Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.03.2022 - Bühne

Bild: Beth Chalmers

In der FAZ erschrickt Christoph Weißermel über die Aktualität jener Stücke, die er sich an verschiedenen Theatern in Washington angesehen hat. Zwei Stücke über die Kuba-Krise stehen auf dem Spielplan, das Studio Theatre zeigt indes das Stück "Flight" des schottischen Theaterensembles "Vox Motus" über den Afghanistan-Krieg: "Es ist eine der Stärken der Inszenierung, sich darüber im Klaren zu sein, dass die Idee, man könne aus dem warmen Theatersessel heraus jemals die Schrecknisse einer Kriegsflucht begreifen, eine Illusion bleiben muss. 'Flight' verzichtet daher auf voyeuristischen Naturalismus und setzt stattdessen wirkungsvoll auf die individuelle Vorstellungskraft. So sehen wir Aryans und Kabirs schwere Überfahrt über das Meer in kleinen, schlaglichtartig aufleuchtenden Dioramen, in denen ein Schlauchboot gegen die Wellen kämpft. Bewegtbilder gibt es nicht, stattdessen hören wir das Brausen von Sturm und Meer und immer öfter und immer lauter auch Schreie, als hätte es einen von ihnen schon unter Wasser gezogen."

In der NZZ nutzt Marco Frei seine Kritik von Stefan Herheims Inszenierung von Benjamin Brittens "Peter Grimes" an der Bayerischen Staatsoper vor allem, um sich mal ordentlich Luft zu machen. Er ärgert sich über den Boykott russischer Kunst und Kultur im Allgemeinen und über Intendant Serge Dorny im Besonderen: Ein Engagement von Anna Netrebko habe der storniert, "fragwürdige" Corona-Regeln am Haus eingeführt und Dornys künstlerische Bilanz passt Frei auch nicht: "Hatte sich Dorny an seinem früheren Haus, der Opéra de Lyon, noch den Ruf eines Intendanten erarbeitet, der Kunst für alle Bevölkerungsschichten bieten wollte, so trägt die Stückauswahl bei den Neuproduktionen in München bis anhin recht elitäre Züge. Sie richtet sich vorwiegend an Kenner und Spezialisten der Opernwelt. Dem traditionell ausgeprägten Bedürfnis des Münchner Publikums nach großen Namen und Glamour wird dagegen deutlich weniger Rechnung getragen. Ob Dorny diesen Fokus finanziell wie auch gesellschaftspolitisch durchhalten kann, scheint fraglich."

Besprochen werden Hans-Christian Hegewalds "Showtime" am Staatstheater Darmstadt (FR), Stefan Herheims Inszenierung von Benjamin Brittens Oper "Peter Grimes", "souverän, poetisch angehaucht", meint Joachim Lange im Standard, Guntbert Warns' "König Leat" am Berliner Renaissance Theater (Tagesspiegel) und Christoph Diems Inszenierung von Peter Weiss' Stück "Wie dem Herrn Mockinpott das Leiden ausgetrieben wird" am Musiktheater Braunschweig (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.03.2022 - Bühne

Bild: Szene aus "Peter Grimes". Foto: Wolfgang Hoesl

Keinen Trost, aber doch einen Moment Ablenkung findet Reinhard J. Brembeck (SZ) in Stefan Herheims angenehm dezenter Inszenierung von Benjamin Brittens Oper "Peter Grimes" an der Bayerischen Staatsoper: "Ärmlicher Realismus kennzeichnet die Dorfgemeinschaft, sie tummelt sich in einer kargen Versammlungshalle, die einem umgestülpten Schiffsrumpf ähnelt. Die Decke fährt manchmal nach oben, hinten ist gelegentlich das Meer zu sehen. Kärglich und kleingeistig ist hier alles. Herheim trotzt weder dem Stück noch den Figuren tiefere Einsichten ab. Das verhindert schon der von ihm gewählte Realismus, an dem er penetrant festhält. Weshalb die zerstörerischen Abgründe und Psychosen weder von Grimes noch seiner Freundin sichtbar werden."

