Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.06.2022 - Kunst

Im Standard berichtet Jo Angerer, dass der russischen Künstlerin und LGBT-Aktivistin Julia Zwetkowa drei Jahre Haft drohen, die Staatsanwaltschaft von Komsomolsk findet Zwetkowas Arbeiten anstößig: "Seit Jahren erhält sie Strafen, weil sie etwa gleichgeschlechtliche Paare mit Regenbogenmotiven abbildet. Die Zeichnungen weiblicher Geschlechtsorgane, für deren Veröffentlichung im Netz sie jetzt ins Straflager soll, gehören zu einer Sammlung mit dem Titel 'Eine Frau ist keine Puppe'. Ihre Werke sieht die Künstlerin, wie im Übrigen auch viele Kunstexperten, die auf Gemälde großer Meister von nackten Frauen in den Museen der Welt verweisen, als das krasse Gegenteil von Pornografie. Menstruation, Falten, Dehnungsstreifen, graue Haare und Körperbehaarung werden thematisiert."

Weiteres: In der NZZ stellt Thomas Ribi fest, dass das neue Leitungsduo des  Kunsthaus Zürich, Ann Demeester und Philipp Hildebrand, bei seinem Amtsantritt Antworten schuldig geblieben ist, vor allem auf Fragen der Provenienzforschung zur inkriminierten Bührle-Sammlung. In der FR spaziert Claus Leggewie recht angeregt über die Berlin Biennale, mit der ihm der französische Künstler Kader Attia die Lücken in seinem kolonialgeschichtlichen Gedächtnis füllt. Im Tagesspiegel meldet Nicola Kuhn erleichtert, dass die Rieckhallen dem Hamburger Bahnhof erhalten bleiben. In der Berliner Zeitung empört sich Ingeborg Ruthe, dass sich die Berliner SPD dezidiert hinter den Unternehmer Walter Smeling und seine private Pseude-Kunsthalle am Flughafen Tempelhof stellt. Und "irgendie ganz schön toll" findet Julia Werner in der SZ die Yacht, die Jeff Koons für den zypriotischen Bau-Milliardär Dakis Joannou in Pop-Art-Manier gestaltet hat und die jetzt vor Hydra den stilbewussten Kunst-Jetset beeindruckt: "Aber: Eine Dior-Tasche wäre hier verpönt, man ist nicht auf Mykonos."


Besprochen werden eine Ausstellung über die Fotografin Sibylle Bergemann in der Berlinischen Galerie (taz), die Isamu-Noguchi-Ausstellung im Kölner Museum Ludwig (FAZ) und die Ausstellung "Diversion", für die der New Yorker Künstler Asad Raza den Main ins Frankfurter Kunsthaus Portikus umleitet (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.06.2022 - Kunst

Susan Meiselas: Lena on the Bally Box, Essex Junction, Vermont, 1973. Bild: C/O Berlin 

Susan Meiselas gehört zu den großen Fotoreporterinnen der Agentur Magnum. Doch in der Ausstellung "Mediations" im C/O Berlin interessieren FAZ-Kritiker Andreas Kilb gar nicht mal die berühmten Bilder aus Nicaragua und El Salvador, vielmehr trifft ihn die Serie "Carnival Strippers" von 1975 wie ein Schlag, schreibt Kilb. "Man sieht nackte und halb nackte, von Schwangerschaftsstreifen, Operationsnarben, Alkohol und Übergewicht gezeichnete Frauen und die Gesichter der Kunden, denen sie sich darbieten. Man erkennt aber auch, dass die Umgebung, in der die Frauen auftreten, das Zerrbild einer Gesellschaft ist, in der Sex und Geld untrennbar verbunden sind. In diesem Maschinenraum des amerikanischen Traums wird das Streben nach Glückseligkeit zur Parodie des Begehrens. Aber die Objekte dieser traurigen Triebökonomie bekommen bei Meiselas eine Würde, die sie auf eine Stufe mit Königinnen und Filmstars stellt." Über Meiselas hat Perlentaucher Thierry Chervel vor einiger Zeit ein grundsätzlicheres Fotolot geschrieben.

Der kubanische Künstler Luis Manuel Otero Alcántara ist wegen Herabwürdigung des kubanischen Nationalgefühls zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden, meldet Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung: "Grund der Anklage und des Urteils des Obersten Gerichts in Havanna ist unter anderem ein Medienkunstwerk, in dem  Alcántara mit der Nationalflagge hantiert und in ironisch-drastischer Weise Kritik übt an den undemokratischen Verhältnissen auf der Karibikinsel, an Demagogie, Unfreiheit, Schwulenverfolgung, Mangelwirtschaft und Korruption. Schon seit 2021 in U-Haft, war er aus Protest in einen lebensbedrohlichen Hunger- und Durst-Streik getreten, woraufhin es zur Zwangseinweisung in ein Hospital kam. Darüber verhängten die Behörden eine Nachrichtensperre."

"Grob falsch" findet Meron Mendel es im FR-Interview, die Documenta insgesamt als "Antisemita" abzuqualifizieren, wie es Sascha Lobo im Spiegel  tat (unser Resümee). Dass Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt, jetzt für die Kunstschau die Bilder auf einen möglichen antisemitischen Gehalt überprüfen soll, erscheint ihm selbst zwar etwas spät, aber nicht falsch. Er rät grundsätzlich zur Prüfung des Einzelfalls. Über ein palästinensisches Bild, das Interviewerin Lisa Berins als angelehnt an Delacroix' Gemälde "Die Freiheit führt das Volk" beschreibt, sagt er etwa: "Dass Menschen in Gaza in Bezug auf den Konflikt einseitig sind, dass es bis hin zu Hass gegenüber Israel geht, ist erst mal nachvollziehbar - ob ihre Einstellung nun berechtigt ist oder nicht. Die echte Grenzüberschreitung findet statt, wenn sich der Hass gegen Juden selbst richtet und nicht mehr gegen einen Staat."

Weiteres: Leider nicht online ist das Interview mit Peter Sloterdijk aus der Berliner Zeitung, in dem er vor allem auch den postkolonialen Ansatz der Documenta deutet: "Das Unrecht, im vormaligen Zentrum zu stehen, wird so stark empfunden, dass man lieber Interpretation erleidet als ausübt." In der FAZ spricht Brita Sachs mit dem spanischen Architekten Santiago Calatrava, dessen Skulpturen und Zeichnungen die Münchner Glyptothek in der Ausstellung "Jenseits von Hellas" zeigt. Andreas Hartmann besucht für die taz das Berliner Kunstfestival "48 Stunden Neukölln".

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.06.2022 - Kunst

"Wir sind keine Antisemiten. Wir wissen nicht einmal, wer hier über uns urteilt", sagten Taring Padi gegenüber dem Spiegel, wie Birgit Rieger im Tagesspiegel meldet: "'Ich dachte, dass man als Künstler gerade in einem Land wie Deutschland, in dem Meinungsfreiheit herrscht, sich über mehr Grenzen hinwegsetzen darf', so Sri Maryanto, ein Kollektivmitglied, das laut Spiegel in München lebt und dort studiert hat. Die Ereignisse in Kassel und der Umgang damit seien für das Kollektiv 'ein Schock'. Rieger kommentiert: "Was für ein Desaster. Taring Padis Äußerungen machen die Lage in keiner Hinsicht besser. Auch wenn - was absurd ist- wirklich niemand von den Ruangrupa-Kurator:innen vor der Installation auf das riesige Bild geschaut haben sollte, muss man von Künstlern, von denen einige seit Jahren in Deutschland leben, mehr Sensibilität erwarten. Taring Padi und Ruangrupa kennen sich lange, Mitglieder beider Gruppen haben an der Kunsthochschule in Jakarta studiert." "Dafür steht das Prinzip Kollektiv nämlich auch: für einen Herrschaftsgestus, der, Harmlosigkeit vorschützend, sich der Rechenschaft entzieht", schreibt Jan Küveler in der Welt.

