Im Standardunterhält sich Ljubiša Tošic mit Calixto Bieito, dessen Inszenierung von Wagners "Tristan und Isolde" heute abend an der Wiener Staatsoper Premiere hat. Besprochen werden Giovanni Sollimas Vertonung des "Dschungelbuchs" als Comic-Oper am Lübecker Theater (nmz), eine "Walküre" in Stuttgart, die von drei verschiedenen Regieteams inszeniert wurde (das gelingt gut und ist angenehm abwechslungsreich, lobt Joachim Lange in der nmz) und die Performance "Semiotiken der Drecksarbeit" von Nuray Demir und Minh Duc Pham im Berliner HAU3 (taz).
Besprochen werden Wagners "Lohengrin" von Jossi Wieler und Christian Thielemann in Salzburg (NZZ), Webers "Der Freischütz" am Nationaltheater Mannheim (FR) und Jean Gilberts "Kinokönigin" an der Musikalischen Komödie Leipzig (NMZ).
Okka von der Damerau und Brian Mulligan in Wagners "Walküre". Foto: Martin Sigmund / Staatsoper Stuttgart Oft schon wurden für Wagners Ring-Zyklus verschiedene Regisseure zusammengebracht. In einem spektakulären Versuch hat die Staatsoper Stuttgart jedoch allein die "Walküre" von gleich drei Regieteams inszenieren lassen. In der FRsieht Judith von Sternburg hier allerdings "eine Wahnsinnsgelegenheit, radikal ungenutzt verstrichen. Zuerst verspielt das Kollektiv Hotel Modern den Hunding-Akt. Dann inszeniert der von der Beleuchtung kommende Urs Schönebaum den Walhall-Akt so konventionell, als gälte es bloß rasch eine Lösung zu finden. Dann ist der Schlussakt der Künstlerin Ulla von Brandenburg eine poppige Unverbindlichkeit. Man ist da aber so weit, dass man sich an den Farben freut. Und daran, wie gut sich die Walküren bewegen. Denn gemeinsam ist allen drei Aufzügen ein unglaublich statisches Personal, dramatischster Beleg dafür, dass es hier um Ausstattungs- und zu keinem (erkennbaren) Zeitpunkt ernsthaft um Interpretationsfragen ging."
In der SZ ist Egbert Tholl dagegen hingerissen, vor allem die Gesangspartien von Brian Mulligan und Okka von der Damerau haben ihn betört mit ihrer "zarten, wundersame Poesie, die zu Herzen geht. Cornelius Meister macht es ihnen dabei nicht leicht, sein Orchester ist zu laut und zu langsam, was vor allem für Mulligans Wotan hart wird. Aber dennoch: Am Ende der ganzen 'Walküre' geht es nicht mehr um Götter und Welten, nur noch um Menschen. Das ist wundervoll, und rundet ein Experiment, das in all seiner Disparatheit faszinierend gut aufgeht.
Besprochen Nora Abdel-Maksouds Dirskursatire "Rabatt" am Berliner Gorki-Theater (Tsp, Nachtkritik, SZ, taz), Christoph Marthalers Krimipersiflage "Der letzte Pfiff" am Theater Basel (FAZ) und das szenische Haydn-Oratorium "Das Ende der Schöpfung" (Nachtkritik).
Der russische Regisseur Kirill Serebrennikow ist wieder in Berlin. Im Interview mit Susanne Lenz glaubt er nicht, dass die russische Kultur boykottiert werden sollte oder überhaupt könnte. Aber die Ukrainer, die er kennt, votieren ja auch eher für eine Pause, sagt Serebrenniko. Und: "Dieser Krieg, an dessen Möglichkeit weder ich noch einer meiner Freunde geglaubt haben, wird für uns alle viel Zerstörung bringen. Er zerstört unsere Schicksale, unsere Leben - auch wenn das nicht vergleichbar ist mit dem, was in der Ukraine passiert, wo die Städte zerstört werden, wo Menschen umgebracht werden. Die Ukrainer werden ihr Land wieder aufbauen, sie werden als Nation einig sein. Und die ganze Welt hilft ihnen. Aber die Russen erwartet nichts als Grauen und Schmerz, wenn sie das Ausmaß dessen erkennen, was passiert ist."
