Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

855 Presseschau-Absätze - Seite 75 von 86

Magazinrundschau vom 20.09.2004 - New Yorker

Als "unergründliches Element auf dem Weg ins Weiße Haus" charakterisiert Judith Thurman die Kandidatengattin Teresa Heinz Kerry in einem Porträt. Der direkte Nachfahre des von den Romantikern erfundenen "Naturkinds" sei der "Held unzähliger moderner Filme und Romane: der Gefangene in einem falschen Selbst, der sich gegen die Künstlichkeit der konventionellen Erzählung auflehnt. So betrachtet gebe Teresa Heinz Kerry - ein Kind der Gesellschaft im kolonialisierten Mozambique - eine "unglaubwürdige Rebellin" ab. Ihr Geschmack und ihre Hobbys seien traditionell, wenn nicht gar "viktorianisch". "Aber wenn sie sich selbst ein 'Kind Afrikas' nennt, kann man Rousseaus Echo hören ... Die natürliche Frau in ihr lehnt es ab, ihren Elan zu zügeln und ihren Charakter einer Rolle unterzuordnen. 'Ich will mich nicht verlieren', sagte sie mir kürzlich, 'weil ich glaube, dass dann auch mein Mann alles verliert'."

In einem Brief aus Ibiza stellt Nick Paumgarten die renommierten Modefotografen Mert Alas and Marcus Piggott (Bilder) vor. Adam Greene porträtiert die Klatsch-Autorin Kitty Kelly, deren neues Buch "The Family: The Real Story of the Bush Dynasty? derzeit Wellen schlägt, weil sie darin behauptet, George W. habe früher gesoffen und gekokst. Auch die Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem diesem Buch. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Hanwell in Hell" von Zadie Smith.

Besprechungen: John Updike rezensiert den neuen Roman von Literaturnobelpreisträger Jose Saramago "The Double" ("Der Doppelgänger"). Alex Ross bespricht Neueinspielungen von Mozart, Bach und Bel Canto. John Lahr lobt David Hares "Stuff Happens? über die Genese des Irakkriegs als dessen bislang bestes politisches Stück. Es wird derzeit im Londoner Royal National Theatre aufgeführt. Und Anthony Lane sah im Kino "The Motorcycle Diaries" von Walter Salles, ein Film, der auf persönlichen Erinnerungen Che Guevaras basiert, und den Film "Shaun of the Dead" von Edgar Wright, eine Art Porträt und Spiegelbild des heutigen Großbritanniens.

Nur in der Printausgabe: Porträts der kanadischen Inneneinrichterin Elsie de Wolfe und des Schneiders von George W. Bush, Georges de Paris (mehr), ein Artikel über das angesagte Pariser Cafe Dave und Lyrik von Elizabeth Spires und Katha Pollitt.

Magazinrundschau vom 13.09.2004 - New Yorker

Jeffrey Toobin analysiert, wie US-Generalstaatsanwalt John Ashcroft (mehr) und das Justice Department das Wahlrecht "umdefinieren", und fragt sich, ob die Behörde sich bereit macht, "Wahlbetrug zu verhindern oder Wähler von der Wahl abzuhalten". So ermögliche das Bundesgesetz dem Justizdepartment zwar die Flexibilität, sich entweder auf die Zulassung von Wahlberechtigten oder die Wahlintegrität im Rahmen der Wahlgesetze zu konzentrieren, doch hätten "solche Betonungsverschiebungen ernsthafte Auswirkungen darauf, wie Stimmen abgegeben und gezählt werden. Theoretisch stellt niemand das Ziel der Eliminierung von Wahlbetrug in Frage, doch die Vorstellung, Bundesstaatsanwälte mit der Wahlaufsicht zu befassen, beunruhigt viele Bürgerrechtsanwälte, schließlich seien nur wenige US-Staatsanwälte mit den Gesetzen zum Schutz der Wahlberechtigung vertraut."

Patricia Marx schreibt über noch unentschiedene Wähler, die angeblich einfach nicht genug über Kerry wissen, um ihn wählen zu können. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Spider Boy" von Joyce Carol Oates.

