Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 06.11.2012 - New York Times

David Streitfeld berichtet vom wachsenden Widerstand der Buchhändler gegen Amazon. Offenbar boykottieren verschiedene Buchhandelsketten und unabhängige Buchläden Amazons Erfolgstitel "The 4-Hour Workweek", in dem der Marketing-Experte Timothy Ferriss verrät, wie man zu Erfolg kommt, ohne sich anzustrengen: "Der Buchhändler Barnes und Nobles, der darum kämpft, neben Amazon eine Rolle zu spielen, unterstreicht, dass er die Bücher seines Konkurrenten nicht führen wird. Andere große - reale oder digitale - Händler scheinen uninteressiert oder sogar gegen das Buch zu sein. Viele unabhängige Läden fühlen sich von Ferriss verraten. Sie werden nichts tun, um ihm zu helfen, wenn dies bedeutet, einer Firma zu helfen, die in ihren Augen alles an ihre Zerstörung setzt. 'An einem gewissen Punkt muss man sich entscheiden, wie tief man die Nägel in seinen eigenen Sarg einschlägt', sagt Michael Tucker, Inhaber der Kette Books Inc."

In der Sunday Book Review liest verärgert Adam Nossiter Chinua Achebes Erinnerungen "There was a Country" an die Sezession Biafras von Nigeria. Nossiter mag nicht glauben, wie verklärt Achebe, der unter dem charismatischen, aber halsstarrigen General Odumegwu Ojukwu Informationsminister war, die Farben der Biafra-Flagge besingt und die Millionen Toten nur nebenbei beklagt: "So exzessiv wie seine Nostalgie für Biafra scheint auch Achebes Urteil über das heutige Nigeria - eher das Produkt eines verbitterten und rückwärtsgewandten Schriftstellers als der Versuch, mit der damaligen und heutigen Realität zurechtzukommen. Das heutige Nigeria ist ein brodelnder Hexenkessel, der einen verrückt macht mit seinen Widersprüchen und seiner Fähigkeit zur Selbstzerstörung, aber auch voller Versprechen mit seiner immensen Energie und seinen menschlichen Ressourcen."

Von Wole Soyinkas neuem Buch "Of Africa" ist Adam Hochschild zwar auch nicht begeistert, er sieht aber Soyinkas Status als "säkularer Heiligen" durch die poetische Schwäche nicht gefährdet.

Magazinrundschau vom 23.10.2012 - New York Times

Viele Afghanen mögen ja die Amerikaner nicht ausstehen können, aber die Iraner mögen sie auch nicht. Luke Mogelson reiste für das Magazine in den Südwesten Afghanistans, in die Provinz Nimruz, die an den Iran grenzt. Dort versucht er in einer ebenso mutigen wie - angesichts der verwickelten Verhältnisse - fast rührenden Reportage herauszubekommen, worauf die Feindschaft basiert. Es geht um Drogen, Wasser und Menschenschmuggel. Letzteren versucht der Iran seit einiger Zeit zu unterbinden. Doch da sind die Baluchis vor: "Vor einigen Jahren erklärte der Iran die Provinz an der Grenze zu Nimruz zur No-go-Area für Ausländer. Kurz darauf begann er eine 15 Fuß hohe Mauer zu errichten, die jetzt die Hälfte der 147 Meilen langen Grenze zu Nimruz entlang verläuft. Die iranische Grenzpolizei - in bemannten Wachtürme, alle in Sichtweite des jeweils nächsten - soll sich auch verändert haben. Es gibt immer mehr Berichte über Afghanen, die von den Beamten erschossen wurden, die sie vor nicht allzu langer Zeit noch freundlich durchwinkten. Die meisten dieser Geschichten können zwar nicht verifiziert werden, aber sie verstärken doch das Gefühl, dass die alte Straße zu einem neuen Leben jetzt versperrt ist. Heute müssen Migranten, die nach Nimruz kommen, zehn Stunden südlich nach Pakistan reisen und dort in den Iran wechseln. Die Reise steht auf drei Schmugglerbeinen: Afghanische Baluchis führen einen ein Stück des Wegs, pakistanische Baluchis führen einen ein Stück weiter, iranische Baluchis beenden den Job."