Das "verweilende Nachdenken" steht Herheim gut, findet in der FAZ auch Jan Brachmann, der vor allem das Dirigat von Edward Gardner bewundert. Ihm gehe es um "klare Hierarchien im Orchestersatz, um das Herausschälen von Gesten und Bildern, die malerische und psychologische Bedeutung haben wie das Spiel der Wellen, das Gleißen der Sonne oder der Schrei von Möwen und Seeschwalben. Plastizität ist hier zu hören statt einer verwässerten Wischtechnik von Grau in Grau. Wie er die Zurücknahme in lyrischen Momenten zur Verdichtung nutzt, wie er den Dialog durch straffe Rhythmik vorantreibt und die Anklänge unterhaltsamer 'Light Music' als Chiffren korrupter Lüstchen und empathielosen Getuschels aufblitzen lässt, das alles zeigt Gardner als ein neues Schwergewicht unter den britischen Dirigenten."

Besprochen werden Falk Richters Inszenierung von "Die Freiheit einer Frau" nach einem Prosatext von Edouard Louis am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, die Till Briegleb in der SZ gelegentlich kitschig, aber auch bewegend "Exitstrategien aus der Unterschicht" aufzeigt, Malte Kreutzfelds Inszenierung von Aldous Huxleys "Schöne neue Welt" am Staatstheater Wiesbaden (FR), Regina Wenigs "Die Zeit, die Stadt und wir" am Schauspiel Frankfurt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.03.2022 - Bühne

Szene aus "Der Drang". Foto © Birgit Hupfeld


Im Münchner Residenztheater gab's am Wochenende eine Doppelpremiere mit "Der Drang" von Franz Xaver Kroetz und Eugene O'Neills "Gier unter Ulmen". Absicht war das nicht, "Der Drang" war coronabedingt zwei Jahre verschoben worden, aber "am Ende", erklärt Egbert Tholl in der SZ, "wirkt das eine wie ein Satyrstück, auf das die aus hartem Stein herausgehauene Tragödie folgt, beide Stücke spielen in hermetischen Systemen, in die die Lust, die Habgier, der Drang hereinbrechen. Einmal führt das zu einem, man kann es nicht anders sagen, grandiosen Herumgevögele, einmal zur völligen Zerstörung jedes möglichen Glücks." Lydia Steier ist für Kroetz Irrsinnskomödie gerade die richtige Regisseurin, findet Tholl, der einfach lachen muss, wenn die Mitzi über den Fritz herfällt, "weil sie ihn für einen Sadisten hält und das interessant findet, dann vögelt sie sich mit dem Otto gymnastisch anspruchsvoll durch alle Räume des Tortenstückhäuschens, bis die vor Eifersucht rasende Hilde mit dem Vorschlaghammer der Ausstattung den Rest gibt. Bei diesen Vorgängen leuchtet die süchtig machende Sprache von Kroetz in allen möglichen Kunstdialektfarben, alle vier spielen aufgedreht herrlich, und Liliane Amuat, die Mitzi, erweist sich als begnadet überlegene Komikerin. Der Erkenntniswert tendiert zwar gegen null, aber das Publikum kichert und gackert unentwegt".

Szene aus "Unter Ulmen". Foto © Birgit Hupfeld


Mit Evgeny Titovs Inszenierung von O'Neills "Unter Ulmen" kann Tholl dagegen nicht viel anfangen. Im Gegensatz zu FAZ-Kritikerin Teresa Grenzmann: "Titov führt das Publikum weg von O'Neills Handlungsort, dem Neuengland um 1850, weg von jedem vermeintlichen Idyll unter Ulmen. An dessen Stelle schuf Bühnenbildner Duri Bischoff nun schroffe schwarze Schieferfelsen als scharfkantige Endzeitkulisse, die im Gegensatz zu den assoziierten Eis- und Nebelmeeren Caspar David Friedrichs nichts romantisch Verheißungsvolles an sich hat. Dadurch verliert der Text das Amerikanische und gewinnt Spannung und Transzendenz." Und auch die "satte, archaische Bühnensprache" Titovs lobt sie.

