Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 25.10.2011 - New York Times

Sam Anderson hat für das Sunday Magazine Haruki Murakami in Tokio besucht und dabei auch eine irritierende Ahnung von den untergründigen Kräften bekommen, die in der Stadt ebenso wirken wie in Romanen des Autors. Außerdem erklärt Murakami, warum er am besten zwischen vier und zehn Uhr morgens arbeiten kann: Keine Ablenkung. "'Konzentration ist eines der besten Dinge im Leben', sagt er. 'Wenn man sich nicht konzentrieren kann, ist man einfach weniger glücklich. Ich bin kein schneller Denker, aber wenn ich mich einmal für etwas interessiere, dann bleibe ich viele Jahre dran. Ich werde nicht gelangweilt. Ich bin wie ein großer Kessel. Es braucht eine Zeit, ihn zum Kochen zu bringen, aber dann bleibe ich heiß.'"

In der Book Review: Als autorisierten Biografen hat sich Steve Jobs noch beizeiten Walter Isaacson ausgesucht, der durch seine Biografie von Benjamin Franklin und Albert Einstein für Genies hinreichend qualifiziert scheint. Sein "klares, elegantes und konzises" Buch taugt denn auch eindeutig zur "iBio", schwärmt Janet Maslin. James Fallows empfiehlt Thant Myint-Us Burma-Buch "Where China meets India" als lesenswerte Geschichte, Reisetagebuch, Familiengeschichte und Politikanalyse. Ganz hervorragend findet Thanassis Cambanis Steven Cooks Buch "From Nasser to Tahrir Square", das aber nicht von den Ereignissen des vergangenen Jahres erzählt, sondern die Geschichte des ägyptischen Militärs. Isabel Hilton lobt Ha Jins Roman "Nanjing Requiem", auch wenn er wenig Trost bereit halte.

Magazinrundschau vom 17.10.2011 - New York Times

Joseph Medill, liberaler Politiker, glühender Abolitionist und Mitstreiter Abraham Lincolns, begründete mit der Chicago Tribune auch eines der mächtigsten und reichsten Zeitungsimperien der USA. Gleich zwei Biografien - Megan McKinneys "The Magnificent Medills" und Amanda Smith' "Newspaper Titan" - widmen sich der schillernden Dynastie, werden ihr aber leid nicht gerecht, bedauert Joseph Epstein: "Die Medills waren nicht großartig, sondern neurotische Alkoholiker und Megalomanen und ganz generell ausgesprochen unangenehm. Cissy Patterson war weder eine Presse- noch eine sonstige Titanin, wie Smith selbst zeigt, sondern kapriziös, verwöhnt, starrköpfig, snobistisch, streitsüchtig, antisemitisch, eine gemeine Trinkerin und rachsüchtig. Joseph Medills Nachkommen waren keine nette Familie, würden wir heute sagen. Sie gaben viel, sich selbst am meisten, eher wie Medicis als Medills."

Mit mäßiger Begeisterung hat William Deresiewicz Jeffery Eugenides' neuen Roman "The Marriage Plot" gelesen, den er immerhin besser als "Middlesex", aber längst nicht so gut wie "Die Selbstmordschwestern" fand: "In dem Roman geht es nicht wirklich um Liebe, höchstens in zweiter Linie. Es geht um das, worum es in Eugenides' Büchern immer geht, egal wie unterschiedlich sie erscheinen: Das Drama des Erwachsenwerdens. Hier zeigt sich Eugenides viel geduldiger und näher an seinem Material als in 'Middlesex'. 'The Marriage Plot' ist seinen Mitbewohnern gewidmet, er besitzt die Webart und den Schmerz gelebter Erfahrung."

Magazinrundschau vom 11.10.2011 - New York Times

388 quälende und quälend langweilige Tage wurden Rachel und Paul Chandler von somalischen Piraten gefangen gehalten, erzählt Jeffrey Gettleman in einer spannenden, vom Comickünstler Wesley Allsbrook illustrierten Reportage im Sunday Magazine, in der man viel über das Kidnapping-Geschäft lernt. "Was man in Adado wusste, war dass ein junger Aufsteiger namens Buggas die Chandlers nach Amara gebracht hatte, einen kargen Flecken nahe der Küste, und dass die Einwohner von Amara hinter ihm standen. Lokale Unterstützung ist entscheidend, denn Geiselnahmen sind - besonders wenn sie lange dauern - sehr kostspielig. Die Geiseln müssen ernährt und streng bewacht werden, damit rivalisierende Piratengangs oder islamistische Milizen sie nicht ihrerseits kidnappen. Paul Chandler schätzt, dass es Buggas rund 20.000 Dollar im Monat kostete, ihn und seine Frau als Geiseln zu halten: am Tag 300 Dollar für Khat, 100 Dollar für Ziegen und wahrscheinlich noch einmal mehrere hundert Dollar für Tee, Zucker, Milchpulver, Benzin, Munition und andere Vorräte. Dann müssen die Leute bezahlt werden - im Falle der Chandlers bedeutete das Bargeld für den Piratentrupp und die rund 30 Handlanger, die sich als Wächter abwechselten. Obendrauf kommen die Dolmetscher, die eine happige Gebühr verlangen, um mit den Geiseln zu kommunizieren und das Lösegeld auszuhandeln. Piraten führen ihre Geschäfte meist auf Pump."

