Bücherbrief

Unermessliche Weidegründe

06.01.2010. Reportagen, wie man sie in Deutschland kaum findet - wer würde hier schon sachlich beschreiben, wie man am Nil ein Krokodil fängt; Geschichten um große Geschäftemacher und kleine Kriminelle in der Ukraine; stille Beharrungskraft, die Stalin zur Weißglut brachte; eine superselbstbewusste Unterweisung in lyrischer Demokratie; Eiternessel für miese Kollegen, und Beethoven auf differenziertestem Niveau - die Bücher des Monats Dezember.
Willkommen zu den besten Büchern des Monats! Sie wissen ja: Wenn Sie Ihre Bücher über den Perlentaucher bei buecher.de bestellen, ist das nicht nur bequem für Sie, sondern auch hilfreich für den Perlentaucher, der eine Provision bekommt.

Den Bücherbrief in seiner vollen Pracht können Sie auch per E-Mail betrachten. Dazu müssen Sie sich hier anmelden. Weiterempfehlen können Sie ihn natürlich auch.

Weitere Anregungen finden Sie in den älteren Bücherbriefen, der Krimikolumne "Mord und Ratschlag", unseren Notizen zu den Literaturbeilagen vom Herbst 2009, den Leseproben in Vorgeblättert und in den Büchern der Saison vom Herbst 2009.


Romane und Erzählungen


Serhij Zhadan
Hymne der demokratischen Jugend
Erzählungen
Suhrkamp Verlag 2009, 19,80 Euro

(Bestellen)

In der "Hymne der demokratischen Jugend" erzählt der ukrainische Autor Serhij Zhadan Geschichten aus dem tiefen Osten der Ukraine, aus Charkiw. Meist geht es um große Geschäftemacher und kleine Kriminelle, Prostituierte und Alkoholiker, die allesamt versuchen in der neuen Welt Tritt zu fassen, aber dabei schmählich scheitern. Für die begeisterte Ilma Rakusa (NZZ) erzählt Zhadan so "halsbrecherisch und komisch, so wahnwitzig, traurig und temporeich", dass ihr beim Lesen ganz schwindlig wurde. In der FAZ bewundert Stefanie Peter Zhadans sehr spezielle Fähigkeit, eine große Dosis Melancholie zu verabreichen und zugleich den einen oder anderen Tritt in die Magengrube. Und in der Basler Zeitung zeigt sich Marina Bolzli erfreut, dass all die unpraktisch Veranlagten einen solch genialen Fürsprecher wie Zhadan gefunden haben. Ein weiterer Erzählband von Serhij Zhadan, "Die Selbstmordrate bei Clowns" (Bestellen), ist 2009 in der Edition Foto Tapeta erschienen.


Katharina Hacker
Alix, Anton und die anderen
Roman
Suhrkamp Verlag 2009, 19,80 Euro

(Bestellen)

Dieser Roman führte zu einem viel kommentierten Zerwürfnis zwischen der Autorin und dem Suhrkamp Verlag. Wieder ist es - auch - ein Generationenroman. Aber anders als "Die Habenichtse", für die Hacker 2006 den Deutschen Buchpreis erhielt, spielt der Roman in Berlin. Und Katharina Hacker experimentiert mit Form und einem zweispaltigen Layout, das der Verlag entgegen den Intentionen der Autorin in unterschiedlichen Schriftgrößen und Spaltenbreiten realisiert hat - einer der Gründe für den Bruch mit Suhrkamp. Die Kritiken waren zwiespältig. Ursula März in der Zeit war von dem Experiment nicht überzeugt - macht dafür aber auch die Publikationsgeschichte des Romans verantwortlich, die der Autorin die Gestaltungsfreiheit nahm. Nicole Henneberg steht in der FR dagegen voll auf der Seite der Autorin und erklärt deren Intentionen, die in der Ausgabe des Suhrkamp Verlags nicht immer voll nachvollziehbar seien. SZ und FAZ sind ebenso gespalten wie Zeit und FR: Es scheint nicht ganz leicht zu sein, diesem Roman und seiner Intention eines mehrdimensionalen Schreibens gerecht zu werden.


