Noch ein Kollektiv: Auf Yvonne Büdenhölzer als Leiterin des Berliner Theatertreffens folgen vier Frauen, meldet unter anderem der Tagesspiegel: "Zum Quartett gehören die ukrainische Theaterregisseurin Olena Apchel, die Produktionsleiterin Marta Hewelt, die Dramaturgin Carolin Hochleichter und die polnische Kulturmanagerin Joanna Nuckowska." Matthias Pees, neuer Intendant der Berliner Festspiele hat per Pressemitteilung zudem verlauten lassen, die Leitung solle "die Zusammenarbeit mit der Kritiker:innen-Jury gemeinsam" koordinieren.
Nachtkritiker Christian Rakow horcht auf: Die Inszenierung des Theatertreffens "werden bekanntlich in einem aufwändigen Sichtungsprozess von einer unabhängigen Jury aus sieben umherreisenden Kritiker:innen ausgewählt. Koordiniert wurde mit dieser Jury bis dato gar nichts, allenfalls wurde ihre Arbeit im Rahmen der Statuten organisiert. Theatertreffenleitung bedeutete inhaltlich: mit dem Unvorhergesehenen umzugehen, also das Tableau an Gastspielen zu programmieren und zu kontextualisieren, was die sieben betriebsfremden Köpfe in langwierigen Diskussionen für bemerkenswert befinden. (…) Eine Kritiker:innenjury ist eine Vertretung des Publikums, eine Stimme der Öffentlichkeit. (…) In einer Theaterlandschaft, in der nahezu alle Festivals aus dem Kunstbetrieb heraus kuratiert werden, ist diese externe Jury-Position die eigentliche Besonderheit und der Grund für die herausgehobene Stellung des Berliner Theatertreffens." Hoffentlich bleibt dem Theatertreffen sein "Markenkern" erhalten, bangt auch Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung.
Das Theater steckt in der Krise, nicht erst seit der Corona-Pandemie, aber nun umso mehr, konstatieren die Landestheaterintendanten André Nicke und Thorsten Weckherlin in einem Brandbrief in der nachtkritik. Die Zuschauer bleiben weg, die Spielpläne mussten dauernd geändert werden - und nun hat der Arbeitgeberverband der deutschen Theater einen Tarifvertrag abgeschlossen, "der die Mindestgage in zwei hohen Stufen exorbitant steigert" (Unser Resümee), klagen sie: "Für die meisten Theater heißt das aufgrund der stagnierenden oder sinkenden Zuschüsse heute schon, dass sie als nötige Konsequenz ganz konkret Personalabbau in markanten Größenordnungen planen müssen und damit - im wahrsten Sinne des Wortes - die letzten Spielräume aufgeben. Das heißt, die Theater, die ohnehin immer schon am Limit produziert haben, um möglichst viele Zuschauer:innen interessieren zu können, müssen zukünftig weniger produzieren und weniger spielen."
Außerdem: Für die Zeit hat Samiha Shafy die russische Balletttänzerin Olga Smirnova getroffen, die bereits im März per Telegram den Krieg Russlands verurteilt hatte, darauf das Moskauer Bolschoi Theater verließ und an die Amsterdamer Kompanie Het Nationale Ballett wechselte: "In den russischen Staatsmedien wurde ihr plötzliches Verschwinden weitgehend totgeschwiegen. Vereinzelte Meldungen gab es, in denen stand, sie habe sich 'negativ' über Russland geäußert; wegen der Zensur erfuhren ihre Landsleute nicht mehr." Im Tagesspiegelberichtet Corina Kolbe vom Opernfestival in Verona, wo neben ukrainischen auch russische Sänger auftraten. In der Zeit schreibt Peter Kümmel einen Nachruf auf den britischen Theaterregisseur Peter Brook. Besprochen werden die Bad Hersfelder Festspiele in der Stiftsruine: "Notre Dame" (FR) und Peter Konwitschnys Inszenierung "Die Nase" bei den Internationalen Schostakowitsch-Tagen in Gohrisch (FAZ).
Im Interview mit Sabine Leucht in der tazspricht die Schauspielerin Julischka Eichel über das erschütterte Vertrauen im Theater, über verlorene Streitbarkeit und die Angst, nicht gemocht zu werden: "Man geht nicht mehr gemeinsam davon aus, dass man an eine Grenze ranmuss. An seine eigene und an die des anderen. Und das ist fatal, denn alle Stoffe im Theater leben von Grenzüberschreitungen. Unsere Kunst ist eine Beziehungskunst und Beziehungen haben mit Konflikten zu tun, mit Energien, die aufeinandertreffen. Dahin kommen wir aber oft gerade nicht, weil wir immer so viele andere Dinge klären müssen."
