Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.07.2022 - Kunst

Meron Mendel, Leiter der Bildungsstätte Anne Frank, hat seine Beraterfunktion bei der Documenta aufgegeben. Er vermisse "den ernsthaften Willen, die Vorgänge aufzuarbeiten und in einen ehrlichen Dialog zu treten", sagt er im Spiegel-Gespräch mit Christoph Schult und glaubt, dass "auf Zeit gespielt werden sollte, bis die Documenta 15 vorüber ist": "Erst mal herrschte zwei Wochen kompletter Stillstand, was die Bewertung der Kunstwerke betrifft. Telefonanrufe blieben unbeantwortet, und auch meine Bitte, mit den Kuratoren um Ruangrupa zu sprechen, wurde mit Ausreden auf die lange Bank geschoben. Wenn ich mich nicht selbst bemüht hätte, wäre wohl kein Vertreter von Ruangrupa bei der Diskussionsveranstaltung anwesend gewesen, die die Bildungsstätte Anne Frank mit organisiert hat." Im SZ-Gespräch mit Jörg Häntzschel wird Mendel noch konkreter: Von der Krankheit, aufgrund derer sich Schormann am Mittwoch im Kulturausschuss entschuldigte, sei in den Mails an ihn keine Rede gewesen, zudem habe man das Gespräch mit Ruangrupa verhindert: "'Für mich ist das eine neokoloniale Verhaltensweise. Sie werden behandelt wie kleine Kinder.'"

Und auch Hito Steyerl hat die Documenta-Macher aufgefordert wegen des Antisemitismusskandals ihr Kunstwerk abzubauen, wie Tobias Timm bei ZeitOnline berichtet: Sie wolle "den anhaltenden Mangel an organisatorischer Verantwortlichkeit und die fehlende Kontrolle hinsichtlich 'antisemitischer Inhalte, die auf der documenta fifteen an ihrem zentralen Ort gezeigt wurden, nicht unterstützen'."

Die Documenta GmbH und die Stadt Kassel haben als Gastgeber versagt, schreibt der Architekturhistoriker Philipp Oswalt, der bis Ende 2020 am Gründungsprozess des documenta-Instituts beteiligt war, bei ZeitOnline. Irritierend findet er etwa die Tatsache, dass im Vorfeld immer wieder versichert wurde, nicht in die Kunstfreiheit eingreifen zu wollen und Schormann sich auch später nur noch als Geschäftsführerin ohne inhaltliche Verantwortung verstanden wissen wollte: "Auf welcher Basis konnten dann Generaldirektorin und Kuratorenteam Monate zuvor versichern, dass auf der Ausstellung keine Kunstwerke mit antisemitischen Inhalten gezeigt werden? Und was soll der neue Titel 'Generaldirektorin' bedeuten, auf den Sabine Schormann bei ihrer Berufung als Geschäftsführerin insistiert hatte? (…) Angriffsflächen werden tunlichst vermieden. Die bevorzugte Strategie ist, sich im Konfliktfall wegzuducken."

Die Ausschusssitzung des Bundestags über den Documenta-Gau (unsere Resümees) ging am Donnerstag weiter. Die Ruhrbarone Stefan Laurin und Thomas Wessel berichteten gestern unter anderem über eine Intervention der CDU-Abgeordneten Gitta Connemann, die den Skandal als Eklat mit Ansage bezeichnete: "Connemann nahm auch die Kulturfunktionäre in Haftung, die den Aufruf der 'Initiative GG 5.3 Weltoffenheit' unterzeichnet hatten und wies darauf hin, dass sich die Initiative bei Roths rechter Hand, Ministerialdirektor Andreas Görgen für fachlichen Rat bedankt hatten. Zu denen, die den Aufruf unterschrieben, der den Erhalt der Freiräume des BDS und seiner Anhänger in Deutschland forderte, gehörte damals Hortensia Völckers, die 'Künstlerische Leiterin' der Kulturstiftung des Bundes, welche die Documenta mitfinanzierte." Für die FAZ resümiert Stefan Trinks die Sitzung.

In der FR will Lisa Berins indes von den Südostasien-Expertinnen Vanessa Gliszczynski und Amanda Katherine Rath wissen, wie die antisemitischen Motive in das Banner kommen konnten: "'Bilder und Symbole werden kopiert, sie kursieren über Jahre, Jahrzehnte, und die originäre Bedeutung, der Kontext, gehen verloren oder werden neu bestimmt', sagt Amanda Katherine Rath. 'Das Problem in Indonesien ist', sagt Gliszczynski, 'dass es dort keine Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg und der Shoah gibt. Aus indonesischer Sicht ist Deutschland weit weg. Sie haben ihre eigenen, massiven Probleme und ein unaufgeklärtes Verbrechen, das noch immer bis in die heutige Gesellschaft hineinwirkt.'"

