Verdis "Sizilianische Vesper". Foto: Marco Lieberenz / Deutsche Oper Verdis "Sizilianische Vesper" erzählt recht frei vom Volksaufstand gegen die französische Herrschaft in Palermo im Jahr 1268. Als Grand Opéra sollte sie ein bisschen Kino bieten oder wenigstens ein bisschen Meyerbeer, erklärt Niklaus Hablützel in der taz. Dass Verdi daran gescheitert ist, aber dennoch alles haarsträubende Theater in grandioser Musik auflöst, zeigen Olivier Py und Enrique Mazzola an der Deutschen Oper Berlin sehr schön, wie er schreibt: "Alle wechseln immerzu die Fronten, bis sie allesamt vom Chor erschlagen werden. Spannend ist das schon, Böses ist gut, Gutes böse und Verdi versucht, allem eine Stimme zu geben... Am Ende klang es leiser im Saal, als danach zu erwarten war. Mag sein, dass der Schlussakkord zum Wort 'Rache!', ohne Solisten, aber mit vollem Chor und Orchester, daran erinnert hat, dass draußen der Krieg wirklich ist. Zu Recht nehmen Py und Mazzola darauf keine Rücksicht, so naheliegend es bei diesem Stück wäre. Sängerinnen haben in der Pause Spenden für die ukrainischen Flüchtlinge gesammelt. Aber ein Aufstand des 13. und eine Oper des 19. Jahrhunderts sind genau die Geschichte, von der man nur Geschichte lernen kann. Das hat Hegel gesagt, der sich selbst nie daran hielt. Verdi war besser, man muss ihn nur so spielen wie hier."
Ulrich Amling hält die Inszenierung im Tagesspiegel dagegen für einen kompletten Reinfall, vor allem die Anspielungen auf den Algerienkrieg gehen ihm völlig gegen den Strich: "Das alles ist nicht erst unerträglich, seit Schutzsuchende in Mariupol unter den Trümmern eines Theaters begraben wurden. Der infantile Umgang mit Gewalt marginalisiert das, was die Grand Opéra heutig machen könnte: ihr Gespür für Umstürze, die Vorahnung von Kulturbrüchen, diese unerträgliche Ruhe vor einem Sturm von historischen Ausmaßen."
Besprochen werden außerdem Claus Peymann mit Ionescos "Nashörnern" in Ingolstadt und Frank Castorf mit dem Stück "Schwarzes Meer" seiner früheren Lebensgefährtin Irina Kastrinidis in St. Pölten (Großregisseure in der Provinz erinnern Bernd Noack in der NZZ an einen alten Sketch von Helmut Qualtinger), Verdis Don Carlo" am Staatstheater Wiesbaden (FR), Verdis "Rigoletto" an der Oper Lyon (FAZ), Peter Sellars' Inszenierung des mittelalterlichen "Roman de Fauvel" am Théâtre du Châtelet in Paris (die Marc Zitzmann als "Mix aus Hostie, Wokeness und kalifornischer Spiritualität" abtut) und die Wiedereröffnung der Budapester Nationaloper mit Ferenc Erkels Oper "Hunyadi László" (FAZ).
Kästners "Fabian" am Schauspiel Stuttgart. Foto: Thomas Aurin Sieh mal einer an, auch das Theater kann noch das Panorama einer Epoche zeichnen, nicht nur das Fernsehen, schnalzt Thomas Rothschild in der Nachtkritik zu Viktor Bodós Inszenierung von Erich Kästners Roman "Fabian oder Der Gang vor die Hunde" am Schauspiel Stuttgart: "Das gibt es also noch, das dramatische Theater ganz ohne post, in dem die Figuren auf der Bühne mit einander interagieren und nicht den Blickkontakt scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Es wirkt kein bisschen verstaubt, wenn sich die löbliche Botschaft - denn die darf in Stuttgart nicht fehlen - aus deren Handlungsweise ergibt und nicht frontal zum Publikum vorgetragen wird. Und das mit einem Stoff, der bald ein Jahrhundert auf dem Buckel hat."
