Magazinrundschau - Archiv

The New York Review of Books

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Magazinrundschau vom 05.11.2019 - New York Review of Books

In der aktuellen Ausgabe des Magazins untersucht Peter W. Galbraith die Entwicklungen im Nordosten Syriens: "Wenn es zu einem längeren Konflikt mit den Kurden kommt, kann die Türkei sich nicht weiter auf die unzuverlässigen syrischen Vertreter verlassen, was bedeutet, dass eine große Zahl türkischer Truppen einem gut ausgebildeten entschlossen Gegner gegenüberstehen wird. Verlustreiche Kämpfe mit Wehrpflichtigen sind nie sehr populär … Für die Parteien in der Region heißt all das: Russland und Iran halten zu ihren Verbündeten, die USA nicht. Als das Assad-Regime 2015 kurz vor dem Kollaps stand, kamen Russland und Iran zur Hilfe. Als die Kurden den IS besiegten und den Iran in der Region zu bezwingen schienen, ließ Trump sie fallen, obwohl die Kosten einer weiteren US-Präsenz gering waren. Kurz vor dem 40. Jahrestag des Beginns des Teheraner Geiseldramas, wird diese neueste Demütigung durch die Amerikaner besonders süß schmecken. Die Zukunft der syrischen Kurden hängt davon ab, wie sich die Dinge entwickeln. Auch wenn das syrische Militär und staatliche Institutionen jetzt in den Nordosten zurückkehren, fehlen Damaskus die Ressourcen, die Gegend vollkommen zu kontrollieren. Mit 70000 Frauen und Männern unter Waffen bleiben die Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) eine starke kurdisch geführte militärische Macht, auch wenn die syrische Flagge ihre Uniformen ziert. Es ist auch nicht klar, ob die syrische Regierung die politischen Institutionen der Autonomen Verwaltung Nord und Ostsyriens (NES) in naher Zukunft auflösen kann oder will. Der SDF war weder Teil der Putin-Erdogan- noch der Pence-Erdogan-Vereinbarung. Obgleich er keine Wahl hat, den Schutz Russlands und der syrischen Regierung zu akzeptieren, heißt das nicht, dass er die Grenzregion, in der fast alle syrischen Kurden leben, aufgeben wird. Wenn Erdogan seinen Krieg fortsetzt, könnten die ethnischen Säuberungen gewaltig sein."

Weiteres: Tim Flannery liest Jacob Shells Buch über "Giants of the Monsoon Forest: Living and Working with Elephants". Elizabeth Bruenig schreibt über zwei Bücher, die sich mit Jesus, Maria und Magdalena beschäftigen. Und Zadie Smith vertieft sich in Celia Pauls Selbstporträt.

Magazinrundschau vom 22.10.2019 - New York Review of Books

In der aktuellen Ausgabe des Magazins stellt Sophie Pinkham ein Buch von Bathsheba Demuth vor über die Beringstraße zwischen Russland und Alaska und die Menschen und Tiere, die dort leben: "Auch wenn es sich bei 'Floating Coast' um eine Umweltgeschichte handelt, kann man es auch als Meditation über eine Biosphäre lesen. Demuth beschreibt großzügig diese Landschaft, die sie liebt, seit sie als Teenager zuerst dort war, doch nicht so sehr mit politischem oder wirtschaftlichem Blick. Sie interessiert sich für die Tiere, Wale vor allem, und nimmt die Perspektive des Meeres ein; Verträge und Handelsabkommen, Monarchen und Präsidenten fließen in der Ferne vorüber. Obwohl die Beringstraße das Zentrum ist, wandert das Buch mit den Kreaturen, deren Geschichte es dokumentiert, und folgt den Walfangflotten bis nach Japan und Hawaii. Eines von Demuths zentralen Anliegen ist der Energietransfer zwischen den Organismen. Sie schreibt: 'Am Leben zu sein, bedeutet, Teil einer Kette von Verwandlungen zu sein.' In der Arktis verwandelt sich Sonneneinstrahlung vor allem im Meer in Kalorien, da reflektierendes Eis und Schnee die Möglichkeiten zur Photosynthese an Land dezimieren. Algen und Plankton bilden die Basis für Ökosysteme, zu denen kalorienreicher Fisch gehört, Wale, Walrosse und Seehunde, die den Landbewohnern als Nahrung dienen. Für die Menschen in Beringia, die Chukchi, Iñupiat und Yupik, stellten diese Tiere nie einen austauschbaren Profitquell dar, sondern immer ein Überlebensmittel. Mythen von Tieren, die sich in Menschen verwandeln und umgekehrt bezeichneten eine biologische Wahrheit: Die Verwandlung von tierischem Fleisch in den menschlichen Leib."

