Magazinrundschau - Archiv

The New York Review of Books

393 Presseschau-Absätze - Seite 22 von 40

Magazinrundschau vom 24.05.2011 - New York Review of Books

Eine Retro, neue DVDs und neue Bücher - erleben wir gerade eine Buster-Keaton-Renaissance? Eigentlich nicht, meint Jana Prikryl mit Blick auf Judd Arpatow und Adam Sandler, die den Zuschauer eher zur Identifikation bewegen wollen. "Chaplin wird heute als der sozial und politisch bewusste Komödiant angesehen, aber Keatons stimmigste Komödien - Go West, The Navigator und The Cameraman eingeschlossen - spielen immer wieder mit der Immigrantennatur der amerikanischen Identität: Jeder von uns ist weit weg von zu Hause und die Eingeborenen sind nicht freundlich."

Wie man auch hier in den ersten zwei Minuten sehen kann:



Malise Ruthven beschreibt ausführlich die Geschichte von Syriens Alewiten, eine religiöse Minderheit, der auch Staatschef Assad angehört. Am Ende kommt er zu einem überraschenden Schluss: "Im Tumult der Gewalt, mit der das Regime die Demonstrationen zu unterdrücken sucht, sollte man seine Leistungen nicht vergessen oder ignorieren. Obwohl das Massaker in Hamas fürchterlich war und die Missachtung der Menschenrechte bodenlos, war es doch sehr gut, ja sogar exzellent darin, den Pluralismus der religiösen Kulturen zu beschützen, der eine von Syriens dauerhaftesten und attraktivsten Qualitäten ist."

Außerdem: Tim Parks bespricht die Stieg-Larsson-Krimis. Charles Rosen schreibt den Nachruf auf den englischen Literaturkritiker Frank Kermode.

Magazinrundschau vom 10.05.2011 - New York Review of Books

Elizabeth Rubin wirft im Blog der NYRB einige Schlaglichter auf das doppelte Spiel, das Pakistans Militär und Geheimdienst in Hinblick auf Osama bin Laden jahrelang spielten und ist inzwischen soweit, die Taliban für bessere Gesprächspartner zu halten als den ISI: "Immer wieder haben sie über verschiedene Kanäle zu erkennen gegeben, dass sie direkt mit den Amerikanern reden wollen. Die Frage ist wie? Wird die Tatsache, dass bin Laden und seine Familie in einem neugebauten Haus der pakistanischen Armee wohnten, nicht weit von der Hauptstadt entfernt, diesen Eiertanz zwischen den USA und Pakistan verändern? Man staunt, wie gute und kluge Männer und Frauen von diplomatischer Freundschaft eingewickelt werden, wie sie es sich selbst erlauben, Lügen zu glauben, von denen sie wissen, dass es Lügen sind, oder schlimmer noch, wie sie sich mit ihnen abfinden, weil es keinen Ausweg zu geben scheint, keine kreative Lösung, um die alten vertrauten Formen der Diplomatie zu verändern oder die Definition von Freund und Feind."

Bei seiner Reise durch Kuba hat Jose Manuel Prieto ein gebrauchtes Exemplar des heißesten Buchs der Saison ergattern können: die 291-seitige Parteischrift "Proyecto de Lineamientos de la Politica Economica y Social" (Neue Richtlinien für eine ökonomische und soziale Politik, hier auf Spanisch als pdf). "Ganz Havanna liest und diskutiert dieses Buch. Nachdem ich den technischen Jargon durchdrungen hatte, begriff ich, dass die Debatte im Kern um die Frage geht, ob dem Staat eine neue Rolle zugewiesen werden könne. Kann man ihn sich mehr als einen Schiedsrichter vorstellen denn als den Spielerstar, ohne dass er dabei die Kontrolle verliert?"

Außerdem stellt Ian Buruma Janny Scotts Porträt "A Singular Woman" von Barack Obamas freigeistiger Anthropologen-Hippie-Mutter Ann Dunham vor. Charles Simic preist das Talent der serbischen Autorin Tea Obreht und ihren Roman "The Tiger's Wife".

