Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

570 Presseschau-Absätze - Seite 15 von 57

Magazinrundschau vom 18.05.2021 - London Review of Books

In einem unendlich langen und tiefgründigen Essay widmet sich James Wolcott den Verwerfungen um Blake Baileys Philip-Roth-Biografie, die nach Vergewaltigungsvorwürfen gegen Bailey nun nicht mehr beim amerikanischen Verlag Norton erscheint, sondern nur noch beim britischen Verlag Jonathan Cape. Ob Philip Roth mit Bailey untergehen wird? Wolcott hält das nicht für ausgeschlossen: "Herausragender Handwerker, unverbesserlicher Satyr, subversiver Komiker, leidenschaftlicher Kummersammler, liberaler Humanist, guter Sohn, schlechter Ehemann, großzügiger Wohltäter - in seinen sperrigen Gegensätzen erregte Philip Roth eine Ambivalenz wie kaum ein anderer amerikanischer Schriftsteller, und diese Ambivalenz mag es gewesen sein, die ihn für uns am Leben erhält, immer umstritten, eine streitbare Angelegenheit. Oder ihn am Leben erhalten hat, weil, von hier an, wer weiß das schon?... Blake Bailey, sein Leben, seine Karriere, sein Ruf und sein Name sind in Rekordgeschwindigkeit ins Bodenlose gesunken. Er und seine Geschichte werden als Fallbeispiel für zukünftige literarische Pathologen dienen. Ich war gegen die Kampagne, derentwegen weitere Auflagen gecancelt wurden, aus dem demokratischen Grundsatz heraus, dass, wenn ich das Buch kaufen und lesen durfte, das trotz allem beträchtliche Meriten hat, es nur fair sei, dass alle anderen das auch können. Das ist jetzt hinfällig, zumindest in den USA. Nortons Entscheidung, die Biografie für immer aus dem Verkehr zu ziehen und eine beträchtliche Spende an Organisationen für sexuellen Missbrauch zu leisten, wurde von den meisten Kommentatoren zum Sieg erklärt und von einer kleineren Zahl als ein 'Woke-Kapitalismus' geschmäht, der dem Mob der Social Justice nachgibt, ein Kulturkampf, der die Freunde der Meinungsseiten, das Twitterversum und die Substack-Nation beschäftigt halten wird, die schon jetzt ihre Gewissheiten für die nächste Salve von Speerwürfen schärfen werden."

Seite für Seite arbeitet sich Clair Wills durch den Abschlussbericht der Kommission, die den Zuständen in Irlands Mutter-Kind-Heimen nachging. Es ist ein Katalog der Scheußlichkeiten, seufzt Wills: Über Jahrzehnte hinweg starb ein Viertel der Kinder in den katholischen Heimen von Tuam, Bessborough oder Galway, in denen ledige Mütter weggesperrt wurden, um von der Gesellschaft ferngehalten zu werden und einige Jahre ohne Lohn zu arbeiten. In Tuam etwa wurden die toten Kinder einfach in die Sickergrube geworfen, in Bessborough wurden Kinder dagegen für tot erklärt und dann zur Adoption freigegeben. Und doch kann Wills auch verstehen, dass die Kommission - zum blanken Entsetzen der Betroffenen - die Kirche vor einer Generalverurteilung in Schutz und die Gesellschaft in die Pflicht nimmt: "Die historische Analyse, die der Bericht vorlegt, könnte der Ausgangspunkt sein für eine radikale Debatte über Irlands kollektive Verantwortung. Anzuerkennen, welchen Schaden religiöse Institutionen und mit ihnen der Staat anrichteten, sollte nicht und darf auch nicht dazu dienen, den Rest von uns aus der Verantwortung zu entlassen: Männer, die sich nach England verdrückten anstatt für ihre Kinder zu zahlen (einer von ihnen war mein Onkel); Eltern, die ihre Kinder und Enkel abwiesen (zu ihnen gehörte meine Großmutter); die Menschen, die die Frauen in den Heimen und die weggeschickten Kinder nicht sehen wollten (wie einige meiner Verwandten). Ich bin verantwortlich. Meine Familie ist verantwortlich. Menschen, die ich kenne, waren verantwortlich. Und einigen von ihnen ist auch Schuld zu geben."

Weiteres: Tareq Baconi liefert Hintergründe zu der aktuellen Eskalation in Nahost, vor allem zu den Vertreibungen palästinensischer Familien aus ihren Häusern im Ost-Jerusalemer Viertel Sheikh Jarrah. Adam Phillips lernt bei Kafka und Freud, aus seinem eigenen Leben ausgeschlossen zu sein.

