Bücherbrief
Den Augenblick heiligen
06.12.2025. Der letzte Bücherbrief des Jahres ist da - mit vielen Geschenkideen für Kurzentschlossene: Manfred Pfister führt uns in einem Prachtband die ungeahnte Schönheit der englischen Renaissance vor Augen. Arundhati Roy erzählt von ihrer Mutter, die ein ziemliches Biest war. Eine literarische Sensation sind die Briefe der jungen Anna Seghers an ihren späteren Ehemann. Und mit Steffen Martus erinnern wir uns an Höhepunkte und Skandale der jüngeren Literaturgeschichte. Dies alles und mehr in den besten Büchern des Monats Dezember.Willkommen zu den besten Büchern des Monats! Sie wissen ja: Wenn Sie Ihre Bücher in unserem Buchladen eichendorff21 bestellen, ist das nicht nur bequem für Sie, sondern auch hilfreich für den Perlentaucher, denn eichendorff21 ist unser Buchladen.
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Weitere Anregungen finden Sie in den Büchern der Saison vom Herbst 2025, Marie Luise Knotts Lyrikkolumne "Tagtigall", dem "Fotolot" von Peter Truschner, Angela Schaders Literaturkolumne "Vorworte", der Kolumne "Wo wir nicht sind" und in den älteren Bücherbriefen.
Literatur
Tezer Özlü
Die kalten Nächte der Kindheit
Roman
Suhrkamp Verlag. 112 Seiten. 23 Euro
(bestellen)
Als vergangenes Jahr Tezer Özlüs Roman "Suche nach den Spuren eines Selbstmordes" mit vierzig Jahren Verspätung endlich in Deutschland publiziert wurde, waren die KritikerInnen hingerissen. Nun liegt auch das Debüt der 1986 verstorbenen türkischen Schriftstellerin in neuer Übersetzung von Deniz Utlu vor - und in der FAZ sieht Jan Wilm Özlü sie in einer Reihe mit Ingeborg Bachmann und Sylvia Plath. Wenn die Autorin in ihrem autobiografisch geprägten Roman von Unterdrückung und vom Suizidversuch in der Kindheit, später von Elektroschocktherapien und sexueller Gewalt in psychiatrischen Kliniken erzählt, kann Wilm nur staunen, wie Özlü dennoch immer wieder flüchtige Momente von Schönheit, Liebe und Trost schillern lässt. Özlus große Gabe ist es, den "Augenblick zu heiligen", schließt er. Sehr ähnlich urteilt Nico Bleutge im Dlf Kultur.
Arundhati Roy
Meine Zuflucht und mein Sturm
S. Fischer Verlag. 368 Seiten. 26 Euro
(bestellen)
Arundhati Roys neues autobiografisches Buch erzählt uns von ihrer Mutter, über die sie im Buch selbst sagt: "Ein Stachelschwein kann man nicht umarmen." Denn das Verhältnis der indischen Schriftstellerin zu ihrer Mutter war kein einfaches: Mary Roy war eine feministische Vorkämpferin und Schulgründerin, eine gute Mutter war sie nicht. So zeichnet Roy ein ambivalentes Bild jener Frau, die Gisa Funk im Dlf treffend als "halb Monster, halb Heilige" beschreibt: In ihrer einzigartigen poetischen Prägnanz und überraschend freimütig, so Funk, erzähle Roy von den zahlreichen mütterlichen Gewaltausbrüchen und emotionaler Erpressung, aber auch von der Bewunderung der Tochter für diese Frau, die nicht nur allein drei Kinder großzog, sondern auch gegen alle Widerstände eine pädagogisch fortschrittliche Schule gründete und sich gegen Unterdrückung der Frauen einsetzte. Hymnisch fallen auch die übrigen Kritiken aus: Humor, Aufrichtigkeit, Bildreichtum und Einfühlungsvermögen hebt Oliver Jungen in der FAZ hervor, ein geradezu romanhaftes Memoir über ein "schlaues Scheusal" liest David Pfeifern in der SZ. Nur in der Welt wendet Sigrid Löffler nach einer packenden Lektüre ein: Das letzte Drittel sei ein wenig langweilig. Für die Zeit hat Volker Weidermann Roy getroffen.