Lumpenritter oder lässiger Held: Richard Wagners Lohengrin. Foto: Ruth Waltz / Osterfestspiele Salzburg Intellektuell und emotional gepackt wurde Helmut Maurò in der SZ von Jossi Wielers "Lohengrin"-Inszenierung bei den Salzburger Osterfestspielen, mit Christian Thielemann am Dirigentenpult: "Der Retter Lohengrin, dargestellt vom amerikanischen Tenor Eric Cutler, ist kein strahlender Heldentenor, agiert mit dunklerem Timbre und selten im Fortissimo. Er ist auch kein strammer Soldat, sondern ein langhaarig-lässig herumschlendernder Hippie, der über seiner blechernen Rüstung ausgebeulte zerrissene Khaki-Hosen trägt und oben Schlabbershirt mit Wams. Weiche Schale, harter Kern. Elsa ist hingerissen: 'Als eine Blume auf der Wiese wollt ich mich beugen deinem Tritt.' So weit kommt es nicht. Als eigentliche Heldin haben die Inszenierenden aber Ortrud vorgesehen. Sie verkörpert nicht mehr nur die rachsüchtige, machthungrige Ehefrau, sie ist nun vor allem ein stabiler Gegenpol zur immer irrationaler agierenden Politik. Volk und Soldateska sind ohnehin längst in schiere Glaubensreiche abgedriftet." Auch in der FAZ findet Florian Amort Jossi Wielers Deutung nicht abwegig, nach der Elsa von Brabant doch ihren jüngeren Bruder Gottfried ermordet hat, um selbst an die Macht zu kommen." Tsp-Kritikerin Kirsten Liese sieht in dem Abend vor allem einen Triumph für Thielemann, der sich damit nach zehn Jahren als Künstlerischer Leiter der Osterfestspiele verabschiedet. Dem Standard-Kritiker Ljubisa Tosic ist der Lohengrin zu verulkt: "Er wirkt jedoch wie ein Mix aus Aquaman und Lumpenritter. Er könnte aus einem Sketch von Monty Python kommen."
Weiteres: Im Interview mit Witold Mrozek spricht der polnische Schriftsteller Szczepan Twardoch über sein Theaterstücke "Der Bulle", in dem er das schlesisch-historische Gedächtnis zur Sprache bringt, das sich vom deutschen wie auch vom polnischen stark unterscheidet.
Besprochen werden Nuran David Calis' dokumentarisches Stück über die Morde von Mölln am Kölner Schauspiel (Nachtkritik, taz), Tschaikowskis "Pique Dame" bei den Osterfestspielen in Baden-Baden (die FAZ-Kritiker Jan Brachmann sängerisch hevorragend findet, aber inszenatorisch stinkend "wie ranzige Butter"), Leonie Böhms Inszenierung "König Teiresias" frei nach Sophokles am Theater Basel (Nachtkritik), Tod Machovers Kammeroper "Schoenberg in Hollywood" in der Wiener Volksoper (Standard), die Revue "Himmlische Zeiten" im Fritz Rémond Theater Frankfurt (FR) und die Richard-Wagner-Ausstellung im DHM Berlin (Welt).
In Kathrin Rögglas Klimasatire "Das Wasser", in Dresden von Jan Gehler uraufgeführt, findetnachtkritiker Michael Bartsch den ganzen Witz, der das Thema überhaupt erst erträglich macht. "Zunächst werden wir wie in einem Exposé mit der 'Flut' konfrontiert, mit der konkreten Erfahrung des Flusses im Wohnzimmer, der zuvor eine Straße war. Wie in Sachsen 2002, wo die Autorin zum Stück recherchiert hat. Die erste halbe Stunde läuft ein chorisch oder verteilt gesprochener Monolog eines prototypischen Bürgers, der es im Wortsinn ausbaden muss. Adressat ist das Publikum, beim Vorrücken der Gruppe an die Rampe beinahe attackiert, oder sind anonymer 'die da oben', an die man jegliche Verantwortung delegieren kann. 'Wir hätten es wissen können, wenn man uns Bescheid gesagt hätte!' Dieser blockartige Auftritt löst sich in lose Rollen auf, Voraussetzung für köstliche Parodien der immer schuldlosen Verantwortungslosigkeitsträger, aber auch des Durchschnittsspießers." Dass das funktioniert und nicht überheblich wirkt, liegt für Bartsch daran, wie Kathrin Röggla "in einer Art von weisem Sarkasmus Äquidistanz zu allen" hält: "Auch die modernen Prophetinnen und Propheten des Untergangs müssen Spott einstecken."