Magazinrundschau vom 11.05.2021 - London Review of Books

Der Historiker Colin Kidd gibt gern zu, dass ihn in den siebziger und achtziger Jahren Nordirland ziemlich wenig interessierte, obwohl er nur 100 Meilen von Belfast entfernt auf der anderen Seite des Firth of Clyde im schottischen Ayr aufwuchs. Wenn der peinliche Cousin der Mutter mit dem zerschossenen Bein aus Nordirland zu Besuch kam, nahmen alle reißaus. Ging es nicht vielen so? Wer hat sich damals eigentlich mit den Troubles wirklich beschäftigt? Der Politikwissenschaftler Niall Ó Dochartaigh legt nun seine Geschichte "Deniable Contact" vor, derzufolge der Konflikt nicht so unvermeidbar und erst recht nicht so unpolitisch war, wie gern geschildert: "Die IRA war nicht, wie die britischen Medien gern behaupteten, völlig dogmatisch und unflexibel. Tatsächlich hielt sie immer Ausschau nach Möglichkeiten für einen verhandelten Ausstieg. Ó Dochartaighs Ton ist etwa steril, er verliert wenig Worte über all die Leben, die in Folge der hartherzigen Entscheidungen der IRA-Führung zerstört wurden. Doch es fällt schwer, nicht wehmütig zu werden: So viele Menschenleben auf beiden Seiten hat die Sache - das vereinte Irland - gefordert, die trotz aller Rhetorik von der IRA gar nicht mit vollem Herzen verfolgt wurde. Sie schien immer zu Verhandlungen bereit zu sein. Saßen wirklich so viele IRA-Freiwillige im Gefängnis, starben so viele ihrer Kameraden im Kampf oder im Hungerstreik für ein Verhandlungsergebnis, wie es die IRA-Strategie drei Jahrzehnte lang seit den frühen Siebzigern vorsah? Aber auch andere tragen Verantwortung für das andauernde Blutvergießen. Nahm die britische Regierung die Verhandlungsbereitschaft der IRA nicht wahr - oder glaubte sie nicht daran? Ließ sie deshalb all die vielversprechenden Möglichkeiten verstreichen?"

Weiteres: Benedetta Craveris Porträtsammlung "The Last Libertines" zeigt Caroline Weber, wie schlecht sich die aristokratische libertinage seit jeher mit der bürgerlichen liberté verträgt: De Sade und Laclos wurden nach der Revolution nur deswegen nicht hingerichtet, weil es Robespierre noch vor ihnen erwischte.

Magazinrundschau vom 04.05.2021 - London Review of Books

In einem sehr eingehenden Essay befasst sich Adam Shatz mit Timothy Brennans Edward-Said-Biografie "Places of Mind", vor allem aber mit dem Leben und Denken des Literaturwissenschaftlers selbst, der als christlich-arabischer Intellektueller mit einer großen Liebe zum westlichen Kanon ziemlich einsam zwischen allen Stühlen saß, wie Shatz schreibt. Den Anhängern seiner Theorie des "Orientalismus" konnte Said demnach genauso wenig abgewinnen wie seinen Gegnern: "Einige seiner heftigsten Kritiker waren linke arabische Intellektuelle, die die Region nicht für akademische Posten im Westen verlassen hatten. In ihren Augen reproduzierte Said genau die Opposition von West und Ost, der er sich eigentlich entgegenstellen wollte. Diese Kritiker glaubten auch, dass Said das Pferd von hinten aufzäumte, wenn er die Betonung auf den westlichen Blick legte anstatt auf den Imperialismus, der diesen erst geprägt hatte. Ihrer Ansicht nach würde mit dem Ende der imperialen Herrschaft auch der Orientalismus als ideologische Rechtfertigung verschwinden. Sadik al-Azm schrieb in einer ausführlichen Kritik, Saids Buch riskiere, da es auch den Marxismus als westliche Ideologie denunziere, den Islamisten und ihren Kampagnen gegen westlichen Unterricht in die Hände zu spielen. Diese Kritik spiegelt ein fundamentales Missverständnis von 'Orientalismus': es war eine Studie zur Repräsentation des Imperialismus in der Literatur, nicht zum Imperialismus selbst. Doch die Kritik zeigte auch, dass die Intellektuellen in der arabischen Region andere Prioritäten hatten als ihre Konterparts im Westen. Said nahm die Kritik nicht gut auf, er beschimpfte al-Azm als 'linken Khomeini'. Dabei hatte al-Azm den Finger auf einen heiklen Punkt gelegt: Auch wenn Said selbst gegen antiwestlichen Dogmatismus, religiöse Politik und nativistische Bewegungen opponierte, ließ sich sein Buch für eben diese rituelle Verdammung westlicher Kultur nutzen. Der akademische Postkolonialismus, der für eine wachsende Zahl von Studenten aus der gehobenen Mittelklasse des Nahen Ostens und Südasiens einen Karriereweg eröffnete, entwickelte zu Saids Ärger eine zunehmend orthodoxe Ablehnung von Säkularismus und Aufklärung."

