Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

855 Presseschau-Absätze - Seite 73 von 86

Magazinrundschau vom 01.03.2005 - New Yorker

In einem wunderbar informativen Artikel beschäftigt sich Sasha Frere-Jones mit dem teuren Vergnügen beziehungsweise dem einträglichen Geschäft mit Klingeltönen fürs Handy. Vier Milliarden Dollar hätten ihre Anbieter 2004 weltweit damit umgesetzt. Wie alles hat auch diese Erfolgsgeschichte ganz einfach angefangen: "1997 hatte ein Handy genau zwei Klangoptionen: Es konnte 'klingeln' - unser anachronistischer Begriff für den elektronischen Triller, den Telefone produzieren, wenn man einen Anruf bekommt - oder eine einstimmige Melodie wie 'Für Elise' spielen. Keine große Auswahl also. Aber zu dieser Zeit führte Nokia das 'smart messaging' ein, ein Programm, welches das versenden von Textnachrichten übers Handy ermöglichte. Und Vesa-Matti Paananen, ein finnischer Programmierer, kam darauf, dass dies auch mit Teilen von Musikstücken funktionieren musste. Er entwickelte eine Software namens Harmonium, die es möglich machte, Handys mit harmonisch einfachen Melodien und Rhythmen zu programmieren und per 'smart messaging' an Freunde zu senden.

Weitere Artikel: Jeffrey Toobin schildert die "extreme Taktiererei", mit der Bush versucht, seine Kandidaten für den States Supreme Court durchzusetzen und fragt sich, ob sie mit der "Atomwaffen-Option" durchkommen. Louis Menand würdigt in seinem Nachruf auf Hunter S. Thompson den Erfinder des Gonzo-Journalismus als "einen der letzten wahren Gläubigen". Zu lesen ist außerdem die Erzählung "The Gorge" von Umberto Eco.

Besprochen wird eine Studie über "Voltaire im Exil" (Grove), die den Philosophen als Vorkämpfer für die Menschrechte würdigt, und die Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem einer Biografie über Madame de Stael. Nancy Franklin stellt die TV-Serien "Medium" und "Supernanny" vor. Peter Schjeldahl führt durch eine Cy Twombly-Ausstellung im Whitney Museum. Und David Denby sah im Kino "Be Cool" von F. Gary Gray, eine Fortsetzung der Komödie "Get Shorty", und den Horrorfilm "Constantine" mit Keanu Reeves.

Nur in der Printausgabe: ein Text von Orhan Pamuk über seine Kindheit in Istanbul, ein Bericht über den unrühmlichen Abgang des CBS-Moderators Dan Rather und Lyrik von Charles Simic und John Updike.

Magazinrundschau vom 22.02.2005 - New Yorker

In einem langen Brief aus dem südirakischen Basra erzählt George Packer entlang der Geschichte zweier Schiiten vom Kampf zwischen Islamisten und Säkularisten im Irak und von der Rolle, die der Iran dabei spielt: Youssef al-Emara und Majid al-Sary flohen beide während des ersten Irak-Iran-Krieges nach Teheran, um der Brutalität Saddams und der Unterdrückung als Schiiten zu entgehen. Im Iran trennten sich ihre Wege - al-Emara schloss sich den iranischen Islamisten an, al-Sary "fand schnell heraus, dass er den revolutionären Iran so wenig mochte wie den faschistischen Irak". Jetzt sind beide wieder in Basra: Sary bekämpft als Mitglied des irakischen Verteidigungsministeriums die "indirekte Okkupation Basras durch den Iran", al-Emara, hoher Funktionär der iranischen Badr-Brigade, unterstützt mit aller Kraft die irannahe religiöse Partei des Schiitenführers Sistani.

