Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.04.2022 - Bühne

Szene aus "Is this a Room". Bild: Paula Court

Eine Mischung aus "Krimi und absurdem Theater" erlebt Patrick Wildermann (Tagesspiegel) beim Eröffnungsstück des Festivals Internationale Neue Dramatik in Berlin mit "Is this a Room" der New Yorker Regisseurin Tina Satter, die den realen Fall der Whistleblowerin Reality Winner aufgreift: Winner, als Kryptolinguistin für eine mit der NSA verbandelte Firma tätig, hatte ein Dokument geleakt, das die Einflussnahme russischer Stellen im Wahlkampf 2016 bewies: "Satters Inszenierung fokussiert sich auf 70 Minuten im Leben von Reality Winner. Konkret: auf das Verhör, dem die damals 25-Jährige am 3. Juni 2017 in ihrem eigenen Haus in Augusta, Georgia durch das FBI unterzogen wurde. Auf einer leeren, holzstegartigen Bühne (Parker Lutz) wird das Transkript dieser Befragung durch drei Bundesagenten buchstabengetreu, inklusive Stotterer und Satzüberlagerungen, von vier großartigen Schauspieler:innen belebt: Becca Blackwall, Will Cobbs, Katherine Romans und Pete Simpson. … In einer greifbaren Atmosphäre von jäh zerstörter Normalität spielen sich beide Seiten etwas vor - im Wissen, dass die jeweils andere die Scharade durchschaut."

Zwei Jahrzehnte lang war Anna Netrebko das Gesicht der New Yorker Met - man hatte ihr früh die Chance gegeben, sich von Putin zu distanzieren, sagt Met-Intendant Peter Gelb im Guardian-Gespräch mit Nikolaus Wroe. Grundsätzlich hält er allerdings nichts vom Boykott russischer KünstlerInnen: "Es ist lächerlich, wenn Künstler fallen gelassen werden, weil sie Russen sind, und es ist falsch, dass einige Orchester und Opernhäuser russisches Repertoire streichen. Es sendet genau die falsche Botschaft. Die großen russischen Meisterwerke sind nicht für Putin verantwortlich. Wir sagen Putin ab, nicht Puschkin. Deshalb werden wir unsere Pläne für die Aufführung des russischen Repertoires nicht ändern."

Romeo Castellucci eröffnet die Wiener Festwochen mit Mozarts "Requiem". Im Standard-Gespräch mit Margarete Affenzeller spricht der Regisseur über die Kunst, den Tod und die Religion und ebenfalls über den Boykott russischer KünstlerInnen: "Ich bin für den wirtschaftlichen Boykott, aber nicht für den Boykott von Künstlerinnen und Künstlern. Die Kultur gibt uns doch das Gewissen zurück, das freie Denken. Wir brauchen sie ausgerechnet genau dort, wo es zu starken Repressionen kommt. Ich bin also eher für eine Hilfe für russische Kulturschaffende, die im Zuge dieses Krieges auch Opfer geworden sind. Ihnen droht nämlich ein Kulturtod."

Außerdem: In der taz berichtet Josef-Otto Freudenreich vom Fall des Dirigenten Mikhail Agrest, der gegen die Kündigung durch das Stuttgarter Staatstheater klagte und nun Recht bekam. Besprochen werden Michael Quasts Liederabend "Licht aus, Messer raus" an der Frankfurter Volksbühne (FR) und Antú Romero Nunes' Stück "Was geschah mit Daisy Duck" am Theater Basel (nachtkritik)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.04.2022 - Bühne

