Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
27.06.2006. In der Lettre erzählt Mike Davis die Geschichte der Autobombe. Prospect sucht islamische Reformer. Wo stehen die USA, fragt Literaturen. Wo steht Europa, fragt Magyar Hirlap. Keine Angst vor Eurabien hat der Economist. Al Ahram protestiert gegen das Verbot von Dan Browns "Da Vinci Code" in Ägypten. Der Kalte Krieg fängt gerade erst an, warnt Stephen F. Cohen in The Nation. Die Erderwärmung bewegt sich schneller als die Insekten, warnt Jim Hansen in der New York Review of Books. Großbritannien wird zu einem Überwachungsstaat, warnt Vanity Fair.

Lettre International (Deutschland), 01.07.2006

Auch von dieser sehr lesenswerten Ausgabe stehen nur einige Texte in Auszügen im Netz. Mike Davis (mehr) erzählt die 85-jährige Geschichte der Autobombe als halbstrategische Waffe. "An einem warmen Tag im September 1920, einige Monate nach der Verhaftung seiner Genossen Sacco und Vanzetti, stellte ein rachsüchtiger italienischer Anarchist namens Mario Buda seinen Pferdewagen unweit der Kreuzung Wall Street und Broad Street ab, direkt gegenüber der Bank J. P. Morgan Company. Buda stieg in aller Ruhe vom Wagen und verschwand unbemerkt in der Menge der Leute, die soeben zum Mittagessen aus ihren Büros kamen. Ein paar Häuserblocks weiter fand ein erstaunter Postangestellter Zettel mit der Forderung: 'Lasst die politischen Gefangenen frei, oder der Tod ist euch allen sicher!' Gezeichnet war die Warnung von 'amerikanischen anarchistischen Kämpfern'. Die Glocken der nahegelegenen Trinity Church begannen zwölf Uhr zu schlagen. Als sie verstummten, explodierte der Pferdewagen mit seiner Ladung Dynamit und Schrott wie ein Feuerball aus Schrapnell."

Der Schriftsteller Antonio Tabucchi verfasst eine Liebeserklärung an Pedro Almodovar. "Das Kino Almodovars gleicht einer Fahrt durch die Clownerie des Lebens, diesen uralten und immer wieder neuen Archipel, wo der Clown in uns alle Masken aufsetzt und alle Posen einnimmt, die ihm seine synkretistische Natur gestattet. Er ist Tolpatsch und Engel, Opfer - ein Ebenbild Christi - und Verbrecher, der an die Stelle des Teufels tritt; er ist eine feixende Grimasse und der Schleier der Melancholie, das ausgelassene Lachen und die Träne aus Glas, die auf unserer Wange klebt, die Lebensfreude und die Melancholie, die Euphorie und die Dysphorie, die kindliche Fröhlichkeit und die abgrundtiefe Schwermut. Aber vor allem ist er das Begehren. Denn wir begehren, begehren, begehren. Der Mensch ist ein begehrendes Geschöpf. Und das Leben ist Begehren."

Weiter schreibt Chang Ping I über die 1930 von den Japanern auf Taiwan errichtete Leprastation Lesheng. Abdelwahab Meddeb diskutiert die durch die Mythenbildung blockierte Reformfähigkeit des Koran. Juan Villoro schickt Impressionen aus Kuba: vom Steakersatz aus Pampelmusenschalen bis zu den Jineteras.

Vanity Fair (USA), 01.07.2006

Der britische Journalist Henry Porter schlägt Alarm: Die britische Regierung unter Tony Blair beschneide nahezu unwidersprochen im Zuge der Terror-Bekämpfung die individuelle Freiheit, hebele die Rechte des Parlaments aus und leite die "totale Überwachung der Gesellschaft" in die Wege: "Das Recht auf ein Geschworenen-Verfahren wurde bei komplizierten Betrugsfällen abgeschafft, aber auch, wenn die Gefahr besteht, dass die Jury beeinflusst werden könnte. Das Recht, nicht zweimal für das gleiche Vergehen angeklagt zu werden - das Recht des doppelten Risikos - existiert nicht länger. Die Unschuldsvermutung wurde verwässert, vor allem in den Gesetzen zum antisozialen Verhalten, die jetzt auch Hörensagen als Beweis zulassen. Das Recht, nicht bestraft zu werden, solange ein Gericht nicht festgestellt hat, dass ein Gesetz gebrochen wurde, ist mit dem System von Kontrollanweisungen abgeschafft worden, nach dem ein Terrorverdächtiger daran gehindert werden kann, sich frei zu bewegen und Telefon oder Internet zu benutzen, ohne dass ihm erklärt, welche Beweise gegen ihn vorliegen." Und warum gibt es keine Proteste? Dazu zitiert Porter Shami Chakrabarti, die Leiterin der Bürgerrechtsorganisation Liberty: "Wenn man einen lebenden Frosch in einen Topf heißes Wasser werfen, wird er vernünftigerweise rausspringen und sich retten. Wenn man ihn in kaltes Wasser legt und dieses langsam zu Kochen bringt, wird er im Topf bleiben und sterben."

