Magazinrundschau - Archiv

The New York Review of Books

393 Presseschau-Absätze - Seite 6 von 40

Magazinrundschau vom 24.06.2019 - New York Review of Books

Vergangene Woche verglich der Autor und Aktivist Jean Ziegler im FR-Interview die Flüchtlingscamps auf der griechischen Insel Moira mit Konzentrationslagern (unser Resümee). Auch die New Yorker Kongress-Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez bezeichnete kürzlich die Flüchtlingszwischenlager an der Südgrenze der USA als "Konzentrationslager" - und löste eine heftige Debatte in den amerikanischen Medien aus. Mit Blick auf die Geschichte der Massenlager, die Ende des 19. Jahrhunderts im Zuge der Massenproduktion von Stacheldraht und Maschinengewehren auftraten und erstmals im kubanischen Unabhängigkeitskampf gegen Spanien eingesetzt wurden, findet die Historikerin Andrea Pitzer den Begriff nicht nur legitim, sondern spricht auch von einem neuen "Konzentrationslagersystem" in den USA. Sie befürchtet eine Institutionalisierung der Lager wie in Guantanamo und verweist auf die Zustände: "Am 11. Juni entdeckte ein Universitätsprofessor mindestens 100 Männer hinter Maschendrahtzäunen in der Nähe der Paso del Norte-Brücke in El Paso, Texas. Diese Häftlinge berichteten, sie hätten wochenlang draußen gesessen, bei Temperaturen von über 38 Grad. Taylor Levy, ein Anwalt der Einwanderungsbehörde in El Paso, berichtete, er sei in eine Einrichtung gegangen und habe "'einen vierjährigen Selbstmörder entdeckt, dessen Gesicht mit blutigen, selbst zugefügten Kratzern übersät war… Ein weiteres Kleinkind musste von seiner Mutter festgehalten werden, weil es mit Vollgas gegen Metallschränke rannte. Er war voller Blutergüsse.' Wenn die Entscheidung, was mit dieser wachsenden Zahl von Erwachsenen und Kindern, die in den USA Zuflucht suchen, zu tun ist, auf einer komplexen humanitären Politik und internationalen Gesetzen beruht, an denen die meisten Amerikaner kein großes Interesse haben, stellt sich  eine einfache Frage: Was genau sind diese Lager, die die Trump-Regierung eröffnet hat, und wohin führt dieses Programm der Masseninhaftierung?"

Es geht in der Debatte nicht um die Begrifflichkeit, meint Masha Gessen auch im New Yorker: Es ging Ocasio-Cortez vielmehr darum, das Unvorstellbare vorstellbar zu machen: "Der Holocaust und der Gulag sind solch ungeheuerliche Ereignisse, dass allein die Vorstellung, sie zu relativieren, ebenfalls ungeheuerlich erscheint. Das mcht sie allerdings auch unvorstellbar. Indem wir die Geschichte zu etwas erklären, das nie hätte passieren dürfen, schmieden wir sie zu etwas, das nicht passieren konnte. Der logische Fehlschluss wird unvermeidlich. Wenn etwas nicht passieren darf, dann ist das, was passiert, eben nicht dieses etwas. Was wir im wahren Leben sehen, oder zumindest im Fernsehen, kann unmöglich dasselbe ungeheuerliche Phänomen sein, vom dem wir kollektiv beschlossen haben, dass es unvorstellbar ist."

