Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
28.03.2006. In der Lettre rühmt Juan Villoro den größten Fußballspieler aller Zeiten. Im Express erklärt Amos Oz, warum man Israelis und Palästinenser nur trennen, nicht versöhnen kann. In der Weltwoche erklärt Joe Zawinul, was es mit der Verwandschaft von Wiener Dialekt und walking bass line auf sich hat. In der New York Review of Books singt Robert Hughes eine Hymne auf Rembrandt. In Prospect ruft Alison Wolf: Willkommen zum Ende des 'weiblichen Altruismus'. Der New Yorker recherchiert, wie Armut in Amerika berechnet wird. Im TLS hält Edward Luttwak den Islamismus für einen Fliegendreck verglichen mit dem Kalten Krieg. Im Espresso verzweifelt Amelie Nothomb am Fernsehen. In Literaturen erklärt Paolo Flores d'Arcais, warum nur Feiglinge Berlusconi einen Faschisten nennen. In Al Ahram besteht der an der Columbia University lehrende Hamid Dabashi darauf, ein Opfer des rassistischen Westens zu sein. Und die New York Times widmet sich Fällen von Bibliophagie.

Lettre International (Deutschland), 01.04.2006

Die bevorstehende Fußballweltmeisterschaft nutzt der mexikanische Schriftsteller Juan Villoro, um an den besten Fußballspieler aller Zeiten zu erinnern. Diego Maradona, der "Gott mit den kleinen Füßen", der 1984 den SSC Neapel rettete. "Zu den Wundern des Fußballs gehört, dass Maradona in körperlicher Hinsicht erstaunlich paradox wirkt. Er ist 1,62 Meter groß, schläft bis elf, rennt lustlos und verdaut in aller Ruhe. (Eine übertrieben reichliche Portion Samstagsspaghetti machte sich bei ihm während des Spiels am Sonntag bemerkbar.) Eine sonderbare Spannung durchzieht trotzdem seinen Körper. Selbst wenn er einen Frack trägt, sieht es so aus, als wollte er gleich einen Ball mit der Brust abfangen. Er ist der kapriziöseste und theatralischste Fußballkünstler und derjenige, von dem eine Mannschaft am meisten abhing. Nicht einmal Pele hat solch unangefochtene Führungsrolle gespielt. Bei der Weltmeisterschaft von 1986 konnte uns Diego überzeugen, dass jede Nationalmannschaft mit ihm an der Spitze den Sieg errungen hätte."

Online lesen dürfen Sie u.a. kurze Auszüge aus dem zweiten Teil von Eliot Weinbergers Aufzeichnungen "Was ich hörte vom Irak im Jahr 2005", aus Loretta Napoleonis Porträt des libanesischen Terroristen Al-Sarkawi, aus Peter Greenaways Vision eines Zukunftskinos, Philippe Videliers Essay über Malewitschs "Rote Kavallerie" und die Revolution und aus Amartya Sens brillantem Essay über Multikulturalismus (das Original finden Sie hier).

Nur im Print: William Langewiesches Reportage über Pakistan und die Atombombe. Lawrence Weschler erzählt die Geschichte seines Großvaters, des Komponisten Ernst Toch. Und Julian Barnes schreibt über Braque und Picasso.

Express (Frankreich), 27.03.2006

In seiner Interviewserie im Vorfeld der israelischen Parlamentswahlen am 28. März erläutert in dieser Woche der israelische Schriftsteller Amos Oz seinen Standpunkt, wonach man die "Trennung" der beiden Völker und nicht die "Aussöhnung" unterstützen sollte. Zur Frage nach der wahren Natur des israelisch-palästinensischen Konflikts meint er: "Das ist kein Krieg der Kulturen und auch keiner der Religionen, auch wenn gewisse Leute sich wünschen, dass es so wäre. Die alleinige Frage, um die es geht, ist: Wem gehört das Land? Unser Land ist winzig klein. Beide Völker sind zu Recht dort. Wer könnte behaupten, dass die Palästinenser dort nicht zu Hause sind? Das sind sie, genauso wie die Holländer in Holland. Und wer könnte behaupten, dass die Juden nicht ebenfalls ein Recht auf dieses Land haben? Es ist ihre einzige und eindeutige historische Heimat, es hat nie eine andere gegeben. In dieser Sache gibt es keine Guten und Schlechten, wie die Europäer gerne glauben. Das ist kein Western, kein Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen. Es ist eine echte Tragödie, das bedeutet, ein Konflikt zwischen Anrecht und Anrecht."
Archiv: Express
Stichwörter: Holland, Amos Oz, Western

