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Im Kino

In permanenter Feierlaune

Die Filmkolumne. Von Thomas Groh, Nikolaus Perneczky
03.07.2013. Der Animationsfilm "Ich - einfach unverbesserlich 2" von Pierre Coffin und Chris Reynaud findet in den Shoppingmalls dieser Welt zu sich selbst. Wir empfehlen: Kaufen! Pedro Almodóvar legt dagegen mit seiner nur auf den allerersten Blick anarchisch-queeren Flugzeugkomödie "Fliegende Liebende" eine veritable Bruchlandung hin.


"Despicable Me" ist manchen wahrscheinlich noch in (ausnehmend guter) Erinnerung, auch wenn man den deutschen Verleihtitel "Ich - einfach unverbesserlich" am besten gleich wieder vergaß: Eine Achterbahnfahrt von einem Animationsfilm war das, an der Hand des Möchtegernbösewichts Gru (gesprochen von Steve Carrell), der stets das Böse will und, nun ja, zumeist das Gute schafft. Wobei "Ich - einfach unverbesserlich" das gerade nicht von seiner Hauptfigur verlangte: sich zum Guten (mit großem G) zu bekennen. Selbst dann nicht, als Gru beschließt, den Beruf des Supervillain an den Nagel zu hängen und - inmitten böser Machinationen und Maschinen - drei Waisenmädchen aufzuziehen. Das klingt klebriger als es sich anfühlte, nämlich: als gelungene Errettung derselben Patchworkfamilie, die das amerikanische Indie-Kino seit gefühlten Jahrzehnten melkt, bis die Tränen kommen. (Sich im Bild der "dysfunktionalen Familie" wiederzuerkennen und einzurichten, schreibt Manfred Hermes in seinem Buch zur Fassbinder-Serie "Berlin Alexanderplatz", bindet unsere soziale Fantasie an ein restauratives Projekt.) "Ich - einfach unverbesserlich" machte es besser, stellte sich und uns ein Familienleben vor, das nur noch entfernt an geläufige Modellierungen erinnerte.
 
Den detailverliebten, perfektionistischen Animationsfilmen aus dem Hause Pixar konnte der karikatureske, aber schnörkellose Stil von "Ich - einfach unverbesserlich" zwar nicht das Wasser reichen. Aber das war auch nicht die Absicht: Den Plastik-Look, den Pixar zu überwinden (und darin sich selbst zu überbieten) trachtet, erhob "Ich - einfach unverbesserlich" in den Rang eines ästhetischen Konzepts, das in seiner schlanken, ökonomischen Anmutung überzeugte. Auch die Erzählung gab sich ganz unverschämt als reiner Funktionsträger zu erkennen. Viel mehr als ein guter Vorwand für eine Aneinanderreihung von 3D-tauglichen Setpieces (allen voran, was sonst, eine Achterbahnfahrt) war sie nicht, unterlegt mit ein, zwei nachlässig produzierten Pharrell-Tracks, die keinen anderen Zweck hatten als den, dem Franchise zweitverwertbares Material zuzuführen.
 
Wenig überraschend haben das Regie-Duo Pierre Coffin und Chris Reynaud nun einen zweiten Teil folgen lassen, der die Stärken seines Vorgängers teilt, einiges von dem, was "Ich - einfach unverbesserlich" ausgemacht hat, aber leider wieder zurücknimmt. Vor allem der Plot macht einen Rückzieher: Wo der erste Teil eine entschieden unkonventionelle Gemeinschaft entwarf, verfolgt der zweite Teil den geradlinigen und, bei aller Sympathie, erzkonservativen Erzählvektor einer (von Anfang an absehbaren) finalen Familienzusammenführung. Die Mission: Grus Waisenmädchen brauchen eine Mutter.
 


