In der NZZ ist der Historiker Michael Wolffsohnecht geladen nach den Diskussionen um die Documenta. Er wirft den deutschen Veranstaltern vor, eingeladene Künstler und Intellektuelle aus vormals kolonisierten Regionen nur zu benutzen: "Stoßrichtung und Politvokabular im Text der indonesischen Ruangrupa gleichen dem der deutschen Kritiker der Bundestagsresolution, die 2019 BDS als antisemitisch bezeichnete. Klartext: Deutsche BDS-Sympathisanten instrumentalisieren jene indonesischen Muslime für ihren innerdeutschen Pro-BDS-Kampf und fördern dadurch Antisemitismus. Ruangrupa wiederum lässt sich offenbar gerne instrumentalisieren, denn jene Vorgehensweise entspricht ihren Überzeugungen, sorgt für Aufmerksamkeit und erhöht dadurch den eigenen Kurswert im Kunstbetrieb."
Auf der Pressekonferenz im Kasseler Auestadion gab man sich wenige Tage vor Eröffnung der Documenta fröhlich. Im Tagesspiegel ist Birgit Rieger leicht irritiert, dass sich die deutschen Veranstalter weder zu den Antisemitismusvorwürfen noch zu den rassistischen Schmierereien gegen Ruangrupa äußern wollten: "Sabine Schormann und Angela Dorn betonen das Existenzrecht Israels als Staatsräson. Recht viel mehr mehr gibt es zur Antisemitismusdiskussion nicht. Die Pandemie wird als besondere Herausforderung für die diesjährige Documenta wesentlich häufiger thematisiert."
Weitere Artikel: Philipp Meier begleitet für die NZZ die junge Schweizer Künstlerin Louisa Gagliardi auf der Art Unlimited in Basel, die für Kunstwerke im XXL-Format geschaffen wurde. Auch Gagliardi hat ein Bild dafür hergestellt.
Rosa Bonheur: La Foulaison du blé en Camargue. Bild: Musée des Beaux-Arts de Bordeaux Im Musée des Beaux Arts in Bordeaux wird gerade die Malerin Rosa Bonheur wiederentdeckt, und in der FAZ findet Bettina Wohlfarth besonders bemerkenswert, dass sich diese emanzipierte Tochter aus einer Familie von Saint-Simonisten nicht fürs Possierliche interessierte, sondern für derbes Vieh: "Rosa Bonheur studierte Anatomie in Büchern, ging aber auch in Schlachthöfe, um Volumen und Muskelaufbau von Rindern und Pferden zu begreifen. Dazu ließ sie sich von der Präfektur eine Sondergenehmigung zum Tragen von Hosen ausstellen. 'Es kam mir nie in den Sinn', schrieb sie rückblickend, 'mir meine Freiheit nehmen zu lassen, denn ich wollte meine selbst gesetzte Mission erfüllen - ich wollte immer die Frau aufwerten'. Die finanzielle und geistige Unabhängigkeit von Élisabeth Vigée-Le Brun gehörte zu ihren Vorbildern. So psychologisch meisterhaft wie Le Brun die Adeligen ihrer Zeit porträtierte, so einfühlend und realistisch, dabei sicherlich dem Zeitgenossen Gustave Courbet am nächsten, nahm Bonheur ihre Tier-Modelle wie Persönlichkeiten ins Visier."
Marina Abramović: Still aus "The Hero" (2001) Noch im Februar erklärte Marina Abramovic gegenüber dem Guardian ihre Verachtung für NFTs ("Ich sehe da keine gute Idee, keinen großartigen Inhalt. Ich sehe nur, dass alle darüber reden, wie viel Geld man damit machen kann."). Jetzt kündigt sie in Art News an, ihren Film "Hero" mit der Tezos Blockchain in NFT umzuwandeln: "Wenn man Kunst macht, muss man an die Zukunft denken. Kunst muss nach vorne blicken. Ich habe über das Web3 gelesen und darüber, was die neue Generation in diesem Bereich macht. Das ist zweifelsohne die Zukunft. Ich kann kaum eine E-Mail tippen, und sie sammeln Millionen, um Menschen zu helfen und den Regenwald zu retten. Sie sind Helden. Sie leisten auf ähnliche Weise Pionierarbeit, wie ich in den siebziger Jahren mit meiner Performance-Kunst Grenzen verschoben habe. Alle nannten mich verrückt. Nur sehr wenige Menschen glaubten damals an das, was ich tat."
