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Aktualisiert: Die Diskrepanz von Wählerstimmen zu Wahlmännerstimmen bei der Präsidentschaftswahl ist nicht durch "Gerrymandering" verursacht, sondern durch das Mehrheitswahlrecht, d.h. fallen 51% der Wählerstimmen eines Bundesstaates an einen Kandidaten, ist der ganze Bundesstaat gewonnen. "Gerrymandering" bezieht sich ausschließlich auf den unfairen Zuschnitt der Wahlkreise der Kongressabgeordneten.] Ein Trost ist, dass die Amerikaner
Donald Trump ja eigentlich
gar nicht gewählt haben - er hat bekanntlich gegen eine deutliche Mehrheit von drei Millionen Stimmen gewonnen. Eine der Ursachen dafür ist, dass vorwiegend die Republikaner, aber teilweise auch die Demokraten die Wahlkreise durch "
Gerrymandering" derart manipuliert haben, dass in vielen Staaten total verzerrte Konstellationen von Wahlmännern zustande kamen. Für die Wahlen im nächsten Jahr werden den Demokraten gute Chancen eingeräumt - vorausgesetzt, es läuft
einigermaßen fair ab. Unter dem schönen Titel "Ratfucked again"
legt Michael Tomasky sehr lesenswert dar, wie es zu dieser zugleich bizarren und für die amerikanischen Demokratie entscheidenden Lage kommen konnte - und er macht Hoffnung, dass sie zu einer Korrektur fähig ist. Die Hoffnung besteht darin, dass die Politiker den Zuschnitt der Wahlkreise unabhängigen Kommissionen übergeben müssen: "Im Juni wird der
Supreme Court über zwei Gerrymandering-Fälle verhandeln, einen aus Wisonsin, wo die Republikaner völlig willkürliche Linien zogen, einen in Maryland, wo die Demokraten die Übeltäter sind. Die Frage wird sein, ob eine Mehrheit des Gerichts nachvollziehbare Standards für parteiisches Gerrymandering definiert. Wenn ja, wird
eine Flut von Gerrymandering-Prozessen folgen, aus der die Reformer die Hoffnung ziehen, dass sie den Prozess der Wahlkreis-Definition ein für alle Mal den Politikern entreißen können."
Sehr eingehend
setzt sich der Romancier und Essayist
Darryl Pinckney (Autor unter anderem eines Romans mit dem Titel "Black Deutschland") mit den Essays
Ta-Nehisi Coates' auseinander, die ja inzwischen auch
auf Deutsch erschienen sind. Verdienstvoll unter anderem, dass er Coates in eine Traditionsline des "
Afro Pessimism" einordnet, zu der er etwa
Malxolm X oder
Frantz Fanon zählt - Denker, die aus der Geschichte der Unterdrückung von Schwarzen die
Konsequenz der Segregation ziehen. Ist es auch eine Generationenfrage?
Cornell West, Doyen der schwarzen Intellektuellen in den USA, ist jedenfalls mit Coates aneinandergeraten, und Pinckney, selbst 65, stimmt ihm zu: "West hat recht, oder jedenfalls bin ich auf seiner Seite, ein anderer alter Knacker, der glaubt, dass
Geschichte von Menschen gemacht wird. Afro-Pessimismus und seine Auffassung des Rückzugs als Transzendenz ist der 'white supremacy' genauso behaglich wie der einst von
Booker T. Washington verfochtene Rückzug zur Selbsthilfe. Afro-Pessimismus bedroht niemanden, und das weiße Publikum verwechselt seine Zerknirschung mit einem Lernerfolg. Leider irren sich schwarze Menschen, die die Fantasie vom Fortschritt aufgegeben haben, wenn sie glauben, mit Weißen gleichzuziehen, die stets mit sich zufrieden sind, egal, wer die Wahlen gewinnt. In der 'black church' gibt es keinen Afro-Pessimimus. Eine der überzeugendsten Aktionen gegen Afro-Pessimimus kam von
weißen Teenagern gegen Waffen, die sich in die 'March for Our Lives'-Demonstrationen mischten, um alle Jugendlichen einzubeziehen, die unter Gewaltkulturen leiden."