Außerdem: Regina Marler liest zwei Bücher über Alfred Stieglitz. Und Linda Greenhouse stellt Evan Thomas' Biografie der Obersten Richterin Sandra Day O'Connor vor.

Magazinrundschau vom 01.10.2019 - New York Review of Books

In der New York Review of Books empfiehlt der Schriftsteller Jonathan Lethem wärmstens die Lektüre von Edward Snowdens Buch "Permanent Record": "Das intime Drama seiner Entdeckungen und Selbstentdeckungen, der Beginn seines Appetits auf Virtualität und Systeme, die Entwicklung seines Patriotismus sowohl in der frühen als auch in der späten Phase, seine kleinen Abenteuer als gewöhnlicher Arbeiter mit einem außergewöhnlichen Geist und vor allem die hilflose Entstehung seiner ethischen Krise - das ist großartige Lektüre. Was für ein seltsam gewöhnlicher Mann: Snowden ist entweder die am wenigsten rätselhafte Chiffre oder die gnomischste Nicht-Einheit, die es je gab. Man könnte ihm ewig dabei zusehen, wie er sich selbst studiert. ... Traurig stellt man fest, dass, würde ihm nicht nur vergeben, sondern er von der NSA wieder eingestellt werden, er genau der Richtige wäre, das technische Chaos zu beheben, das der andere, der frühere Edward Snowden, hinterlassen hat. Er würde einen guten Job machen."

Magazinrundschau vom 15.10.2019 - New York Review of Books

Dreißig Jahre nach den Revolutionen in Warschau, Leipzig, Prag und Budapest blickt Timothy Garton Ash nach Mitteleuropa und eruiert, was schief gelaufen ist in den post-kommunistischen Gesellschaften. Keine Frage, meint er, der große Graben verläuft noch immer zwischen den Gewinnern und den Verlierern der Wende, aber nicht nur der Wohlstand ist ungleich verteilt, sondern vor allem auch Aufmerksamkeit und Anerkennung. Und noch ein Ungleichgewicht gibt es: "Für mich persönlich ist es eine Quelle tiefer Befriedigung, dass so viele junge talentierte Polen, Ungarn, Tschechen und Slowaken nach Oxford kamen, um bei mir und meinen Kollegen zu studieren und wertvolle, produktive und befriedigende Lebenswege einschlugen. Aber sie führen ihr Leben selten zu Hause in ihren Ländern. Ich begegne ihnen eher in London, Paris, Wien oder Berlin. So schafft die individuelle Errungenschaft der Freiheit in den post-kommunistischen Ländern Europas das kollektive Problem der Emigration. Ihr Ausmaß ist erschütternd. Zwischen 1989 und 2017 emigrierten 27 Prozent der Bevölkerung aus Lettland, für Bulgarien liegt die Zahl bei fast 21 Porzent. Über drei Millionen Menschen verließen Rumänien in den gerade mal zehn Jahren nach dem Beitritt des Landes zur EU... Die Emigration ist das wahre Problem der Region, die Immigration ist das eingebildete."