Magazinrundschau vom 14.05.2019 - New York Review of Books

Die Historikerin Maya Jasanoff gleicht eigene Erlebnisse in Kalkutta mit Debjani Bhattacharyyas aktuellem Buch "Empire and Ecology in the Bengal Delta: The Making of Calcutta" ab: "Die Vorstellung, der Imperialismus habe den Reichtum aus Indien abgezogen, wurde zu einem Grundprinzip des indischen Antikolonialismus. Aber wie der Wirtschaftshistoriker Tirthankar Roy gezeigt hat, waren die Auswirkungen der britischen Kolonialherrschaft auf die Entwicklung Indiens in Wirklichkeit sehr unterschiedlich und ungleichmäßig. Während die Armut im ländlichen Bengalen zunahm, florierte die Stadt Kalkutta als Produktionszentrum und Zentrum des Seehandels. Bhattacharyya macht jedoch deutlich, dass die Wirtschaft für die Elite boomte, die Arbeiterklasse jedoch zu kämpfen hatte. In den Jahren zwischen den Weltkriegen wuchs die arbeitende Bevölkerung der Stadt, und da Land in Kalkutta immer knapp war, stiegen die Mieten. Aus der Empörung der Bevölkerung gegen Bodenspekulanten und Profiteure entstand eine starke kommunistische Bewegung. Unterdessen trugen im ländlichen Bengalen eine Reihe von ökologischen und marktwirtschaftlichen Erschütterungen zur Verarmung der Jutebauern bei, sodass die ländlichen Gebiete durch den Anstieg der Reispreise während des Zweiten Weltkriegs in Hungersnot gerieten. Zehntausende hungernder Bauern machten sich verzweifelt auf nach Kalkutta, wo sie auf den Straßen an Hunger starben."

In einem anderen Beitrag liest Ben Fountain die Erfolgsgeschichte von Howard Schultz, lange Zeit Mr. Starbucks, mehrfacher Milliardär und die Personifikation des American Dream ("From the Ground Up: A Journey to Reimagine the Promise of America"), und entdeckt eine merkwürdige Melancholie, ja existenzielle Angst in dem Buch: "Ein Zustand, den er auf seine chaotische Kindheit zurückführt. Sein Vater, ein launischer Veteran des Zweiten Weltkriegs, lief von einem schlecht bezahlten Job zum nächsten. Schultz' Eltern stritten oft und heftig, meist über Geld. Ständig waren Geldeintreiber hinter ihnen her … Schultz ist sich der Komplexität der Dinge zu bewusst, um seinen Erfolg als Einlösung der Träume seines Vaters zu deuten, dessen Geist, Wut und Versagen das Buch durchziehen. Als Kind musste Schultz oft Geld von Nachbarn leihen. Und die Jüdische Familien-Vorsorge rettete die Familie vor dem Verhungern. Schultz schreibt: Kein Geld zu haben, betrifft Leib und Seele. Es kann sich äußern als Mangel an Sicherheit, Möglichkeiten, Mobilität, Gesundheit, Information, Zeit und Würde."

Magazinrundschau vom 30.04.2019 - New York Review of Books

Jacopo Tintoretto: Das letzte Abendmahl, circa 1563-1564, Chiesa di San Trovaso, Venedig


Anlässlich einer Schau in der National Gallery of Art in Washington untersucht der irische Schriftsteller Colm Tóibín die Wildheit Tintorettos:  "Während die Ausstellung in der Nationalgalerie versucht, Tintoretto als Maler mit vielen Gesichtern neu zu interpretieren, geht es ihr nicht nur darum, ihn als Porträtmaler und religiösen Maler mit klar vorgestellten dramatischen Szenen im neuen Licht zu präsentieren. Dies sind nur Aspekte eines Talents, das sich nicht begrenzen lässt. Die Ausstellung erinnert auch daran, dass Ruskin Recht hatte, wenn er von der Wildheit Tintorettos sprach. Sie wird sichtbar in einer Reihe von Gemälden, die ruhelos wirken, deren Muster nicht leicht zu erkennen ist, deren Wirkung aber dennoch kraftvoll und schockierend ist, weil das Auge nicht weiß, wo es sich niederlassen soll. Jeder Farbton, jede Farbe, jedes Gesicht, jedes Objekt fordert Aufmerksamkeit, ohne dass wir daran zweifeln, dass das Bild einen einzigen Moment an einem einzigen Ort darstellt. Es handelt sich um Action Paintings, belebt von theatralischem Eifer. Sie veranlassten Théophile Gautier, Tintoretto 'le roi des fougueux' zu nennen (den König der Feurigen, der Ungestümen)." Als Beispiel nennt Tóibín Tintorettos "Letztes Abendmahl" aus den Jahren 1563-1564: "Die Szene ist völlig chaotisch, als ob eine Explosion stattgefunden hätte. Christus befindet sich im Zentrum im oberen Teil des Bildes, hinter ihm ein Torbogen und der Blick auf eine Landschaft. Er allein wirkt fest, gelassen und unter Kontrolle. Er gestikuliert mit der rechten Hand. Er spricht. Die Apostel wirken wie unter Schock, in heller Aufregung, wie sie sich auf den Tisch stützen, die Arme ringen oder sich abwenden. Es hat die Aura einer weltlichen Szene, nichts Heiliges oder Anmutiges. Während Tintoretto um das Haupt Christi einen vagen Heiligenschein legt und er eindeutig als Führer identifizierbar ist, dem man zuhört, scheint es eher unwahrscheinlich, dass er mit dem bunten Haufen um ihn herum die Welt erlösen wird."