Niemand ist perfekt, aber als Bergmann ist man verdammt nah dran. Foto: Steffen Rasche
Wie ganz konkret Theater von der Realität "da draußen" erzählen kann, wenn es denn will, erlebt auch Kevin Hanschke (FAZ) im Theater der Bergarbeiter in Senftenberg, wo Oliver Bukowskis Stück "Der Sohn" die jüngere Transformationsgeschichte der Lausitz am Beispiel einer Familie erzählt: "Dabei geht es um Arbeitslosigkeit und Abstiegsangst, Wandel und Stagnation. Aber am Ende tritt Elon Musk als Erlöser auf. Dass in diesem Stück die ostdeutsche Gegenwart verhandelt wird, mit all ihren Brüchen, Problemen und Widersprüchen, wird schon vor der Vorstellung klar. Vor dem Senftenberger Theater, der 'Neuen Bühne', hat sich das Publikum versammelt und wartet auf den Einlass. Es wird über die steigenden Benzinpreise diskutiert, der Ukrainekonflikt gestreift und in Aussicht gestellt, was das für die Kohleindustrie bedeutet."
Besprochen werden Christoph Marthalers "Der letzte Pfiff - ein Drehschwindel" am Theater Basel (nachtkritik), eine neue "Fledermaus", inszeniert von Joseph E. Köpplinger am Münchner Gärtnerplatztheater (nmz), Jerry Bocks Musikkomödie "Liebesbrief nach Ladenschluss" in Annaberg-Buchholz (nmz) und Katja Wolfs Inszenierung von "Himmlische Zeiten" im Frankfurter Rémond-Theater (FR).
Richard Wilhelm Wagner (1813 bis 1883). Quelle: bpk | British Library Board
Wolfgang Schreiber hat für die SZ die Ausstellung "Richard Wagner und das deutsche Gefühl" im Deutschen Historischen Museum Berlin besucht und ist zwiespältig: "Die Berliner Ausstellung taugt nicht, etwa erwartbar, zum wonnigen Eintauchen in Wagners Musikdramen und deren Sog. Umso mehr zur Beschäftigung mit seinen Denkgebäuden, den Gesellschafts-, Musik- und Bühnenideen, wie sie hier die Wagner-Sängerin Waltraud Meier und der intellektuell wagner-gewappnete Regisseur Stefan Herheim in Videobeiträgen abhandeln. Das Rätsel aber, wie beides, Wagners schlimme Ideologie und sein Musikdrama, in Genuss und Rausch der Besucher zusammenpassen, kann die Ausstellung leider nicht lösen."
In der FAZ geht Jan Brachmann noch weiter: Dass Richard Wagner ein widerlicher Antisemit war, weiß inzwischen jeder, meint er. "Die Frage steht im Raum, warum wir uns weiterhin mit Wagner beschäftigen, wenn er als Figur dermaßen verlogen, manipulativ und abstoßend war. Diese Frage kann die Ausstellung nicht beantworten, weil sie vor dem Wesentlichen ausweicht: der Musik. Ihr darf man sich in zwei verhüllten Hörinseln nur andächtig lauschend, aber nicht analytisch nähern. Dabei hätte man mit guten Hörinstallationen, die einzelne Ereignisse herausfiltern und stückweise kombinieren, sehr gut zeigen können, worin Wagners große Leistungen bestehen", die auch "Komponisten wie César Franck oder Ernest Chausson, Alexander Skrjabin oder Sergej Rachmaninow" beeinflusste - "lauter Vertreter von Nationen, deren Musik im Grunde noch Thomas Mann 1945 in seiner Rede 'Deutschland und die Deutschen' Innerlichkeit und Tiefe absprach." Im Tagesspiegelempfiehlt Bernhard Schulz den Katalog zur Ausstellung mit seinen Essays von Laurenz Lütteken, Stephan Mösch oder Herfried Münkler zu den Gefühlskomplexen Entfremdung, Eros, Zugehörigkeit und Ekel.