Bild: Sascha Wiederhold, Bogenschützen, 1928. Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, erworben 2021 durch die Ernst von Siemens Kunststiftung. Foto: Galerie Brockstedt © Sebastian Schobbert © Rechtsnachfolger Sascha Wiederhold

Den Rausch der Großstadt der 1920er spürt Andreas Kilb in der Neuen Nationalgalerie, die dem vergessenen Maler Sascha Wiederhold die erste Ausstellung seit knapp 50 Jahren widmet. Zu sehen ist auch sein Hauptwerk "Jazz-Symphonie" von 1927, "das größte Format, das er je gemalt hat. Auf drei mal viereinhalb Metern hält es, durch die Beischrift beglaubigt, das Treiben auf dem Kostümball der Novembergruppe in der alten Philharmonie am 5. Dezember 1925 um 2 Uhr 25 fest. Die Schreckensvision der tausend Augen, die man aus Fritz Langs 'Metropolis' kennt, hat sich bei Wiederhold in die Glückssekunde der hundert Körper verkehrt. Rings um das Liebespaar in der Mitte bilden die Tanzenden ein dichtes Gewebe aus Augen, Mündern und Kleidern. Das Dekorative hat hier Beschreibungsqualität, es fasst das Geschehen des Abends in einem gewaltigen Aperçu zusammen. Für Wiederhold muss es ein Versprechen gewesen sein: 'er darf wiederkommen' steht in Druckbuchstaben in der rechten unteren Ecke des Bildes."

Außerdem: Für die Seite 3 der SZ besucht Kai Strittmatter die Künstlerinnen, die in Venedig das erste Mal den Samen-Pavillon bespielen. Besprochen werden die von María López-Fanjul y Díez de Corall entwickelte Ausstellungsreihe "Der zweite Blick" im Berliner Bode-Museum (Tagesspiegel), eine Ausstellung mit Zeichnungen von Maria Lassnig im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum (Standard), die Ausstellung "Die Schrecken des Krieges. Goya und die Gegenwart" in der Wiener Albertina (NZZ) und die Ausstellung "Double Bind/Threshold Barriers" des niederländischen Künstlers Aernout Miks in der Frankfurter Schirn (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.07.2022 - Kunst

Das "würdelose Verantwortungsverschiebekarussell" der Documenta-Macher lädiert den Ruf der Documenta insgesamt, ärgert sich Niklas Maak in der FAZ und hält den Rücktritt von Sabine Schormann für längst überfällig: "Sie hatte nach dem Skandal angekündigt, sie werde zusammen mit Meron Mendel die gesamte Ausstellung auf antisemitische Inhalte durchforsten. Mendel sagt auf Anfrage der FAZ, er habe trotz mehrfacher Nachfrage von der Documenta-Leitung in dieser Sache seit gut zwei Wochen nichts mehr gehört. Man spielt offenbar auf Zeit und hofft, dass die Aufregung über den Sommer versanden möge. Mittlerweile kommen immer mehr Hintergründe zutage. Nach internen Informationen, die der FAZ vorliegen, soll ausgerechnet Frau Schormann gegen die Berufung von Ruangrupa und die Idee, dass Kollektive Kollektive einladen, gewesen sein, hatte aber kein Stimmrecht. Ursprünglich soll auch ein jüdisches Kollektiv aus São Paulo von Ruangrupa kontaktiert worden, dann aber nach Protesten palästinanaher Teilnehmer wieder ausgeladen worden sein. Von der Documenta war hierzu bis Druckschluss keine Stellungnahme zu bekommen."

In der taz resümiert Andreas Fanizadeh die Tagung des Bundestagsausschusses für Kultur und Medien zur documenta. Komisch, dass Schormann und Geselle fernblieben, zeigt man sich doch sonst recht selbstbewusst: "Auf Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) und ihr 'dünnes Scheckheft', so Geselle auf einem SPD-Parteitag in Kassel, könne man verzichten. Und aus Kassel tönt es, wenn man auswärtige Expertise brauche, könne man sich an das MoMA in New York wenden." Sehr ausführlich resümiert Hanno Hauenstein in der Berliner Zeitung die Sitzung: "Sie spiegelte (…)  auch verhärtete Fronten sowie ideologisch zugespitzte und teils schablonenhaft wirkende Analysen, die den faktischen Antisemitismus auf der Documenta 15 auf eher unsachliche Weise mit politisch motivierten und weitgehend unbegründeten Vorwürfen vermischten." Für artechock sichtet Axel Timo Purr auf der documenta indes lieber Videoarbeiten von Hito Steyerl, Sebastián Diaz Morales und Isaac Godfrey Geoffrey Nabwana - und ist begeistert.

Bestens gelaunt kommt Gundula Bartels (Tagesspiegel) aus der Ausstellung "Vergoldet - Doré" im Schloss Biesdorf, in der Künstler wie Via Lewandowsky, David Krippendorff, He Xiangyu und Künstlerinnen wie Alicja Kwade, Ruth Campau und Luka Fineisen versuchen, Gold als "Farbe des schönen Scheins" zu entlarven. Sebastian Neeb mit seinen hochglanzvergoldeten Keramikskulpturen etwa: "Die beiden Skulpturen auf ihren Podesten aus groteskem Materialmix lassen zuerst an höfische Prunkhumpen denken. Doch entpuppen sie sich bei näherer Betrachtung als ironische Gnome und Fratzen, denen Gold nur als schlechte Tarnung ihrer fragwürdigen Gestalt dient. Noch witziger ist Neebs Goldschwarm vom Mini-Fratzenköpfen, die die Wände der Rotunde bedecken. 'Dilettante Kartoffeln wetteifern um die Gunst des Vaters', so der Titel, ist mit Sicherheit nichts, was man erwartet, wenn man über den Glanz des Goldes nachdenkt."

