Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

3736 Presseschau-Absätze - Seite 94 von 374

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.05.2023 - Bühne

Mili Raus Re-enactment und Performance "Antigone in the Amazon"

FAZ-Kritiker Simon Strauss hat jede Menge Spott übrig für Milo Rau und dessen Eigenmarketing: Ob er ein später Nachkomme Pasolinis sei oder eher der "Stuckrad-Barre des politischen Gegenwartstheaters", fragt der Kritiker. Aber er muss auch zugeben, dass ihn Raus Schuldtheater immer wieder erschüttert. Jetzt mit der "Antigone in the Amazon" in Gent, ein Recenactment eines Massakers an Mitgliedern der brasilianischen Landlosenbewegung im Jahr 1995: "Es sind ergreifende Szenen, die man zu sehen bekommt: Als Militärpolizisten verkleidete belgische Schauspieler zerren junge Frauen an den Haaren über die Straße, schmeißen sie nebeneinander in den Staub, schießen ihnen mit Plastikpistolen aus nächster Nähe in den Kopf. Beobachtet wird das Ganze von mehreren Hundert Menschen, darunter auch einige Polizistinnen und Polizisten, die den korrekten Ablauf des Re-enactments überwachen. Die Kamera fängt den angewiderten Ausdruck auf ihren Gesichtern ein. Fassungslos beobachten sie das Geschehen. Fassungslos worüber? Über die angerichteten Verbrechen ihrer früheren Kollegen? Oder fassungslos über die europäischen Theatermacher, die sie anklagen?"

In der Welt fühlt sich Jakob Hayner geradezu vor den Kopf geschlagen von der Eröffnung des Berliner Theatertreffens, bei dem sich die Leitung in gnadenlosem Selbstlob erging: "Das auf dem Vorplatz versammelte Publikum muss dieser Selbstfeier zuschauen, ohne wirklich angesprochen zu sein. Es ist eine unwürdige Rolle, die man da abbekommen hat. Hat niemand von den Verantwortlichen etwas zu sagen? Keine Meinung zum Theater oder zur Gesellschaft, in der es gemacht wird? Die aggressive Anspruchslosigkeit der Veranstaltung ist beispielhaft für die sich im Kulturbetrieb ausbreitende Selbstgefälligkeit, die sich mit Parolen schmückt, aber keine Substanz hat." In der NZZ bezweifelt Bernd Noack, dass allein Diversität dem Berliner Theatertreffen den Weg zum Glück bescheren wird. Bei Matthew Lopez' biederem Schwulendrama "Das Vermächtnis" hat er sich jedenfalls ganz schön gelangweilt.

Besprochen werden die Uraufführung von Sarah Nemtsovs "höchst anspruchsvoller" Oper "Ophelia" in Saarbrücken (FAZ), zwei Uraufführungen von Thomas Köck, ""Keeping Up With the Penthesileas" in Zürich und "Forecast: Ödipus" in Stuttgart (SZ), Puccinis "Tosca" mit einem sensationellen Bryn Terfel an der Wiener Staatsoper (Standard), Benjamin Brittens "Peter Grimes" an der Oper Leipzig (NMZ) und das Stück "Nichts als die Wahrheit" des Frankfurter Theaterkollektivs Monstra (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.05.2023 - Bühne

Marina Galic und Jens Harzer in "Macbeth. Foto: Armin Smailovic / Schauspielhaus Bochum

Am Bochumer Schauspielhaus hat Johan Simons Shakespeares "Macbeth" inszeniert, jedoch nicht  als grausiges Mordstücks, sondern als komödiantische Parodie. Nachtkritiker Gerhard Preußer verfolgt gebannt das heitere Spiel: "Schrecklich ist lustig und lustig ist schrecklich. Ein radikal invertierter und reduzierter 'Macbeth'. Zwei Schauspieler und eine Schauspielerin nur: da kommt kein mitfühlender Schauder oder Jammer auf. Jens Harzer, Stefan Hunstein und Marina Galic spielen alles: Hexen, Könige, Feldherren, Frauen, Kinder. In makellosen schwarzen Anzügen wechseln sie die Rollen mit einem Wort, einer Bewegung oder einer Geste. Hunstein ist meist Hexe, Harzer Macbeth und Galic seine Lady, aber nicht immer. Schnell muss man schalten, will man verstehen, wer hier wann wer ist."