Ägypten bezieht 95 Prozent seines Wassers aus dem Nil. Der Fluss ist für das Land mit seinen 100 Millionen Einwohnern Lebensnerv, Rückgrat und Schlagader in einem, Assuan-Staudamm und Nasser-See sind der Stolz der Nation. Dass Äthiopien nun seinerseits einen der beiden Quellflüsse stauen will, den Blauen Nil, führt zu schweren Konflikten zwischen den beiden Ländern, wie Rosa Lyster berichtet: "2011, im Jahr des Arabischen Frühlings, begann Äthiopien mit dem Bau von Afrikas größtem hydroelektrischen Staudamm, 2023 soll er fertig sein. Die Ägypter sprechen manchmal über die beiden Ereignisse - die Revolution und den Baubeginn für den Großen Staudamm der äthiopischen Wiedergeburt (Grand Ethiopian Renaissance Dam, GERD) -, als gäbe es einen kausalen Zusammenhang: Als hätte Äthiopien nur mit dem Bau, der das Stauen von 74 Milliarden Kubikmeter Nilwasser ermöglichen wird, beginnen können, weil Ägypten anderweitig beschäftigt war. Die Vorstellung jedoch, dass Ägypten irgendetwas hätte tun können, um den Damm zu verhindern, innere Erhebung oder nicht, wird vehement von Äthiopien bestritten. Das Land stellt damit auch ein von den Briten initiiertes Abkommen aus der Kolonialzeit infrage, das die natürlichen und historischen Rechte Ägyptens auf das Wasser des Nils sichert (87 Prozent, um genau zu sein, die übrigen 13 Prozent sind dem Sudan zugesprochen) und Ägypten das Recht gibt, gegen jedes Projekt flussaufwärts sein Veto einzulegen. Vertreter Äthiopiens verweisen darauf, dass sie von der Aushandlung des Abkommens ausgeschlossen waren und verteidigen das Projekt seit zehn Jahren: Es ist unser Wasser und unser Geld. Hier sind die Quellwasser des Blauen Nils, innerhalb unserer Grenzen, und hier ist die Talsperre, die sechs Gigawatt Elektrizität liefern wird - das Äquivalent zu zwölf Kohlekraftwerken - und zwar in einem Land, in dem die Mehrheit der Menschen keinen eigenen Zugang zu Strom hat. Ihr habt Euren Staudamm, wir haben unseren."

Magazinrundschau vom 20.04.2021 - London Review of Books

Die Schifffahrt ist der Motor der Globalisierung, aber so unsichtbar und undurchdringlich wie nie zuvor, erkennt John Lanchester. Die vierhundert Meter lange Ever Given zum Beispiel, die fast eine Woche lang den Suez-Kanal blockierte, wird von einer nur 25-köpfigen indischen Mannschaft betrieben; das Containerschiff gehört einer japanischen Gesellschaft, die es an eine taiwanesische geleast hat, die es wiederum von der Hamburger Bernard-Lange-Reederei unter panamaischer Flagge betreiben ließ. Lanchester empfiehlt Laleh Khalilis sehr instruktives Buch "Sinews of War and Trade" über die Bedeutung des Suezkanals: "Die Welt hatte sich verändert, als der Suez-Kanal nach dem Sechstage-Krieg von 1967 wieder eröffnet wurde. Die Veränderungen in der Schifffahrt bezogen sich vor allem auf die Größe: Alles an Schiffen wurde größer und größer und schließlich noch mal größer. Die Notwendigkeit, um das Kap der Guten Hoffnung zu fahren und dort den legendären Stürmen standzuhalten, war an sich schon ein Argument für robustere Schiffe. Die wachsende Bedeutung des arabischen Öls für die westlichen Ökonomien führten aber auch zu größeren Tankern. Erst zu dem VLLC, dem Very Large Crude Carrier, dann zum ULCC, dem Ultra Large Crude Carrier. Wie Khalili erklärt, wurden diese Schiffe auch durch finanzielle Innovationen möglich gemacht. Aristoteles Onassis, eine treibende Kraft hinter der Gargantuanisierung der Schiffe, verlieh ein neues Schiff an eine Ölfirma, die Transportkapazitäten brauchte, aber nicht unbedingt die nötigen Transportmittel kaufen wollte. Onassis nutze die verheißenen Gewinne aus dem Charter-Vertrag, um das Schiff zu versichern, dann diente ihm die Versicherung als Garantie für den Kredit, den er brauchte, um das Schiff bauen zu lassen. Es ist eine wunderbare Geschichte über die Macht des Kapitals, aus sich selbst heraus mehr Kapital zu schaffen. Eigentlich könnte man sagen, dass das zu Beginn der Transaktion nicht existierende Schiff durch die Magie der Finanzen sein Werden erzwang."

