Magazinrundschau - Archiv

The New York Review of Books

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Magazinrundschau vom 14.04.2009 - New York Review of Books

Mark Danner hat den als "streng vertraulich" deklarierten Report des Internationalen Roten Kreuzes über die "Behandlung von 14 hochrangigen Gefangenen in CIA-Gewahrsam" gelesen (und ins Netz gestellt), der detailliert festhält, dass und wie diese Gefangenen systematisch gefoltert wurden. Allerdings vermisst Danner Antwort auf die entscheidende Frage: "Der einzige Weg, Folter politisch greifbar zu machen und aus dem Zentrum einer 'Politik der Angst' zu räumen, ist, den sie umgebenden, aus der Geheimhaltung resultierenden Mythos mit offiziellen und überzeugenden Informationen darüber zu ersetzen, wie sie angewandt und was damit tatsächlich erreicht wurde. Dass dies bisher nicht der Fall war, ist die Ursache dafür, dass trotz unzähliger Berichte, Untersuchungen und Enthüllungen, die uns ein sehr farbiges und lebendiges Bild von der Folterpolitik der Regierung Bush geben, die Gesellschaft in dieser Frage keinen Schritt weiter gekommen ist. Wir haben es bisher nicht geschafft, überparteilich, glaubwürdig und politisch entscheidend herauszufinden, ob mit diesen Handlungen das erklärte und immer noch behauptete Ziel erreicht wurde: die Sicherheitsinteressen des Landes zu verteidigen."

J.M. Coetzee ist fasziniert von der ganz vorbildlichen Ausgabe der Briefe Samuel Becketts aus den Jahren 1929 bis 1940: "Wanderungsbewegungen von Künstlern stehen nur grob in Verbindung mit den Schwankungen der Wechselkurse. Trotzdem ist es kein Zufall, dass Beckett 1937, nach der neuerlichen Abwertung des Franc, Irland verließ, um wieder nach Paris zu gehen. Das Geld ist ein immer wiederkehrendes Thema in seinen Briefen, besonders zum Ende eines Monats hin. Seine Briefe aus Paris sind voller ängstlicher Notate darüber, was er sich leisten kann und was nicht (Hotelzimmer, Essen). Auch wenn er niemals hungerte, lebte er eine feinere Version von der Hand in den Mund. Bücher und Bilder waren sein einziger persönlicher Luxus. In Dublin lieh er sich dreißig Pfund, um ein Bild von Jack Butler Yeats zu kaufen, dem Bruder von William Butler Yeats. In München kaufte er sich die kompletten Werke von Kant in elf Bänden."

Weiteres: Der Historiker Orlando Figes stellt die Memoiren des Herausgebers der Yale University Press, Jonathan Brent, vor, "Inside the Stalin Archives", der erzählt, wie er sich für die große Edition "Annals of Communism" in die sowjetischen Archive begab, deren Leiter meist wichtige Dokumente an Historiker und Journalisten verkauften und so zu ganz unbescheidenem Wohlstand kamen. Figes findet auch einige deutliche Worte zu den jüngsten Schikanen der russischen Obrigkeit gegen die Organisation Memorial. (Anne Applebaum hat über diese Ausgabe in Slate geschrieben.) David Hare macht sich einige grundlegende Gedanken über Israels Mauer und die irritierende Tatsache, dass ein Großteil der Israelis dafür ist: "Haben Sie je erlebt, dass 84 Prozent einer Bevölkerung für etwas sind?" Und Hilary Mantel setzt sich mit Marilyn Frenchs vierbändiger "Geschichte der Frauen" auseinander.

Magazinrundschau vom 24.03.2009 - New York Review of Books

Der britische Philosoph John Gray empfiehlt nachdrücklich Margaret Atwoods Buch "Payback", das zeige, wie sich mit den billigen Krediten unsere Vorstellungen von Schulden gewandelt haben: "Wenn Atwoods 'Payback' eine Lektion enthält, dann, dass Schulden zurückgezahlt werden müssen. Die Art politischer Ökonomie, die in den vergangenen zwanzig Jahre in den USA herrschte und von der einige glaubten, sie würde sich über die ganze Welt verbreiten, basierte auf dem Glauben, dass diese altmodische Maxime nicht mehr gelte. Eine neue Ära war angebrochen, in der ausgeklügelte Finanztechniken Schulden in ein Mittel zur Wohlstandsmehrung wandelten, von dem sogar die Armen profitieren konnten. Die neue Ära stellte sich als kurzlebig heraus - oder eher nichtexistent."

