Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.05.2023 - Bühne

Corinne Winters in "Katia Kabanova" an der Oper Lyon. Foto: Jean-Luis Fernandez

In der FAZ bewundert Lotte Thaler eine mit ihrer Rolle völlig eins gewordene Corinne Winters in Barbara Wysowkas Inszenierung von Leoš Janáčeks Oper "Katia Kabanova" an der Oper Lyon. Für ihre Rolle hat die amerikanische Sopranistin sogar Tschechisch gelernt, lesen wir: "Bis in jede Silbe hinein weiß sie also, wovon sie singt, und sie tut dies mit solcher Empfindsamkeit für Janáčeks Gefühlswelt, dass einem oft der Atem stockt. Mit der Selbstverständlichkeit eines Naturwesens beherrscht sie die Bühne und singt sich in Welten, die ihrer Umgebung verborgen bleiben. Bestens unterstützt wurde sie dabei von Elena Schwarz, der Dirigentin in diesem Produktions-Triumfeminat, mit Chor und Orchester der Oper Lyon. Gerade in Katias Szene mit Warwara im ersten Akt, wo das Orchester sowohl mitleidet als auch Mitleid spendet, schwärmerisch aufblüht und mit Katia ins Stocken gerät, wenn sie sich selbst nicht mehr versteht."

Szene aus "Der Raub der Sabinerinnen". Foto: Marcella Ruiz Cruz

FAZ-Kritiker Benjamin Loy ist freudig überrascht, mit welcher Rasanz Anita Vulesica den ursprünglich recht "zotigen" Schwank "Der Raub der Sabinerinnen" von Franz und Paul von Schönthan aus dem Jahre 1884 am Wiener Akademietheater aktualisiert hat: "Alles ist hier im Fluss, allen voran die Geschlechteridentitäten: Wildes Cross-Dressing bestimmt die Besetzung des Figurenrepertoires, womit am sichtbarsten die Pathologie des auf Nüchternheit verpflichteten Bürgerlebens ausgestellt wird...Die wilde Verselbständigung von Lügen- und Geldkreisläufen im Stück macht zugleich das radikal Zeitgenössische dieses Komödienklassikers in einer Welt der permanenten (Selbst-)Inszenierung sichtbar. Das größte Verdienst der Inszenierung liegt aber womöglich darin, dass das radikal anarchische Identitätsspiel einer Bombe gleicht, die in die sauber ausgehobenen Schützengräben der verminten und humorbefreiten identitätspolitischen Schlachtfelder der Gegenwart einschlägt."

Weitere Artikel: Im Interview mit Nachtkritiker Andreas Thamm geben der Nürnberger Schauspieldirektor Jan-Philipp Gloger und der Leiter des gerade im dritten Stock des Nürnberger Staatstheaters entstehenden Extended Reality Theaters Robert Senkl Auskunft darüber, wie sie in ihrem Projekt digitale Formate und "analoges Schauspiel" verbinden wollen: "Das Theater wird ins Netz gestreamt, und das Netz wird auf die Bühne geholt. Wir werden, noch nicht in der ersten Spielzeit, aber mit der Zeit, alle möglichen Kanäle und Kombinationen bespielen. So entsteht ein hybrider Raum im Zentrum der Stadt, wo geprobt, gesendet und gezeigt werden kann."

Besprochen werden Isabel Ostermans Inszenierung von Peter Tschaikowskis Oper "Eugen Onegin" am Staatstheater Darmstadt (FR), die Uraufführung von Lukas Bärfuss' Stück "Verführung" im Rahmen der "Langen Nacht der Autoren" am Deutschen Theater Berlin unter der Regie von Andras Dömötör (Zeit), die Uraufführung von Alexander Giesches Adaption von Kae Tempests Essay "On connection" als Visual Poem am Theater Bremen (taz), in einer Mehrfachbesprechung: Marco Damghanis "Anouk und Adofa", Nele Suhler und Jan Kosklowskis "Der kleine Snack" und Hakan Savaş Micans Inszenierung von Sasha Mariana Salzmanns Stück "Im Menschen muss alles herrlich sein" im Rahmen der "Autoren Theatertage" am Deutschen Theater Berlin (BlZ) sowie Thom Luz' Inszenierung von Franz Kafkas "Die acht Oktavhefte" am Schauspielhaus Hamburg und Sebastian Baumgartens Adaption von Kafkas Roman "Amerika" (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.05.2023 - Bühne