In einem ebenfalls lesenswerten Essay verteidigt Zadie Smith die Freiheit der Fiktion, unter anderem gegen das Konzept der kulturellen Aneignung. Was ist so falsch daran, fragt Smith, andere Menschen zu imaginieren, sich in jemand anderen hineinzuversetzen? "Die Sprache ist zum bevorzugten Schlachtfeld geworden. Sie ist aber auch ein Behältnis, das Schreiben einengt. Der Begriff, den wir wählen - oder der uns angeboten wird - dient der Umschließung unserer Ideen, er formt und bestimmt die Art, wie wir denken oder denken, dass wir denken. Unsere Diskussionen über 'kulturelle Aneignung' zum Beispiel sind zwangsläufig von diesem Begriff beeinflusst. Und doch behandeln wir diese beiden sorgsam gewählten Wörter, als wären sie elementar, an sich neutral, vom Himmel geschickt. Dabei sind sie wie die gesamte Sprache verbale Behältnisse von Ideen, die nur das Aufkommen von bestimmten Gedanken zulassen, während sie die Möglichkeiten anderer begrenzen. Wie würden unsere Diskussionen über Literatur aussehen, frage ich mich, wenn wir das Schreiben über Andere nicht mit dem Begriff der kulturellen Aneignung labelten, sondern eher mit 'gegenseitiger Voyeurismus', 'tiefe Faszination für Andere' oder 'Belebung durch wechselseitigen Hautkontakt'? Unsere Debatten wären immer noch lebhaft, vielleicht auch immer noch wütend - aber ich bin sicher, sie wären nicht dieselben. Sind wir nicht ein bisschen zu passiv angesichts ererbter Konzepte? Wir erlauben ihnen, für uns zu denken, und sie stehen als Platzhalter da für das, worüber wir uns keine eigenen Gedanken machen."

Magazinrundschau vom 24.09.2019 - New York Review of Books

In der neuen Ausgabe des Magazins berichtet Madeleine Schwartz über Trumps Abschiebungsgerichte, die sich nicht selten unmittelbar an der Grenze zu Mexiko befinden und in denen direkt der Regierung unterstellte, nach ihren Anweisungen arbeitende Richter im Akkord Migranten ausweisen: "Trumps Bestreben, Einwanderung einzudämmen, bedeutet viel Arbeit für die Gerichte. Einige Richter arbeiten in Gerichten, andere aus Gefangenenlagern heraus oder direkt an der Grenze. Innerhalb einer Woche habe ich vier Gerichte im Rio Grande Valley besucht, zwei Einwanderungsgerichte, ein Bundesgericht sowie Zelte, in denen Anhörungen stattfinden. Viele Anhörungen, die zur Ausweisung führten, dauerten nur Minuten. In Port Isabel wurde ein Mann wegen Kreditkartenbetrugs angeklagt, der zuvor von Grenzkontrolleuren in einem Gefängnis vor Ort aufgegriffen wurde. Die Anklage wurde fallengelassen, aber der Mann war illegal eingereist. Der Beweis war ein I-213, ein 'Eintrag als abschiebungswürdiger/unzulässiger Ausländer', den die Grenzkontrolle vorgenommen hatte. In einem ordentlichen Gericht wäre der Beamte, der das Formular ausgefüllt hat, gehört worden. Im Einwanderungsgericht ist das Formular Beweis genug, wie mir vom American Immigration Council später erläutert wird. Der zuständige Richter nahm das Formular über den illegalen Grenzübertritt als unbestrittene Tatsache. Er erklärte dem Mann, dass die Anklage auf 'Entfernung' auf 'eindeutigen Beweisen' beruhe. Er wandte sich an die Frau des Mannes, eine US-Bürgerin, die in eleganter Aufmachung im Gericht erschien: 'Es gibt einen Weg, auf legale Weise zurückzukehren, verbauen sie sich den nicht.' Cesar de Leon, der Anwalt des Mannes, erklärte mir später, dass sein Klient mit einem Eintrag als illegal Eingereister wohl nicht mehr zurück zu seiner Familie in den USA gelangen würde."

Und in einem weiteren freigeschalteten Artikel untersucht Helen Epstein anhand zweier neuer Publikationen, wieso die Inuit in Kanada und Grönland die höchste Selbstmordrate der Welt verzeichnen.

