Am Mittwochabend hatten Documenta und die Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank nun also zur
Podiumsdiskussion mit dem Titel "Antisemitismus in der Kunst" geladen. Auf der Bühne nahmen
Adam Szymczyk,
Hortensia Völckers von der Kulturstiftung des Bundes, die Philosophin
Nikita Dhawan als Vertreterin der postkolonialen Theorie,
Meron Mendel von der Bildungsstätte Anne Frank und
Doron Kiesel als Repräsentant des Zentralrats der Juden Platz. Sabine Schormann und Ruangrupa saßen indes im Publikum. Ernüchtert
resümiert Johannes Schneider (
ZeitOnline) die Podiumsdiskussion, bei der viel aneinander vorbei geredet wurde: "Wo die einen auf
Singularität bestehen und die anderen die Anerkenntnis derselben auch performativ verweigern, indem sie immer maximal schnell 'other urgent discussions' (Ade Darmawan) ins Spiel bringen, also nur leicht verklausuliert nach anderen -ismen und ihren Opfern fragen, gibt es dauerhaft
wenig zu klären. Und ein Kompromissmodell, das Antisemitismus einen wirklichen
Sonderstatus unter den Diskriminierungsformen einräumt und Israel einen Sonderstatus unter den westlichen Staaten, scheint in der postkolonialen Theorie, wie sie sich derzeit in der Debatte um die documenta zugegebenermaßen eher volkstümlich vermittelt, ebenso wenig vorgesehen wie
intersektionales Empowerment beim Zentralrat der Juden in Deutschland."
"Schlimmer könnte es kaum laufen", meint auch Nils Minkmar in der
SZ und fordert "personelle und strukturelle Konsequenzen": "Der Abend wurde (...) untermalt mit den großen
Hits aus der Ressentimentkiste: Würden die Juden sich nicht darüber beschweren, hier mit Schweinekopf und SS-Abzeichen karikiert zu werden und mitten auf dem Friedrichsplatz im Herzen der Documenta ausgestellt oder angeprangert zu werden, wäre eigentlich alles in Butter. Der 'globale Süden' könnte gefeiert werden, die Institutionen würden
zufrieden schnurren und Deutschland hätte Weltniveau." "Ruangrupa hätte nun die Chance gehabt, mit zwei gebürtigen jüdischen Israelis wie Doron Kiesel vom Zentralrat der Juden in Deutschland und Meron Mendel von der Bildungsstätte Anne Frank aus Frankfurt öffentlich zu diskutieren",
kommentiert Andreas Fanizadeh in der
taz den "
verstörenden Abend". In der
Welt bleibt für Jakob Hayner eine Frage offen: "Was bedeutet es für das Selbstverständnis einer Gesellschaft, wenn Antisemitismus sich in einer Form äußert, die in sich selbst als aufgeklärt empfindenden Kreisen offensichtlich als ehrbar gilt, sobald nur der 'kulturelle Kontext' stimmt?" Und: "Wie muss eine Documenta neu organisiert werden, damit so ein Eklat sich nicht wiederholt?"
fragt Lisa Berins in der
FR nach dem Abend. Ebenfalls in der
FR schreibt Sandra Danicke zu der Diskussion. In der
FAZ schreibt Claudius Seidl. Und Stefan Trinks staunt, dass
Claudia Roth offenbar bereits im Januar Sabine Schormann zu externer Expertise geraten habe, ein halbes Jahr später aber gegenteilig argumentierte.
In der
SZ hält
Carsten Brosda, Hamburger Senator für Kultur und Medien, fest: "Antisemitische, rassistische oder anderweitig gruppenbezogen menschenfeindliche Diffamierungen können sich (...) nicht auf die Meinungs- oder Kunstfreiheit beziehen. Sie verstoßen gegen den Konsens, der diese Freiheiten ermöglicht. Deshalb haben auch
konkrete Positionen des BDS in künstlerischen Programmen
nichts zu suchen, ganz gleich, ob sie allesamt oder nur im Einzelfall als antisemitisch betrachtet werden.