Besprochen wird die Ausstellung "Künstliche Biotope" im Berliner Kolbe-Museum, die Mies van der Rohe, Kolbe und Lehmbruck mit Installationen von Anne Duk Hee Jordans kombiniert (Tagesspiegel).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.07.2022 - Kunst

Gestern tagte nun der Ausschuss für Kultur und Medien des Bundestags, Sabine Schormann fehlte krankheitsbedingt, Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle ließ sich aus Termingründen entschuldigen. Dafür brachen Ruangrupa längst überfällig ihr Schweigen, wie Jörg Häntzschel in der SZ berichtet. Ade Darmawan entschuldigte sich, gab zu, dass sich kein Mitglied des Kollektivs das Banner genau angesehen hatte "und meinte, es handele sich bei den Karikaturen um eine Art Reimport einer Bildsprache, die zuvor von Europa nach Indonesien exportiert worden sei und dort umgemünzt wurde auf die chinesische Minderheit. Entschieden verwahrte er sich gegen die seit der Documenta-Eröffnung erhobenen Vorwürfe, Antisemitismus gehöre in Indonesien zum kulturellen Mainstream. Und er berichtete von den Angriffen und Drohungen, auch physischer Art, die die Ruangrupa-Mitglieder und Documenta-Mitarbeiter erlitten hätten." Im Tagesspiegel ergänzt Birgit Rieger: "'Es gibt keinen stillen Boykott gegen Israel oder gegen Juden', sagte Darwaman. Jüdische und israelische Künstler seien bei der Documenta vertreten, würden auf eigenen Wunsch namentlich nicht genannt, da sie mit dem Konzept des Nationalstaats nicht in Verbindung gebracht werden möchten. In dieser Form kann seine Versicherung kaum zur Vertrauensbildung beitragen."

"Unser Thema ist Klasse, nicht Rasse", sagen indes Taring Padi im Zeit-Gespräch mit Tobias Timm, in dem sie noch einmal beteuern, den Antisemitismus in ihrem Banner nicht erkannt zu haben: "Weil Antisemitismus vor zwanzig Jahren unter uns in Indonesien kein großes Thema war. Wir wussten kaum etwas darüber. Wir hatten in der Schule etwas über den Holocaust und die Nazi-Herrschaft gelernt, aber nichts zum Antisemitismus an sich. Das ist Teil unseres Lernprozesses jetzt, wenn wir über das Thema sprechen und reflektieren. Wir hätten nicht so nachlässig sein dürfen."

"Wie sinnvoll ist die Unterteilung der Welt in einen 'globalen Norden' und einen 'globalen Süden' - und gehört der Staat Israel in solch einer binären Weltsicht tatsächlich auf die Seite des Nordens, sozusagen als jüdisch-zionistische Spielart des europäischen Siedlerkolonialismus?" fragt in der FAZ der Israel- und Nahoststudien lehrende Politikwissenschaftler Johannes Becke: "In den Jüdischen Studien häufen sich dabei in den vergangenen Jahren einflussreiche Gegenstimmen gegen eine derartige Verkürzung der zionistischen und israelischen Geschichte. Derek Penslar, Historiker an der Harvard-Universität, betont beispielsweise die innere Widersprüchlichkeit des zionistischen Projekts: Als Siedlungsprojekt besitzt der Zionismus eine koloniale Dimension; als Befreiungsbewegung gegen den europäischen Rassenantisemitismus und den britischen Kolonialismus kann der Zionismus als antikolonialer Nationalismus verstanden werden; als neugegründeter Staat im Zeitalter der Dekolonisierung kann Israel auch als postkoloniale Gesellschaft analysiert werden."

Ein Teil der westlichen Kunst spricht nur noch die Elite an, sagt die afrofranzösische Künstlerin Beya Gille Gacha, die Jonathan Fischer in der SZ bei seinem Besuch der Dakar-Biennale getroffen hat. Ihre mit blauen Perlen bestickten Figuren sollen ein größeres Publikum ansprechen - und zugleich "spirituell" sein, erfährt Fischer: "'L'autre Royaume', 'das andere Königreich' ist Gille Gachas Installation auf der diesjährigen Dak'art betitelt. Ein träumendes Kind mit halb geschlossenen Augen steht da in einer Art traditionell-afrikanischem Lehmrundbau, ein maximaler Kontrast zu den umgebenden Betonsäulen des alten Justizpalastes von Dakar. Pflanzen und eine gewebte Decke rahmen die weithin leuchtende Figur. Ein blauer Glanz, der sich einer Haut aus Tausenden winzigen Perlen verdankt. Eine Prinzessin, Heiligenfigur oder gar Außerirdische? (…) Wer es ganz genau wissen will, dem erklärt die zierliche Künstlerin, dass die Perlenhaut einer Handwerkstradition der Bamileke, der kamerunischen Ethnie ihrer Mutter, entstammen. (…) Als Kind gemischten Ursprungs und Angehörige zweier Kulturen schmiede sie daraus einen Selbstfindungsprozess. Was verbindet den Westen mit Afrika?"