Magazinrundschau vom 10.09.2019 - New York Review of Books

In der aktuellen Ausgabe der New York Review of Books stellt J. M. Coetzee das Buch des Iraners Behrouz Boochani vor, der darin von seinen Erfahrungen als Flüchtling in einem australischen Lager in Papua Neuguinea berichtet. Und auch wenn Coetzee versteht, dass Einwanderung in ein anderes Land begrenzt werden können muss, so denkt er doch - mit Blick auf Südafrikas im Prinzip unfreundliche, in der Realität menschlich-chaotische Einwanderungspolitik -, dass die australische Regierung effizientere, aber auch besonders inhumane Methoden einsetzt: "Gejagt vom iranischen Regime aufgrund seines Einsatzes für die Belange der Kurden floh der Autor 2013 über Indonesien, wurde in letzter Sekunde von einem nicht seetüchtigen Boot gerettet und in eins der Lager des Commonwealth von Australien im Pazifik verbracht, wo er bis heute ausharrt … Das Betreiben der Lager war von Anfang an geheim. Die Insassen wurden nicht beim Namen genannt, sondern erhielten Nummern, Fotografien waren verboten. Für Informationen über das Leben in den Lagern sind wir auf Berichte wie den Boochanis und die von australischen Ärzten und Sozialarbeitern angewiesen, die trotz Verbots mitteilen, was sie dort erlebt haben. Auf Basis dieser Informationen müssen wir folgern, dass es sich bei den Lagern in Manus und Nauru nicht nur um temporäre Unterbringungen handelt, sondern um Straflager, wo die Insassen oder bürokratisch gesprochen 'Klienten' eine unbegrenzte Strafe dafür absitzen, dass sie Australien ohne Papiere angesteuert haben. Die Haltung der australischen Wachen, viele von ihnen Veteranen aus Afghanistan und dem Irak, scheint geprägt von ständiger Gewalt, die durch die Vermutung, unter den Häftlingen befänden sich als Flüchtlinge getarnte islamische Terroristen, noch befeuert wird. Die Lokalbevölkerung betrachtet die Flüchtlinge nicht minder feindselig. 2014 wurde das Lager auf Manus von der Polizei und von Zivilisten gestürmt, die Insassen angegriffen und einer von ihnen getötet … Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise waren auf Manu 1353 und auf Nauru 1233 Menschen interniert. Für Nauru ist das Lagergeschäft lukrativ. Für jeden Internierten verdient es 1400 US-Dollar Visagebühren pro Jahr, Australien kostet ein Gefangener rund 38.000 US-Dollar jährlich. Für denselben Gefangenen würden die Kosten auf dem Festland nur 7000 Dollar jährlich betragen."

Magazinrundschau vom 06.08.2019 - New York Review of Books

Im Blog der New York Review of Books beklagt Sonia Faleiro die Methoden des amtierenden indischen Premiers Narendra Modi, dessen Amtszeit seit Mai 2014 vor allem durch Nichteinlösung seiner Wahlversprechen und das Stummstellen oppositioneller Stimmen auffällt: "Kritische Journalisten müssen mit Mord- oder Vergewaltigungsdrohungen und Verhaftung rechnen. Modi nennt sie 'Prostituierte' … Vergangenen Juli wurde die Show 'Master Stroke' des respektablen Fernsehmoderators Punya Prasun Bajpai auf die schwarze Liste gesetzt, nachdem er nachgewiesen hatte, dass eine Video-Konferenz zwischen Modi und Bauernvertretern, die das Wachstum im ländlichen Raum belegen sollte, gefälscht war. Die Bauern hatten beteuert, ihre Einkommen hätten sich unter Modi vervielfacht, aber Bajpais Reporter fanden heraus, dass die Bauern einem vorgefertigten Skript folgten. Bajpai wurde daraufhin gewarnt, dass Sender, die nur zehn Prozent ihrer Zeit kritisch über Modi berichteten, von seiner Partei  Bharatiya Janata (BJP) gemieden würden. Sprecher der Partei standen dem Sender nicht mehr für Interviews zur Verfügung. Nachdem Bajpai vom Sender angewiesen wurde, Modis Namen und Bild in keinem kritischen Bericht mehr zu verwenden, schmiss Bajpai hin. Für die anderen Medien ein abschreckendes Beispiel. Die Mehrheit von ihnen berichtet seither nurmehr noch über den Indian National Congress (INC), auch wenn die Partei als Opposition ausgedient hat, und kritisiert längst verstorbene Kongressführer wie Nehru. Unterdessen bestimmen eindeutige Falschmeldungen, etwa über Modis Einsatz für Minderheiten die Nachrichten."