In der FAZ bleibt Simon Strauß verhalten: "Die Hexen sind Schicksalsschwestern ohne Schicksal, aber dafür mit viel Unterhaltungswert. Das Haus johlt wiederholt. Nur wirkt Shakespeare hier nicht doch ein wenig zu simpel? Zu simplifiziert? In jedem Fall ist es riskant, ein so explizites Stück von vorne bis hinten in Anführungszeichen zu setzen. Entgegen kommt der Aufführung dabei ihre Textfassung. Die Übersetzung von Angela Schanelec und Jürgen Gosch wirkt - anders etwa als die von Thomas Brasch - mit ihrem bemühten Understatement seltsam antiquiert. Die Sätze klingen im Moment gut, aber wirken kaum nach." Urkomisch findet SZ-Kritiker Martin Krumbholz das Spiel von Galic und besonders Harzer: "Wenn das Publikum über Jens Harzer sehr viel lacht, dann nicht nur, weil er herumkaspert, sondern vor allem, weil kaum einer den Wechsel zwischen kalkuliertem Understatement und dramatischem Exzess so virtuos beherrscht wie er. "

Besprochen werden außerdem Stefan Puchers Inszenierung von Thomas Köcks "Ödipus"-Variation in Stuttgart (die Nachtkritiker Steffen Becker freudig als "slapping our Kapitalisten-Fressen, Theater-Bitches" goutiert), Konstanze Kappensteins Recherche "563" zu Mahlers "Kindertotenlieder" am Schauspiel Leipzig (Nachtkritik), Nina Spijkers' Inszenierung von Otto Nicolais "Die lustigen Weiber von Windsor" an der Wiener Volksoper ("Hinreißend komisch" findet Miriam Damev im Standard die Parodie und das Ensemble fantastisch), Camille Saint-Saëns' Oper "Henry VIII" am Théâtre de la Monnaie in Brüssel (FAZ), Viktor Bodos Inszenierung von Karl Ove Knausgards Roman "Der Morgenstern" im Hamburger Schauspielhaus (SZ), Philip Stölzls Münchner Inszenierung von Matthew Lopez' Aidsdrama "Das Vermächtnis" beim Theatertreffen (taz), und ein bilanzierender Band zur Frauenquote beim Theatertreffen "Status Quote" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.05.2023 - Bühne

Im Tagesspiegel annonciert Patrick Wildermann das Theatertreffen, das heute in Berlin mit Philipp Stölzls Inszenierung "Das Vermächtnis" für das Münchner Residenztheaters eröffnet: zehn Aufführungen aus dem deutschsprachigen Raum, die inzwischen von zehn weiteren "Treffen" umfasst werden. Wozu das gut sein soll? "Die Rede war von 'Austauschformaten', die das Hauptprogramm 'umgarnen, umrahmen und umarmen'. Seltsam bereits. Als handelte es sich bei den ausgewählten Produktionen um linkische Mauerblümchen, die lost neben der Tanzfläche stehen und mal feste gedrückt werden müssen. Diese 'Treffen' tragen Beinamen wie Responsibility, Solidarity, Herstory, Transfeminist, Diversity, Reflection oder Emptiness". Für Wildermann stehen sie vor allem für eins: ein Theater, das offenbar Angst hat vor "der Fiktion als Raum auch des Uneindeutigen".

Szene aus Pah-Lak. Foto © Tibet Theatre


In der FAZ ist Hubert Spiegel noch vollkommen mitgenommen von einer Aufführung bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen: "Pah-Lak" ist ein Stück des indischen Autors Abhishek Majumdar, das von der Tragödie der Tibeter unter chinesischer Herrschaft erzählt. Inszeniert haben Harry Fuhrmann und Lhakpa Tsering, die Schauspieler waren Tibeter. "Pah-Lak" erzählt von einer jungen Nonne, die einen chinesischen Polizisten geschlagen hat, und die fürchterlichen Folgen für ihr Kloster und sie selbst. Bei einem Bühnengespräch nach der Aufführung steht der Mönch und Menschenrechtsaktivist Golog Jigme auf, um über ein Bühnenrequisit zu sprechen: "Dann tritt Jigme an den Folterstuhl, auf dem kurz zuvor die junge Schauspielerin Kalsang Dolma von ihren chinesischen Peinigern fixiert, verhört und gequält worden war. Und nun erläutert der Mönch aus Tibet mit größter Ruhe, auf welche verschiedenen Arten man ihn 2008 während seiner zweimonatigen Inhaftierung unter Verwendung eines solchen Stuhls gefoltert habe, um ihn zu Falschaussagen und Verleumdungen zu zwingen. Das Bühnenrequisit, sagt der Mönch bedächtig, sei zwar recht realistisch, aber das Original sei doch schlimmer gewesen. Dann setzt sich Golog Jigme, einer der Schirmherren der Europa-Tournee von 'Pah-Lak', wieder zu den Ensemblemitgliedern, schaut freundlich ins Publikum, schweigt, lächelt und lauscht."

Weiteres: Jakob Hayner trifft sich für die Welt mit dem Schauspieler Fabian Hinrichs, um über die interessant gescheiterte Premiere seines Stücks "Sardanapal" nach Lord Byron an der Volksbühne zu sprechen.