In einem anderen Text geht Coco Fusco der Thematisierung sexueller Gewalt gegen Frauen in der amerikanischen Kunst seit 1970 nach, wie sie ein Buch von Vivien Green Fryd ("Against Our Will: Sexual Trauma in American Art Since 1970") vornimmt: "Fryd konzentriert sich auf feministische Kunst, die die Allgegenwart von Vergewaltigungen in den Vordergrund stellt, und preist diese Kunst wegen ihrer Fähigkeit, die Überlebenden und das öffentliche Bewusstsein zu stärken. Sie konzentriert sich darauf, wie die Erfahrung der Überlebenden und nicht das Handeln des Täters dargestellt wird und wie das den Betrachter beeinflusst. Ihre Studie ist teils soziologisch, indem sie die Beziehung zwischen feministischen Kunstprojekten und feministischem politischem Aktivismus aufzeigt und ihre Auswirkungen auf öffentliche Debatten und Gesetze gegen sexuelle Belästigung und Missbrauch. Ungewöhnlich für eine kunsthistorische Studie ist, dass sich Fryd der 'Traumatheorie' bedient, und zwar sowohl für die Diskussionen der Rolle des Publikums als auch für ihre Analyse feministischer Kunst."

Magazinrundschau vom 24.04.2019 - New York Review of Books

Antonello da Messina, Annunciate Madonna, 1475-76, Galleria Regionale della Sicilia di Palazzo Abatellis, Palermo
Der Maler Antonello da Messina ist nicht so berühmt wie Michelangelo, Leonardo oder Caravaggio, aber gemalt hat er genauso gut. Fast überirdisch kommen Ingrid D. Rowland seine Bilder vor, die sie gerade in zwei Ausstellungen in Palermo (schon vorbei) und Mailand (noch bis 2. Juni) gesehen hat: "Antonellos wahre Themen sind universell: Liebe, Verzweiflung, Trauer, Vergnügen und vor allem Licht. Niemand, nicht einmal Leonardo oder Piero della Francesca, hat jemals so eindringlich darauf geachtet, wie Licht funktioniert. Er wusste nichts von Photonen oder elektromagnetischen Wellen, aber er verstand die Unterschiede zwischen Strahlen, Schimmer, Reflexionen, Leuchten, Brillanz und Glanz und nahm sie mit unheimlicher Durchdringung auf. Gleichzeitig war er ein Meister des psychologischen Details und der Natur und achtete darauf, die Reflexionen der unendlich kleinen Enten auf einem fernen Teich zu malen oder den Heiligen Hieronymus in seinem Arbeitszimmer zu beruhigen, indem er ihn mit der idealen Gesellschaft für einen Gelehrten umgab: einem gelassen herumstreifenden Löwen und einer schlafenden Tigerkatze. ... Von allen Gemälden Antonellos ist die bemerkenswerteste vielleicht seine Annunciate Madonna, eine junge Frau, die einen herrlichen, wahrhaft blauen Mantel um sich zieht, während sie die Botschaft aufnimmt, die ihr der Engel Gabriel gerade überbracht hat: Sie soll den Sohn Gottes gebären. Ihre rechte Hand ist ausgestreckt, als ob sie die überstürzte Ankündigung des Engels - oder die Zeit selbst - anhalten wollte - eine brillante Übung der Verkürzung und eine noch brillantere Übung in Licht, Schatten, Leuchtkraft und winzigen Glanzlichtern, die den Kurator Giovanni Carlo Federico Villa veranlassten, dies "die großartigste Hand der Renaissance-Kunst" zu nennen."

