Magazinrundschau

Conan Doyle war gut in Form

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
12.10.2010. Im New Yorker hofft Gawker-Gründer Nick Denton auf die Goldader im Internet. In Elet es Irodalom glaubt Peter Nadas ganz fest: auch Ungarn bekommt eine Bourgeoisie. Prospect betreibt Trolleyology. Auch Frankreich hat seinen Sarrazin: Er heißt Hugues Lagrange und disputiert in Telerama. Das TLS stellt die Cricketschläger schwingenden Allahakbarries vor. In Open Democracy rufen Remi Brague und Jerome di Costanzo: Säkularität ist eine katholische Erfindung. In der NYRB geißelt Alma Guillermoprieto die mexikanische Katastrophe.

New Yorker (USA), 18.10.2010

Ben McGrath zeichnet ein durchaus sympathisierendes Porträt des britischen Journalisten Nick Denton, Erfinder und Betreiber des hierzulande als etwas boulevardesk geltenden, aber höchst unterhaltsamen Blog-Imperiums Gawker (450 Millionen Seitenaufrufe im Monat von ungefähr 17 Millionen unique visitors). Hier werden Artikel aus anderen - meist etablierten - Medien auf amüsant-informative Weise zusammengefasst und kommentiert. Denton bezeichnet sich selbst als "Klatschhändler": "Er wuchs in London auf, wo die Boulevardblätter-Kultur mörderisch ist, und teilt die Murdochsche Einschätzung, der amerikanische Journalismus sei kraftlos, ernsthaft und wettbewerbsunfähig. 'Die Grundpfeiler des alten Boulevardjournalismus sind auch die Grundpfeiler des neuen: Sex und Verbrechen, oder noch besser Sexverbrechen', schrieb er in einem Memo für seine Mitarbeiter. 'Denkt daran, wie Pulitzer angefangen hat.'" Denton arbeitete nach einem Studium in Oxford als Auslandskorrespondent in Rumänien für den Daily Telegraph und in Ungarn für die Financial Times (seine Mutter war Ungarin), er war es aber bald leid, dass er wichtige Artikel schrieb, auf die kein Schwein reagierte. Im Internet dagegen kann er überprüfen, welche Artikel wie oft gelesen werden. Und wo führt das hin? "Vielleicht ist das hier wie Craigslist, wo Milliarden-Dollar-Werte zerstört werden und der Gewinner nur einen Bruchteil davon für sich gewinnt', sagt Denton, in einem - wie er es nennt - 'pessimistischen Blick' auf die Medien. 'Oder man sieht es wie in den frühen Tagen des Kabels. Das Kabel brauchte lange, bis es durchstartete. Aber dann, wenn man sein Alleinverkaufsrecht erst mal etabliert hatte, wenn einem MTV gehörte, dann ging es irgendwann richtig ab.'"

Weiteres: Adam Gopnik räsoniert darüber, wofür Literaturpreise eigentlich gut sind. Sean Wilnetz untersucht die geistigen Wurzeln der konservativen Tea Party-Bewegung und findet sie in der politischen Paranoia des Kalten Kriegs.

Jill Lepore hat sich mehrere Aufklärungsbücher für Kinder angesehen, die in Amerika den hübschen Namen Birds-and-bees-books tragen. David Denby sah im Kino Clint Eastwoods Thriller "Hereafter" und Charles Fergusons Dokumentarfilm "Inside Job" über die Hintergründe der globalen Finanzkrise. Zu lesen ist außerdem das Gedicht "Bliss Street" von Ange Mlinko.
Archiv: New Yorker