Besprochen werden Oliver Pys Inszenierung von Camille Saint-Saëns' Oper "Heinrich VIII" an der Brüssler Oper La Monnaie (nmz), Viktor Bodós Adaption von Karl Ove Knausgårds Roman "Der Morgenstern" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg ("Ästhetisches Überwältigungstheater", jedoch mit feiner Ensemblearbeit, meint nachtkritikerin Katrin Ullmann), Tuğsal Moğuls "And now Hanau" bei den Ruhrfestspiele Recklinghausen (da könnten die Behörden noch was lernen, meint nachtkritiker Max Florian Kühlem), Lorraine Hansberrys Theaterstück "The Sign in Sidney Brustein's Window" am Broadway (SZ), Wilfried Fiebigs "Monolog einer Zwiebel" nach Neruda im Gallus-Theater (FR) und Petipas Choreografie "Le Corsaire" mit dem Koreanischen Nationalballett (sehenswert, meint in der FR Sylvia Staude, die bemerkt, dass auch die zeitgenössischen Stücke des Repertoires aus dem Westen kommen: "Werfen besorgte Koreanerinnen und Koreaner ihrem Nationalballett vor, kulturelle Aneignung zu betreiben? Oder sind sie stolz, dass man in dieser Kunst mithalten kann?", fragt sie maliziös)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.05.2023 - Bühne

Szene aus "Der Idiot". Foto: Monika Rittershaus


Fulminant bespricht Eleonore Büning im Van Magazin Mieczsylaw Weinbergs Oper "Der Idiot", aufgeführt am Theater an der Wien. Für sie ist  völlig unverständlich, dass die Weinberg-Rezeption nur so schleppend vorankommt und immer nur die kleinen Bühnen sich an das Werk des 1996 gestorbenen polnischen Komponisten heranwagen: "Wieso erst jetzt? Woher kommt diese machtvolle, erinnerungstrunkene Musik? Ist so was erlaubt, wem ist das zumutbar? Oder: Warum gehört dieses Stück nicht ganz selbstverständlich zum Kanon der Musik des zwanzigsten Jahrhunderts?" Allerdings, schreibt sie, gilt auch für Weinberg, der "Der Idiot" 1986/87 schrieb, "zu diesem späten Zeitpunkt seines Lebens, wie für den jungen Fürst Myschkin im Roman, dass er exterritorial bleibt und sich außerhalb der weltlich und gesellschaftlich auszufechtenden Begehrlichkeiten und Normen bewegt, in einer von Irrationalismen geprägten, von widerstreitenden Kräften zerrissenen Zeit. Weinbergs Empathie, bereit zur Selbstaufgabe, machte ihn freilich immun gegenüber '-ismen' aller Art, sei es Nationalismus, Antisemitismus, Sozialismus oder Stalinismus." Büning bescheinigt den kleinen Opernhäusern bedeutend mehr Mut als den großen, wenn es darum geht, Abweichendes, Anderes, vielleicht auch Unbequemes auf die Bühne zu bringen: "Ein Traum wäre, wenn eines der großen Festivals mit Signalfunktion, Salzburg oder Aix, endlich mal in die Hufe kommen könnte."

Anlässlich des 60. Jubiläums des Berliner Theatertreffens macht sich Rüdiger Schaper im Tagesspiegel Gedanken zum Verhältnis von Theater und Kritik, das sich nicht nur durch Marco Goeckes Hundekot-Attacke verschlechtert zu haben scheint; Verrisse haben es zunehmend schwer: "Theater ist die moralische Anstalt des 21. Jahrhunderts. Über ästhetische Fragen wird nicht gern debattiert, obwohl in Gesprächen mit Zuschauern und auch Theaterleuten ein tiefes Bedürfnis nach künstlerischen Fragen zu spüren ist. Im Theater arbeiten vielerorts die Guten mit der richtigen Botschaft, und Kritik steckt häufig in dem Dilemma, Gesinnung beurteilen zu sollen, und da gerät man schnell auf die falschen Seite, wenn man den missionarischen Eifer nicht teilt: Was die jüngere Kritikergeneration auch schon meist mit Überzeugung tut. Und womöglich steht der Mediendarwinismus erst am Anfang. Das Theater kümmert sich um alle möglichen gesellschaftlichen Themen, aber der eigene Spielplatz ist kleiner geworden. Theater und Kritik, ein altes Paar, misstrauen einander, weil sie den Mangel und den Verlust spüren. Kritik kann à la longue doch auch nur so gut sein wie ihr Gegenüber."