"Until the Flood". Foto: Nicholas Hussong
In der SZ singt Peter Laudenbach ein Loblied auf das FIND-Festival der Berliner Schaubühne, dieses "lebendigste, kraftvollste, schönste Theaterfest Berlins: Hier geht ein großes Fenster zur Welt und zum Welttheater auf". Das würde nachtkritiker Christian Rakow wohl bestätigen. Er war besonders beeindruckt von Dael Orlandersmiths One-Woman-Show "Until the Flood", die die Tötung des Schwarzen Jugendlichen Michael Brown durch den weißen Polizisten Darren Wilson 2014 in Ferguson zum Anlass nimmt, sich mit dem Rassismus und der Spaltung der amerikanischen Gesellschaft auseinanderzusetzen: "Mal ist Orlandersmith im Ohrensessel eine alte schwarze High School Lehrerin, die ihr persönliches Erleben des Rassismus in den 1960er Jahren erinnert, mal ein weißer Elektriker mit 'White Trash'-Unterschichtsherkunft, der sich in seine Wut gegen schwarze Jugendliche hineinsteigert. ... Im Finale steuert die panoramatisch breite Parade von 'einfachen Leuten' auf aufgeklärt religöse Positionen zu, die eine Vermittlung, ja einen universalistischen Versöhnungspunkt in der Konfliktlage suchen. Siebzig Minuten spielt sich Orlandersmith (inszeniert von Neel Keller) durch das Milieuporträt zerklüfteter Nachbarschaften, mit winzigen charakterisierenden Gesten, mit bestechender erzählerischer Klarheit. Ein kleiner großer Abend, der die soziale Nahansicht gegen identitätspolitische Großerzählungen behauptet."
"The Seven Streams of the River Ota". Foto: Elias Djemil
Die andere viel gelobte Inszenierung bei Find war "The Seven Streams of the River Ota" von Robert Lepage, der FAZ-Kritiker Simon Strauß erzählt hat, wie er bei einem Japanbesuch auf die Idee zu dem Stück kam: "Beim Rundgang durch das seltsam intakt wirkende Hiroshima, so beschreibt es Lepage rückblickend, habe ihm der Stadtführer von einem kleinen Mädchen erzählt, dessen Gesicht vom Feuerstoß der Atombombe so furchtbar verätzt worden sei, dass die Klinikbediensteten alle Spiegel abgehängt hätten. Aber das Mädchen habe unter ihrem Kopfkissen einen kleinen Spiegelsplitter bewahrt, in den sie bei Sonnenaufgang blinzelte, um sich ein wenig zu schminken. 'Man kann einen Menschen verunstalten, aber man kann ihm nicht die Sehnsucht danach nehmen, schön zu sein', sagt Lepage. Aus diesem Erinnerungssplitter heraus entwickelte er dann Mitte der Neunzigerjahre eine mehr als siebenstündige Theaterreise durch ein halbes Jahrhundert Zeitgeschichte. Ein 'exercice de mémoire', wie er es nennt, der Stilmittel des traditionellen japanischen Theaters aufnimmt und mit der Spielform eines psychologischen Realismus verbindet."