David Szalay
Was nicht gesagt werden kann
Roman
Claassen Verlag. 384 Seiten. 25 Euro
(bestellen)
Auf diesen mit dem Booker Preis ausgezeichneten Roman des Kanadiers David Szalay hatten wir bereits in unseren Büchern der Saison (mit noch mehr Tipps für intelligente Geschenke!) hingewiesen. Nicht nur, weil jetzt auch die deutschen Kritiken folgten, soll der Roman in unserem letzten Bücherbrief des Jahres noch einmal zu eigenem Recht kommen. Denn Szalay versteht es, mit einem äußerst wortkargen und nicht gerade einnehmenden Helden große Literatur zu schaffen: Jener Istvan, der, in Ungarn geboren, traumatische Erfahrungen im Krieg und auch in der Sexualität hinter sich hat und nun in London eher zufällig Karriere macht, reagiert auf die meisten Situationen, die ihm widerfahren, nur mit einem Wort: Okay. Überhaupt ist die Sprache im Roman minimalistisch und präzise gehalten, warnt Christiane Lutz in der SZ vor - aber genau darin, "Sprache auf ihr oft unschönes Gerüst zu reduzieren", liegt Szalays Kunst, meint sie. Lutz lässt sich zudem einnehmen von den vielen interessanten Figuren und Situationen, denen der Held ausgesetzt wird. Im Dlf erkennt Ursula März in Istvan einen Helden, den es in der Gegenwartsliteratur nicht mehr häufig gibt: Schweigsam, passiv, keine Einblicke in sein Innenleben gewährend, lediglich getrieben von instinktiven Kräften wie Sex und Gewalt. Wie der Autor das als typische maskuline Verhaltensweise, auch im Gegensatz zu den Frauen-Figuren im Roman, schildert, imponiert Cornelia Geißler in der FR.
Anna Seghers
Ich will Wirklichkeit
Liebesbriefe an Rodi 1921-1925
Aufbau Verlag. 405 Seiten 28 Euro
(bestellen)
Als literarische Sensation preist uns Volker Weidermann in der Zeit die hier erstmals editierten 470 Liebesbriefe an, die Netty Reiling, die später zu Anna Seghers wurde, an ihren späteren Ehemann László Radványi schrieb, der später den Namen Johann-Lorenz Schmidt annehmen wird. Als sie sich kennenlernen, sind beide erst 20 - die zwischen 1921 und 1925 entstandenen Briefe Nettys an László - seine Beiträge zur Korrespondenz sind nicht überliefert - zeugen bereits von ihrer großen, dauerhaften Liebe. Aber auch literarisch sind die Briefe von großem Interesse, wie uns nicht nur Weidermann versichert: Diese "unglaublich schönen, poetischen, zarten, strengen, literarischen Briefe" verweisen bereits auf den Fantasiereichtum und die schöpferische Kraft, die Seghers' literarisches Werk später ausmachen wird, meint er. Und über die vielen Spitznamen, die sich das Paar gibt - von Schläulehund über gezipfeltes Gnu bis hin zu Schlangenhäuptling - amüsiert er sich ebenfalls prächtig. Ähnlich urteilt Elke Schlinsog im Dlf Kultur über dieses Zeugnis eines Aufbruchs, das auch Einblicke in die wenig bekannten Jugendjahre der Seghers gewährt: So ist etwa zu lesen, wie tief die junge Frau aus wohlhabender Familie in der jüdischen Tradition verwurzelt war, aber auch, wie sich von ihrer Familie emanzipiert, ihren bolschewistischen Freund verteidigt und sich für dessen Ideen zu interessieren beginnt.
Ishbel Szatrawska
Die Tiefe
Roman
Voland und Quist Verlag. 450 Seiten. 28 Euro
(bestellen)
Ishbel Szatrawskas im Original 2023 erschienener Debütroman wurde in Polen zu einem der wichtigsten zehn Bücher des Jahres gekürt - und auch die deutsche Kritik ist begeistert: Wenn uns die polnische Autorin, die bisher vor allem als Theaterautorin von sich reden machte, in mehreren Generationen von einer Familie erzählt, deren Schicksal tief mit dem einstigen Ostpreußen verwoben ist, verliert sich nicht nur FAZ-Kritikerin Marta Kijowska gern in diesem erzählerischen Labyrinth: Neben allerhand Geheimnissen und vielen Figuren verschiedener Nationalitäten, spielt der Roman auch auf zwei Zeitebenen: In der Gegenwart forscht Heldin Alicja zu sexueller Gewalt an Frauen im Zweiten Weltkrieg, zugleich folgen wir ihrer Großmutter Janka, die in den Kriegswirren ein Kind mit einem Deutschen bekommt. Zudem führt Szatrawska immer wieder in Fantasiewelten zwischen Mythen, Träumen und Erinnerungen, flicht baltische und biblische Motive ein, beleuchtet aber auch die im Kommunismus verschwiegene Geschichte und krisengebeutelte Gegenwart der Region, lobt Kijowska. In der NZZ hebt auch Judith Leister hervor, dass die Autorin Geschichte nicht nur "überraschend neu" erzählt, sondern auch einen Blick auf die Probleme an der Ostgrenze Polens seit Putins Krieg gegen die Ukraine wirft.
