Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

802 Presseschau-Absätze - Seite 40 von 81

Magazinrundschau vom 05.06.2012 - New York Times

Toni Bentley hat einige wundervolle Stunden mit Fred & Adele verbracht. Auch wenn Kathleen Rileys Buch über die Astaires nicht rundum gelungen sei, hat sie doch eine Menge über das Musikgeschäft gelernt, das Fred und Adele 1905 als Kinder enterten. So traf Fred mit 15 Jahren den 14-jährigen George Gershwin in der Tin Pan Alley, wo sie beide davon träumten, dass George ein Musical für Fred schreiben würde. Und wer begleitete 1917 den jungen Fred und seine Schwester zu den Proben für das Musical "Apple Blossoms"? Fritz Kreisler. Noch eine wichtige Frage wird geklärt: "Warum sahen die Frauen neben Astaire alle aus wie Göttinnen? Wegen Adele. Adele? Ja, seine Schwester Adele. Für die Dauer ihrer erstaunlichen 27-jährigen Partnerschaft - sie begann, als Fred 5 Jahre alt war und Adele 8 - war sie der unbestrittene Star des Duos. In ihrem faszinierenden neuen Buch 'Die Astaires' beschreibt die australische Theaterhistorikerin Kathleen Riley die Heldentaten dieses Bruder-Schwester-Teams in seinen glorreichen Details. Und es wird klar, dass hinter und neben, aber niemals vor Adele Fred nicht nur lernte, wie man tanzt, sondern auch, wie man eine Frau präsentiert, sie ehrt und zum Leuchten bringt."

Kostprobe?


Magazinrundschau vom 15.05.2012 - New York Times

In einer eindrucksvollen Reportage beschreibt Robert F. Worth im Magazine die Zustände in Libyen, wo es noch immer keine Regierung, keine Gesetzgeber, keine Provinzgouverneure, keine Gewerkschaften und keine Polizei gibt - höchstens auf dem Papier: "Was es in Libyen gibt, sind Milizen, mehr als 60, bemannt mit Rebellen, die wenig oder gar kein Militär- oder Polizeitraining hatten, als die Revolution vor weniger als 15 Monaten ausbrach. Sie bevorzugen die Bezeichnung Katibas oder Brigaden, und ihre Mitglieder sind allgemein als Thuwar oder Revolutionäre bekannt. Jede Brigade hat uneingeschränkte Autorität in ihrem Gebiet. In den Baracken - meist umfunktionierten Schulen oder Polizeistationen - findet ein gewaltiges Experiment in Rollentausch statt: Die Wächter sind jetzt Gefangene und die Gefangenen Wächter. Es git keine Regeln und jede Katiba hat ihre eigene Art im Umgang mit den Gefangenen. Einige haben schlicht die schlimmsten Foltern wiederholt, die unter dem alten Regime ausgeführt worden waren. Noch mehr haben dem widerstanden. Fast alle haben Opfern die Möglichkeit eingeräumt, ihren früheren Folterern von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu stehen, ihre Instinkte zu prüfen, die Sehnsucht nach Rache auszubalancieren gegen den Willen, Libyen in etwas Besseres zu verwandeln als in einen Spielplatz für Verrückte."

Für die Technologieseiten haben Evelyn Rusli, Nicole Perlroth und Nick Bilton mit allen möglichen Leuten über Mark Zuckerberg und den anstehenden Börsengang von Facebook gesprochen und kommen zu der Auffassung: der Mann hat viel gelernt, heute ist er ein guter CEO. "Als der Instagram-Deal kurz vor dem Abschluss stand zum Beispiel, handelten Mr. Zuckerberg und Kevin Systrom den Kauf in Zuckerbergs 7-Millionen-Dollar-Haus in Palo Alto unter sich aus. Ihre Anwälte und Berater sahen aus der Ferne zu. 'Mark und Kevin saßen draußen und aßen Steaks und Eiscreme, während die Anwälte drinnen Game of Thrones sahen', sagt eine Person, die dabei war. 'Es blieb nicht unbemerkt', sagt diese Person weiter, 'dass zwei Mittzwanziger allein die Bedingungen für den Kauf festlegten'. Der Instagram-Deal unterstrich, wie Mr. Zuckerberg seine Macht in den letzten acht Jahren gefestigt hat. Facebooks Aufsichtsrat, der wenige Tage bevor der Deal veröffentlicht wurde, eine kurze Email über den Kauf erhielt, hat ihn nie zurückgehalten."