Die begnadete Kristen Wiig spricht (in der englischen Originalversion) diese Figur, die nicht nur physiognomisch ganz nach Wiigs Vorbild gestaltet ist: Lucy spricht und geht und gestikuliert wie Wiig (zuletzt in der großartigen Hochzeitskomödie "Bridesmaids"). Ein signature move zum Wiedererkennen, den "Ich - Einfach unverbesserlich 2" sich eins zu eins aneignet: Wiig hebt beide Hände so ungelenk in die Höhe als gehörten sie einer Marionette und ruft mit zum Ende hin absterbender Stimme: "Yay?" So gern man diese Wiig-Figur hat, sind ihre Möglichkeiten als animierte Witz-Figur dennoch etwas beschränkt, vor allem im Vergleich zu der erneuten Meisterleistung, die Steve Carrell in der Sprecherrolle des Gru vollbringt. Nicht nur sein Kunstdialekt mit vage osteuropäischem Einschlag macht ihn zur interessanteren Figur, sondern auch die sehr viel größere, fast unüberbrückbare Distanz, die Carrells (aus "The Office" und "40 Year Old Virgin" herleitbare) Schauspielpersona von Grus sonderbarer Physis trennt - Gru ist im Wesentlichen eine Kugel, von der zwei lange, spindeldürre Fortsätze (als Beine) und ein spitz zulaufender Zinken (seine Nase) abstehen. Wiigs Problem ist, dass sie zu nah dran ist an der ihr auf den Leib geschneiderten Figur, so dass sie hinter der Animation durchscheint, während Carrell seinen Gru gegen den Materialwiderstand der animierten Gestalt erst erschaffen muss: sehr viel bessere Bedingungen für kreativen Funkenschlag.
 
Wie schon im Vorgänger darf sich das Profitmotiv auch hier offen zu erkennen geben. Wenn überhaupt, dann treibt "Ich - Einfach unverbesserlich 2" es sogar noch weiter mit der Franchise-Überformung: Der für eine Auswertung in den Malls und Multiplexen dieser Welt gedachte Film bettet weite Teile seiner Handlung ohne inneren Grund in ebensolche Konsumwelten ein. Das hat eine gewisse, auch ästhetische Konsequenz: Richtig gesehen hat man den Film erst, wenn man nach den Credits aus dem Kino ins Einkaufszentrum tritt.
 
Nicht unerwähnt bleiben dürfen schließlich Grus minions, eine Heerschar knallgelber, Munchkin-artiger Arbeitsdrohnen in permanenter Feierlaune: Allein ihretwegen lohnt es sich, "Ich - Einfach unverbesserlich 2" zu sehen. Und so steht am Ende dieser Kritik, damit sie der Konsequenz ihres Gegenstands auch gerecht wird, ausnahmsweise eine Kaufempfehlung, zumindest an Fans des Vorgängers: Hingehen!

Nikolaus Perneczky

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An sich eine schöne Idee: Ein Passagierflugzeug kreist wegen eines Schadens im Getriebe schier endlos über Spanien, um eine Panik zu verhindern hat ein Haufen erzschwuler Stewarts zumindest die Economy Class per großzügigem Drogeneinsatz dem Reich der Träume überantwortet. Nur die wenigen wachen Leute in der Business Class riechen langsam Lunte, bestehen auf telefonischen Kontakt zu ihren Leuten daheim (was nur über das Bordtelefon geht, das blöderweise den ganzen Raum beschallt), verlangen Zutritt zum Cockpit (wo sich der ziemlich heterosexuelle Co-Pilot dann doch als leidenschäftliche Bläser des verheirateten, aber ziemlich bisexuellen Piloten herausstellt) und genehmigen sich schließlich gemeinsam mit den Stewarts diverse illegale Substanzen, nachdem diese zuvor mit einer campigen Performance von "I'm so excited" von den Pointer Sisters an der Stimmung gearbeitet haben.

Alles exciting also? Alas, kein Stück. Mit seinem Versuch, nach dem düster-bizarren Psychothriller "Die Haut, in der ich wohne" (unsere Kritik) an seine frühen Tage als Regisseur anarchisch-queerer, schriller Komödien anzuschließen, legt Almodóvar eine Bruchlandung hin. Die Überschreitungen der Grenzen des guten Geschmacks bleiben angedeutet bis verhalten, nie bricht sich der behauptete Exzess wirklich Bahn: Abfuhr des Überschusses ins Unverbindliche. Im Gegenteil, je abstruser der Humor, umso tantiger wirkt alles. Fehlt eigentlich nur Rühmann im Fummel, schlimme Erinnerungen an Ralf Morgensterns "Kaffeeklatsch" (hier in der Parodie von Oliver Kalkofe) und dessen Hang zum verklemmten Witz werden wach.