Außerdem: In der NZZ berichtet Philipp Meier vom Fall des Franzosen Daniel Druet, der zwischen 1999 und 2006 Wachsfiguren für den Künstler Maurizio Cattelan schuf und nun auf fünf Millionen Euro Schadenersatz und Mitautorschaft klagt: "Das hat die französische Kulturszene in Alarmbereitschaft versetzt. Museumsdirektoren, Künstler, Kunsthistoriker und Galeristen haben einen Protestbrief unterschrieben. Denn Druet stellt die künstlerische Autorschaft infrage. Wird ihm am 8. Juli, wenn ein Pariser Tribunal das Urteil verkündet, recht gegeben, sehen viele die Idee der modernen Kunst in Gefahr. Gemäß dieser zählt allein das Konzept des Künstlers, nicht die Handarbeit des Gehilfen." Im Zeit-Interview mit Evelyn Finger spricht der Leipziger Künstler Michael Triegel über seine Neuerschaffung des verlorenen Marienaltars des Naumburger Domes.

Besprochen werden die Multimediaperformance "Sehnsucht" des Künstlerduos Desilence, Planets of the Sun im Berliner Lighthouse (taz), die Ausstellung "Im Angesicht. Elfriede Lohse-Wächtler und Felix Nussbaum" im Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück (taz) und die Ausstellung "Double Bind/Threshold Barriers" des niederländischen Künstlers Aernout Miks in der Frankfurter Schirn (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.07.2022 - Kunst

Auch wenn der deutsche Kontext für die Documenta unvermeidlich sei, der ultimative sei er nicht, meint Michael Rothberg, der Vordenker der "Multidirektionalen Erinnerung", in der Berliner Zeitung. Allerdings zeigt er Verständnis für all jene, die Ruangrupa gegen die Verdächtigung des Antisemitismus verteidigt hatten und sich nun durch Taring Padis Agitprop-Bild "People's Justice" verraten fühlen. Hier mischen sich europäische und indonesische Elemente einer antisemitischen Bildsprache, das lasse sich nciht leugnen. Und: "Auch erwähnenswert wäre, dass das Transparent andere Bildrepertoires enthält, die von der Rezeption bislang nicht skandalisiert worden sind. So findet sich etwa direkt unter der 'SS'-Figur auch die rassistische Darstellung eines animalisch dargestellten schwarzen US-Soldaten, der seinen großen Penis in der Hand hält und auf die Gräber derer uriniert (oder ejakuliert), die von den USA als 'Terroristen' stigmatisiert wurden."

Besprochen werden der Band "Calais - Testimonies from the 'Jungle' 2006-2020" des französischen Fotografen Bruno Serralongue (taz), die Ausstellung "Ein Krieg in der Ferne" über die Ukraine in Videokunst und Film in der Neuen Galerie Graz (FAZ) und die Ausstellung "Form der Freiheit" im Museum Barberini (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.07.2022 - Kunst

Bild: Maksym Mazur. Gmunden Photo

Bewegt schaut Stefan Weiss im Standard auf der Gmunden Photo auf die Arbeiten vor allem von jenen FotografInnen, die die russische Aggression in der Ukraine seit 2014 dokumentieren: "Es sind eindringliche Bilder von Schützengräben, von zerstörter ziviler Infrastruktur, von verzweifelten Menschen auf der Flucht, im Bunker oder Krankenhaus. Videoinstallationen in Form einfacher Handyvideos dokumentieren zudem den zwischenmenschlichen Konflikt auf der Mikroebene: Lynchjustiz auf den Straßen oder eine Gruppe junger Russen in Riga, die zu Silvester die Hymne der Sowjetunion in Endlosschleife hören. Die Fotografien aus Österreich kommunizieren auf symbolischer Ebene mit dem Thema: Auf einem Bild von Hans Schabus etwa ist ein Segler zu sehen, der mit seinem Boot in einen finsteren Kanal hinein ins Ungewisse steuert. Auch das ist ein Sinnbild zur Situation."

Der Weibo-Account des chinesischen Künstlers Aaijao wurde gelöscht, nachdem er Xi Jinping einen "selbstsüchtigen König" genannt hatte. "Es war eine Art Mord. Ermordet von Weibo, aber eben auch von der chinesischen Regierung", sagt er im Welt-Gespräch mit Mirna Funk: "Hätte ich in Shanghai gelebt, hätte mich außerdem die Polizei angerufen. Das ist da ganz normal. Jeder ist erreichbar. So wurde die gesamte Gesellschaft während der Pandemie organisiert. War man zur falschen Uhrzeit draußen oder zu viele Kilometer vom Wohnhaus entfernt, bekam man sofort ein Anruf oder eine Nachricht aufs eigene Handy. Abgesehen davon verlieren viele ihre Weibo-Konten."

Außerdem: In der FR bewundert Ingeborg Ruthe den frisch restaurierten Isenheimer Altar von Matthias Grünewald in Colmar. Schlicht "virtuos" findet Stefan Trinks in der FAZ den von dem Leipziger Maler Michael Triegel vollendeten neuen Naumburger Domhochaltar. Ebenfalls in der FAZ schreibt Patrick Bahners zum Tod des im Alter von 94 Jahren verstorbenen Museumsdirektors Gerhard Bott.