Bei der Debatte um Israel, Antisemitismus und die Documenta sieht die Politikwissenschaftlerin Saba-Nur Cheema auf ZeitOnline Obsessionen und Projektionen auf allen Seiten am Werk, vor allem aber bei den Antideutschen, aus deren Umfeld die Vorwürfe gegen die Documenta und das Kuratoren-Kollektiv Ruangrupa zuerst kamen: "Es ist alles andere als ein Zufall, dass die Vorwürfe gegen die documenta zunächst aus diesem Teil des antideutschen Spektrums kamen. Dort begann alles mit dem Blogbeitrag des Kasseler 'Bündnis gegen Antisemitismus' (BgA). Um zu verstehen, wofür das BgA steht, reicht ein schneller Blick auf die Webseite. Da sind Kampfjets der israelischen Luftwaffe zu sehen, mit dem Kommentar: 'Du, ich habe letztens einen Essay geschrieben, gegen die Hamas.' 'So? Wie schön! Wir bevorzugen die Air Force.' Die Faszination für die militärische Stärke Israels geht Hand in Hand mit der vollständigen Identifikation des heutigen Israels mit den NS-Opfern: 'Wer von Israel spricht, thematisiert, ob er will oder nicht, die Massenvernichtung der europäischen Juden', so heißt es in der Selbstdarstellung." Auch das Blog der Ruhrbarone ordnet sie den Antideutschen zu.
Weiteres: In der tazstellt Max Florian Kühlem die Künstlerin Irena Haiduk vor, die für ihr Projekt "Healing Complex" in der profanierten Kirche St. Bonifatius von Gelsenkirchen Back-Tage veranstaltet. Besprochen werden die große William-Klein-Retrospektive "Yes" im International Center of Photography in New York (SZ) und die erste britische Ausstellung der wunderbaren Straßenfotografin Vivian Maier in der MK Gallery in Milton Keynes (Guardian).
Yirrwala: "Lumah Lumah the Big Maraian Cult Hero", ca. 1970. Bild: Museum 5 KontinenteDas Münchner Museum fünf Kontinente zeigt die Plewig-Sammlung von Aborigines-Kunst, die Annegret Erhard in der NZZ zufolge eigentlich auch jedem Kunstmuseum gut anstünde. Zu sehen ist Rindenmalerei, die sich über den dekorativen Aspekt hinaus allerdings nur ganz erschließt, wenn man sich auf kulturelle und spirituelle Traditionen der Aborigines einlässt, warnt Erhard: "Felsmalereien und die Körperbemalung für die geheimen Zeremonien, die beiden wichtigen, bis heute lebendigen Komponenten der Überlieferungen, sind als Lehrmaterial zu betrachten, als Landkarten und Wegbeschreibungen, auch im archivalischen Sinn. Ursprünglich malten die Aborigines ihr Anschauungsmaterial auch auf die aus Eukalyptusrinde bestehenden Wände ihrer Schutzhütten. Vermehrt in den zwanziger und dreißiger Jahren schufen die Künstler, ermutigt durch Missionare und Forschungsreisende, schließlich Bark-Paintings, da sich diese für den Transport und den Verkauf besser eigneten. Auch deren Narrative wurden angepasst und 'exportfähig' dargestellt. Streng strategisch transportierten sie lediglich Inhalte, die auch tatsächlich offenbart werden durften; Codes und Clan-Zeichen wurden verklausuliert. Ein Verrat an der eigenen Spiritualität, den Dreamings, war damit ausgeschlossen."
