
In einem Essay
denkt Malcolm Gladwell über Formen der
Verarbeitung von Unglück oder schrecklicher Erfahrungen nach. Unter Einbeziehung neuerer psychologischer Studien vergleicht er in einem literaturwissenschaftlichen Exkurs
zwei Romane, deren Protagonisten denkbar unterschiedliche mit ihren Problemen umgehen:
Sloan Wilsons Roman "The Man in the Gray Flannel Suit" von 1955 über das Leben der amerikanischen
Mittelklasse in den Vorstädten ("verblüffend aktuell") und
Tim O'Briens Vietnam-Roman "In the Lake of the Woods" von 1994. Gladwells Fazit: Der Unterschied zwischen den Romanen liege darin, dass wir heute nicht begriffen, "dass die Wirklichkeit den Befürchtungen nie entspricht". Wilsons Buch "stammt aus einer Zeit und einer Kultur, die das Vertrauen und die
Klugheit besaß, diese Wahrheit zu verstehen". Den Schlusssatz von Wilsons Held - "Ich liebe dich mehr als ich sagen kann" - würde heute wohl niemand mehr schreiben, "aber nur deshalb, weil wir für die Tatsache blind geworden sind, dass die Vergangenheit früher oder später
verblasst". Vierzig Jahre später, in O'Briens Roman,
zerbricht der Held an seinem Kriegstrauma.
Weitere Artikel: David Remnick
schreibt über einen Besuch bei
Amos Oz (
mehr) in Israel. Meghan O'Rourke
porträtiert den bekanntesten Jugendbuchautor des USA,
Edward Stratemeyer (1862-1930,
mehr), der so populäre Bücherserien wie die "Hardy Boys" und "Nancy Drew" begründete. In einer Kolumne
beschreibt Ian Frazier mehrere Fälle heikler Urteile bei
Konflikten mit Kindern ("Das Gericht entschied, dass es ganz egal sei, was für ein Tier Dumbo ist, und dass
jetzt geschlafen wird"). Zu
lesen ist außerdem die
Erzählung "Breakup Stories" von
Jonathan Franzen (
mehr).
Buchbesprechungen: Louis Menand
rezensiert eine Studie über die nationale Bedeutung von
John F. Kennedys Rede von 1961 anlässlich seiner Amtseinführung ("
Ask Not: The Inauguration of John F. Kennedy and the Speech That Changed America", Holt). Peter Schjeldahl
verreißt eine "fette" Biografie über den englischen Kunsthändler
Joseph Duveen vor (1869-1939), der Anfang des letzten Jahrhunderts "die amerikanischen
Millionäre in Kunstliebhaber verwandelte" (Meryle Secrest: "
Duveen: A Life in Art", Knopf); dafür lobt er eine "kleine,
eher skizzenhafte Studie", die der Dramatiker
S. N. Behrmann bereits 1951 im New Yorker veröffentlicht hatte.
Alex Ross
durchstreift die New Yorker
Downtown Musikszene. John Lahr
bespricht das Ein-Personen-Stück
"9 Parts of Desire", das sich mit der Unterdrückung irakischer Frauen auseinandersetzt, und eine Inszenierung des Gerichtsdramas
"Twelve Angry Men". Joan Acocella
porträtiert den argentinischen
Tänzer Herman Cornejo ("derzeit wohl der
technisch vollkommenste Tänzer der USA"). Und David Denby
sah im Kino
"Ray", eine Verfilmung der Karriere von
Ray Charles, und das Wiedergeburtsdrama
"Birth" des britischen Regisseurs Jonathan Glazer mit
Nicole Kidman, den "inzwischen dritten Film in den vergangenen sechs Monaten, in dem sich eine
schöne Frau in einen Jungen verliebt, der sie an jemanden erinnert".
Nur in der
Printausgabe: eine Reportage über eine das FBI aufmischende Mitarbeiterin und die
Ausbildung zum Spion, die Geschichte eines Mannes, der das
Meisterwerk eines befreundeten Schriftstellers
zerstörte, sowie
Lyrik von Gerald Stern und Derek Walcott.