Gleich zehn AutorInnen haben Schnitzlers "Reigen" für die Salzburger Festspiele neu bearbeitet. Geht das gut? "Kein Sex, nirgends", notiert Gabi Hift in der nachtkritik. Das war das einzige, über das sich die AutorInnen, die jeder eine Szene übernahmen, ohne sich auszutauschen, offenbar einig waren. Sex "scheint zu einem Anachronismus aus einem vorigen Jahrhundert geworden zu sein, in einer Reihe mit Duellen und Pferdekutschen. Statt einer formstrengen, runden Versuchsanordnung bekommt man hier einen merkwürdigen, disparaten Wechselbalg vorgesetzt. Aber nach einer Weile, wenn die erste Enttäuschung überwunden ist, entwickelt der Abend eine immer dichter werdende Atmosphäre - jedenfalls in der ersten Hälfte. Was Einheit schafft, ist einerseits die schräge, phantasievolle Regie von Yana Ross mit ihrem formidablen Ensemble. Andererseits ist es der faszinierende Raum, erschaffen von Márton Ágh. Anders als bei Schnitzler spielt hier alles an einem Ort: in einem riesigen Luxusrestaurant. ... Vorne oben schließt das Restaurant mit einer Lamellenjalousie ab, die sich zu einer Videoleinwand schließen lässt, auf der man andere Räume des Gebäudes sieht: ein Hotelzimmer, in dem eine Schauspielerin via Laptopkamera gestalkt wird; den Überwachungsraum des Security-Manns. Das öffnet das Bild in mehrere Dimensionen."
"Kein Sex ist also auch keine Lösung", erkennt SZ-Kritikerin Christiane Lutz. Vor allem, wenn als Alternative Debattentheater herhalten muss. "Nach dem Motto: Welche aktuellen Themen müssten dringend auf die Bühne? Lasst uns eine Liste machen! Dem daneben direkt subtilen Original gibt sie gar nicht erst die Chance, eben jene Debatten auch anzuregen, dabei liegen schon bei Schnitzler Klassismus, Sexismus, Unterdrückung der Frauen und soziale Abhängigkeit im Text. Das heißt nicht, dass die neuen Tabus nicht relevant sind und nicht auch ins Theater gehören. Es ist nur fraglich, ob es in der Kunst immer der schlauere Weg ist, alles wegzuradieren, was an Geschichten schon da ist und drüberzupinseln, vermeintlich Problematisches wie Sexszenen zu streichen, statt sie klug zu inszenieren, nur, um moralisch unbedingt auf der sicheren Seite zu stehen." In der FAZ fragt Sandra Kegel, warum man einen Schnitzler komplett überschreibt, statt einfach ein eigenes Stück zu schreiben.
Weiteres: Im Tagesspiegelberichtet Eberhard Spreng vom Theaterfestival in Avignon. Dorion Weickmann hat sich für die SZ mit dem japanischen Tänzer und Choreografen Saburo Teshigawara unterhalten, der in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Besprochen werden außerdem "Nach Tristan" in Bayreuth (nmz) und die szenische Aufführung von Wolfgang Rihms Oper "Jakob Lenz" in Salzburg (FAZ).
Im Interview mit der Berliner Zeitung erklären Yolanda Rother und Shawn Williams, Gründer des Beratungsunternehmens The Impact Company, wie ihre "Dienstleistungen in Fragen von 'Diversity, Audience & Culture'" - derzeit vom Berliner Ensemble in Anspruch genommen - aussehen. Welche konkreten Mängel sie in der Probe angesprochen haben, wollen sie allerdings nicht sagen.
Besprochen werden Bartók und Orff bei den Salzburger Festspielen (Zeit online, NZZ), "Nach Tristan" bei den Bayreuther Festspielen (Tsp), eine konzertanten Wiederaufführung von Wolfgang Rihms Oper "Jakob Lenz" in Salzburg (Welt, Standard) und die Ausstellung "VolksWagner" in Bayreuth (FAZ).