Hans Eichel, einst Bürgermeister von Kassel und Ministerpräsident von Hessen, erklärt in einem Beitrag in der SZ, dass die Documenta zwar in Deutschland stattfinde, aber keine deutsche Veranstaltung sei. Deswegen gelten bei ihr auch nicht allein die Regeln deutscher Erinnerungkultur: "Wir haben der Documenta fifteen diese Debatte, die - aus verständlichen Gründen - besonders in Deutschland geführt wird, aufgezwungen. Sind wir überhaupt in der Lage und bereit, uns der Documenta Fifteen und ihrem Anliegen zu öffnen? Und noch grundsätzlicher: Alle documenta-Ausstellungen seit der d 10 beanspruchten, Weltkunstausstellung zu sein. Sie wurden bestimmt durch die Perspektive und Maßstäbe des globalen Nordens, genauer: seines westlichen Teils. Der globale Süden in all seiner Komplexität blieb Objekt der Betrachtung. Dieses Mal, zum ersten Mal, ist es umgekehrt: Der globale Norden ist Objekt, die Perspektive und die Maßstäbe bestimmt ein Kollektiv aus dem globalen Süden. Halten wir das aus? Die Antwort auf diese Frage entscheidet darüber, ob es in Zukunft noch eine globale Documenta in Deutschland geben kann, vielleicht ob es überhaupt weiter ein Forum der globalen Kunstgemeinde geben kann."
Völlig anders beurteiltNatan Sznaider im Interview mit Harry Nutt in der Berliner Zeitung die Diskussion um Ruangrupa. Von Cancel Culture halte er gar nichts, aber er solidarisiert sich mit der Jüdischen Gemeinde, deren Gesprächsangebote von Ruangrupa abgelehnt wurde: "Es geht nicht nur um die Documenta. Mir wurde bewusst, dass der Zentralrat der Juden als Vertretung der Juden in Deutschland seit einiger Zeit die Wahrnehmung macht, dass die Steine auf dem Spielbrett des deutschen Kulturbetriebs umgestellt werden. Die Befürchtung, dass jüdische Menschen in Deutschland ihren Standort verlieren könnten, ist keine ganz neue Entdeckung. Zuletzt scheint sich bei ihnen der Eindruck verdichtet zu haben, dass sie von der kulturellen Elite des Landes im Stich gelassen werden."
Weiteres: In der SZerklärt Kito Nedo die vom französischen Künstler Kader Attia kuratierte Berlin Biennale aus dessen Ansatz des Reparierens heraus. Ebenfalls in der SZ schreibt Cathrin Kahlweit zum Tod der österreichischen Milliardärin und Mäzenin Heidi Goëss-Horten.
Besprochen werden die Retropektive zur amerikanischen Künstlerin Helen Frankenthaler in der Kunsthalle Krems (taz) und die Ausstellung "Splendid White" der Elfenbein-Sammlung von Reiner Winkler im Frankfurter Liebighaus (FAZ).
Kulturministerin Claudia Roth verteidigt im Gespräch mit Ulrike Knöfel und Susanne Beyer vom Spiegel das Kollektiv Ruangrupa, das die Documenta kuratiert, gegen den Vorwurf des Antisemitismus. Außerdem macht sie darauf aufmerksam, das Israel in anderen Teilen der Welt anders gesehen wird als in Deutschland: "Wenngleich wir wegen unserer historischen Verantwortung zu Recht eine besondere Sensibilität haben, wenn es um Fragen des Antisemitismus wie auch der Feindlichkeit gegenüber Israel geht, müssen wir auch zur Kenntnis nehmen, was in anderen Regionen Realität ist und wie in anderen Regionen über koloniale Vergangenheit geredet und diskutiert wird. Die Tatsache, dass ein Künstlerkollektiv aus Ramallah dabei ist, kann doch nicht heißen, dass es dann dort auf jeden Fall Antisemitismus geben wird."