Pico Iyer spekuliert, dass sich in der Politik der tibetischen Unabhängigkeitsbewegung ein Wandel ankündigen könnte. Er hat den Dalai Lama auf einer Reise durch Japan begleitet und ihn dort offenbar erstaunlich resigniert erlebt. Er zitiert ihn mit den Worten: "Ich muss einsehen, gescheitert zu sein. Gemessen an der Frage, ob die chinesische Herrschaft milder geworden sei, ist meine Politik gescheitert. Wir müssen der Realität ins Auge sehen."

Abgedruckt wird ein Offener Brief, in dem zahlreiche prominente Intellektuelle sich hinter die neuerlichen Bedrohungen ausgesetzte iranische Menschrechtlerin Shirin Ebadi stellen.

Weiteres: Mark Danner beschäftigt sich sehr eingehend mit einem geheimen Bericht des Rotes Kreuzes 2007, der sehr detailliert die Folterung von vierzehn hochrangigen Gefangenen in CIA-Gewahrsam festhält. Und Ingrid D. Rowland stellt die Künstlerin und Naturforscherin Maria Sibylla Merian (1647-1717) vor, der im Rembrandt Haus in Amsterdam im J. Paul Getty Museum in Los Angeles große Ausstellungen gewidmet waren.

Magazinrundschau vom 10.03.2009 - New York Review of Books

Jonathan Raban schreibt über Kelly Reichardts Film "Wendy and Lucy", die Geschichte eines Mädchens, das in einer Kleinstadt im Nordwesten der USA strandet. Ihr Auto ist kaputt, ihr Geld fast zu Ende, sie wird verhaftet, weil sie Dosenfutter für ihren Hund Lucy klaut und dann geht Lucy auch noch verloren. Wendy (Michelle Williams) sucht sie so überlegt, dass "man ihre fundamentale Kompetenz erkennt: hier ist jemand, der einen Job ganz besonders verdient. Aber es gibt keine Jobs in dieser Stadt und überhaupt, wie Wendy zu dem Sicherheitsbeamten von Walgreen sagt: 'Du kriegst keinen Job ohne Adresse.' Worauf er antwortet: 'Du kriegst keine Adresse ohne Adresse. Du kriegst keinen Job ohne Job. Es ist alles festgelegt.' Eine Wirtschaft am Rand des Zusammenbruchs ist sowohl das Thema des Films als auch Reichardts Regieästhetik. 'Wendy und Lucy' hat 200.000 Dollar gekostet, und das Notizbuch, in dem Wendy ihre Ausgaben notiert, könnte Reichardts eigenes sein. Alles ist auf das absolute Minimum reduziert. Die Filmmusik hat ein Thema mit acht Noten und Variationen, erst in der Eingangsszene von Wendy gesummt, dann von einem fernen Synthesizer aufgegriffen. Diese skelettartige Melodie, vage liturgisch in meinen Ohren, ist so einprägsam wie nur je ein Soundtrack, an den ich mich erinnern kann (er wurde von Will Oldham komponiert, einem Musiker und Schauspieler aus Kentucky)."

Daniel Mendelsohn schreibt über Jonathan Littells Roman "Die Wohlgesinnten": "Der große Erfolg dieses Buchs, die Art, wie Littell uns in Aues mentale Welt zieht, hat viel zu tun mit der Technik, die er benutzt, das heißt, wie er Szenen größten Horrors (oder Szenen, in denen die Charaktere kühl entsetzliche Taten diskutieren oder planen) einfügt, mit immer größerer Dringlichkeit, je weiter der Roman fortschreitet, in alltägliche, sogar langweilige Abschnitte, Gespräche über kleinliche Militärintrigen und offizielles Gekabbel und so weiter und so weiter, dabei das Grausame und das Banale in einer beunruhigenden, überzeugenden Art zusammenwebend - so dass das Banale das Grausame irgendwie normalisiert und das Grausame das Banale ansteckt."

Außerdem: Amartya Sen überlegt, ob wir einen "neuen Kapitalismus" oder eine "neue Welt" brauchen. Elisabeth Dew resümiert dreißig Tage Obama. Cass R. Sunstein schreibt über die Federalist Papers. Besprochen werden Jackie Wullschlagers Chagall-Biografie, Bücher von und über Reinhold Niebuhr und eine Biografie über Donald Barthelme.

