Magazinrundschau

15 Minuten Straflosigkeit für alle

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
18.11.2008. Portfolio porträtiert den dunklen Prinzen der Wall Street, der die Dämmerung schon sah, als die Sonne noch schien. Im Guardian erklärt Jeanette Winterson, warum gerade ein hartes Leben Poesie braucht. Polityka kritisiert die katholischen Ideologie-Offiziere an polnischen Schulen. The New Republic staunt über die eigenwillige Obama-Truppe. Der öffentliche Intellektuelle lebt, auch wenn er heute oft aus den Sozialwissenschaften kommt, ruft der Chronicle. In Le Monde Diplomatique beschreibt Juan Villoro die Unterminierung Mexikos durch die Drogenmafia. Im Espresso windet sich Umberto Eco vor Scham über Berlusconi.

Portfolio (USA), 11.11.2008

Der Schriftsteller und ehemalige Broker Michael Lewis hat die beste Reportage über die Finanzkrise geschrieben, die bislang zu lesen war. Spannend wie ein Krimi und für den Laien werden tatsächlich einige Hintergründe verständlich. Sein Held ist der Broker Steve Eisman, der früher als die meisten begriff, wie absolut marode und verkommen der Immoblienmarkt war, gegen CDOs (mehr hier) spekulierte und irgendwann begriff, dass selbst dies den Immobilienspekulanten noch nützte. In der Wall Street verkörpert Eisman den offenbar raren Typus des Skeptikers. "Die zweite Firma, für die Eisman [als Analyst für Ames Financial in den Neunzigern] volle Verantwortung bekam, war Lomas Financial, eine Firma, die gerade aus einem Bankrott entstanden war. 'Ich habe eine Verkaufsempfehlung abgegeben, weil sie ein Stück Scheiße war', sagt Eisman. 'Ich wusste nicht, dass man keine Verkaufsempfehlung für Firmen abgeben sollte. Ich dachte, es gebe drei Kategorien - kaufen, halten, verkaufen - und man sucht die aus, die man für die richtige hält.' Er wurde angehalten, generell etwas optimistischer zu sein, aber Optimismus war nicht Eismans Stil. Optimismus und Eisman bewohnen nicht mal denselben Planeten."
Archiv: Portfolio
Stichwörter: Michael Lewis, Optimismus

Guardian (UK), 16.11.2008

Die Schriftstellerin Jeanette Winterson erinnert sich daran, wie wichtig ein Gedicht in ihren schwierigen Teenagerjahren war. Sie war 16 Jahre alt, arm, ihre Mutter duldete keine Bücher im Haus außer der Bibel und Krimis und stand kurz davor, Jeanette aus dem Haus zu werfen, weil sie Sex mit einem Mädchen hatte. Eines Tages wurde Jeanette in die Bibliothek geschickt, um für ihre Mutter ein Buch mit dem Titel "Murder in the Cathedral" abzuholen. "Sie dachte, es wäre eine Geschichte über mörderische Mönche. Ich öffnete das Buch noch in der Bibliothek, es schien mir etwas dünn zu sein für einen Krimi. Von TS Eliot hatte ich vorher noch nie gehört, aber ich las die Zeile über 'sudden painful joy' und brach in Tränen aus. Das fremde und schöne Drama machte für mich die Dinge erträglich. Diese Dinge waren die Verstoßung aus der Familie (ich war adoptiert, zum zweiten Mal abgeschoben zu werden, war sehr hart), die Verwirrungen der Sexualität und praktische Probleme wie: wo soll ich leben, was essen und wie schaffe ich mein Abitur. Wenn die Leute also sagen, Poesie sei ein Luxus für die Mittelklasse, oder dass sie nicht in der Schule gelesen werden sollte, weil sie irrelevant sei, dann glaube ich, dass dies Leute sind, die es im Leben ziemlich leicht hatten. Ein hartes Leben braucht eine harte Sprache - und genau das ist Poesie. Das bietet uns die Literatur: eine Sprache, die kraftvoll genug ist, um zu sagen wie es ist."