In der Sunday Book Review bespricht Adam Hochschild Paul Prestons kürzlich schon von Timothy Snyder hochgelobte Geschichte des Spanischen Bürgerkriegs.

Magazinrundschau vom 01.05.2012 - New York Times

Die amerikanische Journalistin und Dichterin Eliza Griswold lernt in Afghanistan über Mirman Baheer, eine Frauenorganisation für Schriftstellerinnen, Meena Muska kennen, eine junge Witwe, die wahrscheinlich bald einen der Brüder ihres verstorbenen Mannes heiraten muss. Sie lebt in der Provinz und ruft heimlich bei Mirman Baheer an, um einer Frau dort ihre Gedichte zu diktieren. "Als ich frage, wie alt sie ist, antwortet Meena mit einem Sprichwort: 'Ich bin wie eine Tulpe in der Wüste. Ich sterbe, bevor ich mich geöffnet habe und der Wüstenwind bläst meine Blütenblätter fort.' Sie wusste nicht, wie alt sie war, vielleicht 17. 'Weil ich ein Mädchen bin, kennt niemand meinen Geburtstag', sagt sie." Meena hat nur wenige Jahre die Schule besucht. "Gedichte sind die einzige Form von Erziehung, zu der sie Zugang hat. Sie trifft keine Fremden. 'Ich kann vor meinen Brüdern keine Gedichte aufsagen', sagt sie. Liebesgedichte werden als Beweis für eine verbotene Beziehung angesehen, für die die Meena geschlagen oder getötet werden kann. … Ich bin die neue Rahila', sagt sie. 'Nimm meine Stimme auf, damit etwas von mir übrig bleibt, wenn ich getötet werde.'"

Außerdem im NYT Magazine: In den USA werden immer mehr Gesetze erlassen, die schwangere Frauen kriminalisieren, die durch ihre Lebensgewohnheiten ihren Fötus gefährden, berichtet Ada Calhoun. Pat Jordan porträtiert den Schauspieler Samuel L. Jackson. Zachary Woolfe stellt den Komponisten Gabriel Kahane vor, der klassische Musik, aber auch Pop komponiert (und das bitte nicht durcheinandergebracht haben möchte.)

Auf den Technologie-Seiten berichten Charles Duhigg und David Kocieniewski über die miese Steuermoral amerikanischer Internetgiganten wie Google, Apple, Microsoft, Yahoo oder Dell. Besonders hervorgetan hat sich auf diesem Gebiet Apple, das eine Technik erfunden hat, die als "Double Irish With a Dutch Sandwich" berühmt wurde und mit der man Steuern reduzieren kann, indem man Profite über Irland, die Niederlande und dann in die Karibik verschiebt. "Im letzten Jahr hat Apple auf der ganzen Welt insgesamt 3,3 Milliarden Dollar Steuern auf Profite von 34,2 Milliarden Dollar bezahlt. Das ist eine Steuerquote von 9,8 Prozent ... Zum Vergleich: Wal Mart zahlte letztes Jahr weltweit 5,9 Milliarden Steuern auf Profite von 24,4 Milliarden Dollar. Das ist eine Steuerquote von 24 Prozent, ungefähr der Durchschnitt für eine Nicht-Technologie-Firma."