Bild: Wolfgang Tillmans. Lüneburg (self), 2020. Courtesy of Galerie Buchholz, Maureen Paley, London, David Zwirner, New York Noch bis Ende August läuft im Wiener Mumok die Wolfgang-Tillmans-Ausstellung "Schall ist flüssig", danach gibt es eine große Retrospektive im New Yorker MoMA. Für die Welt hat Boris Pofalla den Künstler auf dem "Zenit" seines Erfolgs getroffen und mit ihm über seine Arbeit gesprochen: "'Die Dinge kommen in einem relativ kurzen Moment zur Kristallisation.' (…) Das gilt auch für 'Unlikely Match' (2017), schräg gegenüber im Saal. Auf dem großen Querformat begegnen sich eine bemalte Vase, eine halbe Avocado, eine aufgeschnittene gelbe Tomate und Muschelschalen. Die Farben sind fantastisch, sie lösen etwas aus, nur was? (…) Tillmans spricht von der latenten Bedrohlichkeit der Avocado, die noch essbar zu sein scheint, aber schon dunkel wird. In seiner Arbeit geht es oft um das, worum es in einer auf Ereignisse, Egos oder Botschaften abonnierten Fotografie eher nicht geht, 'um den Augenwinkel oder was man nur so im Nebenschein mitnimmt. Man könnte das als oberflächlich bezeichnen, aber eigentlich ist Farbe fundamental und wichtig."
"Nicht leicht zu ertragen", findet Sophie Jung in der taz die 12. Berlin Biennale, kuratiert von dem französischen Künstler Kadia Attia unter dem Titel "Still Present!". Der Schwerpunkt liegt auf Kolonialismus und Dekolonisierung, der "postkoloniale Feind" ist allerdings nicht nur der Westen, schreibt Jung. Der Angriffskrieg auf die Ukraine kommt kaum vor, dafür "finden die kriegerischen Konflikte im Nahen Osten, in Israel und im Irak, besondere Aufmerksamkeit. In einem labyrinthischen Parcours von Jean-Jacques Lebel stößt man auf Abgründe. Es sind die noch immer im Internet kursierenden Folterbilder aus dem damaligen US-Militärgefängnis Abu Ghraib in Bagdad, die 2004 einen internationalen Aufschrei hervorriefen. Er zog sie auf großformatige Stellwände auf. Aus den groben Pixeln zeichnen sich die Türme nackter gefolterter Männer ab. Ein Albtraum, der jedoch auch heute unter iranisch-irakischer Führung weiter existieren dürfte, ganz zu schweigen von den Gebieten, wo immer noch Terrorgruppen wie der IS herrschen. Jean-Jacques Lebels drastische Installation bleibt jedoch ein Einzelfall." Für den Tagesspiegelbespricht Nicola Kuhn die Biennale.
Außerdem: Im Guardianschreiben Künstlerinnen wie Jenny Saville, Tacita Dean oder Chantal Joffe über die verstorbene portugiesische Künstlerin Paula Rego. Besprochen wird die Chiharu-Shiota-Ausstellung "Across the River" in der Landesgalerie Niederösterreich (Standard).
In Britannien entfernen immer mehr Museen die Schilder, die daran, erinnern, dass Purdue Pharma, das Pharmaunternehmen der Sackler-Familie und Hauptverantwortlicher für die Opiodkrise in den USA, hier für Kunst gespendet hat, berichtet Marion Löhndorf in der NZZ: "Hier lebten Mortimer Sackler (2010 gestorben) und seine in Staffordshire geborene Frau Theresa; sie waren fest in der hiesigen Kunstszene etabliert. Theresa war unter Entscheidungsträgern durch ihre genuine Kunstbegeisterung beliebt. Die ehemalige Lehrerin, die in die Familie eingeheiratet hatte, galt als die treibende Kraft hinter dem philanthropischen Einsatz der Sacklers im Vereinigten Königreich. In den frühen neunziger Jahren begannen sie sich mit viel Geld zu engagieren, was ihnen die Türen zum Establishment öffnete. Der New York Times zufolge wurden sie an vielen Entscheidungen im Kulturleben zu Rate gezogen wurden und erhielten Ehrenplätze an den Tischen einflussreicher Leute. Die ehemals dankbar akzeptierten Schenkungen werden in London heute überwiegend mit Bitterkeit betrachtet: Die Kunstförderung sei nicht Geschenk, sondern Investition gewesen, wie etwa der Stanford-Professor Keith Humphreys in der New York Times sagte." Zu den gesponserten Institutionen gehören die Sackler Serpentine Gallery, die Royal Academy, das V&A Museum, die Tate Galerien, das Britische Museum, Kew Gardens, das Royal Opera House, das National Theatre, das Globe, Oxford und Cambridge sowie eine Reihe naturwissenschaftlicher Forschungsinstitute, so Löhndorf.