Weiteres: Christopher Hitchens erzählt in einem ziemlich lustigen Text, wie der Blow-Job zum Inbegriff des amerikanischen Sexlebens werden konnte, und scheut dabei auch keine Kalauer ("No, darling. Suck it. 'Blow' is a mere figure of speech"). Und Craig Unger erklärt noch einmal anhand des angeblichen Uranhandels zwischen dem Irak und Niger, wie Schwarze Propaganda funktioniert.
Archiv: Vanity Fair

Outlook India (Indien), 03.07.2006

Im Magazin aus Delhi annonciert William Dalrymple sein demnächst erscheinendes Buch "The Last Mughal", das den endgültigen Untergang des Mogulreichs und die Konsolidierung der britischen Kolonialherrschaft mit der Niederschlagung des Sepoy-Aufstands 1857 behandelt, und entdeckt ungeahnte Parallelen: "Der Aufstand war ein defensiver Akt in einem Krieg der Religion, gegen das Vordringen des Christentums und christlicher Werte und gegen die Fremdherrschaft allgemein ... Wenn in den Quellentexten von damals vom Jihad die Rede ist, klingt das heute leider alarmierend."

Außerdem: Khushwant Singh bespricht Kamla Patels leidenschaftliches Buch über das Schicksal im pakistanisch-indischen Teilungsprozess verschleppter Frauen. Und im Interview mit Sanjai Suri erzählt der Softporno-Regisseur Jagmohan Mundhra von seinem nächsten Film, mit Monica Bellucci als Sonia Gandhi.
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Literaturen (Deutschland), 01.07.2006

Literaturen versucht sich in dieser Ausgabe an einer Standortbestimmung der USA. "Wohin steuert, wohin taumelt die einzig verbliebene Weltmacht?" Heinrich Wefing macht sich auf die Suche nach dem Eigentlichen und hat in drei Büchern (Louis Auchincloss' "Manhattan Monologe", George P. Pelecanos' "Washington-Trilogie" und Michael Cunninghams "Helle Tage") den amerikanischen Ur-Mythos aufgestöbert: "Dass es etwas Besseres gebe als den Flecken, an dem man geboren wurde oder morgens aufgewacht ist, und dass dieser bessere Ort in relativer Reichweite liege, sei es ein paar Tagesmärsche oder einige Wochen im Wohnmobil entfernt: das ist eine Überzeugung, die schlechthin konstitutiv ist für das Bild, das diese Nation seit jeher von sich entworfen hat."

An hauseigenen kritischen Stimmen herrscht in den USA wahrlich kein Mangel, schließt Bernd Greiner aus den aktuellen politischen Veröffentlichungen, "allein - die Reaktionen bleiben aus. Oder man belässt es bei einem achselzuckenden 'Und was gibt's sonst noch Neues?'" Hans Ulrich Gumbrecht schließlich denkt über Amerikas "kritische Freunde" in Europa nach.

Weitere Artikel: Eva Horn verrät, was einen schlechten Geheimdienstliteraten (Udo Ulfkotte) von einem guten (James Risen, Paul Todd und Jonathan Bloch sowie Eric Gujer) unterscheidet und entwirft nebenbei eine kleine Typologie der Geheimdienstliteratur. Franz Schuh sieht Parallelen zwischen Erich Loests Krimi "Der Mörder saß im Wembley-Stadion" und den deutschen Edgar-Wallace-Filmen. Feridun Zaimoglu hat auf einer Lesereise kulinarische Bücher studiert, und eines gefunden, das - zu Recht - die Bratwurst vor süßsaurer Ingwersauce schützen will. Daniel Kothenschulte schreibt über die jetzt als DVD erschienene "Geisha"-Verfilmung . Aus Kopenhagen berichtet Christoph Bartmann über Peter Hoegs jüngsten Roman "Das stille Mädchen". Und in der Netzkarte wundert sich Aram Lintzel über die einsame Privatreligion des Zwangs, wie sie sich auf der Webseite selbsthilfe-therapie.de offenbart.
Archiv: Literaturen