In einer wunderbaren Besprechung der Biografie "Incompleteness: "The Proof and Paradox of Kurt Gödel" (Atlas/Norton) stellt Jim Holt den in Tschechien geborenen Mathematiker vor, der gern als "größter Logiker seit Aristoteles" bezeichnet wird. In Princeton traf Gödel auf Albert Einstein, die beiden verband eine tiefe Gesprächsfreundschaft - auch wenn offenbar niemand recht verstand. warum und worüber sie eigentlich sprachen. Denn, so Holt: "Während Einstein gesellig und humorvoll war, war Gödel ernst, ein Einzelgänger und pessimistisch. Als leidenschaftlicher Amateurviolinist liebte Einstein Beethoven und Mozart, Gödels Vorliebe ging in eine andere Richtung: Sein Lieblingsfilm war Walt Disneys 'Schneewittchen und die sieben Zwerge' und als seine Frau einen rosafarbenen Flamingo im Vorgarten aufstellte, fand er diesen furchtbar herzig (deutsch im Original)".

Weiteres: Peter Schjeldahl verteidigt die orangefarbenen Tore, die Christo und Jeanne-Claude im Central Park aufstellten, gegen die Kritiker des Projekts: Ihr Erfolg beruhe genau darauf, dass sie "im Ganzen gesehen letztlich ein großes Nichts" seien. Zu lesen ist außerdem die Ezählung "The Conductor" von Aleksandar Hemon.

Francine du Plessix Gray rezensiert die "erste ernsthafte" Kulturgeschichte der amerikanischen Stripshows ("Striptease: The Untold History of the Girlie Show"; Oxford). Die Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem der Entstehungsgeschichte des HipHop in der South Bronx. Hilton Als stellt drei Off-Broadway-Inszenierungen vor: Samuel Becketts "Happy Days", Tschechows "Kirschgarten" und den Monolog "Thom Pain (Based on Nothing)? von Will Eno. Alex Ross bespricht zwei Musikabende mit den Pianisten Radu Lupu und Piotr Anderszewski. Und Anthony Lane sah im Kino eine Dokumentation über den wohl erfolgreichsten und meist diskutierten Pornofilm aller Zeiten: "Inside Deep Throat".

Nur in der Printausgabe: eine besorgte Reportage über die nächste große Bedrohung: eine gigantische Grippewelle, ein etwas rätselhaft betitelter Artikel über "Bärte" beziehungsweise "die Musik, Bücher und Filme, hinter denen wir uns verstecken", und Lyrik von Vijay Seshadri und Mark Doty.

Magazinrundschau vom 08.02.2005 - New Yorker

In einer umfangreichen Reportage untersucht Nicholas Lemann die Krise der amerikanischen Presse und fragt sich, warum in den großen so genannten "Mainstream"-Medien allmählich alle "irre" werden. Das liegt für Lemann unter anderem daran, dass sie spätestens seit dem letzten Präsidentschaftswahlkampf in zunehmender Weise "unter Beschuss" geraten sind. Druck machten dabei die politischen Lager selbst, aber auch kleine, politisch klar positionierte Medien sowie die so genannten Blogger und nicht zuletzt die Öffentlichkeit. Die Parole, so Lemann, lautet nun Anpassung. Aus Angst, "kulturell und politisch die Übereinstimmung mit vielen Amerikanern zu verlieren", setzen die meisten Mainstream-Medien jetzt auf Annäherung, sie wollen "sich künftig ernsthafter und verständnisvoller mit dem Thema Religion zu beschäftigen. Für viele steht dahinter ein wirtschaftlicher Zwang, ein Versuch, mehr Leser zu bekommen, vor allem unter den Konservativen." Die Glaubwürdigkeit des journalistischen Berufsstands sei bereits schwer angeschlagen - "investigativen oder intellektuell aufrichtigen Journalismus gibt es schon nicht mehr". Die Hauptsorge von Journalisten laute heute deshalb: "Was, wenn die Menschen uns nicht mehr glauben - und uns nicht mehr wollen?"