In der Neuen Musikzeitung erinnert Albrecht Düring daran, wie nach dem Hitler-Stalin-Pakt die Aufführungen russischer und sowjetischer Werke auf deutschen Bühnen plötzlich zunahmen, um nach dem Überfall auf die Sowjetunion wieder aus dem Programm zu verschwinden: "Schon am 12. Juli gab die Reichsmusikkammer bekannt, es sollten 'die Werke russischer Komponisten bis auf weiteres ausnahmslos nicht aufgeführt werden. Sinngemäß ist auch die öffentliche Darbietung russischer Volkslieder unstatthaft.' Im November 1939 wurde generell Musik aus Feindstaaten, mit Ausnahme von Chopin und Bizets 'Carmen', verboten. Staatliche Boykott-Maßnahmen diktierten die musikalischen Sympathien und Abneigungen. Anstelle der einst geliebten Russen erklangen jetzt Werke befreundeter Nationen: der Italiener Bossi, Casella und Malipiero, des Spaniers Manuel de Falla oder der Finnen Sibelius, Kilpinen und Palmgren. Sodann ging man daran, einige besetzte Gebiete zu 'germanisieren'. So bestimmte der Reichskommissar für die Ukraine den bislang in Königsberg tätigen Dirigenten Wolfgang Brückner zum neuen Direktor der Oper in Kiew und zum Leiter der dortigen Philharmonie."

Auch der Tänzer und Choreograf Ilia Jivoy hat Russland verlassen. Im FAZ-Gespräch mit Wiebe Hüster erklärt er: "Die Ereignisse haben mir Angst gemacht. Die Aggression schockierte mich. Und natürlich ist da meine geliebte Frau, Sophia Vartanyan, die zur Hälfte Ukrainerin ist. Mitglieder ihrer Familie sind noch in der Ukraine. Wir waren entsetzt über die Ereignisse und beschlossen, dass wir unsere kreative Arbeit in Sankt Petersburg nicht fortsetzen können. Meine Frau ist Kostümbildnerin, und wir arbeiten oft zusammen. Es wurde immer stressiger und gefährlicher für uns. Die Kluft wurde von Tag zu Tag größer - die Dissonanz zwischen dem, was offiziell gesagt wurde, und dem, was wir fühlten."

Besprochen wird Charlotte Sofia Garraways Inszenierung von Gwendoline Soublins Stück "Pig Boy 1986-2358" am Theater Plauen-Zwickau (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.03.2022 - Bühne

Der Direktor des Bayerischen Staatsballetts Igor Zelensky wurde vom bayerischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst einbestellt, um Fragen zu seiner aktuellen Nebentätigkeit für Russlands Nationalen Kulturerbefonds zu beantworten. Antworten gibt es bisher allerdings keine, weiß Wiebke Hüster in der FAZ. Für die NZZ hat Marianne Zelger-Vogt mit dem Bariton Thomas Hampson gesprochen, der in Stefan Wirths Musiktheater-Adaption "Das Mädchen mit dem Perlenohrring" am Opernhaus Zürich die Hauptrolle singen wird.

Besprochen werden Joel-Conrad Hieronymus' Inszenierung von Liat Fassbergs Stück "In the name of" an den Münchner Kammerspielen und das Stück "Das kranke Haus" von Theater Hora und vorschlag:hammer am Zürcher Fabriktheater Rote Fabrik (nachtkritik)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.03.2022 - Bühne

Besprochen werden Philipp Preuss' Inszenierung von Shakespeares "Hamlet" (die FAZ-Kritiker Torben Ibs zufolge dem Theater Dessau einen weiteren Coup beschert) und Olivier Pys Inszenierung von Verdis "Sizilianischer Vesper" in Berlin (FR).
Stichwörter: Preußen

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.03.2022 - Bühne

Emma Dantes "Sizilianische Vesper" am Teatro Massimo 

Berührt und bewegt
ist Marco Frei in der NZZ von Emma Dantes Inszenierung der "Sizilianischen Vesper" im Teatro Massimo in Palermo, die den mittelalterlichen Volksaufstand in Verdis Oper mit dem Gedenken an die Mafiajäger Giovanni Falcone und Paolo Borsellino verbindet: "Für Dante steht die Mafia genauso für die Unterdrückung Italiens wie einstmals die Fremdherrscher. Und wie sich die Mafia aus Landsleuten rekrutiert, so kollaborierten einst auch Landsleute mit den Fremdherrschern. Was bleibt, ist eine geschundene Volksseele. Bei Dante kauern deswegen 'pupi siciliani' aus der berühmten Marionettentradition von Palermo auf dem Boden: in sich zusammengefallen. Deutlicher kann man es nicht ausdrücken - der Dirigent des Abends, Omer Meir Wellber, muss da gar nicht mit großem Pathos gegenhalten; er kann die Musik einfach fließen lassen. Aus dem Massimo-Orchester strömt denn auch ein ganz natürlicher Verdi in zielgerichteten, entschlackten Tempi."