Besprochen werden Claus Peymanns Inszenierung von Eugene Ionescos "Nashörnern am Stadttheater Ingoldtstadt (die Egbert Tholl in der SZ als kleines Meisterwerk" feiert, als "intellektuell durchlässige, hochpräzise und rasante Aufführung mit bewundernswerten Darstellern"), die Uraufführung von Andrea Cavallaris Musiktheater "Der Antichrist" mit der Kammeroper Frankfurt (FR), JanPaderewskis "Manru" an der Oper Halle (NMZ), Mona Kraushaars Inszenierung von Schillers "Don Karlos" am Ernst Deutsch Theater in Hamburg (FAZ), Eugène Ionescos "Der König stirbt" mit Dieter Hallervorden am Berliner Schlosspark Theater (Tsp, FAZ) und Stefan Heyms "Der große Hanussen" an der Landesbühne Esslingen (Nachtkritik).
Besprochen werden die Uraufführung von Ole Hübners "Opera und ihr Double" in München (nmz) und die Uraufführung von Manfred Trojahns Oper "Euridice. Die Liebenden, blind" an der Amsterdamer Oper (nmz).
Szene aus Pergolesis "L'Olimpiade" in Zürich. Foto: Herwig Prammer
Hin und weg ist NZZ-Kritiker Christian Wildhagen von David MartonsZürcher Inszenierung der "L'Olimpiade", einer Barockoper von Giovanni Battista Pergolesi - wobei hier praktisch nur noch die Musik von Pergolesi ist. Unterlegt wird sie immer wieder mit Filmszenen isolierter alter Menschen. Und das geht für Wildhagen wunderbar zusammen: "Unendlich langsam richtet sich die alte Frau auf, jede Bewegung ist ein Kampf gegen das Alter. Mit der verbliebenen Muskelspannung ihrer dürren Arme stemmt sie sich im Sessel hoch, Zentimeter um Zentimeter. Ob sie am Ende über die hier doppelt und dreifach lastende Schwerkraft triumphieren wird, bleibt ungewiss. ... die Szene ist Teil eines Films. Dazu erklingt Musik, live gespielt. Es ist wunderschöne, sehr junge und sehr heilsame Musik, komponiert vom größten Wunderkind der neapolitanischen Oper, Giovanni Battista Pergolesi. Er starb mit nur 26 Jahren 1736 an Tuberkulose. Pergolesis Oper 'L'Olimpiade' erzählt von den Siegen irgendwelcher Helden, doch ihre Taten tun hier nichts zur Sache - Heldin unserer Herzen ist längst die betagte Dame, die in einem Seniorenheim bei Zürich wohnt."
Der Trailer bringt einen kleine Eindruck von der ungewöhnlichen Inszenierung:
Weiteres: Alla Shenderova berichtet in der nachtkritik, dass immer mehr Theater in Russland ihre Eigenständigkeit verlieren. Ljubiša Tošic unterhält sich für den Standard mit Regisseur Simon Stone über dessen Inszenierung von Alban Bergs "Wozzeck" an der Wiener Staatsoper. Besprochen werden die Uraufführung von Ole Hübners "Opera und ihr Double" in München (SZ) und Anton Lubchenkos Oper "Wir" am Theater Regensburg (FAZ).
Alexander Estis unterhält sich für die Zeit mit drei russischen Künstlerinnen, die Mühe haben zu begreifen, was in ihrem Land geschieht. Die Theatermacherin Marina Dawydowa lernt bei der Ausreise, dass ihre Wohnung "mit Kameras versehen worden war: Aus drei Einstellungen heraus hatte man meine Abreise dokumentiert und das Video ins Netz gestellt - mit herabwürdigenden Kommentaren. All das hatten Menschen aus ein und derselben Behörde getan. Es ist offensichtlich, dass heute die Geheimdienste das Sagen haben. Früher gab es, bei allen Problemen, noch so etwas wie ein politisches Leben, es gab einfache Beamte, die über Krankenhausplätze oder Schulen nachgedacht haben. ... Jetzt aber gibt es eine einzige Gewalt, die alles kontrolliert - total und totalitär, das gesamte Leben im Land. Der FSB ist überall. In der Rückschau versteht man, dass sie schon lange begonnen haben, an jeder Ecke schleichend einzudringen, Leute einzuschleusen. Nun ist das so offensichtlich, dass man seine Machtlosigkeit aufs Heftigste empfindet."