Dan Barry porträtiert in einer Serie Elyria, eine Kleinstadt mit 55.000 Einwohnern in Ohio, die den Niedergang der amerikanischen Mitte veranschaulicht. Die Fabrikjobs sind weg ebenso wie die dazugehörigen Managementjobs. Billige Dienstleistung bleibt. Barry stellt einige Einwohner vor und immer wenn man denkt, großartig, aber das wird jetzt doch etwas zu capramäßig reizend, kommt eine unbehagliche Geschichte etwa über den verwirrten schwarzen ex-Footballspieler Ike, der trotz seiner sportlichen Erfolge nie eine Chance bekam, aber dafür einen Baseballschläger auf den Kopf. Und man erinnert sich daran, warum Donna, die nette Besitzerin des Diners, die Highschool verlassen hat: "Donna zog ganz klar die Küche der Elyria High School vor, die sie zu groß fand - eine andere Ausdrucksweise für 'zu integriert'. Sie hatte den größten Teil ihres jungen Lebens in der weißen Blase des Bay Village geführt, 15 Kilometer nordöstlich, und nun war sie plötzlich in der City High School, die einen gesunden Anteil an schwarzen Studenten aufwies. Das ungewohnte schüchterte sie ein, so verließ sie die Schule. Sie wurde schwanger und heiratete mit 16. Auf den Hochzeitsfotos sehen sie und ihr Mann wie verkleidet aus." Die Serie hat fünf Teile: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5 und ist absolut filmtauglich.
Stichwörter: Wasser, Din

Magazinrundschau vom 25.09.2012 - New York Times

John Jeremiah Sullivan ("Pulphead") ist mit seiner kubanischen Frau nach Havanna geflogen und erzählt ausgiebig von seiner Reise durch Raul Castros' Kuba, das sich nicht sonderlich von Fidel Castros Kuba unterscheidet, auch wenn die Menschen deutlich besser ernährt zu sein schienen. Aber die Kellner und und Hotel-Angestellten sind noch immer unglaublich unfreundlich: "Es war in einem der großen neuen Gaviota Hotels - Gaviota ist Kubas quasi-staatliche Reiseagentur, die zum Teil von internationalen Investoren finanziert, aber von einem prominenten kubanischen General kontrolliert wird. Grob gesagt, arbeiten diese Männer und Frauen für die Regierung. Sie waren nicht inkompetent oder bösartig; sie hatten einfach nur null Motivation, zu Touristen nett zu sein oder sich zu beeilen, um etwas für sie zu erledigen. Für mich war dieser Kontrast nach Jahren in einer Kultur des 'Darf-ich-Ihnen-noch-gesüßten-Tea-nachschenken?' faszinierend. In gewisser Weise war es erfrischend, Menschen zu erleben, die so betont nicht vor reichen weißen Amerikanern kotauen, auch wenn es sich um einen selbst handelt. Aber natürlich konnte man diesem Gefühl nicht trauen: Man mag ihre Unfreundlichkeit, weil sie auf diese Art authentischer antikapitalistisch wirkten."

Außerdem: David Carr besucht Neil Young. In der Sunday Book Review werden unter anderem besprochen Junot Diaz' neue Erzählungen "This Is How You Lose Her", Ty Burrs Geschichte des Hollywoodschen Starkults "Gods Like Us" und David Byrnes gehobene Plaudereien "How Music Works".

Magazinrundschau vom 11.09.2012 - New York Times

Zadie Smith trifft sich für's T-Magazine der NYT mit Jaz-Z auf ein Sandwich und versucht, die erstaunliche Entwicklung des aus eher kleinen Verhältnissen stammenden Rappers zu einem der erfolgreichsten Musikunternehmer unserer Zeit zu ergründen. Bei allem aufdringlich zur Schau gestellten Reichtum hat er doch seine Herkunft aus unterprivilegierten Verhältnissen nicht vergessen, meint sie, im Gegenteil: das Großtun ist seine Art, diese Verhältnisse umzudrehen: "Auf [dem zusammen mit Kanye West aufgenommenen Album] 'Watch the Throne' feiern zwei Männer ihren Ausbruch aus dem Kreislauf der Negierung. Es malt die Welt schwarz: schwarze Bar Mitzwas, schwarze Autos, Gemälde von schwarzen Mädchen im MoMA, alles schwarz. Als ob es möglich wäre, mit einem einzigen Album Jahrtausende von negativer Konnotierung rückgängig zu machen. Schwarz nicht länger als Schatten oder Kehrseite oder Gegenteil einer Sache, sondern als die Sache selbst." (Hier ein Auftritt der beiden bei Victoria's Secret Fashion Show 2011.)