"Antigone in Butscha" am Zürcher Schauspielhaus. Fot: Philip Frowein

Der ukrainische Regisseur Stas Zhyrkov inszeniert am Zürcher Schauspielhaus gerade "Antigone in Butscha". Im NZZ-Interview mit Ueli Bernay blickt er sehr solidarisch, aber nicht unkritisch auf das Theater in der Ukraine, das noch immer ein wenig rückständig sei, aber nicht schlimm wie das russische: "Das Niveau kultureller Auseinandersetzungen ist in der Ukraine zu tief. Wahrscheinlich ist das immer noch darauf zurückzuführen, dass Stalin die ukrainische Intelligenz weitgehend liquidieren ließ. In der sogenannten Völkergemeinschaft der Sowjetunion ließ das Regime überdies jedem Volk einen speziellen Volkscharakter andichten. Die Ukrainer galten als eher dümmliche, aber lustige Dörfler, die gut sangen und tanzten. Die ukrainischen Theater haben diese Stereotype übernommen und reproduziert. So konnte vergessengehen, dass sich in den 1920er Jahren eine starke ukrainische Theateravantgarde um den Künstler Les Kurbas bildete, der das Theater ähnlich beeinflusste wie im Westen Bertolt Brecht. Damals herrschte eine euphorische Aufbruchstimmung. Man hoffte noch, im Rahmen der Sowjetunion die ukrainische Kultur fördern zu können."

Weiteres: In der Nachtkritik verteidigt Esther Slevogt Fabian Hinrichs von der Kritik verrissenen Theaterabend "Sardanapal". In der SZ porträtiert Christine Dössel die Schauspielerin Lisa Wagner, die gerade in Yasmina Rezas neuem Stück "James Brown trug Lockenwickler" das Publikum des Münchner Residenztheaters von den Sitzen reißt.

Besprochen werden Mieczysław Weinbergs Oper "Der Idiot" nach Dostojewskis Roman im Musiktheater an der Wien ("Eindringlicher lässt sich Literatur mit Musik kaum deuten", meint Reinhard Kager in der FAZ) und das Stück "Welcome Everybody" beim Festival Tanzmainz (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.05.2023 - Bühne

Paula Murrihy als Dejanira in Händels "Hercules". Foto: Monika Rittershaus / Frankfurter Oper

Großer Jubel für Barrie Kosky Inszenierung von Händels "Hercules" an der Frankfurter Oper. In der FR kann Judith von Sternburg gar nicht fassen, wie heutig dieses Drama um Hercules' vor Eifersucht wahnsinnige Dejanira wirkt: "Kosky inszeniert schlank und puristisch und mit einem raffinierten Stegreifappeal, denn so spontan manches wirkt, so ausgetüftelt muss es tatsächlich sein. Die Stimmung: gegenwärtig, ironisch. Ein wenig giftig insgesamt. Mitleid und Neugier gehen miteinander einher, aber die Neugier siegt vorerst meistens. Erst am Ende tut es den anderen dann doch irgendwo leid. Zu schlimm ergeht es Herkules, zu verzweifelt ist Dejanira, die das doch nicht wollte, nicht so, nicht so grässlich. Kosky verzichtet dabei auf Grellheiten und die meisten Barockspäßchen, aber ebenso auf Sanftmut. Den Männern mangelt es etwas an Übersicht, den Frauen nicht. Keine netten Frauen. Drei grandiose Sängerinnen und Darstellerinnen zeigen ein Flirren momentaner Gefühle, rasche Missgunst, vergnügte Boshaftigkeit, der genießerische Blick auf fremdes Leid." Für die FAZ erweist sich Händel mit diesem Stück als "einer der größten Musikdramatiker aller Zeiten", besonders hingerissen ist ihr Kritiker Wolfgang Fuhrmann von der Mezzosopranistin Paula Murrihy als in den Wahnsinn taumelnde Dejanira: "Diese psychische Instabilität ist zwar typisch für die Barockoper, deren Arienketten immer eine Kneippkur von Affekten darstellten. Sie wirkt jedoch dank der singdarstellerischen Souveränität von Murrihy in jedem Moment glaubhaft."