Joan Acocella rezensiert Phillip Roths neuen Roman "The Plot Against America" , in dem er sein Spiel mit autobiografischen Elementen auf die Spitze treibe. Leo Carey porträtiert den "unterschätzten" britischen (Krimi)Autor Kyril Bonfiglioli (mehr) und bespricht sein neues Buch "Don't Point That Thing at Me" (Overlook), in dem es um den Diebstahl eines Goya für einen reichen Amerikaner geht. Die Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem einer Biografie der von Hitler bewunderten Schauspielerin und Tschechow-Nichte Olga Tschechowa, die der sowjetische Geheimdienst als Agentin rekrutiert hatte. Anthony Lane schließlich bespricht mit äußerst spitzer Zunge die Filme "Wicker Park" von Paul McGuigan, ein Remake von Gilles Mimounis "L'Appartement", und "Infernal Affairs" von Andrew Lau and Alan Mak.

Nur in der Printausgabe: ein Bericht über die Psychotricks, mit denen Unternehmen Persönlichkeitsprofile ermitteln, eine Reportage von Ken Auletta über das Duell der Berater von Kerry und Bush: Bob Shrum und Karl Rove (online ist ein Interview mit Auletta über Kerry, sein Team und die Rolle der Medien im Wahlkampf), Porträts des russischen Clowns Slava Polunin und der Sängerin Gillian Welch sowie Lyrik von Rosanna Warren, Ron Slate und Liz Rosenberg.

Magazinrundschau vom 06.09.2004 - New Yorker

Mit ebenso gründlicher wie gnadenloser Beobachtungsgabe analysiert Philip Gourevitch (mehr), wie George W. Bush es schafft, mit seinem "derben Stil die Massen zu gewinnen". Über Bushs Auftreten schreibt er: "Bush betreibt seine Kampagne mit der eifrigen Selbstgefälligkeit eines geborenen Schmierenkomödianten. Wenn er sagt, dass er Ihre Stimme will, formt er die Worte nicht nur mit dem Mund, sondern folgt ihnen mit dem ganzen Körper, stellt sich auf die Zehenspitzen und neigt sich Ihnen sehnsüchtig entgegen. [?] Umfragen zeigen, dass die Amerikaner ihn offenbar sympathischer finden als seine Politik. Aber man muss ihn nicht einmal mögen, um zu bewundern, wie wahrhaft zu Hause er in seinem Körper zu sein scheint." Selbst die zahllosen Fotos, die ihn in "bizarren oder komischen Positionen" zeigen, könnten ihm nichts anhaben: "Auch wenn er dämlich oder einfach gewöhnlich aussieht, verfügt Bush stets über eine ausdrucksvolle Präsenz."

David Remnick porträtiert Al Gore, der jetzt "in einer Straße in Nashville" lebt. Paul Goldberger schreibt über einen neuen Trend in den Hamptons, sich Häuser von namhaften Architekten bauen zu lassen.

Ganz aus dem Häuschen ist Adam Gopnik über eine neue Shakespeare-Biografie des Harvard-Professors Stephen Greenblatt: "erstaunlich gut, die intelligenteste, feinsinnigste und bisher auch enthusiastischste Studie über Leben und Werk, die ich je gelesen habe" ("Will in the World", Norton, erscheint im September im Berlin Verlag). Deutlich gelassener bespricht Thomas Mallon eine Gesamtausgabe der Erzählungen von Truman Capote sowie einen Band mit Briefen des Autors (beide Random House). Die Kurzbesprechungen waren zumindest bis Redaktionsschluss leider nur als schwarzes Quadrat abrufbar. David Denby sah im Kino den neuen Film von Vincent Gallo "The Brown Bunny" und weist auf eine Murnau-Retrospektive hin.

Nur in der Printausgabe: die Beschreibung eines romantischen Sommernachmittags auf dem Land und Lyrik von Charles Simic und Anthony Hecht.

