Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.02.2022 - Bühne

Der Regisseur Andreas Merz-Raykov, der auch schon in Russland gearbeitet hat, inszeniert derzeit am Berliner Theater TD Davide Enias Roman "Schiffbruch vor Lampedusa". Im taz-Gespräch mit Astrid Kaminski erklärt er, wie weit politisches Theater in Russland möglich ist: "Man muss anders politisch sein, viel mit Blitzableitern und Flaschenpost arbeiten. Die Schauspieler:innen sind handwerklich fantastisch ausgestattet, haben in der Breite hervorragende Qualitäten; was ich in Russland im Theater jedoch massiv erlebt habe - auch in anderen Staaten des Ostens -, ist Selbstzensur. Diese unglaubliche Angst: Wenn wir das oder jenes machen, bekommen wir weniger Geld. (…) Diese Angst ist real: Ich habe einmal ein Theater mit einer Inszenierung von Shakespeares 'Was ihr wollt' in den Ruin getrieben. Das war noch nicht einmal wirklich politisch, aber es ging, weil das im Stück eben so ist, um fluide Sexualität. Im Publikum saß die Kulturministerin von Krasnojarsk, das ist in Zentralsibirien, und sie fand die Darstellung homosexuellen Begehrens unmöglich. Daraufhin musste das Theater die gesamte Fördersumme zurückzahlen. Vieles läuft über Geld."

Im nachtkritik-Gespräch über Kunstfreiheit erklärt der Jurist Jens Kersten, wie Gerichte oft um den Kunstbegriff ringen und wie neutral staatlich geförderte Kunst sein muss: "Prinzipiell muss man zwischen dem Kunstwerk und der Institution unterscheiden. Die Kunst ist frei. Ein Theaterstück darf gegen die AfD gerichtet sein. Insofern gelten die allgemeinen Schranken der Kunstfreiheit, wie beispielsweise das Persönlichkeitsrecht. Staatliche Institutionen hingegen haben einen festgeschriebenen Widmungszweck: ein staatliches Theater beispielsweise, Theaterstücke aufzuführen. Das Theater kann diesen demokratisch gesetzten Widmungszweck nicht einfach umdefinieren und sagen: Wir sind jetzt ein Anti-AfD-Theater. Das würde das parteipolitische Neutralitätsgebot staatlicher Institutionen verletzen. Aber selbstverständlich bleibt es auch staatlichen Institution, also zum Beispiel einem staatlichen Theater, vollkommen unbenommen, sich für die Menschenwürde und gegen Rassismus, für Toleranz und Demokratie zu engagieren. Denn dies sind Verfassungswerte, die wiederum alle staatlichen Institutionen und eben auch staatliche Theater verpflichten."

Besprochen werden Matthias Hartmanns Inszenierung von Tschaikowskys Oper "Pique Dame" in der Mailänder Scala (SZ), Guy Weizmans Inszenierung von Anne Carsons "Bitch, I'm a Goddes" am Staatstheater Hannover (nachtkritik) und Evgeny Titovs Inszenierung von Strindbergs "Der Vater" am Staatstheater Wiesbaden (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.02.2022 - Bühne

Im Standard-Gespräch mit Margarete Affenzeller erklärt der ungarische Theaterregisseur András Dömötör, der das Land verlassen hat und im Wiener Burgtheater derzeit Thomas Melles Stück "Ode" inszeniert, weshalb er nicht glaubt, dass die ungarische Opposition bei den Parlamentswahlen eine Chance hat: "Orbáns Narrativ ist sehr klar: Ich beschütze euch, ich bin hier, ihr könnt mir vertrauen. Da ist dann die Korruption völlig egal, die ist in Ungarn nämlich noch viel ärger als der Fall Strache. Ungarns Korruption hat Shakespeare-Dimensionen. Alle wissen Bescheid, aber trotzdem sind die Politiker noch da, weil sie alles kontrollieren und weil die Menschen glauben, dass es besser wird. Der Regierungschef ist überall präsent. Die Manipulation kostet Unsummen. Viele sind manipuliert, viele haben ökonomische Interessen am System, viele schweigen auch aus Angst um ihre berufliche Sicherheit."