Magazinrundschau vom 28.08.2012 - New York Times

Es gibt nicht nur religiöse Fanatiker in den USA, sondern auch Atheisten. In bescheidener Anzahl zwar, aber ihre Zahl wächst - sogar im bibelfesten mittleren Westen, erzählt Robert F. Worth im New York Times Magazine. Er erzählt von Jerry DeWitt, einem 42-Jährigen Prediger, dessen Glauben immer liberaler wurde, bis er eines Tages feststellte, dass er auch nicht mehr beten konnte. Das isolierte ihn nicht nur von seiner Familie und seinen Freunden und Bekannten. "Der Übergang weg vom Glauben mag mit einer intellektuellen Offenbarung beginnen, aber dann muss man durch eine schwierige Neuinterpretation der eigenen Vergangenheit. Für Gläubige gibt es etwas, das DeWitt einen 'Köder' nennt, eine Wundergeschichte, die hilft, den Glauben zu verankern. Er nannte mir ein Beispiel: Dank einer ehemaligen Grundschullehrerin, die ihn mit nach Baton Rouge nahm, war er in Jimmy Swaggarts Kirche wiedergeboren worden. Später entdeckte er, dass diese Lehrerin bei ihrer Geburt beinahe gestorben wäre, und dass sie erst sicher aus dem Mutterleib gezogen werden konnte, nachdem ein Prediger aus der Nachbarstadt, den man geweckt hatte, im Kreissaal für sie gebetet hatte. Dieser Prediger war DeWitts Großvater. Ein Zufall, der DeWitt schicksalhaft erschien, als ein Zeichen, dass er selbst zum Prediger bestimmt war. 'Diese Geschichte gab mir das Gefühl, Gott habe mich berufen', sagt DeWitt. 'Wie erklärt man sich das jetzt? Wie gibt man seinen Leben Sinn? Es ist nicht leicht.'"

Magazinrundschau vom 07.08.2012 - New York Times

Überall in Kalifornien wurden die Occupy-Camps aufgelöst. Überall? Nein! Ein von unbeugsamen Kalifoniern bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Großkapital Widerstand zu leisten. Obwohl es bankrott und das Großkapital schon längst geflohen ist. Jonathan Mahler beschreibt Oakland in einem interessanten Porträt als "Amish-Dorf für Retro-Radikale", dessen lange Tradition von militantem Widerstand und Streiks über die Hells Angels und Black Panthers bis zu Jean Quan reicht, eine ehemalige Linksautonome, die jetzt als Bürgermeisterin mit der städtischen Polizei auf Kriegsfuß steht. Im Umgang mit den Protesten hat die Stadtverwaltung allerdings verkannt, dass es gar nicht um Finanzen und Demokratie geht: "Es geht, kurz gesagt, um Gentrifizierung, und was dabei am meisten verblüfft, ist, dass sie Oakland erst jetzt erreicht - dass die Stadt so lange bestehen konnte als eine Art lebendiges Museum eines Siebziger-Jahre-Radikalismus, der mit seiner Militanz, Armut, Verbrechensrate und dysfunktionalen Regierung hinausgezögert hat, was jetzt unausweichlich scheint. Oakland ist einfach geografisch zu gut gelegen und finanziell zu unterentwickelt, um nicht den kreativen, professionellen und unternehmerischen Überlauf aus der teureren Umgebung wie San Francisco, dem Silicon Valley und Berkeley aufzunehmen."

Magazinrundschau vom 31.07.2012 - New York Times

Wie schreibt man? In der Book Review weiß Augusten Burroughs praktischen Rat, nicht nur für Autoren: "Um zu wissen, wie man Erfolg hat, muss man erst lernen zu scheitern. Man muss es ausgiebig lernen. Das ist grundlegend, denn es ist viel normaler (und einfacher) zu scheitern als Erfolg zu haben", versichert er. "Ich bin zufällig eine beispiellose Autorität auf dem Gebiet des Scheiterns, in der Wissenschaft wie in der Erfahrung. Wobei ich letzteres empfehle, denn meiner Ansicht nach ist das Scheitern "im Feld" der passiv erworbenen Kenntnis übers Scheitern aus Büchern überlegen. Man kann beim ersten Versuch einen perfekten Schokoladenkuchen backen, aber das verleiht einem nicht die selbe Autorität im Kuchenbacken wie das Backen eines perfekten Schokoladenkuchens nach unzähligen totalen Fehlschlägen."

Außerdem: Colin Whitehead hat neun Regeln parat für den ironischen Autor. Roger Rosenblatt ermuntert den heroischen Autor.
Stichwörter: Wissenschaft

Magazinrundschau vom 17.07.2012 - New York Times

Maggie Jones erzählt im Magazine, wie bei einer Razzia im Schlachthaus von Postville in Iowa hunderte illegale mexikanische Arbeitskräfte verhaftet wurden. Seitdem stellt man aus Angst vor weiteren Razzien keine Mexikaner mehr ein, erklärt Jones der Anthropologe Mark Grey. "Statt dessen hat man afrikanische und burmesische Flüchtlinge rekrutiert und andere Nicht-Latino-Immigranten, die einen legalen Status haben, aber auch die Communities verändern mit ihren neuen Kulturen und neuen Sprachen. 'Die Leute mögen sich über illegale Arbeitskräfte beschweren, aber legale sind ethnisch meistens viel gemischter', sagt Grey. 'In diesen Städten haben mir Leute ins Ohr geflüstert Ich vermisse meine illegalen Mexikaner.' Die Geschäftsfrau Candy Seibert erklärt, sie hoffe, dass die Somalis in Postville bleiben werden. Als Vermieterin gefällt ihr, dass sie familienorientiert sind und wegen ihres muslimischen Glaubens meist keinen Alkohol trinken."