Besprochen werden unter anderem Manjit Kumars "brillanter" Führer durch die Welt der Quantenphysik, der die wissenschaftlichen Theorien und die philosophischen Interpretationen mit idealer Klarheit dem interessanten Laien nahebringt, schreibt Steven Poole, eine neue Shakespeare-Biografie von Jonathan Bate - überraschend, frisch und alles andere als aufgewärmter Kohl, verspricht Richard Eyre. Philip Oltermann hält anlässlich des Baader Meinhof Komplexes einen Rückblick auf die kulturelle Verarbeitung der RAF.
Archiv: Guardian

Polityka (Polen), 14.11.2008

Trennung von Staat und Kirche? Keine Spur davon an polnischen Schulen, wie Joanna Podgorska berichtet (hier die deutsche Version). Religion ist nicht nur ein Abiturfach, sie hat "in der Schule einen extraterritorialen Status. Über die Lehrinhalte und -formen entscheidet die Kirche, das Bildungsministerium hat nichts zu sagen. Die Besetzung der Katechetenstellen hängt ausschließlich vom Bischof ab. Aber in umgekehrter Richtung gilt diese Unabhängigkeit nicht immer. In vielen Schulen erfüllt der Katechet die Funktion eines Ideologie-Offiziers, der aufpasst, dass die Empfehlungen der Kirche im Schulleben befolgt werden. 'In meiner Schule gelang es, den Stundenplan so einzurichten, dass Religion entweder am Anfang oder am Ende des Unterrichtstags lag. Als Folge davon mangelte es an Teilnahmewilligen, worüber der Priester die Stadtverwaltung informierte. Die Direktorin musste sich rechtfertigen und den Plan ändern', berichtet eine Mathematiklehrerin aus Stettin. Eine andere schildert, wie ein Priester die Auflösung der Rollen- und Fantasy-Spiel-Zirkel an ihrem Lyzeum anordnete, weil er das für Satanismus hielt."

Weitere Artikel der Polityka, etwa von Wieslaw Wladyka, Adam Michnik und Adam Krzeminski, sind hier ebenfalls auf Deutsch zu lesen.
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Archiv: Polityka

New Republic (USA), 03.12.2008

Distanziert, aber doch irgendwie beeindruckt blickt Noam Schreiber auf Obamas Truppe, die sich durch Eigenwilligkeit auszeichnet. Da ist der künftige Bürochef Rahm Emanuel, "einer der unberechenbarsten und gottlosesten Menschen", die je im Kongress saßen. Da ist der "berühmt undisziplinierte" Vizepräsident Joe Biden. Da sind Obamas Wahlkampfmanager David Axelrod und David Plouffe, beide bekannt dafür, sich bei Bedarf "sehr klar" ausdrücken zu können. Für Noam Schreiber zeigt das "eine Seite von Obama, die oft übersehen wird: Er mag seine Vertrauten eigenwillig und direkt. Dank seiner Sensibilität eines Autors betrachtet er solche Menschen mit anthropologischer Neugierde. Soll niemand vergessen, dass er als seinen Pastor Jeremiah Wright gewählt hat, einen Mann, der was dramatisches Flair angeht Laurence Olivier das Wasser reichen kann. Einer der vertrautesten Helfer dieser Tage ist der deftige Südstaatler Robert Gibbs ... Gibbs ist bekannt für seine Unverblümheit gegenüber seinem Boss. Eines Tages, zu Beginn von Obamas Amtszeit im Senat, kam Obama zu Gibbs und fragte ihn, wer der Präsident Tansanias sei. 'Wen zur Hölle interessiert das', gab Gibbs laut dem Obama-Biografen David Mendell zurück. Obama fing an zu lachen."

Adam Kirsch nimmt Slavoj Zizek auseinander. Das ganze Gerede über Gewalt sei nicht so gemeint? Quatsch. Alles nur Ironie? Doppelquatsch. Zizek ist so links, dass er inzwischen bei den Faschisten angekommen ist, meint Kirsch. Den slowenischen Philosophen schert das einen feuchten Kehricht. Kirsch zitiert ihn (pdf, Seite 29): "Um klar und brutal zum Ende zu kommen, es gibt eine Lektion, die man aus Hermann Görings Antwort in den frühen Vierzigern lernen muss, als er von einem fanatischen Nazi gefragt wurde, warum er einen bekannten Juden vor der Deportation bewahrt habe: 'In dieser Stadt entscheide ich, wer ein Jude ist!' ... In dieser Stadt entscheiden wir, was links ist. Lasst uns also die liberalen Klagen über 'Widersprüchlichkeit' einfach ignorieren."
Archiv: New Republic