Magyar Hirlap (Ungarn), 23.06.2006

Europa und die USA sind wie ein älteres Ehepaar: Sie haben einander nichts mehr zu sagen, glaubt Andras Sztankoczy. Europa habe fast nur Kritik für die USA übrig, während sich die USA immer weniger für Europa interessieren: "Europa liebt Amerika nicht, muss ihm aber zuhören. Amerika hört Europa kaum noch zu. ... In der New York Times liest man wesentlich mehr darüber, was im Nahen Osten, Asien oder Südamerika passiert, als in Europa." Die Amerikaner, so Sztankoczy, können nichts anfangen "mit einem Stück Land, das keine Selbstachtung, keine Entschlossenheit, keine Strategie zum Erreichen seiner Ziele hat - wenn es ihm überhaupt gelingt, diese Ziele zu formulieren. Europa und Amerika haben in der Vergangenheit immer wieder gestritten. Europa ist die ältere Ehefrau Amerikas geworden: außer gemeinsamer Erinnerungen, die in den Nebeln der Alzheimerkrankheit tauchen, fühlen sie sich durch nichts mehr verbunden."

Prospect (UK), 01.07.2006

Ehsan Masood stellt Reformbestrebungen innerhalb des Islams vor, die von einer wörtlichen Lektüre des Korans Abstand nehmen und daran erinnern, dass das Wort Allahs im historischen Kontext der ersten muslimischen Gemeinde zu verstehen ist. Solche Reformer gebe es überall in der muslimischen Welt - in Ägypten (der Direktor der Alexandria Bibliothek, Ismail Serageldin), aber auch in Indonesien, Malaysien, Iran und Saudi Arabien will Masood sie gefunden haben. Näher vorgestellt werden uns aber vier hauptsächlich im Westen lebende islamische "Rationalisten", die die Beziehung zwischen muslimischer Minderheit und westlicher Gesellschaft verändern wollen. Das sind der britisch-pakistanische Autor Ziauddin Sardar, der schweizer-ägyptische Tariq Ramadan, der im Iran geborene Abdolkarim Soroush und der in den USA lebende Evangelist Hamza Yusuf Hanson, der sich selbst allerdings eher als Traditionalisten denn als Reformer sehe.

Zu diesem Thema ist auch ein Interview mit Tariq Ramadan zu lesen, in dem dieser darauf hinweist, dass "intellektuelle Kreativität", die sich in der Berücksichtigung gesellschaftlicher Umstände bei der Auslegung des Koran zeigt, kein gotteslästerliches Zugeständnis ist, sondern grundsätzlicher Bestandteil des Islams.

Weitere Artikel: Kamran Nazeer hat das Paradies für engagierte Intellektuelle entdeckt: den höheren öffentlichen Dienst, der mit der Erarbeitung und Umsetzung von politischen Richtlinien betraut ist. Nick Crowe berichtet, wie es um die Musikalität der Briten steht. David Mepham spekuliert über die Art von Außenpolitik, die man vom Blair-Nachfolger Gordon Brown erwarten kann. Lynsey Hanley muss mitansehen, wie die rechtsextreme BNP (British National Party) im Wahlkreis ihrer Kindheit (ein Arbeiterviertel von Birmingham) ihren ersten Gemeinderatssitz außerhalb des Black Country erlangen. Und Fred Pearce berichtet über die Hoffnungen und Illusionen der Kernfusion.
Archiv: Prospect

Gazeta Wyborcza (Polen), 24.06.2006

Tadeusz Konwicki, der letzte Woche 80 Jahre alt wurde, ist einer der größten polnischen Schriftsteller der Nachkriegszeit. In einem langen Artikel würdigen Anna Bikont und Joanna Szczesna das Werk des in Litauen geborenen Autors - von den Erfahrungen des Partisanenkampfs, über seine marxistischen Überzeugungen, die Arbeit an Filmen bis hin zur Unterstützung der Dissidenten. "Dadurch, dass ich Waise war, hatte ich einen starken Komplex der Entfremdung, ein Gefühl der physischen und intellektuellen Klaustrophobie. Mein Leben war ein Versuch, sich von dieser Fremde zu befreien", gestand Konwicki in einem Interview.