Weitere Artikel: In der nachtkritik informiert die russische Theaterkritikerin Alla Shenderova über Reaktionen sowohl putinkritischer wie -treuer russischer Theatermacher auf den Krieg gegen die Ukraine. Patrick Wildermann berichtet im Tagesspiegel von Reaktionen Berliner Theatermacher, die den Kontakt zu ukrainischen wie russischen Künstlern halten - allerdings haben sie es auch "nicht mit den Netrebkos und Gergijews dieser Welt zu tun", sondern mit eher mit regimekritischen Theatermachern wie Kirill Serebrennikov.

Besprochen werden außerdem Katharina Thalbachs unpolitische Inszenierung der "Aida" in Dresden (nmz, SZ, FAZ, Welt), Andreas Homokis Inszenierung von Jaromír Weinbergers "Schwanda, der Dudelsackpfeifer" an der Komischen Oper Berlin ("Sattes Theater ist das, unterhaltsam in jeder Szene", versichert Nikolaus Hablützel in der taz), Eugen Engels Oper "Grete Minde" in Magdeburg (FR), Falk Richters Inszenierung von "Die Freiheit einer Frau" nach einem Prosatext von Edouard Louis als "campy-glamourösen Musical" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg (nachtkritik), Evgeny Titovs Inszenierung von Eugene O'Neills "Gier unter Ulmen" im Residenztheater München (nachtkritik), Elena Finkels und Anja Kożiks Inszenierung von Thomas Melles "Die Lage" am Hans Otto Theater Potsdam (nachtkritik), eine Neuproduktion der "Dreigroschenoper" am Theater Regensburg (nmz) und Trajal Harrells Choreografie "Deathbed" am Schauspielhaus Zürich (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.03.2022 - Bühne

In der Welt fragt Christian Meier, ob es wirklich sinnvoll ist, plötzlich russische Kunst vom Bolschoi-Ballett bis zu Tolstoi und Dostojewski zu boykottieren. Er würde sich einen "reflektierten und aufgeklärten Umgang mit russischer Kultur auch in Zeiten des Kriegs" wünschen. "Schließlich besteht unsere größte Hoffnung darin, dass unser freiheitliches System den Menschen in Russland auf Dauer attraktiver erscheint als Putins autoritäre Welt. Dafür muss es eine grundsätzliche Offenheit auch in der Krise bewahren - und die 'Soft Power' einer freien, möglichst unbeschränkten und kontroversen Kultur weiter wertschätzen. Hier sind Klugheit und Unterscheidungsvermögen gefragt, von Fall zu Fall. Wenn wir auf die Widerstandskräfte der russischen Gesellschaft setzen, dürfen wir Putin nicht den Gefallen tun, die ganze russische Kultur mit ihm gleichzusetzen."

Und auch in der FAZ plädiert Jürgen Kaube für eine Autonomie der Kunst, die nicht von der Moral des Künstlers abhängt. Sonst wird's schnell billig: "Die Toleranz wird also knapper, die eigene Heuchelei wird dabei in Kauf genommen. Das gilt umgekehrt auch für manche preiswerte Solidarität, die sich jetzt im konzertanten Abspielen der ukrainischen Nationalhymne und dem Dekorieren von Websites in Blau-Gelb äußert. Der Beitrag der Kunst in Zeiten des Krieges wird mangels anderer Möglichkeiten im Anstecken deklarativer Fähnchen gefunden."

