Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.07.2022 - Bühne

Mit dem Krieg gegen die Ukraine wurden auch Russlands unabhängige Theater zerschlagen. Die russische Kritikerin Alla Shenderova schildert in einem sehr lesenswerten Text in der Nachtkritik, wie Strukturen zerschlagen wurden, Intendanten oder Regisseure entlassen und durch konforme Kulturfunktionäre ersetzt: "Agierten dem Staat ergebene Theaterleiter zu Sowjetzeiten in der Regel als 'loyale Soldaten der Kommunistischen Partei', haben wir es jetzt mit 'ziemlich besten Freunden' von Leuten zu tun, die sich an den Interessen ihrer politischen Förderer orientieren. Ihren Aufgaben sind - neben der Unterdrückung von Antikriegserklärungen oder der Berichterstattung an ihre Führungsoffizieren beim Inlandgeheimdienst FSB - ebenso destruktiv wie vage, so wie es Putins Kulturpolitik insgesamt ist."

Starke, anspruchsvolle Produktionen vor allem auch aus dem Orchideenfach attestiert Marco Frei in der NZZ dem Intendanten der Bayerischen Staatsoper, Serge Dorny, nach der ersten Spielzeit in München. Aber ob Dorny damit ein jüngeres Publikum anspricht, ohne die "Münchner Opern-Schickeria" zu vergraulen? "Die Deko-Kulinarik und Glamour-Ästhetik seines Vorgängers Nikolaus Bachler muss man keineswegs goutieren, aber: Dem Sinn jedwede Sinnlichkeit auszutreiben, ist auch nicht der Weisheit letzter Schluss. Selbst der Internetauftritt oder die Saisonbroschüren der Staatsoper präsentieren sich in der Gestaltung so trocken und spröde wie Knäckebrot. Von der im Frühjahr groß angekündigten 'Digitalstrategie' ist bis anhin noch nichts zu sehen. In Dornys Staatsopern-Tempel wähnt man sich bisweilen wie in einem kulturelitären Umerziehungslager."

Besprochen werden Besprochen werden der neue Stadt-Parcour "Urban Nature" von Rimini Protokoll in der Kunsthalle Mannheim (den Shirin Sojitrawalla in der taz etwas Barcelona-lastig findet, aber wenigstens nicht immersiv), David Martons Inszenierung von Richard Strauss' Oper "Capriccio" in München (SZ), Rossinis Sommerstück "Die glückliche Täuschung" an der Kammeroper Frankfurt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.07.2022 - Bühne

Die Autorin und Dramaturgin Sasha Marianna Salzmann, deren Familie aus der Ukraine kommt, spricht im Interview mit Nachtkrikerin Esther Slevogt über die großen Traumata der Ukrainer und Ukrainerinnen: "Stalin hat den Zusammenschluss der Völker in der Sowjetunion erzwungen. In der Ukraine gab es von Anfang an sehr klaren Widerstand von den Intellektuellen und der Politik. Die hat Stalin gezielt ausgerottet - schöner kann man das leider nicht formulieren. Der größte Angriff auf die Ukraine in dieser Zeit ist der Holodomor. Das ist ein Genozid, der als solcher noch immer nicht anerkannt worden ist: Stalins Hungerkrieg gegen die ukrainische Bevölkerung. 1932/33 wurden mehrere Millionen Menschen ausgehungert. Über die genauen Zahlen streiten die Historiker:innen, weil man an die Archive nicht herankommt, von denen die meisten natürlich in Russland liegen. Aber wenn man mit Menschen in der Ukraine spricht, gibt es niemanden, der davon nicht betroffen ist. Wenn also Wladimir Putin heute sagt, in der Ukraine werde russisch gesprochen, dann ist das auch Stalins Werk. Er hat die ukrainische Sprache auszurotten versucht und die Menschen, die sie sprechen."