Auch die erzählerische Freiheit, die Almodóvar für sich in Anspruch zu nehmen behauptet, wirkt umständlich in den Film gestellt: In einer der wenigen Szenen des Films, die außerhalb des Flugzeugs spielen, stürzt das Smartphone einer Suizidwilligen, mit der einer der Passagiere vom Flugzeug aus telefonisch sein Leben geregelt zu bekommen versucht, anstelle der Frau in die Tiefe unter eine Brücke, nur um dort - die Verbindung steht noch immer - per Zufall einer Ex des Mannes in die Hände zu fallen, was für weitere Verdrehungen sorgt. Die Freiheit, die in solchen Manövern liegt, hat nichts leichtes, sondern wirkt ausgedacht und ausgezirkelt. Umso mehr als Almodóvar als Festivalliebling, Oscarpreisträger und Lieblingsregisseur der letzten im Kino verbliebenen Bildungsbürger ohnehin auf eine Form der Virtuosität versessen ist, die jede zentrifugale Dynamik des Films über die totale Beherrschung der Form im Nu zunichte macht. Selbst wenn eine verstrahlt-labile Hellseherin im Drogenrausch einem narkotisierten Jüngling ihre Jungfräulichkeit um die Ohren haut, will das nicht richtig zünden, von "Sperma im Bart"-Witzeleien ganz zu schweigen.

Gibt man etwas mehr Kredit als man müsste, könnte man vielleicht einen versteckten Kommentar auf die spanische Gesellschaft entdecken: Während das Volk hinten schläft, drehen vorne die Neurosen und biografischen Fallen der Bessergestellten und Dekadenten frei. Den Kontakt zur Welt hat man im Wohlfühl-Kokon eines höchst modernen Flugzeugs ohnehin ganz buchstäblich verloren. Man kann es aber auch ganz anders sehen: Dieses Flugzeug, dieser Film ist ein pastellfarbenes Gefängnis - insbesondere für seinen Regisseur.

Thomas Groh

Ich - Einfach unverbesserlich 2 - USA 2013 - Originaltitel: Despicable Me 2 - Regie: Pierre Coffin, Chris Renaud - Sprecher: Steve Carell, Kristen Wiig, Benjamin Bratt, Miranda Cosgrove, Russell Brand, Ken Jeong, Steve Coogan - Laufzeit: 98 Minuten.

Fliegende Liebende - Spanien 2013 - Originaltitel: Los amantes pasajeros - Regie: Pedro Almodóvar - Darsteller: Coté Soler, Antonio de la Torre, Hugo Silva, Miguel Ángel Silvestre, Laya Martí, Javier Cámara - Laufzeit: 90 Minuten.

Archiv: Im Kino

Nicolai Bühnemann, Lukas Foerster: Weitgehend anorganisch

26.05.2016. Um eine zärtliche Annäherung zwischen einem Mädchen und einem Nachtmahr geht es in Akiz' psychoanalytischen Horrorfilm "Der Nachtmahr". Der japanische Regie-Berserker Sion Sono zieht in seiner Fukushima-Science-Fiction-Parabel "The Whispering Star" die ästhetizistische Handbremse. Mehr lesen

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23.05.2016. Mit der Auszeichnung für Ken Loachs neues Drama "I, Daniel Blake", das durchaus kein schlechter Film ist, hat die Jury dennoch die interessantesten Tendenzen des Festivals verkannt. "Toni Erdmann", Maren Ades Berserker und riesiges Zottelwesen, wird sich dennoch durchsetzen. Sehr sehenswert auch Asgar Farhadis "The Salesman", der zum Abschluss des Wettbewerbs lief. Mehr lesen

