei 1915 als Genozid eingestuft haben, Gleiches bislang aber im Blick auf den Holodomor nicht in Erwägung zogen." Herzinger  berichtet aber auch, dass Applebaum bei dieser Frage zögere und schließt sich ihrer vorsichtigen Argumentation an.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.05.2019 - Geschichte

Unzulässig und tendenziös findet der Historiker Ulrich Schlie in der NZZ, wie sein Kollege Thomas Karlauf in seiner Stauffenberg-Biografie den Hitler-Attentäter als nationalistischen Aristokraten und Opportunisten darstellt, der sich erst im Moment der absehbaren Niederlage von Hitler abgewandt habe: "Wie Stauffenberg politisch gedacht hat, können wir nur aus den wenigen Zeugnissen von Weggefährten und Familienangehörigen rekonstruieren. Das ist unbefriedigend, aber in der Zeitgeschichte nichts Ungewöhnliches. Methodisch unhaltbar indes ist es, aus Mutmaßungen eine Anklage zu basteln... Nach dem übereinstimmenden Zeugnis von Weggefährten und Zeitzeugen war er eine charismatische, vielseitige Persönlichkeit. 'Bei aller verstandesmäßigen Klarheit', hieß es sogar in einem - von Karlauf nicht herangezogenen - SS-Bericht über den 20. Juli, 'war er ein Feuergeist und von faszinierender und suggestiver Wirkung auf seine Umgebung ... ein wirklich universeller Mensch, keineswegs ein einseitiger Militär.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.05.2019 - Geschichte

In der NZZ erzählt Marc Neumann die Geschichte der Underground Railroad - jenes geheimen Netzwerks, das bis zu 100.000 Schwarzen die Flucht aus der Sklaverei in die Freiheit der amerikanischen Nordstaaten und Kanadas ermöglichte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.05.2019 - Geschichte

Götz Aly schreibt in seiner Berliner-Zeitungs-Kolumne ein kleines Porträt des Holocaust-Historikers Yehuda Bauer, der mit seinen 93 Jahren nochmal nach Berlin kommt und am nächsten Mittwoch im Centrum Judaicum reden wird: "Er war Soldat im israelischen Unabhängigkeitskrieg, Melker im Wüsten-Kibbutz Shoval, Professor an der Hebräischen Universität Jerusalem, ist Ideengeber und einer, der sich seit jeher für diejenigen interessiert, die anderer Meinung sind als er, um mit ihnen zu streiten, von ihnen zu lernen. Bauer wägt und prüft liebend gern das Neue - die Wiederholung des wissenschaftlichen Konsenses langweilt ihn. Deshalb besuchte er mich im Frühjahr 1988 in Berlin, um eine Wissenslücke zu schließen, um Genaueres über die damals wenig erforschten Euthanasiemorde zu erfahren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.05.2019 - Geschichte

Wer weiß schon etwas "über den Farhud in Bagdad, jenes Pogrom des Jahres 1941, das den Auftakt für das Ende der über zweieinhalbtausend Jahre alten jüdischen Gemeinde im Irak bildete", fragt Stephan Grigat in der NZZ, der unter Bezug auf  die Studie "Die Juden der arabischen Welt" des Historikers Georges Bensoussan die Geschichte der Vertreibung arabischer Juden erzählt: "Von den fast 900.000 in arabischen Ländern vor 1948 lebenden Juden sind heute nur wenige Tausend übrig geblieben, die Mehrheit von ihnen in Marokko und Tunesien. Die Zahlen sind erschütternd: Von den über 250.000 marokkanischen Juden sind nur etwa 2.000 im Land geblieben. In Tunesien lebten 100.000 Juden, heute sind es 1000."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.05.2019 - Geschichte

Das Vergessen ist in der Jugend angekommen. Die 26-jährige Bahlsen-Erbin Verena Bahlsen hat behauptet, dass es den Zwangsarbeitern in der Firma prima ging. Die Zahl der Zwangsarbeiter ging in Deutschland in Kriegszeiten in die Millionen, antwortet Andreas Rüttenauer in der taz unter Bezug auf Mark Spoerers Buch "Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz". "Was Spoerer auch schreibt: Zwangsarbeiter retteten unter lebensgefährlichen Umständen Produktionsanlagen, die später den westdeutschen Reichtum begründeten. Frau Bahlsen kann also auch deswegen so heiter plappern, weil Zwangsarbeiter ihre Haut riskiert haben. Die Verwüstung des europäischen Kontinents, der Genozid an den europäischen Juden, die Kriegsverbrechen der Wehrmacht basieren auf Zwangsarbeit. Und doch wird mit einem Mal über Zwangsarbeit wie über etwas gesprochen, von dem man noch nicht so genau weiß, was es war und was es zu bedeuten hat."

Christoph Kapalschinski versucht, die junge Erbin in einem Handelsblatt-Artikel zu verteidigen. In einem Artikel von ihm stand eine andere Äußerung von ihr - über ihre Lust auf eine Segeljacht -, deren Ironie absichtlich missverstanden worden sei. Ihre Äußerung zur Zwangsarbeit aber kann er nicht verteidigen: "Verena Bahlsen wiederholt .. ein Argument, das widerlegt ist: die Legende vom guten Unternehmer in schweren Zeiten. Wer Verena Bahlsen kennt, kann annehmen: Das macht sie, weil sie es nicht besser weiß - nicht, weil sie Geschichtsrevisionistin ist. Spätestens seit dem Bild-Artikel ist sie jedoch auf Twitter und Facebook Freiwild." Nun ja, sie besitzt ein Viertel einer großen Firma, die Zwangsarbeiter beschäftigte, da hätte sie im Geschichtsunterricht schon ein bisschen aufpassen sollen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.05.2019 - Geschichte

Es ist eines der gut gehüteten Geheimnisse der deutschen Wirtschaftsgeschichte, dass die viel beschworenen Erfolge des Wiederaufbaus oft auf Grundlagen beruhten, die während des Kriegs durch Zwangsarbeit gelegt wurden. Die Keksfirma Bahlsen habe sich nichts zuschulden kommen lassen, sagte die 25-jährige Erbin Verena Bahlsen in einem Bild-Interview, obwohl auch Bahlsen Zwangsarbeiter beschäftigte. Felix Bohr resümiert bei Spiegel online: "Während Opfer des Nationalsozialismus nach 1945 um gesellschaftliche Anerkennung und vielfach um Entschädigung kämpfen mussten, konnte die Unternehmerfamilie im Wirtschaftswunder schnell an ihre alten Erfolge anknüpfen: 1959 beschäftigte sie wieder 1.500 Mitarbeiter."