Im Interview mit der Welt erklärt der Kabarettist Serdar Somuncu, warum die anstehende Tournee seine letzte ist: "Ich habe keine Lust mehr, auf eine Bühne zu gehen, während im Publikum Leute sitzen, die alles mitschreiben und sofort auf einer Scheiß-Social-Plattform posten, wenn sie Erregungspotenzial erkennen. Danach habe ich dann fünf Wochen Ärger - nur weil ich genau den Job gemacht habe, den ich seit Jahrzehnten mache. ... Kunst ist nicht Realität, sondern ein Abbild der Realität. Und jetzt sind wir so nah an die Realität gerückt, dass jemand wie ich sich den Vorwurf gefallen lassen muss, es seien große Anteile von mir selbst in meinen Bühnenfiguren enthalten. Das ist perfide. Das nimmt mir jegliche Kraft und zerstört alle meine Mittel, weil ich dann nicht mehr naturalistisch sein kann, sondern immer artifiziell bleiben muss, um als Kunstfigur erkennbar zu sein."

Besprochen werden Fabrice Mazliahs Inszenierung "Embodying Bodies" im Frankfurtur Mousonturm (faz) und Anja Behrens' "Das letzte Feuer" im Staatstheater Hannover (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.05.2023 - Bühne

Dorothee Hartinger, Birgit Minichmayr, Sabine Haupt. Foto © Marcella Ruiz Cruz


Die Zeiten der "Künstlerfürsten mit despotischer Allmacht" mögen auch am Theater vorbei sein. Doch immerhin erweisen Birgit Minichmayr als Emanuel Striese in "Der Raub der Sabinerinnen" am Wiener Akademietheater und Stephanie Reinsperger als Buscon in "Theatermacher" am Berliner Ensemble den "alten, weißen Männern" nochmal die letzte Ehre, schreibt ein amüsierter Bernd Noack in der NZZ: "Zwei klassische Figuren der dramatischen Literatur dürfen derzeit auf deutschsprachigen Bühnen wüten, toben und leiden. Und zwei Schauspielerinnen zeigen dabei bravourös, was in diesen Männern steckt: Machtgeilheit gepaart mit purer Leidenschaft. ... Und auf einmal, für jeweils zwei Stunden, ist es egal, welchen Geschlechts diese Besessenen sind: Stefanie Reinsperger und Birgit Minichmayr sind ganz einfach und doch auf eine perfide altmodische Art 'Fallensteller', wie es bei Thomas Bernhard einmal heißt, die durch Irritation zu Einsichten führen."

Matthias Pees, neuer Intendanten der Berliner Festspiele, skizziert im Gespräch mit der SZ, wo das Theatertreffen künftig hin will. Den Vorwurf, dass das Festival stelle eine "abgeschlossene Bubble" dar, weist er zurück: "Das Festival und seine öffentliche Wahrnehmung sind viel zu groß, als dass es sich nur an ein paar Eingeweihte richten würde. Außerdem arbeiten wir aktiv daran, es weiter zu diversifizieren ... Aber mich interessiert eine stärkere Öffnung des Festivals in Richtung Mittel- und Osteuropa. Wir teilen mit unseren östlichen Nachbarn dieses lokal oder regional ausrichtete Stadttheatersystem mit festen Ensembles und Repertoireprogramm. Den Aspekt des ernsthaften Einbezugs mittel- und osteuropäischer Perspektiven und Erfahrungen in unsere Auseinandersetzung mit Geschichte, Gegenwart und Zukunft finde ich eigentlich seit mindestens 20 Jahren wichtig. Spätestens seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine ist das noch einmal dringlicher geworden."

Weitere Artikel: In der Zeit kommentiert Christine Lemke-Matwey den umstrittenen, musikalisch aber brillanten Auftritt Anna Netrebkos im Rahmen der Maifestspiele in Wiesbaden und erinnert daran, dass "eine einzelne Künstlerin Kriege weder führen kann noch beenden". Ein Teil des Hessischen Staatsorchesters war anderer Meinung und spielte auf einer Protestveranstaltung die ukrainische Nationalhymne, bevor es im Staatstheater seine Pflicht erfüllte, berichtet bei van Hartmut Welscher, der auch lang mit dem ersten Solo-Hornisten sprach. Doris Meierheinrich berichtet in der Berliner Zeitung von den Autorentheatertagen am Deutschen Theater.

Besprochen werden die Fassbinder-Adaption "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" am Theater Basel, für die nach dem Ausfall von Emilie Charriot Anna Bergmann sehr kurzfristig die Regie übernahm (FAZ), Stephanie Mohrs Inszenierung von Arthur Schnitzlers "Professor Bernhardi" am Landestheater Linz (Standard), die deutsche Erstaufführung von Missy Mazzolis Oper "Breaking the waves" (nach dem gleichnamigen Film von Lars von Trier) in der Inszenierung von Toni Burkhardt am Stadttheater Bremerhaven (nmz) und in einer Mehrfachbesprechung unter anderen Nicolas Stemanns Inszenierung von Elfriede Jelineks Stück "Sonne, los jetzt" und Rafael Sanchez Inszenierung von Thomas Melles Diskursstück "Ode" im Rahmen der "Autor:innentheatertage" am Deutschen Theater Berlin (BlZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.05.2023 - Bühne