Magazinrundschau vom 13.03.2012 - New York Times

Alex Pappademas ist für das Sunday Magazine mit dem genialischen Radiohead-Gitarristen Johnny Greenwood nach Krakau gereist, wo Greenwood mit lauter begeisterten und engagierten polnischen Musikern seine klassischen Stücke "Popcorn Superhet Receiver" und "48 Responses to Polymorphia" neu einspielte (natürlich ganz analog): "Auf der Bühne bespricht sich Greenwood mit dem Dirigenten Marek Mos, einem muskulösem Typ in leuchtend oranger Jeans und einem schwarzen Durag und fordert mich auf, im Raum zu bleiben, während das Orchester spielt. Ich habe niemals zuvor so nahe bei einem Streichorchester gesessen. Es war gar nicht mal laut, aber mein Schädel dröhnte auf seltsame Art. Es war, als hörte ich einen Hornissenschwarm plötzlich seine Richtung ändern. Für ein oder zwei Minuten wurden 48 Musiker zu einem einzigen Organismus, der von Mos' Taktstock kontrolliert wurde. Als die Aufnahme vorbei war, war es, als wachten die Leute aus einer Trance auf, sie waren wieder Individuen, frei zu hüsteln, sich zu kratzen, in ihren Stühlen zu ruckeln."

Als großartig und klug preist Douglas Coupland in der Book Review den neuen, von Manhatten bis in den Irak, von 1775 bis 2009 reichenden Roman "Gods Without Men" seines britischen Schriftstellerkollegen Hari Kunzru. Coupland zählt das Buch zum neuen Genre der Translit, einer Form, die durch die Zeit reist, ohne historisch zu sein, die den Raum durchquert, ohne psychisch den Ort zu ändern. Die Literatur unserer Zeit: "Seit der letzten Dekade leben wir in einem Aura-freien Universum, in dem alle Epochen auf einmal koexistieren - ein Zustand möglicherweise permanter Atemporalität, dank freundlicher Unterstützung des Internets. Heute dominiert keine spezielle Epoche. Wir leben in einer Ära der Post-Ära, ohne eigene Formen, die stark genug sein könnten, der Zeit einen Stempel aufzudrücken. Der Zeitgeist von 2012 ist der, dass wir jede Menge Zeit, aber nicht viel Geist haben."

Magazinrundschau vom 28.02.2012 - New York Times

Andrew Rice erzählt im Magazine aus Nigeria, wie der Regisseur Kunle Afolayan dem künstlerisch wertvollen Film in Nigeria zu seinem Recht verhelfen will. Die Aufgabe ist herkulisch angesichts der häufigen Stromausfälle, dem schlechten Equipment, mangelnder finanzieller Unterstützung und einem Vertriebssystem, dem Alaba International Market, das seinen Profit nach zwei Seiten verteidigen muss: gegen teures Kunststreben und gegen illegale Kopien. "Carl Laemmle würde die Situation der Vermarkter vermutlich wiedererkennen. Als er [1912] Universal Pictures gründete, geriet er sofort in Streit mit Thomas Edison, der Patente an Filmkameras und -projektoren hielt. Edison führte einen legalen Krieg gegen 'Bauernfänger', unautorisierte Kopierer, die einen Film einfach nehmen und wiederveröffentlichen und dabei oft noch die Copyright-Vermerke abschneiden. Wie Edison es sah, gab ihm sein intellektuelles Eigentum das Recht auf ein Monopol an allen Filmproduktionen." Edison strengte 289 Klagen gegen Läemmle an. Als er schließlich 1917 vor dem Supreme Court endgültig verlor, waren Läemmle und andere Filmproduzenten bereits nach Kalifornien gezogen. "'Sie waren Piraten", sagt Bic Leu, ein Fulbright Fellow, der Nollywood studiert hat. 'Sie zogen nach L.A., um Thomas Edison loszuwerden.'"