In der SZ meldet Dorion Weickmann, dass Ksenia Ryzhkova und Jonah Cook die Bayerische Staatsoper verlassen und in Zukunft in Moskau tanzen. Die Nachtkritik meldet den Tod des Theaterwissenschaftlers Hans-Thies Lehmann, dem großen Theoretikers des postdramatischen Theater.s 

Besprochen wird Ferdinand Schmalz' Nibelungen-Version "hildensaga" bei den Festspielen Worms (die FR-Kritikerin Judith von Sternburg mit Schwung, Wortwitz und bösen Blick erfreut, "großartige Gesamtleistung" findet auch die FAZ, SZ, taz, sieh auch unser Resümee vom Samstag).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.07.2022 - Bühne

Kein Bitch-Fight: Roger Vontobels Inszenierung "hildensaga" bei dem Wormser festspielen. Foto: David Baltzer


Sehr schön findet Nachtkritiker Steffen Becker, wie Regisseur Roger Vontobel bei den Wormser Festspielen die Nibelungensaga auf den heutigen Stand gebracht hat. Auch auf den heutigen Sound steigt er voll ein: "Vontobel setzt 2022 auf die Linie. Mehr Saga, weniger Show und Stars, die gelangweilt in den Kulissen die Tantiemen zusammenkehren. Dafür fährt er eine junge Truppe auf, die heiß darauf ist, Burgund niederzubrennen. Vorrang gibt das Stück von Ferdinand Schmalz - 'hildensaga. ein königinnendrama' - dabei den Frauen. Für Schmalz ist es nicht der Bitch-Fight zwischen Brünhild und Kriemhild auf den Domstufen: Wer das Gotteshaus zuerst betreten darf, setzt die Metzel-Maschinerie in Gang. Er setzt drei Nornen ein - Schicksalsgöttinnen im Stil von tätowierten Undercut-Vokuhila-Babes - die den Faden viel früher aufgreifen: Beim ersten Besuch von Siegfried auf Island. Er freit Brünhild, sie ist bereit. Sie legen ihre inneren und äußeren Rüstungen ab." Alles klar?

Weiteres: In der FAZ sieht Rüdiger Soldt Anzeichen dafür, dass Stuttgart die geplante Sanierung seiner Staatsoper aufgeben könnte, nachdem eine neue Kostenschätzung auf zwei Milliarden Euro gekommen ist. In der Welt schwant Jakob Hayner Ungeheures, da jetzt auch das Berliner Ensemble über die Agentur The Impact Company seine Inszenierung vorab auf anstößige Inhalte prüfen lassen möchte.

Besprochen werden Tatiana Gürbacas Inszenierung von Mozarts "Così fan tutte" in Schwetzingen ("knackig und knallfrisch, freut sich FR-Kritikerin Judith von Sternburg) Łukasz Twarkowskis litauisches Tanzprojekt "Respublika" in München (SZ) und Verdis "Nabucco" im Steibruch von Sankt Margarethen (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.07.2022 - Bühne

Die nachtkritik dokumentiert die Rede, die die Dramaturgin Nicola Bramkamp beim Erfurter Festival Phönix zur Zukunft des Theaters hielt. Peter Morgan, Drehbuchautor der Fernsehserie "The Crown", hat mit "Patriots" ein Stück über die Entstehung des Systems Putin geschrieben, schreibt Gina Thomas in der FAZ. Inszeniert hat es Rupert Goold, uraufgeführt wurde es am Londoner Almeida Theatre.

Besprochen werden Achim Freyers Inszenierung "Die gefesselte Phantasie" nach Ferdinand Raimund bei den Raimundspielen Gutenstein (nachtkritik), Francisco Negrins Nabucco-Inszenierung in Sankt Margarethen (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.07.2022 - Bühne

Bild: ONE SONG - History/ies of Theatre IV, Miet Warlop, 2022 © Christophe Raynaud de Lage / Festival d'Avignon