Matthias Brandt in "Mein Name sei Gantenbein". Foto: Matthias Horn


Der Schauspieler Matthias Brandt steht nach zwanzig Jahren Filmarbeit erstmals wieder auf der Bühne: am Berliner Ensemble, in einem Solo nach Max Frischs Roman "Mein Name sei Gantenbein".  Im Interview mit der SZ erklärt er, warum er sich auf der Bühne lange Zeit unwohl fühlte: Ein "Ensemble-Soldat", der immer schön macht, was man ihm sagt, wollte er nicht sein. Auch ist ihm psychologisches Theater - derzeit nicht gerade en vogue - das liebste: "Ich glaube nicht, dass es die Aufgabe des Theaters oder der Kunst ist, anderen Leuten zu erklären, was sie zu denken haben. Das hat etwas wirklich unangenehm Wichtigtuerisches. Ich will im Theater etwas über mich und über uns erfahren. Das ist im Zweifel immer interessanter, als sich belehren zu lassen. Es ist allerdings auch viel schwieriger, gute Geschichten zu erzählen, als irgendwelche Thesen zu verbreiten. Mir kommt diese Ideologisierung von Kunst oft wie eine Ausweichbewegung vor - als ob man sich vor dem Eigentlichen drücken würde. Mich interessiert an der Kunst das Ambivalente, das Nicht-Eindeutige, also das Gegenteil von Ideologie und Parole."

Besprochen werden die Komödie "Alles was Sie wollen" von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière im Frankfurter Rémond Theater (FR), Lena Braschs Stück "It's Britney, Bitch!" am Berliner Ensemble (Welt)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.03.2022 - Bühne

Es scheint vor allem die Theaterszene zu sein, die in Russland aktuell gegen Putin protestiert. Gestern berichtete die taz, dass fünf TheaterleiterInnen staatlicher Häuser in Russland aus Protest gegen Putin zurücktraten (Unser Resümee). Die Zeitschrift Teatr veröffentlicht auf ihrer Homepage eine Chronik der Ereignisse und berichtet von 7586 Verhaftungen von Antikriegs-Demonstranten seit dem 24. Februar in Russland, schreibt Egbert Tholl in der SZ. Teatr ruft in einem Artikel auch zur Unterzeichnung einer Petition gegen den Krieg auf und veröffentlichte einen offenen Brief von Theaterschaffenden: "Einige der Unterzeichner sind als sogenannte Gesichter des Vertrauens von Putin bekannt - das bedeutet, dass sie in Russland renommierte Künstler sind, die sich mitunter mit Anliegen direkt an ihn wenden können. Der Sprecher der Staatsduma, Wjatscheslaw Wolodin, bezeichnet die Unterzeichner in der Presse als 'Verräter' und schlägt vor, ihnen das Geld zu verweigern, das sie aus dem Staatshaushalt erhalten. (…) Dazu muss man wissen: Die großen Staatstheater unterstehen sowohl der Kontrolle des Kulturministeriums als auch des Moskauer Kulturdezernats. Ihre Leiter haben nicht das Recht, offen zu sprechen, da ihnen sonst der Verlust ihrer Posten, Fördergelder und sogar ihrer Freiheit droht."

Auch in der russischen Ballettszene wird protestiert, berichtet Dorion Weickmann ebenfalls in der SZ. Aber: "Ihnen steht ein Lager schweigender Kollegen und Kolleginnen gegenüber, die entweder abgetaucht sind oder durch Likes unter Anna Netrebkos Posts deutlich machen, auf welcher Seite sie stehen. So verhält es sich mit der Grande Dame des Bolschoi-Balletts, Svetlana Zakharova, die auch schon in der Duma saß und insofern fraglos zu Putins getreuesten Anhängerinnen gezählt werden darf. Auch Sergei Polunin, der mehrfach auf der Bühne des Münchner Nationaltheaters stand und ein Putin-Tattoo auf der Brust trägt, hat bislang keinen Ton von sich gegeben. Vermutlich bleibt es dabei, auch wenn im Westen die Zahl derer, die laut und vernehmlich gegen Putins Militäroperation protestieren, stündlich steigt."