Manuela Infantes "Wie alles endet" beim Heidelberger Stückemarkt. Foto: Ingo Höhn

Echte Begeisterung weckt der Heidelberger Stückemarkt in diesem Jahr bei FAZ-Kritiker Jan Wiele, der die "Rohfassungsästhetik" der Lesungen ebenso genoss wie Diskurstheater. Besonders begeisterte ihn Manuela Infantes Basler Inszenierung "Wie alles endet", das er als groteskes Metatheater voller Anspielungen auf die Theatergeschichte preist: "Wie Elmira Bahrami, Marie Löcker und Gala Othero Winter darin perfekt eingespielt Sprechtheaterpointen abfeuern, mitunter auch tänzerisches und pantomimisches Talent offenbarend, ist an sich schon stark; wie sie dann noch an Mikrofonen ihre Sprache in durch 'Autotune' erzeugten Harmoniegesang verwandeln, ist angesichts der drastischen Weltuntergangstexte so überraschend wie überwältigend."

Besprochen werden die Autor:innentage am Deutschen Theater in Berlin (die FAZ-Kritikerin Irene Bazinger Unterkomplexes und Überkandideltes bescherten), Christopher Rüpings Verbindung von Monteverdis "Ulisse" und Joan Didions Bestseller "Das Jahr des magischen Denkens" beim "Ja, Mai"-Festival in München (FAZ) sowie die Ausstellung zu Sarah Bernhardt im Musée du Petit Palais (NZZ).

---

Unglücklicherweise ist uns gestern der Tod der großen Grace Bumbry durchgerutscht. Dabei trauerten die Opernkritiker aufrichtig um die große Sängerin, die 1961 als erste Schwarze in Bayreuth sang, die Venus in Wagners "Tannhäuser", was Jürgen Kesting in der FAZ auch Wieland Wagner hoch anrechnet: "Dem Zetern der Zeloten hielt der Herr des neuen Bayreuths entgegen: 'Mein Großvater hat für Stimmfarben geschrieben, nicht für Hautfarben.'" Bumbry war eine Sensation war, sie sah brillant aus und spielte hinreißend, schwärmt Reinhard Brembeck in der SZ. Selbst ihr Wechsel vom Mezzo zum Sopran gelang ihr: "Das Strahlen ihrer Stimme wurde noch beeindruckender, die Dringlichkeit ihrer Menschenporträts noch intensiver." In der NZZ gerät heute Michael Stallknecht über ihre erotische Ausstrahlung ins Schwärmen: "Etwas von einem Vulkan, der jederzeit ausbrechen kann, liegt in der unverkennbaren Mischung aus üppigem Schillern und kontrollierter Linienführung, kraftvoller Tiefe und erstaunlich leichter Höhe."

Hier Grace Bumbry als Carmen, ebenfalls eine ihrer Paraderollen:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.05.2023 - Bühne

Christopher Rüpings "Il Ritorno / Das Jahr des magischen Denkens". Foto: Wilfried Hösl / Bayerische Staatsoper

Opernintendant Serge Dorny möchte mit seinem Münchner "Ja, Mai"-Festival Barock und Gegenwart zusammenbringen. Auch Regisseur Christoper Rüping schlägt in seinem "Begegnungstheater" gern Brücken, weiß taz-kritikerin Sabine Leucht und deswegen gefällt ihr auch, wie er Monteverdis Barockoper "Il Ritorno d'Ulisse in Patria" und Joan Didions Trauerbuch "Das Jahr des magisches Denkens" über den Tod ihres Mannes zusammenführt: "So tritt denn gleich Damian Rebgetz mit den ersten Sätzen des Buches an die Rampe: 'Das Leben ändert sich in einem Augenblick. Man setzt sich zum Abendessen, und das Leben, das man kennt, hört auf.' Das Scharnier, das analytische Prosa und Opernmagie sowie zeitgenössische und barocke Erzählweisen verbinden soll, ist eingesetzt! Das macht Sinn, weil es hier wie dort ums Loslassen respektive Festhalten geht. Denn auch Penelope in Monteverdis Oper vermisst ihren Mann."

Nachtkritiker Martin Jost erkennt an diesem Abend eine starke These zur Arbeit: "Ein Text, ein Stück, ein Kunstwerk - hier eine der ersten Opern überhaupt - darf nicht in einer Form gerinnen. Wir müssen mit ihm streiten können, es muss in unser Leben greifen, es muss sich anschreien lassen und zurückbrüllen." In der SZ sieht Reinhard Brembeck "braves Rumstehtheater" und empfiehlt stattdessen die Schau des ebenfalls zum "Ja, Mai" eingeladenen Konzeptkünstlers und Buddhisten Rirkrit, der im Haus der Kunst eine tolle Bar mit Tischtennisplatten eingerichtet hat.

