Es scheint vor allem die
Theaterszene zu sein, die in Russland aktuell
gegen Putin protestiert. Gestern berichtete die
taz, dass fünf TheaterleiterInnen staatlicher Häuser in Russland aus Protest gegen Putin zurücktraten (
Unser Resümee). Die Zeitschrift
Teatr veröffentlicht auf ihrer Homepage eine Chronik der Ereignisse und berichtet von
7586 Verhaftungen von Antikriegs-Demonstranten seit dem 24. Februar in Russland,
schreibt Egbert Tholl in der
SZ.
Teatr ruft in einem Artikel auch zur Unterzeichnung einer Petition gegen den Krieg auf und veröffentlichte einen offenen Brief von Theaterschaffenden: "Einige der Unterzeichner sind als sogenannte
Gesichter des Vertrauens von Putin bekannt - das bedeutet, dass sie in Russland renommierte Künstler sind, die sich mitunter mit Anliegen direkt an ihn wenden können. Der Sprecher der Staatsduma, Wjatscheslaw Wolodin, bezeichnet die Unterzeichner in der Presse als '
Verräter' und schlägt vor, ihnen das Geld zu verweigern, das sie aus dem Staatshaushalt erhalten. (…) Dazu muss man wissen: Die großen Staatstheater unterstehen sowohl der Kontrolle des Kulturministeriums als auch des Moskauer Kulturdezernats. Ihre Leiter haben
nicht das Recht,
offen zu sprechen, da ihnen sonst der Verlust ihrer Posten, Fördergelder und sogar ihrer Freiheit droht."
Auch in der
russischen Ballettszene wird protestiert,
berichtet Dorion Weickmann ebenfalls in der
SZ. Aber: "Ihnen steht
ein Lager schweigender Kollegen und Kolleginnen gegenüber, die entweder abgetaucht sind oder durch Likes unter Anna Netrebkos Posts deutlich machen, auf welcher Seite sie stehen. So verhält es sich mit der Grande Dame des Bolschoi-Balletts, Svetlana Zakharova, die auch schon in der Duma saß und insofern fraglos zu Putins getreuesten Anhängerinnen gezählt werden darf. Auch Sergei Polunin, der mehrfach auf der Bühne des Münchner Nationaltheaters stand und ein
Putin-
Tattoo auf der Brust trägt, hat bislang keinen Ton von sich gegeben. Vermutlich bleibt es dabei, auch wenn im Westen die Zahl derer, die laut und vernehmlich gegen Putins Militäroperation protestieren, stündlich steigt."
Über den Dirigenten
Waleri Gergiev wurde die letzten Tage viel gestritten, wie sieht es mit
Anna Netrebko aus? Die Sängerin hatte sich in einem sehr vorsichtigen, von einer allgemeinen Distanzierung von Politik gerahmten Statement positioniert - war allerdings auch nicht derart in Putins Kulturpolitik verstrickt wie Gergiev. Dennoch hagelt es jetzt Absagen. Ihre "mutmaßliche Abhängigkeit ist im Gegensatz zu jener Gergievs keine strukturelle - sie scheint eher eine emotionale zu sein",
schreibt Ljubiša Tošic im
Standard. "Der Wunsch eines Weltstars,
von Politik verschont zu bleiben, darf getrost hinzugedacht werden. Angesichts der Invasion ist selbiger natürlich nicht mehr zu erfüllen; Netrebko scheint denn auch gerade mit Konflikten beschäftigt zu sein. Sie, die Wladimir Putin in Wahlkämpfen unterstützt hat, zeigte sich zwar entsetzt." Ihr "Statement auf
Instagram wurde allerdings
schnell wieder gelöscht, und die Sängerin sagte alle Auftritte der nächsten Monate ab." In Berlin hat Netrebko einen Auftritt an der Staatsoper abgesagt, weil sie sich nicht von Russlands Krieg in der Ukraine distanzieren wollte,
meldet der
Tagesspiegel. Gefordert hatte das
Matthias Schulz, Intendant der Staatsoper Unter den Linden. Ob ihm die Distanzierung von Putin auch schon vor dessen Einfall in die Ukraine wichtig war?
Dmitry Bertman, Intendant der Moskauer Helikon-Oper, sollte an der Deutschen Oper am Rhein
Umberto Giordanos Revolutionsoper "Andrea Chénier" inszenieren. "Das darf er nun nicht, die Entscheidung richte sich nicht gegen Bertman persönlich, sei aber angesichts des kriegerischen Konflikts unumgänglich, lässt sich die Oper vernehmen", berichtet Thomas Thiel in der
FAZ: "Tatsächlich? Putins Atomwaffen verurteilen die westlichen Staaten faktisch zu einer Zuschauerrolle. Diese Ohnmacht und vielleicht auch
Versäumnisse der Vergangenheit durch ein
symbolpolitisches Feuerwerk zu kompensieren, während zugleich Ukrainer von richtigen Waffen getötet werden, hat etwas Unangemessenes; es verlangt anderen eine Risikobereitschaft ab, die man sich selbst erspart."
Außerdem: Alles richtig gemacht,
meint Nachtkritiker Martin Krumbholz, der sich gern von Regisseur
Bonn Park und Komponist
Ben Roessler im Düsseldorfer Schauspielhaus in der Weltraumoper "Zurück zu den Sternen" für einen Augenblick aus der Welt beamen lässt.