Weiteres: Der New Yorker wird in diesem Jahr 80 Jahre alt. Zwei Beiträge tragen diesem Ereignis in der aktuellen Ausgabe Rechnung. So erinnert sich Roger Angell in einem sehr persönlichen Porträt an seinen Stiefvater, den Schriftsteller E.B. White (mehr), der in den Anfangsjahren des Magazins eine "Schlüsselfigur" war. Und Louis Menand beschreibt die vielen Gesichter des Monokel tragenden viktorianischen Dandys Eustace Tilley, der 1925 die erste Ausgabe des Magazins zierte und seither auf jeder Jubiläumsausgabe vertreten ist. Hendrik Hertzberg kommentiert den Ausgang der Wahl im Irak. John Kenney glossiert einen Besuch im New Yorker Sushi-Restaurant Masa, wo "ein Essen für zwei leicht 1.000 Dollar kosten kann". Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Up North" von Charles d?Ambrosio.

In einem Essay über das Werk der Schriftstellerin Marguerite Yourcenar (mehr) und aus Anlass der Wiederauflage ihres Romans "Memoirs of Hadrian" von 1951 (deutsch: "Ich zähmte die Wölfin - Die Erinnerungen des Kaisers Hadrian") zeichnet Joan Accocella nach, wie die 1987 gestorbene Autorin "die Vergangenheit neu erfunden" hat. Die Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem einem Buch über die "wissenschaftliche Sackgasse" Phrenologie. Alex Ross porträtiert den finnischen Dirigenten Osmo Vänskä, der als Leiter des Minnesota Orchestra als "Phänomen" und "sensationeller Erfolg" gefeiert wird. John Lahr bespricht die Theaterstücke "Brooklyn Boy" und Hurlyburly". Und David Denby sah im Kino Oliver Hirschbiegels "Der Untergang" ("Deutsche Liberale müssen keine Angst haben: Dieser menschliche Hitler ist genau so abstoßend wie der ikonenhafte.")

Nur in der Printausgabe: ein Artikel über Folter und ihre "außergewöhnliche Interpretation", eine Untersuchung, ob Schuhe aus der Steinzeit bequem waren, eine Reportage über einen Dieb und seine unerwartete Beute, das Porträt des Autors der TV-Westernserie "Deadwood", ein Bericht über eine Klettertour durch die Reedwoods und Lyrik von Linda Gregg, Jorie Graham und Seamus Heaney.

Magazinrundschau vom 01.02.2005 - New Yorker

In einer ebenso informativen wie unterhaltsamen Rezension bespricht Louis Menand mehrere Bücher über Hollywood, die sich vor allem mit der Frage beschäftigen, ob die Blockbuster-Manie das Ende des Kinos bedeutet. "Die Leute, die das Popcorn machen, wissen im Wesentlichen, was sie tun. Die Leute, die die Filme machen, im Grunde nicht, oder erst, wenn der Film anläuft, und dann ist es zu spät. Filmemachen ist ein ziemlich willkürliches Geschäft... So war die gesamte Filmindustrie überzeugt, dass 'Titanic' eine finanzielle Katastrophe werden würde; doch der Film spielte 1,85 Milliarden Dollar ein. Die Geschichte Hollywoods ist eine ulkige Mischung aus falschen Annahmen, unbeabsichtigten Erfolgen und purem Glück. Die Hälfte der Pleiten war wohlkalkuliert, und die Hälfte der Erfolge war - nach den geltenden Regeln von Anstand und Fairness - unverdient. Leute werden mit Filmemachen reich, häufig sind es die falschen. Deshalb ist es so vergnüglich, über das Filmgeschäft zu lesen. Außer natürlich, es geht ums eigene Geld." (David Thomson: "The Whole Equation: A History of Hollywood", Tom Shone "Blockbuster: How Hollywood Learned to Stop Worrying and Love the Summer" und "Open Wide: How Hollywood Box Office Became a National Obsession" von Dade Hayes and Jonathan Bing).

