Magazinrundschau - Archiv

The New York Review of Books

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Magazinrundschau vom 09.11.2010 - New York Review of Books

Die Schriftstellerin Zadie Smith hat den Facebook-Film "The Social Network" nicht als fieses Porträt von Mark Zuckerberg verstanden, sondern als grausames Porträt unserer selbst, "500 Millionen fühlender Menschen, gefangen in der Gedankenwelt eines Harvard-Zweitsemestlers". In einem langen Artikel beschreibt sie ihr Unbehagen an Facebook, das den Wilden Westen des Internets gebändigt habe: "Alles schrumpft. Individueller Charakter. Freundschaft, Sprache. Empfindungen. Es ist auch ein transzendentales Erlebnis: Wir verlieren unsere Körper, unsere chaotischen Gefühle, unsere Sehnsüchte, unsere Ängste. Es erinnert mich daran, dass sich diejenigen von uns, die sich voller Abscheu vom inflationierten Selbst im liberal-bourgeoisen Sinn abgewandt haben, genau überlegen sollten, was wir uns wünschen: Unser entblößtes Netzwerk-Selbst sieht nicht freier aus, es sieht einfach nur in Besitz genommen aus."

William Easterly verrät das schmutzige Geheimnis der Entwicklungshilfe: "Trotz gegenteiliger Rhetorik kümmern sich die Nationen und Organisationen, die Hilfe geben und verteilen, nicht viel um Demokratie und unterstützen noch immer aktiv Diktatoren. Die herkömmliche Sichtweise ist, dass Geber Diktatoren nur während des Kalten Kriegs unterstützten, seitdem aber die Demokratie fördern. Das stimmt nicht... Paul Biya, der Diktator von Kamerun begeht 2010 sein 28. Jahr an der Macht mit einem weiteren Kredit des Internationalen Währungsfonds unter einem Fantasietitel wie 'Armut reduzierende Wachstumshilfe'. Biya, dessen Regierung auch beträchtliche Öleinnahmen genießt, erhielt während seiner Herrschaft insgesamt 35 Milliarden Dollar Hilfe. Doch wurde weder die Armut weniger noch gab es Wachstum in seinem Land. Der durchschnittliche Kameruner ist heute ärmer als 1982, da Biya die Macht übernahm."

Außerdem: Mit den Kongresswahlen befassen sich im Blog Mark Lilla, Ronald Dworkin und Jonathan Raban. Besonderes Augenmerk wirft David Bromwich auf die Demagogen Rush Limbaugh und Glenn Beck. Besprochen werden die derzeit in der Wiener Albertina gastierende Ausstellung "Picasso: Peace and Freedom", zwei neue Bob-Dylan-Biografien von Sean Wilentz und Greil Marcus sowie James Baldwins Schriftensammlung "The Cross of Redemption".

Magazinrundschau vom 26.10.2010 - New York Review of Books

Die Historikerin Anne Applebaum würdigt ausführlich Timothy Snyders Studie "Bloodlands" über die Massenmorde in Osteuropa unter Hitler und Stalin. Eigentlich sollte man Genozid sagen, und zwar zu beidem, meint sie nach der begleitenden Lektüre von Norman M. Naimarks Buch "Stalin's Genocides". Bis vor kurzem "galt es im Westen als politisch inkorrekt zuzugeben, dass wir den einen genozidalen Diktator mit Hilfe des anderen besiegt haben. Erst jetzt, seit so viel Material aus sowjetischen und zentraleuropäischen Archiven publiziert wird, wird der Umfang der sowjetischen Massenmorde im Westen besser bekannt. In den letzten Jahren haben einige Länder aus dem früheren Einflussgebiet der Sowjetunion - vor allem die baltischen Staaten und die Ukraine - angefangen, das Wort 'Genozid' in offiziellen Dokumenten zu benutzen, um die sowjetischen Massentötungen zu beschreiben. Naimarks kurzes Buch ist ein polemischer Beitrag zu dieser Debatte. Auch wenn er die dubiose politische Geschichte der UN-Konvention kennt, argumentiert er weiter, dass selbst nach der jetzigen Definition Stalins Angriff auf die Kulaken und die ukrainischen Bauern als Genozid gewertet wrden sollte. Ebenso Stalins gezielte Kampagnen gegen einzelne ethnische Gruppen.