Weiteres: Im Standard blickt Helmut Ploebst auf die Folgen des Krieges für ukrainische und russische TänzerInnen. In der Nachtkritik findet die ukrainische Journalistin Lena Myhashko nicht, dass verfolgten russischen Künstler Solidarität entgegengebracht werden sollte. In ihren Augen ist die gesamte russische Kultur ein einziges kolonialistisches Projekt: "Die Wahrheit ist, dass das unersättliche russische Imperium eine ganze Reihe von Kulturen über Jahrzehnte und Jahrhunderte unterdrückt und kulturelle Vielfalt nicht zugelassen hat."

Besprochen werden "Romeo und Julia" am Staatstheater Darmstadt (FR), "La Cage aux Folles" an der Wiener Volksoper (Standard) und Anne Lenks konzentrierte Inszenierung von Kleists "Amphitryon" am Staatstheater Nürnberg (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.03.2022 - Bühne

Auch Valery Gergiev ist wieder aufgetaucht. Gesichtet wurde er von VAN-Redakteur Hartmut Welscher in einem Videogespräch von Putin mit Kulturschaffenden. "Putin regte darin die Zusammenlegung des St. Petersburger Mariinsky-Theaters mit dem Bolschoi-Theater in Moskau unter ein gemeinsames Direktorat an. Die Idee passt sich nahtlos ein in Putins Geschichtsrevisionismus und sein aus dem Erbe des Zarentums abgeleitetes Selbstverständnis: Bereits vor der Oktoberrevolution 1917 unterstanden die beiden größten und prestigeträchtigsten Bühnen Russlands einer Art Generalintendanz. Und Putin ließ im Gespräch mit Gergiev keinen Zweifel, wen er sich für diesen neu geschaffenen Posten wünscht." Ein nicht unwesentliches Detail erwähnt Welscher auch: "Der 'Noch'-Intendant des Bolschoi, Wladimir Urin, hatte sich hingegen schon zwei Tage nach dem russischen Überfall auf die Ukraine in einem Offenen Brief gegen den Krieg gestellt."

Armin Petras' "Auferstehung". Foto: Arno Declair / Deutsches Theater


Armin Petras hat am Deutschen Theater Leo Tolstois letzten Roman "Die Auferstehung" coronabedingt mit einigen Monaten Verspätung auf die Bühne gebracht. Der Roman erzählt vom langen Weg des Fürsten und Lebemanns Nechljudow erzählt, der seine frühere Geliebte unschuldig ins Straflager bringt und nun Vergebung sucht. Die pittoreske comicartige Szenerie lässt Nachtkritikerin Simone Kaempf so ratlos zurück wie die "harmlos russisch-folkloristischen" Bilder. In der Berliner Zeitung bemerkt Doris Meierhenrich zwar, dass Petras' "schwer-leichte Verspieltheit" nicht recht zündet, will das aber nicht der Inszenierung ankreiden: "Geschickt, wie Petras dem durchaus auch sentimentalen Wandlungsdrama des Romans jede einfühlende Psychologie entzieht, stattdessen in verschiedensten Schattierungen eine Art lebendiges Pappfiguren-Theater stattfinden lässt." Im Tagesspiegel kann Rüdiger Schaper dagegen gar nicht glauben, wie ein Regisseur Tolstoi dermaßen entschärfen kann: "Nur peinliche Klischees", ätzt Schaper: "Die Musik dröhnt, Technoparty im Straflager. Eine junge Schauspielerin zieht sich aus, muss sich ausziehen - Regieeinfall! - und beschmiert sich mit roter Farbe. Man glaubt zu träumen. In welcher Welt lebt dieser Regisseur? Ist das nur schief und misslungen oder vielleicht ein zynischer Kommentar zur russischen Invasion und Barbarei in der Ukraine, vor deren Botschaft um die Ecke, nahe dem Deutschen Theater, Blumen abgelegt werden und Kerzen brennen? Sah keiner im Haus das Desaster kommen?"