Weiteres: Dan Baum beschreibt den unerwünschten Einsatz von US-Soldaten im vom Tsunami verwüsteten Sumatra: Die indonesische Regierung wollte nicht, dass den dortigen Rebellen geholfen wird. Sasha Frere-Jones porträtiert Conor Oberst, den Kopf der Gruppe Bright Eyes, der mit seiner schwankenden Stimme und seinen überladenen Versen an die Nächte erinnert, in denen man "betrunken von schlechtem Rotwein" erkennt, dass "kein Mensch für irgendeinen anderen etwas Gutes" bedeutet und Kapitalisten "nur auf Profit" aus sind. Nancy Franklyn schreibt einen Nachruf auf die Late-Night-Fernsehlegende Johnny Carson. Paul Rudnick glossiert den Auftritt von Prinz Harry in Nazi-Kluft. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "The Roads of Home" von John Updike. Der Nachruf auf den Architekten und "Meister der Glasarchitektur" Philip Johnson war bis Redaktionsschluss leider falsch verlinkt.

Magazinrundschau vom 18.01.2005 - New Yorker

In einem Artikel, der es gestern bereits in die Abendnachrichten gebracht hat, beschreibt der Reporter Seymour Hersh ("Die Befehlskette) Pläne der Bush-Regierung, militärisch gegen den Iran und seine Atomanlagen vorzugehen. Erleichtert werde dies dadurch, dass der Präsident eine Reihe von Vorschriften unterzeichnet hat, die dem Pentagon "verdeckte Operationen" erlauben, die nicht vom Parlament kontrolliert werden können: "Der Präsident und seine Berater für die Nationale Sicherheit haben ihre Kontrolle über die strategischen Analysen und verdeckten Operationen der militärischen und nachrichtendienstlichen Abteilungen konsolidiert, und dies in einem Grad, der seit der Erhöhung der Nationalen Sicherheit nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr erreicht wurde. Bush hat aggressive und ehrgeizige Pläne, diese Kontrolle in seiner zweiten Amtszeit einzusetzen - gegen die Mullahs im Iran und gegen Ziele im noch immer andauernden Krieg gegen den Terror. Die C.I.A. wird weiter entmachtet und zunehmend als 'Vermittler' der Politik von Präsident Bush und Vizepräsident Dick Cheney dienen, wie es ein Regierungsberater mit engen Verbindungen zum Pentagon formulierte. Dieser Prozess ist bereits auf dem besten Weg."

Weiteres: John Lee Anderson untersucht, ob "der Schattenmann" Iyad Allawi, derzeit Interimspremierminister im Irak, das Land nach seiner möglichen offiziellen Wahl wirklich zusammenhalten kann. Andy Borowitz glossiert die Hauserwerbspraxis amerikanischer Filmstars. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Ice" von Thomas McGuane.

Besprochen werden eine Biografie über den "Vater der Eugenik", den britischen Naturforscher und Schriftsteller Francis Galton ("Extreme Measures: The Dark Visions and Bright Ideas of Francis Galton", Bloomsbury). John Updike rezensiert Haruki Murakamis Roman "Kafka am Strand". Peter Schjeldahl führt durch die Ausstellung "East Village USA" im New Museum Hilton, die der "do-it-yourself"-Kunstszene der 80er Jahre gewidmet ist. Und David Denby porträtiert den Schauspieler Ben Stiller, der gerade in "Meet the Fockers" von Jay Roach an der Seite von Robert de Niro, Barbra Streisand und Dustin Hoffman zu sehen ist.

Nur in der Printausgabe: eine Reportage von Jane Kramer über den aktuellen Stand der Fuchsjagddebatte in Europa und Lyrik von Jack Gilbert und Franz Wright.

