Heute in den Feuilletons

Sushi im Lokal vom Bauch nackter Kellnerinnen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.10.2010. FR und SZ beleuchten kritisch das Konzept für die in Berlin geplante Ausstellung über Vertreibung. Wer als Jude ins Establishment eintreten will, muss sich nicht mehr taufen lassen: Ein bisschen Israelkritik reicht schon, schreibt die Jüdische Allgemeine nach Lektüre des Romans "The Finkler Question" von Howard Jacobson. Der Rechtsvorstand von Hubert Burda Media erklärt im Blog Der Presseschauer, warum künftig auch "unwesentliche Teile" von Artikeln unter Schutz gestellt werden sollen.  Die NZZ feiert (wie die andere Zeitungen) Leos Janaceks "Katja Kabanova"in Brüssel.

FR, 28.10.2010

Harry Nutt hat das Ausstellungskonzept (pdf) der Berliner Vertriebenen-Stiftung gelesen und findet dort vage Formulierungen und eine "tendenziöse Geschichtspolitik", weshalb auch der Zentralrat der Juden seine Plätze im Stiftungsrat nicht einnehmen wolle. "Zwar geht aus der Präambel hervor, dass die deutsche Verantwortung für die nationalsozialistische Expansions- und Vernichtungspolitik den Ausgangspunkt des Ausstellungskonzeptes bilden soll, doch hat die Erweiterung der Perspektive auf die europäische Dimension sowie der Blick auf ethnopolitisch motivierte Vertreibungen und Genozide nie überzeugend den Verdacht zerstreuen können, dass es dabei auch um den Versuch einer Relativierung der deutschen Verantwortung gehen könnte."

Besprochen werden Luca Guadagninos Filmmelodram "I Am Love" mit Tilda Swinton, Dennis Gansels Berliner Vampirfilm "Wir sind die Nacht", Robert Schwentkes Actionfilm "R.E.D." mit den "rüstigen Rentnern" Bruce Willis, Helen Mirren, John Malkovich und Ernest Borgnine, die Ausstellung "Die Chronologie der Bilder - Städel-Werke vom 14. bis 21. Jahrhundert" im Frankfurter Städel, ein Auftritt des Klaviertrios [em] beim Jazzfest in Mannheim, ein Liederabend mit der schwedischen Sopranistin Malin Hartelius in Frankfurt und Bücher, darunter Oliver Bottinis Krimi "Das verborgene Netz" und Michael Tomasellos Studie "Warum wir kooperieren" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Welt, 28.10.2010

Wolf Lepenies meditiert über den heißen Herbst in Frankreich und die zwischen Revolutionsfolklore und nüchternen Erwägungen über das Renteneintrittsalter hin- und hergerissenen Franzosen: "Zu den wenigen Prominenten, die Stellung nahmen, gehörte der Filmschauspieler Gerard Depardieu: 'Was sich gerade in Frankreich abspielt, ist lächerlich. All dies ist nicht mehr als eine Manipulation der Gewerkschaften.' Die Linke nahm ihm diese Äußerung besonders übel, weil sie Depardieu während der Dreharbeiten zu einem Film machte, in dem er einen kommunistischen Bürgermeister spielt."

Weitere Artikel: Im Aufmacher liest Elmar Krekeler einige Neuerscheinungen zu den Mordtaten Charles Mansons. Manuel Brug ist in der Leitglosse erstaunt, dass die Rechtspopulisten in Holland und Ungarn zuallererst an E-Musik, Rundfunkorchestern und Opern sparen wollen. Tim Ackermann versucht zu erklären, warum die Schwedin Klara Liden, die zur Zeit in der Serpentine Gallery ausstellt, zurecht als die angesagteste Künstlerin der Saison betrachtet wird.

Besprochen werden Filme, darunter die Actionkomödie "R.E.D." (mehr hier) mit einigen Altstars und Andrea Breths Inszenierung von Leos Janaceks Oper "Katja Kabanova" in Brüssel.