Besprochen werden Sebastian Hartmanns Adaption von Michel Houellebecqs Roman "Vernichten" (in der taz-Kritiker Torben Ibs das "Grauen der Hoffnungslosigkeit" durch alle Ritzen kriechen spürte, aber Egbert Tholl in der SZ versichert, man verlasse das Theater lächelnd. Und: "Hartmann ist Künstler, kein gewöhnlicher Theaterregisseur"), die Lange Nacht der Autor:innen am Deutsches Theater Berlin, zum letzten mal unter ihrem Erfinder Ulrich Khuon (Nachtkritik, taz, Tsp), ein Janacek-Doppel mit "Die Sache Makropulos" und "Aus dem Totenhaus" zur Eröffnung der Maifestspiele in Wiesbaden (FR), Lucia Bihlers zornige Euripides-Inszenierung "Die Troerinnen" am Schauspiel Köln (SZ), Myczieslaw Weinbergs Vertonung von Dostojewskis Roman "Der Idiot" in Wien (Tsp), und Cathy Marstond Ballett "The Cellist", das die tragische Geschichte der Cellistin Jacqueline du Pré erzählt, an der Oper Zürich (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.04.2023 - Bühne

Bild: Rita Newman

Dieter Dorn hat für sein Regiedebüt am Wiener Theater in der Josefstadt Samuel Becketts "Glückliche Tage" mit Georges Feydeaus "Herzliches Beileid" zusammengebracht. Die Grundidee ist gut, meint Nachtkritikerin Petra Paterno: "Feydeau skizziert ein junges Paar auf bestem Weg in die Ehehölle, deren Abgesang wiederum bei Beckett stattfindet: die letzten Tage eines alten Paars mit festgeschriebener Rollenverteilung." Nur: "Der Abend will sich partout nicht zu einem überzeugenden Ganzen fügen: Beckett wird veralbert, Feydeau verernstet. So kommen weder die zarten Momente noch die derben Pointen zum Tragen." In der SZ wird Egbert Tholl deutlicher: "Die Nostalgiker, die können sich freuen, weil nichts von der Sprache ablenkt, die geformt und durchdacht ist, wie immer bei Dorn, bestes Sprechhandwerk. Aber die beiden sprechen halt Feydeau und Beckett, mit jedem Punkt, jedem Komma, am besten noch mit jeder Regieanweisung. Und das hält man heute nicht mehr aus." Und Jürgen Kaube befindet im Feuilleton-Aufmacher der FAZ nach einem Abend mit einigen "abgestandenen" Witzen: Die Inszenierung wirke "wie eine fixe oder Schnapsidee des Regisseurs, die er und seine Schauspieler uns aber nicht erklären können (...)"

Produktionsfoto. Bild: Philipp Lichterbeck

"Über die Hälfte der landwirtschaftlichen Flächen Lateinamerikas sind in den Händen von einem einzigen Prozent der Bevölkerung - meist den direkten Nachkommen der ehemaligen Kolonisatoren und Sklavenhalter", schreibt Milo Rau, der in der taz zunächst von seinem jüngsten Reenactment im Amazonas, einer Neufassung von Sophokles' "Antigone" erzählt, die er mit Überlebenden eines Massakers aus dem Jahre 1996, bei dem Aktivisten anlässlich eines "Marsches für die Landreform" von der Militärpolizei erschossen wurden, auf die Straße brachte. Die Produktion wird im Mai am belgischen Theater NTGent Premiere feiern, Teil der Inszenierung ist auch eine internationale Kampagne gegen Greenwashing und die Zerstörung des Amazonas durch transnationale Lebensmittelkonzerne: "Wenn es einen Begriff gibt, den die Landlosenbewegung und indigene Aktivistinnen gleichermaßen ablehnen, dann ist es der neoliberale Begriff der 'Nachhaltigkeit'. In den letzten zehn Jahren hat sich das brasilianische Agrobusiness in eine milliardenschwere Industrie des Greenwashings verwandelt. Wie in einem kafkaesken Wachtraum wird die sich ständig beschleunigende Vernichtung des Regenwalds im Rahmen von abstrakten CO2-Deals, nur auf dem Papier existierenden Schutzwäldern und immer neuen 'Alternativen' für traditionelle Extraktionsmethoden als Lösung präsentiert."