Weltwoche (Schweiz), 27.03.2006

Peter Rüedi unterhält sich mit dem Jazz-Musiker Joe Zawinul, der mit 74 Jahren durch Europa tourt und 30 Konzerte in fünf Wochen absolviert. Der für seine Bass Lines bekannte Keyboarder und Orchesterleiter gilt manchen als der schwärzeste Weiße. "So würde ich das nicht sagen, aber es stimmt, dass ich mich mit Schwarzen einfach gut verstehe. Irgendwie gibt es da den gleichen Sinn für Humor, auf Wienerisch gesagt: eine verwandte Art von 'Schmäh'. Unser Wiener Dialekt ist ja sehr nah bei einer walking bass line. Miles sagte auch: 'Nobody can write bass lines like you.' Übrigens ist Wien zurzeit unheimlich lebendig, auch in unserer Ecke der Musik, um es mal so zu sagen. Was der Schweizer Mathias Rüegg mit seinem Vienna Art Orchestra dort schuf, kann man nicht hoch genug schätzen."

Boris Johnson hofft, dass Silvio Berlusconi noch einmal die Chance bekommt, sich politisch zu beweisen - wegen seines Unterhaltungswerts. "Silvio Berlusconi ist ein Meilenstein in der modernen Politik. Es gibt niemanden, der es an schierer Unverschämtheit mit ihm aufnehmen könnte. Seine Reden, seine Garderobe, seine Halstücher, seine kosmetischen Operationen, sein lächerlich sexistisches Auftreten, das an einen Playboy der fünfziger Jahre erinnert - in allem ist er eine permanente Herausforderung für die ganze Schar blasser, stromlinienförmiger Figuren, die die Bühne der internationalen Diplomatie bevölkern."
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Archiv: Weltwoche

New York Review of Books (USA), 06.04.2006

Robert Hughes singt eine Hymne auf Rembrandt, vor dem man einfach auf die Knie gehen muss, wie Hughes so erklärt: "Es gibt einige große Künstler, deren Werke wir sozusagen von außen bewundern. Sie erregen kein Gefühl der Empathie, zumindest auf keine persönliche Weise... Aber dann gibt es Künstler, deren Arbeit nicht so ist. Sie erkennen menschliche Unvollkommenheit und Sterblichkeit an. Und sie erkennen sie nicht nur an, sondern die Herrlichkeit eben darin, und machen sie zum eigentlichen Subjekt ihrer Kunst. Denn wenn Menschen perfekt wären, geistig, physisch, moralisch, spirituell - wofür bräuchten sie dann überhaupt die Kunst? Ganz sicher fühlte sich Rembrandt van Rijn nicht verpflichtet, seine menschlichen Sujets nobel darzustellen, geschweige denn perfekt. Deshalb ist er, wenn auch selbst nicht immer Realist, der oberste Gott des Realismus - nach Caravaggio."

Shakespeare-Biograf Stephen Greenblatt stellt zwei neue Bücher über Christopher Marlowe vor, David Riggs' "The World of Christopher Marlowe" und Park Honans "Christopher Marlowe: Poet and Spy", die er zwar beide gern gelesen hat, die aber nicht viel Neues über Marlowes rätselhaftes Leben und Sterben bieten. Nach Greenblatt wollte Elizabeth I. nicht unbedingt einen Verschwörer liquidieren, sondern einen Mann zum Verstummen bringen, der "einem Verlangen, das allen Hierarchien spottete und Konsequenzen nicht beachtete, eine leidenschaftliche und erschütternde Stimme gab".

