
Dreißig Jahre nach den Revolutionen in
Warschau, Leipzig, Prag und Budapest blickt Timothy Garton Ash nach Mitteleuropa und eruiert, was schief gelaufen ist in den post-kommunistischen Gesellschaften. Keine Frage, meint er, der große Graben verläuft noch immer zwischen den Gewinnern und den
Verlierern der Wende, aber nicht nur der Wohlstand ist ungleich verteilt, sondern vor allem auch Aufmerksamkeit und Anerkennung. Und noch ein Ungleichgewicht gibt es: "Für mich persönlich ist es eine Quelle tiefer Befriedigung, dass so viele junge talentierte Polen, Ungarn, Tschechen und Slowaken nach Oxford kamen, um bei mir und meinen Kollegen zu studieren und wertvolle, produktive und befriedigende Lebenswege einschlugen. Aber sie führen ihr Leben selten zu Hause in ihren Ländern. Ich begegne ihnen eher in London, Paris, Wien oder Berlin. So schafft die
individuelle Errungenschaft der Freiheit in den post-kommunistischen Ländern Europas das
kollektive Problem der Emigration. Ihr Ausmaß ist erschütternd. Zwischen 1989 und 2017 emigrierten 27 Prozent der Bevölkerung aus Lettland, für Bulgarien liegt die Zahl bei fast 21 Porzent. Über drei Millionen Menschen verließen Rumänien in den gerade mal zehn Jahren nach dem Beitritt des Landes zur EU... Die Emigration ist das wahre Problem der Region, die Immigration ist das eingebildete."
In einem ebenfalls lesenswerten Essay
verteidigt Zadie Smith die
Freiheit der Fiktion, unter anderem gegen das Konzept der
kulturellen Aneignung. Was ist so falsch daran, fragt Smith, andere Menschen zu imaginieren, sich in jemand anderen hineinzuversetzen? "Die Sprache ist zum bevorzugten Schlachtfeld geworden. Sie ist aber auch ein Behältnis, das Schreiben einengt. Der Begriff, den wir wählen - oder der uns angeboten wird - dient der Umschließung unserer Ideen, er formt und bestimmt die Art, wie wir denken oder denken, dass wir denken. Unsere Diskussionen über 'kulturelle Aneignung' zum Beispiel sind zwangsläufig von diesem Begriff beeinflusst. Und doch behandeln wir diese beiden sorgsam gewählten Wörter, als wären sie elementar, an sich neutral, vom Himmel geschickt. Dabei sind sie wie die gesamte Sprache verbale Behältnisse von Ideen, die nur das Aufkommen von
bestimmten Gedanken zulassen, während sie die Möglichkeiten anderer begrenzen. Wie würden unsere Diskussionen über Literatur aussehen, frage ich mich, wenn wir das Schreiben über Andere nicht mit dem Begriff der kulturellen Aneignung labelten, sondern eher mit 'gegenseitiger Voyeurismus', '
tiefe Faszination für Andere' oder 'Belebung durch wechselseitigen Hautkontakt'? Unsere Debatten wären immer noch lebhaft, vielleicht auch immer noch wütend - aber ich bin sicher, sie wären nicht dieselben. Sind wir nicht ein bisschen zu passiv angesichts ererbter Konzepte? Wir erlauben ihnen, für uns zu denken, und sie stehen als Platzhalter da für das, worüber wir uns
keine eigenen Gedanken machen."