FAZ, 28.10.2010

Auch Avi Primor, ehemaliger israelischer Botschafter in Bonn, hat die Studie über das Auswärtige Amt im Dritten Reich gelesen: Er zieht daraus den Schluss, dass Diplomaten mehr Courage haben müssen als andere Beamte, vor allem, was das Aussprechen unangenehmer Wahrheiten angeht. Edo Reents porträtiert die heute 92-jährige Marga Henseler, die vor sieben Jahren mit einem Protestbrief an den damaligen Außenminister Joschka Fischer die jetzt vorgelegte Studie auslöste. Dirk Schümer glossiert das Minirockverbot in einer Kleinstadt nahe Neapel und wundert sich, denn: "Ist es nicht die neueste kulinarische Mode im Land der leichtbekleideten Fernsehtänzerinnen, Sushi im Lokal vom Bauch nackter Kellnerinnen einzunehmen?" Hans-Peter Riese schreibt zum Tod des Kunsthistorikers Rolf Wedewer.

Besprochen werden ein Konzert des Eva Quartet (das ist der Kern des "Le Mystere des voix Bulgare"-Chors) in der Frankfurter Deutschordenskirche, Andrea Breths Inszenierung von Leos Janaceks "Katja Kabanowa" in Brüssel, die Ausstellung "Zukunft der Tradition, Tradition der Zukunft" im Münchner Haus der Kunst, Lucy Prebbles Stück "Enron" in Niklas Ritters Potsdamer Inszenierung, Eric Claptons neue CD "Clapton" (vorwiegend "Schnarchblues", gähnt Wolfgang Schneider), Juan Jose Campanellas Auslandsoscargewinner "In ihren Augen" (mehr) und Bücher, darunter Hugo Dittberners Roman "Das See-Vokabularium" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).
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SZ, 28.10.2010

Sehr kritisch schreibt der Osteuropahistoriker Martin Schulze Wessel über die jetzt vorgelegten "Eckpunkte" (pdf) für die in Berlin vorgesehene ständige Ausstellung über Vertreibung. Geradezu sprachlos macht ihn, dass ausgerechnet der "Bromberger Blutsonntag" eine wichtige Station der Ausstellung sein soll - der Begriff verweist auf eine Erschießung von Deutschen durch Polen direkt nach dem Einmarsch der Deutschen im September 1939: "Der Krieg beginnt mit deutschen Opfern - das ist die Aussage einer entsprechenden Ausstellungs-Inszenierung. Man fragt sich, wie die Autoren überhaupt auf Bromberg gekommen sind. 'Bromberg' ist Teil der Gewaltgeschichte des Zweiten Weltkriegs, aber nicht der Geschichte von Flucht und Vertreibung. Geht es den Autoren nicht in Wahrheit doch um Geschichtsrevision...?" Mehr über Schulze Wessels Gegenentwurf zur Ausstellung hier.

Amazon hat sich etwas Neues für den Kindle ausgedacht: Neuerdings werden in den darauf gelesenen E-Books, solange man das nicht abstellt, die von anderen LeserInnen markierten Stellen des jeweiligen Buchs als besonders lesenswerte hervorgehoben. Jörg Häntzschel macht sich zu dieser Funktion seine Gedanken: "Das frisch gekaufte Buch trägt schon die Spuren früherer Leser, so wie schlecht behandelte Bände aus der Bibliothek. Das früher einsame Lesen bekommt Züge eines Kollektiverlebnisses wie der Kinobesuch. ... Außerdem stellt sich die Frage, ob die markierten Stellen nun Teil des Buchs werden. Und, da sie sich ja täglich verändern, welche Version dann die gültige ist."

Weitere Artikel: Im Interview erklärt Adam Fischer, der gerade aus Protest zurückgetretene Chefdirigent der Ungarischen Staatsoper, dass die neue Regierungspartei Fidesz in geradezu diktatorischer Partei Posten besetzt. Gustav Seibt schließt seine Überlegungen zu den Ergebnissen der Historikerkommission, die die Rolle des Außenamts im Dritten Reich untersuchte, mit den Worten, die nicht zuletzt auf die Familie von Weizsäcker gemünzt sind: "Der Widerstand war die Sache der allerkleinsten Zahl, aber bestimmt nicht irgendwelcher besseren Kreise. Unser war er nicht." Vom gerade laufenden Filmfestival Viennale (Website), das unter anderem eine Rohmer-Retrospektive zu bieten hat, berichtet Fritz Göttler. Stephan Speicher hat einen Berliner Vortrag gehört, bei dem Andreas Voßkuhle, Präsident des Verfassungsgerichts, den Schöpfer der Weimarer Reichsverfassung Hugo Preuß als "Pluralisten" vorstellte.