Welt-Kritiker Jakob Hayer glaubt nach dem Auftakt des Theaterfestivals in Avignon weiterhin an das Theater: Festivalleiter Olivier Py verabschiedete sich mit dem zehnstündigen Spektakel "Ma Jeunesse exaltée", Kirill Serebrennikov inszenierte sehr düster Anton Tschechows Novelle "Der schwarze Mönch" - noch düsterer fiel Tiago Rodrigues' Inszenierung der "Iphigenie" aus. "Rodrigues ist der Nachfolger von Py als Leiter des Festivals. (…) Seine 'Iphigénie' zeigt, dass Rodrigues nicht nur den erzählerischen Mitteln des Theaters vertraut, sondern auch mit ihnen vertraut ist. Das lässt auch für die nächsten Jahre hoffen. Der Überraschungserfolg des diesjährigen Festivals ist 'One Song' der belgischen Künstlerin Miet Warlop, eine illusionslose Bestandsaufnahme des gegenwärtigen Theaterbetriebs: Eine Gruppe Schauspieler intoniert immer das gleiche Lied, angetrieben von einem unerbittlichen und immer schnelleren Metronom und einem Trupp aufgedrehter Fans. Von oben tropft Wasser, das mit Eimern und Handtüchern nebenher aufgefangen werden muss. Nicht zu vergessen die Unmenge Botschaften, die am Bühnenrand in großen Stapeln auf Übermittlung warten. Angeordnet ist das als Athletik parcour: Cello auf dem Schwebebalken, Singen auf dem Laufband, Keyboard am Klettergerüst."

Im Tagesspiegel atmet auch Eberhard Spreng auf: Serebrennikows Inszenierung endete mit  knallroten 'Stop War'-Aufruf: "Eine Beruhigung für alle, die durch Presseberichte aufgeschreckt worden waren, die nahelegten, der Russe Serebrennikow sei unter anderem ob seiner engen Kontakte zum Oligarchen und zu Filmfinancier Roman Abramowitsch doch nicht der lupenreine Kremlkritiker, als der er angesehen wird."

In der FAZ fordert Jascha Nemtsov, Professor für Geschichte der jüdischen Musik, eine "offene inhaltliche Auseinandersetzung" mit dem Antisemitismus in Richard Wagners Werk, warnt aber zugleich davor, die Werke in Folge nicht mehr aufzuführen: "Denn abgesehen von ihrer künstlerischen Bedeutung sind sie genialer Ausdruck einer Epoche, die in mancher Hinsicht immer noch aktuell erscheint. Wagner hat wie kaum ein anderer Künstler den Zeitgeist dieser Epoche erkannt und ihn auch wie kein anderer mitgeprägt. Es war die geistige Atmosphäre jener Zeit, die nicht nur zu den Erlösungsfantasien des Fin de Siècle, sondern schließlich auch zur späteren 'Endlösung' des Holocaust führte."

Außerdem: Theater in der Krise? Mag sein, aber die Soloabende der vergangenen Saison waren vielversprechend, bilanziert Peter Kümmel in der Zeit. Standard-Kritiker Helmut Ploebst vergisst derweil die "Hektik der Gegenwart" beim Wiener Impulstanz-Festival, wo die belgische Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker ihr jüngstes Stück "Mystery Sonatas / for Rosa" zeigte. Besprochen wird das "Complexions Contemporary Ballet" mit einem Bowie-Bach-Programm in der Alten Oper Frankfurt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.07.2022 - Bühne

Rossinis "Moise et Pharao". Foto: Festival Aix-en-Provence

Das Opernfestival von Aix-en-Provence prunkt in diesem Jahr mit Mozarts "Idomeneo" und Pascal Dusapins Dante-Komposition "Il Viaggio", doch am sträksten beeindruckt hat FAZ-Kritikerin Anja-Rosa Thöming Gioacchino Rossinis geistliche Oper "Moïse et Pharaon" im Théâtre de l'Archevêché in Aix-en-Provence: "Die Akustik trägt bestens, jedes Pizzicato der Celli, jeder Oboenton ist von der Ouvertüre an deutlich zu hören. Michele Mariotti am Pult des Orchestre de l'Opéra de Lyon stellt klar, warum Rossini von seinen Zeitgenossen europaweit gefeiert wurde; durch musikalische Kompetenz und Intensität wird der Abend zu einem beglückenden Ereignis. Neben dem Einsatz Mariottis ist es die starke Regie von Tobias Kratzer, die den musikalischen Rhythmus achtet und die Räume öffnet, in denen Belcanto aufblühen kann. Dabei erzählt er durchaus eine eigene Geschichte." Auch Welt-Kritiker Manuel Brug steckte angesichts der "hoch anspruchsvollen" Werke die konstanten 36 Grad ohne zu Murren weg.