Sachbuch
Irina Scherbakowa
Der Schlüssel würde noch passen
Moskauer Erinnerungen
Droemer Knaur Verlag. 328 Seiten 25 Euro
(bestellen)
Die russische Kulturwissenschaftlerin Irina Scherbakowa warnte früh vor den Entwicklungen in ihrem Heimatland, den immer autoritärer werdenden Strukturen, vor Putins Propaganda und seinem Imperialismus. Leider hörte der Westen nicht zu: "Wir haben immer wieder gesagt, wohin die Reise in Russland geht - auch wenn ich mir sicherlich diese Katastrophe nicht vorgestellt habe", sagte sie in einem Gespräch im Bruno Kreisky Forum in Wien nachdem Russland die Ukraine angegriffen hatte. In jenem Jahr verließ sie ihr Land schließlich, ging erst nach Israel und dann nach Deutschland. In ihrem neuen Buch geht sie nun der Frage nach, wie es nach der mit der Perestroika errungenen Freiheit zum Rückschritt in eine Putin-Diktatur kommen konnte. Mit "sprachlicher Klarheit" und ganz ohne Sentimentalität teilt Scherbakowa ihre Erinnerungen an die Aufbruchszeit in den Neunzigern, weiß Catrin Stövesand im Dlf. Es geht um ihre Nachforschungen zum Stalinismus, als die Archive geöffnet wurden, aber auch um eine Realität von Armut, Gewalt und Diebstahl. Und dann um den langsamen Rückfall in eine Romantisierung der Stalin-Ära. Auch Kerstin Holm verfolgt in der FAZ gespannt, wie Scherbakowa den Aufstieg Putins nachzeichnet und natürlich geht es auch um die von ihr gegründete Menschenrechtsorganisation Memorial, die sich seit 1987 für die Aufarbeitung der stalinistischen Verbrechen einsetzt, 2021 in Russland verboten und 2022 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, wie die beeindruckten Kritikerinnen erinnern.
Eli Sharabi
491 Tage
In den Tunneln der Hamas
Suhrkamp Verlag. 200 Seiten. 24 Euro
(bestellen)
Nach 491 Tagen kommt Eli Sharabi aus der Hamas-Gefangenschaft frei - und muss erfahren, dass seine Frau und seine beiden Töchter noch am 7. Oktober von der Hamas ermordet wurden. Sharabi ist der erste Überlebende, der von seinen Erfahrungen erzählt, in Israel und den USA ist das im Mai im Original erschienene Buch längst ein Bestseller. Es ist eine derart schmerzhafte Lektüre, dass der taz-Kritiker Klaus Hillenbrand immer wieder Pausen einlegen muss. Und doch, das versichern die deutschen Kritiker einstimmig, fällt weder ein pathetisches noch ein politisches Wort: Das Buch ist sachlich und zutiefst menschlich, versichert Hillenbrand, der hier von Psychoterror, Schlägen und Hunger, aber auch Überlebenswillen in den Tunneln der Hamas liest. Und dennoch, staunt er, beschreibt Sharabi die Entführer nie als "Monster", sondern als menschliche Wesen. Auch Stephanie von Oppen bewundert im Dlf Kultur Besonnenheit und Beobachtungsgabe des Autors, der kein Wort des Hasses verliert, sondern sich vielmehr auf die Beziehungen zu den Mitgefangenen konzentriert. Dass der Autor nicht literarisch verdichtet, sondern seinen Text als genauen Augenzeugenbericht vorlegt, erscheint auch Welt-Kritikerin Mara Delius richtig, ebenso der Verzicht auf eine politische Botschaft. Das Buch bietet auch keine Lösung des Konflikts, so Delius. Vielleicht besteht auch darin seine starke Wirkung.