In der Welt bedauert Manuel Brug, dass Münchens Gärtnerplatztheater vor der halböffentlichen Aufregung eingeknickt ist und auf das angedeutete Blackfacing in Ernst Kreneks Oper "Jonny spielt auf" künftig verzichtet.

Besprochen werden René Polleschs Stück "Geht es dir gut?" an der Berliner Volksbühne (das erste sehenswerte am Haus in dieser Saison, meint Barbara Schweizerhof in der taz, SZ, FAZ), Michael Thalheimers Inszeneirung von Wolfgang Borcherts Kriegsstück "Draußen vor der Tür" am Berliner Ensemble (das Simon Strauß in der FAZ für gescheitert hält, SZ).die Münchner Ballettfestwoche (SZ), Ersan Mondtags Inszenierung von Heinrich Marschners Oper "Vampyr" in Hannover (SZ), Jetse Batelaans Stück "Tanz ist tolle rhythmische Bewegung zu Musik" im Frankfurter Mousonturm (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.03.2022 - Bühne

"Putin wird schrecklich enden, als eine Horrorgestalt der Menschheitsgeschichte", prophezeit der Regisseur Ilja Chrschanowski, der Russland bereits 2007 verlassen hat, im Standard-Gespräch mit Margarete Affenzeller. Das "Kadaver" der UdSSR sei in Form einer "surrealen Diktatur" wieder auferstanden, fährt er fort und erklärt, weshalb die Propaganda so gut funktioniert: "Die Propaganda ist ein Spiel, zu dem auch der Westen intensiv beigetragen hat. Putin hat 2014 die Krim annektiert, und alle haben ihm weiter schön die Hand geschüttelt und Gas gekauft. Die westliche Elite ließ sich zu netten Dinners einladen und nahm Sponsorgelder von Gazprom und Co. Währenddessen lief aber die antiwestliche Propaganda schon lange. Für etwa 75 Prozent der Menschen in Russland ist viele Jahre schon, mindestens 15 Jahre, das Feindbild der Westen. Diese Menschen verlassen Russland nie, informieren sich in staatlichen Medien. Sie konsumieren Märchen, die ihnen sagen, dass der Westen eine Bedrohung ist und Russland alles unternimmt, um die Gefahr abzuwehren."

Szene aus "Geht's dir gut". Bild: Thomas Aurin.

Im Tagesspiegel spürt Christine Wahl die pure Verzweiflung, aber auch die ganze Kraft des Theaters, wenn René Pollesch und Fabian Hinrichs an der Berliner Volksbühne in "Geht's dir gut?" versuchen, Pandemie, Klimakrise und Krieg zu verarbeiten: "Gelingt, weil Text wie Inszenierung das Kunststück schaffen, die armselige kleine Indiviuumstrostlosigkeit luzide mit der großen gesellschaftlichen Depression in eins zu führen und umgekehrt." Und doch wird es irgendwann auch noch lustig: "Worauf verfällt man, wenn man 'drinnen vor der Tür' tiefer und tiefer in die Depression rutscht? Eskapismus! Flucht! Exit! Punktgenau lässt die Bühnenbildnerin Katrin Brack eine silberne Rakete landen im gigantischen Volksbühnenhalbrund. Sogar ein Taxi fährt ein. Aber es hilft nichts: Die Choristinnen und Choristen der Afrikan Voices und der Bulgarian Voices Berlin, die Hinrichs bis dato gutwillig sekundiert hatten in seiner Erschöpfungslitanei, lassen ihn einfach stehen draußen vor der (Raketen-)Tür. Sie fliegen ohne ihn ab."