Magazinrundschau vom 26.04.2011 - New York Review of Books

In der libyschen Rebellenhochburg Darna trifft Nicolas Pelham eine Reihe ehemaliger Dschihadisten, von denen einige sogar in Guantanamo saßen, die jetzt mit großen Hoffnungen auf - ausgerechnet - Amerika sehen. Abgezeichnet hat sich eine solche Entwicklung schon lange, meint er. "Die Trennung der libyschen, lokal gegen Gaddafi kämpfenden Islamisten vom globalen Dschihad hat sich über längere Zeit vollzogen. Sie begann, als Bin Laden in den späten 80ern seine Vision von einem globalen islamischen Superstaat enthüllte, sie verstärkte sich, als er seinen Krieg gegen Kreuzfahrer und Juden erklärte und kulminierte nach dem 11. September, als einige afghanische Dschihadisten, darunter die Libysche Islamische Kampftruppe sich formell von Bin Laden trennten. Ich stolperte über diesen Konflikt in einem Starbucks in Golders Green, einem Vorort in Nordlondon, der vor allem von Muslimen und Juden bewohnt wird. Das war in den späten 90ern, kurz nachdem Bin Laden seinen Krieg gegen Kreuzfahrer und Juden erklärt hatte. Noman Benotman leitet jetzt einen Think Tank in Großbritannien, Quilliam, und trägt einen Anzug. Aber damals war er ein libyscher Dschihadistenführer, der zwischen London und Bin Ladens Camp hin- und herreiste. Er sagte, er sei gegen al Qaidas Gewalttaten, weil sie arabischen Autokraten wie Gaddafi einen Vorwand liefern, lokale islamistische Bewegungen mit westlicher Unterstützung niederzuschlagen."

Weitere Artikel: Kwame Anthony Appiah bespricht Peter Firstbrooks Buch über die Familie Obamas. Jonathan Raban schreibt über David Foster Wallaces "The Pale King". Lorrie Moore hat zwei autobiografische Bücher über den Tod von Familienangehörigen gelesen.

Magazinrundschau vom 12.04.2011 - New York Review of Books

Den vielleicht großartigsten Film ihres Lebens hat Zadie Smith in der Paula Cooper Gallery in New York gesehen, mit Sicherheit aber den längsten: Christian Marclays 24-stündige Montage "The Clock" schneidet Momente aus der Kinogeschichte so zusammen, dass sie in einen realen Zeitfluss übergehen: "Film setzt den Kampf mit der Zeit immer wieder und dramatisch in Szene: Außer im Film verliert die Zeit. Wir siegen. Erzählung siegt. Wir fesseln einen Mann, knebeln ihn und lassen die Uhr ticken - aber wir entscheiden, wie schnell oder langsam sich die Uhr bewegt. Lege die Zeit fest - eine Notiz aus einem Thriller. Und dies ist die ganze Herausforderung und Illusion von Film. Ohne gibt es keine Geschichte, keinen Film. Wenn wir Marclay glauben, ist keine Aufnahme so gängig, wie der verzweifelte Close-up auf ein Ziffernblatt. Lege die Zeit fest. Aber die festgelegte Zeit war bisher immer eine Fantasie, eine Fiction. 'The Clock' ist der erste Film, in dem Zeit real ist."

Die Juristen Bruce Ackerman, Yochai Benkler und andere protestieren in einer Erklärung gegen die entwürdigende und inhumane Behandlung des früheren Gefreiten Bradley Manning, dem vorgeworfen wir, die geheime Militär-Unterlagen Wikileaks zugespielt zu haben: "Seit neun Monaten ist Manning für 23 Stunden am Tag in seine Zelle eingesperrt. Während der einen verbleibenden Stunde darf er in einem anderen Raum im Kreis laufen, kein anderer Gefangener ist dabei anwesend. Ihm ist nicht erlaubt, am Tag zu schlafen oder sich zu erholen, sondern muss alle fünf Minuten verbal und bestätigend auf die Frage antworten 'Geht es Ihnen gut?'. Nachts wird er geweckt und immer wieder gefragt 'Geht es Ihnen gut?', wenn er der Zellentür seinen Rücken zuwendet oder seinen Kopf unter die Decke steckt, so dass die Wachen sein Gesicht nicht sehen können. Während der vergangen Woche war er gezwungen, nackt zu schlafen und bei Inspektionen nackt vor seiner Zelle zu stehen."

Außerdem: Jeff Madrick liest eine Reihe von neueren Studien, die einmal belegen, dass die Finanzkrise von Bankern verursacht wurde, nicht von fehlerhaften Computerprogrammen oder zyklischen Marktverwerfungen. Alma Guillermoprieto feiert Diana Kennedys über fünfzig Jahre hinweg erstellte Sammlung mexikanischer Rezepte "Oaxaca al Gusto".

