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Im Kino

In der Nutella-Werbung angekommen

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster, Elena Meilicke
10.07.2013. In der Henry-James-Reimagination "Das Glück der großen Dinge" von Scott McGehee und David Siegel kommt eine aufgeräumt-aseptische Ästhetik einer reinen Kino-Wahrnehmung in die Quere. Alex Gibneys Dokumentarfilm "We Steal Secrets: The Story of WikiLeaks" erzählt ein Königsdrama, das zum Erkenntnistool wenig taugt.

Keine Literaturverfilmung, sondern eine 'Reimagination', so nennt das Regie-Duo Scott McGehee und David Siegel seine Film-Adaption von Henry James' Roman "What Maisie Knew" aus dem Jahr 1897. Damit einher geht die Lizenz zu Eingriff und Umstellung - und vor allem Aktualisierung. So verlagern McGehee/Siegel die Geschichte einer Kleinfamilie im Scheidungskrieg vom spätviktorianischen England ins zeitgenössische New York. Im Zentrum steht hier wie dort das Kind, Maisie, sechs Jahre alt, erst heiß umkämpft, dann fortwährend verschoben und weitergereicht von ihren viel beschäftigten Eltern.

Die Mutter (Julianne Moore) ist Rockstar von Beruf und stakst in hochhackigen Stiefeletten und Glitzerleggings durch die Szenerie, bald zärtlich, bald abweisend, immer launisch und leidenschaftlich. Der Vater (Steve Coogan), ein Kunsthändler, ist liebenswert, aber hoffnungslos unzuverlässig. Geld und Freigeist bieten diese Eltern im Überfluss, dafür wenig konstante Fürsorge und Verbindlichkeit. Immer wieder sieht man Maisie (Onata Aprile) mit ihrem Schulränzchen sitzen und warten, wieder einmal nicht abgeholt. Eigene Kindheitserinnerungen kommen hoch, diffuse Ängste, ein dumpfer Druck in der Magengegend.

Hervorbringen kann der Film solche Affekte, weil er sich konsequent an die Perspektive Maisies hält. Sie ist in jeder Szene anwesend, zu sehen gibt es nur das, was sie sieht (oder sehen könnte). Die Kamera bewegt sich auf Augenhöhe zu Maisie, nimmt lose und annäherungsweise ihren Blick ein, ohne in formalistischen Subjektiven zu erstarren (nur selten gibt es aufdringliche Point-of-View-Einstellungen, eine schaukelnde Kamera etwa, die schaukelt, weil Maisie schaukelt). Die Streitereien der Eltern gibt es nur als akustisch vermittelte Sound-Kulisse, zeternde Stimmen, die aus dem Off ins Bild drängen und abbrechen, wenn Maisie das Zimmer betritt.

Aus Satzfetzen und heimlich erhaschten Bildern setzen wir - mit, neben, trotz Maisie - sukzessive zusammen, was geschieht. Kino-Wahrnehmung und Maisies Wahrnehmung kommen zur Deckung. Mit dieser Engführung greifen McGehee/Siegel auf, was in James' Roman angelegt ist, wenn es dort heißt, dass Maisies Blick auf die um sie herum brodelnden Leidenschaften jenem gleiche, der sich durch eine "magic-latern" fasziniert sieht: "Her little world was phantasmagoric - strange shadows dancing on a sheet. It was as if the whole performance had been given for her - a mite of a half-scared infant in a great dim theatre". Maisie sitzt quasi immer schon im Kino, ihre Lage ist die einer Kinozuschauerin, vielleicht ist sie gar die ideale Zuschauerin. Denn Maisies sechsjähriges Sehen ist ein zwar beschränktes, aber zugleich reines Sehen, eines, das nicht immer schon den Kurzschluss zum Verstehen macht, eines, in dem die Differenz zwischen Sehen und Wissen offen und ungeklärt bleibt. Eingeführt ist damit auch eine Verdoppelung: Maisie schaut zu, und wir schauen zu, wie Maisie zuschaut. Im Bild immer wieder ihr kleines, ausdruckloses Gesicht mit den großen Augen, das das Kino als Projektionskunst festschreibt - im technischen wie psychoanalytischen Sinne.


Gerade weil diese Fragen angelegt sind, nervt umso mehr, dass "Das Glück der großen Dinge" doch wenig Raum für Projektion lässt, sondern systematisch klärt und vereindeutigt. Da droht der Kitsch. McGehee/Siegel wollen Maisies Vernachlässigung auf hohem Niveau im schönsten Licht zeigen, und so ist alles im Film hell und klar, zart und durchscheinend wie Seifenblasen. Untermalt wird die lichte Leichtigkeit von softem Indie-Geklimper, ein bisschen Gitarre, ein bisschen Klavier. Ausstattung und Kostüme sind penetrant lieblich und bezaubernd, ständig trägt Maisie irgendwelche hippen Fransen und Schnüre um den Kopf, ihr Kinderzimmer ist voll von Tieren und Patchworkdecken und enthält kein bisschen Plastikspielzeug. Farbe, Licht, Musik und Ausstattung formen eine aufgeräumt-aseptische heile Welt, die mit dunklen Kinderängsten nicht mehr viel zu tun hat.