Magazinrundschau vom 26.03.2019 - New York Review of Books

Die Tunesier haben es geschafft, ihre Demokratie stabil zu halten. Aber die Korruption ist immer noch endemisch, die Bevölkerung verarmt und echte Reformen bleiben aus, heißt es. Das stimmt, aber dann auch wieder nicht: Der Vorschlag einer von President Beji Caid Essebsi eingesetzten Kommission, Erbschaften künftig gleichmäßig zwischen männlichen und weiblichen Verwandten aufzuteilen, hat gewaltige Unruhe hervorgerufen, erzählt Ursula Lindsey. Bisher galt die Scharia, die Männer in der Regel bevorzugt. "Der Gesetzesvorschlag verursachte letzten Sommer einen Aufruhr: Er wurde als großer Schritt in Richtung Gleichberechtigung gelobt und gleichzeitig als inaktzeptabler Bruch mit islamischen Prinzipien verdammt. Wenn ein solches Gesetz nicht nur verabschiedet, sondern auch angewandt würde, wäre es eine wahrhaft revolutionäre Reform, die die Wirtschaft und die Beziehungen zwischen den Geschlechtern neu gestalten würde. Aber es ist ein großes 'wenn'. Tunesiens düstere Lebensverhältnisse scheinen die vielen Vorbehalte zu rechtfertigen, die ich selbst von jenen gehört habe, die für Gleichberechtigung sind. Mir wurde gesagt, das Gesetz sei nur eine Schau, ein Ablenkungsmanöver, unrealistisch. Doch selbst die, die es unnütz fanden, hatten viel dazu zu sagen. Der Vorschlag ist Teil einer wachsenden, heftig geführten Debatte über Erbschaft und Gleichberechtigung hier und in anderen arabischen Ländern." In den nächsten Monaten soll über das Gesetz im Parlament abgestimmt werden.

Außerdem: Mark Mazower liest zwei neue Bücher über den Genozid an den Armeniern: Taner Akçams "Killing Orders: Talat Pasha's Telegrams and the Armenian Genocide" und Hans-Lukas Kiesers "Talaat Pasha: Father of Modern Turkey, Architect of Genocide". Und Susan Tallman besucht die Hilma-af-Klimt-Ausstellung im Guggenheim.

Magazinrundschau vom 12.03.2019 - New York Review of Books

Henry Louis Gates jr. unterhält sich mit dem nigerianischen Schriftsteller und Nobelpreisträger Wole Soyinka über Obama, Trump, Südafrika, die Rolle der Frauen in Afrika und den auch in Nigeria überhand nehmenden religiösen Fundamentalismus. Hier sieht Soyinka auch einen Fehler in der Afrikapolitik des von ihm sonst sehr geschätzten Barack Obama: "Sein Engagement für die Gleichberechtigung der Kulturen führte ihn hier manchmal auf den falschen Weg. Seine Erklärung von Kairo zum Beispiel hielt ich für eine Katastrophe im Hinblick auf die Befreiung der Menschheit, als er es - nicht unbedingt billigte, aber doch unterstützte -, dass jede Kultur das Recht habe, Frauen zur Verschleierung zu zwingen. Diese Art von Sprache machte den Begriff der Menschheit zu einem relativen Konzept. Für mich gibt es eine Menschheit oder nicht. Keine Kultur hat das Recht, ihre Weiblichkeit herabzusetzen. Auch wenn man nichts dagegen tun kann, darf man zumindest nie eine Erklärung abgeben, die irgendeine Form des kulturellen Relativismus unterstützt, nicht wenn es um die Würde und die Grundrechte der Menschheit geht."