In der Book Review bespricht Liesl Schillinger John Lanchasters Roman "Capital", der zeigt, wie die Finanzspekulationen in London nicht nur gierige Banker, sondern auch einen Teil der Gesellschaft beeinflusst hat, der mit ihnen fett wurde.
Stichwörter: Alkohol, Latinos, Razzia

Magazinrundschau vom 03.07.2012 - New York Times

Wussten Sie, dass Dichten in der Antike eine Olympische Disziplin war? "Im antiken Griechenland waren literarische Ereignisse ein untrennbarer Teil von Sportfestivals. Voll bekleidete Dichter konnten bei der Menge genauso beliebt sein wie die muskulösen Athleten, die nackt und ölglänzend herumstolzierten", erzählt Tony Perrottet. "Philosophen und Historiker stellten neueste Arbeiten vor, während unbekanntere Dichter Stühle aufstellten oder auf Seifenkisten deklamierten. Kritik konnte brutal geäußert werden: als der sizilianische Diktator Dionysius 384 v.Chr. schlechte Gedichte vortrug, schlugen ihn die angewiderten Sportfans zusammen und zerstörten sein Zelt." Dichterwettbewerbe gab es bei den Olympischen Spielen noch einmal von 1912 bis 48, danach störte man sich an dem Amateurstatus der Dichter und schaffte die Wettbewerbe ab.

Im NYT Magazine erzählt Rob Walker, wie man als Amateur bei Youtube Geld verdient. Und Adam Davidson blickt auf die Filmindustrie und fragt sich, wie man bei diesen Produktionskosten überhaupt noch Geld verdienen kann.

Magazinrundschau vom 19.06.2012 - New York Times

Patrick Radden Keefe widmet sich in einem ausführlichen Report dem mexikanischen Sinaloa-Kartell, dessen berüchtigter Chef Joaquin Guzman, genannt El Chapo, halb Mexiko in der Tasche hat und einen großen Teil der amerikanischen Grenzer wahrscheinlich auch. Keefe kann dabei eine gewisse Bewunderung für den Drogenboss nicht verhehlen, der - nach gerade einmal drei Schuljahren ein halber Analphabet - immer drei Milliarden Dollar Gewinn im Jahr macht. "Von der entlegenen Bergfestung aus, in der er vermutet wird, kontrolliert Chapo, zu jeder Zeit umgeben von einer ganzen Batterie Leibwächter, ein logistisches Netzwerk, das so ausgefeilt ist wie das von Amazon oder UPS - doppelt so ausgefeilt, wenn man es genau bedenkt, denn Drogenhändler müssen sowohl ihr Produkt wie ihren Profit im Geheimen transportieren und ständig manövrieren, um Tod oder Gefängnis zu vermeiden. Als Spiegelbild eines legalen Warengeschäfts erinnert das Sinaloa-Kartell an den alten Spruch über Ginger Rogers, die genau die gleichen Schritte macht wie Fred Astaire, nur rückwärts und auf hohen Absätzen. Mit seiner Lebensdauer, Profitabilität und Reichweite ist es wahrscheinlich das erfolgreichste kriminelle Unternehmen aller Zeiten."

In der Sunday Book Review liest Matthew Bishop eher skeptisch Paul Krugmans Streitschrift "End this Depression Now!", auch wenn Krugman mit seiner Plädoyer für mehr Inflation einen Punkt mache: "Ihn stört wenig, dass die Deutschen Inflation angesichts ihrer Erfahrung in den zwanziger Jahren 'hassen, hassen, hassen'. Denn tatsächlich, meint er, war es die Deflationspolitik der dreißiger Jahre, die Sie-wissen-schon-wem  den Weg bereitete." Und Parul Sehgal unterhält sich bestens mit dem Roman "Alice Bhattis Himmelfahrt" des Pakistaners Mohammed Hanif: "Er ist ein Bestrafer wie Jahwe, Flannery O'Connor und Muriel Sparks. Er ist ein Moralist im Gewand eines Folterers (oder war es umgekehrt?), er mag es, wenn seine Geschöpfe zappeln. Niemand entkommt unversehrt."