Es sind "nicht einzelne Ausrutscher, die hier wehtun. Es ist die Systematik", kommentiert Andreas Fanizadeh in der taz: "Unter der kulturalistischen Behauptung, ein 'Globaler Norden' agiere gegen einen 'Globalen Süden', werden wie früher bei Maoisten und Marxisten-Leninisten sämtliche 'Nebenwidersprüche' ausradiert. Hamas und viele Fraktionen der PLO stehen für repressive paternalistische Systeme und korrupte Kriegsökonomien. Doch für alle intern verursachten Missstände machen sie einen äußeren Feind verantwortlich: Israel, die USA, die Demokratien des Westens. (...) Von Freiheit der Kunst braucht man da erst gar nicht zu sprechen. Und sie haben Israel als demokratische Bedrohung im Visier, ähnlich wie Putins Russland die Ukraine." Und "warum sind die nach Deutschland und Europa ausgewanderten großen Migrations- und Flüchtlingsgruppen" eigentlich nicht vertreten? "Passen sie schlicht nicht ins ideologische Schema einer postkolonialen Kritik, die nach Authentizität im Ausland sucht, um so den globalisierten Kapitalismus und den Norden leichter angreifen zu können?"

Wäre es so schlimm, wenn das die letzte Documenta gewesen wäre?, fragt Peter Richter in der SZ. Der Kunstprofessor Daniel Hornuff hatte bereits auf ZeitOnline diese Woche geschrieben, "dass das Konzept der Weltkunstschau am Ende ist" (Unser Resümee). Und auch Hito Steyerl forderte, die Documenta müsse "vom überheblichen Paradigma der Weltkunstschau Abschied nehmen". Richter meint: "Die Biennale von Venedig ist am Ende wiederum die gültigere 'Weltkunstschau' in dem Sinn, dass hier neben den thetischen Setzungen des Kurators der Hauptausstellung in den davon unabhängigen Länderpavillons ein wirklich diverses Bild davon vermittelt wird, was rund um den Globus gerade jeweils so als relevant angesehen wird." Auf Seite 3 der SZ resümieren Moritz Baumstieger, Jörg Häntzschel und Catrin Lorch die Chronologie des Skandals. Und erfahren nebenbei, dass Sabine Schormann keinen Rücktritt plant: "Der Kapitän, sagt Schormann, geht in stürmischen Zeiten nicht von Bord."

Einige Mitglieder von Ruangrupa fühlen sich derweil zu Unrecht angegriffen, weiß Niklas Maak in der FAS: "Nach der unerwartet kritischen Rede Steinmeiers habe sich Ruangrupa zunächst geweigert, am Festessen teilzunehmen, nur zwei Mitglieder waren laut Aussagen eines Teilnehmers dazu zu bewegen, doch mitzukommen. Einige Mitglieder und Kollektive erwägen offenbar eine Abreise aus Kassel." Auch der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, kritisiert den Umgang der documenta-Leitung mit der Kritik, meldet unter anderem ZeitOnline.

Bild: George Nuku. Ausstellungsansicht. Weltmuseum Wien. © KHM-Museumsverband

Das Wiener Weltmuseum hat dem Maori-Künstler George Nuku mit "Oceans. Collections. Reflections" die bisher größte Einzelausstellung Im Standard staunt Stefan Weiss, wie exzellent hier Völkerkunde mit Gegenwartskunst verbunden wird: "Das Spezielle an Nukus Werk: Er bricht mit der Vorstellung, Kunst, die sich mit der Natur beschäftigt, müsse auch mit Naturmaterialien arbeiten. Denn Nukus Werkstoff besteht ausschließlich und ausgerechnet aus Plastikflaschen, Plastikverpackungen und Styropor. Fische, Götter, Ornamente, all das formt und schnitzt er aus unserem Zivilisationsmüll . (…) Nuku spricht gerne und viel über sein Werk: Plastik, meint er, sei für ihn nichts Künstliches, denn es wird aus Erdöl gemacht. In fossilen Brennstoffen steckte eigentlich nichts Böses, sondern der Geist jahrtausendealter Organismen bis hin zu den Dinosauriern. Was sich ändern müsse, sei unsere Beziehung zum Plastik."

Außerdem: Im Perlentaucher-Fotolot resümiert Peter Truschner die Marion-Kalter-Ausstellung im Salzburger Museum der Moderne: "Ein Geheimnis von Kalters teils großartigen Porträts prominenter ZeitgenossInnen liegt darin, dass 'die Berühmten' (Thomas Bernhard) die Frau mit der Kamera nicht nur im Zuge von Ausstellungen und Konzerten, sondern auch im privaten, geradezu intimen Umfeld einfach gewähren ließen, wenn sie wie nebenbei ein Foto von ihnen machte - egal, ob es sich dabei um Agnes Varda, James Baldwin oder John Cage handelte. Das macht den Zauber von Kalters Fotos aus: Nur wenige nehmen vor Kalter eine - ob exaltierte oder beiläufige - Pose ein, ebenso wenig versucht Kalter, sie zu einer solchen zu verführen." Für die FAZ besucht Oliver Jungen die Villa des Kunstsammlerpaares Peter und Irene Ludwig, die der Künstler Andreas Schmitten zum 25jährigen Jubiläum der Stiftung in gleißendes Pink getaucht hat.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.06.2022 - Kunst

"Die Kuratorenrolle liegt nicht bei der Geschäftsführung", weist Sabine Schormann im Gespräch mit der HNA die Vorwürfe gegen sie zurück: "Ruangrupa und die Künstler haben versichert, dass es keinen Antisemitismus geben wird. Das Problem ist, dass es aus ihrer Sicht keiner ist. Und an dieser Stelle liegt das Missverständnis. Sie haben ihre Aufgabe aus ihrer Perspektive wahrgenommen, und es ist ihnen aufgrund unserer unterschiedlichen kulturellen Erfahrungsräume zu spät aufgefallen, dass ein solches Motiv in Deutschland absolut inakzeptabel ist." Geplant ist nun eine Gesprächsreihe zum Antisemitismus-Eklat.

In der Welt will Swantje Karich das Schormann so einfach nicht durchgehen lassen: "Sie trägt für diese Eskalation die unmittelbare Verantwortung, denn ihre Funktion bei der Documenta ist nicht nur die einer Geschäftsführerin, die nur Finanzen sortiert; Schormann ist die Generaldirektorin. Als solche hat sie Ruangrupa immer gegen alle Kritik abgeschirmt, saß bei den Interviews mit dem Künstlerkollektiv ohne vorherige Ankündigung dabei und wehrte unliebsame Fragen ab. Unter ihrer Direktion wurde jede Auseinandersetzung mit Antisemitismus bereits im Vorfeld als Rassismus der Medien abgewehrt." Immerhin Jörg Sperling, langjähriger Vorsitzender des Documenta-Forums ist zurückgetreten, meldet ZeitOnline.