Leonid Dobycin
Die Stadt N.
Roman
Friedenauer Presse 2009, 22,50 Euro

(Bestellen)

Gibt es einen verdienstvolleren Verlag für die Entdeckung russischer Literatur als die Friedenauer Presse? Olga Martynova stellt Leonid Dobycin in der Zeit mit Kafka und Bruno Schulz in die Reihe der "seltsamsten und melancholischsten Genies" des 20. Jahrhunderts. Dobycin gehört zu den Schriftstellern, die unter Stalin ermordet wurden, und wie bei Ossip Mandelstam scheint es gerade die stille Beharrungskraft einer individuellen Stimme, die das Regime bis aufs Blut reizte. Dobycins Roman spielt in einer Kleinstadt, zeigt keinen "neuen Menschen", schildert keinen Fortschritt. Es ist die "sanfte Verweigerung" eines Heranwachsenden, die aus jeder Zeile faszinierend leicht spricht, so Tilman Spreckelsen in der FAZ. Auch Olga Martynova feiert die Genauigkeit und Intensität der Wahrnehmung. Das reichte, um unter Stalin zu Tode zu kommen.


Krimi

David Peace
Tokio im Jahr Null
Roman
Liebeskind Verlagsbuchhandlung 2009, 22 Euro

(Bestellen)
David Peace pflegt in seinen Krimis eine Vorliebe für Serienmörder, demoralisierte Polizisten und heruntergekommene Städte und entzückt Kritikerherzen damit immer wieder. Im Auftaktband seiner Japan-Trilogie "Tokio im Jahr Null" setzt er einen halbwahnsinnigen Polizisten auf die Fährte eines wahnsinnigen Frauenmörders. Tiefschwarz, sehr dicht und überaus beklemmend findet Alexander Müller in der FAZ dies alles erzählt. In der Zeit bemerkt Tobias Gohlis zwar eine gewisse Routiniertheit im Setting, betont aber, dass zwischen Peace und Unterhaltungskrimiautoren "intellektuelle Kontinente" liegen. In der Welt schaudert Holger Kreitling angesichts der unheilvollen, introvertierten und paranoiden Stimmung, die Peace erzeugen kann: "Einfach großartig."


Gedichte

Walt Whitman
Grasblätter
Carl Hanser Verlag 2009, 39,90 Euro

(Bestellen)

Emphatisch begrüßt wurde diese erste deutsche Gesamtübertragung von Walt Whitmans Großgedicht "Leaves of Grass", die die meisten Kritiker nutzten, um einmal grundsätzlich diese Gründungsurkunde der "lyrischen Demokratie" zu preisen. Denn für Whitman war, wie Heinz Schlaffer in der SZ erklärt, alles in gleichem Maße heilig, weshalb seine Hymnen auf Amerika nicht nur den Fortschritt, die Arbeit und die unermesslichen Weidegründe besingen, sondern auch das Verbrechen, den Sex und die Prostitution. Jürgen Brocans Übertragung wird ebenfalls in höchsten Tönen gelobt. In der FR nennt Jan Wagner sie eine Großtat. In der FAZ vergleicht sie Mirko Bonne mit den früheren Übertragungen von Johannes Schlaf und Hans Reisiger und attestiert ihr große Empathie, Lebensnähe und Flexibilität. Und Heinz Schlaffer konstatiert ihr eine solch "glückliche Übereinstimmung in Rhythmus, Stilhöhe, historischem Wortbestand", dass er meinte, das amerikanische Original auf Deutsch zu lesen.