Manfred Pfister
Englische Renaissance
Galiani Verlag. 480 Seiten. 98 Euro
(bestellen)
Diesen 2,6 Kilo schweren Prachtband möchte man nach Susanne Mayers hymnischer Zeit-Kritik sofort besitzen. Zum einen, weil das opulente Werk mit feinstem Papier, eleganter Schrift und großartigen Abbildungen daherkommt. Zum anderen, weil man nie wieder stutzen wird, wenn von "Englischer Renaissance" die Rede ist. Wie aufregend die Epoche war legt nun der Literaturwissenschaftler Manfred Pfister dar, freut sich Mayer: Anhand von 500 fein kuratierten Originaltexten, etwa von Shakespeare, John Milton oder Thomas Morus zeigt Pfister nicht nur die "ungeahnte Schönheit" der Sprache und die Wirkungsgeschichte der Texte. Er blickt auch darauf, dass soziale Grenzen fallen, die bis dato als unüberwindbar galten, erzählt Mayer, die vollkommen hingerissen ist von dem "frischen Ton" mit dem Pfister die Klassiker zu neuem Leben erweckt: Mal mit der Hilfe von Sting, mal mit er von Deleuze. "England wird den Kontinent um dieses Buch beneiden", frohlockt die Rezensentin.
Sven Beckert
Kapitalismus
Geschichte einer Weltrevolution
Rowohlt Verlag. 1280 Seiten. 42 Euro
(bestellen)
Das ideale Weihnachtsgeschenk für linke Väter. Bevor sie wieder mit ihren Tiraden über die üblen Folgen des Kapitalismus beginnen, müssen sie erst diesen Grabstein zur Seite rücken, um ihn zu exhumieren. Eine beeindruckende Globalgeschichte sei das, findet Martin Hubert im Dlf. Kapitalismus habe sich von von inselhaften Ökonomien aus über die ganze Welt verbreitet, lernt er bei Beckert, und so könnten sich auch gewissermaßen gallische Dörfer bilden, die ihn mit sozialstaatlichen Mitteln dämpfen. FAZ-Rezensent Lutz Raphael ist nicht ganz so begeistert. Ihm fehlen die Zukunftsideen, auch wenn auch dieser Autor - wie es bei diesem Thema Tradition ist - das Ende des Kapitalismus voraussagt. Eines wird sich aber kaum bestreiten lassen: Seit sich gezeigt hat, dass der Kapitalismus nicht zwangsläufig die Demokratie befördert, sondern auch in faschistischen und autoritären Systemen gedeiht, und einer "historisch beispiellosen" Ungleichverteilung ist er in der Krise, legt Beckert in einem Zeit-Interview dar - sicher der wichtigste Grund, dieses Buch zu lesen.
Steffen Martus
Erzählte Welt
Eine Literaturgeschichte der Gegenwart, 1989 bis heute
Rowohlt Berlin Verlag. 704 Seiten. 38 Euro
(bestellen)
Am Beginn der Arbeit zu seinem neuen Buch, das den Zusammenhang von Gesellschaftspolitik und Literaturgeschichte beleuchtet, stellte sich der Literaturwissenschaftler Steffen Martus eine interessante Frage, wie er bei einem Vortrag im Berliner Literaturhaus erklärte: Was würde passieren, wenn ein Historiker in hundert Jahren die Geschichte ab 1989 schreiben wollte, dafür aber nur auf literarische Quellen zurückgreifen könnte? Herausgekommen ist ein spannender Gang durch die jüngere Literaturgeschichte, in der Martus auch eine politische Antwort auf die gegenwärtige "Polykrise" sucht. Den großen literarischen Debatten der Nachwendezeit widmet er sich ebenso, wie beispielsweise der Frage, was Kim de L'Horizons "Blutbuch" mit der Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft zu tun hat. taz-Rezensent Dirk Knipphals sieht hier eine spannende Auseinandersetzung mit den Reflexionsleistungen der Literatur: da kommt Verdrängtes an die Oberfläche ("Feuchtgebiete"), Gefeiertes wird erinnert (etwa Rainald Goetz) und die großen Skandale, zum Beispiel um Serbien (Handke) oder Martin Walser und seine Friedenspreisrede werden klug auf ihre gesellschaftspolitische Relevanz hin befragt. Zeitzeugen können sich erinnern, Nachgeborene staunen, was Literatur einst vermochte, meint Knipphals. Für den Rezensenten ist das Buch aber mehr als ein Rück- oder Überblick. Wie sich Schreibweisen und Haltungen von Autoren im Zusammenspiel mit Gesellschaftsgeschichte entwickelt haben, erklärt Martus auch, freut sich Knipphals. Sehr gut besprochen wurde auch Helmuth Kiesels Band "Schreiben in finsteren Zeiten - Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1933 - 1945" (bestellen), den Welt-Kritiker Tilman Krause als neues Standardwerk preist.