Szene aus Bartóks "Herzogs Blaubarts Burg" in Salzburg. Foto: Monika Rittershaus
In Salzburg wurden die Sommerfestspiele mit Béla Bartóks Einakter "Herzog Blaubarts Burg" und Carl Orffs Opernoratorium "De temporum fine comoedia" eröffnet. Inszeniert hat Romeo Castellucci, am Pult stand Teodor Currentzis. Im Tagesspiegelfindet Regine Müller den Abend "problematisch". Das lag nicht am russischen Dirigenten, der in Salzburg Antrittsapplaus erhielt, aber "gewohnt energetisch, zupackend und effektsicher dirigiert", sondern an Regisseur Romeo Castellucci, der Bartóks Einakter "ein wenig schlüssiges Erlösungs-Ende" aufzwinge. "Orffs karge Partitur hämmert schroff und öde repetierend Religiöses, Orakelsprüche und Büßerformeln, Cindy Van Acker choreografiert die Massen zu Überwältigungs-Tableaus. Es wird gebetet, ein Totempfahl wird errichtet, eine Frau wird gesteinigt. Und am Ende bittet Lucifer Gott um Verzeihung, gemeinsam mit Judith und Blaubart. Diese platte Wendung bestätigt endgültig den schon dräuenden Verdacht, dass Castellucci hier esoterischen Kitsch produziert und dem problematischen 'Ich' Bartoks demütig sich unterwerfende Orff'sche Massen als (Er)-Lösung anbietet. Sehr fragwürdig."
SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck ist dagegen durchaus beeindruckt: "Der Schrei nach Erlösung und Vergebung ist in beiden Stücken unüberhörbar. Zuletzt gewährt sie Carl Orff sich und allen Menschen, egal wie schuldbeladen sie sein mögen. Nach all dem Skandieren und Rappen der Orff-Chöre, nach den erotisch aufgeputschten Orchesterentladungen bei Bartók, klingt aus dem Off ein verhalten lichtes Gambenquartett der Zuversicht in den Raum. Die Instrumente spielen so leise, dass die Hörer zweifeln müssen an der Verbindlichkeit der hier formulierten Schuldvergebung, was durchaus in das Konzept von Castellucci & Currentzis passt, sie ziehen Sicherheiten und Gewohnheiten liebend gern in Zweifel."
In der tazhofft Uwe Mattheis, dass die Debatte um Currentzis, der von Putins "Privatbank" gefördert wird, und Castellucci, den die V-A-C-Stiftung des russischen Oligarchen Leonid Mikhelson sponsore, "das Ende einer neoliberalen Ära in der Kulturpolitik" einleitet. In der FRschreibt Judith von Sternburg zu der Aufführung, in der FAZ Jürgen Kesting.
Weiteres: In der nachtkritikschreibt Joseph Hanimann zum Ende der Intendanz Oliver Pys bei den Theaterfestspielen von Avignon. Besprochen werden außerdem Wagners "Tristan und Isolde" in Bayreuth" (nmz, Zeit), Giuseppe Moscas "Die Poststation" an der Neuburger Kammeroper (nmz), ein Gastspiel der Neuköllner Oper Berlin mit mit "Mexico Aura. The Myth of Possession" im Humboldt Forum (taz), Kasia Wolinskas Choreografie "Kiss" im Berliner Radialsystem (taz) und "Nach Tristan", eine Collage aus Wagners "Tristan und Isolde", Müllers "Quartett" und August Strindbergs "Totentanz", mit Sylvester Groth und der "ultimativen Stuntwoman des deutschen Theaters!" Dagmar Manzel in Bayreuth (FAZ).
Position Liebesrausch: Tristan und Isolde. Foto: Enrico Nawrath / Bayreuther Festpiele
Zum Auftakt der Bayreuther Festspiele gab es eine Neuinszenierung von "Tristan und Isolde". Die noch recht vagen Sexismus-Vorwürfe und den Machtkampf zwischen Katharina Wagner und Christian Thielemann erklärt sich Egbert Tholl in der SZ mit der Abgeklärtheit eines alten Schlachtrosses: "Jede Ausgabe der Festspiele hat in der Regel einen Skandal, vor allem dann, wenn die Premiere dazu nicht taugt." Viel zu brav findet er Roland Schwabs Corona-kompatible Inszenierung, in deren Mitte eine Scheibe den Sternenhimmel spiegelt und auf der sich Tristan und Isolde wie ferne Planeten umkreisen: "Der große Liebesrausch im zweiten Aufzug, zu dem sie weiß gewandet durch einen Lichttunnel hinschreiten, wirkt wie Yoga in der Reha, für schwer bewegungsunfähige Fälle."