Außerdem: Cathy Horyn beschreibt die Erfolgsgeschichte der britischen Modedesignerin Stella McCartney. In der Sunday Book Review geht es u.a. um eine Geschichte der einflussreichsten schwulen Autoren Amerikas, Tom McCarthys Roman "Men in Space", die Briefe Joseph Roths und einen Band über den Streit zwischen John D'Agata und Jim Finegal, einem Fact-Checker des Believer Magazine über Fakten in einem Essay D'Agatas (mehr über Streit von Gideon Lewis-Kraus im Magazine. Empfohlen sei in dem Zusammenhang auch auf Ron Rosenbaums Artikel im Smithsonian über den Dokumentarfilmer Errol Morris, dem der Philosoph und Postmodernist Thomas Kuhn einen Aschenbecher an den Kopf geworfen haben soll, weil Morris darauf bestand, dass es "Wahrheit" gibt.)

Magazinrundschau vom 21.02.2012 - New York Times

Seit zwei Jahren ist in Frankreich das umstrittene Hadopi-Gesetz in Kraft, das illegale Downloads überwacht und nach der Three-Strikes-Regel sanktioniert. Glaubt man Eric Pfanner, dann wirkt es: "Studien zeigen, dass der Reiz der Piraterie verblasst, seit das Gesetz in Kraft ist, das von Musik- und Filmindustrie gepriesen wird und bei Anwälten des offenen Netzes verhasst ist. Digitale Verkäufe, die in Frankreich nur langsam starteten, haben jetzt erheblich zugenommen. Die Einnahmen der Musikindustrie stabilisieren sich." Es profitiert vor allem Itunes, dessen Verkäufe in Frankreich stark zugenommen haben. Pfanner zitiert Jérémie Zimmermann von La Quadrature du Net, der sagt, dass zum Download nun allerdings auch andere Software genutzt wird, die von Hadopi nicht überwacht werden kann.

Magazinrundschau vom 31.01.2012 - New York Times

Im Wirtschaftsteil setzen Charles Duhigg und David Barboza die Serie (hier der erste Teil) über Apple in China fort. Diesmal geht es um die miserablen und oft genug lebensgefährlichen Arbeitsbedingungen in chinesischen Fabriken. 7,31 Milliarden Dollar Gewinn im dritten Quartal 2011 waren Apples Lohn für das souveräne Ignorieren aller Beschwerden. Auch Apples Kunden kümmert es wenig: "Apple ist eine der am meisten bewunderten Marken. In einer nationalen Umfrage der New York Times vom November erklärten 56 Prozent der Teilnehmer, sie wüssten nichts Negatives über Apple. 14 Prozent fanden, das schlimmste an der Firma seien die hohen Preise für ihre Produkte. Nur zwei Prozent erwähnten die Arbeitsbedingungen in Übersee."

Vor fünfzig Jahren erschien Henry Millers "Wendekreis des Krebses". Doch in Frederick Turners Hymne "Renegade" will Jeanette Winterson in der Book Review nicht einstimmen. "Turner stellt Miller neben Walt Whitmann und Mark Twain als einen Erneuerer hin, der Anti-Literatur ist, nicht weil er ein Philister ist, sondern weil die neue Welt, die Amerika ist, eine neue Literatur braucht. Sie muss lebendig sein, nicht verfeinert, in den Docks und den Sweatshops geschrieben werden, nicht im Studierzimmer oder an der Universität." So weit, so gut. Aber seine Tiraden gegen Amerika, das "geldgieriger als die niederträchtigste Hure" sei, findet sie absolut verlogen, Ausbeutung von Frauen habe Miller nämlich nie gestört: "Ihm kam nie in den Sinn, dass, egal wie arm ein Mann ist, er sich für den Sex immer eine noch ärmere Frau kaufen kann."

Außerdem: Im Sunday Magazine lotet Ronen Bergman aus, wie wahrscheinlich ein israelischer Schlag gegen den Iran ist. Eve Fairbanks bewundert die schräge südafrikanische Band Die Antwoord.