In der Berliner Zeitung (leider inzwischen hinter Paywall) macht Birgit Walter ihrer Wut über den "Gender-, Sensibilisierungs- und Antidiskriminierungswahn" an deutschen Theatern Luft. Vor allem der Fall Klaus Dörr, der die Volksbühne vergangenes Jahr nach MeToo-Vorwürfen verlassen musste (Unsere Resümees), lässt ihr keine Ruhe: Im Zentrum der Vorwürfe stand Sarah Waterfeld, die mit ihrem Kollektiv 'Staub zu Glitzer' unter Dercon die Volksbühne besetzte, bis die Polizei das Haus räumte, Dörr lehnte ihr Projekt an der Volksbühne ebenfalls ab. "War es ein Racheplan, was nun folgte? Waterfeld rühmt sich heute, acht Monate lang für Dörrs Sturz und das Ende der 'patriarchalen Tyrannei' gekämpft zu haben. Erzählt auf Instagram, wie sie die Frauen zu der Beschwerde gebracht und die Presse mobilisiert hat, 'Überredungskunst' einsetzen musste. Denn die Frauen wollten partout keine Namen nennen, nicht vor die Kamera, weshalb die Fernsehkollegin absprang. Zuletzt habe Waterfeld, erzählt sie, die taz aktiviert, die dann die läppischen Vorwürfe skandalisierte. Am Tag von Dörrs Rücktritt habe sie eine halbe Stunde lang geweint - vor Glück. Enttäuscht nur, weil die taz ihre, Waterfelds, monatelange Recherchearbeit einfach unerwähnt ließ. Solche Kräfte bestimmen, was an der Spitze eines Berliner Staatstheaters passiert? Nicht der Kultursenator?"

Besprochen werden Evgeny Titovs Inszenierung von Strindbergs "Der Vater" am Staatstheater Wiesbaden (FR), Peter Carps Inszenierung von Simon Stephens' "Am Ende Licht" am Theater Freiburg (nachtkritik) und Christians Weise Inszenierung der "Queen Lear" am Berliner Gorki-Theater (Zeit, Welt, FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.02.2022 - Bühne

Im Tagesspiegel blickt Nicola Kuhn hinter kulturelle Codes und politische Determinationen, wenn sie in den Berliner Kunst-Werken von den Marionetten des Konzeptkünstlers Peter Friedl "in Unruhe versetzt" wird: "Der 61-Jährige entwickelt mit Vorliebe theatrale Situationen, um das Vorstellungsvermögen des Betrachters zu aktivieren. Vier meisterlich gefertigte Marionetten hängen an langen Fäden inmitten eines Lichtkegels in der großen Kunst Werke-Halle: en miniature Toussaint Louverture, ein Anführer der Haitianischen Revolution, der Automobilmagnat Henry Ford, Giulia Schucht, die Ehefrau des Philosophen Antonio Gramsci, und John Chavafambira, ein afrikanischer Heiler, der 1937 bei Wulf Sachs als 'Black Hamlet' zur Romanfigur wurde. Was könnten die Vier sich zu sagen haben, würden sie auf einer Bühne zum Leben erweckt? Ein imaginärer Dialog beginnt sich im Kopf zu entspinnen."

Besprochen werden das Finale der von Katja Lehmanns "Vernon-Subutex"-Trilogie am Frankfurter Stalburg Theater (FR), Simone Dede Ayivis Stück "The Kids Are Alright" im Theater im Pavillon in Hannover (taz), Martin Kusejs Inszenierung von Sartres "Geschlossene Gesellschaft" am Wiener Burgtheater ("Höllentheater", jubelt Martin Lhotzky in der FAZ), der Ballettabend "Verklärte Nacht" von Antoine Jully am Staatstheater Oldenburg (FAZ) und Hendrik Müllers Inszenierung der Oper "Santa Chiara" von Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha am Staatstheater Meiningen (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.02.2022 - Bühne