Außerdem: Im nachtkritik-Interview mit Esther Slevogt und Sophie Diesselhorst ärgern sich Ensemblesprecher Alexander Angeletta und Dramaturgin Lea Goebel darüber, dass Ensemblemitglieder bei der Nachfolge von Stefan Bachmann als Intendant des Schauspiels Köln nicht beteiligt wurden. Goebel sagt: "Die Entscheidung, einen Vertreter des Personalrats hinzuzuziehen, wirkt nach außen vielleicht wie ein Kompromiss, ist im Kern aber Augenwischerei. Die Person war nicht anwesend bei der ersten konstituierenden Sitzung der Kommission, ist nicht stimmberechtigt, sondern maximal beratend tätig und soll erst zu einem späteren Zeitpunkt in den Prozess der Findungskommission hinzugezogen werden." In der taz stellt Matthieu Praun Yulia Yáñez Schmidt vor, die erste Absolventin des Inklusiven Schauspielstudios Wuppertal, das Menschen mit Behinderung ausbildet. In der Welt erzählt Jakob Hayner von seiner Begegnung mit Fabian Hinrichs, der die Hauptrolle in seiner Inszenierung "Sardanapal" kurzerhand selbst übernehmen musste, nachdem Hauptdarsteller Benny Claeessen einen Tag vor der Premiere hinschmiss (Unser Resümee).

Besprochen werden die Elfriede-Jelinek-Stücke "Aber sicher!" und "Strahlende Verfolger" in den Inszenierungen von Miloš Lolić und Gintersdorfer/Klaßen am Werk X in Wien (nachtkritik, Standard), Sebastian Hartmanns Inszenierung von Michel Houellebecqs Roman "Vernichten" am Staatschauspiel Dresden (nachtkritik), Franz Broichs Inszenierung von Michelle Steinbecks "Die beste aller Zeiten" am Theater Basel (nachtkritik) Carola Moritz' Inszenierung von Juli Zehs "Corpus Delicti" im Kulturhaus Frankfurt (FR) die Arbeit "safe & sound" der israelische Choreografin Lee Méir beim langen Tanzwochenende im Radialsystem (Tsp) und Anne Lenks Inszenierung von Tschechows "Drei Schwestern" am Hamburger Thalia Theater (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.04.2023 - Bühne

Szene aus "Ist". Bild: Navid Fayaz.
Peter Laudenbach (SZ) applaudiert dem Mut der iranischen Schauspielerinnen des Stückes "Ist" auf dem Berliner FIND Festival in der Schaubühne, das in einer Teheraner Mädchenschule spielt und Alltagsprobleme von Mädchen in einer religiösen Diktatur schildert: Beim Schlussapplaus tragen sie "selbstverständlich keine Kopfbedeckung, auch wenn das in ihrem Land illegal wäre. Ob das bei ihrer Rückkehr nach Teheran Konsequenzen haben wird, können sie nicht wissen." Die Regisseurin Parnia Shams und die Produktionsleiterin Raha Rajabi lassen ihn "wieder an das Theater und seine Kraft" glauben. "'Viele Künstler sind nicht mehr bereit, Theater zu den Bedingungen der Islamischen Republik zu machen. Sie zeigen ihre Stücke lieber unzensiert im Untergrund, statt an den öffentlichen Bühnen unter der Kontrolle des Regimes', sagt Shams. 'Das ist der Grund, weshalb ich derzeit in Iran nicht an offiziellen Theatern arbeite. Ich hoffe, das ändert sich irgendwann, sodass wir auch an den großen Bühnen auf unsere Weise arbeiten können.' Dieses 'irgendwann' bedeutet: Nachdem wir uns unsere Freiheit erkämpft haben." Auch Nachtkritikerin Gabi Hift bespricht die Aufführung und zeigt sich so beeindruckt wie betroffen von der Wirkung, die das Stück auf sie hat:"Erstaunlich, dass so eine Arbeit an einer Universität in Teheran vor vier Jahren noch möglich war und danach auch im Land selbst noch mehrere Preise gewonnen hat. In diesen Tagen kann man das Stück schwer sehen, ohne an die unaufgeklärten Massenvergiftungen an genau solchen Mädchenschulen zu denken." Auch in der Berliner Zeitung wird das Festival besprochen.