Magazinrundschau vom 24.01.2012 - New York Times

Im Sunday Magazine porträtiert Robert F. Worth den 49jährigen ägyptischen Muslimbruder Mohamed Beltagy, der von vielen Liberalen geschätzt wird, weil er die Proteste erst gegen Mubarak, dann gegen die Militärs auf dem Tahrir Platz unterstützt hat. Bei der alten Garde der Muslimbrüder trägt ihm das allerdings auch Misstrauen ein: "Khalil Anani, einer der besten Analysten der islamischen Bewegungen in Ägypten, erklärte mir, dass die Burderschaft in den kommenden Monaten eine entscheidende Wahl treffen muss. 'Es gibt eine verschobene Konfrontation zwischen der Bruderschaft und dem Militär', sagt er, 'und wenn sie stattfindet, hängt viel davon ab, wie gut die Bruderschaft mit den liberalen und säkularen Kräften zusammenarbeiten.' Beltagy ist unentbehrlich um eine solche Kooperation zu sichern. Aber die Bruderschaft kann sich auch entschließen, die Liberalen auszuschließen und einen Handel mit dem Militär machen, so Anani: Sie würde die fortgesetzte Dominanz des Militärs akzeptieren und dafür in religiösen Fragen Konzessionen erhalten."

Apples Geräte werden, wie alle wissen, in China zusammengebaut. Die Arbeitsbedingungen dort sind teilweise schrecklich, wie Mike Davis etwa in der Radiosendung This American Life erzählt. Aber Tatsache ist eben auch, dass hunderttausende Jobs nach Asien gegangen sind. Was in den USA bleibt, beschreiben im Wirtschaftsteil Charles Duhigg und Keith Bradsher am Beispiel von Eric Saragoza, der 1995 in Apples Fertigungsanlage in Elk Grove, Kalifornien als Ingenieur angestellt worden war. Saragoza stieg schnell auf und verdiente 50.000 Dollar im Jahr. Bald jedoch wurden Apples Produkte zu teuer: Einen 1.500-Dollar-Computer zusammenzubauen kostete 22 Dollar in Kalifornien und 4,85 Dollar in Taiwan. "'Man sagte uns, wir müssten 12 Stunden am Tag arbeiten und auch Samstags kommen', erzählt Mr. Saragoza. 'Ich hatte eine Familie. Ich wollte meinen Kindern beim Fußballspielen zusehen.'" Leute wurden entlassen, 2002 traf es auch Mr. Saragoza. Nach vielen Anläufen fand er schließlich einen Job in einer Zeitagentur, die für Apple reklamierte Iphones und Ipads untersuchen, bevor sie an die Kunden zurückgeschickt werden. "Jeden Tag fuhr Mr. Saragoza zu dem Gebäude, in dem er einst als Ingenieur gearbeitet hatte. Für 10 Dollar die Stunde ohne Sozialleistungen putzte er Tausende von Glasbildschirmen und testete Audioports, indem er die Kopfhörer einstöpselte."

In der Book Review folgt der polyglotte Peter Constantine mit Vergnügen Michael Erards Suche nach den weltbesten Sprachlernern. Adam Kirsch bespricht William Gass' barocken Essayband "Life Sentences". Cullen Murphy stellt Benoit Peeters Herge-Biografie vor und Charles Isherwoood Ian Donaldsons Ben-Jonson-Biografie.

Magazinrundschau vom 13.12.2011 - New York Times

In einem faszinierenden Artikel für das Sunday Magazine beschreibt Tina Rosenberg am Beispiel von N'Ko - einer westafrikanischen Schrift, die 1943 erfunden wurde, um den Mande-Sprachen ein Alphabet zu geben - wie moderne Technologie zu neuen Alphabeten und damit Verständigungsmöglichkeiten führt: "Für die meisten Menschen auf der Welt ist nicht das Internet, sondern das Handy die coolste erreichbare Technologie. Und sie nutzten es eher zum Texten statt zum Sprechen. Obwohl die meisten Sprachen auf dieser Welt keine Schriftform haben, beginnen die Menschen ihre Muttersprache in das Alphabet einer nationalen Sprache zu transkribieren. Jetzt können sie in der Sprache texten, mit der sie aufgewachsen sind. [Der Linugist K. David] Harrison erzählt von einer Reise nach Sibirien, auf der er einen Lastwagenfahrer traf, der ein eigenes Aufschreibsystem für die vom Aussterben bedrohte tschulymische Sprache entwickelt hat. Dazu benutzt er kyrillische Buchstaben. 'Sie finden überall Leute wie ihn', sagt Harris. 'Wir bekommen Sprachen, deren erste geschriebenen Texte keine Übersetzungen aus der Bibel sind - wie das oft der Fall war - sondern SMS.'"