Magazinrundschau vom 24.02.2009 - New York Review of Books

Fred Halliday empfiehlt fasziniert Steve Colls Buch "The Bin Ladens" (deutsch: "Die Bin Ladens"), auch wenn es vielleicht nicht genau hält, was der Titel verspricht. "Wer Colls Buch liest, betritt ein Universum der konstanten Bewegungen und Vereinbarungen, in dem jedoch kaum etwas aufgenommen oder aufgeschrieben ist. Hier werden Macht und Geld nach der Bedeutung von Familiennetzwerken, informellen Treffen einflussreicher saudischer Männer und dem Handy verteilt. 'Die Bin Ladens' ist nicht so sehr ein Buch über Osama Bin Laden oder sein Terroristennetzwerk und seine politischen Pläne als vielmehr ein Buch über die Machtstrukturen des modernen Saudiarabiens. Was das angeht, ist es sehr informativ."

Weitere Artikel: Ian McEwan schreibt über John Updike. Julian Barnes untersucht Orwells Verhältnis zu England und das Verhältnis der Engländer zu ihm. Besprochen werden Gus van Sants Film "Milk" und Bücher, darunter die Erinnerungen von Azar Nafisi.

Magazinrundschau vom 27.01.2009 - New York Review of Books

Roger Darnton macht sich große Sorgen um die Zukunft des Buchs - und des Lesers. Die Digitalisierung von Büchern durch Google könnte eine wunderbare Sache sein, aber die Vereinbarung, die Google im Herbst 2005 mit einer Gruppe von Autoren und Verlegern getroffen hat, sichere Google praktisch ein gigantisches Monopol auf Bücher. "Nachdem ich die Vereinbarung gelesen und die Bedingungen habe sinken lassen - keine einfache Aufgabe, denn sie umfasst 134 Seiten und 15 Anhänge Juristenlatein - war ich sprachlos: hier ist ein Vorschlag, der zur größten Bibliothek der Welt führen könnte. Es wäre eine digitale Bibliothek, aber sie könnte die Library of Congress und alle nationalen Bibliotheken Europas in den Schatten stellen. Mehr noch, wenn die Bedingungen der Vereinbarungen auf weitere Autoren und Verleger ausgedehnt werden, könnte Google das größte Buchunternehmen der Welt werden - keine Kette von Länden, sondern ein elektronischer Bereitstellungsservice der Amazon aus-amazonen könnte." Was aber, wenn Google seinen Service eines Tages nicht nur kostenpflichtig, sondern richtig teuer macht? Soll ein Unternehmen so viel Macht haben dürfen?

Außerdem: Roger Cohen verzweifelt über Israel. William Luers, Thomas R. Pickering und Jim Walsh haben eine Idee, wie man mit dem Iran umgehen sollte. William Dalrymple beschreibt die politische Krise in Pakistan. Besprochen werden Edward Lucas' Buch "The New Cold War: Putin's Russia and the Threat to the West", mehrere Bücher über F.D. Roosevelt und Bücher zur Finanzkrise.

Magazinrundschau vom 30.12.2008 - New York Review of Books

Alan Rusbridger, Redakteur des Guardian, schreibt über die Schwierigkeiten investigativer Berichterstattung in Zeiten, wo die Zeitungen durch Finanz- und Zeitungskrise ohnehin schon geschwächt sind. Beeindruckend schildert er, dass es heute praktisch unmöglich ist, über die Steuervermeidungsstrategien von Milliardenkonzernen wie Tesco zu berichten - der Guardian tat's, irrte sich in einigen Punkten, korrigierte die Irrtümer und entschuldigte sich und wurde von Tesco dennoch mit einer millionenschweren Klage überzogen. Die Konsequenz: "Wir mussten entdecken, dass der einzig mögliche Weg, sich vor der Veröffentlichung selbst zu schützen, darin liegt, Zehntausende von Dollars bei Steuer-, Buchhaltungs- und Rechtsexperten auszugeben. Die einzigen Leute, die letztlich qualifiziert sind, eine absolute Sicherheit vor Klagen zu schaffen, sind diejenigen, die solche Strategien für die Unternehmen entwickeln. Die sind nicht billig und stehen nicht selten in Interessenkonflikten."