Magazinrundschau vom 30.07.2019 - New York Review of Books

Unter besonderer Berücksichtigung von Oliver Mortons optimistischem Buch "The Moon: A History for the Future" rekapituliert James Gleick das Rennen zum Mond, das, ahem, von deutschen Ingenieuren ausgetragen wurde: "Geboren wurde es aus den Ruinen des V-2-Projekts. Mit einigem Recht nennt Douglas Brinkley in seinem Buch 'American Moonshot' die amerikanische Beschlagnahmung von Wernher von Brauns Blaupausen und Zeichnungen zusammen mit Tonnen an V-2-Teilen 'einen der großen technologischen Raubzüge der Geschichte'. Von Braun selbst schob schon lange Pläne, zu den USA überzulaufen, und der militärische Geheimdienst rollte ihm den roten Teppich aus und kehrte seine Kriegsverbrechen darunter. Die Rote Armee auf der anderen Seite schnappte sich Peenemünde und übernahm so viele Ingenieure und Raketenbauer wie sie finden konnte - weit weniger als von Braun den Amerikanern auslieferte, aber genug, um Stalins neues Raketenprogram zu starten."

In einem anderen Artikel erinnert Fintan O'Toole an den ersten und einzigen, noch dazu unverhohlen autobiografischen Roman von Boris Johnson - der Held "fährt mit dem Rad nach Westminster, ist seiner Frau untreu, ist auf schnoddrige Weise rassistisch und politisch opportunistisch und sieht aus wie ein soeben ertappter Ehebrcher auf der Flucht" - und benennt Parallelen und Unterschiede zwischen Trump und Johnson: "Während Trumps Anarchismus in Autoritarismus übergeht, geht Johnsons über in Nihilismus: Die Vagheit des Spaßmachers, die ihn an die Macht gebracht hat, wird ihm bei schweren Entscheidungen nichts nützen. Brexit ist längst kein Witz mehr. Aber was kommt da auf Johnson zu? Sein bester Witz, war gar keiner. Im November 2016 erklärte er, Brexit bedeute Brexit, und es würde ein titanischer Erfolg werden. In diesem historischen Moment des Handelns wider besseres Wissen ahnen die meisten von Johnsons Unterstützern , dass der Brexit tatsächlich die Titanic ist und sein ausweichendes Handeln nichts ausrichten wird. Aber wenn das Schiff schon untergeht, warum nicht mit Boris ein bisschen Spaß haben auf dem Oberdeck?"

Außerdem: Steven Simon and Jonathan Stevenson argumentieren gegen einen Krieg mit dem Iran. Und der Schriftsteller Joseph O'Neill liest zwei Bücher über Amerika als Nation: von Jill Lepore und Suketu Mehta,