Magazinrundschau vom 11.01.2005 - New Yorker

In einer Reportage berichtet Dan Baum über junge Offiziere, die völlig unvorbereitet in den Irak geschickt wurden, und sich dort selbst beibringen mussten, was die Armee ihnen nicht vermittelt hatte. Ausgangspunkt seiner Recherchen war eine Szene aus den ersten Wochen des Irakkriegs, die Baum auf CNN gesehen hatte: Ein Offizier verhinderte ein Blutbad, nachdem ein kleiner Trupp amerikanischer Soldaten plötzlich mit einer Menge aufgebrachter Iraker konfrontiert und völlig überfordert war. Er tat es, indem er den Soldaten befahl, niederzuknien und die Waffen zu Boden zu richten. Die irakische Menge beruhigte sich tatsächlich. Baum suchte den Offizier später auf. "Ich wollte von ihm wissen, wer ihm das beigebracht hatte ... Waren das für den Irak typische Gesten? Für den Islam? Hughes konnte mit meinen Fragen wenig anfangen. Niemand hätte ihn auf eine aufgebrachte Menge in einem arabischen Land vorbereitet, geschweige auf die komplizierten Stammesverhältnisse von Najaf ... Er hatte an diesem Tag versucht, mit Ayatollah Ali al-Sistani Kontakt aufzunehmen, ein heikles Unternehmen, für die Armee von zentraler politischer Bedeutung. Eine Schießerei hätte alles verdorben. Die Iraker hatten ohnehin bereits das Gefühl, die Amerikaner missachteten ihre Moschee. Die offensichtliche Lösung war laut Hughes deshalb eine Geste des Respekts."

Weiteres: Rebecca Mead beschreibt den mühsamen Job, den die Bibliothekare der New-York Historical Society haben: sie versuchen auch noch entlegenste Fragen zur Stadtgeschichte zu beantworten. Margaret Talbot besucht die "wundervolle Welt" des Regisseurs, Animators und Manga-Schriftstellers Hayao Miyazaki. Billy Frolick erinnert sich in einer Glosse nur bedingt wehmütig an das Jahr 1992 ("Zusammenfassend kann gesagt werden, dass 1992 eindeutig eine sehr verwirrende, schwierige Zeit war, um in Amerika zu leben"). Zu lesen ist außerdem die Erzählung "The Juniper Tree" von Lorrie Moore.

Besprochen werden zwei neue Biografien über Leonardo da Vinci, eine Biografie über den englischen Autor Christopher Isherwood, die Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem der Lebensgeschichte von Helle Nice, einer französischen Rennfahrerin, die in den 1920ern Furore machte und später der Kollaboration mit den Nazis beschuldigt wurde. Nancy Franklin stellt die TV-Serie "Desperate Housewifes" vor. Sasha Frere-Jones schreibt über die Auftritte alternder Rockstars im vergangenen Jahr. Und Anthony Lane sah im Kino "The Life Aquatic with Steve Zissou? von Wes Anderson mit Bill Murray in der Hauprolle.

Nur in der Printausgabe: das Porträt eines Hotelkochs, eine Reportage über einen Staatsanwalt, der den Fall eines zum Tode Verurteilten zu manipulieren versucht, und Lyrik von Louise Glück und Seamus Heaney.

Magazinrundschau vom 04.01.2005 - New Yorker

In einer Reportage aus dem südindischen Kalapet berichtet Akash Kapur über die Verheerungen, die der Tsunami dort angerichtet hat. Ein Mann erzählt ihm, "verschieden politische Würdenträger - aus Pondicherry, aus Neu Delhi - hätten das Dorf besucht. Sie versprachen eine Menge. Häuser würden wieder aufgebaut, eine Entschädigung würde bezahlt für die Verletzten. Die Familien sollten für jeden Toten hunderttausend Rupien (2.300 Dollar) erhalten, eine fürstliche Summe in diesem Teil des Landes. Doch um das Geld zu erhalten, mussten die Familien eine Leiche vorzeigen - viele der Toten waren jedoch in die See geschwemmt worden."

Joan Accocella denkt in einem leider nicht sehr inspirierten Nachruf auf Susan Sontag darüber nach, wie wohl in Zukunft die "Vielseitigkeit" der Autorin als Essayistin und Schriftstellerin bewertet werden wird. "In einem Text über ihre Kindheit und die familiären Grillabende, schrieb sie einmal: 'Ich aß und aß ... ich hatte eigentlich immer Hunger.' Und sie blieb hungrig. Sie las alles und schrieb alles: Romane, Erzählungen, Theaterstücke, Essays zu Literatur, Film und Poitik. Sie drehte Filme und hielt Vorträge. Sie fuhr nach Vietnam, Kuba und Bosnien und berichtete von dort. Es gab fast nichts, von dem sie dachte, dass sie es nicht tun könne, nichts, das sie nicht schon sehr bald in Angriff zu nehmen plante."