Inzwischen hat sich auch Ruangrupa geäußert: "Wir entschuldigen uns für die Enttäuschung, die Schande, Frustration, Verrat und den Schock, den dieses Stereotyp bei den Zuschauern und dem ganzen Team verursacht hat", teilen sie mit und wollen sich nun in Geschichte und Gegenwart des Antisemitismus weiterbilden. Taring Padi plant indes "am Friedrichsplatz, wo zuvor ihr Banner stand, ein javanisches Reinigungsritual, bei dem böse Geister ausgetrieben werden", meldet Nicola Kuhn im Tagesspiegel. Und Claudia Roth hat einen Fünf-Punkte-Plan aufgestellt, in dem sie einen Platz im Aufsichtsrat zurückfordert. Ruangrupa sollte sich aus Kassel zurückziehen, meint Stefan Trinks in der FAZ, der auch Heinz Bude nicht aus der Verantwortung lassen will: Der hatte vergangenen Freitag in der ZDF-Sendung Aspekte gesagt: "Ich glaube, die allermeisten Gegenwartskünstler haben irgendwie eine Sympathie für den BDS."

So weit, so gut? Nicht ganz, wenn es nach Anwalt Peter Raue geht. Der fragt in der SZ: "Können sich die Leiterin der Documenta und können sich die Künstlergruppen mit ihren Arbeiten auf Meinungsfreiheit/Kunstfreiheit berufen?" Mohammed Al Hawajris "Guernica Gaza" mag gerade noch von der Meinungsfreiheit gedeckt sein, die Arbeit von Taring Padi nicht, schreibt er: Sie erfülle den Tatbestand der Volksverhetzung. In der Berliner Zeitung kommentiert Harry Nutt: "Das politische Totalversagen ist umfassend, es würde allein durch eine unkommentierte Sammlung von Zitaten der oben genannten Amtsträger evident. Im Kern rührt es aus einem rudimentären Verständnis der Kunstfreiheit, die weder als gültiger Glaubenssatz noch als Wert an sich zu haben ist."

"Willkommen auf der Antisemita 15", fasst Sascha Lobo in seiner Spiegel-Kolumne die Reaktionen der Verantwortlichen zusammen: "Das Künstlerkollektiv versteht unter Dialog, dass sein Judenhass gefälligst akzeptiert werde und man von da aus weiterreden könne. Es ist, als säße der Mörder auf der Leiche und würde jetzt verlangen, dass man zunächst seine spezielle Lebenssituation anerkenne. Nein Bro, zu spät. Aber die Leitung der Documenta schuf ein Fanal der Antisemitismusakzeptanz."

Ebenfalls für die Berliner Zeitung resümiert Harry Nutt das Interview, das Bazon Brock dem Dlf zur Documenta gegeben hat: "Die diesjährige Documenta zeige triumphal, was gegenwärtig in der Welt der Fall ist. In allen totalitären Regimen von Putin, Erdogan bis Xi Jinping, so führte Bazon Brock aus, werde die Front des Kulturalismus gestärkt, und längst werde auch im Westen nur noch das Kollektiv der Kulturen anerkannt. Jede Autorität der Autorschaft, die einmal das Prinzip der westlichen Intellektualität war, werde ein für alle Mal liquidiert."

In der Berliner Zeitung ist Hanno Hauenstein ganz bestürzt über die Debatte der vergangenen Tage. Das Bild von Taring Padi ist antisemitisch, Ruangrupa hat sich entschuldigt. Können wir jetzt wieder über Rassismus und Kolonialismus reden? "Woher, fragt man sich, kommt jenes Begehren, vermeintlich unversöhnliche Gräben noch weiter aufzureißen und minoritäre Positionen gegeneinander auszuspielen? Was hier spricht, ist alte deutsche Nullsummenmentalität."

Bild: Ugo Rondinone. Nude (XXXX). 2010. Wachs, Erde, Pigmente. Courtesy der Künstler und Gladstone Gallery, New York und Brüssel. Foto: Stefan Altenburger.

Sensibilität, Sinnlichkeit und allgemeine Verständlichkeit findet Rose-Maria Gropp (FAZ) in den Werken des Schweizer Künstlers Ugo Rondinone, dem die Frankfurter Schirn mit "Life Time" nun eine erste große Überblicksschau in Deutschland widmet. "So beherrscht den zweiten Raum eine monumentale, eigens für den Ort geschaffene Arbeit aus der Serie 'curved standing landscape', die seit 2020 entsteht. Die riesige Skulptur aus einem dunkelbraunen Erdgemisch wölbt sich in sanfter Rundung bis fast unter die hohe Decke, einer aus der Horizontale in die Vertikale gehobenen Formation gleich - ein Stück natürlicher Außenwelt, als Fiktion ins Innen geholt. Vor der Erdwand sind vierzehn lebensgroße Plastiken gruppiert, Tänzerinnen und Tänzer, alle in Phasen des Ruhens, selbstversunken. Das Wachs, aus dem sie gegossen sind, ist mit Erdpigmenten angereichert, die ihrer Haut die eigentümliche Färbung geben. Ihre Intaktheit ist nur scheinbar, weil ihre Körperteile durch Nahtstellen, manchmal mit sichtbaren Lücken, verbunden sind. Die Gebrechlichkeit der Existenz wird Gestalt, als Gliederpuppe, als Fragment, ein Nachhall von der Sehnsucht verlorener Intaktheit." In der FR bespricht Sandra Danicke die Ausstellung.

Besprochen werden außerdem zwei Ausstellungen des afroamerikanischen Medienkünstlers Tony Cokes im Kunstverein und im Haus der Kunst München (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.06.2022 - Kunst

Olaf Scholz will der Documenta fernbleiben, die antisemitischen Abbildungen nannte er gegenüber der Jüdischen Allgemeinen "abscheulich". Die Zeitung wiederum fordert den Rücktritt von Claudia Roth.


Taring Padi steht derweil unter Polizeischutz, berichten Claas Oberstadt und Tobias Timm in der Zeit, die auch mit dem Kollektiv gesprochen hat: "'Wir waren naiv' sagt ein Mitglied von Taring Padi, das seinen Namen nicht genannt wissen will, am Dienstag der Zeit: 'Als wir das Banner aufbauten, fielen uns die beiden Figuren nicht auf. Wir machten uns mehr Sorgen um die roten Sterne, die immer wieder in unseren Arbeiten auftauchen. Wir hatten Angst, dass die Menschen jetzt während des Kriegs in der Ukraine den roten Stern mit der russischen Armee gleichsetzen würden. Wir waren ziemlich besorgt deshalb.'" Protestieren gegen den Abbau wollen sie nicht: "Wir werden es nicht freiwillig abnehmen. Wir sind allerdings Gäste hier, wir werden keine Verwüstung anrichten im Haus unseres Gastgebers. Das ist unser Prinzip. Wenn man uns nicht mehr willkommen heißt, dann gehen wir. Leise."