Über den Dirigenten Waleri Gergiev wurde die letzten Tage viel gestritten, wie sieht es mit Anna Netrebko aus? Die Sängerin hatte sich in einem sehr vorsichtigen, von einer allgemeinen Distanzierung von Politik gerahmten Statement positioniert - war allerdings auch nicht derart in Putins Kulturpolitik verstrickt wie Gergiev. Dennoch hagelt es jetzt Absagen. Ihre "mutmaßliche Abhängigkeit ist im Gegensatz zu jener Gergievs keine strukturelle - sie scheint eher eine emotionale zu sein", schreibt Ljubiša Tošic im Standard. "Der Wunsch eines Weltstars, von Politik verschont zu bleiben, darf getrost hinzugedacht werden. Angesichts der Invasion ist selbiger natürlich nicht mehr zu erfüllen; Netrebko scheint denn auch gerade mit Konflikten beschäftigt zu sein. Sie, die Wladimir Putin in Wahlkämpfen unterstützt hat, zeigte sich zwar entsetzt." Ihr "Statement auf Instagram wurde allerdings schnell wieder gelöscht, und die Sängerin sagte alle Auftritte der nächsten Monate ab." In Berlin hat Netrebko einen Auftritt an der Staatsoper abgesagt, weil sie sich nicht von Russlands Krieg in der Ukraine distanzieren wollte, meldet der Tagesspiegel. Gefordert hatte das Matthias Schulz, Intendant der Staatsoper Unter den Linden. Ob ihm die Distanzierung von Putin auch schon vor dessen Einfall in die Ukraine wichtig war?

Dmitry Bertman, Intendant der Moskauer Helikon-Oper, sollte an der Deutschen Oper am Rhein Umberto Giordanos Revolutionsoper "Andrea Chénier" inszenieren. "Das darf er nun nicht, die Entscheidung richte sich nicht gegen Bertman persönlich, sei aber angesichts des kriegerischen Konflikts unumgänglich, lässt sich die Oper vernehmen", berichtet Thomas Thiel in der FAZ: "Tatsächlich? Putins Atomwaffen verurteilen die westlichen Staaten faktisch zu einer Zuschauerrolle. Diese Ohnmacht und vielleicht auch Versäumnisse der Vergangenheit durch ein symbolpolitisches Feuerwerk zu kompensieren, während zugleich Ukrainer von richtigen Waffen getötet werden, hat etwas Unangemessenes; es verlangt anderen eine Risikobereitschaft ab, die man sich selbst erspart."

Außerdem: Alles richtig gemacht, meint Nachtkritiker Martin Krumbholz, der sich gern von Regisseur Bonn Park und Komponist Ben Roessler im Düsseldorfer Schauspielhaus in der Weltraumoper "Zurück zu den Sternen" für einen Augenblick aus der Welt beamen lässt.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.03.2022 - Bühne

Inzwischen sind fünf TheaterleiterInnen staatlicher Häuser in Russland aus Protest gegen Putin zurückgetreten, aber der Krieg spaltet auch die Theaterszene, berichtet Katja Kollmann in der taz: "In Moskau findet - wie geplant - das renommierte Theaterfestival 'Goldene Maske' statt. Auf der Bühne des Moskauer Taganka-Theaters, Gastgeber des Festivals, steht am Abend des 27. Februar der Regisseur Maxim Isajew und fordert Wladimir Putin zur Beendigung des Krieges auf. Daraufhin wurde die zweite Aufführung durch das gastgebende Theater abgesagt. Ähnlich erging es dem Dirigenten Iwan Welikanow, der von seinem Dirigat im Rahmen des Festivals entbunden wurde, nachdem er gegen den Krieg Position bezogen hat. Und der Regisseur Jurij Schechwatow ist in Twer, einer mittelgroßen Stadt 80 Kilometer westlich von Moskau, wegen Störung der öffentlichen Ordnung zu 30 Tagen Arrest verurteilt worden.Das Teatr-Tagebuch veröffentlicht das Beweis-Foto seines Verbrechens: Er steht vor einem Laden und hält ein DIN-A4-Blatt mit der Aufschrift 'Nein zum Krieg' vor seiner Brust."