Besprochen werden außerdem Brigitte Fassbaenders versöhnliche Inszenierung der "Walküre" bei den Tiroler Festspielen in Erl (FR) und das Tanzfestival "Colours" in Stuttgart (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.07.2022 - Bühne

Nicht alle Theater leiden unter dem Besucherschwund, betonen Peter Laudenbach und Egbert Tholl in der SZ und wollen Pandemie-Erschöpfung oder Inflation nicht als Erklärung gelten lassen: "Brutale Einbrüche wie in Dortmund oder an der Berliner Volksbühne einfach mit der Pandemie zu erklären, wäre wohlfeil. Die Wahrheit: Theater, das niemand sehen will, schafft sich ab. Die größte Pleite der Münchner Kammerspiele in der laufenden Saison war ein Stück über das Leben und Sterben mit Covid auf der Intensivstation. Und offenbar haben immer weniger Zuschauer Lust, sich von der Bühne herab mit kapitalismuskritischen Banalitäten und den neuesten Windungen der Identitätspolitik belehren zu lassen. Hier wirkt die Pandemie wie ein Brandbeschleuniger." Als Gegenbeispiel dient ihnen das Berliner Ensemble, das mit populären Stücken und bekannten SchauspielerInnen immerhin auf 84 Prozent Auslastung komme: "Das wichtigste Ziel ist nicht mehr eine Einladung zum Theatertreffen, sondern gut besuchte Vorstellungen und Zuschauer, die gerne wiederkommen. Wer das für Anbiederei und Opportunismus hält, hat den Ernst der Lage nicht verstanden."

Ziemlich gallig kommentiert Ulrich M. Schmid in der NZZ das Ende des Gogol Centers, das der Regisseur Kirill Serebrennikow zum Mittelpunkt des Moskauer Kulturlebens gemacht hatte: "Der russische Staat kann ein Theater auf verschiedene Arten schliessen: Entweder wird das Gebäude bombardiert wie in Mariupol, oder die künstlerische Leitung wird ausgewechselt... Die jüngste Inszenierung des Gogol-Zentrums trug den provokativen Titel 'Ich nehme nicht am Krieg teil'. Der abtretende künstlerische Leiter Alexei Agranowitsch verkündete nach der letzten Vorstellung das Ende des Gogol-Zentrums. Kirill Serebrennikow, der Russland bereits im März verlassen hatte, wandte sich per Videoschaltung an die Zuschauer und sagte: 'Wir sind noch jung, und in Russland muss man lange leben. Wir werden lange leben und hoffentlich sehen, wie der Krieg endet und ein wunderbares Russland der Zukunft entsteht.'"

Weiteres: In der Welt verfolgt Manuel Brug, wie die angeschlagene Anna Netrebko daran arbeitet, ihre eingetrübte Marke aufzupolieren. Bisher lässt man die Operndiva mit fragwürdiger Nähe zum Kreml nur auf den Bühnen der Peripherie singen. Besprochen wird Botho Strauss' Achtzigerjahre-Hit "Kalldewey, Farce" am Staatstheater Wiesbaden (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.07.2022 - Bühne

Die Kultur mag unter Long-Covid leiden, aber sie bleibt doch seelenrelevant, betont Christian Peitz im Tagesspiegel angesichts eines verunsicherten Kulturbetriebs, dem das Publikum abhanden kommt. Aber Peitz sieht auch, dass zwar die Älteren den Kino- und Theatersälen fern bleiben, die Jungen jedoch zu den Musikfestivals strömen. Daraus muss die Kultu Konsequenzen ziehen, meint sie: "Liebes Publikum, wir kommen auf euch zu, wir sind für euch da. Wenn die Kultur nicht in den Krisenhaushalten weggespart werden will und ihre Vielfalt nicht drastischer Kommerzialisierung weichen soll, wird sie diesen Impulsweiter verstärken müssen. Ein Zurück zu den ohnehin nicht mehr guten alten Zeiten gibt es nicht. Und der nächste Corona-Winter kommt bestimmt: Die Popgruppe Revolverheld hat ihre für Anfang 2023 geplante Arena-Tournee letzte Woche gecancelt. 'Wir werden wahrscheinlich nichtdie Einzigen bleiben, die jetzt diesen Schritt gehen müssen', teilte die Band mit. Nein, es ist nicht vorbei. Attraktiver werden für die Jungen, ohne die Älteren zu verprellen, darauf kommt es an."