"Müssen die Grenzen der Kunstfreiheit neu gezogen werden?", fragt Hanno Rauterberg ebenfalls in der Zeit, auch mit Blick auf die Rede Steinmeiers, der die Anerkennung Israels in Deutschland als Voraussetzung der Debatte benannte: "So kann man das natürlich machen: von den Künstlern aus aller Welt verlangen, dass sie die Staatsräson der Deutschen, ihre 'kulturspezifischen' Vorbehalte beherzigen. Das hat jedoch seinen Preis. Schließlich war die Freiheit der Kunst ja auch und gerade für Quertreiber gedacht, für ihre widrigen Ideen, ihre politisch-moralischen Abstrusitäten. Wer sie jetzt, aus verständlichen Gründen, einhegen will, erweckt nicht nur im globalen Süden den Eindruck, dass der ach so freie Westen auf seine Weise ganz schön unfrei und ausgrenzend sein kann." Rauterbergs Konsequenz: "Die alte Idee einer alles und alle einbindenden Weltkunstschau kann nicht gelingen, sie verdankt sich einem kolonialen Denken, das nicht mehr in die Zeit passt."

"Es ist nach wie vor richtig, dass der Staat sich nicht in praktische Belange der Kultur einzumischen habe, auch nicht schnüffelnd, aber wenn er nicht einmal für Gremien sorgt, die ein großes Kulturereignis überblicken, dann bleibt das nicht ohne Folgen", schreibt indes Thomas E. Schmidt in der Zeit. Aber: "Es wird ihm in Zukunft schwerer fallen, sich herauszuhalten, wo 42 Millionen Euro öffentliches Geld für ein Kulturevent ausgegeben werden. Das ist für die Kunst langfristig nicht gut. Fällt die Documenta fifteen nun also unter den Bundestagsbeschluss in Sachen BDS von 2019, der Kulturveranstaltungen öffentlich zu fördern untersagt, wenn der israelbezogene Vernichtungswille von BDS im Spiel ist? War die Durchführung der Documenta sogar ein Verstoß gegen diesen Beschluss?" Und Peter Kümmel kann in der Zeit nicht fassen, wie die Verantwortlichen zunächst auf die Idee der Verhüllung kommen konnten. (Mehr im heutigen 9Punkt)

Kommunen, Kollektive, Kooperativen, Kunst nicht als Markt gedacht - das sind alles Ideen, die es auch im Westen schon lange gibt, erinnert Peter Richter in der SZ. "Was vor diesem Hintergrund bei dieser Documenta besonders bemerkenswert ist, das ist die Entschlossenheit zur diskursiven Exotisierung solcher Dinge als Offenbarungen eines 'globalen Südens', der 'dem Norden' beziehungsweise 'dem Westen' bisher ungesehene Lichter aufstecke." Zumal schon der Begriff "globaler Süden" problematisch sei. "Seit vier Monaten kämpft die Ukraine nun explizit dafür, dem Westen angehören zu dürfen, der in dieser simplen Dichotomie zum Norden wird. Seit vier Monaten wird dieser Westen jetzt täglich aufs Neue zu Hilfe gerufen und als Wertegemeinschaft beschworen, während Russland das Land in eine ganz andere Richtung zu ziehen versucht und sich auffällig viele Länder des Südens lieber nicht zu eindeutig auf eine Seite schlagen wollen." Da klingen die alten Begriffe von Erster, Zweiter und Dritter Welt für Richter "wieder deutlich zeitgemäßer als die Romantisierung eines 'globalen Südens' für sein begeistert über den Kamm geschorenes Nicht-westlich-sein bei einer Kunstausstellung im vergleichsweise auch in Fragen der finanziellen Ausstattung sehr hohen Norden."

"Den Makel der Fahrlässigkeit, den Stempel des Antisemitismus wird diese Documenta nicht mehr los", kommentiert Nicola Kuhn im Tagesspiegel.

Besprochen werden die Ausstellung "Weißer Regen" der Künstlerin Harriet Groß in der Berliner Guardini Galerie (Tagesspiegel), die Ausstellung "Cranach der Wilde. Die Anfänge in Wien" im KHM in Wien (FAZ) und die Ausstellung "Mondrian Evolution" in der Basler Fondation Beyeler (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.06.2022 - Kunst

Kurz wurde es komplett verhüllt - nun wird das antisemitische Werk von Taring Padi abgebaut, nicht nur SPD und Grüne, etwa Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle und Kulturstaatsministerin Claudia Roth, rufen jetzt nach Aufklärung.

Der Aufruhr in den Feuilletons ist so groß, als wäre mit antisemitischen Entgleisungen bei dieser Documenta wirklich nicht zu rechnen gewesen. "Sich jetzt überrascht und empört zu zeigen wegen eines Kunstwerks, ist heuchlerisch", meint Boris Pofalla denn auch in der Welt und fordert die sofortige Entlassung der Geschäftsführung um Sabine Schormann und des gesamten künstlerischen Teams, schon um die Institution zu retten. Nicht zuletzt Schormanns Statement - "die Trauer über die Unmöglichkeit des Dialogs" - sei aber schon jetzt "eine Schande, die diese Institution niemals abwaschen wird. Wenn die Normalisierung von Israelhass in der Kunstwelt sich auf die Documenta fifteen beschränken würde, wäre es mit dem Abhängen einiger Bilder getan. Aber es steckt mehr dahinter. Wenn wie jüngst im Haus der Kulturen der Welt in Berlin, deren Hauptfinanzierer und Aufsichtsratsvorsitzende Claudia Roth ist, von Vortragenden unter Applaus das Klischee vom Kinder ermordenden Staat Israel beschworen wird - und mit Dirk Moses ein Forscher eingeladen wird, der den Holocaust gegen den Kolonialismus aufrechnet -, dann gehört das genauso bewusst zum Programm der üppig finanzierten Institution, wie die antisemitischen Wimmelbilder und die israelische Armee als faschistische Legion Condor zum Programm der Documenta gehören." "Das Statement an sich ist im Prinzip auch ein Skandal", meint auch Meron Mendel im Gespräch mit der Berliner Zeitung.

In der SZ sind Jörg Häntzschel und Catrin Lorch ganz entsetzt, "dass Judenhass in Deutschland nicht nur salonfähig ist, sondern auch steuerfinanzierte Bühnen gezimmert bekommt." Sie zitieren zudem aus einer Nachricht, die Sabine Schormann an ihre Mitarbeiter schrieb: "Da uns versichert wurde, dass die antisemitische Lesart nicht intendiert war, sondern die Symbolik im indonesischen Kontext zu verstehen ist, dies aber in Deutschland an die Grenzen des Darstellbaren kommt, sehen wir das nicht als Abschlussstatement, sondern als Ausgangspunkt für eine weitere Diskussion. Damit folgt sie der Argumentation von Taring Padi, die in der Pressemitteilung erklärten: 'Die Figuren, Zeichen, Karikaturen und anderen visuellen Vokabeln in den Werken' seien 'kulturspezifisch auf unsere eigenen Erfahrungen bezogen'. Als sei Judenhass kulturspezifisch, als sei es nur in Deutschland grässlich, Juden zu verfratzen".