Paul Starr nimmt noch einmal die Konterkritik gegen Jill Abramsons Medienkritik auf und weist auf die Stärken von "Merchants of Truth" hin, entdeckt aber auch eine bisher eher unterbelichtete Schwäche des Buches: "Der größte Fehler von Abramsons Buch ist, dass es ein allzu beruhigendes Bild des Journalismus bietet. Während ihrer Arbeit daran konnte sie die New York Times und die Washington Post bei einem finanziellen Aufschwung, BuzzFeed und Vice bei einem Aufschwung ihrer redaktionellen Standards beobachten. Die Dinge verbessern sich, so die Tendenz des Buches. In Wahrheit ist die Geschichte dunkler. Die Zeitungen im Land befinden sich weiter im freien Fall, und die digitalen Medien sind kein Ersatz. Seit 2004, so eine Studie von Penny Abernathy von der University of North Carolina, mussten etwa 20 Prozent der Zeitungen schließen, während viele der Überlebenden zu dem geworden sind, was Ken Doctor von Harvards NiemanLab NINOs (newspapers in name only) nennt: Werbedienstleister mit nur wenig lokaler Berichterstattung. Private Equity-Firmen haben viele von ihnen aufgekauft, um die letzten Gewinne aus ihnen zu saugen. Das neue Jahr brachte zudem Entlassungen bei digitalen Nachrichtendiensten wie BuzzFeed und Vice. Auch wenn die Times und die Post den digitalen Wandel erfolgreich meistern, gehören sie zu einer kleinen Gruppe nationaler Nachrichtenunternehmen, die groß genug sind, nennenswerte Aboeinnahmen zu generieren. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass der digitale Markt den lokalen oder regionalen Journalismus auf eine dem Print vergleichbare Weise tragen kann." Und Abramsons Bild der Nachrichten ist für Starr auch deshalb zu zahm, weil es die radikale Transformation der Rechten und die sozialen Medien nicht thematisiere. Zur Ergänzung von Abramsons Buch empfiehlt er die Lektüre von "Network Propaganda: Manipulation, Disinformation and Radicalization in American Politics" von Yochai Benkler, Robert Faris und Hal Roberts. Die Autoren, so Starr, beleuchten das neue "Media Ökosystem", indem sie zeigen, wie politische Nachrichten zwischen 2015 und 2018 verlinkt, geliked, geteilt und Falschinformationen verbreitet wurden.

Weitere Artikel: Amy Knight beschäftigt sich mit zwei Dokumentarfilmen und einem Buch über die Ermordung des Putin-Kritikers Boris Nemzow. Claire Messud stellt die mexikanische Autorin Valeria Luiselli vor.

Magazinrundschau vom 26.02.2019 - New York Review of Books

Roberto Saviano ist zutiefst empört, dass Donald Trump die Migranten, die sich aus Lateinamerika auf den Weg in die USA gemacht haben, als Drogendealer und "eiskalte Kriminelle" denunziert. Im Gegenteil, das sind alles Menschen, sagt er, die vor einem unerträglichen Leben fliehen: "Honduras bildet zusammen mit El Salvador und Guatemala das sogenannte nördliche Dreieck Mittelamerikas, eine der gefährlichsten Nicht-Kriegszonen der Welt. Was diese Region zu einer solchen Hölle auf Erden gemacht hat, ist die Tatsache, dass sie zwischen den wichtigsten Produzenten von Kokain - Kolumbien, Peru und Bolivien - und dem Hauptanbieter Mexiko liegt. Honduras hat außerdem zwei Küsten, eine in der Karibik und eine am Pazifik, was es zu einem bequemen Ankunfts- und Abfahrtsort für Kokainlieferungen und damit zu einem sehr attraktiven Ausgangspunkt für Menschenhändler macht. Die Migrantenkarawane folgt dem gleichen Landweg wie das Kokain, das jeden Tag in die USA gelangt. In den letzten Monaten haben einige über die Migranten gesagt: 'Anstatt wegzulaufen, sollten sie versuchen, die Situation in ihrem Land zu ändern'. So etwas kann nur sagen, wer mit der Situation in Honduras nicht vertraut ist. Jeder, der sich ihr widersetzt, der sie kritisiert oder zu ändern versucht, riskiert den Tod. Zwischen 2010 und 2016 wurden in Honduras mehr als 120 Umwelt- und Menschenrechtsaktivisten getötet."

Weitere Artikel: E. Tammy Kim berichtet über die #metoo-Bewegung in Südkorea. Jed Perl liest Roswitha Mairs Biografie über "Sophie Taeuber-Arp und die Avantgarde". Und Lynn Hunt vertieft sich in zwei Diderot-Biografien.