Besprochen werden ein Konzert, bei dem Bryan Ferry in London seine neue Platte "Olympia" vorstellte (Alexander Gorkow ist hingerissen), Andrea Breths Brüsseler Inszenierung von Leos Janaceks Oper "Katja Kabanowa", Robert Schwentkes Film "R.E.D.", Juan Jose Campanellas Film "In ihren Augen" (mehr), der Deutsch-Vampirhorrorfilm "Wir sind die Nacht" (mehr) von Dennis Gansel und Bücher, darunter Aleksandar Hemons Stories "Liebe und Hindernisse" (mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Weitere Medien, 28.10.2010

Michael Wuliger hat für die Jüdische Allgemeine schon Howard Jacobsons Booker-preisgekrönten Roman "The Finkler Question" gelesen und sieht in ihm einen großen jüdisch-europäischen Gegenwartsroman, der statt in London, ebensogut in Paris oder New York spielen könnte. Oder in Berlin: "Finkler, erfolgreicher Autor populärphilosophischer Ratgeber mit Titeln wie 'Dating with Descartes' und gefragter Gast in Fernsehtalkshows, ist der Gegenpart zu seinem alten Schulfreund Treslove. Der wäre gerne Jude. Finkler ist es und wäre es lieber nicht. Das Judentum ist ihm zu eng, er will ganz zum kulturellen Establishment aufschließen. Die Eintrittskarte dazu ist heute nicht mehr, wie zu Heines Zeiten, die Taufe, sondern die Israelkritik."

TAZ, 28.10.2010

Die taz übernimmt ein Interview aus El Pais mit Wikileaks-Chef Julian Assange, der über das Ende des investigativen Journalismus und der Zivilgesellschaft spricht sowie über seine Feinde: "Wenn es darum geht, wer am meisten dafür ausgibt, unsere Schritte zu verfolgen, ist es das US-Militär. Abgesehen davon, haben wir auch sehr viele gute Freunde dort. Es gibt ein Team von vermutlich rund 120 Leuten, die in dem sogenannten Wikileaks War Room arbeiten und sich 24 Stunden mit uns beschäftigen." Ansonsten: "Die Banken. Die meisten legalen Angriffe auf uns kamen von ihnen. Und aus China gab es welche, nachdem wir kritisches Material über Aktivitäten der Regierung veröffentlicht hatten."

In der Kultur: Rolf Lautenschläger meint, dass die Bedeutung des Architekten Paul Bonatz im Streit um Stuttgart 21 wenig sticht: "Bonatz war Gründungsmitglied der konservativen Architektenvereinigung 'Der Block' und Widersacher des 'Neuen Bauens'. Als Mies van der Rohe 1927 die Stuttgarter Weißenhofsiedlung, eine Architekturikone der klassischen Moderne, mitplante, zog er den Zorn von Bonatz auf sich. Nach Auseinandersetzungen mit Hitler und Speer über die Dimensionen des neuen Münchner Großbahnhofs verließ Bonatz 1943 Deutschland in Richtung Türkei." Über die Karriere Bonatz' in der Nazizeit mehr hier.

Weiteres: Stefan Reinecke nimmt mit Freude die Ergebnisse der britischen Studie "The Spirit Level" über soziale Gleichheit zur Kenntnis: "Mehr Gleichheit tötet nicht die Freiheit - im Gegenteil." Besprochen werden Rodrigo Cortes Film "Buried - Lebend begraben" und Dennis Gansels Film "Wir sind die Nacht".

Und Tom.