"Hat man sich denn einen Dialog über die These vorgestellt, für das Unglück Indonesiens seien Juden und der israelische Auslandsgeheimdienst verantwortlich?", fragt Jürgen Kaube in der FAZ: "Ist man traurig darüber, dass in Deutschland über Judenhass nicht diskutiert werden kann? Die ewige Behauptung, antisemitisch sei so etwas nur hierzulande, versucht die eigene Niedertracht oder Indifferenz kulturell zu relativieren." Und Sandra Danicke kommentiert im Leitartikel der FR: "Auf ihrer Homepage listet die Documenta auf, wo das Banner zuvor bereits ausgestellt war, ohne Anstoß zu erregen: Australien, Indonesien, China. Was soll das heißen? Schaut her, anderswo ist man nicht so pingelig?" "Ein Waterloo für die postkoloniale Bewegung", schreibt Andreas Fanizadeh in der taz. In der nachtkritik schreibt Janis El-Bira. Auch die New York Times berichtet heute.

Im Monopol-Magazin ist Saskia Trebing nicht ganz glücklich über den Abbau des Werks, immerhin komme ein großer Teil der Documenta-Kollektive aus Ländern, in denen es Zensur gibt. Vor allem aber fordert sie "verbale Abrüstung" auf beiden Seiten: "Natürlich ist es nicht die Aufgabe von Ruangrupa, die deutsche Vergangenheit aufzuarbeiten. Und Künstlerinnen und Künstler, die unter den Folgen des Kolonialismus leiden, müssen in ihrer Kritik am Westen nicht diplomatisch sein. Doch wenn die Kuratoren in ihrer Ausstellung immer wieder Einfühlung in die lokalen Kontexte der beteiligten Kollektive einfordern, können Sie die Tatsache der Shoah in Deutschland nicht ausklammern."

Es war doch irgendwie vorhersehbar, erkennt Nils Minkmar in der SZ: "Die US-amerikanische 'Anti-Defamation League' pflegt seit vielen Jahren einen Index antisemitischer Einstellungen in den Ländern der Welt. Für Indonesien wurde ermittelt, dass 47 Prozent der Bevölkerung antisemitische Klischees oder Einstellungen hegen, in Deutschland sind es 'nur' 27 Prozent. Antisemitismus ist dort, obwohl es nur etwa 200 Juden in Indonesien gibt, ein deutlicher Zug im öffentlichen Diskurs." Aber: "Indonesier wie diese linke Gruppe, die auf der Documenta in Kassel gastiert, sind auch keine Kinder, die es nicht besser wissen können, auch wenn manche aus der europäisch-weißen Kunstszene das etwas gönnerhaft nahelegen", sekundiert Ronen Steinke auf der Meinungsseite der SZ. Ähnlich argumentiert ein zerknirschter Niklas Maak in der FAZ, der ebenfalls den Rücktritt der Verantwortlichen fordert. Und auf ZeitOnline meint Daniel Hornuff: "Die documenta, so scheint es, hat sich als Format einer angeblichen Weltkunstausstellung überlebt."

Man hätte den Künstlern klarmachen müssen: "Ihr könnt nicht für euren Judenhass eine deutsche Bühne benutzen", sagt der Historiker Wolfgang Benz im Tagesspiegel-Gespräch (hinter Paywall), kritisiert aber zugleich den BDS-Beschluss des Bundestags: "Mein Eindruck ist, dass das Thema Antisemitismus zur Universalwaffe geworden ist. Wer sie einsetzt und wie sie eingesetzt wird, entscheiden längst nicht mehr diejenigen, die etwas davon verstehen. Klar ist, Judenfeindschaft gehört zu unserem Erbe und man kann nicht sensibel genug sein. Trotzdem: Der Schrei, etwas sei Antisemitismus, geht seit einiger Zeit manchen so leicht über die Lippen, dass das jemanden, der sich seit langem wissenschaftlich damit auseinandersetzt, ziemlich ratlos macht."

Fast wie als Antwort auf Benz zeichnen Nathan Giwerzew und Frederik Schindler in der Welt weitere "israelfeindliche Verstrickungen" nicht nur bei anderen Künstlern nach: "Es verwundert wenig, dass derartiges ausgestellt werden kann. Denn nicht nur die Kuratorengruppe weist eine gefährliche Nähe zu BDS auf, sondern auch der Documenta-Beirat. Auch Documenta-Beiratsmitglied Amar Kanwar beteiligt sich schon seit über zehn Jahren an zahlreichen Anti-Israel-Boykottaufrufen als Mitglied der Gruppe 'Indian Campaign for the Academic and Cultural Boycott of Israel' (InCACBI). InCACBI rief 2012 zu einer Demonstration vor der israelischen Botschaft in NeuDelhi auf, bei der eine Strohpuppe verbrannt wurde. Auf ihr war das Gesicht des damaligen US-Präsidenten Barack Obama zu sehen. Die diesjährige Documenta ist in kulturpolitischer Hinsicht ein antisemitischer Dammbruch."

Besprochen werden die Ai-Weiwei-Ausstellung in der Wiener Albertina modern, ("Nach einem so gewaltigen Augenöffner wie Ai Weiwei wird man lange suchen können", meint Arno Widmann in der FR), die Ausstellung "Die Schrecken des Kriegs. Goya und die Gegenwart" in der Wiener Albertina, die Fotografien aus Krieg in der Ukraine Gemälden von Goya gegenüberstellt (FAZ) und die Ausstellung "Hinter Mauern" in der Heidelberger Sammlung Prinzhorn (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.06.2022 - Kunst

Documenta-Drama nächster Akt: Das indonesische Künstlerkollektiv Taring Padi zeigt in der Nähe des Fridericianums ein neun mal zwölf Meter großes, an ein Schlachtengemälde erinnerndes Wimmelbild, zu sehen sind unter anderem ein Schwein mit Davidstern, auf dessen Helm "Mossad" steht und die Karikatur eines orthodoxen Juden, mit Raffzähnen und SS-Runen auf dem Hut.

Die SZ, bisher ein eiserner Verteidiger Ruangrupas, stöhnt auf, versucht aber nicht, die Sache schön zu reden: "Die Frage, ob auf der Documenta Antisemitismus einen Platz hat, ist mit dem Werk von Taring Padi aufs Übelste beantwortet", schreiben Jörg Häntzschel, Catrin Lorch und Nele Pollatschek in der SZ und recherchieren, weshalb das Riesenwerk bisher übersehen wurde: Es war erst am Freitag gegen 17 Uhr installiert worden, weil es eingerissen war und an den Rändern von einem Sattler verstärkt werden musste: "Die Fragen, die sich nun stellen, sind unangenehm bis unwürdig, und sie sind von großer Tragweite, weit über die Kunstwelt hinaus. Ist das skandalöse Riesenbild aus Canvas tatsächlich gerissen? Haben sich wirklich deutsche Restauratoren im Auftrag der Weltkunstschau über ein Werk gebeugt, das Juden mit blutroten Augen, geschliffenen Zähnen, SS-Runen oder mit Schweinefratzen zeigt, um es dann hissen zu lassen? Warum sind die Kuratoren, die veranstaltende Documenta GmbH oder die Stadt Kassel nicht eingeschritten? Kontrollverlust oder ein vorsätzlicher Anschlag auf die Weltkunstschau?"

