
James Meek
reist hoch in den schottischen Norden, nach
Campbeltown auf der Kintyre-Halbinsel, wo ein Werk des koreanischen Konzerns CS Wind Windturbinen für britische Offshore-Anlagen baute, bis die Produktion nach Vietnam verlagert wurde. Dort arbeiten die Menschen in Sieben-Tage-Wochen und für einen Bruchteil des Lohns. Boris Johnson, der vor sieben Jahren noch erneuerbare Energien für Labour-Unsinn hielt, möchte jetzt aus Britannien das
Saudi-Arabien der Windkraft machen. Ist das die
neoliberale Variante der Energiewende, fragt sich Meek. Oder trifft hier die visionäre und internationale Klimaschutzbewegung auf die einst ebenso visionäre und internationale Arbeiterbewegung,
ohne Hallo zu sagen? "Oft wird gesagt, der Schutz sozialer Errungenschaften schade Arbeitern in Niedriglohnländern wie Vietnam, deren Wirtschaft gerade zu florieren beginnt. 'Ihr behauptet, Ihr seid Internationalisten', heißt es dann, 'Ihr sagt, es mache Euch Sorgen, dass Arbeiter in Britannien ihren Job verlieren und in Vietnam absurd viele Stunden arbeiten. Aber worauf läuft es hinaus? Auf
britische Job für britische Arbeiter, das Schließen der Märkte und keine Jobs für Vietnamesen.' Das Problem ist: Zu fragen, was gut oder schlecht für Briten und gut oder schlecht für Vietnamesen ist, heißt die fundamentale Frage zu vernebeln, was gut oder schlecht für die Menschen ist. Man kann die Geschichte von Campbeltown gar nicht anders verstehen als eine Herausforderung für die organisierte Arbeiterschaft, sich zu internationalisieren. Ein weltweiter Konzern erfordert eine
weltweite Gewerkschaft. Die Warnung, höhere Löhne bedeuteten höhere Arbeitslosigkeit, ist das alte Schreckgespenst im kapitalistischen Drehbuch. Wenn wir den globalen Mindestlohn, die maximale Wochenarbeitszeit und globale Gesundheitsstandards als unrealistisch bezeichnen, dann sagen wir damit, die grüne Energiewende sei möglich und notwendig, aber faire Bezahlung und Arbeitsbedingungen unmöglich und unnötig."
Christopher L. Brown
stellt zwei Bücher vor über den
britischen Sklavenhandel: "
Murder on the Middle Passage: The Trial of Captain Kimber" von
Nicholas Rogers und "
The Interest: How the British Establishment Resisted the Abolition of Slavery" von
Michael Taylor. Beide beschäftigen sich mit der Frage, warum es so lange dauerte, den Sklavenhandel abzuschaffen. Die Gründe waren - nicht nur, aber vor allem - finanzieller Art. Die Grundlagen für beide Bücher lieferte gewissermaßen das Projekt 'Legacies of British Slave-Ownership', erklärt Brown. "Konzipiert und durchgeführt von Catherine Hall und ihren Kollegen am UCL, hat es das ganze Ausmaß der
britischen Investitionen in den Sklavenhandel deutlich gemacht. Viele Menschen wissen heute, dass das Ende der Sklaverei im britischen Empire, das 1833 gesetzlich festgelegt wurde, in Form eines ausgehandelten Vergleichs zwischen der Regierung und den Sklavenhaltern erfolgte, wobei
20 Millionen Pfund als Entschädigung gezahlt wurden. Das Legacies-Projekt nutzte die Aufzeichnungen, die durch diese Auszahlung entstanden, um ein biografisches Online-Lexikon der vierzigtausend Menschen zu erstellen, die eine Entschädigung beantragt hatten. In 'Capitalism and Slavery (1944) argumentierte Eric Williams, dass die Gewinne aus den britischen Plantagen die
industrielle Revolution finanzierten - ein Argument, das unter britischen Wirtschaftshistorikern mehr als fünfzig Jahre lang für Kontroversen sorgte. Das Legacies-Projekt legt nahe, dass Williams in entscheidenden Punkten nicht weit genug ging. ... Es war bequem, die Befürworter der Sklaverei als ein mächtiges, aber eng begrenztes Interesse von
abwesenden Pflanzern und ihren kolonialen Verbündeten darzustellen. Die neuen Erkenntnisse darüber, wer tatsächlich Sklaven besaß, machen deutlich, was vielleicht schon immer offensichtlich war: Investitionen in menschliches Eigentum waren in Großbritannien weit verbreitet und erstreckten sich auf der sozialen Leiter
nach oben und unten. 'Das Interesse an Westindien bestand nicht nur bei einer Handvoll Pflanzern und Kaufleuten', schreibt Michael Taylor im letzten Absatz seines ausgezeichneten neuen Buches 'The Interest', sondern umfasste 'Hunderte von Abgeordneten, Peers, Beamten, Geschäftsleuten, Finanziers, Landbesitzern, Geistlichen,
Intellektuellen,
Journalisten,
Verlegern,
Matrosen, Soldaten und Richtern, und sie alle taten das Äußerste, um die koloniale Sklaverei zu erhalten und zu schützen."
Besprochen werden außerdem
Karl Schlögels jetzt auch auf Englisch erschienene
Geschichte "Der Duft der Imperien" über die Parfüms Chanel No. 5 und Rotes Moskau und
Neuerscheinungen zu
Dantes 700. Todestag.