Besprochen wird die Ausstellung "Stühle: Dieckmann! Der vergessene Bauhäusler Erich Dieckmann" im Berliner Kunstgewerbemuseum (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.07.2022 - Kunst


Fantastisch findet Philipp Meier in der NZZ die Schau im Kunstmuseum Basel, die mit Pablo Picasso und El Greco zwei Solitäre der Kunstgeschichte in Beziehung zueinander setzt: "Große Kunst war in Picassos Augen zeitlos: 'Für mich gibt es in der Malerei weder Vergangenheit noch Zukunft. Wenn ein Kunstwerk nicht stets in der Gegenwart leben kann, ist es nicht von Bedeutung', hatte der Spanier einmal gesagt. Für ihn war die Kunst der griechischen Antike oder der alten Ägypter keine Kunst von einst, sondern lebendiger als je zuvor. Das Kunstmuseum Basel zeigt die beiden nun gemeinsam in einer Ausstellung. Das Nebeneinander von Meisterwerken beider Künstler, des Altmeisters und des klassisch Modernen, liefert gleichsam die Bestätigung von Picassos Urteil über die Kunst: El Greco ist nicht von gestern. Im Licht von Picassos Werken könnte er gegenwärtiger nicht sein. Ja, die giftigen Farbtöne, die bildschirmartig irisierende Leuchtkraft seiner Gemälde, die überlängten, verschwommen und knochenlos wirkenden, geschlechtsfluiden Leiber seiner Figuren wirken ungemein zeitgemäss. So mutet die Palette und Figurenwelt mancher Kunstschaffender von heute geradezu el-grecoesk an."

Weitres: Marlene Knobloch begibt sich für die SZ Günsterode, um zu erkunden, was Kunst ist, was ein Haus und was eine bewohnbare Skulptur.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.07.2022 - Kunst

Ausschnitt aus Ausstellungsansicht "Manzil Monde" - Nadira Husain, Institut Mathildenhöhe Darmstadt, 2022, Foto: Marjorie Brunet Plaza


Wie auf einem prächtigen transkulturellen Stoffbasar fühlt sich tazlerin Katharina J. Cichosch beim Besuch von Nadira Husains Ausstellung "Manzil Monde" in der Darmstädter Künstlerkolonie Mathildenhöhe: "Prächtig gemusterte Stoffe in allen Dessins schimmern hier um die Wette, sie liegen über einem großen Sitzobjekt drapiert und hängen in mannigfaltigen Kombinationen an der Wand, wo sie aus zahlreichen Einzelelementen zusammengenäht mal opulentes Wimmelbild, mal Form- und Materialstudie nachzuahmen scheinen. Manche Stoffarbeiten ragen bis auf den gelbgoldenen Teppich, der den gesamten Raum in Heiterkeit taucht. ... Ihre Bilder kennen keinen strengen räumlichen Vorder- oder Hintergrund. Motive werden auf Stoffe gemalt oder gezeichnet und wiederum auf andere Stoffe aufgenäht. Bei aller farbenprächtigen Opulenz bewahren sich Husains Arbeiten zudem eine ausgesprochene Zartheit. Man könnte es auf die Gleichzeitigkeit ihrer Motive und die oftmals transparenten Materialien schieben: Alles kann sich überlagern oder gegenseitig durchdringen."

Katrina Daschner, Golden Shadow, 2022, Filmstill, Courtesy die Künstlerin


Ein faszinierter Dominik Kamalzadeh (Standard) sieht Körper-, Tier- und Naturbilder zusammenfließen in der Ausstellung "Burn & Gloom! Glow & Moon!" der Experimentalfilmerin Katrina Daschner in der Kunsthalle Wien. Und das ist nicht alles: "Performance-Elemente sind ein Teil davon, das Verwandlungsspiel der Burlesque, vor allem eine ungebremste Lust, den Reiz von Oberflächen mit großer Geste auszukosten: Sie wolle die Welt 'mit den Augen anfassen', sagt sie über ihren Anspruch, die Grenzen zwischen Künstlichkeit und Natur zu verwischen. Die jüngste Arbeit, das Zentralstück der Schau, ist die prächtige Doppelprojektion 'Golden Shadow'. Sie ist narrativer als sonst, allerdings versteht Daschner das Erzählerische mehr wie eine 'Koralle, die in alle Richtungen wächst'."

Weitere Artikel: In der Berliner Zeitung sucht Joseph Croitoru mit einiger Sympathie die Motive für das inzwischen abgehängte Documenta-Monumentalbild von Taring Padi zu verstehen, bekommt aber nicht genug Informationen von der Gruppe, um den Antisemitismusvorwurf auszuräumen. Roland Düker sah für Zeit online auf der Documenta eine Performance von Taring Padi, die den Kampf gegen das Suharto-Regime symbolisieren sollte. Bruno Pellegrino erzählt in der NZZ von Ginevra Cantofolis Gemälde "Donna con turbante", enstanden um 1650, das er zum ersten Mal in der Galleria nazionale in Rom sah und das ihn faszinierte.