Weiteres: Höchst bedeutsam findet der Bioethiker Peter Singer in der Sunday Book Review das neue Buch von Steven Pinker, demzufolge die Entwicklung der Menschheit durchaus positiv verläuft, die Vernunft zunimmt, Gewalt und Grausamkeit dagegen schwinden: Selbst in Detroit sei die Mordrate nicht mehr höher als bei besonders friedfertigen Völkern wie den malaysischen Semai, den zentralarktischen Inuit oder den Kung der Kalahari. Charles McGrath meldet, dass Christopher Hitchens von der Atheist Alliance of America zum Freidenker des Jahres gekürt wurde.

Magazinrundschau vom 27.09.2011 - New York Times

Tom Bissell hat Neal Stephensons neuen Roman "Reamde" gelesen. Der Plot ist, wie Bissell versichert, komplett absurd und es kommen Online-Rollenspiele, eine afrikanische Waise, ein chinesischer Hacker, ein britischer Dschihadist und manches mehr darin vor. Höchst unterhaltsam und informativ findet Bissell das, manchen Schwächen zum Trotz. Am schönsten ist aber seine grundsätzliche Beschreibung des Romanciers Stephenson: "Sagen wir, Romanautoren sind wie unangekündigte Besucher. Während Norman Mailer und Saul Bellow männlich an der Tür pochen, klopfen Jonathan Franzen und Zadie Smith recht höflich... Neal Stephenson allerdings umweht ein vager Marihuana-Duft, und er hat eine Menge Koffer dabei. Vielleicht kann er ein paar wenige Tage Unterschlupf finden? Zwei Wochen später ist er immer noch da. Und du wirst ihn nicht los. Nicht, weil er unangenehm wäre, sondern weil er so interessant ist. Dann wachst du eines Morgens auf und er ist weg. Du bist ein bisschen erleichtert, aber du vermisst ihn auch. Und du wünschtest, er hätte das Zeug, das er raucht, zurückgelassen, denn alles, was einem Menschen erlaubt, sechs 1000-Seiten-Romane in zwölf Jahren zu schreiben, ist das Gesundheits- und Knastrisiko wert."

Weitere Artikel: Maureen Dowd schreibt sehr freundlich über Roger Eberts Autobiografie, Christopher Hitchens bespricht Christopher Turners Wilhelm-Reich-Buch "Adventures in the Orgasmotron". In seiner "Reading Life"-Kolumne widmet sich Geoff Dyer der Kunst des Signierens von Büchern.

Fürs Magazine schickt Robert F. Worth eine lange Reportage aus Libyen, in dem sich die Überzeugungen nach der Niederlage Gaddafis verdächtig schnell ändern: "In allen Militärlagern, die ich besuchte, fand ich Uniformen und Stiefel der Soldaten, die sie in dem Moment von sich geworfen hatten, in dem sie ihre Sandalen und Dschellabas überstreiften und in ihre Privatwohnungen flüchteten. Sogar die Gefangenen der Rebellen, mit denen ich in den improvisierten Gefängnissen sprach, hatten ihre alte Identität aufgegeben oder sie jedenfalls modifiziert: 'Ich habe mein Gewehr kein einziges Mal abgefeuert', sagten sie. 'Ich habe es nur des Geldes wegen getan'. 'Ich habe für sie gekämpft, weil ich ihren Lügen geglaubt habe.'"

Und online ist ein ellenlanges, unbearbeitetes Interview zu lesen, in dem Nicholas Kristof versucht, Irans Präsidenten Mahmud Achmadinedschad zu konkreten Aussagen zu bewegen.