Weitere Artikel: Jerome Groopman befasst sich mit dem Problem, dass für die wenigsten verschreibungspflichtigen Medikamente aussagekräftige Testreihen zu ihrer Verträglichkeit für Kinder existieren. In einem ausführlichen Artikel geht Claudia Roth Pierpont der Frage nach, warum wir noch immer Gershwin hören. Anlass ist ein gerade erschienener "George Gershwin Reader? (Oxford), der neben Briefen, Interviews, Kritiken und neueren Analysen seiner "märchenhaften Karriere" auch Texte des Komponisten mit "so spannenden pädagogischen Titeln" wie "Gehört Jazz zur Kunst?" und "Jazz ist die Stimme der amerikanischen Seele" umfasst. Vorgestellt werden schließlich die 10 besten Jazz-Alben des vergangenen Jahres, und Joan Accocella portärtiert die Travestie-Truppe Les Ballets Trockadero de Monte Carlo.

Magazinrundschau vom 28.12.2004 - New Yorker

In einem sehr persönlichen "Brief aus Amsterdam" berichtet der britisch-niederländische Publizist Ian Buruma über die Folgen der Ermordung des Filmemachers Theo van Gogh für das soziale und politische Klima in den Niederlanden. Er schreibt: "Nach dem Zweiten Weltkrieg - und besonders seit den sechziger Jahren - rühmten sich die Niederländer, eine Insel der Toleranz geschaffen zu haben, wo jeder nach seiner Fasson leben konnte. Endlich befreit von religiösen Restriktionen und sozialem Anpassungsdruck, sonnten sich die Niederländer, besonders in Amsterdam, in der Erwartung, dass der Rest der Welt die Fundamente ihrer perfekten Demokratie nicht erschüttern könnte. Jetzt hat die stürmische Welt Holland doch erreicht und brach dabei in eine Idylle ein, welche die Bürger weniger begünstigter Nationen erstaunte. Es ist ein Jammer, dass dies geschehen ist, aber Naivität ist die falsche Einstellung, um eine der ältesten und liberalsten Demokratien gegen diejenigen zu verteidigen, die sie zerstören wollen."

Weiteres: Alix Spiegel porträtiert den Psychiatriereformer, Psychoanalytiker und Reich-Schüler Robert Spitzer. Und Elizabeth Kolbert untersucht die Faktenlage von Michael Crichtons neuestem, "ernst zu nehmenden" Thriller "State of Fear".

Anthony Lane sah im Kino "Andrew Lloyd Webber's The Phantom of the Opera" unter der Regie von Joel Schumacher und Michael Radfords Shakespeare-Verfilmung "The Merchant of Venice" mit Jeremy Irons, Joseph Fiennes und Al Pacino. Malcolm Galdwell stellt die Studie "Collapse: How Societies Choose to Fail or Succeed" (Viking) vor, in der untersucht wird, wie Gesellschaften sich selbst zerstören. Die Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem einer Biografie über den englischen Porzellanhersteller Josiah Wedgewood.

Nur in der Printausgabe: ein Porträt von Tony Kushner und seinem politischen Theater, eine Reportage über den Preis, den man für Ferien im Paradies zahlen muss, die Erzählung "I am a Novelist" von Ryu Murakami und Lyrik von Carl Phillips und Lawrence Raab.