Magazinrundschau vom 30.08.2004 - New Yorker

Der New Yorker widmet sich in dieser Woche schwerpunktmäßig dem Essen und Trinken. In einer herrlichen Rezension bespricht Adam Gopnik das Buch "Noble Rot" (Norton) von William Echikson, in dem quasi die Geschichte des weltweiten Siegeszugs französischer Spitzenrotweine aus Bordeaux seit den siebziger Jahren erzählt wird - und der revolutionären Veränderungen, die der amerikanische Weinkritiker Robert Parker in Bordeaux ausgelöst hat, der wünschenswerte Charakteristika für Weine aufgestellt hat und danach Noten vergibt. "Einen Mann, der um die fünfzig Frauen liebt und dann eine Liste veröffentlicht, in der jede eine Note bekommt, würde man nicht als Kavalier bezeichnen. Er würde als Schuft gelten. Und das ist es mehr oder weniger, was viele Franzosen über Parker denken: sie bezweifeln nicht seine Zeugnisse, sondern seinen Charakter." (Lesen Sie auch das großartige Parker-Porträt von William Langewiesche aus Atlantic Monthly, ein Auszug auf Deutsch aus der Lettre.)

Auch die Kurzbesprechungen beschäftigen sich mit kulinarischen Themen, vorgestellt wird unter anderem eine Kulturgeschichte der Gewürze. In der Erzählung von Yoko Ogawa geht es um "The Cafeteria in the Evening and a Pool in the Rain". Und in einem Brief aus Südafrika erzählt Calvin Trillin vom "eigentümlichen Reiz" des Snoek, einem "langen, grätenreichen Fisch, der aussieht wie der Cousin eines Barracudas".

Weiteres: Alex Ross berichtet über neue Erkenntnisse bezüglich einer nichtautorisierten Biografie des russischen Komponisten Dimitri Schostakowitsch. Dessen Biograf Solomon Wolkow hat eine Unterschrift, die das Gegenteil belegen sollte, vermutlich gefälscht; außerdem kritisiert Ross Konzerte eines Schostakowitsch-Festivals am Bard College. Nancy Franklin kommentiert die TV-Übertragungen der olympischen Spiele. Und Anthony Lane sah im Kino die Verfilmung von Thackerays Roman "Vanity Fair? durch Mira Nair ("der Roman bleibt für immer, der Film ist ein One-Night-Stand") und Zhang Yimous "Hero?, den er "kompliziert und fragil" findet.

Leider nur in der Printausgabe: die Fortsetzung des Schwerpunkts rund ums Essen, darunter eine Reportage über ein 37-Gänge-Menü, das dem Autor "vielleicht doch ein bisschen zu üppig" erschien, ein Bericht über ein auf "Absurdes" spezialisiertes Restaurant, Erinnerungen an "Lektionen aus einer hungrigen Kindheit", ein Artikel über die Herstellung von Pasta, den Vormarsch des Eisbergsalats und das Rätsel der Ketchup-Zusammensetzung sowie diverse Rezepte. Und wie immer Lyrik, diesmal von Yehuda Amichai, Jack, Gilbert und Gary Snyder.

Magazinrundschau vom 23.08.2004 - New Yorker

In einer ausführlichen und aufschlussreichen Buchbesprechung geht Louis Menand der Frage nach, nach welchen Kriterien noch unentschiedene Wähler in Amerika eigentlich ihr Kreuz machen. Die Aufsatzsammlung "Winning Elections: Political Campaign Management, Strategy & Tactics" (M. Evans) jedenfalls empfiehlt den politischen Lagern, bloß nicht "zu meinen, dass die Standpunkte ihres Kandidaten den Ausschlag gäben" oder eine "politische Philosophie" der "dickste Köder" sei. In einem Aufsatz wird diese Devise erläutert: "In einem Klima politischer Konkurrenzen ist es möglich, dass informierte Bürger wegen bestimmter Inhalte für einen Kandidaten stimmen. Uninformierte oder unentschiedene Wähler werden sich dagegen oft für denjenigen Kandidaten entscheiden, dessen Name und Präsentation sich am besten einprägen." Ein "ausdrucksstarkes Logo" sei deshalb die "beste Ausgangsbasis" für den Erfolg.

Weiteres: George Packer berichtet aus Athen, wo sich auch irakische und amerikanische Sportler gegenüber stehen. Samantha Power untersucht, ob und wie die ethnischen Säuberungen im Sudan unterbunden werden können. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Mother's Son" von Tessa Hadley.