Supermagnat Georges Soros fordert von der amerikanischen Regierung ein gewaltiges - von der Opposition allerdings verteufeltes - Konjunkturprogramm, das nicht den Konsum, sondern Investionen ankurbelt: "Eine große Mehrheit der Bevölkerung ist überzeugt, dass die Regierung unfähig ist, Investitionen effizient zu managen. Dieser Einstellung ist nicht ganz ungerechtfertigt: 25 Jahre wurde die Regierung miesgemacht, jetzt haben wir eine miese Regierung. Aber die Behauptung, dass Staatsausgaben unausweichlich vergeudet sind, ist falsch."

Weiteres: Gar nichts hält Diane Ravitch von Davis Guggenheims Dokumentarfilm "Waiting for Superman", der davon erzählt, wie sehnsüchtig fünf Schüler darauf hoffen, es endlich von ihren öffentlichen Schulen zu einer halbprivaten Charter School zu schaffen. Cathleen Schine preist Jenniger Egans Roman "A Visit from the Goon Squad". Jonathan Mirsky würdigt Friedensnobelpreitsräger Liu Xiaobo. Und Daniel Mendelsohn liest Oscar Wilde.

Magazinrundschau vom 12.10.2010 - New York Review of Books

In einem sehr spannenden Artikel erzählt die Tänzerin und Journalistin Alma Guillermoprieto die Tragödie des in Gewalt versinkenden Mexikos. Aus einer Reihe von Neuerscheinungen zum Thema schließt sie, dass Präsident Calderons Krieg gegen die Drogen nicht verliert, sondern dass er ihn nicht führt. Gerade musste die Regierung 3.200 Bundespolizisten entlassen, die auf der Gehaltsliste der Drogenclans standen. Und Guillermoprieto erzählt von einem Massaker nahe San Fernando, bei dem die Bande der Zetas 72 Migranten auf dem Weg in die USA stoppte und niedermetzelte, "aus Zorn, einer Laune, Langeweile oder Gewohnheit": "Bemerkenswert daran ist auch die Reaktion von Mexikos Regierung auf diese Tragödie. Nach den ersten Berichten in der Zeitung El Universal, wurden die Truppen eines Armeepostens, vierzehn Meilen von der Ranch entfernt, von einem Überlebenden des Massakers benachrichtigt, aber sie begaben sich nicht sofort zum Tatort, weil sie, so sagte der Bericht, Angst hatten, selbst angegriffen zu werden. Die ersten Truppen erreichten den Ort erst einen Tag, nachdem sie der Überlebende informiert hatte. Und das bei einem Militär, das von seinem Oberkommandierenden die Order zu einem Krieg mit allen Mittel gegen den Drogenhandel bekommen hat."

Robert Darnton gibt den Traum von einer Nationalen Digitalen Bibliothek, unabhängig von Google, nicht auf. Voraussetzung wäre ein Copyright, dass dem Gedanken Rechnung trägt, dass "hinter der Republik von Amerika eine andere Republik stand, die die Verfassung überhaupt erst möglich machte, die Republic of Letters - ein Informationssystem, das vom Stift und der Druckerpresse befeuert wurde, ein Feld des Wissens, das jedem offen stand, der lesen und schreiben konnte". Das Copyright auf Ideen wollte Jefferson, daran sei noch mal erinnert, auf 19 Jahre nach Erscheinen des Werks beschränkt wissen (mehr dazu von Lewis Hyde).

Weiteres: J.M. Coetzee bespricht Philip Roth' neuen Roman "Nemesis", verrät leider die Pointe und schließt ungnädig: "Nirgendwo spürt man die kreative Flamme glühen oder den Autor von seinem Stoff wirklich gefordert." Christopher de Bellaigue sondiert die Lage in Afghanistan, wo die Taliban einige Kriegserfolge verbuchen konnten. Und Tim Flannery liest eine Geschichte von der Rettung tausender Pinguine in Südafrika.