Entdeckt hat die Bilder der Twitter-Nutzer Thorsten Sommer (nicht mal 200 Follower) und löste einen Sturm aus. Twitter hat die Bilder dann teilweise wegen Bedenklichkeit gesperrt:


"Die Documenta fördert Propaganda im Goebbels-Stil", twittert etwa die israelische Botschaft, Meron Mendel sagt gegenüber der Berliner Zeitung: "Dass im Zentrum der Documenta Juden diffamiert und beleidigt werden, darf von den Kuratoren nicht übersehen werden. Das verwundert auch insofern, dass man in der Folge der vorherigen Vorwürfe immer wieder beteuert hatte, alles genau geprüft zu haben und keinen Antisemitismus zu tolerieren." Und auch Claudia Roth erkennt jetzt die "antisemitische Bildsprache". Und die Deutsch-Israelische Gesellschaft legt die Sache der Staatsanwaltschaft vor.


"Die Künstler von Taring Padi waren am Samstag bei einer ekelhaften BDS-Demonstration dabei. Alles mit Ansage", schreibt Ulf Poschardt in der Welt und fragt: Wer übernimmt jetzt die Verantwortung? "Richtig blamiert sind einige der deutschen Großkritiker, die sich die antikapitalistische Folklore als so eine niedliche Völkerschau des Globalen Südens mit der klassischen paternalistischen Geste hübsch gesehen haben. Heiter finden die das, oder als eine Utopie für alle, so, als hätte der EineWeltLaden von nebenan die wichtigste Kunstmesse des alten Westens kuratiert."

Elke Buhr, gerade noch wie viele andere empört über die Steinmeier-Rede ("Nirgendwo auf der Documenta wird das Existenzrecht Israels in Frage gestellt", unser Resümee), fragt heute bei Monopol: "Wie konnten die Organisatoren das zulassen?" Im Tagesspiegel seufzt Nicola Kuhn: "Was nun passiert ist, bestätigt die Skeptiker der vergangenen Monate. Ruangrupa und die Documenta-Geschäftsführer waren gewarnt. Sie hätten alles dafür tun müssen, dass ihnen kein antisemitisches Motiv durchgeht. Der schon vor Eröffnung spürbare Gegenwind mag seinen Ursprung auch darin haben, dass man sich die Kunst, schon gar nicht die Welt, von einem hierzulande unbekannten Kollektiv aus Jakarta erklären lassen wollte." "Abhängen", fordert nicht nur Stefan Trinks in der FAZ.

Die Documenta lässt derweil in einer Pressemitteilung verlauten, dass sie die Arbeit nun verhüllen wird: "Das Werk wird nun zu einem Denkmal der Trauer über die Unmöglichkeit des Dialogs in diesem Moment."

Ebenfalls in der SZ entdeckt Kia Vahland auf der Documenta in Filmarbeiten des Kollektivs "Subversive Films" aus Brüssel und Ramallah weitere Propaganda-Werke: Japanische Pro-Palästina-Filme aus den Siebzigern. "In einem heute unfassbaren Revolutionskitsch werden etwa wild geschnittene Bilder aus US-Western assoziiert mit den Palästinensern, diese also implizit als moralisch angeblich überlegene Ureinwohner verherrlicht." Kommentiert wird das nicht, "es geht offensichtlich nicht darum, diese Propaganda zu entlarven und Möchtegern-Revoluzzern in den Industrieländern den Spiegel vorzuhalten und zu zeigen, wie diese schon vor einem halben Jahrhundert ihre Wünsche nach erhabener Ursprünglichkeit auf die Palästinenser projiziert und dabei Ressentiments gegen Israel geschürt oder willig in Kauf genommen haben. Das wäre ein aufklärerisches Projekt gewesen. ... Das aber wurde verpasst. Und da fragt sich dann doch, ob das Oberkollektiv Ruangrupa kuratiert, also die Arbeiten mit ausgewählt und begleitet hat. Wenn ja, haben sie das genau so gewollt. Und wenn nein: ist es ohnehin ein Fehler."

Außerdem: Mit dem "Hotel Continental" eröffnet am Freitag in einer alten Berliner Piano-Fabrik eine Plattform für ukrainische und belarussische Künstler:innen, berichtet Tom Mustroph in der taz. Besprochen wird die Joseph-Rebell-Ausstellung im Unteren Belvedere in Wien (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.06.2022 - Kunst

Überraschend deutlich wurde Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Einweihung der Documenta 15 am Wochenende. "Ich will offen sein: Ich war mir in den vergangenen Wochen nicht sicher, ob ich heute hier bei Ihnen sein würde", begann er seine Rede und ging dann kritisch auf das Verhalten der Kuratoren und Organisatoren bei der Antisemitismus-Debatte ein. "Wer als Künstlerin oder Künstler in das Forum der Politik eintritt, muss sich nicht nur der ästhetischen, sondern auch der politischen Debatte und Kritik stellen. Und dort gibt es Grenzen", mahnte er. Und würde die "Weltoffen"-Initiative deutscher KulturfunktionärInnen wohl nicht unterschreiben: "Ein Boykott Israels kommt einer Existenzverweigerung gleich. Wenn unabhängige Köpfe aus Israel unter ein Kontaktverbot gestellt werden; wenn sie verbannt werden aus der Begegnung und dem Diskurs einer kulturellen Weltgemeinschaft, die sich ansonsten Offenheit und Vorurteilsfreiheit zugutehält; dann ist das mehr als bloße Ignoranz. Wo das systematisch geschieht, ist es eine Strategie der Ausgrenzung und Stigmatisierung, die dann auch von Judenfeindschaft nicht zu trennen ist."

Bei monopol ist Elke Buhr empört: Wo bitte werde denn auf der Documenta das Existenzrecht Israels in Frage gestellt? "Das Rätsel löst sich ein paar Sätze später: Ein Boykott Israels käme einer Existenzverweigerung gleich. Aus der puren Tatsache der Abwesenheit von Israelis - nicht von Juden übrigens - schließt diese Argumentation bereits, hier läge ein Boykott vor. Muss ab jetzt jede Gruppenausstellung in Deutschland eine entsprechende Quote einhalten?" Auch Niklas Maak (FAZ) sieht das so: "Es gibt viele Ausstellungen, bei denen israelische Kunst nicht vertreten ist; der Verdacht eines Zusammenhangs mit den Boykottforderungen des BDS ist in Kassel aber wohl nicht mehr auszuräumen. Wenn die Bild-Zeitung allerdings titelt, Steinmeier eröffne die 'Kunstmesse der Schande' (als handele es sich um die Ausstellung 'Entartete Kunst') einer Gruppe, die 'durchtrieben von Hass gegen Israel' sei, dann ist das ebenfalls eine beunruhigende Form von suggestivem Rassismus gegenüber einem Kollektiv, von dem kein antisemitischer Satz zu hören war."