Rivka Galchen liest in Matthew Cobbs "The Idea of the Brain" nach, wie sich unsere Vorstellungen und unser Wissen vom Gehirn im Laufe der Jahrhunderte wandelten: "Descartes dachte, dass Gehirn funktioniere wie ein hydraulisches System, ganz wie die Statuen, die er in den Gären von Saint-Germain-en-Laye vor sich hatte. Spätere Denker sahen im Gehirn genau das, was sie um sich herum hatten: Elektrizität, Magnetismus, Boole'sche Algebra, Bayes'sche Mathematik oder einen Rechner, der uns zu unserer Mutter befragt. Androide träumen von elektrischen Schafen. Bemerkenswert ist, dass unser Wissen aus diesen Träumen erwächst, wenn auch unberechenbar."

Außerdem: Adam Tooze rekapituliert Paul Krugmans Konversion von Bill Clintons neokeynesianischem, also neoliberalem Berater in den neunziger Jahren zu Joe Bidens keynesianischem Berater des Jahres 2021, der nicht nur auf die Geld-, sondern auch auf die Fiskalpolitik setzt.

Magazinrundschau vom 30.03.2021 - London Review of Books

Katherine Rundell widmet ein schönes Tierporträt dem intelligenten, starken und mutigen Storch, also dem Herkules unter den Vögeln. Angeblich schaute sich Otto Lilienthal für seine Flugexperimente bei Störchen ab, wie sie ihre Flügel schwingen, die Thermik zum Steigen nutzen und mit dem Wind gleiten. "Unsere Liebe und Bewunderung für Störche schwankt zwischen dem Sentimentalen und dem Gastronomischen. Mindestens vier Arten sind heute durch Jagd und Habitat-Verlust gefährdet. Bis vor kurzem gab es keine indigenen Störche mehr in Britannien. Die vorletzten Storchenjungen wurden 1416 in England geboren, danach dauerte es über sechshundert Jahre, bis einer der rund hundert wiedereingeführten Vögel im letzten Mai in Sussex fünf Junge bekam. Niemand weiß, warum die Störche in Britannien ausgelöscht wurden: Es heißt, sie bevorzugen Republiken, dann wären die Royals Schuld, aber wahrscheinlicher ist, dass sie verspeist wurden. Bei mittelalterlichen Festen waren sie Teil der Zutaten für Wildpastete, eine Delikatesse, in die auch Reiher, Kranich, Krähe, Kormoran und Rohrdommel gehörten. In Europa gehörten sie bis ins 17. Jahrhundert hinein zum Ritual spektakulärer Tafelfreuden: Speisen mit Edelmetall vergoldet, Hähne mit Papierhüten, die wie Reiter auf Schweinerücken saßen, Wildschweinköpfe, aus deren Mäulern Feuerwerkskörper schossen, und Störche, die gebraten und dann wieder gefiedert wurden, so dass sie aussahen, als hätten sie gerade ihre Flügel aus dem Flug angelegt und wären auf dem Tisch zur Ruhe gekommen."