Wir sind in venedig: Rossinis "Bianca e Falliero" Foto: Barbara Aumüller

In Frankfurt hat Tilmann Köhler Gioachino Rossinis Oper "Bianca e Falliero" auf die Bühne gebracht. Angesichts der äußerst fein gesponnenen Musik kann Judith von Sternburg in der FR die etwa simple Geschichte um die Patriziertochter Bianca gut verkraften, die statt ihres Geliebten Falliero den Capelio heiraten soll, gut verkraften. Ganz un dgar überwältigt ist allerdings Wolfgang Fuhrmann in der FAZ. Die Koloraturen kommen hier nicht aus der geläufigen Kehle, sondern auch dem überschäumenden Affekt, schwärmt Fuhrmann: "Das gilt für den stets nervös agierenden Lebow, der den absurden Herausforderungen seiner Tenorpartie souverän gewachsen ist. Es gilt für den Bass Kihwan Sim als edelmütig-mitleidsvoller, aber durchaus auf seinen Vorteil bedachter, in seinen Koloraturen prächtig knatternder Capellio. Es gilt für die in ihren schönsten Momenten dunkelsüß wie alter Portwein intonierende Mezzosopranistin Beth Taylor, deren Falliero freilich ebenso toxisch und manipulativ agiert wie die beiden anderen Männer. Vor allem aber gilt es für Heather Phillips... Ernst und Spannung dieses Abends strafen alle deutschen Rossini-Klischees Lügen."

Besprochen werden der trashige Shakespeare-Abend "Queen Lear" am Maxim-Gorki-Theater ("Dass der Abend trotz der inhaltlichen Dürftigkeit streckenweise durchaus Spaß macht, liegt an den Schauspielern, die sich mit Vollkaracho in die Schlacht werfen", meint Peter Laudenbach in der SZ, Tsp, Nachtkritik), die Uraufführung von Thierry Tidrows "Der Hässliche" am Theater Dortmund (taz), die Oper "Santa Chiara" des Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg am Staatstheater Meiningen (Tsp), Charles Wuorinens Oper "Brokeback Mountain" im Stadttheater Gießen (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.02.2022 - Bühne

Regina Fritsch, Dörte Lyssewski, Tobias Moretti in Sartres "Geschlossener Gesellschaft". Foto; Matthias Horn / Burgtheater


Am Wiener Burgtheater hat Martin Kusej Sartres "Geschlossene Gesellschaft" aus der Versenkung geolt, was SZ-Kritiker Wilfgang Kraliczek nach anfänglicher Irritation gar nicht schlecht findet: "'Geschlossene Gesellschaft' ist also ebenso wenig das Stück zum Lockdown, wie 'Die Pest' - ein anderes existenzialistisches Hauptwerk - der Roman zur Pandemie ist. Trotzdem war es keine schlechte Idee, es wieder einmal aus dem Fundus zu holen. Der Text bietet tolles Spielmaterial, das in Kušejs Inszenierung - seiner bisher besten als Direktor des Burgtheaters - dann auch entsprechend genutzt wird." Standard-Kritiker Ronald Pohl kam sich vor  wie in einem "Gewissens-Gulag", in dem "unser pandemisch geknicktes Ich" erforscht wird. Dabei verströmte die Inszenierung den "Charme einer Ausgrabungsaktion": "Praktisch zu jeder Gelegenheit eignet dem Abend das säuerliche Phlegma der Pflichtübung. Man lauscht den Wut- und Hassarien der Drei, blickt auf die grell überschminkten Münder der Damen - und empfindet sich doch merkwürdig allein gelassen in dieser (schlechten) Ewigkeit." Theresa Luise Gindlstrasser bleibt in der Nachtkritik etwas unentschieden, konstatiert aber: "Die Hölle, das ist Theater, das sein Publikum wegdenkt. Wegwünscht."

In der FAZ berichtet Felix Ackermann, wie Polens Regierung gegen Kulturinstitutionen vorgeht. Im Visier steht gerade der Direktor des Krakauer Juliusz-Słowacki-Theater, Krzysztof Głuchowski, der nicht nur die polnische Sängerin Maria Peszek ("Polen gab es, und es starb.") auftreten lässt, sondern auch Adam Mickiewiecz' Nationaldrama "Totenfeier" feministisch deuten lässt: "Nach der Premiere im November beendete das Warschauer Kulturministerium die verabredete Förderung des Słowacki-Theaters aus nationalen Mitteln - angeblich wegen Formfehlern in den Antragspapieren. So entstand eine Finanzierungslücke von jährlich 650.000 Euro. Alle Premieren für 2022 mussten abgesagt werden. Der staatliche Regionalsender TVP3 informierte über Pläne, den Theaterdirektor Głuchowski wegen 'Verrohung der Sprache' abzusetzen. Nach einer Kontrolle warf der Vorstand der Woiwodschaft Kleinpolen Głuchowski vor, er habe Richtlinien nicht eingehalten und den Ruf des Hauses beschädigt.