Bei Spon ist Ulrike Knöfel auch nicht sehr glücklich mit der Steinmeier-Rede, aber aus anderen Gründen: Sie irritierte die "Uneindeutigkeit": "Letztlich blieb es bei einer ungelenken Ja-Aber-Haltung, die dazu führte, dass man doch nicht wusste, wo er steht, wo Deutschland steht." Und im Tagesspiegel weiß Birgit Rieger gar nicht mehr, was sie denken soll: "Niemand weiß genau, wie Ruangrupa zum BDS und zu Israel stehen. Es gibt keine jüdisch-israelischen Künstler bei dieser Documenta. Ist das Ausdruck eines Boykotts oder Zufall? Man hätte von der Documenta gern eine konkrete Antwort dazu gehabt." Im Interview mit der SZ bekräftigt Kulturstaatsministerin Claudia Roth diesen Eindruck indem sie allen Fragen zur Antisemitismusdebatte konsequent ausweicht (Interviewerin Catrin Lorch erspart ihr allerdings auch jede Nachfrage). Nur einmal ahnt man ihre Position: Das Thema Antisemitismus "muss diskutiert werden. Ich warne allerdings davor, die spezifisch deutschen Fragen dieser Auseinandersetzung einem Kollektiv aus Mali oder Kuba überzustülpen."

Derweil streift Swantje Karich für die Welt durch die Ausstellungen und fühlte sich dabei ziemlich allein: "Wer sich nun auf die Reise in Ruangrupas vollgepackte Vorratskammer, ihr 'Lumbung' für Reisscheune, einlassen will, sollte Zeit, keine Erwartungen und gute Nerven mitbringen für die 32 Stationen. Das als revolutionärer Versammlungsort gepriesene RuruHaus von Ruangrupa ähnelt bisher eher einer Kantine mit Holzverkleidung für Menschen, die am liebsten einsam auf ihren Smartphones rumtippen. Kommunikation: Totalausfall. Es ist überhaupt ein prägendes Bild: Menschen mit Handy auf Stuhlkreisen, die sich um Bäume winden oder wie kleine Amphitheater in die Höhe führen. ... Der Austausch mit den Künstlern ist, in diesen ersten Tagen zumindest, nur mit Händen und Füßen möglich. Gemeinsam eine neue Sprache zu lernen, wie Ruangrupa es angekündigt hat, schaffen wir nicht - und verabschieden uns peinlich berührt."

Auch Eva-Maria Magel (FAZ) würde auf der Documenta gern über die Kunst diskutieren, aber es scheint irgendwie nicht dazu zu kommen. Also hängt sie "fabrikneu und stylish ab. Und wer mit Souvenirkäufen in 'Kios' und 'Gallery' dazu beitragen will, die alternative Ökonomie, die Ruangrupa vorschwebt, weiter zu unterstützen, kann im 'Ruru-Haus' für 17,50 Euro Kasseler Ahle Worscht im Documenta-Design kaufen. Hält womöglich auch hundert Tage, wie das Ausstellungsfestival selbst." Im Tagesspiegel sieht Nicola Kuhn im Selbstverkauf der Documenta-Künstler eine Alternative zum Turbo-Kapitalismus des Marktes.

Weiteres: Im Standard unterhält sich Stefan Nederwieser mit dem Künstler Theaster Gates, der gerade den Friedrich-Kiesler-Preis bekommen hat. Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Die Form der Freiheit" in Potsdamer Museum Barberini (taz), die Ausstellung "Give and Take. Bilder über Bilder" in der Hamburger Kunsthalle (taz), die auf sechs Berliner Museen verteilte Ausstellung "Jeden Tag im Museum. Aufsichten präsentieren ihre Lieblingswerke" (Tsp) und die Schau "Worldbuilding - Gaming and Art in the Digital Age" in der Julia Stoschek Collection in Düsseldorf (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.06.2022 - Kunst

documenta fifteen, Workshop mit ruangrupa, Künstlerischem Team und lumbung member, Kassel, 2020, Foto: Nicolas Wefers


Alles Documenta heute. Und Niklas Maak stellt in der FAS gleich die Hauptfrage: "Ist die Documenta antisemitisch?" Nach einem ersten Rundgang lautet seine Antwort: Nein. Vielleicht lag es überhaupt nur am "katastrophalen Krisenmanagement" der Documenta-Direktion, dass der Streit darüber so hochgekocht ist: "Journalisten wurde von der Documenta-Leitung allen Ernstes untersagt, den Kuratoren Fragen zum BDS und Israel zu stellen. Antworten wurden verweigert mit dem Verweis auf die zu hohe Komplexität des Themas, das bei einem Kongress mit dem Titel 'We need to talk' in Berlin verhandelt werden sollte. Der wurde dann aber abgesagt. Dafür fand wenig später eine Tagung zum Holocaust und der Neuen Rechten statt, bei dem die problematische Haltung der alten Linken zu Israel ausdrücklich nicht das Thema war. Schon davor hatte Documenta-Generaldirektorin [Sabine] Schormann sich schützend vor den BDS gestellt ... Während von Ruangrupa tatsächlich keine einzige antisemitische Bemerkung zu hören war, muss man sich fragen, was von einer Generaldirektorin zu halten ist, die Antisemitismus als Nebenprodukt der 'vielfältigen' Ausprägungen von Kunst- und Meinungsfreiheit abhakt, aber bei Diskussionen den Zentralrat der Juden lieber nicht dabeihaben will."

Kunst als gemeinschaftlicher Prozess, keine Inszenierung von Künstlerpersönlichkeiten, "das meiste hier ist tatsächlich noch im Entstehen", beobachtet taz-Kritikerin Sophie Jung. Doch als Besucher bleibt man außen vor, stellt sie fest: "Prozess ist hier die Aktion der anderen." Dabei hätte sie gern mit einzelnen Künstlern über ihre Werke diskutiert, zum Beispiel mit Mohammed Al Hawajri über die Frage, wie frei seine Kunst eigentlich ist, wenn er "so politisch instrumentalisierbare Bilder macht, wie seine hier ausgestellten Fotocollagen? In die Reproduktionen einer Bauernidylle des Barbizon-Malers Jean-François Millet platziert er die Fotos hoch ausgerüsteter junger Soldaten. Trifft auf dieser Arbeit mit dem Titel 'Guernica Gaza' etwa das israelische Militär auf die unschuldig schlummernden Kleinbauern in Gaza. Wie 1937 die Nazi-deutsche Legion Condor auf die baskische Kleinstadt Guernica? Hier werden giftige Parallelen aufgemacht, die kaum mit der Phrase von der 'Freiheit der Kunst' zu legitimieren sind. Im Treppenaufgang leuchtet es islamistisch: 'Kabul - Graveyard of Empires', Freude über das Scheitern der Demokratie in Afghanistan. Seltsam wie hier vieles postkolonial zusammengemixt wird."

Sandra Danicke (FR) steuerte völlig unbeeindruckt vom Kollektivgedanken Ruangrupas erst mal aufs Naturhistorische Museum zu: "Naturgemäß raunte man sich an den ersten Besichtigungstagen, an denen jeder und jede damit beschäftigt war, sich Orientierung zu verschaffen, vor allem diesen Namen zu: Hito Steyerl. Die deutsche Filmemacherin ist seit Jahren ein Star der Kunstszene - und ihr Werk, eine Filminstallation mit dem Titel 'Animal Spirits' ist so abgedreht, faszinierend und überfordernd, dass man völlig beseelt hinaus geht - auch wenn man den ganzen Quatsch (der natürlich viel mehr ist als bloß Quatsch) nicht so richtig verstanden hat." Danicke gibt dann aber doch noch einen kursorischen Überblick über die ausstellenden Kollektive.