Weitere Artikel: Garry Wills liest bewegt die Erinnerungen des Martin-Luther-King-Vertrauten Taylor Branch an die Jahre der Bürgerrechtsbewegung "At Canaan's Edge". Joyce Carol Oates bespricht Jay McInerneys neuen Roman "The Good Life", der ihr erstaunlich grüblerisch, drogenfrei und apolitisch erschien. Prächtig amüsiert hat sich Ian Buruma mit dem "R. Crumb Handbook", das Peter Poplaski zusammen mit Robert Crumb selbst herausgeben hat. Orville Schell schildert, wie gefährlich und wie irrsinnig es ist, als Journalist im Irak zu arbeiten.

Outlook India (Indien), 03.04.2006

Indien, wie geht's? Im Titeldossier erklärt der Wirtschaftswissenschaftler Bimal Jalan, dass "der indische Elefant sich zwar rührt" allerdings auf "abschüssigem Grund". Durch neue Qualifikations- und Technologiemaßstäbe, mehr Investitionskapital und eine insgesamt gestärkte Weltmarktposition habe sich Indiens Wettbewerbsfähigkeit verbessert. Ins Rutschen gerate der Koloss durch das koloniale Relikt der "öffentlich-privaten Dichotomie". Sozial-, und Gesundheitswesen etwa seien nicht Sache eines florierenden privaten Sektors sondern des Staates. Für das angestrebte Wachstum von bis zu zehn Prozent empfiehlt der Ökonom dringend "Reformen bei der öffentlichen Hand, den Behörden und bei der Steuer."

Außerdem bespricht Shiv Visvanathan einen "klugen, unterhaltsamen" Essayband über die Bedeutung von Kaffee, Tabak und Cartoons in der tamilischen Kulturgeschichte. Und Devangshu Datta freut sich, dass mit "Goalless. The Story Of A Unique Footballing Nation" pünktlich zur WM ein Buch den indischen Fußball behandelt und die Frage, warum dieser, obgleich "überall gespielt und geschaut", noch immer kein Massensport ist.
Stichwörter: Cartoons, WM

Prospect (UK), 01.04.2006

Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit können Frauen in den westlichen Gesellschaften jeder Beschäftigung und Karriere nachgehen, die ihnen gefällt, konstatiert Alison Wolf, für die das - bei allen Vorteilen - auch das Ende der Schwesternschaft bedeutet: "In der Vergangenheit teilten Frauen aller Klassen, aller Gesellschaften ein Leben, dessen Zentrum explizite weibliche Belange waren. Heute kann man nicht mehr allgemein über Frauen sprechen. Stattdessen teilen sie sich in zwei Gruppen. Eine Minderheit gut ausgebildeter Frauen macht Karriere. Eine Mehrheit hat meist Teilzeit-Jobs, um Geld zu verdienen. Für erstere bedeutet es kaum noch einen Nachteil eine Frau zu sein. Wenn sie qualifiziert sind und bereit, Zeit zu investieren, können sie sich wie jeder Mann hocharbeiten." Wolf sieht diese Revolution jedoch nicht nur positiv, denn sie hat "enorme Auswirkungen auf öffentliche Dienste und ehrenamtliche Arbeit. Sie hat Veränderungen - der Verfall der Religion, die Glorifizierung der Selbstverwirklichung - in unserer Gesellschaft verfestigt, die unser Verhalten und unsere Werte beeinflussen. Willkommen zum Ende des 'weiblichen Altruismus'."

In einem Essay erklärt der kanadische Theoretiker Michael Ignatieff, warum kein Weg aus dem Dilemma um Sicherheit und Menschenrechte daran vorbeiführt, Folter und verschärfte Vernehmungen weiterhin zu ächten. Selbst in Fällen, wo es darum geht, Menschenleben vor der vielzitierten tickenden Bombe zu retten: "In diesem Fall ließe auch ein klares Verbot einem gewissenhaften Beamten keine andere Wahl, als dem Verbot zuwiderzuhandeln. Doch sollte selbst ein Agent, der in dem guten Glauben gehandelt hat, Menschenleben zu retten, vor Gericht gestellt werden, wie es Israels Oberstes Gericht empfohlen hat. Beim Prozess wird sich die zur Verteidigung vorgebrachte Notwendigkeit strafmildernd auswirken können, doch darf sie nicht zu einem Freispruch führen. Dies ist die einzige Lösung, die ich sehe."