Selten wird thematisiert, wie es in den Theatern um die Auslastung steht. Lars von der Gönna legt in der WAZ einen gut recherchierten Artikel über das Schauspiel Dortmund vor, das in der Intendanz von Julia Wissert vor sich hinzudümpeln scheint. Und dennoch kommt die Erfolgsmeldung: 50 Prozent Auslastung. Wie das geht? "Die Zahl stimmt, sie stimmt, weil Statistik eben so geht und man ihr vertraut - solange man nicht ins Theater geht. Diese 50 Prozent gehen so: Ist das große Haus an einem Abend geschlossen, während oben im Studio mit gerade mal 95 Plätzen Büchners 'Woyzeck' läuft (Abi-Stoff) hat das Haus: 100 Prozent. Der Abend 'Ihr wollt tanzen' findet auf der Bühne statt. Platzzahl 30, ausverkauft: 100 Prozent. Im großen Haus schloss man für 'Gott des Gemetzels' den Rang (Begründung des Theaters: 'intimerer Rahmen'), nun tauchen dessen Plätze in der Statistik nicht mehr auf."

Axel Brüggemann berichtet in seinem Crescendo-Newsletter "Klassikwoche" ähnlich Deprimierendes. Die Stadt Berlin hatte Jugendlichen kostenlose Kulturtickets zur Verfügung gestellt. "Die Ergebnisse sind ernüchternd: Die Berliner Jugendkulturkarte (ein 50 Euro Gutschein) sorgte für 160.000 Kulturbesuche - die meisten davon in Museen. Allerdings verzeichneten die drei Berliner Opernhäuser lediglich 1.900 Guthaben-Einlösungen. Ähnlich war die Resonanz in Bremen, wo die Jugendlichen mit der Freikarte 60 Euro für ein weitaus breiteres Angebot (inklusive Schwimmbäder) zur Verfügung hatten. 407.000 Tickets wurden umgesetzt: Spitzenreiter waren Kinos und Schwimmbäder. Lediglich 2.200 Karten wurden für Theaterbesuche in Bremen und Bremerhaven eingesetzt."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.05.2023 - Bühne

Valentina Banci in Senecas "Fedra". Foto: Teatro della Pergola

Außerhalb Deutschlands scheinen Postdramatik, Immersion und "Extended Reality" keine Rolle zu spielen, staunt Simon Strauß in der FAZ nach einem Besuch im Teatro della Pergola in Florenz. Hier inszenierte Elena Sofia Ricci Senecas "Phaedra" ganz klassisch - mit "historischen Kostümen, melodischer Deklamation und expressiven Gesten". Strauß ist hin und weg: "Valentina Banci als Phaedra ist mehr Amazone als Götterenkelin, eine Frau im Delirium, mit feuerrot gefärbten Haaren und einem flutblauen Kleid, das ihren mächtigen Oberkörper nur mühsam bedeckt. Es scheint, als ob der Kleiderstoff ihre Leidenschaft nur schwer in Zaum halten könnte, als ob die Libido gegen die äußeren Zwänge aufbegehrt und hervorbrechen will. Mitleid mit Phaedras Lust hat man hier in keinem Moment, im Gegenteil wirkt ihr Begehren von Beginn an angsteinflößend ... 'Check deine Privilegien' lautet gerade ein beliebter Schlachtruf im moralpolitischen Milieu. 'Check deine Platzierung' könnte man daraus machen und dem deutschsprachigen Theaterbetrieb zurufen. Denn wer weiß, ob sich nicht gerade jener, der sich für den Trendsetter hält, im europäischen Vergleich am Ende als ästhetischer Außenseiter herausstellt."

In der FAZ berichtet Irina Rastorgujewa von einem Moskauer Prozess gegen die die Theaterregisseurin Schenja Berkowitsch und die Dramatikerin Swetlana Petrijtschuk, denen die Anklage Feminismus und andere "destruktive Ideologien" vorwirft. Bei den Maifestspielen in Wiesbaden durfte dagegen Anna Netrebko in Verdis "Nabucco" brillieren, wie Judith von Sternburg in der FR ratlos konstatiert: "Die Maifestspiele sollten in diesem Jahr besonders politisch werden, zu erleben war jetzt das Gegenteil.  Kein Zueinander, sondern: draußen entrüstete Kriegsflüchtlinge, die vor den Kopf gestoßen worden sind, drinnen Festspielatmo pur. Mit so viel Zwischenjubel und Bravogeschrei, dass es eine Nummerngala wurde." In der SZ erkennt Helmut Mauró auch eine gewisse Ironie an der Besetzung.