Magazinrundschau vom 22.03.2011 - New York Review of Books

Von den Ereignissen überholt, aber als Hintergrund sehr interessant ist Nicolas Pelhams Artikel über Libyen, der sehr gut die jahrzehntelange Vernachlässigung der östlichen Regionen schildert und den Zusammenbruch aller staatlichen Strukturen. "Aber auch ein schneller Sturz Gaddafis wird keine Stabilität garantieren. Die Aufteilung der Beute wird bald beginnen müssen. Früher beherrschte sie der starke Mann, aber bei einer stärker auf Konsens ausgerichteten Politik wird jede Fraktion ihren Anteil haben wollen: Ölarbeiter werden Gewerkschaften gründen, die Armee wird ihre Belohnung für den Seitenwechsel haben wollen, und die Stämme wollen Abgaben für die Nutzung ihres Landes für die Ölbohrungen. Sie alle wollen einen größeren Anteil am Reichtum, den Gaddafi bis dahin für sich selbst behalten und seine Verbündeten behielt. Wenn eine Klientel unzufrieden ist, wird die zentrale Regierung wahrscheinlich nicht verhindern können, dass sie zur Gewalt greifen, um ihre Ansprüche durchzusetzen. Auch dank der geplünderten Waffendepots."

Julian Barnes schreibt sehr beeindruckt über Joyce Carol Oates Buch "A Widow?s Story", in dem sie - ganz ähnlich wie vor einigen Jahren Joan Didion - den Tod ihres Mannes aufarbeitet. Frappierende Ähnlichkeiten bemerkt Barnes: "Beide literarische Paare waren sich sehr nahe, nie in Konkurrenz, sie arbeiteten oft im gleichen Raum und selten voneinander entfernt: Im Falle von Joan Didion und Gregory Dunne für 'eine Woche oder zwei oder drei hier und da, wenn einer von uns an einem Buch saß'. Im Falle von Joyce Carol Oates und Raymond Smith nie länger als einen Tag oder zwei. Didion realisierte nach Dunnes Tod, dass 'ich keine Briefe von John hatte, nicht einen einzigen' (sie sagt nicht, ober er welche von ihr hatte). Oates und Smith dagegen hatten 'überhaupt keine Korrespondenz. Nicht ein einziges Mal hatten wir einander geschrieben.'"

Außerdem: "Reader, put it down." Einen Verriss, wie Garry Wills ihn "All Things Shining: Reading the Western Classics to Find Meaning in a Secular Age" von Hubert Dreyfus und Sean Dorrance Kelly beschert, hat man in der NYRB selten gelesen. Steve Coll bespricht Tim Wus "Master Switch" und Evgeny Morozovs "Net Delusion". Und der norwegische Außenminister Jonas Gahr Störe schreibt über Afghanistan.

Magazinrundschau vom 08.03.2011 - New York Review of Books

Nicholas Lemann hat sich einige Dokumentarfilme über Katrina und die Folgen für New Orleans angesehen, unter anderen zwei Filme von Spike Lee, die auf DVD vorliegen. Und er kann nur Trauriges berichten, sowohl über die Vorgeschichte und das Ereignis selbst als auch über seine Bewältigung. In der schwarzen Bevölkerung der Stadt herrscht eine größere Verbitterung denn je, berichtet er, und schließt dann doch mit einer optimistischen Note: "Fünfeinhalb Jahre nach dem Sturm ist es ermutigend zu sehen, dass die Leute ihr Leben in den Griff bekommen, trotz aller Gründe zur Verzweiflung. Tausende und Abertausende Einwohner von New Orleans tun das. Sie sind nicht gebrochen. Sie bewohnen ihre Stadt."

April Bernard erklärt am Beispiel einiger neuer Bücher mit Texten von Elizabeth Bishop, warum ihr diese neuen "kritischen" Ausgaben suspekt sind, vor allem wenn sie "unfertige" Werke enthalten. Für Wissenschaftler mag das ja alles schön und gut sein, aber diese Bücher zielen immer mehr auch auf ein normales Publikum. Zu dem Band "Edgar Allan Poe & The Juke-Box - Uncollected Poems, Drafts, and Fragments" sagt Bernard: "Der normale Leser musste den Eindruck haben, dass diese Skizzen als das präsentiert wurden, was der Untertitel anzeigte, was sie aber nicht waren: Gedichte. Im besonderen Fall von Bishop, bekanntlich einer Perfektionistin, widersprach das der Vorstellung der Künstlerin selbst."