Im Online-Werbemarkt herrschen die absurdesten Moden und Gesetzmäßigkeiten, stellt Donald MacKenzie fest. Jahrelang warfen Werbekunden zum Beispiel Google Abermillionen in den Rachen, indem sie Anzeigen schalteten, die bei einer Suchanfrage ganz oben erscheinen sollten, obwohl ja bereits explizit danach gesucht worden war. das ändert sich immer erst, wenn ein Tech-Gigant die Marschrichtung ändert: "Im Dezember brachte die Financial Times eine ganzseitige Anzeige von Facebook - in der Printausgabe! - als Angriff auf Apple: 'Für die kleinen Geschäfte überall bieten wir Apple die Stirn.' Die Anzeige führte nicht aus, was Facebook so aufgebracht hatte, aber es ging darum, dass jedes Iphone oder Ipad über ein IDFA, einen Identifier for Advertisers, identifiziert werden kann. Für einen Werbetreibenden, egal ob klein oder groß, ist es ziemlich nützlich, die IDFA eines Geräts zu kennen: Es macht das plumpe und rechtlich fragwürdige Fingerprinting überflüssig. Bisher mussten Nutzer, die den Zugang zu ihrer IDFA blockieren wollten, erst einmal wissen, dass sie eine hatten und wie man die Einstellungen entsprechend ändert. Von jetzt an fordert Apple von jeder App, sich explizit bei jedem Nutzer die Erlaubnis zu holen, die IDFA zu erfahren oder sie in anderer Form zu tracken - unter der Androhung, aus dem App Store verbannt zu werden, eine Strafe, die nicht einmal Facebook bereit wäre zu bezahlen. Das ist etwas anderes als die Art, wie man Cookies akzeptieren soll. Apples Interface macht es genauso leicht, die Berechtigung zu verweigern wie zu geben, und Apple (das seinen App Store als seinen Besitz ansieht und deswegen die Regeln festlegt) wird es Apps nicht erlauben, einen Dienst zu reduzieren, wenn jemand nein sagt. Die Vermutung der Branche ist, dass nur eine kleine Minderheit bereit sein wird, sich tracken zu lassen."

Weiteres: T.J. Clark entdeckt eine Art christlichen Nihilismus im Werk von Hieronymus Bosch. Jenny Turner liest Selina Hastings Biografie der Kosmopolitin, Society-Reporterin und Schriftstellerin Sibylle Bedford.

Magazinrundschau vom 16.03.2021 - London Review of Books

Als hervorragendes Geschichte des britischen Konservatismus empfiehlt Jonathan Parry Edmund Fawcetts "Conservatism: The Fight for a Tradition", der er zum Beispiel entnimmt, dass erst Margaret Thatcher mit dem britischen Upperclass-Konservatismus aufgeräumt hat, der sich als Kombination aus Traditionalismus und "intellektueller Unzulänglichkeit" darstellte: "Gesellschaftlicher Zusammenhalt wurde ursprünglich organisch betrachtet, hergestellt durch Hierarchien des Ranges und des Besitz, doch die wachsenden Spannungen zwischen den Klassen machte das zunehmend unangemessen, also verbreiteten sich die Idee der Nation. ... Seit konservative Parteien eine Allianz mit kapitalistischen Interessen geschmiedet haben, um ihr Eigentum zu schützen, verläuft die peinlichste Bruchlinie zwischen der Verteidigung von Gemeinschaft und Konvention auf der einen Seite, und der Freiheit zur Innovation und Wohlstandsmehrung auf der anderen. Zu Beginn misstrauten Konservative daher den neuen Formen der Politik, die Liberale geschaffen hatten. Oftmals waren sie Aristokraten und daran gewohnt, Anweisungen zu geben. Öffentliche Debatten waren ihnen nicht geheuer und ihnen erschloss sich auch nicht, wozu es eine Intelligenzija oder Medien bräuchte."

Thomas Meaney blickt nach Singapur, das sich heute als wahr gewordener Traum des Neoliberalismus präsentiert. Dabei sah sich Singapurs Lee Kuan Yew anfangs eher neben Nehru, Nkrumah oder Tito: "Singapur begann das 20. Jahrhundert als eine Drehscheibe des asiatischen Kommunismus, und in der Dekade nach dem Zweiten Weltkrieg hatten hier sämtliche Ideologien des Jahrhunderts ihren Auftritt. Als einstiger Anhänger der Fabian Society gestaltete Lee Kuan Yew Singapurs Wohlfahrtsstaat und Wohnungsbau nach dem Modell von Clement Atlees Britannien, allerdings als hyperbolische Version: Singapurs Regierung gehören heute 85 Prozent des Landes, 80 Prozent der Bevölkerung leben im öffentlichen Wohnungsbau. Lee übernahm auch andere Ideen von seinen linken Rivalen: Säuberungskampagnen, Anti-Korruptions-Wellen und Uniformen mit kurzen weißen Ärmeln sollten die Reinheit der People's Action Party beweisen. Seine Kampagne für asiatische Werte und sein Eugenik-Programm von 1980 - eines der wenigen, dass die Bürger Singapurs ablehnten - machten dagegen eher Anleihen beim japanischen Faschismus. Das ausgefeilte Kadersystem der PAP bezieht sich explizit auf das vatikanische Kardinalskollegium. Und dabei zieht sich ein immenses Brokat-Band von kolonialem Recht und Vorschriften durch Singapurs politisches Leben wie ein sorgsam gehütetes viktorianisches Erbstück."