Wenn es um Israel und BDS geht, wünschte sich Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, in der SZ eine weniger emotionsgeladene Diskussion, die nicht überall Rassisten oder Antisemiten wittert: "Da wird zum Beispiel der Verdacht geäußert, es könne wohl kaum Zufall sein, dass kein einziger israelischer Künstler bei der Documenta vertreten sein wird. Kritiker wie Schuster, Klein & Co. meinen, antisemitische Absichten dahinter zu erkennen. Ihnen wird entgegengehalten, es gebe doch viele weitere Länder neben Israel, die auch nicht auf der Documenta vertreten sind. Aber damit werden Schuster und Klein noch nicht entkräftet. Denn angesichts der politischen Verhältnisse in Indonesien scheint es mir für indonesische Kuratoren so gut wie unmöglich zu sein, israelische Künstler in ihre Ausstellung einzuladen. Indonesien unterhält bis heute keine diplomatischen Beziehungen zu Israel. Der Boykott gegen Israel ist dort allgegenwärtig. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein ganzes Kollektiv aus diesem südostasiatischen Land ausgerechnet einen Konsens finden soll, wenn es darum geht, einen Israeli einzuladen? Minimal. Damit ist im Umkehrschluss aber nicht bewiesen, dass 'Ruangrupa' antisemitisch ist."
Weitere Artikel: Sandra Danicke schreibt in der FR zur Eröffnung des Christian Schad Museums in Aschaffenburg. In der Berliner Zeitungannonciert Ingeborg Ruthe die von dem französischen Künstler Kader Attia kuratierte Berlin Biennale, die heute eröffnet. Damian Zimmermann berichtet in der taz von der PHotoEspaña in Madrid.
Besprochen werden eine Ausstellung mit den abstrakten Architekturfotografien von Thomas Florschuetz im Berliner Haus am Waldsee (Tsp), eine Werkschau der Malerin Angela Hampel in der Städtischen Galerie Dresden (Berliner Zeitung), eine Ausstellung des Werks der in Hamburg geborenen, 1939 nach Caracas geflohenen Künstlerin Gego, einer "der wichtigsten Vertreterinnen der Nachkriegskunst Südamerikas", so Ursula Scheer in der FAZ, im Kunstmuseum Stuttgart und eine Ausstellung in der Wiener Galerie Thoman mit 112 von insgesamt 776 Originalblättern aus der Partitur von Hermann Nitschs "6-Tage-Spiel" (Standard).
In diesem Jahr werden sich die Besucher der Kensington Gardens in London freuen, wenn es regnet: Dann können sie der Musik lauschen, die der Regen im schwarzen Pavillon erzeugt, den der amerikanische Künstler Theaster Gates auf dem Gelände der Serpentine Gallery errichtet hat, erzählt ein hingerissener Niklas Maak in der FAZ. "Im Dach der runden, schwarzen Holzkapelle, die an eine riesige Trommel erinnert, befindet sich eine ebenfalls kreisrunde Öffnung, vergleichbar der des Pantheons in Rom. Wenn es regnet, bildet sich in der Mitte des Raums eine ephemere Skulptur, eine Säule aus fallendem Wasser; die Natur führt ein Kunstwerk auf, die Besucher drängen sich in den Wandnischen auf den dort eingelassenen Bänken und schauen ins Zentrum des Hauses, das selbst wieder ein Außenraum ist. Wie im Haus von Michelangelo Antonioni auf Sardinien, das ebenfalls in der Mitte einen nach oben offenen Hof besitzt, wirkt die Öffnung wie ein Wahrnehmungsverstärker der Natur: Das Glitzern und Rauschen des Wassers, der Geruch der nassen Erde wirken auf dieser Bühne noch intensiver als draußen."