Mehr als für Schwabs "Bilder traumverlorener, schönheitstrunkener Weltentrückung" interessiert sich FAZ-Kritiker Jan Brachmann für die Musik des kurzfristig eingsprungenen Dirigenten Markus Poschner: Poschner liegt, über die mehr als vier Stunden des Abends hinweg, an der Intimität dieser Musik. 'Tristan und Isolde' ist für ihn eher ein zartes, kein brüllendes Stück." Auch in der NZZweiß Marco Frei die nuancenreiche Interpretation zu schätzen: "Dieser eigenständige Ansatz macht deutlich, wie sehr es sich lohnt, den Wagner-Klang von der Fixierung auf Thielemanns romantische Opulenz zu befreien. Wenn Bayreuth auch in der Musik stilprägend wirken möchte, muss dieses Festival eine offene, agile Werkstatt der Wagner-Interpretation sein."
FR-Kritikerin Judith von Sternburg kommt auch gesanglich ganz auf ihre Kosten: "Der 60 Jahre alte Stephen Gould verbindet das Heldische und Lyrische der Partie nach menschenmöglichen Maßstäben fast perfekt, mehr heldisch als lyrisch, aber sein atemberaubend sicherer Tenor wirkt dafür noch in den letzten, furchtbar ausführlichen Aufwallungen im dritten Akt unbemüht und fit. Gould, der Triathlet, wird auch den Tannhäuser und den Siegfried in der 'Götterdämmerung' singen. Er ist sogar relativ gut zu verstehen, was sich über seine Isolde nicht sagen lässt: die Engländerin Catherine Foster als Debütantin in dieser Partie, der sie stimmlich aber mit hochdramatischem Einschlag ebenfalls glanzvoll und bis in den Liebestod hinein souverän gewachsen ist."
Am Ende wird es Eleonore Bünig im Tagesspiegel unheimlich: "Nicht ein einziges, klitzekleines Buh ist zu hören. Normal ist das nicht: für Bayreuther Verhältnisse vielleicht sogar ein böses Omen." Weitere Besprechungen in Welt und Standard.
Weiteres: Im Standardparaphrasiert Stephan Hilpold Ilija Trojanows Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele, in der der Schriftsteller gegen das "Ja oder Nein des Krieges" die "Vieltönigkeit der Kunst der Kunst" beschwor. In der SZ porträtiert Christine Dössel den niederländischen Starregisseur Ivo van Hove, der erstmals auch in Salzburg dirigiert: "Van Hove gilt als Quotenbringer. Einer, der mit Hochglanzproduktionen und elegantem, stilsicherem Erzähltheater die Häuser füllt." In der FAZ berichtet Wiebke Hüster von der Biennale Danza mit Choreografien von Wayne McGregor, Saburo Teshigawara und Trajal Harrell, im Tagesspiegelschreibt Sandra Luzina.
Die Jerusalemer Kunsthistorikerin Galit Noga-Banai hat sich für die FAZ nach Oberammergau zu den Passionsspielen gewagt und zeigt sich trotz einigem Befremden angesicht einer solch "goyishen sache" überwältigt von der Landschaft, Christian Stückls Inszenierung, dem Engagement des Dorfes und der jahrhundertealten Tradition: "Ich begriff etwas von der Wucht und Strahlkraft des Passionsnarrativs und von der Macht, die das Theatralische in früheren Zeiten gehabt hat und immer noch haben kann. Nicht zuletzt begriff ich, wie dicht das Passionsspiel trotz aller zeitgenössischen Änderungen an der Klippe antisemitischer Affekte balanciert. Sie könne sich gut vorstellen, bemerkte meine Freundin Sara auf dem Weg zum Ausgang, dass man nach dem Gesehenen in früheren Zeiten das spontane Bedürfnis verspürt hätte, den erstbesten Juden umzubringen, der einem auf der Straße begegnete."
Im Nachtkritik-Interview mit Christine Wahl beschwichtigt der neue Intendant der Berliner Festspiele, Matthias Pees, Befürchtungen, aus den Theatertreffen ein kuratiertes Festival machen zu wollen: "Mein Gedanke bei der Berufung des neuen Leitungsteams war nicht, die kuratorische Kompetenz zu stärken, sondern die Vernetzung." In der tazstellt Michael Bartsch den Regisseur Georg Genoux vor, der künftig das Thespis Zentrum in Bautzen leiten wird, um dort sein authentisches Theater zu verwirklichen, das er als Selbstheilung durch Selbstentäußerung verstehe.