Reporter Ryszard Kapuscinski offenbart im Gespräch mit Milada Jedrysik, warum ihm die gegenwärtige polnische Arbeitsmigration nach Westeuropa keine Kopfschmerzen bereitet. Früher waren Menschen meist gezwungen, ihr Land zu verlassen - wegen Krieg, Epidemie, Naturkatastrophen, während sie heute auf der Suche nach besserem Leben sind. Für Polen, das immer Auswanderungsland war, bringe die neue Diaspora auch einen Nutzen: "Wenn man im Westen gearbeitet hat, weiß man, dass man pünktlich und höflich sein muss. Das kann einen positiven Einfluss haben: neue Bräuche, Sitten, Kulturen, Lebensstile".

Economist (UK), 23.06.2006

Ist die amerikanische Angst vor "Eurabien" (sprich: einem muslimischen Europa) berechtigt, fragt der Economist im Aufmacher und antwortet: Jein. Mit der amerikanischen Sorge um Europas Umgang mit seiner muslimischen Minderheit kann man noch umgehen, meint er Economist in einem weiteren Artikel, aber warum fühlen sich die USA bemüßigt, den Europäern Ratschläge in Sachen Integration zu geben? "Der Unterschied zwischen Amerika und Europa im Umgang mit dem Islam geht auf Grundsatzfragen wie den Grenzen der Rede- und Handlungsfreiheit zurück. Amerikas politische Kultur misst der Religionsfreiheit große Bedeutung zu - und dazu gehört auch das Recht, seinen Glauben in einer Art zu bekunden, die andere für exzentrisch halten ... Die amerikanische Gesellschaft ist offen für religiöse Auseinandersetzungen - und für neue Zugriffe auf alte theologische Fragen - was nicht im selben Maße auf Europa zutrifft."

Weitere Artikel: Die besten Parodien sind bekanntlich die, bei denen man nicht weiß, ob sie ernst gemeint sind oder nicht. Und tatsächlich weiß der Economist nicht, ob er über den wilden, falschen und unlogischen Kritikerjargon in Tom McCarthys Tim-und-Struppi-Buch "Tintin and the Secret of Literature" lachen oder weinen soll. Sicher ist jedoch: Tim-Erfinder Herge hätte sich köstlich amüsiert. Für den Fall, dass der Zeitungscartoon aussterben sollte, hat sich KAL (alias Kevin Kallaugher und neuerdings Hauscartoonist des Economist) schon mal etwas Neues ausgedacht: den 3D-Cartoon fürs Internet. Weiter legt der Economist den Finger auf deutsch-deutsche Vergangenheitsbewältigungsprobleme. Und schließlich wird berichtet, wie die britische Strafvollzugspolitik es fertigbringt, sowohl zu hart als auch zu nachgiebig zu sein.
Archiv: Economist

Al Ahram Weekly (Ägypten), 22.06.2006

Nachdem ägyptische Behörden den Film "The Da Vinci Code" für den Index vorgemerkt hatten, ist jetzt auch Dan Browns seit 2003 frei verkäufliche Romanvorlage ins Visier der Zensoren geraten. Gihan Shahine dokumentiert die Groteske, in der sogar die Muslimbrüderschaft Partei für eine vermeintlich verunglimpfte Christenheit ergreift.

Ebenfalls zum Thema schreibt Salama A Salama: "Dass die Kreativität von höchster Stelle angegriffen wird und unsere Parlamentarier Weltliches und Geistliches verwechseln, ist traurig. Sie posieren als Schutzheilige der Gesellschaft, aber schweigen angesichts der schlimmsten Verstöße gegen die Freiheit, Würde und Seele der Nation."

Außerdem: Nehad Selaiha freut sich über das erste ägyptische Theaterfestival für Regisseurinnen. Ibrahim Fathi zeigt sich fasziniert von der Dramatisierung des Lebens der Aktivistin Rachel Corrie, die 2003 von einem israelischen Räumkommando in Gaza getötet wurde. Und Hala Sakr erklärt, warum Wasserpfeifen keineswegs gesünder sind als Zigaretten.