Magazinrundschau vom 13.12.2004 - New Yorker

Viel zu lesen, in dieser Doppelnummer. Sehr unterhaltsam und weit ausholend untersucht der Schriftsteller Dave Eggers das Phänomen Monty Python. Anlass ist die Musical-Komödie "Spamalot", eine Adaptation des Films "Die Ritter der Kokosnuss" aus der Feder des ehemaligen Python-Mitglieds Eric Idle. Das Stück soll in Kürze am Broadway Premiere haben. Eggers erzählt die Entstehungsgeschichte des Projekts und berichtet abschließend von einer Probe, auf der einige Mitwirkende ständig, andere überhaupt nicht kichern mussten. Eggers prophezeit deshalb: "Python wird einige Leute immer ratlos und perplex zurücklassen. Und so wird sich auch diese Produktion einem bestimmten Teil der Bevölkerung nicht im Geringsten erschließen. Doch denen, die begreifen, worum es geht - die Absurdität von Geschichte, Königshäusern und Religion - wird sie die Welt bedeuten."

Weitere Artikel: George Packer kommentiert unter der Überschrift "Invasion vs. Überzeugung" die unterschiedlichen Demokratisierungsprozesse im Irak und in der Ukraine. Zu lesen sind die Erzählungen "The Diagnosis" von Ian McEwan und "Adam Robinson" von Edward P. Jones. Bis Redaktionsschluss leider nicht aufrufbar: eine Auswahl von Briefen des Dichters Robert Lowell an die Lyrikerin Elizabeth Bishop (zur Entschädigung findet man hier eine Auswahl von Briefen Bishops, die 1994 im New Yorker erschienen sind.)

Peter Schjeldahl lobt eine "kluge und köstliche" Biografie über den amerikanischen Maler Willem de Kooning. David Denby sah im Kino "The Aviator", Martin Scorseses "brillant unterhaltsamen" Film über den Milliardär Howard Hughes mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle; außerdem "Million Dollar Baby" von Clint Eastwood und "Hotel Rwanda" von Terry George, der die wahre Geschichte eines Hotelmanagers während der blutigen Auseinandersetzungen zwischen Hutu und Tutsi 1994 erzählt. Die Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem einer Biografie der britischen Ballerina Margot Fonteyn.

Nur in der Printausgabe: ein Text von W.G. Sebald zur Frage, ob Literatur zur Versöhnung mit der Vergangenheit taugt, eine Erzählung von Hanna Krall sowie Lyrik von Wislawa Szymborska, Charles Simic und Edward Hirsch.

Magazinrundschau vom 07.12.2004 - New Yorker

Recht witzig ist Woody Allens Bericht vom überraschenden Auftritt eines Vertrauten beim Rechtsstreit zwischen Walt Disney und seinem Ex-Präsidenten Michael Eisner.
"Würde der Zeuge bitte seinen Namen nennen?"
"Mickey Mouse."
"Bitte nennen Sie dem Gericht ihre Beschäftigung."
"Animierter Nager."(?.)
"Verstehe ich richtig, dass Herr Eisner mit ihrer Beziehung zu Duffy Duck nicht einverstanden war?"
"Wir stritten uns mehrmals deswegen."

Weiteres: Malcolm Gladwell untersucht das latente Problem mit der überschätzten Glaubwürdigkeit von Bildern. Gestärkt mit den Einsichten aus zwei neuen Büchern des englischen Historikernachwuchses erzählt Joan Acocella noch einmal die Geschichte der Kreuzzüge und überlegt, warum es sie überhaupt gab. Zu lesen gibt es Louise Erdrichs bitterschwarze Erzählung "Disaster Stamps of Pluto".

Besprochen werden unter anderem Keren Anns neues Album "Nolita" (Sasha Frere-Jones hat sogar bis in Anns Pariser Wohnung recherchiert), Mike Nichols Film "Closer" und Zhang Yimous Streifen "House of Flying Daggers" ("Wenn man bedenkt, dass Mei blind ist und aus Rosenblüten und Porzellan zu bestehen scheint, wirkt ihre extensive Mordlust eher überraschend", staunt Anthony Lane.).

Leider nur im Print zu lesen ist David Granns Reportage über den mysteriösen Tod des Sherlock-Holmes-Forschers Richard Lancelyn Green. Hier gibt Grann Lauren Poncaro immerhin eine kleine Einführung in den Fall.