Besprochen werden Franz-Xaver Mayrs Inszenierung von Schnitzlers "Reigen" in Gmunden (den Standard-Kritiker Stephan Hilpold vor allem der Generation Woke empfehlen kann) und Eva-Maria Schallers Choreografie "Femenine" beim Impulstanz in Wien (Nachtkritik).
Völlig aus dem Häuschen ist taz-Kritikerin Johanna Schmeller nach Schorsch Kameruns Performance "All together now!", die in und vor dem Münchner Residenztheater als "Happening-Gala für nachhaltige Gemeinsamkeit" stattfindet: "Eine Seiltänzerin legt per Tau einen Bogen zwischen Stadt und Theater. Eine gefiederte Vogelfrau (Mareike Beykirch) rast als wild gewordene Papagena herum und interagiert mit überwiegend amüsierten Passanten: "Es ist so schön, wenn es hier um uns geht und nicht um mich!" Den Kopf kann man nicht unbedingt gebrauchen an diesem Abend. Musik und Texte gehen direkt ins vom Lockdown angestaubte Herz."
Weiteres: Im SZ-Interview mit Reinhard J. Brembeck spricht die Bayreuth-Chefin Katharina Wagner über die anstehenden Festspiele, bei denen Valentin Schwarz Wagners "Ring" neu insznieren wird, und die von #MeToo-Vorwürfen überschattet werden. Jan Brachmann hält in der FAZ fest, dass es in dieser Hinsicht keine Vorwürfe gegen Christian Thielemann gegeben habe, dieser aber gleichwohl nicht mehr für die Orchesterzusammensetzung zuständig sei. Im Standardwirft einen Blick auf die peinlichen Aspekte der Salzburger Festspiele, wie inkriminierte Dirigenten und toxisches Sponsoring. In der Zeitkürt Christine Lemle-Matwey die litauische Opernsängerin Asmik Grigorian zum neuen Opernstar.
Besprochen werden Andreas Homokis Inszenierung von Puccinis "Madame Butterfly" bei den Bregenzer Festspielen (die Michael Stallknecht in der NZZ zufolge die Schaulust "unaufdringlich, aber handwerklich brillant" bediene), Franz-Xaver Mayrs Inszenierung von Schnitzlers "Reigen" bei den Festwochen Gmunden (Nachtkritik) und Jan Bosses Inszenierung von Shakespeares "Sturm" (die Nachtkritiker Martin Thomas Pesl trotz der krude-wörtlichen Übersetzungsidee als lustvolles Theater genießen konnte).
Von körperlichen Übergriffen auf Frauen, Beleidigungen und sexistischen Sprüchen in Bayreuthberichtet laut Tagesspiegel der Nordbayerische Kurier. "Der Kurier berichtet, dass auch Festspielchefin Katharina Wagner selbst von einem Übergriff betroffen war. 'Das entspricht der Wahrheit', sagte sie der Zeitung demnach. Auch andere Frauen werden mit ihren negativen Erfahrungen zitiert: 'Touchy touchy', sagte eine der Zeitung. 'Für manche von uns ist das Alltag.' Wegen seines Umgangstons steht laut der Zeitung auch der frühere Musikdirektor der Festspiele, Christian Thielemann, in der Kritik. Er soll Musiker angeschrien und beleidigt haben - ein Vorwurf, den der Star-Dirigent vehement zurückweist: 'Da ist überhaupt nichts dran', sagte er der dpa und sprach von einem 'Missverständnis'."
Ebenfalls im Tagesspiegelkonkretisiert Christiane Peitz: "Dem Nordbayerischen Kurier sind auch die Namen weiterer Mitarbeiterinnen des 800-Personen-Festspielunternehmens bekannt, Frauen unterhalb der Chefetage, die nach eigener Auskunft sexuell belästigt wurden. Es geht um körperliche Übergriffe, eindeutige Sexwünsche und Body-Bashing, um 'Anmach-Sprüche, umarmen, einfach die Hände von Frauen ergreifen, kaum Distanz halten, häufige SMS mit ,Einladungen' von Männern', heißt es in dem Artikel. Auf Kurier- Nachfrage meldete Katharina Wagner sich sofort und zeigte sich entsetzt ob der ihr nicht bekannten Vorfälle. Sie werde 'gnadenlos' reagieren, sagte sie."