Weitere Artikel: Die südafrikanische Opernsängerin Golda Schultz spricht im Interview mit der Zeit über Frauenrollen in der Oper. Besprochen werden die Uraufführung von Anton Lubchenkos "Wir" in Regensburg (nmz), Brittens Kammeroper "The Turn of the Screw" in Lübeck (nmz) und Giacomo Puccinis "Il Trittico" in Brüssel (nmz).
Pandemiebedingt musste die Premiere von Sasha Waltz' Choreografie "Sym-Phonie mmxx" an der Berliner Staatsoper zwei Jahre verschoben werden, aber das von Waltz immer wieder überarbeitete Stück über die Spaltung der Gesellschaft gewinnt vor dem Hintergrund des Kriegs in der Ukraine nochmal neue Aktualität, meint eine aufgewühlte Sandra Luzina im Tagesspiegel: "Beispielsweise in einer Szene, die in der Stille getanzt wird. Die 21 Tänzer:innen stehen dicht aneinander gedrängt in einer Reihe. Zwei Männer zwängen sich durch diese Wand. Sie gehen auf einzelne Frauen und Männer zu, umfassen die erschlaffenden Leiber und legen sie behutsam auf dem Boden ab. Einer nach dem anderen wird so symbolisch begraben. Am Ende steht nur noch Zaratiana Randrianantenaina aufrecht. Auch wenn die Szene abstrakt ist, muss man doch an Massengräber denken. Zu den aufwühlenden Klängen von Haas zeigt Waltz zuvor eine aufgeputschte Menge. Mit herausgeschleuderten Bewegungen und stampfenden Schritten rückt der Pulk vor, weicht zurück. Die schwarzen Stirnbänder lassen an Guerillakämpfer denken. Ein Frau mit hochgereckten Arm führt den Aufstand an. Bald bilden sich zwei verfeindete Lager heraus."
"Wie kann ein Stück zugleich vollkommen überfrachtet und über lange Passagen hinweg sterbenslangweilig sein?", stöhnt hingegen Wiebke Hüster in der FAZ. Das Stück wirke "als hätte man die Bewegungsstile von Mary Wigman, Hofesh Shechter, Sharon Eyal und natürlich Sasha Waltz selbst mit etwas Butoh zusammen digitalisiert und einer Künstlichen Intelligenz anvertraut. Anweisung: zeig mal, was du kannst."
"Ein paar verdienstvolle Festivals blickten nach Osten; im normalen Theaterbetrieb hatte der Umstand, dass bereits seit 2014 Krieg in der Ukraine herrscht, keinen Platz", schreibtNachtkritiker Michael Wolf und erinnert sich an das Befremden, dass die während der Maidan-Proteste entstandene Produktion "Haus der Hunde" des Kyiver Dakh Theater, die er vor fünf Jahren beim Heidelberger Stückemarkt sah, bei ihm auslöste: "Das Ensemble vegetierte in einem Käfig. Draußen patrouillierten Wärter, sie brüllten Befehle durch die Gitterstäbe: 'Essen! Schlafen! Arbeiten! Tanzen!' Nach der Pause wechselten Publikum und Ensemble die Plätze. Plötzlich saßen wir im Käfig und die Wärter verhöhnten uns, forderten uns auf, zu singen: 'Wer seid ihr? Habt ihr ein Lied, das alle können? Habt ihr keine Hymne?' Natürlich haben wir nicht Einigkeit und Recht und Freiheit gesungen, wir schwiegen beklommen - und befremdet. Das ukrainische Theater, wie es sich hier präsentierte, unterschied sich deutlich von dem, was man auf unseren Bühnen zu sehen bekommt. Keine Spur von Ironie war da zu erkennen. Das Pathos war ungebrochen, die Welt düster."
Außerdem: In der FAZ blickt Jan Brachmann beim Amsterdamer Opera Forward Festival in die Zukunft der Oper zwischen Ästhetizismus, Eurozentrismus, Dekolonialisierung und Diversität.