Außerdem: Max Rodenbeck beschreibt die Ereignisse und die Aufbruchsstimmung in Tunesien und Ägypten. Peter Brooks denkt anlässlich einiger Neuerscheinungen über die Lage der amerikanischen Universitäten nach. David Kaiser und Lovisa Stannov lasen neue Bücher über Vergewaltigungen in Gefängnissen. Und Colin McGinn bespricht V.S. Ramachandrans Buch "The Tell-Tale Brain: A Neuroscientist?s Quest for What Makes Us Human"

Magazinrundschau vom 21.02.2011 - New York Review of Books

James Gleick hat eine Geschichte der Information geschrieben: "The Information: A History, a Theory, a Flood", die mit drei Schritten in der heutigen Informationsflut landet. Der Hauptgrund für diese Flut ist, so der Physiker Freeman Dyson in seiner Besprechung, dass man irgendwann erkannt hat, dass die Verbreitung von Informationen nichts mit deren Inhalt zu tun hat. Information ist ein abstraktes Konzept. Zu ihrer massenhaften Verbreitung braucht man nur einen Code. Das Ergebnis ist bekannt, zum Beispiel in der Astronomie: "Teleskope und Raumschiffe haben sich langsam entwickelt, bei Kameras und der optischen Datenverarbeitung ging es dagegen sehr schnell. Moderne Himmel-Überwachungsprojekte sammeln Daten aus riesigen Himmelsabschnitten und füllen Datenbanken mit genauen Informationen über Milliarden von Himmelskörpern. Astronomen ohne Zugang zu großen Instrumenten können Entdeckungen machen, einfach indem sie die Datenbanken durchforsten statt den Himmel zu beobachten. Große Datenbanken haben ähnliche Revolutionen in anderen Wissenschaften wie der Biochemie und Ökologie ausgelöst."

Weitere Artikel: Dan Chiasson hat sich prächtig unterhalten mit der Autobiografie von Keith Richards, einem Meister der kurzen Sätze. Zum Beispiel die Antwort auf Marlons Brandos Vorschlag, sich mit Anita Pallenberg zu einem Dreier zurückzuziehen: "Later, pal." Garry Kasparov ist sehr angetan von Frank Bradys Bobby-Fischer-Biografie. Joyce Carol Oates bespricht David O. Russells Boxerfilm "The Fighter". Andrew Butterfield schreibt über die (schon abgelaufene) Ausstellung "Man, Myth, and Sensual Pleasures: Jan Gossart's Renaissance" im Metropolitan Museum. Und Larry McMurtry stellt drei neue Bücher über Marilyn Monroe vor. Warum sie uns immer noch interessieren könnte? In einem der drei Bücher gibt es ein Foto von Marilyn mit Edith Sitwell: "Es ist die einzige Fotografie, die ich je gesehen habe, auf der Edith Sitwell attraktiv aussieht."

Magazinrundschau vom 08.02.2011 - New York Review of Books

Nach Ende der vierten Staffel versteht der Essayist und Autor Daniel Mendelsohn überhaupt nicht, warum alle Welt so begeistert von "Mad Men" ist: Die Serie habe nur doppelte Böden, keine Tiefe: "Wenn die Kamera über Joans gigantischen Busen und ihre Stundenglas-Hüften gleitet, wenn sie träge den Wirbeln des Zigarettenrauchs an die Decke folgt und das Klirren der Eiswürfel in einem mittäglichen Whiskeyglas in Szene setzt, kann man nicht anders als denken, dass die Schöpfer der Serie einem dramatischen Beides-auf-einmal-haben-Wollen frönen: Sie wollen, dass wir von dem, was wir sehen, geschockt sind (in einer beliebten Szene zündet sich die hochschwangere Betty im Auto eine Zigarette an), zugleich erotisieren sie das, was sie uns zeigen. Dass ein Drama (oder ein Buch oder was auch immer) sein Publikum ermuntert, sich einer weniger aufgeklärten Gesellschaft überlegen zu fühlen, es aber zugleich mit den damit verbundenen regressiven Trieben kitzelt, halte ich für das schlimmste Vergehen, das ein in die Vergangenheit verlegtes Werk begehen kann. Es ist verächtlich und ranschmeißerisch zugleich. Und es lähmt die Fähigkeit, uns irgendetwas wirklich Substanzielles über die Welt, die es darstellt, zu erzählen."

