Neues Jahr, neues
Börsenblatt. Farbiger ist das Heft, "weniger Ausgewogenheit, mehr Spannung" soll drin sein, schreibt Chefredakteur
Hendrik Markgraf im Editorial; das Magazin des Börsenvereins will jetzt auch äußerlich
kein Verlautbarungsorgan mehr sein. Neue Rubriken sollen das
"börsenblatt" - es schreibt sich nun mit kleinem "b" - übersichtlicher machen:
Markt, Management, Medien, Menschen heißen die Rubriken, und
Debatte, Börsenverein, Service sowie
Wochenschau. Letztere ist vom privaten Konkurrenzblatt
Buchreport abgekupfert, der diese Rubrik bei seinem jüngsten Re-Relaunch eingeführt hat. Und noch etwas hat sich beim
Börsenblatt verändert: Er erscheint nur noch
einmal pro Woche, donnerstags. Insgesamt macht das neue
Börsenblatt einen
sehr guten Eindruck: Wie eine richtige Zeitschrift sieht es jetzt aus. Vor allem auf der letzten Seite: Der Rausschmeißer ist eine Karrikatur von
Greser & Lenz. Auch der Internetauftritt ist
neu. Die Artikel des Heftes sind dort jedoch leider nicht zu finden.
Unter dem Stichwort "Zahl der Woche" weist das
Börsenblatt darauf hin, dass nicht
Dieter Bohlens Bekenntnisse oder Jonathan Franzens
"Korrekturen" der Top-Seller des vergangenen Jahres war. Sondern
die Bibel. "Allein die Deutsche Bibelgesellschaft (die auch eine
Online-Bibel anbietet), die Verlage Katholisches Bibelwerk (ebenfalls mit
Online-Bibel), Brunnen und Herder haben zusammen mehr als 600.000 Exemplare abgesetzt. Dieses Jahr greift Bohlen mit seiner
zweiten Lebensbeichte an. Wahrscheinlich wieder ohne Chance gegen die Heilige Schrift. 2003 ist das
Jahr der Bibel. Das sagt schon alles."
Im Kommentar erklärt
Sigrid Löffler, Leselisten seien
Schwachsinn: "Jede Art von
Bücherliste, auf der verzeichnet ist, was der Gebildete gelesen haben muss, sei eine Form von höherem Schwachsinn. Das stellte
Hermann Hesse schon 1927 fest." Der aktuelle
Drang zur Kanon-Setzung missfällt der
Literaturen-Chefredakteurin: "Der
autoritäre Gestus ist so unüberhörbar wie aufdringlich, hinter der
lesepädagogischen Drohgebärde stecken unverhohlen
diktatorische Gelüste. (...) Der Verdacht drängt sich auf, dass manche Zeitgenossen vielleicht nur von irgendeiner Instanz bestätigt bekommen wollen, wie unzählig viele Bücher sie ohne Skrupel weglassen und sich trotzdem noch gebildet fühlen dürfen. (...) Wer einen Kanon dekretieren will, ohne die Macht zu haben, ihn durchzusetzen, macht sich
lächerlich. Und niemand hat heute mehr die Macht, einen Kanon zu dekretieren, nicht die Schule oder Hochschule, nicht die Kirche und erst recht nicht die Medien und ihre Lautsprecher." Dennoch existiere
"der wahre Kanon": Dies seien "jene Bücher, die die Dichter am Leben erhalten, indem sie sich darauf beziehen. Um das zu erkennen, muss man sie freilich
erst einmal lesen."
Buchmessedirektor
Volker Neumann gibt im Interview mit Hendrik Markgraf eine
überraschende Einschätzung ab: "Der Deutsche, so möchte ich verallgemeinern, sieht eher das halb leere als das halb volle Glas. Erfreulicherweise ist diese Sichtweise in unserer Branche derzeit
nicht verbreitet - trotz schwieriger Zeiten. (...) Sorgen bereitet mir allerdings die
Entwicklung der Zeitungsverlage." Neumann hofft, dass es auch in Zukunft ausreichend
Platz für das Buch im Feuilleton geben wird. Angesichts der
Medienkrise warnt er die Verlage davor, die
Werbeetats zu kürzen. Statt dessen sollten die Verlage "einfach nur
weniger Bücher machen - nicht nur fünf oder sieben Prozent, sondern mindestens 15 oder 20".
Der
Exodus bei Eichborn hält nach Informationen des
Börsenblatts an. Nach Programmchef
Wolfgang Ferchl (der den Zeichner und Schriftsteller
Walter Moers bei seinem Wechsel an die
Piper-Spitze gleich mitnahm) und Pressechefin
Susanne Klein wolle "offenbar" auch der langjährige Vertriebsleiter
Andreas Horn das Haus verlassen. "Hintergrund der Auseinandersetzung soll der wachsende Einfluss der Investorengruppe um den Unternehmer Ludwig Fresenius sein; die Gruppe halte inzwischen mehr als 40 Prozent an der Eichborn AG, heißt es." Die Mitarbeiter des Eichborn Verlags hatten nach einer Meldung der
Süddeutschen Zeitung in einem Brief an den Aufsichtsrat gefordert, den kaufmännischen Vorstand
Matthias Kierzek ab- und durch Horn zu ersetzen. "Die Mitarbeiter des Verlags dürfte ein Weggang Horns hart treffen", so das
Börsenblatt.