Besprochen werden Roman Senkls Online-Stück "Hinter den Zimmern" vom Kölner Schauspiel für den Gaming-Kanal Twitch (Nachtkritik), Iris Laufenbergs Abschiedsinszenierung "Das Ende vom Lied" am Grazer Schauspielhaus (Nachtkritik), Bettina Jahnkes Adaption von Thomas Vinterbergs "Fest" am Hans-Otto-Theater Potsdam (Nachtkritik), eine Aufführung von Nikolaj Rimski-Korsakows "Märchen vom Zaren Saltan" an der Opéra National du Rhin in Straßburg (FAZ), das Stück "Die Namenlosen" der Wiener Gruppe Nesterval im Brut Nordwest (Standard) sowie der Theaterparcours "Ganymed Bridge" in KHM und NHM in Wien (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.05.2023 - Bühne

Szene aus "Tempest Project". Bild: Marie Clauzade

Eine vollkommen "überzeitliche Version" des Stückes "Tempest Project" nach William Shakespeare sieht Alexander Menden (SZ) bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen, die die letzte vollendete Regiearbeit des im Juli mit 97 Jahren gestorbenen Peter Brook auf die Bühne bringen: "Hier geht es um Paar-, um Wesensdynamik, die zwischen Prospero und Ariel, die zwischen Miranda und Ferdinand. ... Die Annäherung zwischen den beiden ist ein Aufeinanderzuschreiten, eine zugleich spielerische und schüchterne Geste. Und selbst die albernen Szenen, in denen Caliban die Clownsfiguren Trinculo und Stephano zum Aufstand aufstachelt, sind geläutert durch den Rigorismus der schönen Form. Was bei anderen leicht preziös werden könnte, gerät unter den Brook mit seinen mehr als 70 Jahren Regieerfahrung zu reinem Theater." In der nachtkritik findet auch Andreas Wilink: "Brooks tief gründende Kennerschaft scheint Voraussetzung für seine Unbefangenheit in der Beschäftigung mit dem Stoff, der sich uns schlackenlos rein vorstellt."

Szene aus "Antigone in Butscha". Foto: Philip Frowein

Viel von Sophokles' namensgebender Vorlage erkennt Nachtkritikerin Valeria Heintges nicht mehr, wenn der ukrainische Regisseur Stas Zhyrkov Pavlo Aries "Antigone in Butscha" am Pfauen des Zürcher Schauspielhauses uraufführt. Bewegt und beunruhigt sieht sie das Stück über eine Fotografin, die ihrer Ehe entkommen will und in der Hölle von Butscha landet, dennoch: "Lena Schwarz ist Antigone: die Ehefrau, die mit Pseudo-Gutlaune die wattene Enge der Ehe und der Heimat zu überspielen versucht. Und die als Kriegsfotografin, in keiner Sekunde klischiert oder peinlich, ihrer inneren Leere entflieht. Erfüllung findet sie ausgerechnet in Butscha, in einer tiefen Freundschaft mit einer Frau, die alles verlor: Das Kind schon vor Jahren, den Mann vor einigen Tagen. Die Ukrainerin Vitalina Bibliv ist ausschließlich im Video zu sehen, in dem sie phänomenal und ungeheuer bewegend die Frau im Keller-Kerker verkörpert. Als spielte sie keine Rolle, sondern schilderte eigenes Erleben, eigenes Trauma, als hätte sie wirklich eine Fotografin aus der tiefsten Verzweiflung gerettet." In der NZZ sieht auch Roman Bucheli eine "abgründig kluge" und "hinreißend traurige" Inszenierung, die das Grauen ohne Kitsch und Zynismus in unsere Alltagsrealität bringt.

Am Donnerstag wurden die Theaterregisseurin Schenja Berkowitsch und die Dramatikerin Swetlana Petrijtschuk in Moskau festgenommen. Ihnen wird wegen des Theaterstücks "Finist - Heller Falke" über junge Russinnen, die sich dem IS anschlossen, "öffentliche Rechtfertigung von Terrorismus" vorgeworfen, es drohen bis zu sieben Jahre Haft, berichtet unter anderem Herwig G. Höller im Standard: "Die Regisseurin sei wohl nicht das Hauptziel, sagte am Donnerstagabend die im Exil lebende künftige Schauspielchefin der Salzburger Festspiele, Marina Davydova, dem Standard. 'Ich habe den Verdacht, dass alles dafür konzipiert wurde, um die Goldene Maske und ihre Leiterin Marija Rewjakina zu zerstören', erklärte sie. Das Moskauer Theaterfestival gilt als eine der letzten Bastionen eines bunten und beim Publikum auch äußerst erfolgreichen Theaters, das in den vergangenen Jahren in Russland immer mehr an Rand gedrängt worden ist." In der FR schreibt Stefan Scholl.