Elet es Irodalom (Ungarn), 08.10.2010

Der ungarische Schriftsteller Peter Nadas stellt in seiner Bestandsaufnahme zur Lage Ungarns fest, dass die erste Phase des ungarischen Modernisierungsversuchs ein Misserfolg war. Kein Wunder, hat Ungarn doch nie eine Demokratie gehabt, weshalb es bereits 1989 abzusehen war, dass das Land zwischen der Tradition eines fürsorglichen Staates nach Art des Kadar-Regimes und der Tradition der autoritären Macht der Horthy-Ära hin- und herpendeln würde. Kein Grund für Pessimismus: "Das stärkste Mittel der Demokratie zur kontinuierlichen Modernisierung ist ein starkes Bürgertum. Allerdings erträgt die Marktwirtschaft nicht nur eine autoritäre Macht, sondern sogar eine Diktatur. Das ist nicht besonders nett von ihr, doch die Erfahrungen zeigen, dass dem so ist. Nur die gesalbten Befürworter des freien Handels glauben im Ernst, dass sich aus der Marktwirtschaft irgendwann auch die Demokratie entwickeln wird. Das tut sie nicht. Wenn sie nicht von den Demokraten geschaffen wird - und bislang haben sie sie nicht geschaffen - dann gibt es eben keine Demokratie. Zwar gibt es heute reiche Leute in Ungarn, auch viele wohlhabende Leute, doch über eine nationale Bourgeoisie verfügt das Land nicht. Sie hat sich nicht herausgebildet. Aber sie bildet sich derzeit heraus. Wenngleich dieser Prozess von Spektakeln verdeckt wird."

Die Opfer der ungarischen Chemiekatastrophe wurden und werden nicht ausreichend informiert, findet der Publizist Janos Szeky - man wisse weder, wie giftig diese Substanz wirklich ist, noch, wie man sich gegen sie wehren kann. Sowohl das Betreiberunternehmen als auch Politiker und das Amt für Katastrophenschutz haben versagt: "Die Betroffenen werden nun von ausgebildeten Psychologen betreut, die ihre Arbeit sicherlich gewissenhaft ausüben, nur verstehen sie wenig von Chemie. Des weiteren werden die Betroffenen von Politikern verunsichert - die von Chemie ebenfalls keine Ahnung haben, auch von Physik nicht. Der Staatssekretär für Umweltschutz, der offensichtlich weder von Physik und Chemie noch von Kommunikation etwas versteht, spricht von radioaktiven Teilchen, woraufhin der Ministerpräsident, dieser andere große Wissenschaftler und Kommunikator, das Volk höchst persönlich beruhigen muss, dass keine Strahlungsgefahr besteht. [...] Darüber hinaus werden die Betroffenen von Umweltschützern angestachelt, die vom einzig wahren Glauben beseelt sind und außer ihren eigenen Zwangsvorstellungen von kaum etwas eine Ahnung haben. Und schließlich verbreiten die Medien, die weder von Physik noch von Chemie, Kommunikation, Umweltschutz oder Politik etwas verstehen, folgsam jeden Blödsinn, mit dem sie gefüttert werden - und wenn möglich, legen sie noch einen drauf, denn wen interessiert eine Lösung oder irgendeine beruhigende Erklärung, wenn man vom Horror berichten kann?"

Auch die Zivilgesellschaft hat sich bei der Katastrophe nicht sehr vorbildlich verhalten, findet Gusztav Megyesi und hält Chile als positives Beispiel dagegen: "Als Ende des Sommers 33 chilenische Bergleute verschüttet worden waren, eröffnete Leonardo Farkas, einer der reichsten Männer des Landes, für jeden einzelnen Bergmann ein Bankkonto mit jeweils knapp 8.000 Euro; laut seinen Gegnern natürlich zu Propagandazwecken. Kann sich der Leser einen einzigen ungarischen Neureichen [...] oder Politiker [...] vorstellen, der für die jetzigen Betroffenen Konten in dieser Höhe eröffnen würde? Dabei würden es ihnen die Menschen in Kolontar und anderswo bestimmt nicht übel nehmen; schlimmstenfalls würde es die bolschewistische Presse als eine billige Propagandamaßnahme werten."