Besprochen werden außerdem Harald Fritsches Inszenierung von Thomas Bernhards "Die Jagdgesellschaft" am Hamburger Schauspielhaus (taz) und "Odyssee. A Story for Hollywood" am Schauspiel Stuttgart, ein Theaterstück, für das der polnische Regisseur Krzysztof Warlikowski die Geschichte des Odysseus mit der der Holocaust-Überlebenden Izolda Regensberg kreuzt ("ein praller, ein düsterer, ein witziger, ein erschütternder Theaterabend, gespielt von einem großartigen Ensemble", lobt nachtkritikerin Verena Großkreutz)
Den Premierentermin für Valentin Schwarz' mehrfach verschobene Inszenierung von York Höllers Bulgakow-Oper "Der Meister und Margarita" an der Oper Köln findet Manuel Brug in der Welt ganz passend, wenn er die Inszenierung auch etwas lahm findet: "Es bleibt so in diesem Musiktheater in zwei ausufernden Akten viel Zeit zum Nachdenken über das anstrengend leidenschaftliche, mehrfach verkorkste Russenvolk: Seine Verführbarkeit, seine grausame Klarheit, seine verschrobene Drollerie. Da singen grüne Hunde, denen die Augen und Ohren abgerissen werden, eine rosa Bohnenstange mit Quetschkopf und Dünnschwanz ragt, die sich als Restaurantbesitzer ausweist. Buntfarbige Kinderlein hopsen, ein Chefredakteur heißt Berlioz, der Psychiater Strawinsky. Und fast jeder hat gefühlt irgendeinen Doppelgänger. Schade nur, dass Valentin Schwarz und seine fantasievollen Mitstreiter das alles in einem, possierlich sich abspulenden, klug disponierten, aber doch letztlich zeichenhaften Ungefähr belassen." Auch Guido Krawinkel (nmz) steht etwas ratlos vor dem "bunten Klamauk, den Schwarz auf der Bühne inszeniert. Die Darsteller müssen in unförmigen Kostümen als schwarze Monster, als grellfarbige Comictiere und mit unförmigen Köpfen berühmter Personen agieren. Der Qualität des Gesangs tut das keinen Abbruch, die Frage nach der Sinnhaftigkeit stellt sich gleichwohl. Denn zur Erhellung der ebenso komplexen wie verschachtelten Struktur der Textvorlage trägt dieses Durcheinander kaum bei, im Gegenteil."
In der FAZ kritisiert Matthias Alexander die Einsparung von zehn Millionen Euro, die die Stadt Frankfurt nach ihrer mittelfristigen Finanzplanung jährlich von ihren Theatern verlangt: Das geht an die "künstlerische Substanz", meint er. "Für das Schauspiel hat sich dessen Intendant Anselm Weber sehr ähnlich geäußert: 'Wenn man die Einsparung umsetzt, findet hier keine Kunst mehr statt', lautet der zentrale Satz Webers. ... Auffällig ist, dass die Planungen der Frankfurter Stadtpolitik bisher für wenig öffentliches Aufsehen sorgen. Die Corona-Pandemie hat nicht nur die städtischen Finanzen zerrüttet, sondern offenbar auch die Bindung zwischen Bühnen und Publikum geschwächt, was wiederum in Teilen der linken Mehrheit im Römer den Eindruck verstärken dürfte, in der Hochkultur ein leichtes Opfer für Sparanstrengungen zu finden."
Weiteres: In der neuen musikzeitungbittet Sarah Lindenmayer, doch auf den Einzelfall zu gucken, bevor man die Absetzung russischer Musikwerke pauschal kritisiert. Besprochen werden Vincent Boussards Inszenierung von Ambroise Thomas' "Mignon" in Liège (nmz), Martin Crimps "Cyrano de Bergerac" in der Inszenierung von Lily Sykes am Wiener Burgtheater (nachtkritik), die Performance "Under Bright Light" von Forced Entertainment am Frankfurter Mousonturm (FR), Herbert Fritschs Inszenierung von Thomas Bernhards "Jagdgesellschaft" am Hamburger Schauspielhaus (Zeit).
Robert lepages "Seven Streams of the River Ota" beim FINF-Festival. Foto: Elias Djemil Beim FIND-Festival für Internationale Neue Dramatik an der Berliner Schaubühne hat Doris Meierhenrich von der Berliner Zeitung durchaus auch Überdrehtes und Verquastes gesehen, aber die Erfahrungsdichte eines Festivals weiß sie nach zwei Jahren Abstinenz sehr zu schätzen: "Wirklich groß wurde der Festivalbeginn dann aber durch einen Meister, der längst tief in den Annalen der Theatergeschichte nistet: Robert Lepage und sein Sieben-Stunden-Epos 'The Seven Streams of the River Ota' von 1996. Eine verzweigte Erzählung von amerikanisch-japanischen Kriegs- und Liebesbeziehungen über 50 Jahre hinweg, die in ihren kurzen, prägnant zwischen den Zeiten und ihren Medien springenden Szenen eine Welt spiegelt, die tatsächlich immer beides ist: historische Wahrheit und individueller Projektions- und Sehnsuchtsort zugleich."