"Früher war es schon besser. Bei Pollesch und in der Volksbühne. Ja, früher. Da war mehr los", klagt hingegen Dirk Peitz, der auf ZeitOnline ohne Antworten, aber mit dem Gefühl "existentieller Ratlosigkeit" aus dem Stück kommt.

Außerdem: Im Tagesspiegel wirft Frederik Hanssen einen Blick auf die kommende Saison der Deutschen Oper Berlin: "Regisseurinnen sind 2022/23 nicht für große Neuproduktionen engagiert, David Hermann wird 'Fidelio' herausbringen, Vasily Barkhatov nimmt sich Verdis 'Simon Boccanegra' an. Benedikt von Peter richtet Bach Matthäus-Passion für die Opernbühne zu, wobei Kinder die Handlung spielen und neben Chor-Profis auch Laien mitsingen sollen. Die Uraufführung von Giorgio Battistellis 'Il Teorema di Pasolini' wurde dem britisch-irischen Theaterkollektiv Dead Centre anvertraut." In der Welt freut sich Stefan Grund auf das Theaterfestival in Hamburg mit sechs Gastspielen großer deutschsprachiger Häuser.

Besprochen wird Lilja Rupprechts Inszenierung von Gerhart Hauptmanns "Die Ratten" am Rambazamba Theater (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.03.2022 - Bühne

Szene aus Manfred Trojahns "Eurydike". Foto: Ruth Walz


Manfred Trojahns neue Oper "Eurydike" steht ganz im "Hier und Jetzt", schreibt eine begeisterte Eleonore Büning im Van Magazin über die Uraufführung in Amsterdam. "Stoff und Text sind imprägniert von der Genderdebatte. Eine junge, blonde, emanzipiert pagenköpfige Eurydice hat, trotz ihres sonnengelben Designerkleids, eindeutig die Hosen an. Sie sagt und singt es gleich zu Beginn,  laut und schön und eingerahmt vom glühenden  Espressivo des Englischhorns: 'Ich bin die Poesie.' Eurydice überlebt. Orphée stirbt. Gerade noch rechtzeitig." Die beiden begegnen sich in einem TGV und sprechen in einer Kunstsprache aneinander vorbei, von der man jedes Wort deutlich hört, so Büning. "Was sicher erstens an der malerischen Qualität des mit solistisch agierenden Holzbläsern üppigst ausgestatteten Orchesters liegt. Es kann sich, trotz seiner Riesengröße (mehr als achtzig Musiker) zurückziehen bis ins vierfache Piano. Steuert wispernd-fließend seine Kommentare bei, in hellen Pastellfarben oder schwärzlich-pastosen Drohgebärden; kann aber auch klare, scharfe Devisen artikulieren, wozu zwei Harfen beitragen und vier Hörner, außerdem die böse Tuba nebst dreifacher Trompete und Posaune, sowie ein Klavier und reichlich Percussion."

Weiteres: Ueli Bernays berichtet in der NZZ von einer Pressekonferenz im Zürcher Zeughaus, bei der Milo Rau seine kommende Inszenierung von Schillers "Wilhelm Tell" vorstellte.

Besprochen werden außerdem René Polleschs und Fabian Hinrichs' Theaterabend "Geht es Dir gut?" an der Volksbühne (nachtkritiker Christian Rakow kann wenigstens an diesem Abend sagen: "Ja", auch wenn es bis zum Auftritt der "Flying Steps" nicht sehr gemütlich war), Ai Weiweis Inszenierung von Puccinis "Turandot" in Rom, mit der ukrainischen Dirigentin Oksana Lyniv am Pult (online nachgereicht von der Zeit), Georg Philipp Telemanns "Pastorelle en musique" bei den telemann festtagen Magdeburg (nmz), eine  "Götterdämmerung" im Festspielhaus Neuschwanstein (nmz) und Katharina Kastenings Inszenierung von Jan Paderewskis Oper "Manru" in Halle (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.03.2022 - Bühne