Weitere Artikel: Mark Kitto berichtet, wie sein Shanghaier Stadtmagazin Ish nach sieben Jahren einfach von den Behörden dichtgemacht wurde ("Es ist illegal. Sie dürfen das nicht. Niemand kann ein Magazin ohne Erlaubnis herausbringen"). Und Nick Crowe erklärt, wie Malis kürzlich verstorbener Musiker Ali Farka Toure den Mississippi Blues auf afrikanische Ursprünge zurückführte.
Archiv: Prospect

Foglio (Italien), 27.03.2006

In San Remo sieht man es jedes Jahr deutlicher: die italienische Musik liegt am Boden. Aber es gibt wieder Hoffnung, und die kommt ausgerechnet aus Sizilien, wo eine junge Musikszene explodiert, wie Bruno Giurato begeistert berichtet (pdf). "Zum Beispiel Roy Paci, aus Augusta, Jahrgang 1969, Sänger und Trompeter. In der neuesten Ausgabe des Zelig Circus gibt er den Orchesterleiter seiner Aretuskas (nach 'Aretus', dem antiken Namen von Syrakus), die mit der Truppe von Claudio Bisio zwischen Reggae, Mambo, Schlager, und Kabarett oszillieren. Paci erinnert an einen Latino, mit dunkler Brille und Nadelstreifenanzug nach Al Capone Art. Paci fängt sofort an zu erzählen: 'Mein Großvater sagte immer: Bevor Du laufen lernst, musst Du gehen können. Man sollte also die Tradition kennen. Für mich ist Rosa Balistreri die absolute Stimme (hier einige Lieder der Balistreri-Interpretin Etta Scollo). Musikalisch wurde ich in einer Musikkapelle geboren, nicht am Konservatorium; die Konzerte auf dem Platz, die Prozessionen, eine praktische Übung für die Bläser des Südens."
Archiv: Foglio

New Yorker (USA), 03.04.2006

In einem faktenreichen Essay geht John Cassidy der Frage nach, wie Armut in Amerika berechnet wird. Dabei werde noch immer auf eine Formel zurückgegriffen, die 1958 von der Statistikerin Mollie Orhansky entwickelt wurde, die sich gegen Kinderarmut engagierte. Sie unterschied zwischen "preiswerter" und "sparsamer" Lebensführung und rechnete aus, dass Familien damals für ersteres ein Jahreseinkommen von 3955 Dollar und für letzteres von 3165 Dollar erwirtschaften müssten. Das Büro für Bevölkerungsstatistik passte in den vergangenen zehn Jahren lediglich alle zwölf Monate die Obergrenze der Einkommen an die Inflation an. Diese Methode habe, so Cassidy, einige "offenkundige Defizite". So hätten sich etwa die finanziellen Belastungen in Form von Einkommenssteuer und Krankenversicherung für Familien doch erheblich verändert. "Ein weiteres Problem besteht darin, dass die Armutsgrenze für das gesamte Land gleich hoch angesetzt wird. Im vergangenen Jahr betrug die Obergrenze des Bruttoeinkommens für eine Familie mit zwei Kindern 19806 Dollar. Das mag ausreichen, um eine Familie im ländlichen Arkansas oder in Tennessee zu ernähren, nicht jedoch in San Francisco, Boston oder New York, wo die Entwicklung auf dem Immobilienmarkt erschwinglichen Wohnraum verknappt hat."

Es erscheint unglaublich, dass jemand ohne eine Spur von Häme über Mariah Carey schreiben kann. Sasha Frere-Jones schafft es und zaubert ein paar Fakten aus dem Hut, "Sie war die bestverkaufende weibliche Künstlerin in den Neunzigern und die erste Frau, die drei Studioalben herausbrachte, von denen sich jedes mehr als acht Millionen mal in den USA verkaufte. Sie hat sechzehn ihrer siebzehn Nr. 1 Hits selbst geschrieben oder daran mitgeschrieben, mehr als jede andere weibliche Komponistin, und sie hat zwölf ihrer Nr. 1 Songs selbst produziert, mehr als jede andere Frau."