Magazinrundschau vom 20.09.2011 - New York Times

Der Literaturwissenschaftler und Romancier David Lodge hat einen biografischen Roman über den Vielschreiber H.G. Wells verfasst, Titel: "A Man of Parts". So weit man in Christopher Benfeys Rezension schlau daraus wird, geht es deutlich weniger um das literarische Werk als um die "privaten (d.h. die Geschlechts-)Teile" des Autors, der Vögeln als "Freizeitbeschäftigung wie Tennis und Badminton" begriff: "Wie andere seiner utopisch gesinnten Generation - man denke etwa an die üppige erotische Fauna des Bloomsbury-Kreises - war Wells ein Vertreter der freien Liebe und der offenen Ehe, insbesondere da seine zwei Ehen sich als sexuell öde erwiesen. Er war an jüngeren Frauen interessiert, oder sie waren es an ihm. Die 'jungfräulichen Töchter' seiner Kollegen in der sozialistischen Fabian-Bewegung waren eine spezielle Versuchung. Als Rosamund Bland sich für verfügbar erklärte, war auch Wells bereit, und zwar mit der zweifelhaften Begründung, dass auch ihr raubtierhafter Vater hinter ihr her sein: besser H.G. als Inzest."

Weitere Artikel: Pamela Paul schreibt einen Essay über die Revolutionäre des englischsprachigen Kinderbuchs von Maurice Sendak bis Dr. Seuss. Besprochen werden unter anderem noch Denis Johnsons Novelle "Train Dreams" und Roya Hakakians Rekonstruktion der vom Iran angeordneten Berliner Mykonos-Morde im Jahr 1992.

Magazinrundschau vom 13.09.2011 - New York Times

107 Essays auf gut 780 Seiten findet man in Christopher Hitchens Band "Arguably" versammelt (hier Ian Parkers Hitchens-Porträt im New Yorker). Über Politik - zum Beispiel zum Irakkrieg, Afghanistan, Uganda und den Iran -, Gesellschaft und Bücher. Alle geschrieben unter dem Einfluss einer Dosis Alkohol, die die "meisten Menschen verkrüppeln würde", so der penible Bill Keller, der in der Book Review vorführt, wie man einen Autor gleichzeitig lobt und verreißt, so dass man auf jeden Fall auf der sicheren Seite steht: "Ich finde Hitchens ist einer unserer stimulierendsten Denker und unterhaltsamsten Autoren, selbst wenn er - oder vielleicht gerade wenn er - provoziert."

Außerdem: Negar Azimi beschreibt die - vielversprechende! - Verwirrung, die seit dem arabischen Frühling auf dem ägyptischen Buchmarkt herrscht. Besprochen werden u.a. Nuruddin Farahs Roman über somalische Piraten "Crossbones", Hisham Matars Roman "Geschichte eines Verschwindens", Robin Wrights Buch über den arabischen Frühling "Rock the Casbah", Nigel Cliffs Buch über Vasco da Gamas "Heiligen Krieg" und Thomas L. Friedmans und Michael Mandelbaum Buch "That Used to Be Us".

Im Magazin gibt's eine Diskussion von Michael Ignatieff, David Rieff, James Traub, Paul Berman, Scott Malcomson und Ian Buruma über den Irakkrieg, die um einiges spannender geworden wäre, hätte Christopher Hitchens (wie in der Slate-Runde 2004) dabei sein können.

Magazinrundschau vom 06.09.2011 - New York Times

Anthony Shadid hat sich für das Sunday Magazine von zwei jungen Aufständischen nach Syrien schmuggeln lassen, wo die Proteste gegen das Regime Assads trotz seiner brutalen Reaktion weitergehen. "Viele Jahre lang waren Syriens Städte recht kurzsichtig in ihrer Rivalität. Dara wurde für rückständig gehalten, bewohnt von den Hinterwäldlern der Houran-Steppe. Deir al-Zour war die Domäne bewaffneter Stämme. Homs, von der Regierung privilegiert, konkurrierte mit Hama, das lange Zeit für seine rebellische Geschichte und seine religiöse Prägung diskriminiert wurde. Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit, wetteifern Damaskus und Aleppo noch immer um die Führung im Land. Aber jetzt flammen Proteste regelmäßig in der einen Stadt aus Solidarität mit einer anderen auf, die gerade unter Beschuss steht. 'Dara und die Dörfer drumherum haben einen besonderen Platz in unserem Herzen, sagt Iyad, 'hier begann die Revolution, hier starben so viele Märtyrer. Von Dara haben wir gelernt, uns immer wieder zu erheben, auch wenn die Armee angreift.' Es war Nachmittag, er und Ahmed wollten mit uns zu einem anderen sicheren Versteck. Als wir aufbrachen, drehte sich Iyad zu mir und sagte: 'Wir haben schon gewonnen. Wir sind schon die Sieger. Ich habe ein Leben unter Terror, Angst und Mord gelebt. Jetzt bin ich frei.'"

