Kurz wurde es komplett verhüllt - nun wird das antisemitische Werk von
Taring Padi abgebaut, nicht nur SPD und Grüne, etwa Kassels Oberbürgermeister
Christian Geselle und Kulturstaatsministerin
Claudia Roth, rufen jetzt nach Aufklärung.
Der Aufruhr in den Feuilletons ist so groß, als wäre mit antisemitischen Entgleisungen bei dieser Documenta wirklich nicht zu rechnen gewesen. "Sich jetzt überrascht und empört zu zeigen wegen eines Kunstwerks, ist
heuchlerisch", meint Boris Pofalla denn auch in der
Welt und fordert die s
ofortige Entlassung der Geschäftsführung um
Sabine Schormann und des gesamten künstlerischen Teams, schon um die Institution zu retten. Nicht zuletzt Schormanns Statement - "die Trauer über die Unmöglichkeit des Dialogs" - sei aber schon jetzt "eine
Schande, die diese Institution niemals abwaschen wird. Wenn die
Normalisierung von Israelhass in der Kunstwelt sich auf die Documenta fifteen beschränken würde, wäre es mit dem Abhängen einiger Bilder getan. Aber es steckt mehr dahinter. Wenn wie jüngst im Haus der Kulturen der Welt in Berlin, deren Hauptfinanzierer und Aufsichtsratsvorsitzende Claudia Roth ist, von Vortragenden unter Applaus das Klischee vom Kinder ermordenden Staat Israel beschworen wird - und mit
Dirk Moses ein Forscher eingeladen wird, der den Holocaust gegen den Kolonialismus aufrechnet -, dann gehört das genauso bewusst zum Programm der
üppig finanzierten Institution, wie die antisemitischen Wimmelbilder und die israelische Armee als faschistische Legion Condor zum Programm der Documenta gehören." "Das Statement an sich ist im Prinzip auch ein
Skandal", meint auch
Meron Mendel im
Gespräch mit der
Berliner Zeitung. In der
SZ sind Jörg Häntzschel und Catrin Lorch ganz entsetzt, "dass Judenhass in Deutschland nicht nur salonfähig ist, sondern auch
steuerfinanzierte Bühnen gezimmert bekommt." Sie zitieren zudem aus einer Nachricht, die Sabine Schormann an ihre Mitarbeiter schrieb: "Da uns versichert wurde, dass die antisemitische Lesart nicht intendiert war, sondern die Symbolik im indonesischen Kontext zu verstehen ist, dies aber in Deutschland an die Grenzen des Darstellbaren kommt, sehen wir das nicht als Abschlussstatement, sondern als
Ausgangspunkt für eine weitere Diskussion. Damit folgt sie der Argumentation von Taring Padi, die in der Pressemitteilung erklärten: 'Die Figuren, Zeichen, Karikaturen und anderen visuellen Vokabeln in den Werken' seien 'kulturspezifisch auf unsere eigenen Erfahrungen bezogen'. Als sei
Judenhass kulturspezifisch, als sei es nur in Deutschland grässlich, Juden zu verfratzen".
"Hat man sich denn einen
Dialog über die These vorgestellt, für das
Unglück Indonesiens seien Juden und der israelische Auslandsgeheimdienst verantwortlich?", fragt Jürgen Kaube in der
FAZ: "Ist man traurig darüber, dass in Deutschland über
Judenhass nicht diskutiert werden kann? Die ewige Behauptung, antisemitisch sei so etwas nur hierzulande, versucht die eigene Niedertracht oder Indifferenz kulturell zu relativieren." Und Sandra Danicke
kommentiert im Leitartikel der
FR: "Auf ihrer Homepage listet die Documenta auf, wo das Banner zuvor bereits ausgestellt war, ohne Anstoß zu erregen: Australien, Indonesien, China. Was soll das heißen? Schaut her,
anderswo ist man nicht so pingelig?" "Ein
Waterloo für die
postkoloniale Bewegung",
schreibt Andreas Fanizadeh in der
taz. In der
nachtkritik schreibt Janis El-Bira. Auch die
New York Times berichtet heute.