Besprochen werden Anna Bergmanns Inszenierung von Alice Birchs Stück "Blank" am Staatstheater Karlsruhe (nachtkritik) und die Uraufführung "Karoline und Kasimir. Noli me tangere" des Nature Theater of Oklahoma nach Ödön von Horvath (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.03.2022 - Bühne

An eine andere, längst nicht beendete Katastrophe wird Verena Lueken (FAZ) beim Augsburger Brechtfestival im Film "Das fünfte Rad" erinnert. Produziert wurde er von Regisseur Robert Schuster gemeinsam mit zwölf afghanischen Theatermacherinnen, die sich zum Simorgh Theater zusammengeschlossen hatten. Aktuell ziehen sie von Versteck zu Versteck: "Das Simorgh Theater entstand 2005 in Herat, und es ging vor allem darum, Mädchen und Jungen gemeinsam auf der Bühne spielen zu lassen, um Theater für ein Publikum zu machen, das ebenfalls nicht ausschließlich aus Männern bestand. Eine Texteinblendung informiert darüber, wie diese Arbeit bereits zehn Jahre vor der erneuten Machtübernahme der Taliban von religiös konservativen Kräften hintertrieben, behindert und letztlich unmöglich gemacht wurde, mitten in der Zeit des westlichen Engagements für künstlerische Freiheit in Afghanistan also. Doch die Frauen arbeiteten weiter, in unterschiedlichen Konstellationen und unter wechselnden Namen, sie traten in Waisenhäusern auf und in Frauengefängnissen und, so steht da zu lesen, sogar vor inhaftierten Talibankämpfern. Was würden wir sehen, wenn das jemand gefilmt hätte?"

Im Standard berichtet Margarete Affenzeller, was Direktorin Marie-Theres Amborn für das Wiener Theatermuseum plant. Im großen Zeit-Gespräch mit Peter Kümmel spricht Eva Mattes über nackte Frauen und Männer auf der Bühne, "toxische" Hierarchien und Cancel Culture "Heute gehen wir wieder in Richtung einer gewissen Bravheit und Angepasstheit." Ebenfalls in der Zeit begrüßt Andrea Heinz das Projekt des Wiener Schauspielhauses, das sich für einige Monate in ein "Hotel der Künste" verwandelte. Besprochen wird Jette Steckels Inszenierung von Nino Haratischwilis "Das mangelnde Licht" am Thalia Theater Hamburg (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.03.2022 - Bühne

Viele ukrainische Theaterschaffenden schließen sich der territorialen Verteidigung an, um der ukrainischen Armee beim Widerstand gegen die russischen Streitkräfte zu helfen, schreibt die Theaterkritikerin Lena Myhashko in der nachtkritik in einem Theaterbrief aus Kiew: "Seit dem ersten Tag der russischen Invasion haben wir mehr als 30 Einheimische und sechs Katzen beherbergt, Proberäume und Aufführungsbereiche werden in Schlafzonen umgewandelt. Die Atmosphäre ist nett und freundlich: Requisitenflaschen des Theaters stehen für Molotow-Cocktails bereit. Bewohner:innen der Theaterherberge haben einen Tik-Tok-Kanal - DSP News - eingerichtet, der die russischen Besatzungsbemühungen verspottet. Kunst kann eine Waffe sein", sagt ihr etwa Alex Borovenskyi, ein Einsatzleiter, der nicht möchte, dass der Name des Theaters genannt wird.