Jungle World, 28.10.2010

Ivo Bozic unterhält sich mit dem SPD-Politiker Michael Bauer, der den frisch gegründeten Laizistenkreis der Partei gegen Widerstände frommer Sozialdemokraten verteidigt. Er will ja nicht leugnen, dass es christlich-jüdische Werte gibt, sagt er, aber es "würde mich interessieren, was genau solch ein 'christlich-jüdischer Wert' sein soll. Wenn damit die Menschenwürde und die Menschenrechte gemeint sind, dann muss man darauf hinweisen, dass der Vatikan, als Repräsentant der katholischen Kirche, die entsprechende europäische Charta bis heute nicht anerkannt hat. Also offensichtlich handelt es sich bei diesen Werten zumindest nicht unbedingt um katholische Werte."

Aus den Blogs, 28.10.2010

(Via Ulrike Langer) Robert Schweizer, Rechtsvorstand bei Hubert Burda Media, antwortet im Blog Der Presseschauer auf Fragen von Daniel Schultz zum Leistungsschutzrecht. Es klingt schrecklich: "Schutzwürdig sind aber darüber hinaus zum Beispiel auch unwesentliche Teile wie unter Umständen Sätze, wenn sie - diese Einschränkung ist wichtig - systematisch vervielfältigt, verbreitet oder sonst öffentlich wiedergegeben und mit dem Titel des Presseerzeugnisses verbunden werden."

NZZ, 28.10.2010

Viel Kunst, die mit "hochgekrempelten Ärmeln den Schraubenzieher an der Welt ansetzt", hat Samuel Herzog auf der Manifesta erlebt. Da gefielen ihm die Ausstellungsorte besser: "In Cartagena bespielt sie neben dem erwähnten Gefängnis zum Beispiel ein altes Kasino, ein ausgedientes Kaffeehaus aus den sechziger Jahren, ein funktionierendes Gemeindezentrum und einen ehemaligen Autopsiepavillon neben der Ruine einer Stierkampfarena. In Murcia, dem zweiten Ort dieser Manifesta, findet die Kunst in einer maurisch inspirierten Artilleriekaserne, einer alten Mühle oder einem ehemaligen Postamt statt. Die Orte allein wären im Grunde schon eine Reise wert."

Andrea Breths Inszenierung von Leos Janaceks "Katja Kabanova" an der Brüsseler Monnaie-Oper wird Geschichte schreiben, prophezeit Peter Hagmann. Das gilt auch für die Arbeit des britischen Dirigenten Leo Hussain: "Nichts ist da sinfonisch gehalten: geglättet, ausgeglichen oder gar beschönigt. Vielmehr werden die schreienden Dissonanzen, die schräg ineinander verschachtelten Rhythmen, die absonderlichen Farben der Partitur in grelles Licht gehoben, wo sie in ihrer Weise von der entsetzlichen Not im Stück künden. Allein das geht dem Menschen im Zuschauerraum schon schwer an die Substanz."

Weiteres: Auf der Filmseite beschreibt Ulrich M. Schmid, wie das russische Kino verstärkt mit Historienschinken am nationalen Mythos arbeitet: "Das Prinzip der 'gelenkten Demokratie' wird nicht in Frage gestellt - es kommt nur darauf an, den richtigen Führer zu haben." Aldo Keel erklärt ein für allemal, warum der Friedenspreis in Oslo und nicht in Stockholm verliehen wird. Besprochen werden Ralph Dutlis mittelalterliche Poesiesammlung "Fatrasien" und die päpstliche Dispute "Gespräche über Jesus" (siehe auch unserer Bücherschau des Tages).

Freitag, 28.10.2010

Christian Engström, Programmierer und EU-Abgeordnete für die schwedische Piratenpartei, erklärt im Interview, er arbeite praktisch "wie ein Straßenfeger, der die Straße, die in die Zukunft führt, saubermacht. Es gibt einige ärgerliche Hindernisse, wie zum Beispiel inadäquate Copyright-Gesetze ... Wir räumen den Müll weg". Was ihn so richtig nervt in Brüssel, ist "diese idiotische Geschichte, jeden Monat nach Straßburg zu ziehen. Das ist so unglaublich dumm, egal von welcher Perspektive aus man es betrachtet. Es ist wirklich ein Symbol für alles, was mit der EU nicht stimmt. Es ist Geldverschwendung, und ein Mangel an De-mo-kra-tie." (Gerade baut die EU an einem dritten Palast - für das Generalsekretariat des Parlaments in Luxemburg.)