Das Werk des österreichischen Zeichners und Illustrators Alfred Kubin unter psychologischen Aspekten zu betrachten, wie es derzeit das Leopold Museum in Wien tut, ist höchst ertragreich. Der frühe Tod der Mutter, die Verzweiflung des Vaters, die sexuelle Belästigung des 11-Jährigen durch eine schwangere Frau, der frühe Tod seiner Geliebten Emmy Bayer, Depressionen - Drama, wo man auch hinguckt, lerntNZZ-Kritiker Philipp Meier. In Kubins Bildern kehrt die Frau als Schicksalsfigur des Mannes immer wieder, schreibt er: "Auf die Spitze trieb er es in dem Blatt 'Die Dame auf dem Pferd' von 1900/01: Eine kalte, korsettierte Schönheit mit Peitsche und Zylinder, die an Kaiserin Elisabeth im Sattel oder auch an eine Repräsentantin der Frauenbewegung von damals erinnert, sitzt auf einem Schaukelpferd, dessen Wiegemesser an den Hufen die Leiber nackter Männer zerstückeln."
In der Welt berichtet Martina Meister von einem Kunstraub-Skandal um Jean-Luc Martinez, bis vor kurzem Direktor des Louvre: "Martinez wird 'Beihilfe zu bandenmäßigem Betrug und Verschleierung der Herkunft von unrechtmäßig erworbenen Kulturgütern' vorgeworfen. Beim Ankauf einer ägyptischen Stele durch den Louvre Abu Dhabi soll Martinez bestenfalls nicht ausreichend wachsam gewesen sein, schlimmstenfalls sich mitschuldig gemacht haben. In der Anklageschrift wird Martinez vorgeworfen, 'die Augen verschlossen' zu haben. Ein Weltmuseum klagt gegen seinen ehemaligen Direktor. Das hat es in der Szene noch nie gegeben."
Weiteres: Elena Witzek schreibt in der FAZ zum Tod der portugiesischen Künstlerin Paula Rego. Besprochen werden außerdem eine Ausstellung der schwedischen Künstlerin Nina Canell in der Berlinischen Galerie (FR), eine Ausstellung des Malers Stefan Hirsig in der Berliner Galerie HaverkampLeistenschneider (Tsp), eine Ausstellung zu Martin Eberles Fotobuch "Hi Schatz!" in der Berliner Galerie Laura Mars (taz) und die Schau zur Neuen Sachlichkeit im Centre Pompidou (FAZ).
Piet Mondrian: "Die rote Wolke" (Ausschnitt), 1907 Foto: Kunstmuseum Den Haag
Gleich zwei Maler kann Peter Iden in der Fondation Beyeler bewundern: Den Landschaftsmaler Piet Mondrian und den abstrakten Künstler Piet Mondrian. Kaum zu glauben, das beide die selbe Person sind, erklärt Iden in der FR: "Beide Positionen sind dermaßen weit voneinander entfernt, dass ihre Herkunft von einer Hand und also auch der Vorgang einer Entwicklung, den die Ausstellung zum Titel hat, 'Mondrian Evolution', kaum möglich erscheinen. Was beim Betrachten allenfalls gelingt, ist die Identifikation eher beiläufiger Details, die in den Landschaften auf die Abstraktion womöglich hinweisen. So liegen die einsamen Bauernhöfe oft an fließenden Gewässern, es gibt eine Ahnung von Dynamik ebenso wie die Schilderung von Türmen und Windmühlen, auch von Bäumen und Waldstücken, vertikale Strukturen betonen, die etwas antizipieren von der strengen geometrischen Gliederung der abstrakten Bilder."