Al Ahram Weekly (Ägypten), 13.11.2008

Nehad Selaiha ist total hin und weg von Sameh Mahrans politischer Satire "Puzzle One", die der Theaterautor selbst inszeniert hat. "Mahran gelingt es, die Essenz dessen herauszudestillieren, was es bedeutete, in den 50ern und 60ern aufzuwachsen und die verhängnisvolle militärische Niederlage 1967 mitzuerleben." Erzählt wird die Geschichte der jungen Laila, die von ihrem Vater, einem feudalistischen Pascha, in eine Ehe mit einem Emporkömmling der neuen Zeit gezwungen wird. "Wundgerieben von dem Joch dieser Travestie einer Ehe besteht Laila (ein offensichtliches Symbol für Ägypten) darauf, ihre Tochter 'Die Lüge' zu nennen. Sie flieht in westliche Phantasien von sexueller Freiheit, indem sie das Phantom von Emma Bovary heraufbeschwört und zu ihrer Busenfreundin macht. Dann verliebt sie sich in eine aufblasbare Gummipuppe, die den Sänger Abdel-Halim Hafiz darstellt, ein Idol der Sechziger und 'Stimme der Revolution', befriedigt ihre physischen Sehnsüchte in einer schäbigen Affäre mit einem selbstbekennenden Gigolo und Erpresser, erlaubt einem verrückten Psychiater, die Beine ihrer Tochter abzuhacken, um sie am Tanzen zu hindern, und endet als einsame unglückliche Frau, aller Illusionen beraubt, die mitleiderregend ihre inzwischen platte Gummipuppe herzt." (Hier und hier zwei wunderbare Videos aus Filmen mit Abdel-Halim Hafiz)
Stichwörter: Emma Bovary, Satire, 1967

Chronicle (USA), 14.11.2008

Verschwindet der öffentliche Intellektuelle? Unsinn, meint Daniel W. Drezner. Erstens gibt es das Internet und zweitens kommen heute "viele öffentliche Intellektuelle eher aus den Sozial- als aus den Geisteswissenschaften. In Richard Posners berüchtigter Liste der Top-Intellektuellen gibt es zweimal so viel Sozialwissenschaftler wie Professoren aus den Geisteswissenschaften. In einem kürzlichen Ranking, das Foreign Policy veröffentlichte, betrug das Verhältnis zwischen Ökonomen und Politikwissenschaftler einerseits und Künstlern und Schriftstellern andererseits vier zu eins. Wirtschafswissenschaften haben die literarische Kritik als 'universale Methode' der meisten Intellektuellen verdrängt. Vor allem diese Tatsache könnte das starke Gefühl in literarischen Kreisen erklären, der öffentliche Intellektuelle sei tot." ... Früher begannen die Intellektuellen mit literarischer Kritik und wandten sich dann der sozialen Analyse zu. Als Sozialwissenschaftler wie Tyler Cowen oder Richard Posner das Kompliment erwiderten, wurden sie wie Emporkömmlinge oder methodologische Imperialisten behandelt."
Archiv: Chronicle
Stichwörter: Geisteswissenschaften

Monde diplomatique (Deutschland / Frankreich), 14.11.2008

"Acht Jahre nach dem demokratischen Machtwechsel ist Mexiko ein Land von Blut und Blei", zieht der Schriftsteller Juan Villoro bittere Bilanz: "Der unverhohlene Hang zur Instant-Befriedigung hat sich in Mexiko mit der Straflosigkeit verbündet. Die Welt der Drogen und die Überbewertung der Gegenwart finden im Dreiklang aus schnellem Geld, hoch gerüstetem Verbrechen und der Dominanz des Geheimen zu ihrer Bestimmung. Vergangenheit und Zukunft, traditionelle Werte und hoffnungsvolle Pläne verlieren in diesem Umfeld jeden Sinn. Es gibt nur das Hier und Jetzt: die günstige Gelegenheit, der Handelsplatz der Laune, wo du fünf Ehefrauen haben, einen Killer für 1.000 und einen Richter für 2.000 Dollar kaufen kannst; wo du am Rande des guten Geschmacks und der Norm leben kannst, zwischen grässlich bunten Versace-Hemden, Giraffen aus massivem Gold, Schmuckstücken, die wie Insekten des Regenwalds aussehen, einer Uhr für 300.000 Dollar und türkisfarbenen Stiefeln aus Straußenleder. Die Belohnung für die Maßlosigkeit findet im Narrativ des Verbrechens statt und im Schutz der Dunkelheit: 15 Minuten Straflosigkeit für alle."