The Nation (USA), 10.07.2006

Der Kalte Krieg fängt gerade erst an, behauptet der Politologe Stephen F. Cohen in einer düsteren Analyse von Russlands naher Zukunft. "Die Petrodollars mögen Russland langfristige Stabilität bescheren, aber auf der Basis von zunehmenden Autoritarismus und xenophobem Nationalismus. Diese unheilschwangeren Entwicklungen kommen nicht von Russlands verlorenem Supermachtstatus (oder Putins KGB-Hintergrund), wie uns die US-Presse regelmäßig glauben machen will, sondern von den vielen Toten und Verwundeten an der Heimatfront seit 1991. Diese oft als 'Weimar-Szenario' betitelte Entwicklung würde nicht unbedingt auf einen Faschismus hinauslaufen, aber es würde ein Russland im Besitz von Massenvernichtungswaffen und eines Großteils der globalen Gas- und Ölreserven bedeuten, das dem Westen noch feindlicher gegenübersteht als es sein sowjetischer Vorgänger getan hat."
Archiv: The Nation

Tygodnik Powszechny (Polen), 19.06.2006

Was ist bloß mit Oriana Fallaci los? fragt das polnische Wochenblatt. "Ihre Drohung, die geplante Moschee nahe ihres Sommerhauses in der Toskana sprengen zu wollen, könnte für ein groteskes Beispiel für Xenophobie gehalten werden. Was dabei auch durchklingt, ist eine fundamentale Weigerung, durch die Globalisierung bedingte Veränderungen in ihrem alltäglichen Leben hinzunehmen. In der offiziellen Realität der EU gibt es keinen Platz für offene Bekundungen zum Althergebrachten. Was von Tradition übrig geblieben ist, sind Kodifizierungen für lokale Käsesorten und Schnaps."

Zygmunt Bauman warnt vor dem Reisen! Die Publizistin Olga Stanislawska zitiert den polnisch-britischen Soziologen, um mit ihm zu sagen: "Der Tourismus ist wie der Kolonialismus - der Reisende zeigt seine materielle und kulturelle Überlegenheit und Macht, in dem er für den Preis eines Tickets sich das Recht kauft, über die Eigenarten der Einheimischen zu staunen."

New York Review of Books (USA), 13.07.2006

Jim Hansen, Direktor des NASA Goddard Institute for Space Studies und Professor an der Columbia University liest einige Bücher zur Erderwärmung (darunter Al Gores "An Inconvenient Truth", Auszug) und betont noch einmal das Dramatische der Situation: "Studien über mehr als tausend Pflanzen-, Tier- und Insektenarten zeigen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Wanderung in Richtung nord- beziehungsweise Südpol mit einer Geschwindigkeit von vier Meilen pro Jahrzehnt. Das ist nicht schnell genug. In den letzten dreißig Jahren sind die Linien der sogenannten 'Isothermen', mit denen Durchschnittstemperaturen in Erdregionen angezeigt werden, in einer Geschwindigkeit von 35 Meilen pro Jahrzehnt polwärts gewandert. Bezieht man dieses Tempo auf Landkreise in Iowa, so kann man sagen, dass der Lebensraum der Arten pro Jahrzehnt um eine Reihe von Landkreisen in Iowa nördlich wandert."

Weitere Artikel: Der britische Politologe Robert Skidelsky liest Bücher über die Frage, ob sich die USA zu einem "Reich" entwickeln. Joan Acocella liest eine Neuübersetzung von Stefan Zweigs "Die Ungeduld des Herzens" ("Beware of Pity") und bricht eine Lanze für den in den angelsächsischen Ländern inzwischen vergessenen Autor. Der Autor Tim Parks liest eine große neue Beckett-Ausgabe, die deutsche Verlage auch deshalb interessieren sollte, weil die Vorworte zu den Werken von Autoren wie Colm Toibin, Salman Rushdie, Edward Albee, and J.M. Coetzee geschrieben wurden. Und Jonathan Raban bespricht den neuesten Roman von John Updike, "Terrorist" (Auszug). Leider nicht online zu lesen ist John Grays Artikel über Isaiah Berlin.