In Moskau mehren sich die Stimmen im Kulturbetrieb, die sich an die Seite Putins stellen und Russlands imperiale Größe besingen, stellt Stefan Scholl in der FR fest. Sie fallen auf, aber sie stellen nur eine Minderheit: "Die Mehrheit der Museums-, Literatur- und Theaterleute entsetze sich über das, was Putin in der Ukraine anstelle, sagt Andrej Jerofejew, Kurator für moderne Kunst und erklärter Oppositioneller. 'Die Kriegsbefürworter in der Szene lassen sich an den Fingern zweier Hände abzählen. Es sind so wenige, dass man nicht einmal von einer Spaltung der Kultur reden kann.' Und Kremldichter Prilepin schimpft: 'Würde über Moskau ein ukrainischer Kampfpilot abgeschossen, 45 von 50 Theatern versteckten und verpflegten ihn.'"
Besprochen werden Peter Konwitschnys Inszenierung von Schostakowitschs "Nase" an der Dresdner Semperoper (Tsp) und der Tanzabend "Speed" in Mannheim (FR).
Die Mindestgage für Solobeschäftigte an deutschen Theatern soll bis Anfang nächsten Jahres auf 2715 Euro steigen, meldet Michael Stallknecht in der SZ - bei den Theaterleitungen stößt das allerdings auf wenig Gegenliebe, vor allem nach zwei Jahren Corona, wie Stallknecht in Gesprächen erfährt: Jens Neundorff von Enzberg, Intendant am Staatstheater Meiningen und am Landestheater Eisenach befürchtet etwa: "Sollten die Subventionen nicht ebenfalls deutlich erhöht werden, hätten die Theaterleitungen nur die Wahl zwischen zwei schlechten Alternativen. Sie müssen entweder ihre in den vergangenen Jahrzehnten schon geschrumpften Ensembles weiter verkleinern und weniger Vorstellungen anbieten. Oder ihre Ensemblemitglieder regelmäßig nach wenigen Jahren wieder entlassen, um Anfänger zur billigeren neuen Mindestgage einzustellen. 'Man wird möglicherweise vakante Stellen nicht nachbesetzen', sagt auch Claudia Schmitz vom Deutschen Bühnenverein, 'und stattdessen versuchen, mit Gästen zu arbeiten'. Sprich mit Freischaffenden, die pro Engagement bezahlt werden und für die die Mindesthonorare nach der neuen Vereinbarung auch leicht steigen sollen."
Außerdem: Kirill Serebrennikovs Moskauer Theater "Gogol-Center" soll auf behördliche Anordnung wieder "Gogol-Theater" heißen, und mit Anton Jakowlew hat das Haus jetzt einen kremltreuen Intendanten, meldet Katja Kollmann in der taz: "Kirill Serebrennikov kommentiert das auf seinem Telegram-Kanal: 'Man schließt ein lebendiges Theater. Ein Theater, das für die Menschen da ist. Man schließt das Theater, weil es sich seine Aufrichtigkeit bewahrt hat. Das ist Mord. Ordinärer Mord.'" Im Standard-Gespräch mit Margarete Affenzeller erklärt Ex-Burgtheaterchefin Karin Bergmann, wie sie die Salzkammergut Festwochen neu ausrichtet. Weitere Nachrufe auf den britischen Theaterregisseurs Peter Brook im Guardian und in der nachtkritik.
Besprochen werden Peter Konwitschnys Inszenierung von Dmitri Schostakowitschs Oper "Die Nase" an der Dresdner Semperoper (SZ), das Münchner Theaterfestival "Radikal jung" (FR), das Rossini-Gastspiel "Il turco in Italia" der Opéra de Monte-Carlo an der Wiener Staatsoper mit Cecilia Bartoli in der Hauptrolle (Standard), "The Bitter Fields" von Les Dramaturx bei Osten-Festival am Theater Magdeburg (nachtkritik), eine "Macbeth"-Inszenierung des ukrainischen Regisseurs Andriy Zholdak am Theater Freiburg (FAZ) und das Festival Montpellier Danse (FAZ).