Eine stichprobenartige Umfrage des
Börsenblatts unter mehr als 40 Buchhandlungen in Deutschland hat ergeben, dass die meisten Sortimente im
Weihnachtsgeschäft um rund
fünf Prozent unter dem Vorjahresumsatz geblieben sind. "Große Buchhandlungen wie Thalia oder Heymann konnten nur durch die Eröffnung
neuer Filialen einen Umsatzzuwachs erzielen. Dagegen wurde bei den Online-Shops der Weltbild-Gruppe etwa 40 Prozent mehr bestellt als Weihnachten 2001." Am besten verkauften sich der Umfrage zufolge
"Leben, um davon zu erzählen" von
Gabriel Garcia Marquez,
"Die Rückkehr des Tanzlehrers" von
Henning Mankell und in Ostdeutschland
"Zonenkinder" von
Jana Hensel.
Auch
Reclam hat sich einen Imagewechsel verpasst: "Die Mehrzahl der Sachbuch-Hardcover wurde
zwei neuen Reihen zugeordnet. Titel wie 'Kleine Geschichte Polens' erscheinen künftig im
Format der Universalbibliothek, Nachschlagewerke wie 'Reclams Filmführer' in einer
großformatigen Reihe."
Das
Börsenblatt hat einige Buchmacher gefragt, wessen Geständnisse sie 2003
nicht lesen wollen. Ganz oben auf der Liste: Möllemanns mögliche Ausflüsse. Der Frankfurter Literaturagent
Georg Simader schreibt: "
Möllemann, Jürgen W.: 'Last exit Wörthersee'. Das will ich 2003 nun wirklich nicht lesen. Andererseits: Her mit dem Manuskript! Irgendeiner kauft's immer, vielleicht sogar für viel Geld. Ganz leise sag' ich mir dann 'Mischkalkulation, Mischkalkulation!' Und trink
ein Bier am Hauptbahnhof." Nicht lieber einen Magenbitter?
Während Weltbild-Chef
Carel Halff meint, Bücher müssten
billiger sein, sagt Hoffmann-und-Campe-Verleger
Rainer Moritz, Bücher würden schon seit Jahren
unter Wert verkauft. Bei Büchern herrsche "Schnäppchenmentalität", so Moritz. Und die (das sagt Moritz allerdings nicht) nutzt nur Ramschläden wie Weltbild.
Halff: "Fünf bis 15 Prozent Preisdifferenz beeinflussen die verkaufte Menge um 30 bis 300 Prozent. Das wichtigste Rationalisierungsmittel für einen Verlag ist die Erhöhung der durchschnittlich verkauften Auflage. Das wichtigste Rationalisierungsmittel für Buchhandlungen ist eine Erhöhung des Umsatzes. Der Weg dorthin führt über den Preis."
Moritz: "Eine Karte fürs Marianne-Faithfull-Konzert kostete in Hamburg 30 Euro an der Abendkasse. Würde sich ein deutscher Verleger trauen, Frau Faithfulls Autobiografie zum gleichen Preis anzubieten?"
In einem längeren Artikel geht es um den Marktführer
Thalia, Tochter des Douglas-Konzerns. "Gleich eine ganze Abteilung in der Hagener Douglas-Zentrale beobachtet die
Entwicklung auf dem Immobilienmarkt. Haben die Scouts ein interessantes Angebot ausfindig gemacht, braucht Könnecke nur zuzugreifen - wenn er denn will", schreibt Sybille Fuhrmann.
Jürgen Könnecke führt die Buchhandelskette zusammen mit Michael Busch. Der kommt aus dem Hause Douglas; Könnecke war bis zur Fusion Chef der Hamburger Buchhandlung Thalia.
Weitere Meldungen: Bei
Baedeker in Essen soll es die ersten Kündigungen gegeben haben. Der bisherige Eigentümer, die Sutter-Gruppe, wollte die fünf Buchhandlungen noch im vergangenen Jahr verkaufen, voraussichtlich an die Dresdener Buchhandelskette Buch & Kunst. Außerdem wird weiter über einen Verkauf der
Springer-Verlage spekuliert: "2003 könnte mit einem großen Paukenschlag beginnen. Sollte auch
Christian Strasser die lang gehegten Träume vom Verlagsimperium aufgegeben haben und nur die Verlage
List und Claassen behalten wollen?", fragt Sybille Fuhrmann. Den "ganzen großen Rest" könnte dann
Bertelsmann übernehmen. Weitere Themen sind der
BDK Bücherdienst ("Totgesagte leben länger"), die
Neue Juristische Wochenschrift, steigende Steuern, sinkende Posttarife, der CD-ROM-Markt und das
Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, seit 150 Jahren betreut vom
S. Hirzel Verlag. Stefan Hauck schreibt über die Zusammenarbeit von
Autoren und Illustratoren, Holger Heimann zeigt sich sehr begeistert über den neuen Fischer-Programmgeschäftsführer
Jörg Bong ("Bong, der Eindruck verfestigt sich im Verlauf des Gesprächs, könnte
ein Glücksfall für den Verlag sein") und Stefan Hauck hat mit der Schriftstellerin und Übersetzerin
Mirjam Pressler über die Hörbuchfassung ihres Romans
"Malka Mai" gesprochen (der Titel wurde von
Börsenblatt und
Hessischem Rundfunk zum "Hörbuch des Jahres" gewählt).
Der erste
Buchreport des Jahres 2003 erscheint am 9. Januar.