Reportagen

Katharina Raabe, Monika Sznajderman (Hrsg.)
Odessa Transfer
Nachrichten vom Schwarzen Meer
Suhrkamp Verlag 2009, 26,80 Euro

(Bestellen)

Bereits mit dem Band "Last and Lost" brachten Katharina Raabe und Monika Szajderman Europas rückständige Ränder gegen die herausgeputzten Zentren in Stellung, nun huldigen sie mit "Odessa Transfer" der Peripherie an den Küsten des Schwarzen Meers. Der Band versammelt Texte von ausgesuchten Autoren wie Andrzej Stasiuk, Aka Morchiladze, Sibylle Lewitscharoff oder der großartige Attila Bartis und erkundet literarisch und fotografisch den Raum zwischen Constanza und Odessa, Jalta und Sotschi, Batumi und Istanbul. In der SZ lobt Hans-Peter Kunisch Anschaulichkeit und literarische Qualität, im Deutschland Radio Kultur konnte Jörg Plath den Band empfehlen. Und in der NZZ kürte eine beglückte Judith Leister Mircea Cartarescus Text über das rumänische Constanta zum schönsten des Bandes.


Wlodzimierz Nowak
Die Nacht von Wildenhagen
Zwölf deutsch-polnische Schicksale
Eichborn Verlag 2009, 19,95 Euro

(Bestellen)

Ok, zugegeben, dieser Reportageband ist schon vor einem Jahr erschienen. Aber die Besprechungen haben sich so ungünstig übers Jahr 2009 verteilt, dass er uns beim Bücherbrief immer durchgerutscht ist. Wäre aber jammerschade, wenn er unterginge, denn er steht in der Tradition der glorreichen polnischen Reportagekunst (ein anderes Beispiel aus der jüngeren Zeit ist Mariusz Szczygiels 2008 bei Suhrkamp erschienener Band "Gottland") und wurde hervorragend besprochen. Wlodzimierz Nowaks zwischen 1997 und 2006 in der Gazeta Wyborcza erschienene Reportagen erzählen von deutschen Wehrmachtsdeserteuren, polnischen Schleppern oder den konkurrierenden Opel-Werken in Bochum und Gliwice. Nowak schlägt dabei einen eher nüchternen Ton an, der dennoch "literarische Kraft" hat, wie Jörg Plath in der NZZ lobt. Marta Kijowska bewundert in der FAZ Nowaks assoziatives Denken und sieht ihn als "begabten Nachfolger" der drei Altmeister Malgorzata Szejnert, Hanna Krall und Ryszard Kapuscinski. Für den Polen-Korrespondenten der SZ, Thomas Urban, ist "Die Nacht von Wildenhagen" schlicht eines der "besten aktuellen Bücher" über die noch immer schwierigen deutsch-polnischen Beziehungen. Wer sich ein breiteres Bild von der journalistischen und literarischen Qualität polnischer Reporter machen möchte, dem sei noch die von Martin Pollack herausgegebene Anthologie "Von Minsk nach Manhattan" (Bestellen) empfohlen. Brigitte von Kann hat das Buch sehr schön im Deutschlandfunk vorgestellt. Und wer dann immer noch hungrig ist, stürze sich auf "Nichts als die Welt" (Bestellen), ein Band mit Reportagen aus 2500 Jahren: von Herodot - der fabelhaft anschaulich erklärt, wie man am Nil Krokodile fängt (mit einem Schweinerücken als Köder, erklärt die taz) - über Hippokrates, Daniel Defoe, Jack London bis zu Truman Capote. Dieses Buch ist fett genug, jemanden damit zu erschlagen. Was robust überleitet zu ...