Magazinrundschau vom 05.02.2019 - New York Review of Books

Der Brexit hatte ein Gutes: Er ließ uns Fintan O'Toole entdecken, den Kolumnisten der Irish Times, der als Ire in England aufgewachsen ist und einen scharfen Blick auf die englische (nicht britische) Seele hat. Der britische Romancier Hari Kunzru ("White Tears") bespricht O'Tooles Buch "Heroic Failure - Brexit and the Politics of Pain" und sein Psychogramm der Brexiters: "Die Skrupellosigkeit der Patrizier ist einer beständigsten Züge des britischen Upper-Class-Charismas und eine Technik, Überlegenheit über die regelgläubigen, erbsenzählenden Streber der Bourgoisie zu demonstrieren. O'Toole identifiziert sie korrekt als eine Art 'camp'-Attitüde, die es erlaubt, eigene Fehler mit einem Lachen wegzuwischen und Ignoranz als Tugend auszugeben, die nur die eigene Unberührtheit von einer Sache beweist. Die fatale Anziehungkraft dieser Pose auf das englische Publikum ist verantwortlich für viele sonst unerklärliche Karrieren."

Weitere Artikel: Elaine Blair liest John Burnsides Buch über Henry Miller. Christopher R. Browning spürt mit Paul Hanebrink dem Mythos des jüdischen Bolschewismus nach.

Magazinrundschau vom 27.11.2018 - New York Review of Books

Von allen Büchern, die bisher über das System Donald Trump erschienen sind, ist dies das beste, meint der irische Autor Fintan O'Toole über Michael Lewis' "The Fifth Risk". Denn während Michael Wolff (hier) oder Bob Woodward (hier) versucht haben, Trump zu entlarven - als könnte der das selbst nicht am besten - kommt er bei Lewis kaum vor. Statt dessen guckt der genau dahin, wo nichts passiert, wo die Republikaner ihre Behauptung seit Reagan selbst wahrmachen, dass die Regierung nutzlos ist. Zum Beispiel in der Verwaltung, wo 139 von 704 Top-Posten nicht besetzt wurden. Dazu gehört die im Landwirtschaftsministerium angesiedelte Abteilung 'Lebensmittel, Ernährung und Verbraucherschutz', die ein Budget von 112,2 Milliarden Dollar im Jahr verwaltet. "Wenn Sie Lebensmittelmarken verachten, weil sie die faulen Armen ermuntern, sich aushalten zu lassen, wenn Sie Ihre Gewinne aus der Lieferung von Junk Food für Schulmahlzeiten erzielen, die an 30 Millionen amerikanische Kinder verfüttert werden, wenn Sie denken, dass die Gewährleistung gesunder Nahrung für schwangere Frauen und neue Mütter sozialistische Tyrannei ist, dann ist es am einfachsten, nichts zu tun. Vermeiden Sie jede Einweisungen durch ihre Vorgänger, damit Sie nicht lernen müssen, was diese Programme tun und warum sie es tun. Lassen Sie das Wissen und die Erfahrung, die in Menschen wie Concannon [dem Leiter der Behörde unter Obama] steckt, einfach verpuffen. Schaffen Sie ein Vakuum von Führung, Autorität und Verantwortlichkeit, das mit etwas Glück zu Gleichgültigkeit und Demoralisierung führen wird. Lassen Sie öffentliche Stellen an der Rebe verrotten und zeigen Sie dann auf die Fäulnis als Beweis dafür, dass Big Government nicht funktioniert."

Es gibt viele Gründe für die Bevorzugung von Minderheiten an Universitäten. Sie haben jedoch fast alle ihre Tücken. Mehr diversity zum Beispiel hieße, dass auch rechte Provinzler und Evangelikale aufgenommen werden müssten. Fokussiert man dagegen auf Rassismus, ist man auf der sicheren Seite, glaubt der Jurist Noah Feldman. "Ein gutes und faires Aufnahmeverfahren sollte nicht nur die Noten und Testergebnisse der Bewerber berücksichtigen, sondern auch die Hindernisse, mit denen sie konfrontiert sind. Dazu gehört die Erfahrung der strukturellen und wirtschaftlichen Ungleichheit, die in den Vereinigten Staaten zwangsläufig durch die Rasse beeinflusst wird. In diesem Sinne sollte die historische Rassendiskriminierung ein Faktor bei der Zulassung sein - nicht als rückwärtsgerichtete Wiedergutmachung, sondern wegen ihrer anhaltenden Auswirkungen auf die derzeitigen Bewerber. Es ist nicht rechtswidrig, die Auswirkungen des Rassismus auf die Antragsteller zu berücksichtigen, vorausgesetzt, dass diese Auswirkungen von Fall zu Fall anhand von Informationen, die sich aus Bewerbungsaufsätzen und soziologischen Bewertungen der Lebensumstände der Antragsteller ergeben könnten, berücksichtigt werden. Dies würde beispielsweise bedeuten, dass die Rasse der Bewerber an sich die Zulassung nicht beeinflusst, sondern nur indirekt, insofern die generationenübergreifende Diskriminierung ihre Erfahrungen und Möglichkeiten geprägt hat." Der Charme dieses Vorgehens besteht für Feldman vor allem darin, dass man Afroamerikaner gegenüber asiatischen Amerikanern bevorzugen könnte, ohne des Rassismus beschuldigt zu werden.