Etwas fehlt, meint Adam Thirlwell in der Book Review über Ingo Schulzes Roman "Adam und Evelyn", der jetzt in englischer Übersetzung erschienen ist: "In seiner Weigerung, die Zeit der Revolution zu idealisieren, ist dieser Roman, was die unromantischen Fakten angeht, von mutiger Wahrheit. Aber diese Fakten brauchen ihre eigene Form und diese Form, so empfand ich es jedenfalls, müsste barocker sein. Sie müsste näher an der schwebenden Metafiktion Nabokovs sein oder an den bösartigen Aphorismen Ciorans. Mit anderen Worten: Es braucht mehr als eine simple Story."

Besprochen werden außerdem Henry Louis Gates Jr.s Blick auf die Geschichte des schwarzen Amerikas, "Life upon these shores", das David Margolick enttäuscht hat, Will Hermes' Buch "Love goes to buildings on fire" über die New Yorker Musikszene in den Siebzigern und Anita Desais neuer Novellenband "The Artist of Disappearance".

Magazinrundschau vom 01.11.2011 - New York Times

In den sechziger und siebziger Jahren, als noch ein breites Publikum über Kunstwerke stritt, schrieb Pauline Kael für den New Yorker die leidenschaftlichsten und bissigsten Filmkritiken Amerikas. Jetzt sind einige ihrer Essays in die "Library of America" aufgenommen worden. Und Brian Kellow hat eine Kael-Biografie veröffentlicht. Seine Beschreibung von Kaels harten, frühen Jahre hat Frank Rich mit Interesse gelesen. Die Zusammenfassungen der Filme und ihrer Kritiken fand er eher öde: "Gottseidank endet diese Chronik mit einer knackigen, wenn auch deprimierenden Beschreibung von Kaels Niedergang. Wenn ihr Aufstieg junge Autoren zum Schreiben von Filmkritiken inspiriert hat, so ist ihr Fall ein warnendes Beispiel dafür, dass Kritiker in Machtpositionen rechtzeitig aufhören sollten, bevor sie unweigerlich in Korruption, Selbstparodie, Größenwahn - oder wie Kael in alle drei - versinken. ... Jemand musste das öffentlich kritisieren und dieser provokante Jemand war Renata Adler, die 1980 in der New York Review of Books Kaels Arbeiten 'Stück für Stück, Zeile für Zeile und ohne Unterbrechung wertlos' nannte." (Die NYRB hat den Artikel freigeschaltet. Wer schreibt heute noch solche Verrisse? Und hier noch Nathan Hellers vor zwei Wochen erschienenes Kael-Porträt aus dem New Yorker.)

Außerdem in der Book Review: Denis Donoghue liest den zweiten Band der Beckett-Briefe. Adam Thirlwell stellt David Bellos' Buch über die erfreulichen Seiten des Übersetzens vor. Jonathan Rosen bespricht Simon Sebag Montefiores Jerusalem-Biografie. Horrorfans werden nicht begeistert sein von Colson Whiteheads Zombie-Roman "Zone One" - sollten sie aber, meint Glen Duncan. Gideon-Lewis Kraus schließlich empfiehlt einen Band mit Reportagen, Interviews und Besprechungen von John Jeremiah Sullivan, der für GQ u.a. über Axl Rose, Michael Jackson und David Foster Wallace geschrieben hat (hier findet man viele seiner Artikel).