Weiteres: Paul Rudnik glossiert den Umgang mit hochbegabten Kindern. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "A Better Angel" von Chris Adrian. Joan Acocella bespricht den zweiten Roman der in Brooklyn lebenden Schriftstellerin Emily Barton "Brookland" (Farrar, Straus & Giroux), und H. Allen Orr stellt eine Studie zur Entwicklung von Religionen vor: "Breaking the Spell: Religion as a Natural Phenomenon" (Viking) von Daniel Dennett. Peter Schjeldahl führt durch die Ausstellung "Hatshepsut: From Queen to Pharao" im Metropolitan Musem, in der fast 300 Objekte zu sehen sind. Und David Denby sah im Kino "Thank You for Smoking" von Jason Reitman und die Low-budget-Produktion "Brick" von Rian Johnson.

Nur in der Printausgabe: ein Bericht über den Umgang mit radikalen Muslimen in den Niederlanden von Jane Kramer, ein Porträt des Schauspielers Sean Penn, ein Artikel zur Frage, ob Angehörige etwas in der Notaufnahme zu suchen haben, und Lyrik von Elizabeth Macklin und C.K. Williams.
Archiv: New Yorker

Times Literary Supplement (UK), 24.03.2006

Nach der Leküre von John Lewis Gaddis' Geschichte "The Cold War" stellt Edward Luttwak kategorisch fest: "Es gibt keinen Grund, nostalgisch auf den Kalten Krieg zurückzublicken. Die blutrünstigen Drohungen grimmiger Prediger, frömmelnder Mörder und gewählter Fanatiker sowie die alltägliche Gewalt des fanatischen Islams sind ein Klacks verglichen mit der Gefahr der nuklearen Auslöschung, die über Jahrzehnte den Kalten Krieg begleitete. Und auch wenn man das Undenkbare bedenkt, auch wenn eine islamische Fundamentalisten in den Besitz einer oder zwei Atomwaffen kommen und sie benutzen sollten, läge doch eine ganze Welt zwischen der Detonation einer Bombe oder zwei durch glühender Fanatiker, die das Versprechen auf glühende Jungfrauen irre geführt hat, und den Waffen mit bis zu 30.000 Megatonnen Sprengkraft, die systematisch auf Ziele gerichtet wurden von disziplinierten Profimilitärs, die pflichtbewusst verifizierte Befehle befolgen."

Besprechungen widmen sich auch Chuck Klostermans Reiseberichten "Killing Yourself to Live", Carl von Linnes Standardwerk "Philosophie Botanica" und Peter Altenbergs Vignetten "Telegrams from the Soul".
Stichwörter: Atomwaffen, Telegram

Espresso (Italien), 30.03.2006

Mit einer an Verzweiflung grenzenden Absolutheit verdammt die belgische Schriftstellerin Amelie Nothomb im Gespräch mit Denise Pardo die Reality-Shows und das Fernsehen überhaupt. "Wir sind alle miteinbezogen. Und korrumpiert durch ein Fernsehen, in dem der Gott des Geldes regiert und die Ideologie der Entblößung vorherrscht. Das Recht, die Gefühle, Sehnsüchte und Emotionen im Dunkeln zu lassen, gibt es nicht mehr. Es ist verpönt, etwas in seinem Inneren zurückzuhalten. Hier handelt es sich um das Diktat der absoluten Transparenz. Du darfst alles, du musst nur alles sagen. Dieses Fernsehen verneint die Jahrtausende, die es gebraucht hat, um die Regeln und Werte der Zivilisation aufzubauen. Zwanzig Jahre Fernsehen haben gereicht, um sie zu schleifen."