In der FAZ blickt Stefan Trinks angewidert auf Mohammed Al Hawajiris "Harvesters Resting - Jean-François Millet (1850)". Aber dann ist er doch überwältigt von dieser Documenta: "32 Standorte! Eine Woche in Kassel würde nicht ausreichen, um alles zu entdecken. Zu den vertrauten Austragungsorten Fridericianum, Documenta-Halle, Naturkundemuseum und Karlsaue kommen diesmal etliche bislang unentdeckte Perlen wie das prächtige Gloria-Kino von 1954 mit der Installation einer gerechteren Topografie der südafrikanischen Kooperation MADEYOULOOK im prächtigen, original erhaltenen Fünfzigerjahre-Ballsaal mit Empore oder ein Bauhaus-Bad hinzu. Klar ist aber auch, dass Ruangrupa diese Erweiterung in die Peripherie ebenfalls politisch verstanden wissen will: Der alte Kampf zwischen reichem, zumindest repräsentativem Zentrum und abgehängter Peripherie wird durch diese Ausweitung der Kampfzone allein schon durch die Anfahrt über trostlose Straßenschneisen plausibel."

Außerdem: In der FAS erliegt Niklas Maak (in einem zweiten Artikel) dem Charme des entspannten Abhängens auf der Documenta, irritierend findet er weniger die Kunst als die Tatsache, dass VW als Sponsor einer westliche Ausbeutung kritisierenden Kunstschau gewonnen wurde. In der SZ ist Jörg Häntzschel glücklich, dass auf der Documenta vor allem Künstler zu sehen sind, die - wie er - der Kunst keinen autonomen Status zuerkennen, sondern sie als "Bestandteil eines gemeinsamen Kampfes um Leben, Anerkennung, Freiheit" bewerten. Daneben stellt Catrin Lorch "acht der wichtigsten Werke" auf der Documenta vor (in Wirklichkeit sind es acht Künstler oder Künstlerkollektive): The Nest Collective, Hamja Ahsan, Richard Bell, Taring Padi, Cao Minghao & Chen Jianjun, Sada (Regroup) und Tania Brugueras "Instar". In der NZZ berichtet Philipp Meier. Lisa Berins besucht für die FR den australischen Künstler Richard Bell in seinem "Tent Embassy".

Und noch etwas ganz anderes: In der taz denkt Brigitte Werneburg darüber nach, ob wir ein nationales Fotoinstitut brauchen und wenn ja, wo.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.06.2022 - Kunst

Morgen eröffnet die vom indonesischen Kollektiv Ruangrupa kuratierte Documenta 15. In der SZ bereitet Catrin Lorch die Besucher darauf vor, was sie dort erwartet. Viel politischer Aktivismus, klar, was manchmal etwas kitschig wirkt. Aber dann eben doch auch Kunst: "Der Maler Richard Bell, ein Aborigine, steht nicht nur mit seinen Gemälden und einem Protestzelt gegen den Landraub an Indigenen im Zentrum der Ausstellung. Seine Gemälde nehmen in der zentralen Rotunde gleich zwei Stockwerke ein, dort wo einst Wilhelm Lehmbrucks 'Knieende' gezeigt wurde und Joseph Beuys' Honigpumpe installiert war, sprudelt zudem seine 'Fountain', die jüngste Variation von Marcel Duchamps epochemachenden Urinal. Nur dass Bell inmitten einer Agora aus rohem Bauholz einen Stapel von roten, blauen und grünen Plastikschüsseln aufgetürmt hat, aus denen wirklich Wasser plätschert. In ihren schönsten Momenten ist diese Documenta Fifteen nicht nur welthaltig wie eine Spülküche, sondern auch richtig savvy in Bezug auf die Kunstgeschichte."

Noch eine weitere Seite in der SZ ist der Documenta gewidmet: Über einer schönen großen Documenta-Anzeige erzählt Lorch die Geschichte der Documenta als Erfolgsgeschichte (ihre problematischen Gründerfiguren blendet sie aus). Und Till Briegleb freut sich über die "freundliche Einladung von Ruangrupa, wichtigere Dinge als Bilder, Videos und Installationen zu besprechen" und hofft auf eine "Kolonie des Aktivismus".

In der Welt stöhnt Boris Pofalla schon beim Anspruch dieser Documenta und ihrer Kollektive auf: Spricht der globale Süden wirklich mit einer Stimme? Vielleicht gibt es ihn als das Andere des Westens gar nicht, überlegt Pofalla. "Ist er nur eine nützliche Fiktion, um sich unbequemen Fragen nicht stellen zu müssen? Die Künstlerin Hito Steyerl ist (auf Einladung des Kollektivs INLAND) unter den vielen Teilnehmern vielleicht die einzige, die sich den postpostmodernen Verdrehungen von Natur und Zivilisation auf Augenhöhe mit aktuellen Diskursen nähert. In der Medieninstallation 'Animal Spirits' treten spanische Schäfer auf, die sich gegen die Idealisierung des Wolfes wehren und gegen die Disneyfizierung des Landes. Die Ästhetik des Videospiels und der Reality-Serie trifft auf reale Käselaibe unter Glas, in denen Bakterien eine unveränderbare Folge von Zeichen hervorbringen, den Cheesecoin, in den man Werte einschreiben kann so wie in die umweltschädliche Kryptowährung. Meint sie dass ernst? Ausnahmsweise weiß man es mal nicht, und das ist ja schon subversiv auf dieser Feier des Einvernehmlich-Eindeutigen."

Außerdem: Die Stimmung ist sehr gut auf dieser Documenta, versichert Amira Ben Saoud im Standard. Die Frage sei allerdings, "ob die gezeigte aktivistische Kunst ihre Anliegen denn gut vermittelt. Bei einem ersten Rundgang der Locations in Kassel Mitte muss man leider feststellen, dass eher wenige Installationen wirklich in Erinnerung bleiben - sieht man von der Intervention des Wajuukuu Art Projects ab, das mit der Verkleidung der Documenta Halle in Wellblech und durch das Bauen eines Tunnels als Eingang sich auf das Slum Lunga Lunga in Nairobi bezieht. Ein abschließendes Urteil, wie gelungen die kollektiven Positionen der diesjährigen Documenta sind, wird man erst fällen können, hat man alle 32 Standorte gesehen." Auf Zeit online fragt Quynh Tran: "Wird die mutmaßliche Omnipräsenz von BDS zum Problem für israelische Künstlerinnen? Hat der Einfluss Israels andererseits negative Konsequenzen für Künstler, die sich mit BDS solidarisch zeigen oder auch nur wiederum mit BDS-Sympathisantinnen zusammengearbeitet haben oder zusammenarbeiten wollen - womit wir wieder bei der documenta und ruangrupa wären?"

Andere Themen: In der SZ unterhält sich Andrian Kreye mit der Fotografin Yelena Yemchuk über Odessa, Putin und den Krieg. Und Kito Nedo berichtet von der Art Basel. In der FAZ berichtet Gina Thomas von Fälschungsvorwürfen gegen ein Bacon-Archiv, das die Tate Gallery vom Nachbarn Bacons erworben hatte und dessen sie sich jetzt "entledigen" will.

Besprochen werden die Ausstellung "Kelten in Hessen?" im Archäologischen Museum in Frankfurt (FAZ) und die von Vertretern indigener Communities in Australien konzipierte Wanderausstellung "Songlines. Sieben Schwestern erschaffen Australien" im Humboldt Forum (Tsp).