Besprochen werden Anna Rún Tryggvadóttirs und Thorleifur Örn Arnarssons "Temple of Alternative Histories" am Staatstheater Kassel( in dem Nachtkritiker Sascha Westphal Wagner "Ring" zu einem verspäteten Hippie-Traum verklärt sieht), Strawinsky-Oper "The Rake's Progress" ganz in Schwarzweiß am Staatstheater Mainz ("erstklassig", findet Bernhard Uske in der FR), "Die Entführung aus dem Serail" beim Kammeropern-Festival auf Schloss Rheinsberg (Tsp), Selen Karas Bühnenfassung von Fatma Aydemirs Roman "Dschinns" am Nationaltheater Mannheim (taz), Verdis "Aida" mit Anna Netrebko Arena di Verona (in der SZ liegt ihr Helmut Mauró wieder wie am ersten Tag zu Füßen)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.07.2022 - Bühne

Bild: Oliver Look

Was für ein Auftakt, schwärmt Helmut Ploebst im Standard, nachdem mit Pina Bauschs Tanztheaterstück "Vollmond" das Wiener Impulstanz-Festival im Burgtheater eröffnet wurde: "Bei Vollmond lassen Tänzer anfangs Wasserflaschen hauchen, veranstalten Geschicklichkeitsspiele mit Gläsern oder Steinen. Eine wenig beeindruckte Frau drängt einen Mann mit einer Küsschenattacke ab. Vielfaches Beziehungsgeplänkel schäumt und spritzt auf. Dabei melden sich beinahe nur die Tänzerinnen zu Wort, während den Männern die Felle ihrer Dominanz buchstäblich davonschwimmen. Auftritte und Abgänge erfolgen in kurzen Abständen, ein Witz folgt dem anderen: Eine Tänzerin mit Messer in der Hand reibt sich wie manisch mit einer Zitronenhälfte ein und bemerkt: 'Ich bin ein bisschen sauer.'"

Eine nüchterne Bilanz der ersten Spielzeit unter Rene Pollesch an der Volksbühne ziehen Janis El-Bira und Esther Slevogt in der nachtkritik. Es gab eine Menge Pollesch, auch gelungene Inszenierungen wie "Geht es dir gut?" mit Fabian Hinrichs, insgesamt aber scheiterte die Reanimation am Fehlen von Castorf: "Zu tun haben dürfte das auch mit der Tatsache, dass mit René Pollesch ein Name über dem ganzen 'Projekt' steht, der zwar zum innersten Kreis der alten Castorf-Volksbühne zählte, sich an dieser aber mit seiner diskurslastigen Pop-Ästhetik eben auch bestens reiben konnte. Pollesch ist in seinem Kunst- und Gesellschaftsverständnis womöglich viel näher an seinem Vor-Vorgänger Chris Dercon als viele glauben mögen. Rauflustig wie ein Castorf war er zumindest auch früher schon nicht. Einem so verbindlichen Menschen gelingt es indes eventuell schlechter, durchzuregieren und die Geister zu bannen."

Außerdem: Ganz überzeugt ist Joseph Hanimann in der nachtkritik nicht, wenn Amir Reza Koohestani beim Festival d'Avignon in seinem Stück "En Transit" Anna Seghers' Roman über die Flucht vor dem Nazi-Regime auf heutige Erlebnisse von Exilanten in den "Behörden-Labyrinthen" der EU überträgt: "Solche in die Vergangenheit zurückprojizierten Eigenfiktionen bekommen erst klares Profil, wenn der Fokus auf die Kontraste statt auf die vage assoziierten Ähnlichkeiten gesetzt ist." Besprochen wird außerdem Selen Karas Inszenierung von Fatma Aydemirs Roman "Dschinns" am Nationaltheater Mannheim (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.07.2022 - Bühne