Besprochen werden Floris Vissers "Hercules"-Inszenierung bei den Händel-Festspielen in Karlsruhe (die Judith von Sternburg in der FR als spannendes, tragisches Gerichtsdrama lobt), ein Theaterabend zu Edouard Louis im Freien Schauspiel Ensemble in Frankfurter (FR), Strindbergs "Vater" in Wiesbaden (Nachtkritik), Leoš Janáceks "Jenufa" im Theater an der Wien (Standard) und Leoš Janáčeks Oper "Die Sache Makropulos" an der Staatsoper in Berlin (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.02.2022 - Bühne

"Stomach" mit Beatrice Frey, Alex Deutinger und Alex Franz Zehetbauer. Foto: © Kati Göttfried


Große Performancekunst erlebt ein hingerissener Helmut Ploebst (Standard) im Tanzquartier Wien mit Marta Navaridas' Choreografie "Stomach - or how can we be with each other?" und ihrem performenden "Dreamteam" Beatrice Frey, Alex Deutinger und Alex Franz Zehetbauer: "Mit süß-scharfem Witz verkörpern die drei den Genussleib, der in uns allen wohnt - sehr österreichisch: leicht pervers mit einem Hauch von Freud'scher Triebhaftigkeit, wobei die Andeutung des Analen nicht fehlt. Das Zuschauen verführt, mit den Augen zu riechen, den Ohren zu schmecken."

In der FAZ blickt Jürgen Kaube milde genervt auf die Berliner Schaubühne: Ein Schauspieler dort hatte auf seinem privaten Facebook-Account über "Fortschritt" nachgedacht und die Frage gestellt, ob Zivilisation ohne Gewalt überhaupt zu haben sei. Die Schaubühne nannte das rassistisch und entschuldigte sich. Auch der Schauspieler entschuldigte sich und kündigte an, an einem "Einzelcoaching zum Thema Rassismus und Diversität" teilzunehmen. "Das ist nicht nur des Tons halber interessant", findet Kaube. "Es wird so getan, als läge in den Sätzen des Schauspielers ein Vergehen vor, das nur geheilt werden könne, wenn alle Instanzen der Entschuldigung bis hin zu einem Diversitäts-Coachíng durchlaufen werden. Was der Schauspieler gesagt hat und inwiefern es rassistisch war, wird nicht mitgeteilt, sondern vorausgesetzt. Die Pressemitteilung lobt das eigene Haus dafür, dass 'bei solchen Vorfällen adäquate Maßnahmen erfolgen'. Vom therapeutischen zum polizeilichen Ton. "

Besprochen werden Alexander Eisenachs "Der große Kunstraub" im Bockenheimer Depot (FR), Kathrin Mayrs Inszenierung von Ines Geipels "Umkämpfte Zone" am Hamburger Monsun Theater (nachtkritik) und eine Choreografie von Anne Teresa de Keersmaker zu Heinrich Ignaz Franz Bibers "Rosenkranz-Sonaten" im Concertgebouw in Brügge (für FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster keine Musik, die sich für Tanz eignet).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.02.2022 - Bühne

Erstmals erscheint nun Paul Bowles' Theaterstück "The Garden" in Buchform, freut sich David Signer in das NZZ. Das 1967 entstandene Theaterstück von Bowles, der im marokkanischen Tanger lebte, handelt von einem Mann, der Allah verleugnet und von seinem Dorf gesteinigt wird. Das Stück ist eine "Parabel über islamischen Extremismus, und zwar ein von kafkaesker Prägnanz und Lakonie", schreibt Signer: "Die meisten Werke Bowles, die in Marokko spielen, zeichnen ein abgründiges Bild der arabischen Gesellschaft. Man hat ihm deshalb gelegentlich Orientalismus, Exotismus oder Islamophobie vorgeworfen. Aber seine in den USA angesiedelten Erzählungen sind genauso verstörend. Er hat einfach die Gabe, wie ein genialer Ethnologe die Bruchstellen und Risse einer Kultur zu erfassen."