Außerdem sehr lesenwert ein Artikel David Coles, der einige Bücher über die von der Bush-Regierung zugelassene Folter liest und nun die nächste Frage an die Obama-Regierung stellt: "In welcher Weise soll die Nation für die Missbräuche in der Vergangenheit gerade stehen, welche Gegenmittel gibt es, und wie können wir sicher gehen, dass solcher Missbrauch nicht wieder geschieht?". Und hier noch mal der Link zur chinesischen Charta 2008 (wir hatten schon in den Feuilletons darauf hingewiesen.)

Magazinrundschau vom 02.12.2008 - New York Review of Books

New-York-Times-Kolumnist und Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman erklärt, wo es lang gehen könnte bei der Bewältigung der Finanzkrise: "Wir müssen ganz klar die Lektionen wieder lernen, die unsere Großväter in der Großen Depression gelernt haben. Ich werde nicht versuchen, die Details eines neuen Regelwerks auszubreiten, aber das Grundprinzip sollte klar sein: alles, was während der Finanzkrise gerettet werden muss, weil es eine essentielle Rolle im Finanzmechanismus spielt, sollte reguliert werden, wenn es keine Krise mehr gibt, so dass keine überzogenen Risiken mehr eingegangen werden. Seit den 1930ern wurde von kommerziellen Banken verlangt, dass sie entsprechendes Kapital haben, flüssige Aktiva vorrätig haben, die schnell in Cash verwandelt werden können und dass die Art der Investitionen, die sie tätigen können, begrenzt ist. Im Gegenzug erhalten sie staatliche Garantien, wenn etwas schief geht. Nachdem wir jetzt gesehen haben, wie eine Reihe von Finanzinstituten die Krise schuf, müssen vergleichbare Regulierungen für einen sehr viel größeren Teil des Systems geschaffen werden. Und dann sollten wir noch hart darüber nachdenken, wie wir mit der finanziellen Globalisierung umgehen."

Außerdem: Deborah Eisenberg ahnt nach der Lektüre der Tage- und Notizbücher Susan Sontags, wie sie Susan Sontag wurde. Orhan Pamuk erzählt von seiner Bibliothek. Sarah Kerr bespricht Roberto Bolano. Und Ingrid Rowland schreibt anlässlich einer Ausstellung in der Londoner National Gallery über das Siena der Renaissance. Ein Special zu den Präsidentschaftswahlen beinhaltet unter anderem den skeptischen Beitrag von Joan Didion und enthusiastischen Beitrag von Darryl Pinckney bei einem Symposium zu den Wahlen.

Magazinrundschau vom 18.11.2008 - New York Review of Books

Mark Danner denkt über den Skandal nach, der nie endet, der aus einer politischen Realität - Irakkrieg oder Folter - eine kommerzielle Tatsache macht, weil endlos darüber berichtet wird, ohne dass sich Konsequenzen aus dem Skandal abzeichnen würden. "'Sie haben bemerkenswerte Unabhängigkeit in einigen Schlüsselfragen gezeigt', sagte Barack Obama in der dritten Debatte zu John McCain, 'Folter zum Beispiel.' Folter hat sich den letzten Jahren von einem abscheulichen Kriegsverbrechen in eine 'Schlüsselfrage' verwandelt. Von etwas, das durch internationale Abkommen verboten und von nationalem Recht verurteilt wurde, in etwas, das man debattieren kann. In etwas, bei dem man auf der einen oder anderen Seite stehen kann. In etwas, mit dem wir leben können. Die Geschichte, wie es dazu kam, ist lang und kompliziert, aber eins ist sicher: es lag nicht an mangelnder Aufklärung."

Außerdem: Ian Buruma schreibt über die gerade zu Ende gegangene Kirchner-Ausstellung im MoMA. George Soros macht Vorschläge, was in der Finanzkrise zu tun ist. Nachgedruckt ist ein Interview, das der israelische Premierminister Ehud Olmert der Tageszeitung Yedioth Ahronoth gab. Besprochen werden einige Bücher über den Irak, Bücher von Paul Auster und Sue Halperns Buch "Can't Remember What I Forgot: The Good News from the Front Lines of Memory Research".