Magazinrundschau vom 16.02.2021 - London Review of Books

Den Algerienkrieg zu vergessen war in Frankreich offizielle Politik, aber auch im Privaten wurde die Erinnerung an die begangenen und erlittenen Gräuel häufig beschwiegen. Selbst der kürzlich gestorbene Drehbuchautor Jean-Claude Carrière warf zusammen mit seiner Frau alle Briefe in die Seine, die sich beide in den Jahren seines Wehrdienstes geschrieben hatten, erzählt Adam Shatz. Bestürzt liest er, was Raphaëlle Branche in ihrer Untersuchung "Papa, qu'as-tu fait en Algérie?" an unterdrückten Erinnerungen zusammenträgt: "Die Familien ließen sich oft täuschen durch die beschwichtigenden Briefe, die sie von den Einberufenen während des Krieges erhielten und dachten, es sei wenig geschehen. Viele wollten diesen Eindruck nicht zerstreuen. Michel Berthelémy versuchte seiner Familie von dem Jungen zu erzählen, den er getötet hatte, aber sie interessierte sich nicht dafür. Viele fanden es unmöglich, auch nur zu versuchen, über das Erlebte zu sprechen. In den sechziger Jahren setzt sich vom Algerien-Rückkehrer das Stereotyp des aggressiven, vage psychotischen Flegels durch, eines ignoranten Prolls - den Cabu von Charlie Hebdo als Le Beauf zeichnete. Dass der Beauf seinen Ursprung in dem haben könnte, was Frantz Fanon die psychischen Störungen des Krieges bezeichnete, spielte damals keine Rolle für Frankreichs medizinisches Establishment. Bis 1969 benutzten Studenten im Feld der militärischen Medizin ein Handbuch von 1935. Ärzte wischten Berichte über kriegsbedingte Traumata beiseite mit der Behauptung, dass ein geschädigter Patient geschwätzig, großspurig und glücklich sei mit sich und seinen unkontrollierten Geschichten."

Tony Wood blickt nach Russland, wo Alexej Nawalny die größte Demonstration von Unzufriedenheit auf die Straße brachte, die von der Staatsmacht entschlossen niedergeknüppelt wurde. Wladimir Putin glaubt die Zeit auf seiner Seite, aber da könnte er sich täuschen, meint Wood: "Ein bedeutender Anteil der Protestierenden ist knapp unter oder etwas über zwanzig - es sind Menschen, die unter Putins Herrschaft geboren oder aufgewachsen sind und für die das Gespenst des Chaos, das der Kreml so oft an die Wand malt, weniger beängstigend sein dürfte als eine Zukunft der Stagnation und endloser Korruption."

Magazinrundschau vom 02.02.2021 - London Review of Books

Noch möchte die äthiopisch-amerikanische Schriftstellerin Maaza Mengiste die in Äthiopien auf Premierminister Abiy Ahmed gesetzen Hoffnungen nicht aufgeben, doch der gegenwärtige Konflikt mit der Regionalregierung von Tigray zeigt ihr wieder einmal, wie sehr dem Land ein kritischer Blick auf seine jüngere Geschichte fehlt. Ein Regime löste das andere ab, nach Haile Selassie kam die sozialistische Militärdiktatur, danach die EPRDF-Koalition und jetzt die Wolhstandspartei, aber nie wurde die Untaten und Verbrechen aufgearbeitet: "Das nördliche Hochland von Äthiopien ist bergig und steinig, die Menschen dort sind stur. Obwohl Mussolini 1936 den Sieg für sich verbuchte, war der Krieg nicht zu Ende. Äthiopische Kämpfer nahmen die Berge ein, sie lebten in Höhen und führten einen Guerilla-Krieg, mit dem sie 1941 schließlich die Italiener vertrieben. Wahrscheinlich erinnerten sich die Bewohner des nördlichen Hochlands in den Jahres des Derg-Regime an das Blutvergießen, das die Italiener angerichtet hatten, entweder aus eigenem Erleben oder aus Familienerzählungen. Es ist auch wahrscheinlich, das etliche, die die heutigen Konflikt erleben, Erinnerungen an die Derg-Jahre mit sich tragen. Um zu verstehen, was heute geschieht, braucht es geschichtliche Tiefenschärfe, aber Äthiopiens Stolz aus seine lange und ununterbrochene nationale Existenz, die schon in der Bibel, in der Ilias, bei Herodot und anderen antiken Texten bezeugt ist, erscheint heute als ein Hindernis in der Aufarbeitung seiner Geschichte. Es reicht nicht mehr, dem gegenwärtigen Konflikt einige antike historische Anklänge vorwegzuschicken."