Weiteres: In die "tiefsten Abgründe bestialischen Verhaltens" blickt Nachtkritiker Reinhard Kriechbaum, wenn Susi Weber Franzobels Roman "Das Floß der Medusa" am Schauspielhaus Salzburg in eine Gemäldegalerie verlegt. Besprochen werden außerdem Lizzy Timmers Stück "Musik - Etappen einer Skandalgeschichte" am Theaterhaus Jena, der ganz "furios" einhundert Jahre musikalische Entwicklung in zwei Stunden auf die Bühne bringt, wie Kevin Hanschke in der FAZ versichert, und Elena Tschernischovas Wiener Fassung der "Giselle" an der Wiener Staatsoper (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.02.2022 - Bühne

Szene aus "Grete Minde". Bild: Andreas Lander.

Was für eine Entdeckung, jubelt Udo Badelt (Tagesspiegel), der im Theater Magdeburg Olivia Fuchs' Uraufführung von Eugen Engels Oper "Grete Minde" über eine junge Frau, die im Jahr 1617 aus Rache die Stadt Tangermünde angezündet haben soll, gesehen hat. Engel war eigentlich Kaufmann und wurde 1943 von den Nazis ermordet. (Unser Resümee) Badelt "lauscht Klängen, die - abgesehen von den Proben - noch keine Ohren live vernommen haben, auch nicht die des Komponisten selbst. Delikat sind sie, wechseln geschmeidig vom Streicherüberschwang zu fragilen Kantilenen, beim großen Brand im Finale züngeln die Flammen erst in den Holzbläsern, bevor der fantastische Chor (Martin Wagner) übernimmt. Kneipenszenen, Liebes- und Eifersuchtsduette, Volkstänze: Dies ist realistisches, down-to-earth-Musiktheater ohne Überhöhung, was natürlich auch Fontanes Vorlage geschuldet ist. Anders als Wagner, Strauss, Humperdinck greift Engel nicht zu Mythos oder Märchen, sondern zu einem Stoff, bei dem Gerichtsakten vorliegen - sie sind in Tangermünde zu besichtigen. Man könnte auch sagen, Engel ist Vertreter einer geerdeten Spätromantik." In der nmz wird Joachim Lange allerdings nicht ganz glücklich mit der Inszenierung von Olivia Fuchs.

Außerdem: In der NZZ porträtiert Bernd Noack den Regisseur Hakan Mican, der sich in drei Stücken am Berliner Gorki-Theater und der Neuköllner Oper dem Leben in traditionellen Berliner Arbeitervierteln widmet. Für die FAZ ist Irene Bazinger nach Cottbus gereist, um mit Stephan Märki, Intendant des Stadttheaters über Rechte, Theater als "moralische Anstalt" und Armin Petras - "ein dezidiert politischer Regisseur, kein Rassist" - zu plaudern. Im Standard erzählt Olga Kronsteiner, weshalb das Wiener Theatermuseum massiv bei der Inventarisierung seines Bestands hinterhinkt.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.02.2022 - Bühne

Das deutsche Theater ist nicht nur durch die Pandemie erschlafft, befindet Simon Strauss ganz grundsätzlich in der FAZ, sondern auch durch die Marketingstrategien von Kulturfunktionären, die unter den Schlagworten "digital" und "divers" ein neues Publikum erreichen wollen. Und erst recht durch die ganze "postdramatischen Nebelkerzenwerferei". Es braucht eine Erneuerung des Regietheaters: "Die vor gut zwanzig Jahren ausgerufene Epoche der Postdramatik könnte diesmal nicht von Kritikern, Dramaturginnen oder Theaterwissenschaftlern, also nicht vom Betrieb selbst, sondern vom Publikum beendet werden. Von jenen Zuschauerinnen und Zuschauern also, die an die Suggestion des psychologischen Schauspiels ebenso gewöhnt sind wie an die Einfühlung in ferne, fremde Welten. Und die eine Erzählstruktur schätzen, die ihnen nicht bei jeder Gelegenheit mit ihren eigenen Produktionsproblemen auf die Nerven geht."