In Rom hat Ai Weiwei Puccinis "Turandot" als großes politisches Opernspektakel inszeniert, mit Videos aus Wuhan, von Kriegsschauplätzen, Flüchtlingsströmen oder der Demokratiebewegung in Hongkong. NZZ-Kritikerin Luzi Bernet ging diese Aufführung unter die Haut: "Plötzlich haben die großen Themen dieser Oper, Liebe, Gewalt, Krieg und Frieden, eine ganz neue Dringlichkeit. Sie wird im Fall von Ai Weiweis Inszenierung noch verstärkt durch die Tatsache, dass am Dirigentenpult erstmals die junge ukrainische Oksana Lyniv steht, deren dunkles Kleid ein Band in den Nationalfarben ihrer Heimat ziert. Als sie sich am Ende des Abends dem Publikum präsentiert, brandet der Applaus auf. Und so wird man Zeuge eines Spektakels, das weit entfernt ist von der Vorstellung der Oper als Rückzugsort. Kein Abschweifen der Gedanken, kein Schwelgen, keine Glückseligkeit, auch nicht, als die himmlische Arie 'Nessun dorma' erklingt - nichts von all dem stellt sich in dieser Aufführung ein."
Besprochen werden Stefan Wirths Vermeer-Oper "Das Mädchen mit dem Perlenohrring" in Zürich (FAZ)
Bisher hatte sich der russische Direktor des Bayerischen Staatsballetts, Igor Zelensky, nicht zum Ukrainekireg geäußert, jetzt tritt er zurück, berichten Moritz Baumstieger und Dorion Weickmann in der SZ und erklären zum Hintergrund: "Als Tanzexperte war er Mitglied im Supervisory Board einer russischen Stiftung, die vier kulturelle Zentren errichten soll, eines davon in Sewastopol, auf der von Russland annektierten Krim. Schon deshalb ist diese Beraterfunktion spätestens seit Putins Angriffskrieg auf die Ukraine eine heikle Nebentätigkeit." Und sie ergänzen, dass Zelensky das Ensemble nur begrenzt brillieren ließ: "Bedenklich ist der Verfall des Repertoires, das bis zur Ankunft Zelenskys mit einer einzigartigen Breite von Tradition bis Innovation glänzte. Zelensky strich Moderne und Postmoderne weitestgehend aus dem Programm: Forsythe, Kylián, Cunningham oder Childs? Fehlanzeige."
Unghemmter Wohlklang: Jonathan Tetelman und Nadja Stefanoff in Umberto Giordanos "Fedora". Foto: Barbara Aumüller / Oper Frankfurt Einfach mal hingerissen istFR-Kritikerin Judith von Sternburg Christof Loys "lukullischer und intelligenter" Inszenierung von Umberto Giordanos "Fedora" an der Oper Frankfurt: "Der Tenor singt, als gäbe es kein Morgen, und es gibt sozusagen auch keins. In Frankfurt ist das der 34-jährige, aus Chile stammende, in den USA ausgebildete Jonathan Tetelman, den man unbedingt hören muss, eine Ausnahmestimme in raumsprengendem Umfang und von so klassisch tenoralem Glanz, dass er sich vor der anschließenden nächtlichen 'Amor ti vieta'-Dauerschleife mit Placido Domingo nicht zu verstecken braucht." FAZ-Kritiker ist Jan Brachmann aber auch sehr eingenommen von der Fürstin Fedora Romazow, die für den russischen Geheimdienst arbeitet, um den Mörder ihres Mannes zu finden, sich dann aber in ihn verliebt: "Wie singt man solch eine Frau? Mit Wärme, Pathos und Hingabe? Oder mit Berechnung, Glanz und Contenance? Nadja Stefanoff an der Oper Frankfurt geht diese Partie - es ist ihr Rollen- und Hausdebüt - sehr überlegt an. Ihre schlanke Stimme, zugleich hell timbriert, setzt nirgends allein auf satte Sinnlichkeit."
Besprochen werden Stefan Wirths Opernfassung von Tracy Chevaliers Bestseller "Das Mädchen mit dem Perlenohrring" in Zürich (NZZ), Valentin Schwarz' Inszenierung von York Höllers Oper "Der Meister und Margarita" in Köln (die SZ-Kritiker Egbert Tholl eine Vorahnung gibt auf Schwarz' ausstehenden Ring in Bayreuth) und Robert Borgmanns Inszenierung von Rainald Goetz' "Reich des Todes" am Wiener Akademietheater (Nachtkritik).