Besprochen werden Miriam Tscholls Inszenierung "Pigs" an den Münchner Kammerspielen (taz, nachtkritik), David Böschs Inszenierung von Lisa Wentz' Volksstück "Adern" am Wiener Akademietheater (Standard, nachtkritik, Welt), Dominique Schnizers Stück "Linda" am Schauspielhaus Graz (Standard) und Thorleifur Örn Arnarssons Inszenierung von Shakespeares "Der Sturm" am Wiener Burgtheater (FAZ).
Szene aus "Der diskrekte Charme der Bourgeoisie". Bild: Birgit Hupfeld So überzeichnet, dass man von sich selbst abstrahieren kann, atmet Judith von Sternburg in der FR auf, nach dem sie Claudia BauersInszenierung von Luis Bunuels Film "Der diskrete Charme der Bourgeoisie" am Schauspiel Frankfurt gesehen hat. Und so hat Sternburg viel Spaß mit der Gesellschaft und ihrer "Mixtur aus Hedonismus, Schlaffheit und der Suche nach ewigem Leben - bis hin zu fröhlich ventilierten rassistischen und sozialen Stereotypen": "Die Übertragung der Film-Handlung ist clever, der Botschafter der lateinamerikanischen Bananen-Republik stammt jetzt aus einem fiktiven arabischen Land, Kuschmann bleibt eine windige Figur, zugleich ist er mit den Plattitüden über die islamische Welt konfrontiert, derer sich auch das aufgeklärte Bürgertum nicht schämt. Die 'Terroristinnen' sind engelspuppenhafteKinder-Reporter:innen, denn korrekt ist man auch, vielleicht gerade weil man so intensiv und ausschließlich um sich selbst kreist. Vieles aus dem Film lässt sich wiedererkennen und wird dadurch noch wertiger, um in der Sprache der Figuren zu bleiben. Eine perfekte Überschreibung, dabei von ebensolcher Kälte wie das Original."
So "furios" lässt sich Nachtkritikerin Shirin Sojitrawalla gern den "dreckigen Spiegel vors Gesicht" halten: "Die Überschreibung von PeterLicht und SE Struck bugsiert das Ganze in ein wohlstandsverwahrlostes Heute. Das bunte Volk auf der Bühne interessiert sich in erster Linie fürs Sattwerden und protestiert höchstens gegen Staubmäuse. Die Floskeln unserer Gegenwart beherrschen sie aus dem Effeff. Sie raunen 'I like', 'Freu', 'Nerv', 'I love it' und so verkürzt wie ihre Ausdrucksweisen scheint auch ihr moralisches Gewissen. Im Zweifelsfall machen sie für Geld alles mit allen."
Besprochen werden Ewelina Marciniaks "Werther-Inszenierung am Deutschen Theater (taz), Elisabeth Stöpplers Inszenierung von Luigi Nonos "Al gran sole carico d'amore" am Staatstheater Mainz (FR), K.D. Schmidts Inszenierung von Franz Xaver Kroetz' "Mensch Meier" am Staatstheater Mainz (FR) und Thorleifur Örn Arnarssons Inszenierung von Shakespeares "Der Sturm" am Wiener Burgtheater (SZ, nachtkritik).
Bild: Regine Zimmermann, Paul Grill, Thorsten Hierse, Natali Seelig. Foto: Arno Declair Wenn Ewelina Marciniak Klassikern den "männlichen Blick" austreibt, ist Nachtkritiker Georg Kasch gern dabei. Marciniaks Inszenierung von Jarowslaw Murawskis Bearbeitung von Goethes "Werther" am Deutschen Theater will bei ihm aber leider nicht zünden. Murakwskis Werther, der nach dem tödlichen Schuss noch zwölf Stunden im Dämmerzustand weiterlebt, ist "eine Rampensau, die sich in langen Monologen in ihren Gefühlen suhlt. Albert? Seine Lässigkeit ist nur Fassade, innen aber zerfrisst ihn die Eifersucht. Wilhelm? Ein ewig zu kurz Gekommener, vermutlich in Werther verliebt, auf jeden Fall eine arme Wurst." Marciniaks Inszenierung aber stolpert "mühsam vor sich hin, reißt hier eine Schublade und dort eine Schranktür auf, ohne wirklich Neues zum 'Werther' zu finden oder auch nur zu den Befindlichkeiten junger Menschen heute. (…) Ein Werther, der nur noch aus Klischees, Versatzstücken und Negationen besteht, ist unerträglich."
