
In einem sehr eingehenden Essay
befasst sich Adam Shatz mit Timothy Brennans
Edward-Said-Biografie "Places of Mind", vor allem aber mit dem Leben und Denken des Literaturwissenschaftlers selbst, der als christlich-arabischer Intellektueller mit einer großen Liebe zum westlichen Kanon ziemlich einsam zwischen allen Stühlen saß, wie Shatz schreibt. Den Anhängern seiner Theorie des
"Orientalismus" konnte Said demnach genauso wenig abgewinnen wie seinen Gegnern: "Einige seiner heftigsten Kritiker waren
linke arabische Intellektuelle, die die Region nicht für akademische Posten im Westen verlassen hatten. In ihren Augen reproduzierte Said genau die Opposition von West und Ost, der er sich eigentlich entgegenstellen wollte. Diese Kritiker glaubten auch, dass Said das Pferd von hinten aufzäumte, wenn er die Betonung auf
den westlichen Blick legte anstatt auf den Imperialismus, der diesen erst geprägt hatte. Ihrer Ansicht nach würde mit dem Ende der imperialen Herrschaft auch der Orientalismus als ideologische Rechtfertigung verschwinden.
Sadik al-Azm schrieb in einer ausführlichen Kritik, Saids Buch riskiere, da es auch den Marxismus als westliche Ideologie denunziere, den Islamisten und ihren Kampagnen gegen westlichen Unterricht in die Hände zu spielen. Diese Kritik spiegelt ein fundamentales Missverständnis von 'Orientalismus': es war eine Studie zur
Repräsentation des Imperialismus in der Literatur, nicht zum Imperialismus selbst. Doch die Kritik zeigte auch, dass die Intellektuellen in der arabischen Region andere Prioritäten hatten als ihre Konterparts im Westen. Said nahm die Kritik nicht gut auf, er beschimpfte al-Azm als 'linken Khomeini'. Dabei hatte al-Azm den Finger auf einen heiklen Punkt gelegt: Auch wenn Said selbst gegen antiwestlichen Dogmatismus, religiöse Politik und nativistische Bewegungen opponierte, ließ sich sein Buch für eben diese rituelle Verdammung westlicher Kultur nutzen. Der
akademische Postkolonialismus, der für eine wachsende Zahl von Studenten aus der gehobenen Mittelklasse des Nahen Ostens und Südasiens einen Karriereweg eröffnete, entwickelte zu Saids Ärger eine zunehmend
orthodoxe Ablehnung von Säkularismus und Aufklärung."
Ägypten bezieht 95 Prozent seines Wassers
aus dem Nil. Der Fluss ist für das Land mit seinen 100 Millionen Einwohnern Lebensnerv, Rückgrat und Schlagader in einem, Assuan-Staudamm und Nasser-See sind der Stolz der Nation. Dass
Äthiopien nun seinerseits einen der beiden Quellflüsse stauen will, den Blauen Nil, führt zu schweren Konflikten zwischen den beiden Ländern, wie Rosa Lyster
berichtet: "2011, im Jahr des Arabischen Frühlings, begann Äthiopien mit dem Bau von Afrikas größtem hydroelektrischen Staudamm, 2023 soll er fertig sein. Die Ägypter sprechen manchmal über die beiden Ereignisse - die Revolution und den Baubeginn für den
Großen Staudamm der äthiopischen Wiedergeburt (Grand Ethiopian Renaissance Dam, GERD) -, als gäbe es einen kausalen Zusammenhang: Als hätte Äthiopien nur mit dem Bau, der das Stauen von 74 Milliarden Kubikmeter Nilwasser ermöglichen wird, beginnen können, weil Ägypten anderweitig beschäftigt war. Die Vorstellung jedoch, dass Ägypten irgendetwas hätte tun können, um den Damm zu verhindern, innere Erhebung oder nicht, wird vehement von Äthiopien bestritten. Das Land stellt damit auch ein von den Briten initiiertes
Abkommen aus der Kolonialzeit infrage, das die natürlichen und historischen Rechte Ägyptens auf
das Wasser des Nils sichert (87 Prozent, um genau zu sein, die übrigen 13 Prozent sind dem Sudan zugesprochen) und Ägypten das Recht gibt, gegen jedes Projekt flussaufwärts sein Veto einzulegen. Vertreter Äthiopiens verweisen darauf, dass sie von der Aushandlung des Abkommens ausgeschlossen waren und verteidigen das Projekt seit zehn Jahren: Es ist
unser Wasser und unser Geld. Hier sind die Quellwasser des Blauen Nils, innerhalb unserer Grenzen, und hier ist die Talsperre, die sechs Gigawatt Elektrizität liefern wird - das Äquivalent zu zwölf Kohlekraftwerken - und zwar in einem Land, in dem die Mehrheit der Menschen keinen eigenen Zugang zu Strom hat. Ihr habt Euren Staudamm, wir haben unseren."