Prospect (UK), 07.10.2010

Mit den diffizilen ethischen Problemen der sogenannten Trolleyology macht uns David Edmonds in einem ausführlichen Artikel vertraut. Es geht dabei um sehr grundsätzliche Fragen von Leben und Tod, die auch Entscheidungen etwa zur Gesundheitspolitik berühren. Ausgedacht haben sich die Zwickmühle, um die es dabei geht, die in der vergangenen Woche verstorbene Philosophin Filippa Foot und ihre MIT-Kollegin Judith Jarvis Thomson. Edmonds erläutert die beiden zentralen Beispiele: "Im sogenannten 'Abstellgleis'-Problem rast ein außer Kontrolle geratener Lastenwagen (engl. 'trolley') - oder ein Zug - auf fünf Menschen auf einem Gleis zu, die dem sicheren Tod ins Auge sehen. Sie stehen daneben und könnten, indem Sie eine Weiche umlegen, den Zug auf das Abstellgleis lenken und so die Leben dieser Menschen retten. Allerdings ist an dieses Gleis ein anderer Mann gekettet, der durch diese Umlenkung getötet würde. Würden Sie die Weiche umlegen? Im 'Dicker-Mann-Problem' rast derselbe Zug wiederum auf die fünf Leute zu. Diesmal sind Sie auf einer Fußgängerbrücke über den Gleisen. Neben Ihnen steht ein dicker Mann. Wenn Sie ihn auf die Gleise stoßen, würde seine Körpermasse den Wagen zum Stoppen bringen - ihn würde das Manöver aber töten. Stoßen Sie ihn? Jede Studie zu den Problemen führt zu dem Ergebnis, dass die Leute sagen, sie würden den Abstellgleis-Mann opfern, nicht aber den dicken Mann, den sie stoßen müssten. Worin aber liegt die relevante ethische Unterscheidung zwischen den beiden? Genau um diese Frage dreht sich eben die florierende akademische Mini-Industrie namens 'trolleology'."
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Archiv: Prospect

Telerama (Frankreich), 07.10.2010

Frankreich hat seine eigene Sarrazin-Debatte. Anlass ist die dreihundertseitige Studie "Le Deni des cultures" (die Verleugnung der Kulturen) des Soziologen Hugues Lagrange, in dem er das schulische Versagen und die Kriminalität afrikanischer Einwandererkinder vor allem aus Mali, Senegal und Mauretanien auf Familienstrukturen zurückführt - den absoluten Autoritätsanspruch der Väter, die Unterwürfigkeit der Mütter und die Anzahl von Geschwister. Durch den Kontrast zur "Gastgesellschaft" gerieten viele dieser Familien in Unordnung. In Telerama diskutiert Lagrange mit dem Historiker Pap Ndiaye, der 2008 sein vielbeachtetes Buch "La Condition noire" vorgelegt hat und Lagranges Thesen insofern für gefährlich hält, als sie die Debatte gerade zum gegenwärtigen Zeitpunkt "verschärften". Lagrange erklärt eingangs: "Ich wollte kein polemisches Buch schreiben. Ich habe 1998 damit begonnen und wusste nicht, wie es aufgenommen werden würde. Allerdings hatte ich bereits sehr früh den Eindruck, dass es in Frankreich im Gegensatz zu den angelsächsischen Ländern schwierig ist, über Kultur oder Ethnizität zu sprechen." Den Hintergrund eines Schülers zu ermitteln, sei in Frankreich sehr schwer, da Statistiken über Ethnizität der Bevölkerung verboten sind. "Das Buch entstand deshalb als Antwort auf diese Schwierigkeit - und diese Verdrängung."

Ndiaye erwidert: "Es stimmt, die französischen Sozialwissenschaften tun sich schwer mit dem Begriff der Kultur... Das kommt daher, dass die französischen Wissenschaftler seit 25 Jahren die Differenzen, die die alte Anthropologie inneren Eigenschaften von Gruppen zuschrieb, um jeden Preis vom Begriff der Rasse befreien wollten ... Es wird Zeit, über diesen Kulturbegriff zu diskutieren, ohne deshalb 'Kulturalismus' zu betreiben. Das Buch von Hugues Lagrange scheint mir diese Schranken zwischen den Gruppen jedoch wieder einzuführen und sie zu verstärken!"

Und wie in der hiesigen Sarrazin-Debatte werden auch in Frankreich einzelne Thesen aus Lagranges Buch aus dem Zusammenhang gerissen und - von rechts wie von links - instrumentalisiert. In einem Kommentar in Le Monde schreibt Caroline Fourest, dass gerade viele Rechte, die das Buch jetzt lautstark begrüßten, es offensichtlich gar nicht gelesen haben.
Archiv: Telerama