"Es wäre absurd, über Kunst zu sprechen …, wenn man nicht weiß, ob man am Leben bleibt", schreibt indes der Theaterkritiker Oleksii Palianychka ebenfalls in der nachtkritik in einem Theaterbrief aus Lwiw. Er zitiert etwa Olga Puschalowskaja, Direktorin des Lwiwer Drama-Theaters Lesja Ukrainka: "Derzeit organisiert unser Theater aktiv Unterkünfte für den Fall eines Beschusses und baut ein Zentrum für Geflüchtete auf. Heute haben wir alle Kostüme und Stoffe daraufhin durchgesehen, ob sie sich zum Weben von Tarnnetzen eignen. Wir bereiten auch ein Gebäude für den Verteidigungskampf vor, falls Lviv okkupiert werden sollte."

Außerdem: Im taz-Interview spricht die Regisseurin und Schrifstellerin Judith Kuckart über ihr Theaterstück "Kommt ein Clown in ein Hotel", das im Bremer Theater am Leibnizplatz zu sehen sein wird.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.02.2022 - Bühne

Szene aus "Wanja in der Gaussstraße". Bild: Krafft Angerer

Mit Hakan Savaş Micans Inszenierung von "Wanja in der Gaußstraße" nach Tschechow und Jette Steckels Inszenierung von Nino Haratischwilis gerade erst erschienenem Roman "Das mangelnde Licht" feierten dieses Wochenende gleich zwei Stücke über Russland Premiere am Hamburger Thalia Theater, die Till Briegleb in der SZ, auch wenn sie nicht mehr verändert wurden, vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse gesehen hat. "Durch die Putinlinse" lassen sich "viele Verhaltensweisen wiederfinden, die russische Gewaltpolitik vielleicht interpretieren helfen. Die große Diskrepanz zwischen einem männlich übertriebenen Selbstbild und einer eher kümmerlichen Existenz, die Serebrjakow (Oliver Mallison) in diesem Stück verkörpert, lässt sich als Metapher für ein Land verwenden, das politisch von übertriebenem männlichen Nationalstolz geleitet wird, während Lebensumstände wie Infrastruktur in weiten Bereichen ruinös sind. Auch der abschließende Rat der desillusionierten Nichte Sonja (Meryem Öz) an den unglücklichen Wanja (Stefan Stern), 'lerne das Leben zu ertragen', mag eine Stimmung im desillusionierten Russland beschreiben, wo das verratene Volk seinen Autokraten so lange erträgt, bis dieser sie an den Rand eines Weltkriegs führt."

In der FAZ rauft sich Irene Bazinger nach Steckels Haratischwili-Inszenierung über den Unabhängigkeitskampf Georgiens nach dem Zerfall der Sowjetunion indes die Haare: Nahezu alles, was den Roman ausmache, "seine mäandernde Erzählweise, die fragile Poesie, das aufgelöste Raum-Zeit-Gefüge, die Komplexität der Figuren und der komplizierte historische Hintergrund, wird hier fahrlässig übergangen." Die Inszenierung buchstabiere "brav, bieder und ohne interpretatorischen Zugriff einfach die Handlung nach, lässt deren Dramaturgie notgedrungen außer Acht, suhlt sich in ein paar prägenden Kapiteln, muss andere knapp zitieren oder ganz streichen - irgendwann möchte das Publikum schließlich heim." Nachtkritikerin Anke Dürr ist indes dankbar, dass Steckel jegliche Verbindung zum Krieg in der Ukraine vermeidet.