Jeremy Harding dröselt außerdem en detail den Konflikt zwischen französischem Säkularismus und Islamismus auf, und am Ende ist klar, wem er einen Mangel an pragmatischer Vernunft ankreidet: "Mit der Realität dschihadistischer Mordtaten vor Augen muss man fragen, ob Charlie Hebdos Krieg gegen Bigotterie und Gewalt eine präzis geführte Offensive war oder ein Flächenbombardement muslimischer Sensibilitäten. Und unabhängig davon: Verminderte er im Ergebnis die dschihadistische Gewalt oder erhöhte er sie? Trennte Charlies Halsstarrigkeit den Feind von der großen Mehrheit der französischen Muslime, oder unterzog er ihre republikanische Loyalität einer neuen Art von Stress? Verstärkte er den Respekt für die Laizität unter Muslimen oder erweiterte er den Rahmen der Ambivalenz? Eine weitere Zwickmühle: Ist die Meinungsfreiheit ein absolutes Recht, auf das sich jeder berufen kann, der behauptet, in ihrem Namen zu zeichnen, zu rappen, zu lehren, zu veröffentlichen oder zu töten?" Überschrieben ist der Artikel dann auch mit "Charlie's War" - als wären es die Journalisten gewesen, die einen Krieg angefangen hätten.

Magazinrundschau vom 19.01.2021 - London Review of Books

Ursula Le Guins Science-Fiction-Romane gehören zum Besten, was das Genre hervorgebracht hat. Auf Englisch ist ihr Band "The Carrier Bag Theory of Fiction" neu aufgelegt worden, freut sich Colin Burrow, in dem sie selbst ihr Schreiben als einen "großen schweren Sack voller Zeugs" beschreibt, "eine Tragetasche voller Trottel und Heulsusen... voller Anfänge ohne Enden ... voller Raumschiffe, die stecken bleiben, Missionen, die scheitern, und Menschen, die nicht verstehen". Dass es bei ihr gerade nicht um die Eroberung ferner Planeten oder Raumschiffe mit Warp-Antrieb geht, macht sie in Burrows Augen so bewunderungswürdig: "Die Fragen, die Le Guin stellte, waren groß und ihre Antworten subtil. Bereits vor einem halben Jahrhundert fragte sie: 'Was, wenn Menschen die meiste Zeit androgyn wären, und nur zur Paarung zufällig einem Geschlecht bekämen, so dass man Sätze zu lesen bekommt wie 'Der König war schwanger'? (So in 'Die linke Hand der Dunkelheit'). Oder: 'Was wenn ein kapitalistischer Planet von einem Mond umkreist würde, auf dem eine Gesellschaft ohne Gesetze und ohne Privateigentum lebte?' (So in 'Planet der Habenichtse') Abgesehen von diesen großen Fragen stellt ihr Schreiben die Leser aber auch vor weniger offensichtliche Fragen. Steckt in einem so viel unbewusster Rassismus, dass man nicht merkt, dass die Frau oder dieser Zauberer dunkle Haut hat? Warum merkt man nicht, dass die Person, die man für einen Alien hält, tatsächlich von der Erde stammt? Für Le Guin führen solche Fragen fast immer zu den eigenen Vorstellungen über die Menschen. Sie machen es falsch, wenn sie es richtig machen wollen, und je mehr sie glauben, sie hätten alles unter Kontrolle, umso schlimmer sind die Fehler, die sie wahrscheinlich begehen werden."

Perry Anderson beendet seine Serie zum britischen Abschied aus der EU mit einem gehässigen Stück, in dem er in extenso die glorreiche Geschichte der britischer Parteipolitik und die Korruptheit europäischer Eliten darlegt, während er die Geschichte anderer Länder meist mit einem Satz abfertigt. Schließlich klingt er wie Jaroslaw Kaczynski oder Viktor Orban: "Die Europäische Union in ihrer heutigen Gestalt spricht fortwährend von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, selbst wenn sie sie in Wahrheit negiert. Dahinter steckt nicht unbedingt böse Absicht. Sie ist einfach das geworden, was diejenigen im Sinn haben, die von dem Einigungsprojekt Besitz ergriffen haben: Ein Vereinigung des Kontinents von oben, wenn möglich durch List, wenn nötig durch Diktat."