Economist (UK), 07.10.2010

In einem sehr differenzierten Bericht untersucht der Economist den aktuellen Stand der Musikindustrie weltweit. Das Bild, das dabei entsteht, ist recht uneinheitlich. Im Bereich des Livekonzerts werden enorme Gewinne erzielt, nicht zuletzt, weil die Konzertbesucher exorbitante Summen zu zahlen bereit scheinen. Über neue Dienste wie Spotify gehen die Meinungen auseinander: Helfen sie, die Fans illegaler Torrents zurück auf den Pfad der Tugend zu führen - oder drücken sie nur ganz massiv die Preise? Was den CD-Verkauf angeht, gibt es auch keineswegs nur Verlierer: "In gewisser Weise stirbt der CD-Markt nicht, sondern altert nur. Im Jahr 2002 lag der Albumkaufanteil der 12- bis 19-Jährigen bei 16,4 Prozent; das war fast doppelt soviel wie bei den Über-60-Jährigen (8,8 Prozent). Inzwischen hat sich das umgedreht... Und keineswegs geben die Älteren nur grundsätzlich mehr für Musikalben aus, sondern auch für Popmusikalben. Die Folgen kann man an den Charts ablesen. Das meistverkaufte Album in den USA seit 2000 ist '1', eine Sammlung von Beatles-Hits aus den Sechzigern... Das meistverkaufte Album weltweit war im letzten Jahr 'I Dreamed a Dream' von Susan Boyle, einer Schottin im mittleren Alter... Wenn der Großteil der Fans eines Künstlers mittelalt ist, dann sind die CD-Verkäufe nach wie vor sehr ordentlich."
Archiv: Economist

Eurozine (Österreich), 08.10.2010

Auch in Rumänien wird über "Privacy" and "Publicness" gestritten, einerseits also den Schutz der Privatsphäre, andererseits die immer stärkere Tendenz, sich selbst im Netz öffentlich zu machen. Eurozine übernimmt eine Diskussion zwischen Constantin Vica und Cristian Ginea aus Dilema veche. Er fühle sich durchaus sicherer mit den Überwachungskameras in London, sagt Ginea, allerdings sollte der agierende Staat stets durch die Öffentlichkeit kontrolliert sein. Vica ist skeptischer: "Jedes Mal wenn Du die U-Bahn in Bukarest benutzt, bist Du doppelt überwacht, durch die Kameras und durch die elektronischen Tickets. Diese beiden Technologien können über Dich viel mehr enthüllen, als dir lieb ist... Und auf ihren Webseiten finden wir nichts über ihre Datenschutzpolitik. Ich traue ihnen nicht. Sie sind kaum in der Lage, den öffentlichen Nahverkehr zu organisieren, wie sollen sie da Datensicherheit gewährleisten?"
Archiv: Eurozine

Newsweek (USA), 10.10.2010

Für junge Chinesen ist Amerika nur noch ein Zwischenstopp und Europa - bestenfalls - eine Rundreise im Alter, stellte Rana Foroohar fest, als sie sich kürzlich mit Studenten der Tsinghua Universität in Peking unterhielt. "Ich fragte ein Physikgenie in einem fusseligen pinkfarbenen Pulli, was sie nach ihrem Abschluss machen wolle. Sie hatte sich schon für ein Stipendium in Stanford beworben, um dort ihren Master zu machen. Danach, sagte sie, 'bleibe ich vielleicht noch eine Zeit lang in den Vereinigten Staaten und arbeite für McKinsey oder eine Venture-Kapital-Firma in Silicon Valley'. Dann, fuhr sie fort, 'gehe ich nach China zurück und gründe eine Firma. Nachdem ich mein Geld gemacht habe, ziehe ich mich zurück und bereise mit meinen Eltern Europa.'"
Archiv: Newsweek
Stichwörter: Geld, Silicon Valley

Guardian (UK), 09.10.2010

Sehr beeindruckt bespricht der Historiker Neal Ascherson "Bloodlands", das Buch seines Kollegen Timothy Snyder, der an die Ermordung von 14 Millionen Zivilisten in Osteuropa in den Jahren 1930-1945 durch sowjetische und deutsche Truppen erinnert. Diese Morde wurden in einer Region ausgeführt, die grob das Gebiet zwischen Zentralpolen und der russischen Grenze umfasst, einschließlich Ostpolens, der Ukraine, Weißrusslands und der Baltischen Staaten. "Snyder besteht darauf, dass die ungeheuerlichen Gräueltaten in diesen 'Blutgebieten' in einen einzigen historischen Rahmen gesetzt werden müssen. Betrachtet man sie getrennt - zum Beispiel, um Hitlers Untaten 'so groß erscheinen zu lassen, dass sie außerhalb der Geschichte stehen' oder Stalins Untaten als monströsen Versuch zu beschreiben, eine Modernisierung durchzusetzen - hieße das, die beiden Diktatioren 'ihr Handeln für uns definieren zu lassen'. Das ist morastiger Boden für Historiker. Während des Kalten Krieges und danach produzierten Behauptungen wie 'Stalin war schlimmer als Hitler' oder 'Kommunismus und Faschismus laufen auf dasselbe raus' mehr Hitze als Licht. Snyder umgeht solche Fallstricke. Er sagt, dass beide Tyrannen diesen glücklosen Streifen in Europa als den Ort erkannten, an dem sie ihren Willen erzwingen oder ihre gigantischen Visionen scheitern sehen würden."