Magazinrundschau vom 04.11.2008 - New York Review of Books

Von genau den Menschen, für die Lauren Zalaznick Fernsehen macht, handelt der Roman "Netherland" von Joseph O'Neill, wenn wir Zadie Smith richtig verstehen. "Es ist ein Roman der will, dass Sie wissen, dass er weiß, dass Sie wissen, er weiß." Balzacscher lyrischer Realismus, dessen Held Hans, ein holländischer Börsenanalyst, ein Authenizitätsproblem hat. Smith beschreibt eine Szene, in der sich Hans mit seiner Frau über den Irakkrieg streitet - das heißt, sie streitet, seine Gedanken driften schnell fort. Smith zitiert: "Hatte der Irak Massenvernichtungswaffen, die eine wirkliche Bedrohung darstellten? Ich wusste es nicht; und um ehrlich zu sein, um meine wirklichen Schwierigkeiten damit zu berühren, ich hatte kein Interesse an dieser Frage. Es war mir wirklich egal." Für Rezensentin Smith "steht dieses Fazit nie in Zweifel: selbst als Rachel weitertobt, wandern Hans' Gedanken immer wieder zu dem Sturm und seinen Schneeflecken, 'kleinen und dunklen ... Fliegen', die wie eine 'kalte Toga über die Stadt drapiert' sind. Der Ennui des Flaneurs aus dem 19. Jahrhundert wurde in die politische Apathie eines Bourgeois aus dem 21. Jahrhundert verpflanzt - und verschönt. Das politische Engagement anderer offenbart sich als einfach eine andere Form von Unauthentizität." Smith zieht Tom McCarthys "Remainder" vor, ein Roman, der eher in der Tradition von Robbe-Grillet steht. Warum, müssen Sie selbst lesen.

Außerdem: In der Kundera-Affäre fanden es einige Kommentatoren irgendwie peinlich, in einem Atemzug über das Leben eines Autors und seine Bücher zu sprechen. Sie sollten besser nicht die Texte von J.M. Coetzee über Irene Nemirovsky, Ian Buruma über die Naipaul-Biografie von Patrick French und Daniel Mendelsohn über den griechischen Dichter Constantine Cavafy lesen. Allen anderen seien sie empfohlen.

Magazinrundschau vom 21.10.2008 - New York Review of Books

Robert English erinnert an den Chauvinismus, mit dem Georgiens erster Präsident Swiad Gamsachurdia die Abchasen und Osseten nachhaltig verschreckt hat: "Der UdSSR zu entkommen, war das vorrangige Ziel, begleitet von einer romantischen Idee des geeinten georgischen Nationalstaat. Die dunkle Seite dieser Vision war der Wunsch, Rechnungen mit denjenigen Minderheiten zu begleichen, denen man vorwarf, auf Georgiens Kosten von der Kreml-Politik des 'Teile und Herrsche' profitiert zu haben, vornehmlich Abchasen und Osseten. Diese Gruppen wurden von Gamsachrudia als 'undankbare Gäste' im georgischen Haus geschmäht."

Die beiden "Human-Rights-Watch"-Mitarbeiter, Jose Miguel Vivanco und Daniel Wilkinson, berichten, wie sie mit großem Aplomb aus Venezuela ausgewiesen wurden, nachdem sie die Politik von Präsident Hugo Chavez kritisiert hatten. "Warum hat Chavez das getan? Ein Brasilianer in dem Flugzueg, mit dem wir das Land verlassen mussten, bot eine in Lateinamerika weitverbreitete Sicht an: 'Chavez ist verrückt.' Aber die Menschenrechtsaktivisten, mit denen wir in Venezuela arbeiten, ziehen einen weitaus nüchterneren Schluss. In ihren Augen hat Chavez seinen Landsleuten eine wohlüberlegte Botschaft gesandt: Er wird nicht zulassen, dass sich ihm die Menschenrechte in die Quere stellen."

Weiteres: Der Philosoph Kwame Anthony Appiah lernt aus David Leverings "God's Crucible", welchen Anteil der Islam an der Identitäts Europas hatte: Es waren andalusische Chronisten, die nach Karl Martells Sieg bei Poitiers 754 von den "Europäern" sprachen - was Appiah feststellen lässt: "Es gab Europäer, bevor es Franzosen oder Deutsche oder Italiener oder Spanier gab." Amy Knight stellt Eric Krauts Dokumentarfilm über den Mord an Anna Politkowskaja "Letter to Anna" vor. Eliot Weinberger erinnert an die große Zeit der Tang Dynastie. Harold Bloom liest Max Weinreichs Geschichte "The Yiddish Language". Die Prominenz der intellektuellen Linken - von Joan Didion bis Paul Krugman - liefert außerdem kurze Notate zu der Frage, was bei den amerikanischen Wahlen auf dem Spiel steht.