John Updike rezensiert den neuen Roman "Snow" von Orhan Pamuk (mehr), der in der Türkei der Gegenwart spielt, und bezeichnet ihn als ebenso mutig wie "offensichtlich besorgt" und "provozierend verwirrt". Die Kurzbesprechungen widmen sich Büchern zum Thema Griechenland und Olympische Spiele. Als den besten amerikanischen Film des Jahres feiert David Denby das Drama "We Don?t Live Here Anymore" von John Curran.

Nur in der Printausgabe: eine Reportage über die neue Generation vermutlich endgültig atemraubender Achterbahnen, Empfehlungen des TV-Comedians Jon Stewart und seiner Autoren von "The Daily Show" zur Frage, welche Regierung am besten zu einem passt, sowie Lyrik des verstorbenen Literaturnobelpreisträgers Czeslaw Milosz. Nicht zweifelsfrei zu klären ist die Frage, wer genau unter dem Untertitel "Mike, the Mad Dog, and talking sports" eigentlich porträtiert wird: Ein Marathonexperte? Ein Computerspiel(entwickler)? Ein durchgeknallter Alleinunterhalter? Da hilft auch kein Googeln.

Magazinrundschau vom 02.08.2004 - New Yorker

In einem wunderbaren Essay über das Genre des Dokumentarfilms verteidigt Louis Menand Michael Moore gegen seinen Kritiker. Was immer man über "Fahrenheit 9/11" auch denken möge, eines könne man nicht behaupten: dass der Film die Gesetze der "Tradition des Dokumentarfilms" breche. Die sei nur eine "große Phrase" für eine "zweifellos eklektische Form". Doch die Dokumentaristenabteilung stelle "Michael Moore neben den National Geographic, Filme über schlechte Präsidenten neben Filme über Schmetterlinge, Bodybuilder und Eskimos. Und doch haben diese Filme etwas gemeinsam: Sie zeigen einem etwas, das nicht zum Angucken bestimmt war."

Weitere Artikel: In einem Porträt des religiösen Komikers Brad Stine geht Adam Green der Frage nach, wie lustig ein christlicher Standup-Comedian (Homepage) eigentlich sein kann (Kostprobe: "Jesus war ein interessanter Hund, weil er 33 Jahre lang Gott war, den Leuten aber davon nur drei Jahre lang was erzählt hat. Finden Sie nicht auch, dass seine Freunde irgendwas gemerkt haben müssten?"). Andy Borowitz überprüft seine Neujahrsvorsätze. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Adams" von George Saunders.

Besprechungen: Leider falsch verlinkt und deshalb bis Redaktionsschluss nicht online waren Alex Ross' Betrachtungen über Schlingensiefs "Parsival". Sasha Frere-Jones stellt die Briten Mike Skinner alias The Streets und Dylan Mills alias Dizzee Rascal vor, die den amerikanischen Hiphop aufmischen. David Denby hat sich gleich drei Big-Budget-Hollywood Sommerthriller einverleibt: An Jonathan Demmes "The Manchurian Candidate" findet er die Charaktere am interessantesten, Michael Manns "Collateral" sei der beste der drei und habe die "größte menschliche Bedeutung", wogegen "The Bourne Supremacy" von Paul Greengrass nur von seinen "außergewöhnlichen Schusswechseln" lebe. Die Kurzbesprechungen von Büchern gelten unter anderem zwei Werken über englische und persische Gartenkunst.

Nur in der Printausgabe: Eine Reportage über zwei Soldaten und ihre letzte Reise nach Hause, eine (wahrscheinlich böse endende) Geschichte über einen jungen Mann, eine Frau und einen Golfkurs, ein Bericht über Mütter, die ihre Kinder misshandeln, und Lyrik von Cleopatra Mathis und Wislawa Szymborska.