Außerdem: Im München-Teil der SZ erzählt René Hoffmann, wie sich die Stadt München mit der Aufarbeitung des Antisemitismusskandal um Wajdi Mouawads Stück "Die Vögel", der dann keiner war, abmüht.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.04.2023 - Bühne

Im Standard rät Helmut Ploebst, frühzeitig mit der Suche nach einem Nachfolger für Martin Schläpfer, Direktor des Wiener Staatsballetts zu beginnen. In der SZ begrüßt Dorion Weickmann die Preisträger des Deutschen Tanzpreises 2023, darunter vier ehemalige Mitglieder des Tanztheaters Wuppertal. Besprochen werden Fabian Hinrichs "Sardanapal" an der Berliner Volksbühne (Zeit) und Ulrich Wiggers' Inszenierung von Emmerich Kálmáns Operette "Das Veilchen vom Montmartre" an der Musikalischen Komödie in Leipzig (nmz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.04.2023 - Bühne

In der NZZ porträtiert Rahel Zingg die sechzehnjährige Florinda, die mit unglaublicher Disziplin an ihrer Ausbildung als Balletttänzerin arbeitet. Die Zeit von Drill und Übergriff ist offenbar vorbei: "Die junge Tänzerin wunderte sich, als ihre Lehrerin im letzten Jahr plötzlich um Erlaubnis fragte, bevor sie sie korrigierte. 'Ja, komm nur. Du kannst mich auch einfach anfassen', dachte sie. Doch das gehört nun zum Code of Conduct von Danse Suisse. Wer sich bei der Vereinigung ins Berufsregister der Tanzpädagogen eintragen lassen will, muss seit 2021 einen Verhaltenskodex unterschreiben; seit Mai 2022 sind bei Verstößen Sanktionen möglich."

Besprochen werden Performance-Arbeiten der New Yorker Wooster Group beim Berliner FIND-Festival, die sich unter anderem der polnischen Theaterlegende Tadeusz Kantor widmeten (taz), Shakespeares Alterswerk "Der Sturm" am Schauspiel Stuttgart (SZ) und Brechts "Herr Puntila und sein Knecht Matti" im Berliner Ensemble (ZeitOnline).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.04.2023 - Bühne

Annemarie Brüntjen und Alina Kostyukova in "Wie man mit Toten spricht". Foto: Maximilian Borchardt / Nationaltheater Mannheim


Erschüttert berichtet Nachtkritikerin Eva Marburg den Abend "Wie man mit Toten spricht", mit dem die ukrainische Dramatikerin Anastasiia Kosodii am Nationaltheater Mannheim der Toten des Krieges gedenkt, "vorsichtig, respektvoll und konzentriert". Die Vorstellung endet in Stille, ohne Aplplaus: "Ich denke in dem Moment, dass es vielleicht das ist, was Theater jetzt leisten muss. Einen Raum bereitzustellen, in dem erzählt, zugehört, gedacht und erinnert werden kann. Ein kurzer Ort des Innehaltens, das Geschenk der geteilten Aufmerksamkeit. Und das Bewusstsein, dass wir alle betroffen sind, weil wir alle Menschen sind."