Weltwoche (Schweiz), 22.06.2006

Hannah Arendt, vor hundert Jahren geboren, ist drauf und dran, neben Beckett und Einstein zum "massenkulturellen Popidol" unter den Geistesgrößen aufzusteigen, staunt Daniel Binswanger. "Nicht nur schießen Preise, Tagungen und Institute mit ihrem Namen aus dem Boden, an der Universität Zürich versammelten sich im Winter 2001 auch etliche hundert Bewunderer, um in einem Zyklus öffentlicher Lesungen das voluminöse Totalitarismus-Werk in voller Länge vorgelesen zu bekommen. Doch obwohl das Interesse für das Werk der Philosophin weiter nicht gestreut sein könnte, gibt es kaum einen Konsens, was es eigentlich besagt. Sosehr sie als Vorbild bewundert wird, so scharf wird sie immer noch angegriffen, insbesondere ihr Buch über den Prozess gegen den Nazi-Schergen Adolf Eichmann. Arendts Schaffen führt weder zu Schulbildung, noch gibt es einen 'Forschungsstand'. Eine Hommage an ihre intellektuelle Autorität findet sich nicht nur bei Daniel Cohn-Bendit, sondern etwa auch bei Christoph Mörgeli. Die Bandbreite ist beachtlich. Es scheint, als müsse die Kontroverse jeden Tag wieder von vorn beginnen."
Archiv: Weltwoche

New Yorker (USA), 03.07.2006

Unter der Überschrift "Also aß Zarathustra" widmet sich Woody Allen einer in Heidelberg gefundenen Schrift: "Friedrich Nietzsches Diät Buch". Deren Echtheit werde von "einigen Nörglern" zwar bezweifelt, Kenner des Werks, so Allen, bescheinigten ihm dagegen, dass "kein anderer westlicher Denker so dicht daran war, Platon und die Pritikin-Diät unter einen Hut zu bringen". Allen zitiert Auszüge: "Fett ist eine Substanz oder die Essenz einer Substanz oder eine Form dieser Essenz. Das große Problem setzt ein, wenn es sich auf den Hüften anlagert. Bei den Vorsokratikern war es Zeno, der meinte, dass Gewicht eine Illusion sei, und egal, wie viel ein Mensch auch esse, er immer nur halb so fett wäre wie einer, der nie Liegestützen mache."

Weiteres: Joan Acocella stellt zwei neue Biografien des Romanciers und zweimaligen britischen Premierministers Benjamin Disraeli vor, die Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem einer Studie über die CIA und die "One Percent Doctrine", eine von Vizepräsident Dick Cheney ausgegebene Losung, wonach jede "Drohung", die auch nur zu einem Prozent stimmen könne, ernst genommen werden müsse. Alex Ross hörte die letzten drei Konzerte von Daniel Barenboim mit dem Chicago Symphony Orchestra und überwand vor allem nach Beethovens Neunter ("fünfzehn Minuten stehende Ovationen") den "Widerwillen" gegen den "plumpen und chaotischen Klang", den er bei dessen Amtsantritt vor gut zehn Jahren empfunden hatte. Joan Acocella begeisterte sich im Rahmen des New Yorker Diamonds Projects für eine Choreografie von Bolschoi-Chef Alexei Ratmansky ("die Ankunft eines Adlers auf dem Bauernhof"). Hilton Als stellt zwei Theaterproduktionen vor ( "King Lear", "The House in Town"), und Anthony Lane sah im Kino "Superman Returns", dessen Publikumszusammensetzung einem "zufällig anwesenden Demografen reichlich Stoff zum Nachdenken" geliefert hätte. Zu lesen ist außerdem Erzählung "Carnival, Las Tablas" von Cristina Henriquez.

Nur im Print: ein Bericht über Neurochirurgie und die Anpassungsfähigkeit des Gehirns, Porträts eines "heimlichen Architekten" des Kriegs gegen den Terror und des spanischen Modemachers Cristobal Balenciaga, außerdem Lyrik.
Archiv: New Yorker

Point (Frankreich), 26.06.2006

Le Point porträtiert die Krimiautorin, Archäologin und politisch engagierte Publizistin Fred Vargas als eine Frau, die ihre "Auseinandersetzungen" mit großer Beharrlichkeit führt - von der Vogelgrippe bis zu ihrem Engagement für den ehemaligen italienischen Linksterroristen Cesare Battisti. Dieser war 1993 in Abwesenheit von einem italienischen Gericht wegen vier Morden zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Francois Mitterand hatte den nach Frankreich Geflohenen in Auslieferungshaft nehmen lassen, aus der Battisti floh, weil das italienische Rechtssystem einen neuen Prozess nicht zulässt. Vargas hatte den Vorgang als eine "neue Dreyfus-Affäre" bezeichnet. Battisti habe ihr gesagt: "Scheiße, Vargas, ich habe keinen umgebracht und ich werde nicht ins Gefängnis gehen." Dieser Satz gehe ihr seit Jahren im Kopf herum: "Ich bin eher eine streunende Linke und gegen den bewaffneten Kampf und all diesen Blödsinn. Battisti ist von Muti belastet worden, einem Aussteiger, der seine Zeit damit verbracht hat, sich zu widersprechen und der von der Bildfläche verschwunden ist? Schuldig oder nicht schuldig: Battisti hat das Recht auf einen neuen fairen Prozess".