Außerdem erklärt der Historiker Eric Hobsbawm, wie sich die USA ein Beispiel am britischen Empire nehmen können: "Die Briten besetzten und beherrschten einen größeren Teil der Welt und ihrer Bewohner als jeder andere Staat davor und danach, aber sie wussten, dass sie die Weltherrschaft weder ausübten noch ausüben konnten. Deshalb versuchten sie es erst gar nicht. Sie versuchten vielmehr, für so viel Stabilität in der Welt zu sorgen, wie es für ihre eigenen Geschäfte günstig war. Aber sie versuchten nicht, dem Rest der Welt Vorschriften zu machen."

Bookforum (USA), 01.12.2008

Als großes intellektuelles Drama hat Keith Gessen William V. Spanos' Biografie "The Legacy of Edward W. Said" gelesen, an deren Ende Spanos feststelle, dass Said wohl doch ins poststrukturalistische antihumanistische Lager gehört: "Spanos stellt ihn damit in die Tradition von Heidegger und Foucault und nicht von Adorno und Gramsci. Das klingt vielleicht nicht sonderlich interessant oder wichtig, ist aber sehr bewegend. Dafür muss man sich zuerst einmal Spanos vorstellen. Wie er am Ende seines Buches enthüllt, wurde er 1925 geboren. Kaum war er - ein griechischer Einwanderer der ersten Generation - in Europa gelandet, um gegen die Nazis zu kämpfen, wurde er gefangen genommen. Wie Kurt Vonnegut, mit dem er in einer Division war, sah er die Bombardierung Dresdens durch die Alliierten. 'Ich glaube, dass die Angriffe auf Dresden', schreibt er, 'wie die Atombombe auf Hiroshima und die Fächenbombardements Nordvietnams Massenmord in seiner äußersten Indifferenz gegenüber dem menschlichen Leben darstellen.' Zusammen mit anderen Kriegsgefangenen musste Spanos die Trümmer nach Leichen durchsuchen. Er entwickelte sehr früh eine bittere Meinung vom amerikanischen Exzeptionalismus - und vielleicht auch einen Hang zu deutscher Kultur."
Archiv: Bookforum

Gazeta Wyborcza (Polen), 15.11.2008

Der ukrainische Schriftsteller Jurij Andruchowytsch macht sich Sorgen. Die innenpolitischen Querelen in seinem Lande erleichtern nicht gerade die Westanbindung, und auch die Europäer bieten der Ukraine wenig an, zum Beispiel in Sachen Visaerleichterungen. Er kommt auch auf Russlands Einfluss zu sprechen: "Die Mehrheit der Ukrainer assoziiert den Nachbarn mit einem höheren Lebensniveau und einem großen Arbeitsmarkt. Dank Öl und Gas ist das BIP viel höher als bei uns. Wir leben auch in einer gemeinsamen medialen Welt mit Russland - trotz des formalen Verbots, russische Fernsehprogramme zu übertragen. Man kann sagen, die durchschnittliche ukrainische Familie lebt mit den Russen in einer gemeinsamen Wohnung. Zwar werden die Ukrainer, die mental in Russland leben, mit der Zeit immer weniger. Aber noch stellen sie über die Hälfte unserer Gesellschaft dar."

In einem fast epischen Gespräch zwischen Adam Michnik und Vaclav Havel kommen alle wichtigen Fragen zur Sprache: vom Prager Frühling, über die gemeinsame Zeit in der antikommunistischen Opposition bis zu den Fehlern der Transformationszeit. Tschechiens Ex-Präsident entpuppt sich auch als Globalisierungskritiker: "Einerseits wird alles immer besser - jede Woche kommt eine neue Handygeneration auf den Markt. Aber um das Gerät zu bedienen, musst du genaue Betriebsanleitungen lesen. So liest du Anleitungen statt Bücher und zur Entspannung schaust du dir im Fernsehen an, wie ein braungebrannter junger Mensch neue Badehosen anpreist. Mit der Entwicklung dieser globalen Konsumzivilisation wächst die Zahl derer, die keine Werte schaffen. Sie sind nur Vermittler, Berater, PR-Agenten. Im Supermarkt hast du zwar eine große Auswahl, aber es ist eine falsche Vielfalt."