Im Tagesspiegel wundert sich Rüdiger Schaper dagegen nicht, dass das Aufregendste an Fabian Hinrichs Ein-Mann-Inszenierung von Lord Byrons "Sardanapal" der Abgang von Benny Claessens war, der kurz vor der Premiere hingeworfen hat: "Keine Seltenheit in einem Betrieb, der sich nur mit Missbrauchsgeschichten in die Schlagzeilen bringt, aber schon lange nicht mehr mit einem Stück Gegenwartsgeschichte, mit einer unerhörten ästhetischen Erfahrung oder einem gesellschaftlichen Aplomb." Auch Michael Wolf vermisst in der taz Dringlichkeit in Fabian Hinrichs Spiel: "Es wirkt, als wäre er bereit, seine ganze Inszenierung zu opfern, damit er selbst als Künstler autonom bleiben kann, nicht verwechselt wird mit einer Figur, einer Botschaft. Nicht mal die Kunst ist als Ziel also genug."

Besprochen werden das Tolkien-Spektakel "Riesenhaft in Mittelerde" am Schauspielhaus Zürich" ("Alles ist hier bis ins kleinste Detail durchgeplant, dennoch wirkt der Abend unendlich frei", lobt Egbert Tholl in der SZ), Burkhard Kosminskis "luftige" Inszenierung von Shakespeares "Sturm" am Stuttgarter Schauspiel (FAZ), Tena Štivičić' kroatische Familiensaga "Drei Winter" am Wiener Burgtheater (Nachtkritik), Isobel McArthurs Jane-Austen-Adaption "Stolz und Vorurteil *oder so" an der Komödie am Kurfürstendamm mit Anna Maria Mühe (Nachtkritik, SZ), Nino Harataschwilis Adaption von Aglaja Veteranyis Roman "Warum das Kind in der Polenta kocht" am Hessischen Landestheater Marburg (FR), die Sarah-Bernhardt-Ausstellung "Et la femme créa la star" im Petit Palais in Paris (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.04.2023 - Bühne

"Riesenhaft in Mittelerde" am Zürcher Schauspielhaus. Foto: © Philip Frowein

Zusammen mit dem inklusiven Theater Hora und dem Puppenspiel-Ensemble Das Helmi hat das Zürcher Schauspielhaus Tolkiens "Herrn der Ringe" auf die Bühne gebracht. Nachtkritikerin Valeria Heintges verfolgt das ausgelassene Spektakel "Riesenhaft in Mittelherde" mit großer Freude: "Das ist nicht nur ungeheuer komisch, sondern auch 'effekt'-voll. Gleichzeitig nimmt sich das Regietrio aus Nicolas Stemann vom Schauspielhaus, Stephan Stock vom Theater Hora und Florian Loycke vom Helmi, erweitert um den Sänger und Schauspieler Der Cora Frost, der auch wunderbar singend zu erleben ist, auch das Recht heraus, die fragwürdigen Seiten des Fantasy-Epos zu entlarven. Tolkien muss sich nicht nur Rassismus, sondern auch üble Misogynie vorwerfen lassen. Also gibt es hellhäutige Bösewichte, Männer, die Frauen spielen und umgekehrt. Sogar von Ork-Awareness-Teams ist die Rede - so viel Schauspielhaus-Selbstironie darf sein." In der NZZ fühlt sich Ueli Bernay von dieser Tolkien-Parodie zwar belustigt, aber nicht belehrt: "Damit fehlt es an kritischem Biss und gesellschaftlicher Brisanz; ein Manko, das bisweilen zu dramaturgischen Längen führt."

Besprochen werden Fabian Hinrichs Inszenierung von Lord Byrons lust-anarchistischem "Sardanapal" ("Strass statt Stress" nimmt SZ-Kritiker Peter Laudenbach von diesem Abend mit, findet ihn aber zu konfus, unbeholfen und selbstverliebt für eines der größten Theater des Landes, FAZ), Wolfgang Herrndorfs Romanfragment "Bilder deiner großen Liebe" am Schauspiel Frankfurt (FR), Shakespeares "Der Sturm" am Schauspiel Stuttgart (FR), Christina Tscharyinskis Inszenierung von Brechts "Herr Puntila und sein Knecht Matti" im Berliner Ensemble (BlZ) und die Stücke beim Festival Internationaler Neuer Dramatik (FIND) an der Berliner Schaubühne (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.04.2023 - Bühne