Berichtet wird außerdem über die Aufnahme der algerischen Schriftstellerin und Regisseurin Assia Djebar in die Academie Francaise. Sie ist nach Marguerite Yourcenar, die als erste Frau in die Akademie gewählt wurde, das erste aus dem Maghreb stammende Mitglied und eine von vier Frauen der insgesamt vierzig Mitglieder zählenden Institution.
Archiv: Point

Espresso (Italien), 29.06.2006

In seiner Bustina di Minerva stellt Umberto Eco diesmal Theorien vor, die von der Erde als Höhle ausgehen. Cyrus Teeds Vorstellung, dass die Menschen in Wahrheit auf der Innenseite der hohlen Erde leben, war bis ins 20. Jahrhundert populär. "In einigen Bereichen der deutschen Marine glaubte man, dass mit der Theorie von der Erde als Höhle man mit größerer Genauigkeit die Position der englischen Schiffe bestimmen könnte, weil die umgekehrte Krümmung der Erde die Infrarotstrahlen nicht ablenken würde. Hitler habe eine Expedition auf die Ostseeinsel Rügen geschickt, wo ein gewisser Dr. Heinz Fischer ein Teleskop gen Himmel richtete, um die britische Flotte ausfindig zu machen, die auf der konvexen Oberfläche der Höhlen-Erde segelte. Man sagt, dass einige Versuche mit der V1 misslangen, weil man die Flugbahn ausgehend von einer konkaven und nicht konvexen Oberfläche aus berechnete."
Archiv: Espresso
Stichwörter: Umberto Eco, Heinz Fischer

Times Literary Supplement (UK), 23.06.2006

Einen völlig neuen Blick auf die Neue Welt verdankt Howard Temperley dem neuen Werk "Inhuman Bondage" des Sklaverei-Historikers David Brion Davis: "Die Geschichte, die Davis erzählt, läuft bisherigen Darstellungen komplett zuwider. Diejenigen, die glaubten, dass es bei der Besiedlung der Neuen Welt um eine Horizonterweiterung und das Abschütteln europäischer Fesseln ging, werden überrascht sein zu erfahren, dass vor 1820 afrikanische Sklaven die europäischen Siedler zahlenmäßig um das Fünffache übertrafen. Das heißt nicht, dass einige Europäer ihre neuen Erfahrungen als befreiend empfanden, auch wenn daran erinnert werden muss, dass viele von ihnen selbst als Dienstboten oder überstellte Kriminelle begannen und so kaum in einer Position waren, sich befreit zu fühlen. Dieses Bild unterscheidet sich jedoch erheblich von dem, das diejenigen zeichnen, die Amerika gern als Zuflucht für die Unterdrückten sehen oder als gigantischen Abenteuerspielplatz. Wenn Zahlen zählen, dann war der typische amerikanische Siedler weder ein auftrumpfender Eroberer noch ein bibelfester Puritaner, sondern ein erbarmungswürdiger afrikanischer Sklave, der auf einer Zuckerplantage ackerte."

Weiteres: Nicolas Barker beklagt, dass das britischen Department for Culture, Media and Sport trotz seiner immensen Einnahmen aus der National Lottery nicht das kulturelle Erbe zu bewahren weiß, wie ihm das Schicksal der Macclesfield Library und des Murray Archive zeigt. Hugo Williams trifft den Dichter Nick Rendall, der als Captain der Coldstream Guards gerade von einem Einsatz im Irak zurückgekommen ist. Außerdem besprochen werden John Heilperns Biografie des Dramatikers John Osborne "A Patriot for us" und ein Band mit Elmore Leonards "Complete Western Stories".