Magazinrundschau vom 26.07.2004 - New Yorker

In einer ausführlichen Reportage geht Lawrence Wright der Frage nach, ob die Anschläge in Madrid von einem neuen Al Qaida-Netzwerk ausgeführt und im Internet geplant worden seien. "Am Tag der Bombenattentate riefen Analytiker des Forsvarets Forskningsinstitutt, eines norwegischen Thinktanks bei Oslo, noch einmal ein Dokument auf, das ihnen im vergangenen Dezember auf einer islamistischen Website aufgefallen war. Damals hatte es keinen großen Eindruck auf sie gemacht, aber jetzt, im Lichte der Ereignisse von Madrid, las es sich wie ein terroristischer Stadtplan. Es war unter der Überschrift: 'Jihad Irak: Hoffnungen und Gefahren' von einer bis dato unbekannten Gruppierung namens Medienkommittee für den Sieg des irakischen Volkes (Mujahideen Services Center) ausgearbeitet worden."

Weiteres: Paul Goldberger porträtiert das neue "Shanghai am Hudson", sprich die Bemühungen New Jerseys, so wie lower Manhattan zu werden - nur "sauberer und ordentlicher". Michael Egger berichtet von den Dreharbeiten zu einem neuen Film von Robert Altman, mit dem er an seine Fernsehserie "Tanner 88" anknüpft und in dem es wieder um Politkandidaten und ihre Kampagnen geht. Bruce McCall gibt Tipps zur Handhabung von "sport-utility vehicles (S.U.V.)" in der Innenstadt ("Fahren Sie Ihr neues S.U.V. stets doppelt so schnell wie erlaubt"). Zu lesen ist außerdem die Ezählung "The Shore" von Richard Ford.

Besprechungen: Joan Accocella resümiert zwei Veranstaltungen anlässlich der 100. Geburtstage der beiden "Ballettgiganten des 20. Jahrhunderts", Frederick Ashton (mehr) und George Balanchine (mehr). Anthony Lane findet, dass Spike Lees neuer Fim "She Hate Me" eigentlich zwei neue Filme sind, die zusammenmontiert wurden. Außerdem gibt es wie immer Kurzbesprechungen, die bis Redaktionsschluss allerdings noch nicht aufrufbar waren.

Nur in der Printausgabe: eine Reportage über die Sinnhaftigkeit des freien Handels, ein Porträt des Schaupielers Don Rickles, eine Reportage über einen philanthropischen Millionär, die Rezension von Bill Clintons Autobiografie und Lyrik von Gary Snyder und Jack Gilbert.

Magazinrundschau vom 19.07.2004 - New Yorker

Philip Gourevitch (mehr hier) untersucht, ob John Kerry tatsächlich ein außenpolitisches Konzept hat und es ihm gelingen kann, die Wähler davon zu überzeugen, dass er "das Land wieder auf den rechten Weg" bringen wird. Die Amerikaner seien nicht daran gewöhnt "dass Fragen von Außenpolitik, Strategie und Krieg einen Präsidentenwahlkampf in entscheidender Weise bestimmen". Vor zehn Jahren habe Henry Kissinger in der amerikanischen Geschichte "zwei widersprüchliche Einstellungen gegenüber der Außenpolitik" identifiziert: "Die erste besteht darin, dass Amerika seinen Werten am besten damit dient, indem es die Demokratie bei sich zu Hause perfektioniert und so als Leuchtturm für den Rest der Menschheit agiert; die zweite geht davon, dass die amerikanischen Werte die Verpflichtung in sich tragen, in der ganzen Welt für sie zu Felde zu ziehen.Anhänger der "Leuchtturmschule" neigten dabei eher zum Isolationismus, die "Kreuzzugsseite" dagegen sei gezwungen, Amerika ans Ausland zu binden. Nachdem sich Bush nach dem 11. September als "kompromisslos einseitiger Kreuzzügler" erwiesen hätte, sei Kerry heute, so Gourevitch, der Auffassung, "dass wir diejenigen sind, die isoliert sind".

Weiteres: Susan Orlean berichtet über ein Bostoner Stadtviertel im Wandel. Ben McGrath porträtiert Paul Light, seines Zeichens Politikwissenschaftler und der amerikanische Experte für Vize-Präsidenten (über Dan Quayle etwa meint er: "Der kann einem wirklich Leid tun").