Besprochen wird außerdem eine große Hannah-Höch-Schau im Kulturspeicher Würzburg (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.07.2022 - Kunst

Am Mittwochabend hatten Documenta und die Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank nun also zur Podiumsdiskussion mit dem Titel "Antisemitismus in der Kunst" geladen. Auf der Bühne nahmen Adam Szymczyk, Hortensia Völckers von der Kulturstiftung des Bundes, die Philosophin Nikita Dhawan als Vertreterin der postkolonialen Theorie, Meron Mendel von der Bildungsstätte Anne Frank und Doron Kiesel als Repräsentant des Zentralrats der Juden Platz. Sabine Schormann und Ruangrupa saßen indes im Publikum. Ernüchtert resümiert Johannes Schneider (ZeitOnline) die Podiumsdiskussion, bei der viel aneinander vorbei geredet wurde: "Wo die einen auf Singularität bestehen und die anderen die Anerkenntnis derselben auch performativ verweigern, indem sie immer maximal schnell 'other urgent discussions' (Ade Darmawan) ins Spiel bringen, also nur leicht verklausuliert nach anderen -ismen und ihren Opfern fragen, gibt es dauerhaft wenig zu klären. Und ein Kompromissmodell, das Antisemitismus einen wirklichen Sonderstatus unter den Diskriminierungsformen einräumt und Israel einen Sonderstatus unter den westlichen Staaten, scheint in der postkolonialen Theorie, wie sie sich derzeit in der Debatte um die documenta zugegebenermaßen eher volkstümlich vermittelt, ebenso wenig vorgesehen wie intersektionales Empowerment beim Zentralrat der Juden in Deutschland."

"Schlimmer könnte es kaum laufen", meint auch Nils Minkmar in der SZ und fordert "personelle und strukturelle Konsequenzen": "Der Abend wurde (...) untermalt mit den großen Hits aus der Ressentimentkiste: Würden die Juden sich nicht darüber beschweren, hier mit Schweinekopf und SS-Abzeichen karikiert zu werden und mitten auf dem Friedrichsplatz im Herzen der Documenta ausgestellt oder angeprangert zu werden, wäre eigentlich alles in Butter. Der 'globale Süden' könnte gefeiert werden, die Institutionen würden zufrieden schnurren und Deutschland hätte Weltniveau." "Ruangrupa hätte nun die Chance gehabt, mit zwei gebürtigen jüdischen Israelis wie Doron Kiesel vom Zentralrat der Juden in Deutschland und Meron Mendel von der Bildungsstätte Anne Frank aus Frankfurt öffentlich zu diskutieren", kommentiert Andreas Fanizadeh in der taz den "verstörenden Abend". In der Welt bleibt für Jakob Hayner eine Frage offen: "Was bedeutet es für das Selbstverständnis einer Gesellschaft, wenn Antisemitismus sich in einer Form äußert, die in sich selbst als aufgeklärt empfindenden Kreisen offensichtlich als ehrbar gilt, sobald nur der 'kulturelle Kontext' stimmt?" Und: "Wie muss eine Documenta neu organisiert werden, damit so ein Eklat sich nicht wiederholt?" fragt Lisa Berins in der FR nach dem Abend. Ebenfalls in der FR schreibt Sandra Danicke zu der Diskussion. In der FAZ schreibt Claudius Seidl. Und Stefan Trinks staunt, dass Claudia Roth offenbar bereits im Januar Sabine Schormann zu externer Expertise geraten habe, ein halbes Jahr später aber gegenteilig argumentierte.

In der SZ hält Carsten Brosda, Hamburger Senator für Kultur und Medien, fest: "Antisemitische, rassistische oder anderweitig gruppenbezogen menschenfeindliche Diffamierungen können sich (...) nicht auf die Meinungs- oder Kunstfreiheit beziehen. Sie verstoßen gegen den Konsens, der diese Freiheiten ermöglicht. Deshalb haben auch konkrete Positionen des BDS in künstlerischen Programmen nichts zu suchen, ganz gleich, ob sie allesamt oder nur im Einzelfall als antisemitisch betrachtet werden.

"Liebe Frau Schormann, bitte auf keinen Fall zurücktreten", schreibt Bazon Brock in einem bisher unbeantworteten Brief an die Documenta-Leitung, den die SZ heute abdruckt. Verantwortlich seien diejenigen, die die absolut autonome künstlerische Leitung bestellt haben: "Wer den 'globalen Süden' bestellt, muss ihn auch als das akzeptieren, als was er sich tagtäglich, jahraus, jahrein beweist, unter anderem als antisemitisch. Es ist lächerlich und anmaßend, wenn man, wie die Ministerin es tat, uns Jakarta als beispielhaft für gelungene künstlerische Intervention in sozialen Fragen vorstellt, ohne die Realität, die dahintersteht, anzuerkennen. Alle diese Staaten des 'globalen Südens' sind nicht nur religiös fundamentalistisch ausgerichtet, sondern verglichen mit der Sozialstaatlichkeit Westeuropas lassen sie asoziale Haltungen geradezu als selbstverständlich gelten."