Den Bücherbrief in seiner vollen Pracht können Sie auch per E-Mail betrachten. Dazu müssen Sie sich hier anmelden. Weiterempfehlen können Sie ihn natürlich auch.
Weitere Anregungen finden Sie in den Büchern der Saison vom Herbst 2025, Marie Luise Knotts Lyrikkolumne "Tagtigall", dem "Fotolot" von Peter Truschner, Angela Schaders Literaturkolumne "Vorworte", der Kolumne "Wo wir nicht sind" und in den älteren Bücherbriefen.
Literatur
Tezer ÖzlüDie kalten Nächte der Kindheit
Roman
Suhrkamp Verlag. 112 Seiten. 23 Euro
(bestellen)
Als vergangenes Jahr Tezer Özlüs Roman "Suche nach den Spuren eines Selbstmordes" mit vierzig Jahren Verspätung endlich in Deutschland publiziert wurde, waren die KritikerInnen hingerissen. Nun liegt auch das Debüt der 1986 verstorbenen türkischen Schriftstellerin in neuer Übersetzung von Deniz Utlu vor - und in der FAZ sieht Jan Wilm Özlü sie in einer Reihe mit Ingeborg Bachmann und Sylvia Plath. Wenn die Autorin in ihrem autobiografisch geprägten Roman von Unterdrückung und vom Suizidversuch in der Kindheit, später von Elektroschocktherapien und sexueller Gewalt in psychiatrischen Kliniken erzählt, kann Wilm nur staunen, wie Özlü dennoch immer wieder flüchtige Momente von Schönheit, Liebe und Trost schillern lässt. Özlus große Gabe ist es, den "Augenblick zu heiligen", schließt er. Sehr ähnlich urteilt Nico Bleutge im Dlf Kultur.
Arundhati RoyMeine Zuflucht und mein Sturm
S. Fischer Verlag. 368 Seiten. 26 Euro
(bestellen)
Arundhati Roys neues autobiografisches Buch erzählt uns von ihrer Mutter, über die sie im Buch selbst sagt: "Ein Stachelschwein kann man nicht umarmen." Denn das Verhältnis der indischen Schriftstellerin zu ihrer Mutter war kein einfaches: Mary Roy war eine feministische Vorkämpferin und Schulgründerin, eine gute Mutter war sie nicht. So zeichnet Roy ein ambivalentes Bild jener Frau, die Gisa Funk im Dlf treffend als "halb Monster, halb Heilige" beschreibt: In ihrer einzigartigen poetischen Prägnanz und überraschend freimütig, so Funk, erzähle Roy von den zahlreichen mütterlichen Gewaltausbrüchen und emotionaler Erpressung, aber auch von der Bewunderung der Tochter für diese Frau, die nicht nur allein drei Kinder großzog, sondern auch gegen alle Widerstände eine pädagogisch fortschrittliche Schule gründete und sich gegen Unterdrückung der Frauen einsetzte. Hymnisch fallen auch die übrigen Kritiken aus: Humor, Aufrichtigkeit, Bildreichtum und Einfühlungsvermögen hebt Oliver Jungen in der FAZ hervor, ein geradezu romanhaftes Memoir über ein "schlaues Scheusal" liest David Pfeifern in der SZ. Nur in der Welt wendet Sigrid Löffler nach einer packenden Lektüre ein: Das letzte Drittel sei ein wenig langweilig. Für die Zeit hat Volker Weidermann Roy getroffen.