Außerdem: Elisa Gabbert liest Gedichte von A.E. Stalling und Terrance Hayes. Alex Traub berichtet über neue nationalistische Lehrpläne in Indien. Und Marcia Angell liest Bücher zur Opioid-Krise in den USA.

Magazinrundschau vom 13.11.2018 - New York Review of Books

Tief deprimiert taucht der Historiker Christopher Clark aus zwei Büchern auf, die sich mit den Kriegen der Zukunft befassen, "The Future of War" von Lawrence Freedman und Robert H. Latiffs "Future War": "Es ist schwer, nicht von der Erfindungsgabe der Waffenexperten in ihren Untergrundlabors beeindruckt zu sein, aber auch schwer, nicht an der Art und Weise zu verzweifeln, wie ein solcher Einfallsreichtum von größeren ethischen Imperativen abgekoppelt ist. Und man kann nicht umhin, sich von der kühlen, zustimmenden Prosa beeindrucken zu lassen, in der die Experten der Kriegsstudien ihre Argumente abfassen, als ob Krieg eine menschliche Notwendigkeit wäre und immer sein wird, ein Merkmal unserer Existenz, so natürlich wie die Geburt oder die Bewegung von Wolken. Ich erinnerte mich an eine Bemerkung des französischen Soziologen Bruno Latour, als er im Frühjahr 2016 Cambridge besuchte. 'Es ist sicherlich von entscheidender Konsequenz', sagte er und überraschte die betont säkularen Kollegen im Raum, 'zu wissen, ob wir als Menschen in einem Zustand der Erlösung oder Verdammnis sind'."

Alexander Stille kommentiert den Brief von Erzbischof Carlo Maria Viganò an Papst Franziskus. Viganò beschuldigt darin den Papst, Anzeichen sexuellen Missbrauchs in der Katholische Kirche zu ignorieren und zu verheimlichen: "Die größte Verantwortung für das Problem liegt bei Papst Johannes Paul II., der über 20 Jahre auf diesem Auge blind war. Zwischen Mitte der 80er und 2004 gab die Kirche 2,6 Milliarden Dollar für die Beilegung von Prozessen allein in den USA aus, für Schweigegelder für Opfer vor allem. Fälle in Irland, Australien, England, Kanada und Mexiko folgten dem gleiche n deprimierenden Muster: Opfer wurden ignoriert, schikaniert, Täter in neue Gemeinden versetzt, wo sie weiter missbrauchten … Franziskus steht unter großem Druck. Opfer fordern die Untersuchung der Verantwortlichkeiten von Bischöfen und Kardinälen, die Bescheid wussten und nichts unternahmen. In der Folge könnten viele Kirchenführer in den Ruhestand gezwungen werden, die Kirche würde das für Jahre paralysieren. Wenn Franziskus nichts tut, droht ebenfalls Paralyse. Die beste Option scheint noch zu sein, die Beteiligung der Laien in Kirchendingen zu fördern und Frauen als Diakonissinnen zuzulassen. Doch es könnte zu spät sein und zu wenig."

Außerdem: Bill McKibben gruselt es bei der Lektüre eines Reports über den Klimawandel. Jed Perl besucht zwei Delacroix-Ausstellungen. Yasmine El Rashidi liest zwei Romane von Ali Smith. Und Robert Kuttner beugt sich über Adam Toozes "Crashed: How a Decade of Financial Crises Changed the World".