Katja Kollmann lässt sich in der taz vom russischen Theaterblogger Wjatscheslaw Gerasimtschuk über die Uraufführung von Artur Solomonows Stück "Wie wir Josef Stalin beerdigten" am Teatr.doc in Moskau berichten, eine Satire über die Entstehung des Stalinismus: "Artur Solomonow war bei der Premiere seines Stücks vor Ort. Er erinnert sich: Es war das hoffnungsloseste Publikum, das mir je begegnet ist. Nach Ende der Vorstellung sagten die Menschen, ihnen sei fast das Herz stehen geblieben, als auf der Bühne geschrien wurde: 'Der Staat benötigt Leichen! Der Mensch ist nichts, der Staat ist alles!' Diese Deklamationen, die die Rückkehr des Stalinismus offen thematisieren, standen bei Probenbeginn definitiv nicht im Fokus, das haben nun die neuen Realitäten vollbracht."

Szene aus Ernst Kreneks "Jonny spielt auf". Foto: Christian Zach / Staatstheater am Gärtnerplatz


In München hat es einen Shitstorm gegeben, weil in der Neuinszenierung von Ernst Kreneks Jazzoper "Jonny spielt auf" - die bei der Uraufführung 1928 von Nazis gestürmt worden war,  ein schwarzer Jazzband-Geiger namens Jonny dem weißen Komponisten Max die Geliebte ausspannt - die Hauptfigur schwarz geschminkt ist. NZZ-Kritiker Michael Stallknecht kann die Empörung nur als ideologische Verbohrtheit empfinden: "Dabei hat der Regisseur genau das getan, was im Diskurs über das 'Blackfacing' immer wieder gefordert wurde: Er kontextualisiert es, unterstützt von einem Artikel im Programmheft. Natürlich hätte er auch einen schwarzen Sänger beschäftigen können, sah aber gerade im Umgang mit dem weißen Ensemblemitglied eine Möglichkeit, das Schminken kritisch zu reflektieren. Der Darsteller schminkte sich denn auch keineswegs vollständig, sondern legte sich auf der Bühne die Schminke selber als zeichenhafte Maske auf; später entfernte er sie wieder." Überhaupt, fragt er, was haben die amerikanischen Minstrel Shows des 19. Jahrhunderts, in denen Schwarze rassistisch karikiert wurden, mit "der europäisch geprägten Oper zu tun"?

Paul Schäufele sah das in der SZ neulich anders: "Der Regisseur Peter Lund plädiert für das sogenannte 'Blackfacing' mit dem Argument historischer Genauigkeit, was merkwürdig ist, da 1928 auch keine Videoprojektionen riesiger Sigmund-Freud-Köpfe auf der Bühne zu sehen waren. Es mag nur wie ein Detail der szenischen Gestaltung wirken, in Wahrheit ist es der Angelpunkt einer sinnvollen Auseinandersetzung mit dem Stück. Denn Jonny taugte nicht nur zur Zigarettenwerbung, die rassistische Karikatur der populären Opernfigur aus dem Pinsel von Ludwig Tersch mit affenhaft reduzierten Gesichtszügen und Davidstern im Knopfloch wurde zum Maskottchen der Düsseldorfer Ausstellung 'Entartete Musik' von 1938. Man hätte Ludwig Mittelhammer ungeschminkt lassen können, um zu zeigen, dass das Thema zur Disposition steht, ohne auf eine aus guten Gründen obsolete Bühnenpraxis zurückzugreifen." Die Inszenierung soll in der nächsten Spielzeit nicht mehr aufgenommen werden.