Bild: Monika Rittershaus


In der SZ ist Helmut Mauró hingerissen: Romeo Castellucci hat für das Festival in Aix-en-Provence Gustav Mahlers "Auferstehungssymphonie" als "düsteres, immerwährendes Kriegsszenario" inszeniert, viel passiert nicht, aber das Stück entwickelt ungeheure Sogkraft: "Vögel zwitschern, ein kleiner Schimmel trabt herein, schnüffelt im Sand, geht weiter, schnüffelt wieder, verharrt lange so. Man ahnt noch nicht, was das Pferd da gerochen hat. Ein dunkles Bratschen-Cello-Tremolo setzt ein, Menschen betreten die Szenerie, immer mehr, ziehen sich weiße Schutzanzüge über. Ja, es ist ein Tatort. Es wird lange und akribisch gegraben, aber dann geht es Schlag auf Schlag. Leichen werden aus der Erde geholt, auf weiße Leichensäcke gelegt. Bis der größte Teil der Bühnenfläche mit Leichen bedeckt ist."

Ganz anders erlebt Manuel Brug in der Welt die Inszenierung und ihre "Bühnenkitsch-Verlogenheit": "Gnadenlos brutal hört man, wie wenig der räumlich geteilte Chor zusammenkommt, wie grob die schönen Stimmen von Crebassa und Golda Schultz verstärkt sind, dass die Fernmusiken immer wieder wegbrechen, der ganze Satz ohne Zusammenhalt bleibt. Man versteht schon, was Romeo Castellucci hier - lange vor dem Massaker in Butscha konzipiert - als enervierende Antiklimax sagen will. Aber es verfängt nicht wirklich. Weil das Sehen abstumpft. Und weil man diese Begleitmusik zu einer grässlichen Aufklärungsverrichtung auch von der Konserve hätte abspielen können. Der riesige Liveaufwand, der sich doch nur schlecht und mechanisch anhört, wäre gar nicht notwendig gewesen." Für die FAZ berichtet Anja-Rosa Thöming aus Aix-en-Provence.

Standard
-Kritiker Helmut Ploebst lernt von der südkoreanische Choreografin Geumhyung Jeong Maschinen als "Körpererweiterungen" zu betrachten. Das Festival Impulstanz zeigt sechs Schlüsselwerke der Künstlerin, darunter die Performance "7ways": "Während ihrer Performances holt Jeong ihre männerähnlichen 'Mitarbeiter' ganz nahe an den eigenen Körper heran. Oft performt die Künstlerin nackt, und sie spart nicht mit deutlichen, oft ironischen Anspielungen auf die erotischen Aspekte der Beziehungen zwischen Menschen und ihren mechanischen Körpererweiterungen. Die kulturgeschichtlichen Zusammenhänge von Jeongs Werk reichen zurück bis zu den Mythen von Prometheus und dem Pygmalion, sie sind verbunden mit Heinrich von Kleists 'Über das Marionettentheater' und E. T. A. Hoffmanns Erzählung 'Der Sandmann' und münden in den Mensch-Maschine-Diskurs der Gegenwart."



Außerdem: Im NZZ-Gespräch mit Marianne Zelger-Vogt erklärt Elisabeth Sobotka, weshalb sie bei den Bregenzer Festspielen gerade jetzt Umberto Giordanos Oper "Sibiria" von dem russischen Regisseur Vasily Barkhatov inszenieren und dem russischen Dirigenten Valentin Uryupin dirigieren lässt: "Ich würde Kriegstreibern niemals eine Plattform geben, doch ich kenne die Gesinnung von Valentin Uryupin und Vasily Barkhatov, beide sind klar demokratisch orientierte Künstler, und ich finde, dass man Menschen, die sich für ein freieres Russland einsetzen, unterstützen, nicht ausschliessen sollte." In der SZ befürchtete heute auch Peter Laudenbach, dass sich das designierte Leiterinnen-Kollektiv künftig in die Jury-Entscheidungen des Berliner Theatertreffens einmischen wird: "Angesichts ihrer ambitionierten Arbeitsbiografien fällt die Vorstellung nicht leicht, dass sich die vier neuen Leiterinnen des Theatertreffens auf die Rolle guter Organisatorinnen beschränken wollen." Besprochen werden die von den Sophiensälen ausgerichtete performative Bootstour "The River" von Aimé C. Songe (Berliner Zeitung).