Der "Wille zur Reduktion auf das Wesentliche" ist schon sehr früh da, erkennt dagegen FAZ-Kritiker Stefan Trinks, die "Frau mit Spindel" betrachtend, die "steif wie ein menschgewordener rechter Winkel auf ihrem Stuhl" sitzt. Er ist schon hin und weg von der Präsentation: Sieben Mondrians kommen allein aus der hauseigenen Sammlung, "die in der Ausstellung ihre subtilen Oberflächen ohne Schutzverglasung darbieten, was in keinem Großmuseum der Welt mehr denkbar wäre. Die ultrafeinen Oberflächentexturen mit ihren oftmaligen Richtungswechseln der Pinselstruktur um neunzig Grad und damit verbundenem anderen Weißgrad der Farbe durch gekipptes 'Schattenspiel' kommen einer Offenbarung gleich." (Hier der Link zum Ausstellungskatalog).
Weiteres: Trinks gratuliert in der FAZ dem Künstler Peter Fischli zum Siebzigsten. Besprochen werden außerdem "Inseljugend", eine Ausstellung des Fotografen Andreas Jorns im Museum Kunst der Westküste auf Föhr (taz), die Ausstellung "Die Form der Freiheit" mit Nachkriegskunst im Potsdamer Museum Barberini (Tsp) und eine Retrospektive des Künstlers Manfred Erjautz im Kultum der Grazer Minoriten (Standard).
In der NZZschreibt Heinz Hofmann zum 600. Geburtstag des Renaissancefürsten und Kunstmäzens Federico da Montefeltro. Julia Hubernagel berichtet in der taz vom Beyoğlu und Başkent Culture Road Festival in Istanbul und Ankara. Lena Schneider besucht für den Tagesspiegel den Skulpturenpark des Ehepaares Ludes in Potsdam. In der FAZ komm Andreas Platthaus empört aus der Dresdner Galerie Alte Meister, wohin in eine angebliche Konfrontation eines Gemälde Edward Hoppers mit Vermeers "Brieflesendem Mädchen" gelockt hatte. Doch zu Platthaus' Ärger war der Vermeer nur eine Kopie. Ebenfalls in der FAZ berichtet Martin Lhotzky von der Eröffnung der Kunstsammlung Heidi Horten in Wien.
Besprochen werden eine Donatello-Ausstellung in Florenz (SZ) und die Ausstellung "Three Doors: Forensic Architecture" zum Terroranschlag in Hanau im Frankfurter Kunstverein ("'Warum ist das Kunst?', fragt der Frankfurter Kunstverein rhetorisch und sieht sich den 'Mainstream-Medien' voraus. Für die Hinterbliebenen ist die Frage belanglos - in der Ausstellung ergriffen sie am Tag der Eröffnung das Wort und forderten die Vertreter sämtlicher Behörden und Untersuchungsausschüsse, die mit den Fällen Hanau und Dessau befasst waren, zum Besuch der Schau auf", schreibt FAZ-Kritiker Georg Imdahl, der die Eingangsfrage auch nicht beantworten mag).
Auf Zeit onlinekritisiert die Künstlerin Hito Steyerl den postkolonialen Anspruch der Documenta - zumindest, soweit er die deutsche Vergangenheit und ihre Folgen bis heute ausblendet. Postkolonialismus, meint sie, auch ihre Erfahrungen mit der Documenta 11 reflektierend, bleibt oft im Abstrakten stecken: "Möglicherweise gilt auch weiterhin, dass die documenta die Welt als solche darstellt und die lokale Situation daher getrost ignorieren kann. Aber seit der DHM-Ausstellung [über die Nazivergangenheit des Documenta-Gründers Werner Haftmann und seine die Documenta prägende Vorstellung von der Moderne, mehr hier, d. Perlentaucher] gilt auch: Wenn die Ausstellung selbst ihre Geschichte ignoriert, dann wird sie von anderen historisiert. Und das bedeutet, dass die documenta der Gegenstand dieser Untersuchung ist, so wie bislang 'die Welt' das Objekt eines (west-)deutschen documenta-Blicks war. Wenn sie weiterhin Relevanz haben will, wäre sie gut beraten, den naiven Anspruch auf Weltgeltung durch das Prisma ihrer eigenen Geschichte neu zu bewerten. Dazu bräuchte es jedoch ein Team, das überhaupt in der Lage wäre oder Interesse daran hat, diese Herausforderung anzunehmen. Anstatt Geschichte zu schreiben, wird sie sonst selbst Geschichte."