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20.05.2016. Cannes vor der Wahl: Es gibt wieder Filme, die Grenzen sprengen und die dennoch ein Publikum finden können. Neue Produktionen von Xavier Dolan, Christian Mungiu und den Dardenne-Brüdern machen es der Jury nicht einfacher. Mehr lesen

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18.05.2016. In der Zwangssituation einer Kinovorstellung macht Robert Eggers' texturintensiver Horrorfilm "The Witch" existenzielle Erfahrungen nachvollziehbar. Bryan Singers Superheldenfilm "X-Men: Apocalypse" erliegt dem Fluch vieler Blockbusterserien: Der dritte Film ist immer der schlechteste. Mehr lesen

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11.05.2016. Franz Müller schickt in seinem neuen kommunikativen Experimentalfilm "Happy Hour" drei Deutsche Männer in irische Kneipen. Tomer Heymann portraitiert in seinem begeisternden Tanzfilm den israelischen Choreografen Ohad Naharin. Mehr lesen

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27.04.2016. Spektakelkino sondergleichen aus Südindien: S.S. Rajamoulis "Bahubali: The Beginning" lässt alle Realismusetüden hinter sich. Tom Tykwers exotistische Bestsellerverfilmung "Ein Hologramm für den König" füllt alten Wein in noch ältere Schläuche. Mehr lesen

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20.04.2016. "Gods of Egypt" erzählt in bunter Fabulierlust - inklusive einer Art antiken Multitasking-Wikipedia - vom Kampf einer bunten Götterwelt gegen den Monotheismus. in "Chevalier" überwachen nicht der Staat oder Kameras die konkurrierenden Männer - sie tun es von selbst. Mehr lesen

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14.04.2016. Etwas Unerhörtes artikuliert sich in Nicolette Krebitz' fragil widerspenstigem "Wild", der vom Leben in der Stadt, von Begehren und einem Wolf erzählt. Nabil Ayouchs "Much Loved" beschreibt den Alltag dreier Sexarbeiterinnen in Marrakesch. Mehr lesen

Lukas Foerster, Nikolaus Perneczky: Die Ehre der ausländischen Teufel

06.04.2016. Ein mönchischer Kampfsportheld nimmt in Wilson Yips "Ip Man 3" zum wiederholten Mal den Kampf gegen diverse harte Jungs auf. Ein "Book of Climaxes" öffnen Guy Maddin und Evan Johnson in "The Forbidden Room" (und schichten Udo Kier auf Charlotte Rampling auf Ariane Labed auf Mathieu Amalric etc.) Mehr lesen

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31.03.2016. Eine Revolution als Mogelpackung rekonstruiert Sergei Loznitsa in seinem Found-Footage-Dokumentarfilm "The Event". Regisseur Dan Trachtenberg und Produzent J.J. Abrams konfrontieren in "10 Cloverfield Lane" Mary Elizabeth Winstead mit einer grundlegend instabilen Welt. Mehr lesen

Lukas Foerster, Patrick Holzapfel: Hypnose statt Kohärenz

24.03.2016. Einen Superheldenvergleich stellt Zack Snyder in "Batman v Superman - Dawn of Justice" an. Apichatpong Weerasethakuls soeben auf DVD erschienener erste Langfilm "Mysterious Object at Noon" zeigt durch einen somnambulen Filter die Enstehung von Träumen. Mehr lesen

Thomas Groh, Michael Kienzl: Atompilz der guten Laune

17.03.2016. Der Verzicht ist Programm in Kevin Reynolds authentizitätsfixierten Bibelfilm "Auferstanden". Phil Collins gelingt in "Tomorrow Is Always Too Long" einigen kitschigen Scherenschnitten zum Trotz ein angenehm zwischen Affirmation und Dekonstruktion pendelndes Stadtporträt Glasgows. Mehr lesen

Janis El-Bira, Lukas Foerster: Monströser Querschläger

09.03.2016. László Nemes' Holocaustfilm "Son of Saul" strebt trotz der behaupteten radikalen Subjektivität in die Richtung einer hochästhetisch verdichteten "grand récit" von Auschwitz. Jay Roach beschreibt in "Trumbo" das antikommunistische "blacklisting" als Privatvergnügen einer Society-Reporterin.
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