David SzalayWas nicht gesagt werden kann
Roman
Claassen Verlag. 384 Seiten. 25 Euro
(bestellen)
Auf diesen mit dem Booker Preis ausgezeichneten Roman des Kanadiers David Szalay hatten wir bereits in unseren Büchern der Saison (mit noch mehr Tipps für intelligente Geschenke!) hingewiesen. Nicht nur, weil jetzt auch die deutschen Kritiken folgten, soll der Roman in unserem letzten Bücherbrief des Jahres noch einmal zu eigenem Recht kommen. Denn Szalay versteht es, mit einem äußerst wortkargen und nicht gerade einnehmenden Helden große Literatur zu schaffen: Jener Istvan, der, in Ungarn geboren, traumatische Erfahrungen im Krieg und auch in der Sexualität hinter sich hat und nun in London eher zufällig Karriere macht, reagiert auf die meisten Situationen, die ihm widerfahren, nur mit einem Wort: Okay. Überhaupt ist die Sprache im Roman minimalistisch und präzise gehalten, warnt Christiane Lutz in der SZ vor - aber genau darin, "Sprache auf ihr oft unschönes Gerüst zu reduzieren", liegt Szalays Kunst, meint sie. Lutz lässt sich zudem einnehmen von den vielen interessanten Figuren und Situationen, denen der Held ausgesetzt wird. Im Dlf erkennt Ursula März in Istvan einen Helden, den es in der Gegenwartsliteratur nicht mehr häufig gibt: Schweigsam, passiv, keine Einblicke in sein Innenleben gewährend, lediglich getrieben von instinktiven Kräften wie Sex und Gewalt. Wie der Autor das als typische maskuline Verhaltensweise, auch im Gegensatz zu den Frauen-Figuren im Roman, schildert, imponiert Cornelia Geißler in der FR.
Anna SeghersIch will Wirklichkeit
Liebesbriefe an Rodi 1921-1925
Aufbau Verlag. 405 Seiten 28 Euro
(bestellen)
Als literarische Sensation preist uns Volker Weidermann in der Zeit die hier erstmals editierten 470 Liebesbriefe an, die Netty Reiling, die später zu Anna Seghers wurde, an ihren späteren Ehemann László Radványi schrieb, der später den Namen Johann-Lorenz Schmidt annehmen wird. Als sie sich kennenlernen, sind beide erst 20 - die zwischen 1921 und 1925 entstandenen Briefe Nettys an László - seine Beiträge zur Korrespondenz sind nicht überliefert - zeugen bereits von ihrer großen, dauerhaften Liebe. Aber auch literarisch sind die Briefe von großem Interesse, wie uns nicht nur Weidermann versichert: Diese "unglaublich schönen, poetischen, zarten, strengen, literarischen Briefe" verweisen bereits auf den Fantasiereichtum und die schöpferische Kraft, die Seghers' literarisches Werk später ausmachen wird, meint er. Und über die vielen Spitznamen, die sich das Paar gibt - von Schläulehund über gezipfeltes Gnu bis hin zu Schlangenhäuptling - amüsiert er sich ebenfalls prächtig. Ähnlich urteilt Elke Schlinsog im Dlf Kultur über dieses Zeugnis eines Aufbruchs, das auch Einblicke in die wenig bekannten Jugendjahre der Seghers gewährt: So ist etwa zu lesen, wie tief die junge Frau aus wohlhabender Familie in der jüdischen Tradition verwurzelt war, aber auch, wie sich von ihrer Familie emanzipiert, ihren bolschewistischen Freund verteidigt und sich für dessen Ideen zu interessieren beginnt.
Ishbel SzatrawskaDie Tiefe
Roman
Voland und Quist Verlag. 450 Seiten. 28 Euro
(bestellen)
Ishbel Szatrawskas im Original 2023 erschienener Debütroman wurde in Polen zu einem der wichtigsten zehn Bücher des Jahres gekürt - und auch die deutsche Kritik ist begeistert: Wenn uns die polnische Autorin, die bisher vor allem als Theaterautorin von sich reden machte, in mehreren Generationen von einer Familie erzählt, deren Schicksal tief mit dem einstigen Ostpreußen verwoben ist, verliert sich nicht nur FAZ-Kritikerin Marta Kijowska gern in diesem erzählerischen Labyrinth: Neben allerhand Geheimnissen und vielen Figuren verschiedener Nationalitäten, spielt der Roman auch auf zwei Zeitebenen: In der Gegenwart forscht Heldin Alicja zu sexueller Gewalt an Frauen im Zweiten Weltkrieg, zugleich folgen wir ihrer Großmutter Janka, die in den Kriegswirren ein Kind mit einem Deutschen bekommt. Zudem führt Szatrawska immer wieder in Fantasiewelten zwischen Mythen, Träumen und Erinnerungen, flicht baltische und biblische Motive ein, beleuchtet aber auch die im Kommunismus verschwiegene Geschichte und krisengebeutelte Gegenwart der Region, lobt Kijowska. In der NZZ hebt auch Judith Leister hervor, dass die Autorin Geschichte nicht nur "überraschend neu" erzählt, sondern auch einen Blick auf die Probleme an der Ostgrenze Polens seit Putins Krieg gegen die Ukraine wirft.