"Wer auf der documenta15 durch die Kunst unmittelbar politisch spricht, wird sich an der politischen Weltlage messen lassen müssen", meint in der taz Andreas Fanizadeh, der die postkoloniale Kritik der Documenta am Westen im Allgemeinen und Israel im Besonderen einseitig und ideenlos findet. "Im Kontext Palästinas kann eine kritische Kunst nur eine sein, die sich dem völkisch-religiösen Paradigma des Befreiungsnationalismus widersetzt. Und nicht eine, die bildnerisch den äußeren Feind anklagt und von den eigenen Defiziten ablenkt. ... Minderheiten- und Bürgerrechtskämpfe in demokratischen Gesellschaften wie den USA, Israel oder der Bundesrepublik sehen anders aus als jene in Gaza, Iran, Syrien, Namibia oder Indonesien. Wer in der Kunst aber nur nach Motiven der postkolonialen Kritik sucht, dürfte an dieser erblinden. Und auch keinen Blick dafür haben, was gerade in der Welt und in der Ukraine passiert."
Abfahrt der "Citizenship". Foto: Martina Pozzan
Nicola Kuhn berichtet im Tagesspiegel vom Start des Documenta-Schiffs "Citizenship", das in sechzig Tagen von Berlin über Havel, Mittellandkanal, Weser und Fulda nach Kassel fahren will: "Abends wird nahe Campingplätzen geankert, tagsüber auf den Rädern gestrampelt, um die Schiffsschraube anzutreiben, wenn die Sonnenkollektoren nicht genügend Strom für den Elektromotor geliefert haben und die 39 Batterien wieder aufgeladen werden müssen. Auch das gehört zum Konzept: ganz ohne fossile Brennstoffe zu reisen. Ähnlich nachhaltig funktioniert die Versorgung. Die Lebensmittel werden von Foodsavern gebracht. In der Mitte des Schiffes stapeln sich in zwei Wannen diverse Salatköpfe, Gurken und Fladenbrote, die später weiterverarbeitet werden. Ebenso wird auf engstem Raum bei der Dusche improvisiert, die sich hinter einem schwarzen Vorhang verbirgt. Davor hat eine Künstlerin ihre Nähmaschine platziert, die mit Fußantrieb funktioniert. Hier sollen im Laufe der Reise aus Altkleidern neu geschneiderte Anziehsachen entstehen."
Weitere Artikel: Im Interview mit der FR sprechen Noel Kasyoka und Njoki Ngumi vom The Nest Collective über ihr Kunstprojekt "The Feminine and The Foreign" für die Wiesbaden-Biennale und ihre Pläne für die Documenta. Ingeborg Ruthe berichtet in der FR von der Fotografie-Triennale in Hamburg. Zorica Radivojevic-Llalloshi, seit 17 Jahren Museumsaufsicht im Gropius Bau, plaudert im Interview mit der taz über ihre Arbeit. In der SZ spottet Johanna Adorjan unbegreiflicherweise auf einer ganzen Seite über eine Ausstellung schlechter digitaler Kopien der "berühmtesten Werken der Renaissance" in der Berliner Parochialkirche. Stefan Trinks besucht für die FAZ das neue, dem Künstler Christian Schad gewidmete Museum in Aschaffenburg.
Besprochen werden "In Reference To A Sunny Place", eine Einzelausstellung der finnischen Fotografin Elina Brotherus im Fotografie Forum Frankfurt (taz) und eine Ausstellung mit Holzschnitten aus 600 Jahren im Berliner Kupferstichkabinett (Tsp).
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