Magazinrundschau vom 19.10.2010 - New York Review of Books

Die NY Review of Books hat aus ihrer aktuellen Ausgabe noch zwei interessante Artikel online gestellt: Der Historiker Timothy Snyder bespricht den Roman "Paranoia" des 1977 geborenen weißrussischen Autors Viktor Martinowitsch, der die großen Themen der Dissidentenliteratur - Herrschaft, Überwachung, Verrat - noch einmal aufgreift. Das Land, in dem "Paranoia" spielt, hat keinen Namen, aber Snyder kam doch sehr vieles aus Weißrussland sehr bekannt vor: "Im Zentrum von Minsk erstrecken sich die Wohnblocks über mehrere Meilen ohne eine einzige Bank. Die Botschaft ist klar: Wenn du fertig bist mit deiner täglichen Arbeit, kehr zurück in deine Wohnung. Aber das Heim an sich ist im sowjetischen System, von dem Lukaschenkos Weißrussland in vielerlei Hinsicht eine Fortsetzung ist, gewährt nicht wirklich eine Privatsphäre im westlichen Sinne. Wenn auch Privatbesitz gesetzlich anerkannt wird, kann Eigentum durch Formalitäten jederzeit in Frage gestellt werden. Vier Fünftel aller Arbeiter sind beim Staat angestellt, so dass fast niemand eigenständig in der Lage ist, Miete oder Hypotheken zu bezahlen. Viele Staatsangestellte arbeiten mit Einjahresverträgen. Wenn sie auch nur einen Anflug von Ungehorsam gegenüber dem Regime zeigen, kann ihnen durch die diskrete Maßnahme der Nichterneuerung die Existenzgrundlage entzogen werden."

Außerdem stellt Geoffrey O?Brien Harvey Cohens Biografie über Duke Ellington vor, die sehr fesselnd erzähle, wie Amerika Ellington und Ellington Amerika formte. Und es erzählt von seinen Anfängen: "Musik war nicht Ellingtons erste Karrierewahl. Er zeichnete gern und besuchte eine kommerzielle Kunstschule. Als Teenager leitete er einen Schildermalbetrieb. Doch mit fünfzehn entdeckte er Nutzen und Vergnügen der Musik. Das nötige musikalische Wissen erwarb er nicht systematisch - er verließ Mrs. Clikscales' Unterricht schon früh -, sondern indem er bei jeder musikalischen Begegnung so viel wie möglich in sich aufnahm."

Magazinrundschau vom 28.09.2010 - New York Review of Books

Was soll man noch über eine Fernsehserie sagen, die bereits von enthusiastischen Zuschauern, Doktoranden und vor allem dem Produzenten selbst neben die griechischen Tragödien, Homer, Shakespeare, Dickens, Tolstoi und Melville gehoben wurde? Die Autorin Lorrie Moore fürchtet sich nicht und setzt "The Wire" ein eigenes kleines Denkmal: "Der verblüffendste Satz, den [Autor David] Simon über 'The Wire' sagte, handelt vom 'Tod der Arbeit'. Damit meint er nicht den Verlust von Arbeitsplätzen, owohl es den sicher gibt, sondern den Verlust der Integrität innerhalb unserer Arbeitssysteme. Statt der Macht die Meinung zu sagen, guckt man auf den eigenen Vorteil und biedert sich bei den Vorgesetzten an. In einem Pokerspiel mit dem Bürgermeister steigt einer mit einem Flush aus, um den Bürgermeister gewinnen zu lassen. Polizeidezernate manipulieren ihre Statistiken für die Politiker, Schulen tun dasselbe, Zeitungen - Preise und Aktionäre vor Augen - erfinden Geschichten. Zudem wird in der Welt von 'The Wire' fast jeder bestraft, der versucht, gegen das System aufzumucken und das richtige zu tun. Und zwar oft ernsthaft, grotesk, herzzerbrechend bestraft."