Elet es Irodalom (Ungarn), 23.06.2006

Das Ernst Museum in Budapest stellt die Kunst ethnischer Minderheiten Ungarns und ungarischer Minderheiten in den Nachbarländern aus. Vilmos Agoston ist entsetzt! Für ihn ist die Ausstellung "ein Musterbeispiel für Diskriminierung". Seit sechshundert Jahren leben Roma in Ungarn, doch in der Ausstellung werden sie als heimatlose Gesellen gezeigt: "In seiner Eröffnungsrede forderte Miklos Duray, Vizepräsident der Ungarischen Koalitionspartei in der Slowakei, die ungarischen Roma auf, 'den indischen Botschafter zu kontaktieren'. Anscheinend hält er Indien für das Vaterland der ungarischen Roma. ... Ich hoffe sehr, dass der Politiker inzwischen ahnt, dass unsere Roma-Brüder nicht nur ihre Väter, sondern auch ihr Vaterland sehr wohl in Ungarn haben." Zur Ausstellung wurden Künstler aus dem ehemaligen Gebiet Groß-Ungarns eingeladen, die sich mit "Nationalität" auseinandersetzen.
Stichwörter: Diskriminierung, Roma, Slowakei

Express (Frankreich), 26.06.2006

"Georgien muss Russland vergessen!", erklärt in einem Interview die ehemalige französische Botschafterin in Tiblis Salome Zourabichvili, die nach der Rosenrevolution 2004 zur Außenministerin Georgiens bestellt, bereits 2005 wegen "Kritik am georgischen Parlament" aber wieder abberufen wurde. Die dafür Verantwortlichen hätten zu dem von Ex-Präsident Eduard Schewardnadse eingesetzten "System" gehört, für das sie "das sichtbarste und unerträglichste Element der Regierungsmannschaft" gewesen sei. Die alten kommunistischen Strukturen haben überlebt, indem sie sich unter Schewardnadse in ein 'weiches' totalitäres Regime verwandelt haben, und sie sind sehr mächtig." Aufgrund des "gesetzlichen und steuerlichen Durcheinanders" werde der Einzelne in der Illegalität gehalten und sei vollkommen wehrlos gegenüber dem Staat. Auf die Frage nach der politischen Priorität für Georgien antwortet Zourabichvili: "Einen Rechtsstaat errichten, das ist der einzige Weg, das Land von totalitären Relikten zu befreien und die Wirtschaft anzukurbeln."
Archiv: Express

New York Times (USA), 25.06.2006

Die Debatte ist eröffnet! In einer leidenschaftlichen Rede vor amerikanischen Buchhändlern, die wir auszugsweise lesen oder komplett anhören können, nimmt John Updike sein Selbstverständnis als Autor in Schutz vor der Vision der digitalen Universalbibliothek, wie sie Google und Kevin Kelly vom Wired Magazine propagieren, auf den sich Updike ausdrücklich bezieht. Anders als Kelly, der den künftigen Autor als Performer sieht, der sein Geld macht mit allem, "was sich nicht kopieren lässt", befürchtet Updike den Rückfall in barbarische Zeiten, "als nur die Gegenwart zählte": "Das gedruckte, gebundene und bezahlte Buch ... ist Schauplatz der stillen Begegnung zweier Seelen, eine der anderen folgend, zum Fantasieren angeregt, zum Disput, zu gemeinsamer Betrachtung jenseits persönlicher Begegnung."

Weitere Artikel: Gründlich verstörend (besonders für US-Leser) findet Jonathan Freedland Noam Chomskys Generalabrechnung mit den USA "Failed States". Marilyn Stasio bespricht "schräge Krimis" von Christoper Fowler, John Hart u. a. Und Luc Sante findet Robert Greenfields Biografie "Timothy Leary" (Leseprobe) fesselnd wie einen postmortalen Roman von Sinclair Lewis.

Fürs Magazin der N. Y. Times untersucht Christopher Caldwell, was sich nach den Bombenattentaten vor einem Jahr in London getan hat. Die Kombination aus verschärfter staatlicher Kontrolle und der Integration lokaler muslimischer Wortführer scheint keine Lösung zu sein: "Die gemeinsame Opposition gegen den Krieg im Irak verstärkt die Bande zwischen radikalen und nicht radikalen Muslimen sowie Teilen der westlichen Linken; dies erschüttert gängige Vorstellungen von Terrorismus." Ein weiteres Problem sieht Caldwell in den aus dem Irak zurückkehrenden Gotteskriegern: "Folgen sie dem Beispiel ihrer afghanischen Kollegen und bringen den Jihad mit nach Hause, wird Britannien es schwer haben."

Ferner: Im Interview mit Deborah Solomon verrät Jack Carter, der jetzt in Nevada für den Senat kandidiert, was ihn von seinem Vater Jimmy unterscheidet ("ich muss nicht immer die Nr. 1 sein"). Und Benoit Denizet-Lewis erklärt, wie die Pharmaindustrie das Suchtproblem in den Griff kriegen will.