Außerdem stellt Diane Johnson T.C. Boyles neuen Roman "When the Killing's Done" vor, der von ökologischen Verheerungen auf den kalifornischen Kanalinseln erzählt. In einem Parforceritt betrachtet William Pfaff die Revolutionen von Tunis bis Cairo, ohne dabei den Machtkampf an der Elfenbeinküste zu vergessern. David Shulman bespricht neue Bücher zum Nahost-Konflikt von Sari Nusseibeh ("What is a Palastinian State Worth?") und der Initiative Breaking the Silence ("Israeli Soldier Testimonies").

Magazinrundschau vom 25.01.2011 - New York Review of Books

Hussein Agha and Robert Malley betrachten ausführlich die verfahrene Lage im Nahen Osten: "Israelis fühlen sich durch die Palästinenser weniger bedroht als jemals zuvor. Sie sind gesichert durch Sperranlagen, geschützt von einer aggressiven Militärmacht und unterstützt von den Sicherheitsdiensten der Palästinensischen Autonomiebehörde. Die Palästinenser sind erschöpft, sie wollen ausruhen, nicht kämpfen. Für Fatah und Hamas scheint das vorrangige Ziel, sich gegenseitig zu befehden, anstatt den Kampf gegen Israel zu koordinieren. Sollten die Verhandlungen zwischen den Palästinensern und den Israelis Fortschritte machen und sich die Hamas an den Rand gedrängt fühlen, könnte sie versucht sein, die Angriffe wieder aufzunehmen."

Weiteres: In einem aus dem Buch "Justice for Hedgehogs" übernommenen Essay denkt Ronald Dworkin über das gute Leben nach. Orhan Pamuk hadert in einem kurzen Artikel mit Europa. Besprochen werden Tony Judts Essaysammlung "Memory Chalet" und James Kaplans Sinatra-Roman "Frank: The Voice".

Magazinrundschau vom 23.11.2010 - New York Review of Books

Zwei neuere Bücher über Google nimmt sich Charles Petersen vor, Ken Aulettas "Googled: The End of the World As We Know It" (Website) und Nicolas Carrs hirnzersetzungstheoretische Erörterungen "The Shallows" (Website). Von besonderem Interesse sind die Erwägungen dazu, was uns demnächst als Effekt immer stärker personalisierbarer Werbung ins Haus steht. Petersen macht sich dabei die folgenden Gedanken zu dem, was Irwin Gotlieb, Chef der größten Werbeagentur der Welt Group M, in Aulettas Buch erklärt: "'Nehmen Sie Wegwerfwindeln. Sollte man dafür nur bei Schwangeren werben? Ich würde meinen, dass die Großmutter vielleicht den größeren Einfluss bei der Markenwahl hat.' Wenn also eine Schwiegertochter schwanger wird und auf Google nach Baby-Blogs sucht oder sich bei Amazon über Kinderwagen informiert, könnte die zukünftige Großmutter - deren Beziehung zu ihrer Schwiegertochter über Facebook oder vielleicht durch den von Google gerüchteweise geplanten eigenen Social-Network-Dienst rekonstruierbar ist - feststellen, dass die Zahl der Werbeanzeigen für Windeln auf den Seiten, die sie besucht, massiv ansteigt. Und nicht nur da: Weil immer mehr Geräte drahtlos miteinander vernetzt sind, dürfte sie auf diese Anzeigen auch im Radio, im Fernsehen, vielleicht auf ihrem Toaster und sicher auf dem Handy stoßen, das, folgt man Gotliebs Überlegungen, Windel-Coupons aufflackern lassen könnte, sobald sie, was ihr Handy-Lokalisierungsdienst weitermeldet, einen Supermarkt oder eine Drogerie betritt." (Und was, wenn die Großmutter sich einen Scheiß für die Windeln ihres Enkels interessiert?)

Weitere Artikel: In Janet Malcolms Reportage zur von den US-Comedians Stephen Colbert und Jon Stewart veranstalteten "Rally to Restore Sanity" ist von Sympathie für die Veranstaltung wenig zu spüren. Hugh Eakin sieht sich vor seinem Marathonlauf Benjamin Heisenbergs Film "Der Räuber" an und ist gebührend beeindruckt. Alan Hollinghurst bespricht Michael Cunninghams neuen Roman "By Nightfall".