Peter Brook, der Theaterzauberer. Foto: John Thaxter, CC0 In der FAZschreibt Gerhard Stadelmaier himself zum Tod des großen britischen Theaterregisseurs Peter Brook, der 1925 in London als Sohn jüdischer Einwanderer aus Lettland geborenen worden war: "König des Welttheaters, war das Regiegenie der größten Einfachheit und neben Ariane Mnouchkine vielleicht die einzige Theatergröße von Weltrang, die fast kindlich, staunend und forschend, rein und klar, klug und lustvoll fromm ans Theater glaubte. Und wie die Mnouchkine, die Kommandeuse des "Sonnentheaters" (Théâtre du Soleil) in Vincennes, ließ er auch nie von seinem Theater. Saß Abend für Abend dabei, machte sich Notizen, begriff seine Arbeit als endlos, nie fertig. Ein kleiner, schmaler Mann mit schlohweißem Haarkranz, hellsten Augen, jederzeit bereit, einzugreifen, neue Fragen zu stellen." In der NZZergänzt Marion Löhndorf: "Brooks beste Inszenierungen - nicht all seine zahlreichen Regiearbeiten waren Meisterstücke - besaßen eine fast durchscheinende Leichtigkeit. Kein Wunder, dass Brook als 'Theatermagier' bezeichnet wurde. 'Ich kann jeden leeren Raum nehmen und ihn eine nackte Bühne nennen', schrieb er in seinem 1968 veröffentlichten Standardwerk 'Der leere Raum', das bis heute relevant - und lesenswert - ist: 'Ein Mann geht durch den Raum, während ihm ein anderer zusieht; das ist alles, was zur Theaterhandlung notwendig ist.'" Im Tagesspiegelbetont Eberhard Spreng, dass auch Brooks Inszenierungen von Stoffen aus anderen Kulturen nie etwas Folkloristisches hatten: "Spätestens mit dem 'Mahabharata' war Brook auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft angelangt. Er inszenierte es 1985 in einem Steinbruch bei Avignon. Das indische Epos wurde sein Opus Magnum, eine neunstündige Theaterzauberei." Weitere Nachrufe in SZ und Guardian.
Ganz berauscht kommt SZ-Kritiker Peter Laudenbach aus René Polleschs neuem Stück "Liebe, einfach außerirdisch" am Deutschen Theater Berlin, die diem Kiritker reinste Pollesch-Poesie bescherte, mit Sophie Rois als Außerirdischer zu Besuch auf der Erde: "Beam me up, Sophie! Wer nach dieser Aufführung nicht glücklich, beschwingt und bereit ist, sich sofort zu verlieben oder zumindest erfreuliche Unbekannte zu Kaffee und Torte einzuladen (in Polleschs Stück eine sehr direkte Umschreibung für Sex), hat kein Herz, kein Gehirn, keine Augen und keine Libido. Die Frage, ob angesichts von Krieg, Pandemie, Klimawandel, Kapitalismus und den anderen Depressions-Plagen noch irgendjemand Theater braucht, ist mit diesem Abend aufs Schönste beantwortet: Und wie! Unbedingt!" Nur: Warum inszeniert Pollesch dieses Stück am DT und nicht an der Volksbühne, die er eigentlich leiten soll?, fragt Laudenbach. Weil er einen Vertrag hatte, antwortet Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung, die besondres von der Tortenszene einfach hingerissen ist. In der FAZ applaudiert Irene Bazinger vor Theaterglück. In der Nachtkritikfreut sich Stephanie Drees über "Futter für die Fans. Und ein Fest für Sophie Rois."
Besprochen werden die Stücke des Münchner Theaterfestivals "Radikal Jung" (taz), Victor Hugos "Glöckner von Notre Dame" bei den Festspielen in Bad Hersfeld (FR, Nachtkritik) und Torsten Fischers Inszenierung von Tschechows "Möwe" bei den Festspielen Reichenau (Standard, Nachtkritik).
Besprochen werden Susanne Kennedys Inszenierung der Philip-Glass-Oper "Einstein on the Beach" im Haus der Berliner Festspiele (Berliner Zeitung, Tsp, nachtkritik), "Molière oder der Heiligenschein der Scheinheiligen" nach Michail Bulgakow bei den Sommerspiele im österreichischen Perchtoldsdorf (nachtkritik, Standard), die Performances "Nuture" von Samuli Laine und "Is This A Room: Reality Winner Verbatim Transcription" von Tina Satter beim Braunschweiger Festival Theaterformen (nachtkritik)
Joachim Lange unterhält sich für die nmz mit Roland Schwab über dessen Neuinszenierung von Wagners "Tristan und Isolde" in Bayreuth. In der FAZ schreibt Andreas Rossmann zum Tod des im Alter von 89 Jahren verstorbenen Theaterregisseurs Hans Hollmann.