Weiteres: Umberto Eco feuert in seiner Bustina Spitzen gegen den ehemaligen Reformminister Roberto Calderoli (Wikipedia), den ein T-Shirt mit einer Mohammed-Karikatur den Posten gekostet hat. Im Titel schildert Marco Damilano mit unverhohlener Begeisterung, wie sich die Verbündeten Silvio Berlusconis vom angezählten Cavaliere abwenden.
Archiv: Espresso

Revista de Libros (Chile), 24.03.2006

Lobende Worte findet Juan Villoro in seiner Kolumne zu einer neuen Einrichtung im Flughafen-Express von Heathrow in die Londoner City: ein Abteil, in dem die Handy-Benutzung verboten ist: "Ich weiß, ich bin neurotisch. Ich weiß, andere sind es auch. Die englische Kultur mit ihrer großen Wertschätzung der Intimsphäre erweist einmal mehr Menschen mit Ohren ihren Respekt." Zu Villoros anfänglicher Irritation, späterer Freude traf er ausgerechnet hier auf eine Gruppe Taubstummer, die sich fröhlich lachend mit den Händen unterhielten: "Nach meiner Flucht vor den Stimmen der anderen hätte ich sonst etwas dafür gegeben, diese stummen Stimmen zu verstehen. Als wir in London ankamen, schienen die Taubstummen meine Isolation zu bemerken. Sie verabschiedeten sich mit Gesten und überreichten mir einen Apfel. Ich hatte keinen Hunger, aber ich nahm ihn an, als wäre er ein Wort ihrer Sprache."

Außerdem ein Interview mit dem spanischen Pfarrer und Bestseller-Autor historischer Romane Jesus Sanchez Adalid: "In meinem Dorf bin ich glücklich. Ich möchte unbedingt Dorfpfarrer bleiben. Das bedeutet in keiner Weise ein Opfer für mich. In meinem Dorf wird ständig gefeiert. Die Umgebung ist wunderschön, die Leute sind freundlich. Ich traue mich kaum, das so zu sagen, weil alles einfach viel zu schön ist."

Literaturen (Deutschland), 01.04.2006

Jutta Person hat den Publizisten (Micromega) und Philosophen Paolo Flores d'Arcais in Rom besucht, der das Klima in Italien kurz vor den Wahlen so beschreibt: "'Italien ist in den letzten Jahren unendlich viel vulgärer geworden. Und mit Vulgarität meine ich nicht die Anzahl der nackten Frauen, die man zu sehen bekommt. Das ethische, ästhetische, anthropologische Klima dieses Landes ist einfach komplett zunichte gemacht worden.' Dass die Omnipräsenz des Regierungschefs gelegentlich auch mit der Vokabel 'faschistisch' versehen wird, hält Flores d?Arcais dagegen für lächerlich. Man müsse sich vor Augen halten, dass niemand körperlich misshandelt wird (auch wenn er selbst die Antiglobalisierungs-Demonstrationen in Genua als Gegenbeispiel anführt). Man riskiert nicht das Leben, sondern nur, keine Karriere zu machen oder entlassen zu werden."

"Sprachlos, aber redselig", findet Sigrid Löffler die fünf Helden in dem heftig gefeierten Debütroman von Clemens Meyer, "Als wir träumten". Es geht um Aufstieg und Niedergang einer Leipziger Jugendclique nach der Wende und alles, so Löffler, "läuft auf den einen dumpfen Kernsatz hinaus: 'Mann, das ist echt so scheiße.' Stimmt leider."

Nur im Print: Literaturen hat seinen Schwerpunkt Wolfgang Koeppen gewidmet. Anlass ist das baldige Erscheinen des Briefwechsels zwischen Koeppen und Siegfried Unseld. Ein kleiner Schwerpunkt gilt außerdem Samuel Beckett.
Archiv: Literaturen

Elet es Irodalom (Ungarn), 24.03.2006

Nachdem die großen Ikonen des ungarischen Films - Istvan Szabo und Gabor Body (mehr hier) - als einstige Stasispitzel entlarvt wurden, findet im ungarischen Film ein Generationswechsel statt, meint Produzent György Durst: "Das Studio war in den letzten 20 Jahren mein Lebensschwerpunkt und Arbeitsplatz, Schauplatz meiner Jugendträume, meine Filmschule, in der mein geistiges und moralisches Kapital entstand. Jetzt stellt sich heraus, dass sie ein Ort des Verrats war, wo sich unter Mitwirkung von Helden und Waschlappen Schicksalstragödien abspielten? Die Preise der Ungarischen Filmwoche demonstrieren einen Generationswechsel. Die internationalen Mitglieder der Jury sahen die Filme aus einem größeren Abstand besser, und verliehen die wichtigsten Preise - von den ungarischen Seilschaften unabhängig - an die neue Generation? Nachdem die Stasi-Geschichte von Istvan Szabo bekannt wurde, kann der Systemwechsel in der Filmbranche nicht mehr rückgängig gemacht werden."