Der Zirkus braucht Elefanten. Foto: Maurice Korbel / Münchner Kammerspiele In der SZfreut sich Christiane Lutz, dass Jan-Christoph Gockel mit seiner Alexander-Kluge-Revue "Wer immer hofft, stirbt singend" an den Münchner Kammerspielen zur notwendigen Selbstbefragung ansetzt und es nicht wie viele andere bei der Nabelschau belasse. Und natürlich werde er Kluges Geschichte von der Zirkusreformerin Leni Pecikert nicht hundertprozentig gerecht: "Gockel knüpft aber an dessen Methode der kleinen Betrachtungen an. Ein paar seiner Motive greift er auf, die Utopie etwa, die 'immer besser' wird, 'je länger wir auf sie warten', und führt sie weiter mit seinem eigenen Zweck-Optimismus. Aber gerade, weil Leni den Zirkus liebt, sagt Kluge, wird sie ihn nicht verändern können, 'weil Liebe ein konservativer Trieb ist'. So bleibt die Frage, ob das Theater die Kraft hat, sich aus sich selbst heraus zu verändern. Man kann Gockel vorwerfen, dass er die Frage doch nicht beantworten will, sondern sie lieber mit Lichterketten umwickelt und in lautem 'Aaaaah' und 'Ooooooh' untergehen lässt, zu dem er das Publikum auffordert. Vielleicht aber sind Zauberei und Zuckerwatte dann doch die besten Möglichkeiten, die das Theater noch hat." Wild und sympathisch findetNachtkritikerin Sabine Leucht diesen Ritt durch die (Des-)Illusionsmaschinerie, bleibt aber auch ein bisschen ratlos zurück.
Matthias Rüb berichtet in der FAZ von einem Theaterskandal auf Malta, der in letzter Minute verhindert werden konnte. Das Nationaltheater in La Valletta wollte das Stück "Ix-Xiħa" des Regisseurs Mario Philip Azzopardi zeigen, wogegen sich aber mehrere Schauspieler gewehrt hätten: "Bei der titelgebenden 'alten Frau' handelt es sich um eine kurz zuvor Verstorbene, die vom Jenseits her ein Komplott zur Enterbung ihrer vier snobistischen Kinder zugunsten der Hausangestellten betreibt. Bei der Tochter Jenny handelt es sich unverkennbar um die ermordete Daphne Caruana Galizia. Die wird in dem Stück als missgünstig, hasserfüllt und gefühlskalt charakterisiert. Die letzten Worte des fiktiven Scheusals in dem Stück sind die gleichen wie jene der echten Journalistin Daphne Caruana Galizia in ihrem letzten Blog, ehe sie am 16. Oktober 2017 von einer ferngezündeten Bombe unter ihrem Auto zerrissen wurde: 'Wo du auch hinschaust, überall sind Gauner. Die Lage ist hoffnungslos.' Die zerfetzte Jenny endet, wie der Autor Azzopardi schreibt, an einem Ort 'schlimmer als die Hölle', während der Witwer und die Söhne mit den Folgen des Mordes an ihrer Ehefrau und Mutter zu kämpfen haben."
Weiteres: Im taz-Interview mit Katja Kollmann berichtet der ukrainische Regisseur Anton Telbizov von der Zerstörung des von ihm gegründeten Teatromanyia in Mariupol.
Besprochen werden Herbert Fritschs Inszenierung von Thomas Bernhards "Jagdgesellschaft" am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg (Nachtkritik, FAZ), Nicolas Stemanns Inszenierung von August Strindbergs Stück "Der Vater" (die Ueli Bernays in der NZZ zu gendertheroetisch aufgeladen ist), Caren Jeß' Empörungspanorama "Eleos" am Staatstheater Braunschweig (taz), Mithu Sanyals "Identitti" als schillernde Identitätskomödie in Darmstadt (FR) und Vincent Huguets "Don-Giovanni"-Inszenierung mit Daniel Barenboim an der Berliner Staatsoper (SZ, FAZ, Tsp).