Besprochen werden Claudia Bossards Inszenierung von Lydia Haiders Stück "Zertretung - 2. Sprache essen Abgott auf oder Du arme Drecksfut Metzger" am Wiener Volkstheater (nachtkritik, Standard), Meera Theunerts "Ischgl: Aufstand der Pinguine" im Kulturlabor Stromboli in Hall (Standard)
Bild: Nini & Carry Hess: Alexander Rumnev (Tänzer), 1924. ullstein bild collection In der FRblickt Judith von Sternburg in eine untergegangene Welt im Museum Giersch, das den jüdischen Frankfurter Theaterfotografinnen Nini und Carry Hess derzeit eine Ausstellung widmet: "Der Frankfurter Expressionismus fand in den Bildern der Schwestern seinen perfekten Ausdruck. Das zeigt sich in der frühen, noch tastend wirkenden Szenenfotografie, in den vorzüglichen Tanzbildern, vor allem aber in den Rollenporträts. Unter den Hess'schen Händen entwickeln sie sich (wie das Theater selbst ja auch) vom händeringenden Pathos des 19. Jahrhunderts hin zu einer heruntergekühlten, aber da umso wirkungsvoller glühenden Intensität. (…) Das wie beiläufig, aber perfekt Durchkomponierte zeigt sich mehr noch in der großen Gruppe der Porträts: Die Prominenz - wirklich reihenweise, darunter ein hocheleganter Thomas Mann, eine grüblerische Tilla Durieux, ein unheimlich gescheiter Döblin, ein elefantenfütternder Zuckmayer - wie die privaten Bilder gleichermaßen leger und doch kunstvoll."
Zahlreiche zugewanderte ChoreografInnen und TänzerInnen haben Russland verlassen, darunter auch Laurent Hilaire, Danseur étoile der Pariser Oper, der seit 2016 das Ballett am Moskauer Stanislawski- und Nemirowitsch-Dantschenko-Musiktheater leitete, berichtet Dorion Weickmann in der SZ: "Unmittelbar nach Beginn der russischen Offensive trat er zurück, reiste aus und gab der französischen Nachrichtenagentur AFP ein Interview. Seine Prophezeiung: Eiszeit für die gesamte Kultur, auch das Ballett, keine Koproduktionen mehr, Rückzug aller modernen und zeitgenössischen Choreografien. Kreationen, die Hilaire noch persönlich bei Sharon Eyal und Hofesh Shechter in Auftrag gegeben hatte, werden genauso wenig stattfinden wie geplante Auslandsgastspiele. Das Ergebnis ist ein Rückfall in die Zeiten des Kalten Krieges, das Repertoire wird notgedrungen auf Werke russischer Provenienz zusammenschmelzen. Laurent Hilaire schätzt, dass es nach der Wiederbelebung des Austauschs mindestens ein Jahrzehnt dauert, bis Normalität einkehrt."
"Habe ich eigentlich das Recht so zu hassen?", fragt in der nachtkritik der ukrainische Theaterkritiker Oleksii Palianychka, der auch Theaterschaffende aus Lwiw befragt hat. "Sollen die Europäer von uns Ukrainern diesen Eindruck gewinnen? Aber wenn ich die Ruinen und die toten Ukrainer sehe, wenn sich gleichzeitig meine Freunde in Kellern verstecken und sie nur beten können, dass sie nicht getötet oder vergewaltigt werden (in Cherson gab es am 3. März Informationen über Vergewaltigungen, manche Frauen und Mädchen haben das nicht überlebt), dann bleibt in mir nichts als Hass zurück. Ich appelliere an alle Russen: 'Geht einfach nach Hause. Ihr habt in meinem Land nichts zu suchen. Ihr bringt nur Tod und Verderben, ihr zerstört unser Leben und die Zukunft von unzählig vielen Menschen.' Als Antwort höre ich dann den vielstimmigen Chor russischer Verwandter und Freunde, die ich kürzlich interviewt habe: 'Wir retten euch (vor den ukrainischen Nazis - Anm. d. Übers.) und dann wird Frieden sein.'"