"Liebe Frau Schormann, bitte auf keinen Fall zurücktreten", schreibt
Bazon Brock in einem bisher unbeantworteten Brief an die Documenta-Leitung, den die
SZ heute abdruckt. Verantwortlich seien diejenigen, die die absolut autonome künstlerische Leitung bestellt haben: "
Wer den '
globalen Süden'
bestellt, muss ihn auch als das akzeptieren, als was er sich tagtäglich, jahraus, jahrein beweist, unter anderem als antisemitisch. Es ist lächerlich und anmaßend, wenn man, wie die Ministerin es tat, uns Jakarta als beispielhaft für gelungene künstlerische Intervention in sozialen Fragen vorstellt, ohne die Realität, die dahintersteht, anzuerkennen. Alle diese Staaten des 'globalen Südens' sind nicht nur
religiös fundamentalistisch ausgerichtet, sondern verglichen mit der Sozialstaatlichkeit Westeuropas lassen sie
asoziale Haltungen geradezu als selbstverständlich gelten."
In zweiten Text, einem ganzseitigen Essay, beklagt Brock den "
Missbrauch" des
Paragrafen 5.
3 GG: "Paragraf 5.3 des Grundgesetzes stellt ausdrücklich Künstler und Wissenschaftler mit ihren Arbeitsresultaten 'frei', will sagen, dieser Paragraf entzieht sie der
Zensur kultureller Kollektive, und damit auch und vor allem fundamentalistischen Absolutheitsansprüchen von Religionen und Weltanschauungen. Wenn man, wie heute gedankenfaul oder in vollster Absicht, Kunst und Wissenschaft für kulturelle Tätigkeiten hält, also
Kunst-
und Kulturträger nicht strikt unterscheidet (...), liest man Paragraf 5.3 GG gegensinnig als:
Freiheit von Kulturkollektiven. So glauben viele heutzutage ernsthaft, im Namen von Identitätsansprüchen künstlerische und wissenschaftliche Arbeitsresultate zensieren zu dürfen oder gar zu müssen. Die Radikalität der Auseinandersetzung nimmt erheblich zu, wenn wir auf der diesjährigen Documenta die überaus schlichten Kulturleistungen, die vom Kuratorenkollektiv Ruangrupa vorgestellt werden, als Kunst präsentiert bekommen. Wenn wir uns dagegen jetzt nicht verwahren, wird es keine nächste Documenta geben, denn dann haben die
Kulturen der Welt endgültig die
Macht über die Künste und die Wissenschaften zurückerobert."
Die
Initiative 5.3 GG Weltoffenheit hatte nach dem Skandal übrigens zur "Fortsetzung und Intensivierung dieses Dialogs"
aufgerufen. In der
Welt kommentiert Alan Posener: "Statt sich zu fragen, ob man mit diesem 'Dialog' den
Re-
Import des Antisemitismus fördert und finanziert, statt auch nur ein selbstkritisches Wort zu verlieren, will man die gemachten Fehler 'intensivieren'. Es gibt ein
Ausmaß gewollter Blindheit und verschwurbelter Selbstgerechtigkeit, das schwer erträglich ist."
"Die jüdische Doomsday Clock läuft mit doppelter Geschwindigkeit", schreibt wiederum
Nele Pollatschek im Feuilletonaufmacher der
SZ: "Für Nichtjuden geht es bei Antisemitismus um Moral,
für Juden um Überleben. Nichtjuden können sagen: 'Nie wieder!', Juden müssen beständig fragen: 'Schon wieder?'"
In der
Berliner Zeitung setzt Harry Nutt zu einem Documenta-Rundgang jenseits all des Trubels an, um festzustellen: "Die Documenta Fifteen erweist sich (…) als verwinkelter Lehrpfad durch eine vermeintlich globalisierte Welt, in der die Marginalisierten nun verstärkt um Aufmerksamkeit bitten. Dagegen ist wenig einzuwenden, und das bringt in Kassel durchaus bemerkenswerte Ergebnisse zu Vorschein. Das
plakative Versprechen der ganz anderen Kunstpräsentation zerrinnt beim Rundgang jedoch in der
Mühsal, den Überblick zu behalten."