Szene aus "Ode". Foto: Karolina Miernik

Voller Witz und Tiefe erscheint Michael Wurmitzer im Standard Andras Dömötörs Burgtheater-Inszenierung von Thomas Melles Roman "Ode" über Cancel Culture, Rechte und die Frage, was Kunst sagen darf. "Markus Meyer kann nicht nur berückend singen, er zieht auch gleich einmal blank. Als Regisseur sieht er sich einer jungen Generation von Schauspielern gegenüber, die mit der Idee von bloßer Nachahmung, aber auch potenziell triggernden Geschichten nichts mehr anfangen können: 'Das sind traumatisierende Inhalte, dem setz ich mich nicht aus' - 'Dann können wir nichts mehr darstellen' - 'Genau'. Als Verfechter der Idee von Darstellung durch Verstellung im Theater gibt er dem zum Trotz mit bemerkenswertem Körpereinsatz, umgeschnalltem Schwangerschaftsbauch und Kopftuch nacheinander eine Vergewaltigte, eine vor dem Machomann zitternde Hausfrau und eine ausländische Putzkraft. Wenn nicht Künstler die weniger privilegierten Gruppen der Gesellschaft auf den Bühnen darstellten, kämen die dort dann überhaupt vor?"

Besprochen werden Lily Sykes Inszenierung von Anne Webers Roman "Annette, ein Heldinnenepos" am Staatstheater Hannover - anders als die Vorlage eine "gemütliche Heldinnenverehrung gegen unsere ungemütlichen Kriegstage", meint Nachtkritiker Jens Fischer. Außerdem Milo Raus Inszenierung "Grief & Beauty" im Frankfurter Mousonturm (taz), Susanne Kennedys "Jessica - an Incarnation" an der Berliner Volksbühne (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.02.2022 - Bühne

Szene aus "Jessica - an Incarnation". Foto: Julian Röder

Susanne Kennedy hat mit ihrem Partner Markus Selg an der Berliner Volksbühne mit dem Stück "Jessica - an Incarnation" mal wieder einen ihrer "Symboleintöpfe aus Sinnfragen" angerührt, seufzt Till Briegleb in der SZ. Diesmal geht's um eine Sekte im Cyberspace, alles spielt sich in einer Wüstenlandschaft auf einer Drehbühne ab. Immerhin: "Der zweistündige Sinn-Rave ... wirkt formal erstaunlich geschlossen für die extrem vielen Zutaten, die hier eingekocht werden. Tiktok als Ersatzreligion ist genauso Thema wie Assoziationen an die mordende Manson Family, apokryphe Bibeltexte genauso wie Tennissocken, oder die feine Unterscheidung von Prophezeiung und Propaganda. Der Ariadnepfad wird beschritten und modischer Immersions-Schamanismus praktiziert, Porno auf dem Handy angesehen und über das "esotherapeutische Geschwurbel" der Inszenierung gespottet. Eine Gottesanbeterin hat ebenso ihren Auftritt wie ein Gebet im Lotussitz."

Nachtkritikerin Stephanie Drees mag sie zwar, die "Undurchdringbarkeit" des "Susanne-Kennedy-Universums". Aber die "harten Brocken", an denen der Abend hier knabbert, findet sie dann doch "ermüdend". Im Tagesspiegel erscheint auch Christine Wahl Kennedys in eine "Liturgie der Pathosformeln" verpackte "endlose Sinnfragen-Simulation" mitunter "sehr, sehr lang". In der FAZ macht Simon Strauss zwischen viel "esotherapeutischem Geschwurbel" immerhin einige Momente aus, in denen Kennedy und Selg eindringliche Bilder für dem Verstand nicht zugängliches finden.

Außerdem: Der serbische Filmemacher Emir Kusturica wird künftig laut Vorschlag des russischen Verteidigungsministers Sergei Schoigu Intendant am Zentralen Akademischen Theater der Russischen Armee in Moskau, meldet der Standard.

Besprochen werden Lilja Rupprechts Inszenierung von Simon Stephens' Sozialdrama "Am Ende Licht" im Wiener Akademietheater (Standard), Milo Raus Inszenierung "Grief & Beauty" im Frankfurter Mousonturm (FR) und Meg Stuarts Gruppenstück "Cascade" im Berliner HAU2 (Tagesspiegel).