New Yorker (USA), 24.11.2008

Diese Ausgabe widmet sich schwerpunktmäßig dem Essen und Trinken. So beschäftigt sich Burkhard Bilger mit dem Trend zu ungewöhnlichen Biersorten. Er porträtiert Sam Calagione von der Brauerei Dogfish Head in Delaware, der schon mal Bier mit frischen Austern oder Moltebeeren braut und zum aromatisierenden Reifen ein Fass aus Palo-Santo-Holz baute (Werbeslogan: "Exzentrische Biere für exzentrische Leute"). "Amerika hatte schon immer viele merkwürdige Biere. 1873 gab es viertausend Brauereien im Land, die in Dutzenden Regionen und ethnischen Stilrichtungen arbeiteten. Allein Brooklyn hatte fast fünfzig. Bier war nicht nur eine Erfrischung, sondern galt als nahrhaft - 'ein wertvoller Gemüseersatz' - wie ein Mitglied der amerikanischen Gesundheitsbehörde während des Sezessionskriegs anmerkte. (...) Lange Zeit hielten sich amerikanische Brauer an das deutsche Vorbild: Alle großen Industriebrauereien wurden von Deutsch-Amerikanern gegründet. Doch Calagione und andere sind in letzter Zeit zur belgischen Seite übergelaufen - und dabei geblieben. ,Ich würde wahrscheinlich eingesperrt, geteert und gefedert, wenn ich in Berlin aus einem Flugzeug stiege?, erklärte mir Calagione. Ungewöhnliche Brauer haben das amerikanische Brauwesen zu einem der einflussreichsten der Welt gemacht. Aber auch eine Grundsatzfrage aufgeworfen: Wann hört ein Bier auf, ein Bier zu sein?"

Calvin Trillin verrät, wo es das beste texanische BBQ der Welt gibt. Und James Surowiecki erklärt, wie es zur aktuellen Lebensmittelkrise kam.

Weiteres: Peter J. Boyer beschreibt die "Anatomie einer Zwangsvollstreckung" in Ohio als Folge der Finanzkrise. John Lahr porträtiert den amerikanischen Bühnen- und Drehbuchautor David Rabe. Peter Schjeldahl berichtet von der New Orleans Biennale. Besprochen wird das neue Album von Pink, Anthony Lane sah im Kino die Liebeskomödie "Slumdog Millionaire" von Danny Boyle und "A Christmas Tale" ("Un conte de Noel") von Arnaud Desplechin. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Ghosts" von Edwidge Danticat und Lyrik von Rita Dove und Charles Simic.
Archiv: New Yorker

London Review of Books (UK), 20.11.2008

Exklusiv online will Slavoj Zizek nicht in die Obama-Skepsis radikaler Linker - oder gar Rechter - einstimmen und erklärt, warum sich da mal wieder die Naivität der Zyniker zeigt: "Der typische Zyniker wird dir zuflüstern: 'Aber siehst du denn nicht, dass es nur um Geld/Macht/Sex geht, dass alle Bekenntnisse zu Prinzipien und Werte nichts als leere Phrasen sind?' Was der Zyniker nicht erkennt, ist seine eigene Naivität, die Naivität der zynischen Weisheit, die nämlich die Macht von Illusionen einfach nicht begreift. Der Grund, warum der Sieg Obamas einen solchen Enthusiasmus auslöste, ist nicht nur der, dass er, wider alle Wahrscheinlichkeit, gelang: vielmehr führte er vor allem vor Augen, dass dergleichen wirklich möglich ist."

Weitere Artikel: Der Schriftsteller und Chefredakteur von n+1 Keith Gessen, der mit seiner Großmutter in Moskau lebt, schildert, wie die Finanzkrise nun Russland erreicht. Michael Wood hat insgesamt, wenngleich nicht immer im Detail, fasziniert die Edition von Franz Kafkas während seiner beruflichen Tätigkeit für eine Prager Versicherung angefertigten Schriften gelesen. Besprochen werden unter anderem zwei CDs mit Audio-Aufnahmen britischer Autoren - Andrew O'Hagan ist schockiert zu hören, dass Arthur Conan Doyle so ganz und gar nach Gordon Brown klingt. In einer Online-Vorabveröffentlichung schreibt der Autor Tim Parks über "Gomorra", das Buch - das ihn überzeugt hat -, und über "Gomorra", den Film - der ihn enttäuscht.

Espresso (Italien), 14.11.2008

Umberto Eco sagt es nicht so, aber er meint es: Silvio Berlusconi ist kein "Cavaliere", sondern ein ungeschlachter Emporkömmling, ein Rüpel, der einfach nicht anders kann, als peinliche Bemerkungen zu machen wie jüngst zur "Sommerbräune" Barack Obamas. "Heutzutage ist die Aussage, dass ein Schwarzer ins Weiße Haus eingezogen ist, eine pure Feststellung. Sie kann mit Befriedigung oder mit Hass ausgesprochen werden, aber sie kann von jedermann kommen. Wenn man einen Schwarzen aber als gebräunt darstellt, dann ist das eine Art etwas zu sagen und gleichzeitig nicht zu sagen. Damit macht man einen Unterschied fest, ohne sich zu trauen, die Sache beim Namen zu nennen. Zu sagen dass Obama ein 'Schwarzer' ist, ist eine offensichtliche Tatsache, zu sagen dass er 'schwarz' ist, bedeutet schon, auf seine Hautfarbe einzugehen, zu sagen dass er gebräunt ist, ist eine bösartige Fopperei (...)." Und dann wird Professor Eco bitterböse. "Berlusconi verkehrt einfach nicht in den Kreisen, in denen man weiß, wie man die ethnische Herkunft ansprechen kann, ohne auf die Tönung der Haut Bezug zu nehmen, so wie man einen Fisch essen kann, ohne ein Messer zu benutzen."
Archiv: Espresso

Magyar Narancs (Ungarn), 13.11.2008

Damit Ungarn den aufgrund der globalen Finanzkrise drohenden Staatsbankrott abwenden kann, hat der IWF dem Land einen Kredit von 25 Milliarden Dollar zugesagt. Um aber die Garantien für diesen Kredit aufbringen zu können, hat Ministerpräsident Ferenc Gyurcsany von den Staatsbeamten eine Nullrunde gefordert, woraufhin die vereinigten Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes nun mit Streiks drohen. Die Wochenzeitung Magyar Narancs befürchtet, dass die durch die Streiks eintretende politische Instabilität bzw. Funktionsunfähigkeit des Staates dazu führen könnte, dass sogar diese letzte Chance verloren geht: "Diesbezüglich müssen sich die Regierung und die Staatsbeamten irgendwie einigen. Die Regierung kann nicht nachgeben; und es ist ein schwacher Trost, dass, sollte die jetzige deswegen stürzen, auch die nächste nicht nachgeben kann. ... Und dann kann man nur noch beten. Wenn es nämlich nicht funktionieren wird, ist alles vorbei. Wer auch immer nach den Wahlen 2010 kommen wird - er wird sich in die Zeit der Höhlenzeichnungen katapultiert finden."

New York Times (USA), 16.11.2008

Im Magazine schreibt Daniel B. Smith ein schönes Porträt des Lyrikers und Kulturkritikers Lewis Hyde, der als Theoretiker der "Creative Commons" fast noch ein Geheimtipp und fast schon eine Insiderberühmtheit ist. Hyde hat 1983 das Buch "The Gift" veröffentlicht, das Marcel Mauss' Klassiker über die Ökonomie der Gabe aufgreift. Gabe und Begabung sind für Hyde eins, und darum fordert er eine Liberalisierung des Copyrights, für dessen ständige Verschärfung Smith ein trauriges Beispiel nennt: "Bei einem Abendessen vor nicht allzulanger Zeit erzählte mir Hyde das Schicksal der Gedichte von Emily Dickinson. Dickinson starb 1886, aber erst 1955 wurde eine 'offizielle' Ausgabe mit ihren gesammelten Gedichten publiziert - von der Harvard University Press. Urheberrechte haben seit dem letzten Jahrhundert immer längere Fristen, und Harvard hält die exklusiven Rechte für Dickinson bis ins Jahr 2050 - mehr als 160 Jahre nach ihrer Niederschrift. Als der Lyriker Robert Pinsky Harvard um eine Abdruckerlaubnis in einem Essay über lyrische Beleidigungen ersuchte, lehnte die Uni ab. 'Sie hatten Angst, die Kontrolle zu verlieren, sobald das Gedicht online stand', erklärte mir Hyde."

Economist (UK), 13.11.2008

Der Wirtschaftsberater Don Tapscott ist in einer Studie, die er in seinem Buch "Digital aufgewachsen" beschreibt, zum Ergebnis gelangt, dass die Computer- und Internet-Generation die schlausten Menschen aller Zeiten hervorgebracht hat: "'Als erste globale Generation, die es je gab, ist die Generation Netz schlauer, schneller und offener für Diversität als all ihre Vorgänger', behauptet Tapscott. 'Diese jungen Menschen sind dabei, alle Institutionen des modernen Lebens umzuwälzen.' Sie haben ein starkes Gerechtigkeitsempfinden und sie sind aktiv bemüht, die Gesellschaft zu verbessern - man nehme nur ihre Rolle beim Wahlkampf für Obama, in dem sie sich durch das Netzt und über Handys organisierten und auf YouTube warben. Das prophetische Kapitel 'Die Generation Netz und Demokratie: Obama, soziale Netzwerke und Bürger-Engagement' allein sollte dem Buch eine breite Leserschaft sichern."

Weitere Artikel: Die Wissenschaft hat herausgefunden, dass die Menschen, die Werbung auf ihren Videorekorder-Aufzeichnungen schnell vorspulen, diese in Wahrheit viel genauer betrachten, als diejenigen, die sich in Normalgeschwindigkeit ansehen. In unzweideutigen Worten erklärt ein Artikel, dass Jerry Yang schleunigst als Chef der von ihm gegründeten, in eine schwere Krise geratenen Firma "Yahoo" zurücktreten muss, bevor alles zu spät ist. (Update 18.11.: Inzwischen ist sein Rückzug erfolgt.) Besprochen werden unter anderem Sara Maitlands "Buch der Stille" und Stewart O'Nans neuer Roman "Songs for the Missing".

Ein Nachruf ist der südafrikanischen Sängerin Miriam Makeba gewidmet.
Archiv: Economist

Nouvel Observateur (Frankreich), 13.11.2008

Stehen uns tatsächlich Kriege ums Trinkwasser bevor? Dieser Frage ging Erik Orsenna, Schriftsteller und Mitglied der Academie Francaise, nach. Angesichts der Tatsache, dass mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung keinen Zugang zu Wasser hat - "Minimum wäre mindestens ein frei zugänglicher Wasserhahn pro Straße" - erklärt er im Gespräch unter anderem, dass dieser Wassermangel Menschenwerk ist: "Wasser ist nicht Öl. Öl versiegt, Wasser nicht. Im Gegenteil. Durch die Erderwärmung schmilzt das Eis, die Niederschläge nehmen zu und der Wasserkreislauf intensiviert sich... Dieser Kreislauf ist natürlich. Was nicht natürlich ist, ist die Tendenz, diesen Kreislauf durch menschliches Zutun dramatisch zu verstärken: In fünfzig Jahren werden die Regionen, in denen es schon Wasser gab, noch mehr haben; und die, in denen es keins gab, müssen sich darauf einstellen, noch stärker unter Wassermangel zu leiden! Und das bei wachsender Weltbevölkerung, die sich in den Städten konzentriert! Zu brutalen wirtschaftlichen Ungleichheiten werden die klimatischen Ungleichheiten noch dazukommen. Übermaß oder Mangel an Wasser: Die Menschheit wird in einer Welt zunehmender Gewalt leben."

Spectator (UK), 15.11.2008

Die Londoner Debattenkultur hat eine neue Blüte getrieben. IQ hoch zwei nennen sich regelmäßig veranstaltete Diskussionen, in denen alle, die fünfundzwanzig Pfund zahlen, mit eingeladenen Experten über eine Frage diskutieren und am Ende abstimmen können. "Sind Genpflanzen gut für uns?" kam aufs Tapet oder wie eben gerade: "Es ist falsch, für Sex zu zahlen". Lloyd Evans freute sich hier besonders über eine Stimme aus der Praxis. "Dr. Brooks-Gordons Ansichten wurden von einer schlagfertigen Prostituierten gestützt, die das 'schwedische Modell', wie es von Zeitungsjournalisten wie Joan Smith vorgeschlagen wurde [der Kunde wird kriminalisiert, nicht die Prostituierte], folgendermaßen ironisch abtat. 'Nehmen wir an, es wäre legal eine Kolumne zu schreiben, aber illegal, sie zu lesen. Überlegen Sie mal, wie sich das auf Ihr Einkommen auswirken würde.' Das saß. Bei der Stimmabgabe wurde die Anfangsannahme rundheraus abgelehnt."
Archiv: Spectator
Stichwörter: Debattenkultur, Joan Smith

HVG (Ungarn), 15.11.2008

Euphorisch begrüßt Aladar Horvath, Vorsitzender der Bürgerrechtsstiftung der Roma in Ungarn, die Wahl Barack Obamas zum US-Präsidenten und fragt sich, wann es in osteuropäischen Ländern möglich sein wird, dass eine Minderheit den ersten Mann im Staate stellt: "Darauf muss man gewiss noch lange warten. [...] Obamas phantastischer Wahlsieg kann aber zumindest vielen Romakindern den 'Mut der Hoffnung' geben: Yes, we can... Nur selten gelingt es dem einen oder anderen potentiellen Obama, aus den drückenden Enklaven der Zigeunerghettos 'auszufliegen', weil sie der Sumpf nach unten zieht. [...] Dabei werden in jeder Epoche, auch in dieser, Roma-Obamas geboren. Die Frage ist, wann die ungarische Gesellschaft in der Lage sein wird, die Roma in Ungarn als gleichberechtigte Bürger oder gar als potenzielle Retter des Landes zu betrachten. Dann erst wird es für uns möglich sein, hohe politische Ämter zu bekleiden oder gar den Ministerpräsidenten zu stellen. Heute scheint sich jedoch Ungarn davon mehr und mehr zu entfernen. Während die Welt Obama umjubelt, übernimmt bei uns - vor allem auf dem Lande - der 'Klu-Klux-Klan' die Macht. Das nazistische Gedankengut treibt sein Unwesen, und der 'demokratische Rechtsstaat' erweist sich - unbesorgt um die internationale Reputation des Landes - diesem Gedankengut gegenüber als schwach."
Archiv: HVG
Stichwörter: Rechtsstaat, Roma

New York Review of Books (USA), 04.12.2008

Mark Danner denkt über den Skandal nach, der nie endet, der aus einer politischen Realität - Irakkrieg oder Folter - eine kommerzielle Tatsache macht, weil endlos darüber berichtet wird, ohne dass sich Konsequenzen aus dem Skandal abzeichnen würden. "'Sie haben bemerkenswerte Unabhängigkeit in einigen Schlüsselfragen gezeigt', sagte Barack Obama in der dritten Debatte zu John McCain, 'Folter zum Beispiel.' Folter hat sich den letzten Jahren von einem abscheulichen Kriegsverbrechen in eine 'Schlüsselfrage' verwandelt. Von etwas, das durch internationale Abkommen verboten und von nationalem Recht verurteilt wurde, in etwas, das man debattieren kann. In etwas, bei dem man auf der einen oder anderen Seite stehen kann. In etwas, mit dem wir leben können. Die Geschichte, wie es dazu kam, ist lang und kompliziert, aber eins ist sicher: es lag nicht an mangelnder Aufklärung."

Außerdem: Ian Buruma schreibt über die gerade zu Ende gegangene Kirchner-Ausstellung im MoMA. George Soros macht Vorschläge, was in der Finanzkrise zu tun ist. Nachgedruckt ist ein Interview, das der israelische Premierminister Ehud Olmert der Tageszeitung Yedioth Ahronoth gab. Besprochen werden einige Bücher über den Irak, Bücher von Paul Auster und Sue Halperns Buch "Can't Remember What I Forgot: The Good News from the Front Lines of Memory Research".