Außerdem: Kardinal Theodore E. McCarrick macht noch einmal auf die gefährliche Situation der Christen im Irak aufmerksam. Besprochen werden Robert Gottliebs Sarah-Bernhardt-Biografie, zwei Bücher über die somalischen Piraten und zwei Bücher über die französische Fremdenlegion. Leider nur im Print: Adam Kirschs Besprechung der Gedichte von Durs Grünbein.

Magazinrundschau vom 14.09.2010 - New York Review of Books

In der Debatte über den Islam in den USA und die Moschee nahe Ground Zero erinnern R. Scott Appleby und John T. McGreevy daran, wie renitent Katholiken sich über Jahrhunderte allen Integrationsbemühungen in den USA verweigert haben (sie sprachen kein Englisch, besuchten nicht die öffentlichen Schulen) und schöpfen daraus Hoffnung: "Das Großartige am amerikanischen Experiment der religiösen Freiheit liegt genau in diesem langfristigen Vertrauen, dass gleiches Recht für alle religiösen Gruppen die Loyalität begründen wird, die jede demokratische Gesellschaft braucht."

Weiteres: Mit großer Sympathie schreibt Charles Baxter über Jonathan Franzens Roman "Freedom", ist am Ende aber doch enttäuscht, von gravierenden Konstruktionsfehlern und dem "Quietismus", in den sich Franzen zum Schluss flüchte: "Alle größeren Schlachten wurden verloren und Trost lässt sich allein im Gewinnen der kleineren finden: 'Freiheit' möchte die Bush-Jahre bewältigen und wird von ihnen am Ende besiegt."

Paul Krugman und Robin Wells besprechen die aktuelle Literatur zur Wirtschaftskrise. Große Authentizität kann Nicholas Lemann David Simons HBO-Serie "Treme" über das New Orleans vor Katrina bescheinigen.

Magazinrundschau vom 03.08.2010 - New York Review of Books

Undifferenziert und unausgewogen findet der Historiker Malise Ruthven (mehr hier) Ayaan Hirsi Alis Buch "Nomad" und Paul Bermans "Flight of the intellectuals" (Auszug), in dem Berman über Tariq Ramadan und die ihm wohlgesonnenn westlichen Intellektuellen recherchiert. Er wirft Berman vor, den Islamismus mit dem Faschismus gleichzusetzen: "Auch wenn die Skandale, die europäische Linke und Konservative so aufregen - die Rushdie-Affäre, die Mohammed-Karikaturen, die verbalen Attacken auf Israelis und ihre Unterstützer bei Campus-Treffen - einige der hässlicheren Episoden aus den 1930ern in Erinnerung rufen, so sind sie doch keine logische Folge eines Islamofaschismus oder protomarxistischer Ideologien, sondern Folge von Kämpfen um umstrittene Symbole, die Gruppenidentitäten und gemeinschaftliche Zugehörigkeiten bestimmen. Die islamistische Bewegung ist kein ideologischer Monolith, der von der Macht eines Industriestaates gestützt wird - auch wenn es hässliche Untertöne wie den Export mittelalterlicher Vorurteile gegen Homosexuelle, Frauen und Juden durch ölreiche Länder gab. Alle islamistischen Bewegungen suchen Legitimität, indem sie sich auf das symbolische Kapital alter religiöser Traditionen beziehen. Aber da es - anders als im Christentum - keine zentral organisierten Institutionen gibt, die in der Lage wären, diese symbolische Aufrüstung zu managen und zu kontrollieren, bleibt ein hoher Anteil an Anarchie - zum Teil mit terroristischen Einschlägen - bestehen."