Besprochen werden Manja Kuhls "Langer Atem" im Foyer des Schauspiels Frankfurt (FR), zwei Einakter von Peter Maxwell Davies in Weimar (nmz), Verdis "Les vêspre siciliennes" an der Deutschen Oper Berlin (nmz), Viktor Bodós Inszenierung von Erich Kästners "Fabian" in Stuttgart (Zeit), Simon Stones Inszenierung von Alban Bergs "Wozzeck" an der Wiener Staatsoper (da bleiben viele Fragen offen, stöhnt Reinhard Kager in der FAZ) und die von Ai Weiwei inszenierte und von der ukrainischen Dirigentin Oksana Lyniv dirigierte "Turandot" an der Opera di Roma (Zeit, Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.03.2022 - Bühne

Nach dem Job-Center ins Fitnessstudio: Simon Stones "Wozzek"-Inszenierung. Foto: Michael Pöhn / Staatsoper Wien

Simon Stone hat an der Wiener Staatsoper Alban Bergs "Wozzeck" als sehr heutige Studie zu toxischer Männlichkeit inszeniert. Ganz formidabel findet das Standard-Kritiker Ljubisa Tosic, auch wenn er ahnt, dass die Aktualtität ihren Preis hat: "Die realen Orte - Fitnesscenter, Arbeitsamt und Würstelstand - werden altern. Stones Inszenierung wird dann in ferner Zukunft optisch als konservierte Erinnerung an jene Tage in Wien wirken, als das Publikum Masken trug, um sich vor Corona zu schützen, und am Arbeitsamt Gedränge herrschte. Falls die Verhältnisse sich nicht bessern, wird der Kern der Regie allerdings, die Darstellung von sozialer Verwahrlosung und folgenreicher Kränkung einer Männerpsyche, aktuell bleiben." In der SZ stört sich Egbert Tholl an so viel "Tatort"-haftigkeit, auch der voluminöse Orchesterklang unter Philippes Jordan behagt ihm nicht. Aber Christian Gerhaher in der Titelpartie haut ihn um: "Ansatzlos kann er wild opernhaft ausbrechen, wenn die Not seiner Figur dies erfordert. Aber noch berückender ist sein Singsprechen oder Sprechsingen. Ein winziges Beispiel: Verabschiedet sich Wozzeck in der Szene von seiner Marie, in der diese die Ohrringlein bewundert hat, die ihr der Tambourmajor schenkte, lautet sein letztes Wort 'Adies'. Dieses 'Adies' hat bei Gerhaher hundert dunkle Grautöne, ist schwebendes Sinnieren und finstere Vorahnung zugleich. Das hat eine herrliche Feinheit, das erzählt eine ganze Welt."

Im Interview mit nachtkritikerin Esther Slevogt geißelt der lettische Regisseur Alvis Hermanis die deutsche Naivität gegenüber Russland, romantische Verklärung und Zaghaftigkeit. Warum er vor zwei Jahren beim Festival "Theater der Nationen" in Moskau 2020 das Stück "Gorbatschow" auf die Bühne brachte, erklärt er so: "Russland ist ein sehr geheimnisvolles Land. Ganz oben gibt es immer einen Zaren, eine einzelne Person, die entweder rotes oder grünes Licht für etwas gibt. Die restliche Bevölkerung besteht mehr oder weniger aus Leibeigenen, die dem bedingungslos folgen. Dabei spielt es eigentlich keine Rolle, ob dieser Zar Stalin heißt, oder Iwan der Schreckliche, Peter I., Gorbatschow oder Putin. Es ist immer die gleiche hierarchische Struktur: Zar und Leibeigene. Im Fall von Gorbatschow habe ich eines Tages realisiert, dass er - neben meinem Vater und meiner Mutter - der Mensch gewesen ist, der mein Schicksal am stärksten beeinflusst hat. Ich wollte einfach verstehen, wie das überhaupt möglich war, dieses System zum Einsturz zu bringen. War es einfach nur ein Wunder?"

Weiteres: Bei der Tanzplattform Berlin punkteten SZ-Kritikerin Dorion Weickmann zufolge vor allem die Jüngeren mit Relevanz. Reinhard J. Brembeck meldet in der SZ, dass sich jetzt auch die Berliner Künstleragentur CSAM von ihrem Opernstar Anna Netrebko getrennt hat.