Außerdem: Andrew O'Hagan durchwandert staunend die prächtige Diaghilev-Ausstellung im V&A Museum.
Archiv: Guardian

Magyar Narancs (Ungarn), 30.09.2010

Für die Wahlkampagne der am 3. Oktober stattgefundenen Kommunalwahlen in Ungarn hat die rechtsradikale Partei Jobbik ein Video veröffentlicht, in dem Roma als Parasiten dargestellt werden. Im Film erkennt die Journalistin Zsofia Ivanyi zahlreiche Parallelen zum Nazi-Propagandafilm "Der Ewige Jude": "Dieses Kampagnen-Video ist grundsätzlich inakzeptabel. Es ist gar nicht nur für jene verletzend, von denen es handelt (da diese Menschen zumeist nur in der Fantasie und in der Wortwahl der Rechtsradikalen existieren), sondern vor allem für die, die es ansprechen will, die es erreicht. Wenn wir uns abwenden und sagen, keine Sorge, nicht wir stehen im Fadenkreuz, alles nur Gerede, und die Ratten [aus dem 'Ewigen Juden'] sind hier zu weit harmloseren Stechmücken geworden - dann haben wir uns selbst auf eine Zeitreise begeben: siebzig Jahre zurück."

Die öffentlichrechtlichen Fernseh- und Radiosender MTV und MR haben sich geweigert, das Parasiten-Wahlkampf-Video der rechtsradikalen Jobbik zu senden, weil es Hass gegen eine Minderheit schüre. Daraus folgte ein Rechtsstreit, den schließlich das Oberste Gericht entscheiden musste. Die liberale Wochenzeitung Magyar Narancs sichert MR und MTV auch im Falle einer Niederlage ihre volle Unterstützung zu: "In dem Fall werden wir, die wir Freunde der Rechtstaatlichkeit sind, den Ungehorsam der beiden öffentlich-rechtlichen Medienanstalten unterstützen. Sendet es nicht! Das Video der Jobbik schürt nämlich nicht nur existenzielle Ängste, sondern ruft mit seiner Romafeindlichkeit offen zum Hass auf. Und es schürt den Hass auch in verschleierter Form, denn die Propaganda gegen Banker und multinationale Unternehmen ist in den Subkultur der Jobbik nichts anderes als simple Judenfeindlichkeit. Und der 'Politiker-Kriminelle', auf den im Werbefilm Bezug genommen wird, steht - sowohl im engeren (Video) als auch weiteren Kontext (in der Rhetorik der Jobbik) - nicht einfach für den korrupten Politiker, sondern bezeichnet allgemein die Politiker des demokratischen Systems; somit wird im Video die demokratische Einrichtung an sich als den Körper der Nation überfallender Blutsauger betrachtet." (Nachtrag: Das Oberste Gericht hat dann noch vor der Wahl entschieden, dass die Sender den Spot ausstrahlen müssen, was sie auch taten.)
Stichwörter: Roma, Wahlkampf

