Katharina Hacker

Alix, Anton und die anderen

Roman
Cover: Alix, Anton und die anderen
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009
ISBN 9783518421277
Gebunden, 125 Seiten, 19,80 EUR

Klappentext

Für ihren Roman "Die Habenichtse" wurde Katharina Hacker im Jahr 2006 mit dem ersten Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Dessen Protagonisten, um die dreißig, zieht es von Berlin nach London. Im neuen Roman der Autorin hat es die Protagonisten, in den Vierzigern, aus ganz unterschiedlichen Gründen von der deutschen Provinz nach Berlin verschlagen. Alix, Anton und die anderen Freunde, die sich eher zufällig kennengelernt haben, treffen sich regelmäßig bei den Eltern von Alix, meistens sonntags, und man wandert, in wechselnden Gruppen, um den Schlachtensee. Viele der Freunde sind "in der Mitte des Lebens" angekommen - und in diesem Winter in der Mitte des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrhunderts haben sie auf so vieles zu reagieren, dass sie ihre Geschichte rekapitulieren, erzählen, wie sie aus welchen Gründen so geworden sind, wie sie nun zu Beginn der zweiten Lebenshälfte sind...

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 11.02.2010

Sibylle Birrer schätzt Katharina Hacker seit ihrem Roman "Die Habenichtse" als meisterliche Erzählerin des Orientierungs- und Kontrollverlusts, und diese Qualitäten findet sie auch in ihrem jüngsten Roman wieder. Eine Berliner Clique, "nette", wenn auch ziemlich orientierungslose Zeitgenossen, wie die Rezensentin feststellt, trifft sich seit Jahren zum Sonntagsessen bei den Eltern von Alix im bürgerlichen Zehlendorf, bis die Beschaulichkeit in der Berührung mit der Welt vietnamesischer Immigranten Risse bekommt, erfahren wir. Wie auf einem "Schachbrett", in kluger Nüchternheit und dennoch mit tiefen Einblicken in die Innenwelt ihrer Protagonisten, lässt Hacker ihre Figuren agieren, wobei die wechselnden Erzählperspektiven sich in scheinbarer Zufälligkeit überschneiden, in Wahrheit aber einer präzisen Komposition folgen, wie die Rezensentin betont. Ihre schon in früheren Büchern sehr komplexen Erzählebenen hat die Autorin in diesem Roman auch in der Seitengestaltung Ausdruck verliehen, indem sie den Text in zwei parallelen Spalten abdrucken ließ. Allerdings habe sich der Suhrkamp Verlag, entgegen den Vorstellungen der Autorin, für eine Haupt- und eine (kleinere) Nebenspalte entschieden. Bedauerlich, denn so könne die Form tatsächlich nicht ganz überzeugen, die Birrer für ein, wenn schon nicht gänzlich neues, so doch "valables Experiment" hält.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 03.12.2009

Einen schlechten Eindruck hat Ursula März von diesem Roman, was ihrer Schilderung zufolge nicht allein am unruhigen und überreizten Kunstwillen des Romans selbst, sondern auch an seiner Publikationsgeschichte liegt. Denn das Buch sei gegen den Willen der Autorin bei Suhrkamp erschienen, und im Streit ist es offenbar nicht gelungen, die beiden Texte, aus denen der Roman besteht, zu einem plausiblen Buch zusammenzufügen. Text eins sei die Geschichte eines Paares, dessen Kind vor Jahrzehnten aus eigener Schuld ertrunken sei. Text zwei spiele in einer Familie der Gegenwart, einem klassischen "Soziotop der Gegenwartsliteratur", wie März etwas naserümpfend befindet. Ein "hochgespannter Ton" lasse beständig eine Tragödie erwarten, die aber dann bereits in der Vergangenheit stattfand. Gut, es gebe hervorragend entworfene Figuren und Schauplätze, gibt März zu, nur eben keinen plausiblen Roman.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 24.11.2009

Gleich zu Beginn ihrer Kritik kommt Nicole Henneberg auf die Auseinandersetzung um diesen Roman zwischen Katharina Hacker und dem Suhrkamp Verlag zu sprechen und lässt an ihrer Parteinahme für die Autorin keinen Zweifel. Der Roman, in dessen Mittelpunkt eine Gruppe von kinderlosen Mittvierzigern steht, die von tiefen Selbst- und Lebenszweifeln geplagt sind, ist in zwei Spalten gedruckt, erklärt uns die Rezensentin. Während die Autorin zwei gleichgroße Spalten angelegt hat, in deren linker die Leitthemen von "Schuld, Scham und Lebensangst" der Protagonisten ausgeführt sind, hat der Verlag die linke Spalte verkleinert und sie damit, wie auch Henneberg findet, zu einem kommentarartigen Anhang marginalisiert. Die zweite zentrale Geschichte um eine vietnamesische Familie, die einem Mafiamord zum Opfer fällt, lässt zudem den Leser etwas ratlos zurück, wenn dieser nicht weiß, dass es sich bei diesem Buch um ein auf mehrere Teile angelegtes Werk handelt, so die Rezensentin weiter. Sehr wichtig ist Henneberg, dass Hacker in diesem Buch das Risiko eingeht, den "sozial drastischen Stoff" in einer reflexiven, subtilen Erzählweise darzubieten und ihm ein philosophisches Unterfutter mitzugeben. Auf die Fortsetzung der beklemmend offen bleibenden Geschichte darf man nach Einschätzung der Rezensentin gespannt sein.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.11.2009

Rezensent Patrick Bahners ist entzückt: Dieser erste Band eines auf mehrere Bände angelegten Romanzyklus berechtigt "zu den höchsten Hoffnungen", freut er sich. Die Hauptpersonen dieses ersten Bandes sind Alix und Jan, ein kinderloses Paar, seine Freunde Bernd und Anton sowie die Eltern von Alix, Clara und Heinrich, lesen wir. Das Buch beginnt mit einer Reihe von Todesfällen, der wohl wichtigste: ein Kind stirbt. Vieles in diesem Roman erinnert Patrick Bahners an Goethes "Wahlverwandschaften", wie Walter Benjamin ihn gelesen hat: "Schicksal ist der Schuldzusammenhang von Lebendigem", zitiert der Rezensent Benjamin. "Elegant" findet Bahners die Form der Geschichte, die Hackers in zwei Spalten erzählt, links wird die Geschichte erzählt, rechts gewissermaßen eine Alternative dazu. Und in der Geschichte selbst findet er "Passagen von ungeheurer Kraft".
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 21.11.2009

Meike Fessmanns Rezension dieses Romans hat sozusagen zwei Teile. Im ersten beschreibt sie die Anlage des Buchs selbst, das als erster Teil einer längeren Generationengeschichte geplant ist. Porträtiert werden in Berlin-Schöneberg lebende Menschen Anfang, Mitte Vierzig, beschrieben wird die Einrichtung ihres Lebens, an der sich so leicht nichts Dramatisches mehr ändern lassen dürfte. Ungewöhnlich ist das Text-Arrangement des Buchs: zwei Spalten, von denen die eine größer ist als die andere. Kunstvoll gedacht mag das sein, meint Fessmann, auf sie macht das Ganze allerdings eher den Eindruck einer Notlösung, eines Mangels an wirklicher formaler Durchdringung. Im zweiten Teil der Besprechung schildert sie noch den Ärger, den die Autorin mit ihrem Lektor (nicht zuletzt der unterschiedlichen Spaltengrößen wegen) hatte - was bekanntlich zum lauten Bruch mit Suhrkamp geführt hat.
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