Außerdem: Elisabeth Sobotka lässt bei den diesjährigen Bregenzer Festspielen weiterhin Tschaikowsky und Shostakowitsch spielen, Umberto Giordanos selten gespielte Oper "Siberia" wird von dem russischen Regisseur Vasily Barkhatov inszeniert, auch Dirigent Valentin Uryupin, der Lichtdesigner Alexander Sivaev, der Filmproduzent Pavel Kapinos, der Kameramann Sergey Ivanov und der Tenor Alexander Mikhailov kommen aus Russland, bemerkt Werner Müller Grimmel in der FAZ: "Sobotka beruft sich auf langfristige Planungen und die Freiheit der Kunst, die nicht in Geiselhaft genommen werden dürfe. Man habe zudem mit allen in Bregenz auftretenden russischen Interpreten gesprochen. Niemand von ihnen verteidige Putins Überfall. Es sei wichtig, dass eine Hand ausgestreckt bleibe." In der SZversucht Christine Dössel den Deutschen - und auch so manchem Österreicher - die "unverwüstliche" Jedermann-Leidenschaft der Österreicher zu erklären: "'Wir Österreicher haben das in unserer DNA', erklärt Michael Schachermaier das Phänomen 'Jedermann'. 'Wir wachsen mit dem Mythos auf, werden damit gefüttert.'"
Besprochen werden die Komödie "Worschtmichels Traum oder Der König von Frankfort" beim Festival "Barock am Main" (FR), Lorenz Leander Haas' Inszenierung von Marco Balzanos Roman "Ich bleibe hier" bei den Volksschauspielen Telfs (nachtkritik) und Vasily Barkatovs Inszenierung von Umberto Giordanos "Siberia" bei den Bregenzer Festspielen (nmz).
Ziemlich "unsensibel" findet Stefan Ender im StandardAndreas Homokis Idee, seine Inszenierung von Puccinis Madame Butterfly bei den Bregenzer Festspielen in die 1950er-Jahre, also nur wenige Jahre nach dem Abwurf der Atombombe Fat Man, zu verlegen. Ansonsten aber ist der Kritiker zufrieden mit der Aufführung, die unwetterbedingt nach einer Stunde vom Freien ins Haus ziehen musste: "Es sind wunderschöne filigrane Bilder, die Regisseur Andreas Homoki mit seinem Team für die zu erwartenden knapp 400.000 Besucher geschaffen hat. Zauberhaft, wenn zwei Dutzend Geishas mit ihren aparten Kostümen und aufgespannten Schirmen vom obersten Kamm des Papiergebirges heruntertrippeln und die Bühne in eine Symphonie aus Rottönen getaucht ist (Kostüme: Antony McDonald, Licht: Franck Evin). Die vielen Geishas sorgen im ersten Akt zusammen mit Butterflys Verwandtschaft und der milchweißen Gruppe der Ottokè, der Geister von Cio-Cio-Sans Ahnen, für Aktion auf der weiten Szene und umschwärmen die fernen, kieselsteinkleinen Hauptdarsteller wie kleine Fischschwärme."
Feingefühl vermisst auch Egbert Tholl in der SZ, aber an anderer Stelle: "Japan, wie es Andreas Homoki sich vorstellt: eine Polonaise von Geishas, ein geisterhaft maskierter Statistenchor (Kostüme: Antony McDonald). Butterfly trippelt in kleinen Schrittchen, ihre Vertraute Suzuki ebenso. Das ist nur dann erträglich, wenn man annimmt, Andreas Homoki wolle damit Pinkertons Sicht auf eine ihm fremde Kultur ausstellen. Nähme man es als Haltung des Regisseurs, wäre man äußerst verwundert." "Statt Spektakel herrscht in guten Momenten kammerspielartige Fokussierung, in schlechten auch Monotonie", schreibt Georg Rudiger im Tagesspiegel, hebt aber die Musik hervor: "Enrique Mazzola führt die Wiener Symphoniker zu einem betörenden Streicherklang und zu einer Flexibilität, die für Puccini so wichtig ist." Als "Gesamtkunstwerk funktioniert der Abend", meint Markus Thiel in der FR, bemängelt allerdings auch, dass Homokis Inszenierung "im Stereotyp stecken" bleibe. Eine "kreuzkonventionelle, eben massentaugliche" Inszenierung dieser "auch rassistischen" Tragödie erlebt Manuel Brug in der Welt.