John Updike rezensiert zwei "verschwenderische" Ausgaben der "wohlbehüteten" Gedichte des britischen Lyrikers Philip Larkin (1922-85, mehr). Die Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem der Abrechnung eines amerikanischen Afghanistan-Veteranen mit dem Militär. Peter Schjeldahl führt durch eine Retrospektive von Ed Ruscha (mehr) im Whitney Museum. Hilton Als schwärmt vom "fesselnden" Spiel des Schauspielers Sam Waterston in einer Inszenierung von Shakespeares "Viel Lärm um nichts". Nancy Franklin stellt die neue Fernsehserie "Rescue Me" um einen Feuerwehrmann vor, die auf den Ereignissen vom 11. September basiert und sich auch mit dem islamischen Fundamentalismus und der neuen Weltunordnung auseinandersetzt. Und David Denby sah Joshua Marstons "großartigen" Independentfilm "Maria Full of Grace" und "The Door in the Floor? von Tod Williams, eine Adaption des Romans "Witwe für ein Jahr? von John Irving.

Nur in der Printausgabe: ein Bericht über zornige neue Verbündete von Al Qaida, die Erzählung "Man Crawling Out of Trees" von Annie Proulx, eine Reportage aus dem Mathematikunterricht und Lyrik von Galway Kinnell.

Magazinrundschau vom 05.07.2004 - New Yorker

In einem Hintergrundbericht, der wesentliche Daten und Fakten aus Vergangenheit und Gegenwart zusammenfasst, kennt David Remnick keine Illusionen. Ägypten eine Demokratie? Nur in den Träumen des Westens: "Ägypten unter Mubarak ist ein System von Sicherheitsventilen und Kontrolleinrichtungen, eine Autokratie, die in manchen Hinsichten eine zivile Gesellschaft simuliert. Die Opposition hat keine Chance auf wirkliche Macht und kann den Präsidenten in der Presse nicht frontal attackieren, aber in Wohnungen und Cafes darf geredet werden, man kann sich für Sitze im Parlament aufstellen lassen, den Berufsgewerkschaften beitreten und ähnliches mehr. (...) In anderen Worten, es gibt enge Grenzen; wer sie überschreitet, hat nur noch die Freiheit, sich mit Tausenden anderen im Gefängnis zusammenzutun."

Zum Tode Marlon Brandos hat der New Yorker online einen der berühmtesten Texte über den Schauspieler freigeschaltet: Truman Capotes Bericht über seinen Besuch bei den Dreharbeiten zum Film "Sayonara": "Brando war seit mehr als einem Monat in Japan und hatte sich am Set als lässig würdevoller, liebenswürdig auftretender junger Mann präsentiert, stets bereit, mit seinen Mitarbeitern - den Schauspielern vor allem - zusammenzuarbeiten, ja, sie sogar zu ermutigen - und stand doch für gemeinsame Unternehmungen nicht zur Verfügung, saß stattdessen während der ermüdenden Pausen zwischen den Szenen alleine herum und las philosophische Bücher oder kritzelte etwas in ein Schulheft."

Besprechungen: Im Metropolitan Museum besucht Peter Schjeldahl eine Ausstellung des amerikanischen "Impressionisten" Childe Hassam, zitiert aber erst einmal den Nachruf auf ein beneidenswertes Leben aus dem Jahr 1935: "Er lebte mit Gusto, er rauchte seine Pfeife, er spielte Golf, der Weinkeller war gut gefüllt, er widerstand der Brandung der East Hamptons mit seinem großartigen, gebräunten Körper und arbeitete glücklich bis zu seiner letzten Krankheit." David Greenberg hat gleich drei Bücher über die "Dynastie" Bush gelesen, und John Lahr nimmt das Cole-Porter-Biopic "De-Lovely" zum Anlass, ausführlich aus dem Leben des Komponisten zu erzählen.