Einen Monat nach der Inszenierung seines eigenen "Begräbnisses" in der Budapester Kunsthalle ist Peter Halasz, wichtigster ungarischer Vertreter des avantgardistischen Theaters im Alter von 62 Jahren in New York an Krebs gestorben. Im kommunistischen Ungarn bekam er Auftrittsverbot, bis er 1976 ins Ausland abgeschoben wurde. Aber auch die heutige Kulturpolitik weigert sich, seine Kunst zu anerkennen, wie Laszlo Najmanyi in seinem Nachruf beklagt: "Mit seinem Mut, seiner Geistesgegenwart, Leidenschaft zur Recherche und dem Konzept des Living Theatre gab er mehreren Künstlergenerationen Beispiel. Er gab den Intellektuellen einer terrorisierten Stadt Jahrzehnte lang Kraft, auch nachdem er und sein Ensemble in die Emigration gezwungen wurden. Seine frechen, lebendigen Inszenierungen machten das heimatlose, sich bald in New York niederlassende Ensemble weltweit bekannt... Die Politiker dürfen sein Werk heute nicht mehr verbieten, aber es wird heute noch als geduldete Kunst arg unterschätzt."
Stichwörter: Emigration, Krebs, Stasi

Point (Frankreich), 23.03.2006

In seinen Bloc-notes resümiert Bernard-Henri Levy in dieser Woche den nun schon drei Jahre dauernden Irak-Konflikt. Der erklärte Gegner des Irakkriegs unterzieht darin noch einmal die Hauptargumente gegen den Krieg einer Prüfung. Zur Frage seiner moralischen Berechtigung schreibt er: "Moralisch haben die Neokonservativen Recht gehabt. Moralisch, wenn man so will, im Sinne der großen Prinzipien und Werte. Die Entscheidung, diesen Diktator, der Saddam Hussein gewesen ist, zu stürzen, war eine unangreifbare Entscheidung. Die Wahrheit ist, dass erst später, viel später, in dem Moment, als sich die Frage nach der politischen Handhabung des Konflikts stellte, in jenem Moment also, in dem man, anders gesagt, daran hätte arbeiten müssen, nicht den Krieg, sondern den Frieden zu gewinnen, die Katastrophe begonnen hat. Der Fehler dieser Leute bestand nicht darin, dass sie zu viel Politik gemacht haben, sondern zu wenig. (...) Das Problem, das Verbrechen besteht nicht darin, dass es ihnen an Idealismus gemangelt hätte, sondern dass sie sich durch eine moralische und ideele Voreingenommenheit blenden ließen."
Archiv: Point

Al Ahram Weekly (Ägypten), 23.03.2006

In dem Aufruf "gegen islamischen Totalitarismus", den Salman Rushdie und andere Künstler und Intellektuelle in der französischen Wochenzeitung Charlie Hebdo veröffentlicht haben, sieht Hamid Dabashi "das Schreckgespenst einer Bande von Neocon-Künstlern" und einen weiteren Ausdruck dessen, was er "Islam und Globanalisierung" nennt: "Während die verschiedenen Formen des europäischen Totalitarismus staatliche Ideologien waren, ist das, was als Islamismus firmiert, ein Propagandamittel der USA, Alibi für Kriegshetze ... Getarnt als Verteidiger der Meinungsfreiheit lassen europäische Meinungsmacher ihrer rassistischen Bigotterie freien Lauf wie zuletzt während der Pogrome, die den Holocaust einleiteten." (Die sind so rassistisch, die Amis, dass Herr Dabashi an der Columia University als Professor für Iranistik lehren darf.)