Außerdem: Im Tagesspiegelwirft Frederik Hanssen einen Blick in das dicke Programmheft des Theaters Brandenburg. Besprochen werden Sarvnaz Alambeigis Film "1001 Nights Apart" über die Geschichte des Tanzes im Iran (SZ) und Jack Furness' Inszenierung von Antonín Dvořáks "Rusalka" im Pavillon des Garsington Opernfestspiels (FAZ).
Die Corona-Pandemie hat das Theater an seine Grenzen gebracht: "Für die Spielzeit 2019/2020 war ein Zuschauerrückgang von fast zwei Millionen zu verzeichnen, in der aktuellen Saison dürfte es deutlich schlimmer sein", berichtet Hubert Spiegel, der sich für die FAZ in der angespannten Szene umgehört hat. "Pandemie, Ukrainekrieg, Inflation, Klimaängste, Energiesorgen - unter dem wachsenden Druck der Verhältnisse ändern sich nicht nur Bedürfnisse und Prioritäten, sondern auch Gewohnheiten. Die Gesellschaft enthabitualisiert sich in immer stärkerem Maße. Sie wird gerade in neue Formen gepresst, deren Umrisse allenfalls zu erahnen sind. Wie will das Theater darauf reagieren? Sonja Anders registriert ein wachsendes Interesse an 'komplexeren politischen Stoffen' und glaubt nicht, dass es eine Lösung wäre, nur noch populäre Komödien oder Musicals zu zeigen - 'das geht an unserem öffentlichen Auftrag als Staatstheater vorbei'."
Außerdem: In der Zeit besucht Andrea Jeska die wiedereröffnete Oper in Odessa: "Seit der Wiedereröffnung gibt es im Opernhaus fast täglich eine Vorführung: tragische und fröhliche Opern, Rossini, Puccini, Verdi, Gluck stehen auf dem Programm, Ballettaufführungen von Ludwig Minkus und viele Konzerte. Nur die Werke russischer Komponisten nicht. Das, sagt Chefdirigent Igor Tschernetzki, sei in diesen Zeiten eine Frage des Feingefühls." Im Nachtkritik-Gespräch erklärt die indonesische Choreografin Grace Ellen Barkey, deren Werk MALAM / NIGHT ab heute beim Wiener Impulstanz-Festival zu sehen ist, weshalb sie ihren Namen in Grace Tjang, den Namen ihrer Großmutter dekolonisiert hat: "Letztlich landet man in meiner Familie immer bei kolonialistischen Strukturen. Es ist ein Machtspiel, und vor allem die Frauen fallen ihm zum Opfer. So funktioniert Kolonialismus: Es betrifft nicht nur Wirtschaft oder Politik, es schreibt sich in die Menschen ein." Fast 30 Häuser und Festivals bieten Wagners Ring - oder Teile - allein seit Anfang 2021 live an, beinahe im Monatstakt kommen neue Produktionen hinzu, aber Neues kommt leider nicht dabei raus, ächzt Albrecht Thiemann im VAN Magazin und fordert eine Wagner-Pause.
Besprochen wird Sarah Rindone Inszenierung von Victor Jestins Roman "Hitze" am Schauspiel Stuttgart (nachtkritik) und SarvnazAlambeigis Film "1001 Nights Apart" über die Geschichte des Tanzes im Iran (taz).
SZ-Korrespondent Florian Hassel verbringt in Kiew einen Abend in der Oper, die wieder spielt, auch wenn von einem normalen betrieb keine Rede sein kann: "Wenn die Sopranistin Olha Fomitschova in der Kiewer Oper die Rosina in der Rossini-Oper 'Barbier von Sevilla' oder die Gilda in Verdis 'Rigoletto' anstimmt, folgt sie einer einfachen Regel. 'Ich singe so lange, bis der Dirigent den Taktstock hinlegt und das Licht auf seinem Notenpult löscht. Dann heißt er für alle: ab in den Luftschutzkeller.'"
Weiteres: In der FAZ schreibt Hubert Spiegel zum Tod des Theaterwissenschaftlers Hans-Thies Lehmann. Besprochen werden die Aufführungen beim Opernfestival von Aix-en-Provence (Tsp), Sarah Rindones Inszenierung "Hitze" nach Victor Jestins Roman "La Chaleur" (Nachtkritik) und der "Jedermann" mit Lars Eidinger und Verena Altenberger in Salzburg (Standard).
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