Fabian Hinrichs als Sardanapel an der Volksbühne. Foto © Apollonia T. Bitzan


An der Volksbühne gab Fabian Hinrichs den "Sardanapal" nach einem Stück von Lord Byron. Eigentlich sollte Benny Claessens die Titelfigur spielen, aber der war nun doch nicht dabei (von künstlerischen Differenzen ist die Rede) und so übernahm Hinrichs kurzerhand die Hauptrolle in seiner eigenen Produktion. Worum gehts? König Sardanapel lehnt jede Herrschaft durch Unterdrückung, Verstellung, Expansion, Lüge und Gewalt ab, er genießt lieber. Zu diesem Zweck veranstaltet er ein Bankett und die Volksbühne lieferte alle Zutaten. In der Berliner Zeitung ist Ulrich Seidler hingerissen: "Es tritt das Jugendsinfonieorchester des Händel-Gymnasiums auf, eine zwölfköpfige Tanzcompagnie und weitere Tänzer der Flying Steps. Es gibt Saxophonsoli, Sir-Henry-Pianokunst, Schwert- und Schlachtenchoreografien, Schmetterlingsformationstanz à la Friedrichsstadtpalast, Wagner-Vorhänge, Hardrockmusicaldiskokunstliedmedleymusik - die Hubmaschinerie schichtet Himmelstreppen auf, Scheiterhaufen brennen, der Orchestergraben gibt sich die Ehre als Euphrat, während der Volksbühnenkronleuchter einen Himmel voller Sterne blinken lässt. Es werden über hundert Leute gewesen sein, die sich schließlich verbeugten, dazwischen, barfuß, breit und glücklich lächelnd der Kaiser des Abends."

Rüdiger Schaper vom Tagesspiegel war es zu viel, viel zu viel: "Das Stück reiht Nummer an Nummer und macht sprachlos. Einmal setzt sich Hinrichs ans Schlagzeug und liefert mit Sir Henry am Klavier einen Rocksong ab. Ein andermal spielt Sir Henry mit den jungen Musikern Chopin, und Hinrichs breitet seine Alpträume aus. Schön ist die Szene zu Beginn, als Hinrichs eine Kassiererin zum Träumen bringt und Lilith Stangenberg zur Aphrodite im Supermarkt wird. Und das bricht auch gleich wieder ab. Was bei allen assyrischen Göttern reitet diesen wunderbaren Schauspieler, warum hilft Fabian Hinrichs niemand?" In der nachtkritik ist Ether Slevogt noch unentschieden: "Immer alles ein bisschen zu schrill verehrend vorgetragen und präsentiert, so dass nie wirklich klar wird: Ist diese Kunst- und Lebenssehnsucht echt oder wird sie nur karikiert? Ist Hinrichs freiwillig oder nur unfreiwillig komisch? Aber in diesem linkischen Strecken nach der Kunst und dem Unmöglichen gelingt es dem Abend auch immer wieder, seltsam zu ergreifen. Benny Claessens ist aber offenbar in der Sorge ausgestiegen, sich mit dem Abend zu blamieren, und postete auf Instagram Böses."

Weiteres: Christian Blossfeld wird der Nachfolger des entlassenen Ballettdirektors Marco Goecke in Hannover, meldet Dorion Weickmann in der SZ. In der Welt sieht nun auch Jakob Hayner die Münchner Kammerspiele den Bach runtergehen.

Besprochen werden die Choreografie "Blazing Worlds" von Sergiu Matis im Radialsystem (Tsp), ein Auftritt der Wooster Group beim FIND Festivel (Tsp), Jenke Nordalms Adaption von Lars Kraumes Film "Der Staat gegen Fritz Bauer" am Stadttheater Gießen (nachtkritik), ein Gastspiel des serbischen Popstars Lepa Brena beim Festivals "New Stages South East" am Theater Oberhausen (nachtkritik) und Emre Koyuncuoğlus Stück "Halide. Words of Flame" beim Festival "Female Peace Palace" an den Münchner Kammerspielen (nachtkritik).