Etwas obsessiv, aber sehr instruktiv erscheint Kathryn Schulz in der Book Review die Essaysammlung "Believing is Seeing" des Filmemachers Errol Morris, der darin der Wahrheit in der Fotografie nachspürt: "Glücklicherweise wird seine thematische Begrenztheit durch eine stilistische Tendenz in die andere Richtung ausgeglichen - vornehmlich hin zum Tangentialen und Panoptischen. In der Kombination ergibt dies einen seltsamen, fesselnden Effekt, wie ein Blizzard, der auf ein einzelnes Haus fällt. Wir reden über ein Buch, das unter anderem Karten, Briefe und Familienstammbäume enthält, alte Werbeanzeigen, Militärpläne und Interviewauszüge."

Magazinrundschau vom 30.08.2011 - New York Times

Im Magazin erzählt Jon Gertner vom Versuch der amerikanischen Regierung, wieder so etwas wie verarbeitende Industrie im Land anzusiedeln. Schließlich können nicht alle Arbeitslose Informatiker oder Broker werden. Das Schlüsselwort ist Lithiumbatterien, die man für saubere Energie - zum Beispiel in Elektroautos - braucht. Die Strategie kommt einem vertraut vor: Staatsknete und Abkupfern. "Eine High-Tech-Industrieanlage in den Vereinigten Staaten aufzubauen ist nicht einfach eine Frage der Anheuerung lokaler Talente. Es erfordert gutes altes Ausländerwissen. 'Wir nennen es genaues Kopieren', sagt [der Chef von A123, Jason] Forcier. 'Wir haben eine Firma in Korea gekauft, die die Technologie rund um diese Batterie besitzt und einen Herstellungsprozess entwickelt hat. Den haben wir hierher geholt, ihn genau kopiert und vergrößert.' A123 hat außerdem ein Team von sechs koreanischen Ingenieuren hergeholt, um beim Transfer der Technologie in die Vereinigten Staaten zu helfen, und ein Team von Amerikanern zum Lernen nach Korea geschickt." (Chinesische Stahlmanager wird es freuen, das zu hören.)

Außerdem: Negar Azimi erzählt von einer koptischen Familie in Ägypten, die sich nach der Revolution unsicherer fühlt als jemals zuvor.
Stichwörter: Elektroautos, Korea

Magazinrundschau vom 09.08.2011 - New York Times

Charles McGrath schreibt im Sunday Magazine ein ausführliches Porträt Nicholson Bakers. Anlass gibt es genug: "Bakers neuer Roman 'House of Holes', der in diesem Monat herauskommt, trägt den passenden Titel 'Buch der Versautheit' und ist schmutziger als 'Vox' und 'Die Fermate' zusammen. Es ist eine Serie lose verbundener Vignetten aus einem sexuellen Themenpark, zu dessen Attraktionen Masturboote, das Porndecahedron und ein Planetarium gehören, auf dessen zwölf Bildschirmen Pornos laufen. Und dann ist da Velvet Room, in dem die Komponisten Borodin und Rimsky-Korsakow mit ihren Genitalien Fußmassagen verabreichen."
Stichwörter: Porno

Magazinrundschau vom 02.08.2011 - New York Times

Andrew Rice schickt eine erstaunliche Reportage aus El Paso und Juarez, die beiden Zwillingsstädte an der mexikanisch-texanischen Grenze: Juarez verzeichnete im letzten Jahr 3.000 Morde, während El Paso mit fünf Gewaltverbrechen zu einer der friedlichsten Städte der USA gehört. "Warum sich die Gewalt nicht ausgebreitet hat, ist ein Rätsel. Verschärfte Sicherheitskontrollen konnten die Aktivitäten der Kartelle keineswegs eindämmen. Die Drogen kommen immer noch in riesigen Mengen über die Brücken des Rio Grande, versteckt in den Millionen Bussen und Lastwagen, die jährlich die Grenze überqueren." Vermutungen, so Rice, gehen dahin, dass die Kartelle El Paso in Frieden lassen, um den Drogenhandel nicht zu stören. Und obwohl amerikanische Politiker darauf bestehen, dass ein friedliches Mexiko auch ökonomisch von Vorteil wäre, lassen sich einige Effekte auf die lokale Wirtschaft nicht leugnen: "Einer von acht amerikanischen Waffenhändlern ist entlang der Grenze angesiedelt."
Stichwörter: Drogenhandel