Times Literary Supplement (UK), 08.10.2010

Ein tolles Buch hat Stephen Fay gelesen: Kevin Telfers Geschichte der Allahakbarries. Bei diesen handelt es sich um das famose Cricket-Team, das Peter-Pan-Erfinder J.M. Barrie zusammengestellt hat. Mit dabei waren Conan Doyle, Jerome K. Jerome, P.G. Wodehouse und A.A. Milne: "Die meisten von ihnen waren hoffnungslose Cricketspieler. Barrie musste Birrell erklären, auf welcher Seite des Schlägers er zu stehen hatte, um den Ball zu treffen. Barrie selbst nannte sich den langsamsten Werfer aller Zeiten. Er behauptete, dass er sich nach jedem Wurf aufs Feld setzen würde, um abzuwarten, ob der Ball das andere Ende erreicht - was er manchmal auch tat. Conan Doyle war gut in Form, er hatte in einem Erstliga-Match gespielt - wenn er damit angab, dass er W.G. Grace angespielt hatte, war das keine Spinnerei. Wodehouse war ein versierter Spieler wie auch einige Flüchtlinge vom runden Tisch des Punch Magazine, wie der Karikaturist Bernard Partridge. Aber sie waren nicht sonderlich interessiert an Erstliga-Cricket. 1907, auf der Höhe dessen, was Cricket-Historiker als das Goldene Zeitalter beschreiben, klagt E.V. Lucas über harten Utilitarismus und Kommerzialisierung."

Weiteres: William Boyd (mehr hier) hat V.S. Naipauls Reportagensammlung "The Masques of Africa" gelesen und sie für ihre Misanthropie gehasst: "Vielleicht erklärt die offenkundige Flüchtigkeit die haarsträubenden Äußerungen, die sich Naipaul erlaubt - als hätte er nicht ein einziges Mal innegehalten, um ihre Bedeutung zu bemessen oder ihre grotesken Verallgemeinerungen zu bedenken: 'Afrikaner essen alles, was die Natur hergibt.' Oder: 'Es ist schwer, ein menschliches Verständnis von den Pygmäen zu entwickeln, sie als Individuen zu sehen. Vielleicht sind sie keine.'"

ResetDoc (Italien), 28.07.2010

Was geschieht mit dem Irak? Obwohl sich die meisten Iraker als Patrioten verstehen, schreibt Harith Alqarawee, befindet sich das Land in einer ernsthaften Identitätskrise. Alle Sektierer haben irgendwelche Narrative, die extreme Gewalt von ihrer Seite rechtfertigen sollen. Aber nur wenn das Land sich mit seiner Vergangenheit unter Saddam Hussein auseinandersetzt, kann der Irak auf eine stabile Zukunft hoffen, so Alqarawee: "Die irakische Gesellschaft muss akzeptieren, dass sie einige Verantwortung für diesen Konflikt trägt, nicht nur weil sie lange schweigend zugesehen hat, wie ein großer Teile der Bevölkerung durch die Regierung unterdrückt wurde, sondern auch, weil sie ein grausames Regime jahrzehntelang akzeptiert hat. Bis jetzt hat es nicht den Anschein, als hätten solche Überlegungen stattgefunden."

Außerdem: Ein großes Problem, erklärt Ornella Sangiovanni, Journalistin und Mitbegründer der News-Webseite Osservatorio Iraq, ist der Streit um das Öl, der im kurdischen Teil des Iraks liegt: Die Kurden wollen allein bestimmen, wer dort zu welchen Konditionen bohren darf. Und die Politologin Bessma Momani erzählt, dass die Iraker heute "zwar größere politische Freiheit haben, aber alles andere sich sehr verschlechtert hat. Es gibt weniger persönliche Freiheit. Man kann seine Meinung sagen, aber damit setzt man seine Sicherheit aufs Spiel."
Archiv: ResetDoc
Stichwörter: Saddam Hussein, Irak, Kurden

New York Times (USA), 09.10.2010

Leah Hager Cohen, selbst Schriftstellerin, ist bei der Lektüre von Philip Roth' neuem Kurzroman "Nemesis" (Leseprobe) von einer Saula zur Paula gewandelt worden. Diesem Roman geht aller Rothscher Zynismus ab, schreibt sie, er erzählt die rührende Geschichte eines jüdischen Sportlehreres zur Zeit des Zweiten Weltkriegs, der wegen seiner schlechten Augen nicht zum Militär darf und im Kampf gegen die damals grassierende Polio-Krankheit sein Omaha Beach erblickt. Was sie besonders erstaunt, ist die raffinierte Erzählperspektive: "Es ist eine Liebesgeschichte. Ich denke dabei nicht an Bucky und sein Mädchen, sondern an Bucky und den Erzähler. ... Mehr als hundert Seiten gehen vorbei, bis man entdeckt, wer die Geschichte eigentlich erzählt. Und selbst dann glaubte ich, bis kurz vor Schluss, dass der Erzähler irgendwie allwissend sei, von jenseits des Grabes spreche, wie in einem anderen Roth-Roman, 'Empörung'. Hier wie dort spürt man, wie er die Rolle von Erinnerung und Erzählung erforscht, um den Sinn eines Lebens zu erfassen."