Magazinrundschau vom 29.06.2010 - New York Review of Books

Tim Parks kann den Überschwang nicht teilen, mit dem sich Aleksandar Hemon in seiner Anthologie "Best European Fiction 2010" und Edith Grossman in ihrer Schrift "Why Translation Matters" für die Übersetzung internationaler Literatur stark machen. Er stichelt gegen diese Form des literarischen Antiimperialismus, weist darauf hin, dass auch in Deutschland vor allem amerikanische Genreromane übersetzt werden und sieht im Ergebnis die Literatur eintöniger werden: "Jeder Schriftsteller wendet sich vertrauensvoll an eine internationale liberale Leserschaft auf Kosten der provinziellen Bigotterie und Heuchelei. Dies trifft umso mehr zu, wenn an die Stelle des Humors direkte Denunziation tritt: Der polnische Autor Michal Witkowski berichtet vom Schicksal eines slowakischen Strichers in Wien, der Kroate Neven Usumovic erzählt von einem illegalen Immigranten in Budapest, der von einheimischen Jugendlichen gefoltert und einem Chinesen gerettet wird. Es ist, als würde die Literatur nicht so sehr andere Kulturen reflektieren und uns zwingen, in das Exotische einzutauchen, als vielmehr Berichte von Unzulänglichkeiten und Ungerechtigkeiten an eine internationale Gemeinschaft zu übermitteln, auf deren Mitgefühl man sich verlassen kann. Diese Autoren scheinen eher ausgezeichnete Auslandskorrespondenten zu sein als Ausländer. Über den Erdball werden die literarische Grundhaltungen immer homogener."

Mit Grauen hat Ian Buruma die Verwandlung seines alten Freundes Christopher Hitchens von einem trotzkistischen Vietnamkriegsgegner in einen neokonservativen Irakkriegsbefürworter und Gegner von Religionen jeder Art beobachtet. An den Erinnerungen "Hitch 22" stört Buruma aber vor allem Hitchens Hang zu Extremen: "Politiker und Menschen, mit denen Hitchens nicht einverstanden ist, werden nie einfach nur mit Namen genannt, es geht immer um den 'gewohnheitsmäßigen und professionellen Lügner Clinton', 'den frömmelnden Wiedergeburtswiderling Jimmy Carter', Nixons 'unbeschreiblich verabscheuungswürdigen Henry Kissinger, der Untermenschen-Charakter Videla', und so weiter. Dies legt nahe, dass für Hitchens Politik ihrem Wesen nach eine Sache des Charakters ist. Politiker tun schlechte Dinge, weil sie schlechte Menschen sind. Die Vorstellung, dass gute Menschen schreckliche Dinge (selbst aus guten Gründen) tun können, und schlechte Menschen gute Dinge, kommt in diesem speziellen Moraluniversum nicht vor."

Magazinrundschau vom 08.06.2010 - New York Review of Books

Der Historiker Timothy Snyder hat das neue Buch seines Kollegen Christopher R. Browning gelesen, "Remembering Survival", das die Geschichte des Zwangsarbeiterlagers Wierzbnik rekonstruiert. Sehr deutlich wurde Snyder dabei, wie skrupellos und leider auch erfolgreich die Nazis Polen und Juden gegeneinander ausgespielt haben. Snyder erzählt zum Beispiel, wie Deutsche Juden zwangen, Polen zu hängen, und resümiert: "Das ganze Jahr 1941 über debattierten Polen den politischen und rechtlichen Status, den Juden nach dem Krieg in Polen haben sollten. Die Exilregierung war der Ansicht, dass Nachkriegspolen eine Demokratie ohne rassistische Diskriminierungen sein sollte. Doch die Nationalisten in der Regierung zogen diese Position in Zweifel. Die polnischen Debatten über die 'jüdische Frage' hörten erst auf, als Adolf Hitlers Antwort darauf klar wurde. Die Lage der polnischen Juden wurde für Exilregierung und die Heimatarmee zur drängenden Frage, als die Deutschen in den letzten Wochen des Jahres 1941 die Juden zu vergasen begannen. Anfang 1942 glaubten die polnischen Führer, dass Nachrichten von den schockierenden deutschen Taten Reaktionen in Großbritannien und den USA auslösen würden. Die Heimatarmee dachte, dass Enthüllungen über die Existenz von Vergasungsanlagen die Deutschen zwingen würde aufzuhören. (...) Vergebens. Die Deutschen waren nicht beschämt, und die westlichen Alliierten griffen nicht ein."