Film: Anthony Lane freut sich, dass "Spider-Man 2" ganz wie der Vorgänger ein Film geworden ist, "dessen Action auf der Unfähigkeit zur Entscheidung basiert". Die Hauptrolle hätte, als Ober-Nerd, allerdings Bill Gates spielen müssen. "The Clearing" dagegen erweist sich, trotz der Beteiligung von Robert Redford, Willem Dafoe und Helen Mirren, als "Thriller ohne Thrill". Prosa: In Judy Budnitz Erzählung "Miracle" wird zu Beginn ein Kind geboren. Es ist schwarz. Kein Problem, nur: Vater und Mutter sind weiß.

Magazinrundschau vom 28.06.2004 - New Yorker

Heute kein Enthüllungsbericht von Seymour Hersh, sondern der zu wenig Hoffnung Anlass gebende irakische Alltag: Nir Rosen berichtet aus Falludschah, dem Ort des heftigsten Widerstands gegen die US-Invasion: "Fallduschah ist eine der in Sachen Religion konservativsten Städte im 'sunnitischen Dreieck', aber das Zusammentreffen des von Moqtada al-Sadr angeführten schiitischen Aufstands und der Belagerung Falludschahs durch die US-Marines hatte über die religiösen Differenzen hinweg eine kuriose Solidarität gestiftet. Ein hier lebender Dichter rezitierte eine Gedicht, das den Titel 'Tragödie von Falludschah' trägt. Ich habe ihn kaum verstanden, wegen seines starken Akzents, aber diese Sätze habe ich herausgehört: 'Falludschah ist eine große Dattelpalme. Sie wird nie erlauben, dass jemand ihre Datteln berührt. Sie wird Pfeile in die Augen derjenigen schießen, die von ihr probieren wollen. Dies ist Falludschah, deine Braut, O Euphrat! Sie wird nie einen anderen lieben als dich. (...) Amerikaner haben ein Loch gegraben und die Wurzeln der Dattelpalme herausgerissen.'"

Bestätigung findet die Skepsis von Rosens Reportage in den nüchternen Zahlen, über die ein Kommentar von George Packer informiert: "Eine Umfrage, die die CPA (die provisorische Kontrollmacht im Irak) in Auftrag gegeben hat, kam zum Ergebnis, dass zwei Prozent der Iraker großes Vertrauen in die Koalitionskräfte haben, achtzig Prozent haben gar keins und mehr als die Hälfte glaubt, dass alle Amerikaner sich benehmen wie die Gefängnisaufseher in Abu Ghraib."

Besprechungen: Andrew Kirsch bespricht eine neue Dylan-Thomas-Biografie - und informiert in einem Exkurs zur Wirkungsforschung darüber, dass der Name Dylan 1914, im Jahr der Geburt des Autors, so gut wie unbekannt war und auf eine obskure Figur der walisischen Mythologie zurückgeht. Neunzig Jahre und einen Popmusiker, der dem Dichter zu Ehren das Pseudonym Bob Dylan annahm, später, ist Dylan immerhin auf Platz 19 der männlichen Vornamen in den USA. Die Biografie ist im übrigen klatschverliebt, aber in Ordnung, meint Kirsch. Etwas weniger gut, aber auch nicht ganz schlecht findet Thomas Mallon einen Roman von Jerry Stahl, der den skandalumwitterten Stummfilmkomiker Fatty Arbuckle als Ich-Erzähler wieder auferstehen lässt.

David Denby gerät sehr ins Schwärmen über Julie Delpy und Richard Linklaters "Before Sunset" (besser als Rohmer!) - und wünscht sich sogleich einen dritten Teil dieser Fortsetzungsromanze. Für einen mittelmäßigen und zutiefst überflüssigen Film hält er dagegen Steven Spielbergs Flughafen-Komödie "The Terminal".

Ganz was anderes: Paul Simms betet zu Gott und bittet darum, ihn bloß keinen komischen Tod sterben zu lassen. Keine Luftschiffe, kein Unfall mit einem Kerl namens Roger Crash. Und: "Wenn ich beim Sex sterben muss, dann bitte nicht aus einem der folgenden Gründe: extreme Austrockung, unerkannte Allergie gegen Öle mit Fruchtgeschmack oder 'Massage'öl, Hautkomplikationen wegen Teppichverbrennung oder im Zusammenhang mit dem Gebrauch - oder Missbrauch - von Gegenständen, die als 'seltsam' zu bezeichnen sind."