
In einer umfangreichen Reportage
untersucht Nicholas Lemann die
Krise der amerikanischen Presse und fragt sich, warum in den großen so genannten "Mainstream"-Medien allmählich
alle "irre" werden. Das liegt für Lemann unter anderem daran, dass sie spätestens seit dem letzten Präsidentschaftswahlkampf in zunehmender Weise
"unter Beschuss" geraten sind. Druck machten dabei die politischen Lager selbst, aber auch kleine, politisch klar positionierte Medien sowie die so genannten Blogger und nicht zuletzt die Öffentlichkeit. Die Parole, so Lemann, lautet nun
Anpassung. Aus Angst, "kulturell und politisch die Übereinstimmung mit vielen Amerikanern zu verlieren", setzen die meisten Mainstream-Medien jetzt auf Annäherung, sie wollen "sich künftig ernsthafter und verständnisvoller mit dem
Thema Religion zu beschäftigen. Für viele steht dahinter ein
wirtschaftlicher Zwang, ein Versuch, mehr Leser zu bekommen, vor allem unter den Konservativen." Die
Glaubwürdigkeit des journalistischen Berufsstands sei bereits schwer angeschlagen - "investigativen oder intellektuell aufrichtigen Journalismus gibt es schon nicht mehr". Die Hauptsorge von Journalisten laute heute deshalb: "Was, wenn die Menschen uns nicht mehr glauben - und
uns nicht mehr wollen?"
Weiteres: Der
New Yorker wird in diesem Jahr
80 Jahre alt. Zwei Beiträge tragen diesem Ereignis in der aktuellen Ausgabe Rechnung. So
erinnert sich Roger Angell in einem sehr persönlichen Porträt an seinen Stiefvater, den Schriftsteller
E.B. White (
mehr), der in den Anfangsjahren des Magazins eine
"Schlüsselfigur" war. Und Louis Menand
beschreibt die vielen Gesichter des Monokel tragenden viktorianischen Dandys
Eustace Tilley, der 1925 die erste Ausgabe des Magazins zierte und seither auf jeder Jubiläumsausgabe vertreten ist. Hendrik Hertzberg
kommentiert den Ausgang der
Wahl im Irak. John Kenney
glossiert einen Besuch im New Yorker
Sushi-Restaurant Masa, wo "ein Essen für zwei leicht
1.000 Dollar kosten kann". Zu
lesen ist außerdem die
Erzählung "Up North" von
Charles d?Ambrosio.
In einem Essay über das Werk der Schriftstellerin
Marguerite Yourcenar (
mehr) und aus Anlass der Wiederauflage ihres Romans "Memoirs of Hadrian" von 1951 (deutsch: "Ich zähmte die Wölfin - Die Erinnerungen des Kaisers Hadrian")
zeichnet Joan Accocella nach, wie die 1987 gestorbene Autorin "die
Vergangenheit neu erfunden" hat. Die
Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem einem Buch über die
"wissenschaftliche Sackgasse" Phrenologie. Alex Ross
porträtiert den finnischen Dirigenten
Osmo Vänskä, der als Leiter des
Minnesota Orchestra als "Phänomen" und "sensationeller Erfolg" gefeiert wird. John Lahr
bespricht die
Theaterstücke "Brooklyn Boy" und Hurlyburly". Und David Denby
sah im Kino Oliver Hirschbiegels
"Der Untergang" ("Deutsche Liberale müssen keine Angst haben: Dieser menschliche Hitler ist
genau so abstoßend wie der ikonenhafte.")
Nur in der
Printausgabe: ein Artikel über
Folter und ihre "außergewöhnliche Interpretation", eine Untersuchung, ob
Schuhe aus der Steinzeit bequem waren, eine Reportage über einen Dieb und seine
unerwartete Beute, das Porträt des Autors der
TV-Westernserie "Deadwood", ein Bericht über eine Klettertour durch die
Reedwoods und
Lyrik von Linda Gregg, Jorie Graham und Seamus Heaney.