Besprochen werden Helena Tulves und Nina Gühlstorffs Oper "Wölfe. Dokumentarische Naturoper aus Mecklenburg" am Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin (taz, nmz), Michael Sturmingers Inszenierung "Molière oder der Heiligenschein der Scheinheiligen" nach Michail Bulgakow bei den Sommerspielen Perchtoldsdorf (nachtkritik), Luigi Dallapiccolas Oper "Ulisse" in Frankfurt (nmz) und ein Tanzabend in der Neuen Aula der Essener Folkwang Universität (FAZ).
Die Zeit eröffnet ihr Feuilleton mit einem Abgesang Christine Lemke-Matweys und Florian Zinneckers auf Bayreuth. Katharina Wagners Vertrag läuft noch bis 2025, soll er verlängert werden? Dafür sprechen die Autoren mit Wagner, aber auch mit vielen Experten, die nicht namentlich genannt werden wollen und umso lauter schimpfen - über den "berserkinnenhaftenFührungsstil" etwa. Dem Haus laufen die Angestellten davon, die Sanierungskosten belaufen sich derzeit auf 180 Millionen Euro - finanziert vom Bund und vom Freistaat Bayern - aber dafür wollen der Bund und die Bayern das Festspielhaus. Kaufen können sie es nicht, da steht Siegfried Wagners Testament vor, aber für 99 Jahre ein Erbbaurecht erwerben, das ihnen eigentümerähnliche Rechte sichern würde: "Der Bund und die Bayern wären also die neuen Besitzer und würden als solche - Achtung, noch ein Gremium - die Richard-Wagner-Stiftung ablösen. Das wiederum käme einer Entmachtung der Familie gleich, die in der Stiftung den Ton angibt, und würde auch deren Mitbestimmungsrecht in Sachen Festspielleitung aushebeln." Und das wäre dann das "Ende der Dynastie".
Die Met und indirekt auch die USA sind im Krieg mit Russland, sagt Peter Gelb, Intendant der New Yorker Metropolitan Opera, im großen VAN-Interview, in dem er auch erklärt, wann die "rote Linie" für die Zusammenarbeit mit Anna Netrebko überschritten war: "Was Putin vorhat, ist meines Wissens nach mit nichts zu vergleichen, was jemals zuvor geschehen ist. Ich hatte den Eindruck, dass es keine Möglichkeit gibt, weiter mit Russland und in diesem Fall mit dem Bolschoi-Theater zusammenzuarbeiten, obwohl ich den Leiter des Bolschoi, Wladimir Urin, schätze. Aber weil es sich um eine staatlich geförderte Organisation handelt und Netrebko eine enge persönliche Verbündete Putins ist, sowohl was ihre Handlungen als auch ihr Mindset angeht - und das weiß ich aus persönlicher Erfahrung, weil ich mit ihr gesprochen habe und sie seit vielen vielen Jahren kenne -, ist das, was ich lange toleriert habe, jetzt nicht mehr hinnehmbar."
Weiteres: Im Standardzieht Margarete Affenzeller eine Zwischenbilanz der ersten drei Jahre von Martin Kusej als Burgtheaterdirektor: "Insgesamt ist das Burgtheater heute verwechselbarer geworden als noch 2019/20." Besprochen werden Simon Stones Inszenierung von Krzysztof Pendereckis "Der Teufel von London" bei den Münchner Opernfestspielen (Welt)
Krzysztof Pendereckis "Die Teufel von Loudon". Foto: Wilfried Hösl / Bayerische Staasoper
Zur Eröffnung der Münchner Opernfestspiele hat Simon Stone Krzysztof Pendereckis Historienparabel "Die Teufel von Loudun" inszeniert. Die Oper erzählt von einer Nonne, die sich ihre Fleischeslust von einem Exorzisten austreiben lassen muss und den unschuldigen Pater Grandier der Hexerei bezichtigt. FAZ-Kritiker Max Nyffeler kommt gänzlich ungetröstet aus dieser Inszenierung, und überwältigt: "Dem Katholiken Penderecki ging es in seiner Oper nicht um heute diskutierten Themen wie korrupte Bischöfe und MeToo, sondern um die Frage der Wahrheit und um Glaubensstärke zu Beginn des säkularen Zeitalters. Am Beispiel der existentiellen Vernichtung Grandiers wird das als politische Machtfrage durchexerziert. In den Dialogen zwischen Grandier und seinem zynischen Widersacher Baron de Laubardemont, eine von Wolfgang Ablinger-Sperrhacke eiskalt exekutierte Charaktertenorpartie, spitzt es sich zur fundamentalen Wahrheitsverdrehung zu, indem der Baron den Gefolterten mit dialektischer Schläue zur Preisgabe seines Glaubens zwingen will und sich dabei auf den Willen Gottes beruft - wahr und falsch, Gott und Teufel erscheinen in vertauschten Rollen."