Magazinrundschau vom 02.07.2019 - New York Review of Books

Michael Tomasky betrachtet die Riege der Kandidaten unter den Demokraten für das Präsidentschaftsamt. Bis April nächsten Jahres werden zwanzig Bewerber in zwölf Debatten um die Gunst des Wahlvolks ringen. Doch der Nominierungskampf könnte sich länger ziehen, denn die Wählerschaft ist zerstritten: Hier die zumeist älteren moderat Liberalen und dort die zumeist jungen Linken, die den Ton angeben, aber längst nicht so stark sind, wie sie in den Medien aussehen, wie Tomasky mit einer Reihe von Zahlen belegt. Vor allem Schwarze gehören eher zu den moderaten bis konservativen Liberalen: Einmal, weil sie oft religiöser sind als viele Weiße, und zum zweiten, weil sie mehr zu verlieren haben: "Die gegenwärtige Kluft scheint nicht nur ökonomisch, sondern auch ganzheitlich zu sein, mehr geprägt von Sensibilität, Erfahrung, Identität, emotionalen Reaktionen auf Macht und Ideen, wie man sie herausfordert und annimmt. Eine solche Kluft umfasst alle Themen: Wirtschaft, Geschlecht, Rasse, Klima - was auch immer. Es geht um eine grundlegende Weltanschauung, und solche Meinungsverschiedenheiten sind tiefer und weniger kompromissfähig. Wir werden sehen, was passiert, wenn die Abstimmung beginnt. Aber mit einem Establishment, das Bernie Sanders gern ausschließen würde, einer Sanders-Basis, die stets bereit ist, wahrgenommene Schwachstellen in Kriegsangelegenheiten zu verwandeln, mit Medien, die glücklich sind, diese Fehden im Namen von Klicks zu verstärken, und mit einem Präsidenten (und seinem Propagandanetzwerk, Fox News), der nur darauf wartet, Benzin auf jedes kleine demokratische Feuer zu werfen und es in ein Inferno zu verwandeln, sind die Vorwahlen eine potenziell gefährliche Situation."

Ansonsten ist die neue NYRB stark der Literatur gewidmet: Rachel Cusk schreibt über Yiyun Li, Deborah Eisenberg über Natalia Ginzburg und Robert Gottlieb (leider nicht online) über Ivo Andric.

Magazinrundschau vom 11.06.2019 - New York Review of Books

Natürlich hatten die Afrikaner eine Geschichte und Kultur vor der Kolonisierung. Es gab Reiche, Könige, Kriege und Handel. Man weiß nur wenig darüber. Howard W. French hat fünf Bücher gelesen, die versuchen, wenigstens einen Teil dieser Geschichte zu rekonstruieren. Dabei stellt sich heraus, dass afrikanische Herrscher ihren europäischen Kollegen an Pomp und Brutalität in nichts nachstanden. Aber es gab auch Ausnahmen, lernt er zum Beispiel aus Toby Greens "A Fistful of Shells: West Africa from the Rise of the Slave Trade to the Age of Revolution". Und es gab immer wieder afrikanische Könige, die Einfluss auf die Geschichte Europas hatten. Das Königreich Kongo zum Beispiel, bei der portugiesischen Ankunft in den 1480er Jahren bereits ein fortschrittlicher Staat mit gewählten Königen war, bekannte sich schnell zum Christentum, weigerte sich aber, Sklaven zu verkaufen: "Angesichts des Widerstands gründete Portugal 1575 in Luanda (heute Angola) eine an das Königreich angrenzende Kolonie, auf deren Grundlage es eine aggressive Destabilisierungskampagne gegen seinen alten Partner führte. Kongo widersetzte sich den Portugiesen beharrlich und wandte sich schließlich an Holland als Verbündeten, weil dieses Land noch nicht an der Sklaverei beteiligt war und ein Feind der damals vereinigten Königreiche Spanien und Portugal war. Der Brief von 1623 des Königs von Kongo, Pedro II., der ein Bündnis mit Holland initiierte, forderte 'vier oder fünf Kriegsschiffe sowie fünf oder sechshundert Soldaten' und versprach, 'die Schiffe und die Gehälter der Soldaten in Gold, Silber und Elfenbein' zu bezahlen. Holland trat bald der vorgeschlagenen Allianz bei und hoffte, dass durch die Unterbindung des Sklavenhandels in dieser Region, die allein mehr als die Hälfte der nach Brasilien und Spanisch-Indien verschleppten Sklaven lieferte, Brasilien selbst, eine Plantagengesellschaft und damals Portugals hauptsächliche Wohlstandsquelle, unrentabel würde."