Außerdem: In der nachtkritikerfährt Esther Boldt, was Anna Wagner und Marcus Droß, designierte Intendanten des Frankfurter Mousounsturms, für das Theater planen: Eine "resiliente Institution" soll es werden. Im Tagesspiegelfreut sich Sandra Luizina auf das vom Berliner HAU veranstaltete Festival für zeitgenössischen Tanz, das dreizehn Positionen aus der deutschen Tanzszene zeigt. Besprochen werden Tex Rubinowitz' zweites Theaterstück "Volker" am Tiroler Theater Prasesent (Standard).
Im SZ-Gespräch mit Reinhard J. Brembeck erklärt Serge Dorny, Intendant der Bayerischen Staatsoper, weshalb er Valery Gergiev ausgeladen hat: "Wenn jemand wie Gergiev derart eng mit dem von Putin entwickelten System verbunden ist, dass er sich für dessen Homosexuellendekret oder die Annexion der Krim ausgesprochen hat, dann ist er nicht mehr neutral. Die jetzige Situation erfordert von Künstlern, die eine derartige gesellschaftliche Bedeutung haben, eine besondere Verantwortung. Diese Künstler haben die Freiheit, sich für oder gegen etwas auszusprechen. Für mich als Intendant und weil Gergiev ein Symbol ist, ist sein Schweigen nicht akzeptabel. Man muss eine deutliche Ansage machen, wenn man demjenigen so nah ist, der diesen Angriff gegen die Ukraine führt. Wenn man sich politisch äußert, die Grenze des Künstlertums überschritten hat und auf eine politische Ebene gelangt ist, dann ist man zu einer Äußerung verpflichtet. Das gilt nicht für alle. Nicht alle haben eine freie Wahl."
In der nachtkritik sendet Uwe Mattheiß einen Theaterbrief aus Bosnien und Herzegowina, wo sich das Sarajevo War Theater und das Kroatische Nationaltheater in Mostar zusammengetan haben, um Elfriede Jelineks "Rechnitz (Der Würgeengel)" auf Bosnisch, Kroatisch und Serbisch auf die Bühne zu bringen: "Das SARTR und das Theater in Mostar überschreiten mit dieser Produktion kulturelle Trennlinien der bosnischen Nachkriegsgesellschaft. Sie kooperieren erstmals über mentale Grenzen zwischen von im Krieg verfeindeten Ethnien hinweg. Sie unternehmen den Versuch mit den Mitteln des Theaters zu einem Geschichtsverständnis beizutragen, das dem Streben nach Erkenntnis und einer Ethik des Mitfühlens verpflichtet ist und identitätspolitische Deutungsansprüche der früheren Kriegsparteien hinter sich lässt."
Außerdem: Die Dramaturgen Anna Wagner und Marcus Droß treten als Doppelspitze ab September die Nachfolge des bisherigen Intendanten Matthias Pees am Künstlerhaus Mousonturm an, meldet Sylvia Staude in der FR.
Besprochen wird Uraufführung von "Der.Semmelweis.Reflex" des Bernhard Ensembles am Off-Theater Wien (Standard).
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Simon Mason: Das kalte Herz von Oxford - Ein Fall für DI Wilkins Aus dem Englischen von Sabine Roth. Für Rachel Clarke beginnen an einem strahlenden Sommertag in Oxford die dunkelsten Stunden ihres Lebens: Ihre vierjährige Tochter Poppy…
Mokhtar Amoudi: Ein ziemlich anderes Leben Aus dem Französischen von Alexandra Baisch. Es gibt Entscheidungen, die ein Leben auf den Kopf stellen. Als Skander aus dem Sommerferienlager zurückkehrt, erfährt er, dass…
Detlef Pollack: Religiöser Fundamentalismus Ob Muslimbrüder, evangelikale Christen, ultraorthodoxe Juden oder Hindu-Nationalisten: Fundamentalisten gibt es in allen Religionen. Sie alle eint, dass sie die Welt in Gut…
Corine Pelluchon: Die Macht des Weiblichen Aus dem Französischen von Grit Fröhich. Ein feministisches Verständnis von politischer Macht. Wie kann man sich gegen die neuen Herrschaftslogiken wehren, die gegenwärtig…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier