Magazinrundschau - Archiv

The New York Review of Books

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Magazinrundschau vom 17.11.2009 - New York Review of Books

Im zweiten Teil seines Essays zu 1989 untersucht Timothy Garton Ash nun, was die Samtene Revolution und ihre diversen Nachfolger (Orange in der Ukraine, Rosen in Georgien, Safran in Birma) ausgezeichnet hat. Sie haben nicht nur Systeme, sondern auch die Revolution revolutioniert: "Das - durchaus mit einem dicken Pinsel gezeichnete - Idealbild der 1989-artigen Revolution kann man einem Idealtypus der 1789-artigen Revolution gegenüberstellen, der sich in der Russischen Revolution von 1917 und in Maos Chinesischer Revolution fortsetzte. Der 1789er Typus ist gewalttätig, utopisch, angeblich auf eine Klasse gestützt und durch eine Radikalität gekennzeichnet, die im Terror endet. Eine Revolution ist keine Dinnerparty, lautet Maos berühmtes Zitat... Eine Revolution ist ein Aufstand, ein Akt der Gewalt, mit dem eine Klasse die andere stürzt. Der Idealtyp von 1989er Typus ist dagegen gewaltlos, anti-utopisch, nicht auf eine einzige Klasse, sondern eine breite soziale Koalition gestützt und gekennzeichnet von massivem gesellschaftlichen Druck - der Macht des Volkes -, um die Machthaber zu Verhandlungen zu bewegen. Wenn der Totem von 1789 die Guillotine war, dann ist der von 1989 der Runde Tisch." (Ohne dem Terror das Wort reden zu wollen: Aber Frankreich ist das einzige Land der Welt, in dem sich die Regierenden vor ihrem Volk fürchten. Das daraus entstehende "stolze, bedrohliche Selbstvertrauen" hat letzte Woche Neal Ascherson den Osteuropäern empfohlen.)

Außerdem: Die Autorin Paula Fox erinnert sich an ihren Umzug von Manhattan nach Brooklyn 1967 und wie sie dort L. J. Davis kennenlernte, dessen Roman "A Meaningful Life" gerade wieder aufgelegt wurde. Die in Rom lehrende Kunsthistorikerin Ingrid R. Rowland schildert anschaulich die neuesten Skandale um Silvio Berlusconis. Besprochen werden Philip Roth' neuer Roman "The Humbling" (es geht um einen Schauspieler, der nach dem Ende seiner Karriere und einer Affäre mit einer Lesbe in immer tiefere Depressionen versinkt) und Haleh Esfandiaris Bericht über seine Haft in Teherans berüchtigtem Evin-Gefängnis.

Magazinrundschau vom 20.10.2009 - New York Review of Books

Timothy Garton Ash hat einen ganzen Stapel Bücher über 1989 in Europa weggelesen. Alles interessante Bücher, die auch alle etwas Neues zum Thema beitragen. Und doch fehlt ihm etwas. "Es ist keine Kritik an diesen Autoren, wenn ich sage, dass ich nach der Lektüre von einem anderen Buch geträumt habe: einer globalen, zusammenschauenden Geschichte über 1989, die noch geschrieben werden müsste." Ash hat auch eine Vorstellung von dem Autor: "Die Zeit ist reif für einen brillanten jungen Historiker - der viele Sprachen spricht; der sich sowohl in die Machthaber wie auch in die sogenannten gewöhnlichen Leute einfühlen kann; ein namhafter Autor; unkündbar angestellt, aber mit nur wenigen Lehrverpflichtungen; finanziell großzügig ausgestattet für seine ausgedehnten Forschungen auf verschiedenen Kontinenten; ein Stachanowist in seinen Arbeitsgewohnheiten; mönchisch im Privatleben - der dieses notwendige, nahezu unmögliche Meisterwerk schreibt: eine Art Wagnersches Gesamtkunstwerk der Zeitgeschichte. Mit Glück könnte es zum 30. Jahrestag 2019 fertig sein."

Brillant findet Stephen Greenblatt Hilary Mantels Roman "Wolf Hall" über eine der unsympathischsten Gestalten der Weltgeschichte: über Thomas Cromwell, den Führer der protestantischen Partei am Hofe Heinrich VIII. Als Referenzgröße fällt Greenblatt höchstens Stalins Oberscherge Beria ein: "Cromwell war ein Meister der machiavellistischen Realpolitik. Er hatte eine besondere Gabe dafür, Menschen in ihr Verderben zu locken, indem er ihnen die Begnadigung durch den König in Aussicht stellte, wie etwa Robert Aske, den Führer der katholischen Pilgrimage of Grace. Man sollte meinen, ein gebrochenes Versprechen hätte ausgereicht, um den Trick zu ruinieren, aber er funktionierte wieder und wieder, so sehr waren die Leute darauf geeicht, dem Wort eines Prinzen zu vertrauen."

Weiteres: James Bamford versucht, eine Schneise durch das Dickicht der Yottabytes von Daten zu schlagen, die der amerikanische Nachrichtendienst NSA bisher weltweit gesammelt hat. Jerome E. Groopman diagnostiziert, was der Medizin von heute fehlt.

Magazinrundschau vom 06.10.2009 - New York Review of Books

"Dies ist Literatur, wie es keine andere gibt", schreibt Norman Rush über James Ellroys "Underworld USA"-Trilogie, deren dritter Band, "Blood's a Rover" (Autorenlesung), gerade erschienen ist. Das trifft wohl weniger auf die Zutaten des Plots zu - J. Edgar Hoover, Howard Hughes, die Mafia und die Gewerkschaften sind allesamt an den Kennedy-Morden beteiligt, schöne Frauen gibt es nur unter den linken Gegenspielern, die wiederum keine Maoisten aufweisen. Aber Ellroy macht daraus eine überwältigende Parodie, deren superschnelle Gewaltprosa a la "Fulo smashed their teeth to powder. Pete burned their fingerprints off on a hotplate" Rush geradewegs ins Delirium führt: "James Ellroys Extremstil ist einfach ein enormer Lesespaß. Er kann süchtig machen. Die Geschichten werden in einem eintönigen, verrückten, modernen Umgangsamerikanisch erzählt und mit solch halsbrecherischem Tempo, aberwitzigen Nadelkurven, Verdichtungen und Zeitraffern, dass der Leser ab und zu einhalten und eine Pause machen muss. Die Standard-Noir-Motive Mord, Schläge, Rache sind alle vorhanden, aber so dicht gepackt und mit so liebevoller Aufmerksamkeit für die Beschreibung der Verletzungen, dass die Grenze dessen, was ein Leser aushält, zuweilen überschritten wird".

Außerdem: Lawrence Weschler besucht David Hockney und stellt fest, das der seiner "iPhone Passion" nur mit dem Daumen frönt. Joshua Hammer porträtiert den unkaputtbaren Diktator Mugabe. Und Richard Dorment berichtet von juristischen Auseinandersetzungen über die Echtheit von Werken Andy Warhols, der sich über diesen Begriff ja gerade mokiert hatte - aber es steckt halt eine Menge Geld drin.

Magazinrundschau vom 22.09.2009 - New York Review of Books

Malise Ruthven beleuchtet die Affäre um den verurteilten libyschen Lockerbie-Attentäter Ali al-Megrahi, der aus dem Gefängnis entlassen wurde, nachdem ihm drei von Libyen bezahlte Ärzte attestiert hatten, nur noch drei Monate zu leben zu haben. Doch auch wenn Premier Gordon Brown alle wirtschaftlichen Hintergedanken bestritten hat: "Auf dem Spiel standen für die Briten die 2007 geschlossenen Verträge der British Petroleum (BP) über Öl- und Gasgeschäfte im Wert von 15 Milliarden Pfund sowie die Pläne, in London ein Büro der Libyschen Investment Behörde zu eröffnen, einem eigenständigen Fonds mit 83 Milliarden Pfund Basiskapital. Libyen weigerte sich solange, die Verträge zu unterzeichnen, wie Justizminister Jack Straw darauf beharrte, Magrahi von einem Gefangenen-Transfer auszuschließen. Kurz nach Browns Äußerung, gab Straw - in offensichtlichem Widerspruch zu seinem Premier - zu, dass Öl 'eine sehr große Rolle' in den Verhandlungen gespielt hat."

(Hinweis: In der London Review of Books beschreibt die Anwältin Gareth Peirce bis zu einem Platinen-Splitter die wissenschaftlichen Untersuchungen von Beweismaterial im Lockerbie-Fall, die auf britischer wie auf amerikanischer Seite von Personen ausgeführt wurden, die inzwischen wegen mangelnder Qualifikation und erwiesener Fehlbeurteilungen nicht mehr als Experten vor Gericht zugelassen sind.)

Andrew O'Hagan mag kaum glauben, dass ausgerechnet die Briten, die alles "nice" finden, einen Mann wie Samuel Johnson hervorgebracht haben: "Er ließ jede Delikatesse ebenso sträflich vermissen wie gute Manieren, ein einnehmendes Wesen, freundliches Aussehen, hilfreiche Art, einen offenen Geist, ein selbstloses Gen, einen gefälligen Gang oder eine generelle Bereitschaft, sich von seiner besten Seite zu zeigen."

Weiteres: Garry Wills beobachtet befremdet, wie schnell sich Barack Obamas Leute in Washington an die Heimlichkeit und Unberechenbarkeit gewöhnt haben, mit der ihre Vorgänger unter George W. Bush agierten: "Ein Mitarbeiter des Weißen Hauses sagte zu Jane Mayer vom New Yorker: 'Es war wie bei der Invasion der Body Snatcher.'" Ahmed Rashid beschreibt gewohnt hintergründig, wie sich die Situation in Afghanistan - angesichts der wiedererstarkenden Taliban, des Drogenanbaus und der unsauberen Wahlen - zunehmend verschlechtert.

Magazinrundschau vom 08.09.2009 - New York Review of Books

Lorrie Moore stellt die brasilianische Autorin Clarice Lispector (1920-1977) vor, die von Fachleuten als göttlich und größte Autorin des Landes verehrt wird, vom Rest der Welt dagegen kaum wahrgenommen wird. "Für die Öffentlichkeit blieb sie ebenso charismatisch wie obskur, eine Hexe, eine Einsiedlerin, ein Rätsel: die brasilianische Sphinx. Ihr seltsamer Name ließ die Menschen denken, sie sei ein Mann oder schreibe unter einem nom de plume (was sie manchmal tat, aber sie hieß tatsächlich Lispector). Sie war eine Art Feministin, aber eine, die in ihrer Zeitungskolumne Schönheitstipps gab und den Schrank voller Designer-Kleider hatte; sie war keine feministische Feministin. Als später ihre Arbeit hermetisch und sie selbst ein 'heiliges Monster' genannt wurde, fand sie das schrecklich."

In einem ausführlichen Report über die Zukunft der Zeitungen sieht Michael Messing das Zeitalter kommerzieller Medien zu Ende gehen; für vielversprechender hält er nonprofit-Ansätze, wofür er einen Beitrag in der New York Times von Yales Investmentdirektor David Swensen und dem Finanzanalysten Michael Schmidt zitiert: "'Stiftungen', schrieben sie, 'würden die Autonomie der Zeitungen gewähren und sie zugleich vor den wirtschaftlichen Kräften abschirmen, die sie gerade herunterziehen.' Bei der Times zum Beispiel schätzten sie, dass die Redaktion ungefähr 200 Millionen Dollar im Jahr kosten würde. Mit zusätzlichen Ausgaben für die Verwaltung würde die Zeitung eine Stiftung mit dem Vermögen von fünf Milliarden Dollar brauchen. 'Aufgeklärte Philanthropen müssen jetzt handeln oder sie werden mitansehen, wie eine entscheidende Komponente der amerikanischen Demokratie in die Bedeutungslosigkeit versinkt."

Weitere Artikel: Philippe Sands fragt, warum sich General Richard B. Myers in seiner Autobiografie nicht auch an seine Folterbefehle erinnert. Howard W. French bespricht neue Bücher über den Krieg im Kongo. Ronald Dworkin widmet sich der schwierigen Berufung der Richterin Sonia Sotomayor an den Obersten Gerichtshof der USA.

Magazinrundschau vom 28.07.2009 - New York Review of Books

"So, wie der Buchdruck im Mittelalter die Macht der Kirche über den Informationsfluss gebrochen hat, so lockert das Internet den Zugriff der konzerneigenen Massenmedien auf die Information", glaubt Michael Messing und stellt fest, dass sich das Gewicht von Institutionen auf einen individuellen Journalismus verlagert: zu Bloggern wie Andrew Sullivan, Glenn Greenwald und Mickey Kaus oder neuen journalistischen Formen wie Talking Points Memo, Pro Publica, der HuffPo und Daily Kos. "Das Bild vom Internet als einem Parasiten mag seine Gründe haben. Ohne die entscheidende Bündelung der Nachrichten durch etablierte Institutionen würden viele Webseiten nur noch stottern und sterben. In ihrer pauschalen Verachtung scheinen entsprechende Äußerungen aber ebenso gestrig wie defensiv. Allein in den vergangenen Monaten ist eine beträchtliche Anzahl von originellen, aufregenden und kreativen (wenn auch chaotischen und wahnsinnig machenden) Seiten aufgekommen. Der Journalismus ist weit davon entfernt, ausgesaugt zu werden; er wird gerade mittels einer Vielzahl fazinierender Experimente in Hinsicht auf Bündelung, Präsentation und Verbreitung von Nachrichten noch einmal erfunden. Und solange die Herausgeber und Manager an der Spitze unserer Zeitungen dies nicht zur Kenntnis nehmen, werden sie ihren eigenen Untergang nur beschleunigen."

Adam Hochschild reist durch den von einem Krieg nach dem anderen gebeutelten Kongo und weiß jetzt, was Menschen zu "Vergewaltigern, Sadisten und Mördern" macht: "Gier, Angst, demagogische Führer und deren Behauptung, dass Gewalt zur Selbstverteidigung notwendig sei, wo do alle um einen herum dasselbe tun - und die Tatsache, dass der Rest der Welt einer der großen humanitären Katastrophen unserer Zeit tragisch wenig Aufmerksamkeit schenkt."

Weiteres: Hilton Als schreibt in einem leider recht unkonkreten Text über Michael Jackson und die Ressentiments gegenüber Schwulen in schwarzen Communities: "Es ist bizarr, dass Homosexualität in einigen Augen, selbst in denen schwarzer schwuler Männer, als etwas Weißes gilt." Roger Cohen rekapituliert die Ereignisse im Iran und gibt die Hoffnung auf demokratischen Wandel nicht auf.

Magazinrundschau vom 30.06.2009 - New York Review of Books

Der in Yale lehrende Historiker Timothy Snyder spricht sich für eine ganz neue Betrachtung des Holocausts aus, denn Auschwitz als sein Symbol verschließe den Blick davor, dass bis 1943, als die meisten westeuropäischen Juden in die Konzentrationslagern deportiert wurden, bereits zwei Drittel aller Juden in Europa tot waren: "Der zweite bedeutende Teil des Holocaust ist der Massenmord durch Kugeln im östlichen Polen und in der Sowjetunion. Es begann mit den Erschießungen jüdischer Männer im Juni 1941 durch SS-Einsatzgruppen, weitete sich im Juli auf die Ermordung jüdischer Frauen und Kinder aus und zielte im August und September auf die Auslöschung ganzer jüdischer Gemeinden. Am Ende des Jahres 1941 hatten die Deutschen (zusammen mit lokalen Helfern und rumänischen Truppen) eine Million Juden in der Sowjetunion und den baltischen Ländern ermordet. Dies entspricht der Zahl aller Juden, die während des gesamten Krieges in Auschwitz ermordet wurden. Bis Ende 1942 hatten die Deutschen noch einmal 700.000 Juden erschossen, und die jüdische Bevölkerung in der besetzten Sowjetunion aufgehört zu existieren."

Außerdem in dieser Sommerausgabe: J.M. Coetzee - "Summertime" - und Claire Messud - "Land Divers" - haben Erzählungen geschickt. Michael Chabon erkundet die "Wildnis der Kindheit" in den Ostküsten-Städten der USA. Besprochen werden Leslie Gelbs Analyse von Barack Obamas Außenpolitik "Power Rules" und Martin Wolfs bereits 2007 geschriebenes, aber offenbar nicht obsolet gewordenes Buch "Fixing Global Finance" sowie die Bostoner Renaissance-Ausstellung zu "Tizian, Tintoretto, Veronese", die im September auch nach Paris kommt.

Magazinrundschau vom 16.06.2009 - New York Review of Books

Nicholas D. Kristof setzt sich mit mehreren Büchern über Darfur, vor allem aber mit Mahmood Mamdanis "Saviors and Survivors: Darfur, Politics, and the War on Terror" auseinander. Mamdani sieht die "Rettet Darfur"-Kampagne sehr kritisch und wirft ihr vor, sie schiebe die Schuld an Massakern einseitig den sudanesischen Arabern zu und beachte die komplizierte Geschichte des Sudan und den Kontext nicht. Der Vorwurf ist in gewisser Weise berechtigt, meint Kristof. "Aber jeder Massenmord hat seine komplexen Seiten. Die Türken protestieren vehement gegen die Bezeichnung Genozid für das Abschlachten der Armeniern 1915, weil diese Morde während eines Krieges und eines Aufstands der Armenier stattfanden. Im Fall der Massenmorde in Kambodscha in den Siebzigern töteten die Roten Khmer Menschen mit Bildung, einem städtischen Hintergrund oder einfach aufgrund einer Marotte, nicht aber wegen ihrer Rasse, Religion oder Nationalität. Streng genommen war die Barbarei Pol Pots kein Genozid. Kurz, komplex ist alles, und doch hallt durch die Geschichte eine zentrale Wahrheit: Regierungen haben Gruppen von Menschen aufs Korn genommen und abgeschlachtet."

Außerdem: Michael Dirda legt seinen Lesern Patricia Highsmiths "pervers unterhaltsame" Ripley-Romane ans Herz. Jonathan Mirsky stellt die jetzt auf Englisch erschienen Erinnerungen des chinesischen Reformpolitikers Zhao Ziyang vor, der bis zu seinem Tod 2005 unter Hausarrest stand, weil er sich weigerte, gegen die protestierenden Studenten auf dem Tiananmen-Platz mobil zu machen. Malise Ruthven liest neue Bücher über den Iran. Tony Judt schreibt den Nachruf auf Amos Elon.

Magazinrundschau vom 26.05.2009 - New York Review of Books

Angesichts des Vormarsches der Taliban in Pakistan macht Ahmed Rashid einen beängstigenden "Unrealitätssinn" bei der Regierung in Islamabad aus, die nicht erkenne, in welch kritischem Zustand sich das Land befindet: "Pakistan droht vielleicht nicht unbedingt der Zusammenbruch der Regierung, aber doch ein permanenter Zustand der Anarchie, da die von den Taliban geführten islamistischen Revolutionäre und ihre vielen Alliierten mehr und mehr Gebiete einnehmen und die staatliche Macht schrumpft. Es wird keinen revolutionären Massenaufstand wie 1979 im Iran geben, keinen Sturm auf die Zitadellen der Macht wie in Vietnam und Kambodscha; womit wir es zu tun haben haben, gleicht eher einer langsamen, heimtückischen und langsam brennenden Lunte der Angst, des Terrors und der Lähmung, die die Taliban gelegt haben und die der Staat unfähig und teilweise unwillig ist zu löschen."

Weiteres: Gary Wills empfiehlt Henry Louis Gates' Dokumentensammlung "Lincoln on Race and Slavery", die klarstelle, dass Lincoln nicht frei war von rassistischen Ressentiments: "Wenn Lincoln die Sklaverei auch immer ablehnte, tat er dies aus eher kalten ökonomischen Gründen. Über ihre Grausamkeit empörte er sich nie." Hussein Agha und Robert Malley überlegen, wie eine Zwei-Staaten-Lösung den Nahost-Konflikt wirklich beenden und nicht nur auf eine neue Stufe heben würde. Julian Barnes trauert weiterhin um John Updike.

Besprochen werden Stanley Plumlys "meisterhaftes" Buch über John Keats' letzte Monate in Rom "Posthumous Keats", Susan E. Gunters Biografie über Henry James' Schwester Alice "Alice in Jamesland" und Sunny Schwartz' bitterer Blick auf amerikanische Gefängnisse "Dreams from the Monster Factory".

Magazinrundschau vom 12.05.2009 - New York Review of Books

Madame de Stael ist gerade wieder ausgesprochen in Mode. Mit gutem Grund, meint Richard Holmes, der eine ganze Reihe neuer Bücher über sie bespricht und erst einmal das Phänomen vor Augen stellt: "Sie war die einzige Tochter eines Schweizer Bankiers, eine der reichsten und klügsten jungen Frauen ihrer Generation in Europa. Sie schrieb unter vielem anderen einen berühmten Roman - Corinne, oder Italien (1807) - der eine neue Heldin für ihre Zeit erfand, sich besser verkaufte als die Werke Walter Scotts und seitdem stets im Druck blieb. Sie hat Dutzende Menschen vor der Guillotine gerettet. Sie hat die Pariser Hutmode auf den Kopf gestellt, mit ihren verblüffenden vielfarbigen Turbanen. Sie tat Jane Austen verächtlich ab als 'vulgär'. Sie ignorierte Napoleon bei einem Empfang... Und sie redete bei einer Soiree in Mayfair den Dichter Coleridge einmal in Grund und Boden. Für all diese Dinge sollte sie allein schon in Erinnerung bleiben."

Besprochen werden unter anderem drei Bücher - über Warren Buffett, von Malcom Gladwell und von Geoff Colvin -, die jedes auf seine Weise nach den Zusammenhängen von Talent, Glück und Erfolg fragen sowie neue Bücher zur Gründungsgeschichte des Staats Israel, vom Neuen Historiker Benny Morris und von Gudrun Krämer.