Bora Cosic

Die Zollerklärung

Cover: Die Zollerklärung
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001
ISBN 9783518122136
Taschenbuch, 154 Seiten, 9,15 EUR

Klappentext

Aus dem Serbischen von Katharina Wolf-Grieshaber. Um seine Belgrader Bibliothek nach Berlin ausführen zu dürfen, muß Bora Cosic, Persona non grata im Serbien Milosevic', aus dem Gedächtnis ein Verzeichnis seiner Bücher anfertigen. Diese Inventur greift auf die Biografie über. An der "Zollstation der Geschichte" werden Gedanken, Träume, Marotten angemeldet, Menschen, Dinge, Erinnerungen. In der so melancholischen wie befreienden Erkenntnis, daß das Lebensgepäck leichter wird, je mehr Unnützes an der Grenze zurückbleibt, gibt der Erzähler mit der Zollerklärung auch seine Unabhängigkeitserklärung ab. Zwischen Bekenntnis und dadaistischer Aufzählung changierend, verknüpft Cosic Gesellschaftskritik mit der Lebensbilanz eines mitteleuropäischen Intellektuellen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.12.2001

Wer die Verspieltheit des Autors Bora Cosic kennt, wird sich wundern, behauptet der Rezensent Karl-Markus Gauß: statt Arabesken, Zitaten und Abschweifungen, die sonst die überbordende Sprache des exilierten jugoslawischen Schriftstellers prägten, herrsche diesmal ein nüchterner, lapidarer, fast protokollhafter Ton vor. Der gebürtige Kroate, der in Belgrad aufwuchs, dort lange lebte, bevor er sich zunächst nach Istrien zurückzog, um dann ganz nach Deutschland ins Exil zu gehen, zieht Bilanz. Er ordne, so beschreibt Gauß das literarische Verfahren Cosic', aus der Ferne seine Besitztümer, seinen Hausstand, den er in Belgrad zurücklassen musste, und schreibe sich "in einen administrativen" Wahn, der bald auch immaterielle Güter wie Freunde, Erfahrungen, usw. ergreift. Was nimmt man mit, was lässt man da? Am Ende nimmt Cosic, so Gauß beeindruckt vom Galgenhumor des Autors, sogar seine Schwächen und seinen eigenen Tod mit.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 09.10.2001

Ilma Rakusa stellt zwei neue Bücher des serbischen Schriftstellers Bora Cosic vor: "Die Toten - Das Berlin meiner Gedichte" und "Die Zollerklärung", beides Bücher - einmal in erzählter Form, einmal in Versen -, in denen der Autor, der seit ein paar Jahren in Deutschland lebt, Abschied von seiner Heimat und den dort verbliebenen Freunden nimmt: Die früheren Bücher Cosic', als er noch in Jugoslawien lebte, stellen sich Rakusa wie eine Suche nach der eigenen "balkanisch-verworrenen" Familiengeschichte dar. In den neunziger Jahren erfolgte nicht nur der politische Bruch in Jugoslawien, sondern ebenso ein persönlicher im Leben des Schriftstellers, erklärt die Rezensentin. Er zog 1992 zunächst nach Kroatien, 1995 ging er nach Berlin. Dass dieser Wechsel der Systeme und Länder bei aller äußeren Gelassenheit nicht ohne innere Dramatik abgegangen ist, davon zeugt für sie die Erzählung "Die Zollerklärung", worin Cosic den Grenzwechsel als absurd-albtraumhafte Begebenheit schildert. Ein Formular zwingt den Ich-Erzähler zum Inventarisieren seiner Bücher, seines Lebens, wozu ebenso das Erlebte wie das Erträumte und Nicht-Gehabte zählt, berichtet Rakusa. Der Cosic-Ton der früheren Bücher ist für sie dennoch unverkennbar, ohne Larmoyanz, den Aphorismen zugeneigt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 23.08.2001

Norbert Wehr erläutert zunächst die Umstände, unter denen dieses Buch entstanden ist: So musste Cosic für seine Umsiedelung nach Berlin tatsächlich eine Liste seiner Bücher in Belgrad anfertigen, um sie nach Berlin ausführen zu können. Für Wehr klingt dies wie eine "Erfindung aus Cosics frühen, verrückten Büchern", doch es sei tatsächlich so gewesen. Bei der Überprüfung der Gegenstände, die die Einfuhr nach Deutschland lohnen könnten, beschränke sich Cosic in seinem Buch jedoch nicht nur auf seine in Belgrad gelagerten Bücher: die ganze Biografie werde auf den Prüfstand gestellt. "Das Ergebnis ist desillusionierend", schreibt Wehr. 'Das Menschenleben ist eine Deponie, eine Ansammlung abgenutzter und kaputter Dinge', zitiert er Cosic. Und ein Doppelgänger, den der Autor in Belgrad die Wohnung inspizieren lässt, mache die Gründe verständlich, weshalb es besser war, die Stadt zu verlassen. Wehr hält dieses Buch Cosics, den er bisher für einen Ironiker gehalten hat, für ein "geradezu verzweifeltes" Werk, ein "Alterswerk, ein pessimistisches Vermächtnis".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 23.06.2001

In einer Doppelbesprechung begutachtet Hermann Wallmann für uns einen Gedicht- sowie einen Prosaband des serbischen Schriftstellers Bora Cosic: "Die Toten", verlegt vom Berliner Künstlerprogramm des DAAD und "Die Zollerklärung", erschienen bei Suhrkamp.
1) Bora Cosic: "Die Toten"
Dieser Gedichtband, meint unser Rezensent, scheint den Verfasser selbst überrascht zu haben. Und wirklich: Ein von Wallmann zitiertes Gedicht zeigt uns den Autor staunend über das "ein ganzes Zeitalter" abwesende und plötzlich "fließende Handwerk Lyrik". Totenklagen, ein "Klagelied" auch über den Tod eines Freundes, erklärt uns Wallmann die Umstände. Doch nicht einfach Totenklagen: So intim sie auch sein mögen, es seien "Besichtigungen eines Zeitalters ... der politischen und ökonomischen Vertreibungen, der surrealen Vortäuschungen." Und hier kommt Berlin ins Spiel. Als Stätte der "inneren und der äußeren Emigration" des Dichters - "ein Berlin, wo gleichzeitig Vladimir Nabokov in einer Unterführung auf Schmetterlingsjagd geht ... und Valeria Narbikova in einer Gästewohnung der Berliner Akademie ein Wolgaschiff 'von Zimmer zu Zimmer zu ziehen' versucht."
2) Bora Cosic: "Die Zollerklärung"
Ein "ästhetisch kontrolliertes" (und laut Rezensent fabelhaft übersetztes) Buch über ungeschriebene und noch zu schreibende Bücher. Ein kafkaesker Albtraum wird erzählt. Jemand wird zu einer Inventur seiner Bibliothek veranlasst, und dieser Jemand ist der Autor selbst, wie uns Hermann Wallmann nahe legt. Es ist ein Auftrag ohne Aussicht auf Erfolg, auf ein Ende, denn "die verlangte Inventur weitet sich aus - auf ein Leben." Und darüber wachsen die Zweifel, das Ich spaltet sich - und Wallmanns Hinweis auf Cosics literarische Herkunft "aus dem Surrealismus und Dadaismus" und auf die Vergleichbarkeit dieser Prosa mit dem gleichzeitig erscheinenden Gedichtband "Die Toten" scheint Sinn zu machen.
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