Wie groß ist Israels Einfluss auf die US-Politik im arabischen Raum? Joseph Massad, Dozent für arabische Politik an der Columbia University, widerlegt die These, in Sachen Palästina regierten im Weißen Haus vor allem jüdische Lobbyisten. Eine solche Annahme, meint er, wecke bei vielen Arabern und Palästinensern die falsche Hoffnung, Amerika wäre auf ihrer Seite. Tatsächlich aber verfolgten die USA nur ihre eigenen Interessen und diejenigen solcher Regime, die diesen Interessen dienen, Israel eingeschlossen.

Weitere Artikel: Zum bevorstehenden Start von Al-Jazeera International TV untersucht Ayman El-Amir Chancen und Risiken eines "panarabischen Satellitenfernsehens". Und der Geologe Rushdie Said spricht über seinen Traum, die Wüsten Ägyptens in lauter grüne Gärten zu verwandeln.

New York Times (USA), 27.03.2006

Da ist es: Francis Fukuyamas neues Buch "America at the Crossroads" (Leseprobe). Fukuyama zu lesen, lohne sich immer, besonders für amerikanische Neokonservative, erklärt Paul Berman. Er ist jedoch zugleich enttäuscht, weil der neue Fukuyama keine Antworten gibt "zum drängenden Problem mörderischer Ideologien und wie man sie bekämpft". Wenn auch kein Neokonservativer mehr, sei Fukuyama noch immer zu sehr Hegelianer, als dass es ihm gelänge, "das freie Spiel unvorhersehbarer Ideen und Ideologien" als Ursprung ideologisch motivierten Blutvergießens zu erkennen anstelle einer stetig fortschreitenden, durch Soziologie, Psychologie und die Wirtschaftswissenschaften bestimmten Geschichte.

Anlässlich des am 1. April weltweit zelebrierten "Festivals essbarer Bücher" untersucht Blake Eskin Fälle von Bibliophagie in den verschiedenen Kulturkreisen: "Als Mittel gegen Epilepsie verspeist man in Tibet gedruckte Mantras. Ein Ritual unter ultra-orthodoxen Juden beinhaltet das Ablecken des mit Honig beträufelten hebräischen Alphabets und den Genuss eines hart gekochten Eis, auf dem Verse aus dem Buch 'Ezekiel' stehen."

Außerdem in der Review: Brad Leithauser stellt die gesammelten Gedichte des griechischen Lyrikers C. P. Cavafy in neuer Übersetzung vor. Nellie McKay bespricht ein Buch, das sich der amerikanischen Popmusik der 50er und ihrer Protagonisten wie Pat Boone und Connie Francis annimmt (Leseprobe "Great Pretenders", Audiofile "Songs of Innocence"). Und Anthony Tommasini freut sich über einen "erfrischenden" Band über "Mozarts Frauen".

Im Magazin der New York Times prüft David Rieff, was übrig bleibt von der großen Vision der Globalisierung: Globalisierung light. In Zeiten des Friedens und wirtschaftlicher Expansion wie den 90ern sei Globalisierung ein schlüssiges Konzept, schreibt Rieff, "in konfliktreicher, angstvoller Zeit ist es dagegen weniger überzeugend." Das Engagement für offene Märkte und freien Kapitalfluss habe heute einen ganz anderen Klang: "Addiere Terrorismus und das Schreckgespenst Massenvernichtungswaffen hinzu und was eine blühende wirtschaftliche Zukunft versprach, wird zur Bedrohung."

Mit der Erfindung von "Steakhouse" hat sich das Jagen erübrigt? Von wegen. Was den Jäger fasziniert, beschreibt Michael Pollen im Stil Hemingways - als Jäger Porno: "Das hier ist keine ästhetische, das ist eine hungrige Aufmerksamkeit, die sich wie Finger in die Umgebung vortastet. Wohin mein Auge nicht sieht, schwärmen meine Ohren aus, berichten von knackenden Ästen oder dem Schnüffeln eines - halt, was war das? Bloß ein Vogel."

Weiteres: Alex Witchel porträtiert den Broadway-Dramatiker Richard Greenberg. Und im Interview erklärt die Königin der Boulevardpresse, Bonnie Fuller (Cosmopolitan, Glamour), warum es okay ist, nicht perfekt zu sein.