Sachbuch
Irina ScherbakowaDer Schlüssel würde noch passen
Moskauer Erinnerungen
Droemer Knaur Verlag. 328 Seiten 25 Euro
(bestellen)
Die russische Kulturwissenschaftlerin Irina Scherbakowa warnte früh vor den Entwicklungen in ihrem Heimatland, den immer autoritärer werdenden Strukturen, vor Putins Propaganda und seinem Imperialismus. Leider hörte der Westen nicht zu: "Wir haben immer wieder gesagt, wohin die Reise in Russland geht - auch wenn ich mir sicherlich diese Katastrophe nicht vorgestellt habe", sagte sie in einem Gespräch im Bruno Kreisky Forum in Wien nachdem Russland die Ukraine angegriffen hatte. In jenem Jahr verließ sie ihr Land schließlich, ging erst nach Israel und dann nach Deutschland. In ihrem neuen Buch geht sie nun der Frage nach, wie es nach der mit der Perestroika errungenen Freiheit zum Rückschritt in eine Putin-Diktatur kommen konnte. Mit "sprachlicher Klarheit" und ganz ohne Sentimentalität teilt Scherbakowa ihre Erinnerungen an die Aufbruchszeit in den Neunzigern, weiß Catrin Stövesand im Dlf. Es geht um ihre Nachforschungen zum Stalinismus, als die Archive geöffnet wurden, aber auch um eine Realität von Armut, Gewalt und Diebstahl. Und dann um den langsamen Rückfall in eine Romantisierung der Stalin-Ära. Auch Kerstin Holm verfolgt in der FAZ gespannt, wie Scherbakowa den Aufstieg Putins nachzeichnet und natürlich geht es auch um die von ihr gegründete Menschenrechtsorganisation Memorial, die sich seit 1987 für die Aufarbeitung der stalinistischen Verbrechen einsetzt, 2021 in Russland verboten und 2022 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, wie die beeindruckten Kritikerinnen erinnern.
Eli Sharabi491 Tage
In den Tunneln der Hamas
Suhrkamp Verlag. 200 Seiten. 24 Euro
(bestellen)
Nach 491 Tagen kommt Eli Sharabi aus der Hamas-Gefangenschaft frei - und muss erfahren, dass seine Frau und seine beiden Töchter noch am 7. Oktober von der Hamas ermordet wurden. Sharabi ist der erste Überlebende, der von seinen Erfahrungen erzählt, in Israel und den USA ist das im Mai im Original erschienene Buch längst ein Bestseller. Es ist eine derart schmerzhafte Lektüre, dass der taz-Kritiker Klaus Hillenbrand immer wieder Pausen einlegen muss. Und doch, das versichern die deutschen Kritiker einstimmig, fällt weder ein pathetisches noch ein politisches Wort: Das Buch ist sachlich und zutiefst menschlich, versichert Hillenbrand, der hier von Psychoterror, Schlägen und Hunger, aber auch Überlebenswillen in den Tunneln der Hamas liest. Und dennoch, staunt er, beschreibt Sharabi die Entführer nie als "Monster", sondern als menschliche Wesen. Auch Stephanie von Oppen bewundert im Dlf Kultur Besonnenheit und Beobachtungsgabe des Autors, der kein Wort des Hasses verliert, sondern sich vielmehr auf die Beziehungen zu den Mitgefangenen konzentriert. Dass der Autor nicht literarisch verdichtet, sondern seinen Text als genauen Augenzeugenbericht vorlegt, erscheint auch Welt-Kritikerin Mara Delius richtig, ebenso der Verzicht auf eine politische Botschaft. Das Buch bietet auch keine Lösung des Konflikts, so Delius. Vielleicht besteht auch darin seine starke Wirkung.