In zweiten Text, einem ganzseitigen Essay, beklagt Brock den "Missbrauch" des Paragrafen 5.3 GG: "Paragraf 5.3 des Grundgesetzes stellt ausdrücklich Künstler und Wissenschaftler mit ihren Arbeitsresultaten 'frei', will sagen, dieser Paragraf entzieht sie der Zensur kultureller Kollektive, und damit auch und vor allem fundamentalistischen Absolutheitsansprüchen von Religionen und Weltanschauungen. Wenn man, wie heute gedankenfaul oder in vollster Absicht, Kunst und Wissenschaft für kulturelle Tätigkeiten hält, also Kunst- und Kulturträger nicht strikt unterscheidet (...), liest man Paragraf 5.3 GG gegensinnig als: Freiheit von Kulturkollektiven. So glauben viele heutzutage ernsthaft, im Namen von Identitätsansprüchen künstlerische und wissenschaftliche Arbeitsresultate zensieren zu dürfen oder gar zu müssen. Die Radikalität der Auseinandersetzung nimmt erheblich zu, wenn wir auf der diesjährigen Documenta die überaus schlichten Kulturleistungen, die vom Kuratorenkollektiv Ruangrupa vorgestellt werden, als Kunst präsentiert bekommen. Wenn wir uns dagegen jetzt nicht verwahren, wird es keine nächste Documenta geben, denn dann haben die Kulturen der Welt endgültig die Macht über die Künste und die Wissenschaften zurückerobert."

Die Initiative 5.3 GG Weltoffenheit hatte nach dem Skandal übrigens zur "Fortsetzung und Intensivierung dieses Dialogs" aufgerufen. In der Welt kommentiert Alan Posener: "Statt sich zu fragen, ob man mit diesem 'Dialog' den Re-Import des Antisemitismus fördert und finanziert, statt auch nur ein selbstkritisches Wort zu verlieren, will man die gemachten Fehler 'intensivieren'. Es gibt ein Ausmaß gewollter Blindheit und verschwurbelter Selbstgerechtigkeit, das schwer erträglich ist."

"Die jüdische Doomsday Clock läuft mit doppelter Geschwindigkeit", schreibt wiederum Nele Pollatschek im Feuilletonaufmacher der SZ: "Für Nichtjuden geht es bei Antisemitismus um Moral, für Juden um Überleben. Nichtjuden können sagen: 'Nie wieder!', Juden müssen beständig fragen: 'Schon wieder?'"

In der Berliner Zeitung setzt Harry Nutt zu einem Documenta-Rundgang jenseits all des Trubels an, um festzustellen: "Die Documenta Fifteen erweist sich (…) als verwinkelter Lehrpfad durch eine vermeintlich globalisierte Welt, in der die Marginalisierten nun verstärkt um Aufmerksamkeit bitten. Dagegen ist wenig einzuwenden, und das bringt in Kassel durchaus bemerkenswerte Ergebnisse zu Vorschein. Das plakative Versprechen der ganz anderen Kunstpräsentation zerrinnt beim Rundgang jedoch in der Mühsal, den Überblick zu behalten."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.06.2022 - Kunst

Im Spiegel (hinter Paywall) schimpft Eva Menasse über den "diskursiven Reinigungsfuror eines publizistischen Bataillons aus Anti-Antisemiten, die offenbar wirklich glauben, dass sie dieses Land bald, vielleicht schon übermorgen, antisemitenfrei kriegen". Ein "Hauch von McCarthy" wehe durch das Land: "Da man nach all den Jahren im eigenen Purgatorium vollumfänglich verstanden zu haben glaubt, was Antisemitismus ist, und sich selbst frei davon wähnt, möchte man ihn bei anderen umso allumfassender geahndet sehen. Ein deutscher Drang zur Übererfüllung blitzt auf. Genau diesem entsprang vor drei Jahren die so ungeheuer schädliche Anti-BDS-Resolution des Bundestags, eine Resolution, die ursprünglich auf die AfD zurückging. Im Jahr 2019 wusste hierzulande noch kaum einer, was BDS (...) eigentlich ist: nämlich die an sich vernünftige Idee der Palästinenser, eine gewaltlose politische Alternative für die Auseinandersetzung mit Israel zu finden. Aber BDS fuhr unter anderem deswegen gegen die Wand, weil es sich nicht mit dem Boykott von Produkten der israelischen Siedler (die jeden Boykott verdienen!) zufriedengab, sondern ihn auf israelische Künstler und Wissenschaftler ausgedehnt haben wollte. Das ist, Stichwort Meinungs- und Kunstfreiheit, in demokratischen Ländern die rote Linie, das muss man gar nicht Antisemitismus nennen."

Man hätte das Bild von Taring Padi verhüllt als Denkmal stehen lassen sollen, meint Deniz Yücel in der Welt: Als Denkmal für die "Unzulänglichkeiten des Postkolonialismus, der für Linke in aller Welt Fragen nach Eigentums und Klassenverhältnissen abgelöst hat und zu dessen Leerstellen der Antisemitismus und der Holocaust gehören. Für die identitäre Romantik, die mit dem Gerede vom 'globalen Süden' einhergeht, die mit dem Reishüttenkitsch des indonesischen Kuratorenteams Ruangrupa diese Documenta prägt und die, wie alle reaktionäre Kritik an der Moderne, immer nur einen Fuß breit von einer imaginierten Volkstümlichkeit und somit vom Antisemitismus entfernt ist - wenn überhaupt. Einem Denkmal dafür, wie der Hass auf den Staat Israel nach Auschwitz den Platz der Rede vom 'Weltjudentum' eingenommen hat - und wie er eine weitere Metamorphose später nicht mehr im altbackenantiimperialistischen Gewand daherkommt, sondern postkolonial, antirassistisch, genderbewusst."