Außerdem in der Book Review: Steven Heller bespricht eine monumentale Ausgabe von Lynd Wards, von Art Spiegelman herausgegebenen "stummen" Comicromanen (mehr hier).

Open Democracy (UK), 06.10.2010

In Open Democracy werfen der Religionsphilosoph Remi Brague und der konservative Publizist Jerome di Costanzo einen Blick auf die Säkularisierung - allerdings aus dezidiert prokirchlicher Perspektive. Die Säkularisierung, so meinen sie dabei, ist einzig und allein ein Verdienst der Kirche: "Die Trennlinie zwischen Kirche und Staat ist eine Idee des Christentums, die bei den Kirchenvätern als Antwort auf den Machtanspruch Konstantinopels keimte und die sich im Mittelalter weiterentwickelte. Seit dem Investiturstreit war der Heilige Stuhl stets bestrebt, den Staat (das heißt den Kaiser oder die Könige) in ihre rein innerweltlichen, 'säkularen', wenn Sie so wollen, Schranken zurückzuweisen: Friede, Gerechtigkeit, gute Sozialordnung. Der Staat dagegen war nicht 'säkular', er wollte seinen Teil der Sakralität abhaben. Man denke an den Begriff 'Heiliges Römisches Reich'. Die Säkularität ist eine kirchliche Errungenschaft."

New York Review of Books (USA), 28.10.2010

In einem sehr spannenden Artikel erzählt die Tänzerin und Journalistin Alma Guillermoprieto die Tragödie des in Gewalt versinkenden Mexikos. Aus einer Reihe von Neuerscheinungen zum Thema schließt sie, dass Präsident Calderons Krieg gegen die Drogen nicht verliert, sondern dass er ihn nicht führt. Gerade musste die Regierung 3.200 Bundespolizisten entlassen, die auf der Gehaltsliste der Drogenclans standen. Und Guillermoprieto erzählt von einem Massaker nahe San Fernando, bei dem die Bande der Zetas 72 Migranten auf dem Weg in die USA stoppte und niedermetzelte, "aus Zorn, einer Laune, Langeweile oder Gewohnheit": "Bemerkenswert daran ist auch die Reaktion von Mexikos Regierung auf diese Tragödie. Nach den ersten Berichten in der Zeitung El Universal, wurden die Truppen eines Armeepostens, vierzehn Meilen von der Ranch entfernt, von einem Überlebenden des Massakers benachrichtigt, aber sie begaben sich nicht sofort zum Tatort, weil sie, so sagte der Bericht, Angst hatten, selbst angegriffen zu werden. Die ersten Truppen erreichten den Ort erst einen Tag, nachdem sie der Überlebende informiert hatte. Und das bei einem Militär, das von seinem Oberkommandierenden die Order zu einem Krieg mit allen Mittel gegen den Drogenhandel bekommen hat."

Robert Darnton gibt den Traum von einer Nationalen Digitalen Bibliothek, unabhängig von Google, nicht auf. Voraussetzung wäre ein Copyright, dass dem Gedanken Rechnung trägt, dass "hinter der Republik von Amerika eine andere Republik stand, die die Verfassung überhaupt erst möglich machte, die Republic of Letters - ein Informationssystem, das vom Stift und der Druckerpresse befeuert wurde, ein Feld des Wissens, das jedem offen stand, der lesen und schreiben konnte". Das Copyright auf Ideen wollte Jefferson, daran sei noch mal erinnert, auf 19 Jahre nach Erscheinen des Werks beschränkt wissen (mehr dazu von Lewis Hyde).

Weiteres: J.M. Coetzee bespricht Philip Roth' neuen Roman "Nemesis", verrät leider die Pointe und schließt ungnädig: "Nirgendwo spürt man die kreative Flamme glühen oder den Autor von seinem Stoff wirklich gefordert." Christopher de Bellaigue sondiert die Lage in Afghanistan, wo die Taliban einige Kriegserfolge verbuchen konnten. Und Tim Flannery liest eine Geschichte von der Rettung tausender Pinguine in Südafrika.