Im
Monopol-Magazin ist Saskia Trebing nicht ganz glücklich über den Abbau des Werks, immerhin komme ein großer Teil der Documenta-Kollektive aus Ländern, in denen es
Zensur gibt. Vor allem aber fordert sie "
verbale Abrüstung" auf beiden Seiten: "Natürlich ist es nicht die Aufgabe von Ruangrupa, die deutsche Vergangenheit aufzuarbeiten. Und Künstlerinnen und Künstler, die unter den
Folgen des Kolonialismus leiden, müssen in ihrer Kritik am Westen
nicht diplomatisch sein. Doch wenn die Kuratoren in ihrer Ausstellung immer wieder Einfühlung in die lokalen Kontexte der beteiligten Kollektive einfordern, können Sie die Tatsache der Shoah in Deutschland nicht ausklammern."
Es war doch
irgendwie vorhersehbar, erkennt Nils Minkmar in der
SZ: "Die US-amerikanische 'Anti-Defamation League' pflegt seit vielen Jahren einen Index antisemitischer Einstellungen in den Ländern der Welt. Für Indonesien wurde ermittelt, dass
47 Prozent der Bevölkerung
antisemitische Klischees oder Einstellungen hegen, in Deutschland sind es 'nur' 27 Prozent. Antisemitismus ist dort, obwohl es nur etwa 200 Juden in Indonesien gibt, ein deutlicher Zug im öffentlichen Diskurs." Aber: "Indonesier wie diese linke Gruppe, die auf der Documenta in Kassel gastiert, sind auch keine Kinder, die es nicht besser wissen können, auch wenn manche aus der
europäisch-
weißen Kunstszene das etwas gönnerhaft nahelegen", sekundiert Ronen Steinke auf der Meinungsseite der
SZ. Ähnlich argumentiert ein zerknirschter Niklas Maak in der
FAZ, der ebenfalls den
Rücktritt der Verantwortlichen fordert. Und auf
ZeitOnline meint Daniel Hornuff: "Die documenta, so scheint es, hat sich als Format einer angeblichen Weltkunstausstellung
überlebt."
Man hätte den Künstlern klarmachen müssen: "Ihr könnt nicht für euren
Judenhass eine
deutsche Bühne benutzen", sagt der Historiker
Wolfgang Benz im
Tagesspiegel-Gespräch (hinter Paywall), kritisiert aber zugleich den
BDS-
Beschluss des Bundestags: "Mein Eindruck ist, dass das Thema
Antisemitismus zur Universalwaffe geworden ist. Wer sie einsetzt und wie sie eingesetzt wird, entscheiden längst nicht mehr diejenigen, die etwas davon verstehen. Klar ist, Judenfeindschaft gehört zu unserem Erbe und man kann nicht sensibel genug sein. Trotzdem: Der Schrei, etwas sei Antisemitismus, geht seit einiger Zeit manchen so leicht über die Lippen, dass das jemanden, der sich seit langem wissenschaftlich damit auseinandersetzt, ziemlich ratlos macht."
Fast wie als Antwort auf Benz zeichnen Nathan Giwerzew und Frederik Schindler in der
Welt weitere "
israelfeindliche Verstrickungen" nicht nur bei anderen Künstlern nach: "Es verwundert wenig, dass derartiges ausgestellt werden kann. Denn nicht nur die Kuratorengruppe weist eine
gefährliche Nähe zu BDS auf, sondern auch der Documenta-Beirat. Auch Documenta-Beiratsmitglied
Amar Kanwar beteiligt sich schon seit über zehn Jahren an zahlreichen Anti-Israel-Boykottaufrufen als Mitglied der Gruppe 'Indian Campaign for the Academic and Cultural Boycott of Israel' (InCACBI). InCACBI rief 2012 zu einer Demonstration vor der israelischen Botschaft in NeuDelhi auf, bei der eine
Strohpuppe verbrannt wurde. Auf ihr war das Gesicht des damaligen US-Präsidenten Barack Obama zu sehen. Die diesjährige Documenta ist in kulturpolitischer Hinsicht ein
antisemitischer Dammbruch."
Besprochen werden die
Ai-
Weiwei-Ausstellung in der Wiener Albertina modern, ("Nach einem so gewaltigen Augenöffner wie Ai Weiwei wird man lange suchen können",
meint Arno Widmann in der
FR), die Ausstellung "Die Schrecken des Kriegs.
Goya und die Gegenwart" in der Wiener Albertina, die Fotografien aus Krieg in der Ukraine Gemälden von Goya gegenüberstellt (
FAZ) und die Ausstellung "
Hinter Mauern" in der Heidelberger Sammlung Prinzhorn (
FAZ).