"Jetzt die gesamte Ausstellung in die Tonne zu treten, wäre auch ein Fehler", sagt Meron Mendel, der für die Documenta begutachten soll, ob dort weitere antisemitische Kunstwerke gezeigt werden und den Leitern das Erkennen "antisemitischer Codes" beibringen soll, im Zeit-Gespräch mit Tobias Timm: "Es muss aber am Ende auch eine Verantwortlichkeit geben, die hier eine bewusste und begründete Entscheidung trifft. Wenn sich für eine solche Entscheidung niemand verantwortlich fühlt, ist das eine Verwahrlosung und Verantwortungslosigkeit."

Weitere Artikel: "Selbst wenn die auf der Documenta 15 präsentierte Kunst nicht sonderlich charismatisch oder interessant sein mag - und selbst wenn es keine 'Kunst' im klassischen Sinn des Wortes ist -, sind die Fragen, die diese Ausstellung aufwirft, zweifellos essenziell wichtig ist", meint Shany Littman in einem Artikel für Haaretz. Im Tagesspiegel resümiert Birgit Rieger eine Podiumsdiskussion in Kassel zum Thema "Antisemitismus in der Kunst". Im Standard denkt Katharina Rustler über das Pro und Contra von Kollektiven nach. In der FR erinnert Arno Widmann an die erste Documenta von 1972.

Besprochen wird die Ausstellung "Balance" im Hamburger Bahnhof in Berlin (Berliner Zeitung).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.06.2022 - Kunst

Sven Johne: "NordStream 1 +2". Foto: Galerie Nagel Draxler



In der SZ stellt Kito Nedo den Berliner Künstler Sven Johne vor, der in seinen Arbeiten die deutsch-russische Petropolitik verabschiedet, etwa mit seinem großformatigen Porträt der Stadt Saßnitz "Nabel der Welt", das in der Galerie Nagel Draxler zu sehen ist: "Die Schwarzweißbilder sind hochaufgelöst und gestochen scharf. Unwillkürlich vertieft man sich in die Details, die Ordnung etwa, mit der die Pipeline-Rohre gelagert wurden. Doch was kann man schon wissen von der Saßnitzer Wirklichkeit, wenn man wie ein Flugkörper in sicherer Entfernung über die Oberfläche schwebt? In die fotografierte Landschaft hat der Künstler mit dem Computer kurze Texte montiert, die sich wie Gedankenblasen von Gastronomen, Immobilienhändlern, Lokalpolitikern, Polizisten, Sozialhilfeempfängern, Corona-Spaziergängern, Fischern und Fischbrötchenverkäufern lesen. Zusammen ergeben sie so etwas wie die mentale Landschaft einer deutschen Kleinstadt."

Für Welt-Kritiker Marcus Woeller steht fest, dass die Geschäftsführerin Sabine Schormann und Kassels Oberbürgermeister Thomas Geselle die Verantwortung für den Documenta-Eklat tragen und sie auch ziehen sollten. Allerdings fällt ihm auch etwas anderes auf: "Das gegenwärtige Macht und Beziehungssystem des Kunstbetriebs dürfte davon unangetastet bleiben. Denn neben der lauten Kritik der Journalisten an der Documenta hört man aus den Museen, von den Direktoren der wichtigen Institutionen - nichts. Dieses Schweigen ist erschreckend." In einem zweiten Text sieht Swantje Karich Kulturstaatsministerin Claudia Roth in der Pflicht: "Der Bund muss jetzt dringend alle Unterstützung der Documenta einstellen. Oder aber aktiver Gesellschafter werden. Alles andere ist unverantwortlich." Auch in der SZ berichtet Jörg Häntzschel, dass Claudia Roth der Documenta einen Expertenbeirat empfohlen hatte, den Kassel jedoch mit dem Hinweis auf befürchetet Zensur ablehnte.

Auf ZeitOnline fasst Robin Detje seine Eindrücke von der Documenta so zusammen: "Man wird nicht von Spitzenkunst überwältigt werden. Man wird immer hin- und hergerissen bleiben zwischen ebenso pastoraler wie politisch radikaler Naivität auf der einen und immer wieder mal auftauchender, mehrfach gebrochener Großkunstigkeit auf der anderen Seite. Beides kann nerven, ebenso wie die Widersprüche, die so entstehen und deren Duldung Programm ist. Und die Gespräche, die nun vermitteln könnten, finden nicht statt. Und auch das kann nerven."

Besprochen werden Miriam Cahns Ausstellung "Meine Juden" im Museum für Gegenwartskunst in Siegen (taz) und die Ausstellung "A Thousand Words for Weather" in der Senate House Library in London (Guardian).