Manfred PfisterEnglische Renaissance
Galiani Verlag. 480 Seiten. 98 Euro
(bestellen)
Diesen 2,6 Kilo schweren Prachtband möchte man nach Susanne Mayers hymnischer Zeit-Kritik sofort besitzen. Zum einen, weil das opulente Werk mit feinstem Papier, eleganter Schrift und großartigen Abbildungen daherkommt. Zum anderen, weil man nie wieder stutzen wird, wenn von "Englischer Renaissance" die Rede ist. Wie aufregend die Epoche war legt nun der Literaturwissenschaftler Manfred Pfister dar, freut sich Mayer: Anhand von 500 fein kuratierten Originaltexten, etwa von Shakespeare, John Milton oder Thomas Morus zeigt Pfister nicht nur die "ungeahnte Schönheit" der Sprache und die Wirkungsgeschichte der Texte. Er blickt auch darauf, dass soziale Grenzen fallen, die bis dato als unüberwindbar galten, erzählt Mayer, die vollkommen hingerissen ist von dem "frischen Ton" mit dem Pfister die Klassiker zu neuem Leben erweckt: Mal mit der Hilfe von Sting, mal mit er von Deleuze. "England wird den Kontinent um dieses Buch beneiden", frohlockt die Rezensentin.
Sven BeckertKapitalismus
Geschichte einer Weltrevolution
Rowohlt Verlag. 1280 Seiten. 42 Euro
(bestellen)
Das ideale Weihnachtsgeschenk für linke Väter. Bevor sie wieder mit ihren Tiraden über die üblen Folgen des Kapitalismus beginnen, müssen sie erst diesen Grabstein zur Seite rücken, um ihn zu exhumieren. Eine beeindruckende Globalgeschichte sei das, findet Martin Hubert im Dlf. Kapitalismus habe sich von von inselhaften Ökonomien aus über die ganze Welt verbreitet, lernt er bei Beckert, und so könnten sich auch gewissermaßen gallische Dörfer bilden, die ihn mit sozialstaatlichen Mitteln dämpfen. FAZ-Rezensent Lutz Raphael ist nicht ganz so begeistert. Ihm fehlen die Zukunftsideen, auch wenn auch dieser Autor - wie es bei diesem Thema Tradition ist - das Ende des Kapitalismus voraussagt. Eines wird sich aber kaum bestreiten lassen: Seit sich gezeigt hat, dass der Kapitalismus nicht zwangsläufig die Demokratie befördert, sondern auch in faschistischen und autoritären Systemen gedeiht, und einer "historisch beispiellosen" Ungleichverteilung ist er in der Krise, legt Beckert in einem Zeit-Interview dar - sicher der wichtigste Grund, dieses Buch zu lesen.
Steffen MartusErzählte Welt
Eine Literaturgeschichte der Gegenwart, 1989 bis heute
Rowohlt Berlin Verlag. 704 Seiten. 38 Euro
(bestellen)
Am Beginn der Arbeit zu seinem neuen Buch, das den Zusammenhang von Gesellschaftspolitik und Literaturgeschichte beleuchtet, stellte sich der Literaturwissenschaftler Steffen Martus eine interessante Frage, wie er bei einem Vortrag im Berliner Literaturhaus erklärte: Was würde passieren, wenn ein Historiker in hundert Jahren die Geschichte ab 1989 schreiben wollte, dafür aber nur auf literarische Quellen zurückgreifen könnte? Herausgekommen ist ein spannender Gang durch die jüngere Literaturgeschichte, in der Martus auch eine politische Antwort auf die gegenwärtige "Polykrise" sucht. Den großen literarischen Debatten der Nachwendezeit widmet er sich ebenso, wie beispielsweise der Frage, was Kim de L'Horizons "Blutbuch" mit der Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft zu tun hat. taz-Rezensent Dirk Knipphals sieht hier eine spannende Auseinandersetzung mit den Reflexionsleistungen der Literatur: da kommt Verdrängtes an die Oberfläche ("Feuchtgebiete"), Gefeiertes wird erinnert (etwa Rainald Goetz) und die großen Skandale, zum Beispiel um Serbien (Handke) oder Martin Walser und seine Friedenspreisrede werden klug auf ihre gesellschaftspolitische Relevanz hin befragt. Zeitzeugen können sich erinnern, Nachgeborene staunen, was Literatur einst vermochte, meint Knipphals. Für den Rezensenten ist das Buch aber mehr als ein Rück- oder Überblick. Wie sich Schreibweisen und Haltungen von Autoren im Zusammenspiel mit Gesellschaftsgeschichte entwickelt haben, erklärt Martus auch, freut sich Knipphals. Sehr gut besprochen wurde auch Helmuth Kiesels Band "Schreiben in finsteren Zeiten - Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1933 - 1945" (bestellen), den Welt-Kritiker Tilman Krause als neues Standardwerk preist.
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