Sachbuch

Helmut Eisendle
Tod & Flora
Ein Glossar über die Verwendung von Giftpflanzen für den asthenischen Täter
Jung und Jung Verlag 2009, 28,00 Euro

(Bestellen)

Heute schon von einem miesen Kollegen zur Schnecke gemacht worden? Und sich wieder nicht gewehrt? Bevor Sie an Ihrer Wut ersticken, empfehlen wir die Lektüre eines Pflanzenbuchs, das dem asthenischen, das heißt dem durch Hemmungen und Energiemangel sich auszeichnenden Täter entgegenkommt: "Tod & Flora", ein Buch über Giftpflanzen und ihre Wirkung. Geschrieben hat es in den siebziger Jahren der österreichische Autor und Psychologe Helmut Eisendle, der damit allen Unterdrückten natürliche Mittel in die Hand gibt, sich von ihren Peinigern zu befreien - und zwar zu allen Jahreszeiten. Felix Philipp Ingold zeigt sich in der NZZ schlichtweg begeistert: 33 Pflanzen fand er beschrieben, darunter Eiternessel, Sausalat, Würglich und Tatschkertod, sowie ein Glossar mit den unterschiedlichsten Vergiftungssymptomen. Es ist ein "ebenso witziges wie intelligentes Buchwerk", freut sich Ingold, auch zynisch, aber vor allem hat es "hohe poetische Qualität". Astrid Graf-Wintersberger war in der Presse besonders angetan von der "streng philosophischen Argumentation", mit der Eisendle den Giftmord an überlegenen Peinigern legitimiert: "Somit erspart er sich und dem Leser das bei derlei Überlegungen obligate aufgesetzte Augenzwinkern, und das ist gut so."


Gudrun Ensslin, Bernward Vesper
Notstandsgesetze von Deiner Hand
Briefe 1968/1969.
Herausgegeben von Caroline Harmsen, Ulrike Seyer und Johannes Ullmaier
Suhrkamp Verlag 2009, 12 Euro

(Bestellen)

Der Historiker Gerd Koenen, der diesen Briefwechsel in der SZ bespricht, hat mit "Vesper, Ensslin, Baader - Urszenen des deutschen Terrorismus" (Bestellen) das präziseste Psychogramm des Terrorismus im Nachkriegsdeutschland gezeichnet und dabei gezeigt, wie kurz der Weg von ganz rechts bis ganz links sein konnte, wie tief verankert und zugleich ganz anders die Ressentiments der Eltern in den Seelen der Kinder wiedergeboren wurden. Die Briefe bildeten die Grundlage für sein eigenes Buch. Nun lässt sich die Geschichte Gudrun Ensslins und Bernward Vespers als eine Art Briefroman nachlesen, der den Vorteil hat, mustergültig ediert zu sein, so Koenen. Beeindruckt hat ihn auch die Nachbemerkung Felix Ensslins, dem Sohn Gudrun Ensslins, der seine Eltern nie kennengelernt hat. Für Ina Hartwig in der FR ist der Briefwechsel ein Dokument der "Pervertierung der deutschen Romantik im Hass".


Lewis Lockwood
Beethoven
Seine Musik. Sein Leben.
Bärenreiter Verlag 2009, 39,95 Euro

(Bestellen)

Seltsam: Nun liegt einmal eine offenbar vorbildliche Biografie über Beethoven vor (und die deutsche Musikwissenschaft hat hier wenig Überzeugendes geleistet), aber die Zeitungen scheinen sich kaum dafür zu interessieren. Der Theater- und Musikwissenschaftler Jens Malte Fischer hatte sie in der Welt besprochen - und vor allem den Freunden der Musik empfohlen, denn mangels Quellen lasse sich nicht satt und detailreich über Beethovens Leben erzählen. In der Zeit scheint nun Wolfram Goertz sehr gelungen, wie Lockwood Leben und Werk miteinander synchronisiert und der Musik dabei doch ihre autonome Entwicklung zubilligt. Er würdigt dieses Buch als Lockwoods opus summum, als eine "große Eloge auf differenziertestem Niveau", die von Sven Hiemer glänzend und "mit großer Sprachmacht" übersetzt wurde.