Dazu passt die grundoptimistische, wenn auch unwahrscheinliche Volte, die der Film auf der Handlungsebene schlägt. Beide Eltern angeln sich schon kurz nach der Trennung neue Partner, der Vater heiratet kurzerhand Maisies schottisches Kindermädchen Margo, die Mutter sucht sich den freundlichen Schluffi Lincoln, der als Barmann jobbt. Zwar zerbrechen auch diese Beziehungen zu jüngeren und sozial schwächeren Partnern, aber zum Glück verlieben sich daraufhin Margo und Lincoln, die beide super mit Maisie klarkommen, und werden Maisies Surrogat-Eltern. In der Presse ist "Das Glück der großen Dinge" darum verschiedentlich als progressives Plädoyer für die Patchworkfamilie gepriesen worden, eine Lesart, die sich mir nicht unbedingt aufdrängt. Wenn Maisie am Ende mit ihren blonden, gut aussehenden und grundguten neuen Eltern am Meer entlangtollt, dann fühlt man sich in der Nutella-Werbung angekommen. Interessanterweise unterscheidet sich der Film in diesem Punkt stark von James' Vorlage: bei James versagt das neue Elternpaar genauso wie das alte, und Maisie entscheidet sich dafür, bei einer alten Gouvernante zu leben. Während der Roman eine Absage an das Modell Familie formuliert, halten McGehee/Siegel daran fest.

Der vielleicht treffendste Kommentar zu "Das Glück der großen Dinge" findet sich deshalb in einem Filmtipp des Stern-Ablegers Nido (Untertitel: "Wir sind eine Familie"). In einem schönen Freud'schen Verschreiber mutiert der brave Henry James - zeitlebens war er Junggeselle, nachgesagt wird ihm eine pathologische Furcht vor Geschlechtsverkehr - in den Skandal-Erotik-Schreiber Henry Miller. Das spricht Klartext: "Das Glück der großen Dinge", ein feuchter Traum für Nido-Leser.

Elena Meilicke


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Darauf können sich vermutlich alle einigen: Durch die Digitalisierung ist es schwieriger geworden, Informationen für sich zu behalten. Fast wie von selbst treten Geheimdokumente hinaus in die Welt, wenn sie erst einmal die relative Sicherheit der abschließbaren Aktenschränke verlassen haben und - mit einem Mausklick vervielfältigbar - auf eine Festplatte oder gar einen Server geladen werden. Komischerweise scheinen sich auch alle einig zu sein, dass diese Datenverflüssigung Vorteile mit sich bringt: So begannen die verschiedenen nachrichtendienstlichen, polizeilichen und militärischen Institutionen der USA, vor allem nach 9/11, Informationen untereinander in einem vorher unvorstellbaren Maß auszutauschen.

In Alex Gibneys Dokumentarfilm "We Steal Secrets: The Story of WikiLeaks", der die Geschichte der Internetplattform und vor allem ihre Rolle in der Affäre um den Whistelblower Bradley Manning nacherzählt, erklärt einer der Interviewten, dass das Prinzip "need to share" das Prinzip "need to know" abgelöst (richtiger wäre wohl: ergänzt) habe. Oft ermöglicht gerade der inter- und intrainstitutionelle Datenfluss den Whistleblowern Zugang zu jenen Informationen, die dann zum Problem werden, wenn sie den geschlossenen Kreislauf des Behördennetzwerks verlassen. Dass es vor allem um ein Informationsgefälle geht, machen die - im Film natürlich nicht thematisierten - NSA-Enthüllungen der letzten Wochen deutlich, die einen Informationsfluss in umgekehrter Richtung zum Gegenstand haben.