In der Nachtkritik bekennt Esther Slevogt in einer Kolumne, dass ihr René Polleschs Diskurstheater mittlerweile so fremd geworden ist wie Hans Neuenfels' Hochämter der Innerlichkeit. Dabei wusste sie lange zu schätzen, die Entfremdungszusammenhänge ihrer Existenz kennengelernt zu haben: "Aber auch das ist schon ziemlich lange her und inzwischen finde ich mich immer öfter mit dem Gedanken im Theater wieder: ok, ich mag vielleicht kein authentisches Individuum sein und alles, was meine Seele so an Emotionen produziert, ist nur ein Fallout des Kapitalismus, der mich formatierte. Bloß, was nützt mir das jetzt konkret? Ist das wirklich alles, das da in mir fühlt, denkt und zweifelt? Ist der Welt, wie sie inzwischen ist, mit diesen Fragestellungen überhaupt noch beizukommen?"

Besprochen werden Caren Jeß' hippes Volksschauspiel "Knechte" über Männer im Gefängnis im Wiener Kosmos Theater (Nachtkritik), Ersan Mondtags Inszenierung von Webers "Freischütz" in Kassel (FAZ) und die Uraufführung von Eugen Engels Oper "Grete Minde" in Magdeburg (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.02.2022 - Bühne

337 Jahre Leben: Marlis Petersen in Leos Janaceks "Die Sache Makropulos". Foto: Monika Rittershaus / Staatsoper Berlin

In Leos Janaceks Oper "Die Sache Makropulos" geht es um die Opernsängerin Emilia Marty, die seit 337 Jahren verschiedene Leben leben muss - seit ihr der alchemistische Vater eine lebensverlängernde Droge verabreichte. Damals hieß sie noch Elina Makropulos. Klug findet Julia Spinola, wie Claus Guth die Oper in Berlin Unter den Linden inszeneirt hat, und die Musik atemberaubend, auch wenn Simon Rattle mit etwas zu viel Oberflächenglanz dirigiere: "Marlis Petersen spielt diese zwischen Lebenshunger, Rastlosigkeit und Erschöpfung zerrissene Diva mit atemberaubender Perfektion und sie lässt ihren makellosen Sopran in den unterschiedlichen Facetten dieser kleinteiligen Vokalpartie kaleidoskopisch schillern und funkeln. Töne der Leidenschaft, Wärme oder Sinnlichkeit blitzen als brillant kalkulierte Fassade einer innerlich bereits gestorbenen Seele auf."

In die komplizierte Handlung fügt man sich schnell ein und führe direkt zu der Frage nach dem Wert der Endlichkeit, versichert Judith von Sternburg in der FR: "Das brodelnde und durchaus groteske Leben fordert zu Recht seinen Platz, Elina Makropulos' Drama kann man ohne seinen konkreten Irrsinn - auch eine tragische Liebesgeschichte, einen verrückten Alten, Eifersüchteleien, Ambitionen - nicht ermessen." In der FAZ kann Gerald Felber die Einwände an Rattle nicht nachvollziehen, er bilde doch ganz wunderbar die "rauen wie feinfühligen, fremd-eindringlichen Klangwelten des mährischen Meisters" nach. Überragend findet die Inszenierung auch Ulrich Amling im Tagesspiegel.

Das Theater mag diverser werden, aber es verliert die "eigenwillige, interessanten und widerständigen Menschen", beklagt die Schauspielerin Regina Fritsch, die seit 37 Jahren Ensemble-Mitglied des Wiener Burgtheaters ist, im Standard-Interview mit Stephan Hilpold: "Wir entwickeln uns zu Ikea-Menschen, durch die Globalisierung werden wir alle gleicher. So wie es in der Natur ein Artensterben gibt, gibt es am Theater ein Typensterben. Als ich am Burgtheater angefangen habe, gab es 170 Ensemblemitglieder, heute gibt es nur mehr siebzig. Schauspieler müssen sehr viele Rollentypen abdecken."

Besprochen werden die Uraufführung von Eugen Engels Oper "Grete Minde" in Magdeburg (die auch ohne die bewegende Geschichte um den 1943 in Sobibor ermordeten Komponisten Bestand hätte, wie Manue Brug in der Welt versichert, mehr hier), Jetske Mijnssens Inszenierung von Francis Poulencs Oper "Dialogues des Carmélites" (die Thomas Schacher in der NZZ zwar konsequent, aber auch ein wenig zu reduziert findet) und Joana Tischkaus Musical "Karneval" am Theater Oberhausen (SZ), Massenets "Don Quichotte" am Staatstheater Darmstadt (FR).