Auch musikalisch war der Abend großartig, versichert Egbert Tholl in der SZ: "Immer wieder knallt es, dröhnt eine Orgel, explodiert der Klang. Wenn man diese eigenartige, manchmal auch groteske Musik aufführen will, dann muss man es so machen wie Vladimir Jurowski und das Bayerische Staatsorchester an diesem Abend, es ist die Perfektion der Eigenwilligkeit. Ähnliches gilt für die Besetzung der Sängerinnen und Sänger: makellos, alle etwa 30 Solisten." Selbst Nachtkritiker Thomas Rothschild räumt etwas gespreizt ein, dass seine Aversion gegen Simon Stones Theater in diesem Fall nicht trägt.
Besprochen werden außerdem drei Frühwerke Wagners, "Die Feen", "Das Liebesverbot" und "Rienzi", beim Festival "Wagner 22" an der Oper Leipzig (Tsp).
Luigi Dallapiccolas "Ulisse". Foto: Barbara Aumüller / Oper Frankfurt "Ulisse" war die letzte Oper des italienischen Komponisten Luigi Dallapiccola, und in der SZfreut sich Michael Stallknecht, dass sich Tatjana Gürbaca an der Frankfurter Oper dieses schwierigen Werkes angenomment. Es geht darin um den Menschen der Moderne, der alles erforscht, sich aber selbst fremd geworden ist, wie Stallknecht erklärt: "'Ulisse' ist kein Theaterwerk im eigentlichen Sinne, dazu mangelt es an dramatischen Verwicklungen, reflektieren sich die Figuren zu sehr selbst. Sie singen dabei freilich schöner, als es zwölftöniges Komponieren meist erlaubt. Mit unverkennbar italienisch geprägtem Sinn für das Kantable erkundet Dallapiccola die Möglichkeiten sämtlicher Stimmfächer. Da ist beispielsweise Katharina Magiera, die mit sämigem Alt in die Tiefengründe von Kirke und Melantho steigt, die dramatisch ergreifende Claudia Mahnke, der Ulisse als seiner toten Mutter im Hades begegnet, der süffige Tenor von Brian Michael Moore als Eumäos oder der markant virile Danylo Matviienko als Freier Antinoos. Sie alle bleiben aber letztlich Episode, während Iain MacNeil als Ulisse alles zusammenhält, mit einem herrlich bronzen gesättigten Bariton, der in der Höhe eine fast tenorale Wärme verströmt." Große Opernmusik und fein gebaute Bilder in Gürbacas Inszenierung weiß Judith von Sternburg in der FR zu schätzen. Auch in der FAZ lobt Wolfgang Fuhrmann das hohe philosophische und musikalische Niveau der Inszenierung.
Natalia Vorozhbyts "Bad Roads".Foto: Spyros Rennt / Volkstheater Schön krachend fand es SZ-Kritiker Egbert Tholl beim Münchner Festival für junge Regie "Radikal Jung", das nach zwei Jahren pandemiebedingter Pause endlich wieder stattfinden konnte. Besonders beeindruckt ist er von Natalia Vorozhbyts Stück "Bad Roads", das in beklemmenden Szenen von den Verheerungen des seit 2014 schwelenden Krieges im Donbass erzählt, auch wenn Tamara Trunovas Inszenierung etwas zu viel Kunstwillen aufbringe: "Ein Schuldirektor gerät in einen Kontrollposten, hat aus Versehen den Pass seiner Frau eingesteckt, die Soldaten treiben bizarre Spiele mit ihm, er zittert vor Angst. Drei Mädchen warten auf die Soldaten, mit denen sie Sex haben wollen. Die Oma schaut eine russische Hochzeitssendung im Fernsehen, die Enkelin erwürgt sie. Eine junge Frau überfährt ein Huhn, will den beiden Alten, denen es gehört, dies bezahlen und gerät in eine Hölle von Gier. Eine Frau überführt den Leichnam ihres Geliebten, eines Kommandeurs, dem die Separatisten den Kopf abschnitten; sie sinnt auf Sex mit dem Fahrer, das Handy des Toten klingelt."
Besprochen werden Verdis Oper "Giovanna d'Arco" bei den St. Galler Festspielen (die anstelle von Tschaikowskys "Jungfrau von Orléans" gespielt wurde, wie Christian Wildhagen in der NZZ eigentlich erfreut bemerkt) sowie Yael Ronens und Dimitrij Schaads dystopische Revue "(R)Evolution" am Theater Erlangen (für Nachtkritiker Christian Muggenthaler kaum mehr als harmloses Trara).
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