Magazinrundschau vom 12.01.2021 - London Review of Books

Adam Shatz findet es ungerecht gegenüber den großen Verschwörern der Weltgeschichte, den Vandalismus von Donald Trumps Lumpenarmee als Putschversuch zu bezeichnen (die LRB hat eine hübsche Reihe von Texten zu gelungenen und vereitelten Coups zusammengestellt.) Und er bezweifelt, dass die zynische Kehrtwende, die führende Republikaner wie Mitch McConnell und Lindsey Graham so überraschend vollzogen haben, auf ihr Konto geht. Viel wichtiger sei das Wahlergebnis von Georgia, glaubt Shatz, und eigentlich sei Stacey Abrams die Frau der Stunde: "Der 6. Januar markiert den grausigen Schlusspunkt von Trumps vier Jahre anhaltendem Angriff auf die Institutionen der amerikanischen Demokratie markiert, aber er ist auch der Gipfel einer anderen Kampagne: von Stacey Abrams zehnjährigem Bemühen, Georgia in die Hand der Demokraten zu geben. Unter der Führung von Abrams, einer Erbin der Bürgerrechtlerinnen Ella Baker und Fannie Lou Hamer, arbeiteten politische Organizer langsam und geduldig daran, die Wahlbeteiligung zu erhöhen, besonders unter Schwarzen. Etliche Demokraten wollten Abrams nicht glauben, wenn sie beteuerte, dass Georgia sich wandele. Dank der Rückkehr vieler Schwarzen aus dem Norden, bemerkte sie, betrug ihr Anteil an der wahlberechtigten Bevölkerung mittlerweile ein Drittel; in Georgia gab es zudem eine wachsende Anzahl von Latinos und asiatischen Wählerns, die zusammen mit liberalen Weißen eine demokratische Mehrheit bilden könnten. 2018 hätte sie beinahe die Gouverneurswahlen gewonnen, wenn nicht so viele Bürger von der Wahl ausgeschlossen worden wären (ihr Gegenspieler Brian Kemp war als Wahlleiter für den Ausschluss von 1,4 Millionen Wählern zwischen 200 und 2018 verantwortlich). Sie machte den Weg frei, aber sie weigerte sich, ihre Niederlage formal einzugestehen. Sie machte weiter Druck und unterstützte die Kampagnen der beiden Kandidaten für den Senat: Raphael Warnock, Pastor der Ebenezer Baptist Church in Atlanta, wo Martin Luther King gepredigt hatte, und John Ossoff, der als Praktikant bei Georgias im Juli verstorbener Bürgerrechtsikone John Lewis angefangen hatte… Wird das tiefrote Georgia ein blauer Staat? Kommt Texas als nächstes? Ist das der Beginn eines neuen Südens?"

Als eingeschworener Arsenal-Fan liest der Dramatiker Will Frears die Autobiografie des gestürzten Trainergotts Arsène Wenger, der dem schon halb abgeschriebenen Fußballclub den "größten, kraftvollsten und schnellsten" Fußball bescherte, den die englische Liga je gesehen hatte - bis arabisches und russisches Geld auch Wenger hinwegspülte: "Wenger beschreibt sein erstes Spiel als Trainer: 'Wir spielten auswärts bei den Blackburn Rovers. Ian Wright schoss zwei Tore. Sieg! Auf dem Weg zum Stadium skandierten die Spieler: 'Wir wollen unsere Mars-Riegel!' Ich hatte angefangen mit ihnen zu arbeiten und meine Vorstellungen durchzusetzen, auch in Bezug auf die Ernährung. Der Fußball, der in England heute gespielt wird - das Tempo, das Spektakel, die irrsinnige Athletik, die Obsession mit den Entfernungen, die ein Spieler laufen muss, das Gegenpressing, die Statistiken Pep, Klopp, Mo Saleh, Kevin de Bruyne und von links zieht Marcus Rashford rüber - begann mit dem Verbot von Mars-Riegeln."

Weiteres: Hardcore-Israelkritiker Nathan Thrall möchte eine konzeptionelle Mauer zertrümmern: "Die Vorstellung, dass Israel eine Demokratie ist, wie sie von Peace Now, Meretz, der Haaretz-Redaktion und anderen Kritikern der Besatzung aufrechterhalten wird, beruht auf dem Glauben, dass man den Staat in den Grenzen von 1967 trennen kann vom restlichen Territorium unter seiner Kontrolle."