Besprochen werden außerdem Martin Amis' Roman "The Pregnant Widow" (von dessen "lustigem essayistischen Ton" Edmund White einfach hingerissen ist), Andre Agassis Autobiografie "Open" und eine Reihe von Neuerscheinung und schon etwas älteren Ausstellungen zum Bauhaus.

Nicht online ist Charles Rosens Hymne auf Chopin. Nur den Anfang darf man lesen: "Die orthodoxe Sicht auf Chopin als Miniaturisten ist inzwischen ziemlich obsolet, überstrapaziert, diskreditiert. Viele seiner längeren Stücke- Balladen, Scherzi, Sonaten, Große Polonaisen, Fantasien, Barcarollen - sind länger als ein durchschnittlicher Satz bei Beethoven."

Magazinrundschau vom 25.05.2010 - New York Review of Books

Schön ironisch findet Sue Halpern, dass ausgerechnet Steve Jobs, der noch vor zwei Jahren verkündet hatte, dass "die Leute nicht mehr lesen", nun mit seinem Ipad sich und den Verlagen das große Geschäft mit elektronischen Büchern verspricht. In ihren Augen kann das Ipad aber nicht mit ihrem Favoriten, dem Nook von Barnes and Nobles, mithalten, das man erstens auch in der Sonne lesen kann und das zweitens auf einem freien Format basiert: "Die Open Source und Creative Commons Bewegung entstammen beide der essentiellen Freiheit des Internets, die Designern und Filmemachern, Sängern und Handwerkern, Schriftsteller, Aktivisten, Politikern, Künstlern und Unternehmen, vielen von ihnen Unternehmer, erlaubt, ihre Ideen zu entwickeln und zu verbreiten. Wie würden das Internet - und unser Leben - aussehen, wenn Marc Andreessen und Eric Bina nach Erfindung ihres Mosaic-Browsers den Nutzern nicht nur abverlangt hätten, diesen zu kaufen, sondern auch noch für jeden einzelnen Klick, Download oder Page-View zu zahlen. Versuchen Sie sich vorzustellen, wie sich ein privatisiertes, kostenpflichtiges Internet entwickelt hätte. Sie werden es nicht können, denn seine Evolution wäre ganz anders verlaufen. Apples Ipad-Apps mögen genial sein. Sie mögen lustig und unterhaltsam sein. Vielleicht sogar nützlich. Was sie nicht sein können, ist frei von Apples Kontrolle."

Peter Beinart wirft den jüdischen Organisationen in den USA vor, sich an ein Israel-Bild zu klammern, das nichts mehr mit den Realitäten zu tun hat: "In der Theorie vertritt der Mainstream der amerikanisch-jüdischen Organisationenen einen liberalen Zionismus. Auf ihren Webseiten feiert AIPAC Israels Verpflichtung zu 'Redefreiheit und Minderheitenrechten'. Die Conferenz of Presidents erklärt, dass 'Israel und die Vereinigten Staaten politische, moralische und intellektuelle Werte wie Demokratie, Freiheit, Sicherheit und Frieden teilen'. Diese Gruppen würden niemals sagen, wie einige in Netanjahus Koalition, dass israelische Araber nicht die vollen Bürgerrechte verdienen und den Palästinensern der Westbank nicht die Menschenrechte zustehen. Aber indem diese Gruppen nahezu alles verteidigen, was die israelische Regierung tut, machen sie sich in der Praxis zu intellektuellen Bodyguards für israelische Politiker, die genau die liberalen Werte bedrohen, die diese Organisationen hochzuhalten vorgeben."

Weiteres: Robert Gottlieb liest einen ganzen Stapel neuer und älterer Charles-Dickens-Biografien. Michael Pollan sieht eine neue Bewegung entstehen, die verschiedenste Gebiete der gesunden Ernährung unter einen Hut zu bringen versucht: von der Schulspeisung über Tierrechte bis zur ökologischen Lebensmittelproduktion.