Außerdem: In der Berliner Zeitung spricht Ida Luise Krenzlin mit den beiden Schauspielerinnen Julia Thurnau und Margarita Breitkreiz, die in der Volksbühne mit der Performance "Artist at work" zur Revolution der faulen Frauen aufrufen. In der taz berichtet Dietrich Heißenbüttel von gemeinsamen Proben des Théâtre Soleil aus Ouagadougou und des Theaters Prekariat aus Stuttgart. In der FAZ gratuliert Hubert Spiegel dem Schauspieler und Regisseur Robert Hunger-Bühler zum Siebzigsten. Besprochen werden Fabian Alders Molière-Überschreibung "Der Menschenfeind" im Wiener TAG (Standard), die Veranstaltungsreihe "Dyke Dogs", die seit dieser Spielzeit lesbisch-queere Perspektiven an die Schaubühne bringt (Tsp) und Katharina Kreuzhages Inszenierung von Chris Bushs "(Kein) Weltuntergang" am Theater Paderborn (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.05.2023 - Bühne

Plakat: Patryk Hardziej


Einen fast perfekten, atmosphärisch dichten Auftakt der Ruhrfestspiele erlebt Nachtkritikerin Dorothea Marcus mit "Drive your plow over the bones of the dead" der englischen Theaterkompanie Complicité. Das Stück beruht auf Olga Tokarczuks 2011 erschienenem Roman "Gesang der Fledermäuse". Im Mittelpunkt steht eine radikale Tierschützerin, Janina Duszejko, erzählt ein beeindruckter Hubert Spiegel in der FAZ. "Janina hat die Zerbrechlichkeit und die schier unerschöpfliche Energie eines Kindes, dessen unbedingten Gerechtigkeitssinn, sein grenzenloses Mitgefühl und seine Maßlosigkeit. Wie Andersens Mädchen mit den Schwefelhölzern droht sie an der Brutalität und Gefühllosigkeit ihrer Umgebung zu erfrieren, wie Kleists furchtbarer Pferdehändler nimmt sie auf grausame Weise Rache an ihren Mitmenschen. Ein kindlicher Kohlhaas im polnisch-tschechischen Nirgendwo."

Die Inszenierung ist vielleicht ein bisschen lang, meint Nachtkritikerin Dorothea Marcus, aber auch sie ist beeindruckt von der Aktualität des Stücks und seiner Hauptdarstellerin Kathryn Hunter. Ihre Janina spricht manchmal "wie eine Seherin, eine kosmische Gesandte, davon, dass sich das Größte stets im Kleinsten findet, dass alle Lebewesen zutiefst gleich sind, sie zitiert Blake. Und lässt uns an ihren Krankheiten, Wein-Anfällen, Albträumen teilhaben, hinter vielen Gazewänden taucht ihre Mutter auf und ruft. Und fast unmerklich verwandelt sie sich vor unseren Augen in eine psychisch Kranke, die ihren Wahn vor uns ausbreitet. Oder sind wir selbst der Wahnsinn der vermeintlichen Normalität? Symbolische Vertreter*innen der lahmen Bürokratie, die an die Einhaltung von Regeln und Gesetzen und an wirtschaftliche Grundsätze erinnern - während Janina der Sachbearbeiterin ein blutiges Wildschweinherz auf den Tisch knallt? Die Frage, wie radikal auch wir in der Klimakrise noch werden müssen, schwebt immer mit."

Was für Theater wichtig ist, um sich als ihrer Subventionierung würdig zu erweisen und zudem Angriffe kulturpessimistischer Rechter abwehren zu können, ist die Rückbindung ans Publikum, argumentiert Peter Laudenbach in der SZ, nicht möglichst weltverbessernde Inszenierungen, die politische Ziele im Blick haben: "Der Effekt ist Exklusion, also das Gegenteil des Ziels eines Theaters, das so vielfältig ist wie der Rest der Gesellschaft und sich an alle richtet. Diese Attitude der diskursiven Weltverbesserung und Publikumsbelehrung ist nicht nur überheblich, sie verabschiedet sich auch von der Kernkompetenz der Theater: Ein Schauspielhaus ohne Spiel wird leicht zu einer trostlosen Angelegenheit. Die entscheidende strukturelle Analogie zwischen Theaterbetrieb und dem System des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist natürlich ihre Finanzierung durch die Allgemeinheit, also auch durch Bürger, die kaum von ihrem Angebot Gebrauch machen. Das macht beide Systeme angreifbar. Sie sind auf ein Minimum an gesellschaftlicher Akzeptanz angewiesen. Erodiert sie, wird es unangenehm. Die wichtigste Legitimation der Subvention einer Bühne sind nicht Insider-Preise oder Einladungen zum Theatertreffen, sondern die Ausstrahlungskraft, die sie in ihrer Stadt, für ihr Publikum entwickelt: Das ist die harte Währung."

Weiteres: In der FAZ findet Jörg Thomann die 13 Tony-Nominierungen für das Broadway-Musical "Some Like it Hot" wohl verdient. Im Standard annonciert Ronald Pohl die letzte Burgtheater-Spielzeit von Direktor Martin Kušej. Besprochen wird ein "Tartuffe" im Staatstheater Wiesbaden (FR).