Es ist in diesem Zusammenhang nicht die spannendste aller Fragen, aber dies hier ist nun einmal eine Filmkritik: Was hat das Kino all dem hinzuzufügen? Ich fürchte: nicht viel -  zumindest nicht als direktes Erkenntinstool. Es ist aus Marketingsicht einem glücklichen Zufall zu verdanken, dass "We Steal Secrets" gerade jetzt in die Kinos gelangt, wo WikiLeaks, dank Edward Snowden, wieder in die Schlagzeilen gelangt ist. "Brandaktuell" ist der Film deshalb noch lange nicht. Wer die Berichterstattung der letzten Jahre auch nur oberflächlich wahrgenommen hat, wird nicht allzu viel Neues erfahren. Und viele interessante Fragen, wie zum Beispiel die nach jenen Printmedien, die WikiLeaks-Gründer Julian Assange erst hofierten und ihn anschließend fallen ließen, werden kurz angerissen, aber gehen sofort wieder unter in der atemlosen Abfolge von talking heads, albernen Computergrafiken (die nicht Lösung, sondern Teil des Repräsentationsproblems angesichts einer abstrakter werdenden Welt sind) und Sequenzen von eher unklarem narrativen Status, in denen zum Beispiel der insgesamt nicht allzu gut wegkommende Assange zu Lady Gaga tanzt.


Gelegentlich gelingt es "We Steal Secrets", die eine oder andere Aporie der Abhördebatte auf den Punkt zu bringen; der Titel zum Beispiel bezieht sich gerade nicht auf die Arbeit von WikiLeaks, sondern ist der Selbstbeschreibung eines Geheimdienstmitarbeiters entnommen. Meist jedoch erzählt Gibney eher brav ein Königsdrama nach, das nur tragische Helden kennt: Bei Assange kann man schon lange nicht mehr sagen, ob seine faktische Gefangenschaft in der ecuadorianischen Botschaft in London eine selbstgewählte, eine selbstverschuldete oder doch eine ihm von außen aufgezwungene ist. Der sich in seinem männlichen Körper fremd fühlende Manning tauschte, glaubt man dem Film, ohnehin nur eine Gefangenschaft gegen eine andere ein (dass die beiden Hauptprotagonisten im Film nicht selbst zu Wort kommen, weil sie aus unterschiedlichen Gründen nicht für Interviews zur Verfügung standen, ist ein eher theoretisch als praktisch interessanter Aspekt). Auch Adrian Lamo, der Hacker, der Manning enttarnte, taugt, erst recht, wenn man ihn völlig verunsichert über seine Gewissensentscheidung sprechen hört, nicht zum Antagonisten.

Dass der Film personenzentriert erzählt, ist nicht grundsätzlich ein Problem; schließlich sagt auch die Instant-Mythologisierung von Typen wie Assange, Manning und Snowden etwas aus über eine Welt, die sich umso mehr nach Verkörperung und Identifikation zu sehnen scheint, je weniger darstellbar ihre Tiefenstruktur wird. Das Problem ist eher, dass Gibney auch in dieser Hinsicht nicht mehr hinbekommt, als eine technisch ansprechende, aber kommunikationstheoretisch nicht besonders integre Aufarbeitung all dessen, was in anderen Medien schon vorgeprägt war. Wie Gibney ein Internetchatprotokoll der Selbstoffenbarung Mannings gegenüber Lamo als zentrales dramaturgisches Element in seinen Film einbaut (weiße Buchstaben fast leinwandfüllend auf schwarzem Grund: "I...care?", dazu anschwellende Musik): Das kann man, unter Infotainmentgesichtspunkten, durchaus bewundern. Und mit Manning mitfühlen kann man sowieso, durch allen Schmalz hindurch. Aber gleichzeitig kann man auch das Gefühl bekommen, genau an dieser Stelle doch einer Indiskretion beizuwohnen: Manning wollte sich in diesem einen Chat dieser einen Person öffnen; ich bin mir nicht sicher, ob es in seinem Sinne ist, dass ein effektbewusster Dokumentarfilmer die aus innerer Verzweiflung heraus formulierten Sätze mit dem Großen und Ganzen der Geopolitik kurzschließt. Narrativiere Dich oder ich schlage Dich: So funktioniert der gesamte Film.

Bei der Stange halten kann das alles durchaus und sogar über eine Blockbusterlänge von 129 Minuten, und sei es nur mithife willkürlich eingefügter Passagen aus "Star Trek". Dennoch hat, glaube ich, jeder mittelmäßige Actionfilm, der gedankenlos begeistert mit der Visualisierung von Überwachungstechnik spielt, mehr über die Gegenwart der Informationsweltgesellschaft zu sagen als "We Steal Secrets: The Story of Wikileaks".

Lukas Foerster

Das Glück der großen Dinge - USA 2012 - Originaltitel: What Maisie Knew - Regie: Scott McGehee, David Siegel - Darsteller: Julianne Moore, Steve Coogan, Alexander Skarsgard, Joanna Vanderham, Onata Aprile, Sadie Rae, Jesse Stone Spadaccini - Laufzeit: 93 Minuten.

We Steal Secrets: The Story of WikiLeaks - USA 2013 - Regie: Alex Gibney - Laufzeit: 129 Minuten.
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