Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.05.2022 - Film

Gespaltene Abendgesellschaft, gespaltene Kritik: Ruben Östlunds "Triangle of Sadness"

Das Filmfestival in Cannes ist mit einer Goldenen Palme für Ruben Östlunds Reichensatire "The Triangle of Sadness" (unser Resümee) zu Ende gegangen. Schon 2017 hatte Östlund für seine Kunstbetriebssatire "The Square" (unsere Kritik) die Goldene Palme erhalten. FR-Kritiker Daniel Kothenschulte ist von dem neuen Film jedoch nicht so überzeugt: "Fraglos überaus unterhaltsam, ist die Farce doch deutlich gröber gestrickt als Östlunds Vorgängerfilm. ... Dabei gab es auch feinere, einfühlsamere und kunstvollere Arbeiten in diesem uneinheitlichen Wettbewerb, die schönste kam zuletzt - und ging leider leer aus", nämlich "Showing Up" von Kelly Reichardt. Der Film lässt "der Fantasie keinen Raum", bemängelt NZZ-Kritiker Patrick Straumann, einen "Film gewordenen Urschrei" erkennt SZ-Kritiker David Steinitz in dem Film.

Auch Dominik Kamalzadeh vom Standard findet den Gewinnerfilm allenfalls halb geglückt: "Östlunds großes Talent für luzide Analysen liberaler Scheinheiligkeiten blitzt in dieser Klassen-Groteske über die Marotten und Arroganz von Superreichen nur gelegentlich auf." Dem Regisseur war hier der Publikumserfolg offenbar "wichtiger als künstlerische Subtilität". Ganz anders Kamalzadehs leer ausgegangene Favoriten: Albert Serras "Pacifiction", Saeed Roustaees "Leila's Brothers" und Kelly Reichardts "Showing Up" waren allesamt "Filme, die mit Nuancierungen und originellen inhaltlichen Setzungen" überzeugten. Stimmt schon, in Östlunds Film herrscht kein Mangel an "Plattheiten mit viel Freude am Slapstick", doch auch diese kann taz-Kritiker Tim Caspar Boehme "als gelungen betrachten". Eher schwach fand er in diesem Jahr die Auftritte der Altmeister.

Sehr zufrieden ist Rüdiger Suchsland von Artechock mit der Entscheidung für Östlunds Film: "Ein Glücksgriff für das Festival, ein Geschenk für das Kino in Zeiten seiner existentiellen Krise: Indem er das Publikum spaltet, indem er provoziert, indem er dazu anregt, nach dem Film weiter zu debattieren, nachzudenken und ihn sich vielleicht gleich noch mal anzuschauen, um zu verstehen, was man da eigentlich genau gesehen hat, ist 'Triangle of Sadness' eigentlich ideales Autorenkino. Wir haben es nur ein bisschen verlernt, auf solche Filme angemessen zu reagieren und die Uneindeutigkeit die sie in uns hervorrufen, als Vorzug wertzuschätzen und zu begrüßen."

Cannes leidet an Überalterung, muss FAZ-Kritiker Andreas Kilb feststellen: Die besten Jahre hat man hinter sich, nun bleiben "die gerade noch guten. ... Diesmal lief kein einziger Debütfilm im Wettbewerb. Dafür stammten zwei Drittel der Beiträge von Regisseuren, die schon mindestens einmal einen der Hauptpreise gewonnen haben." Dem kann Anke Leweke auf ZeitOnline nur zustimmen: "Man fühlte sich seltsam unterfordert vom Geschehen auf den Leinwänden. Zu bequem hatten sich die renommierten Autorenfilmer, die Stammgäste von Cannes, in ihren Themen und Erzählweisen eingerichtet. Zu gediegen ihre Wettbewerbsbeiträge." Welt-Kritiker Hanns-Georg Rodek fühlte sich beim Festival genervt von Filmen, die ihre Gesinnung vor sich hertragen, während die "paar tolle Filme" dieses Jahrgangs gemein hatten, "dass sie politische Aussagen der Politik überließen".

Im SZ-Gespräch unterstreicht der ukrainische Filmemacher Sergei Loznitsa seine Fassungslosigkeit, aus der Ukrainischen Filmakademie geflogen zu sein, weil er einen Totalboykott russischer Kultur, der auch putinkritische Künstler trifft, nicht mittragen will. Mit ihm gesprochen habe man nicht. "Jemanden einfach ohne Diskussion rauszuschmeißen, weil einem seine Meinung nicht passt, das erinnert mich doch leider sehr an die Zensur zu Zeiten der Sowjetunion. Diese Leute sind immer noch im alten Denken erstarrt. Das sind Sowjet-Methoden."

Abseits der Croisette: Joachim Hentschel berichtet in der SZ von seinem Treffen mit Natja Brunckhorst, die als Hauptdarstellerin in "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" bekannt wurde und nun mit "Alles in bester Ordnung" ihr Debüt als Regisseurin gegeben hat. Besprochen werden Dominik Galizias Berliner Kneipenfilm "Heikos Welt" (taz), Icíar Bollaíns ETA-Drama "Maixabel" (Standard, unsere Kritik hier), der neue "Top Gun"-Film mit Tom Cruise (taz, unsere Kritik hier), Andreas Wilckes Doku "Volksvertreter" über die AfD (Tsp)  und die vierte Staffel der Netflix-Serie "Stranger Things" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.05.2022 - Film



Die Filmkritiker - zumindest jene, die nicht gerade in Cannes weilen - trauern um den Schauspieler Ray Liotta. Er war "das Gegenteil eines Helden", hält Georg Seeßlen auf ZeitOnline fest. "Alles in ihm ist Zerrissenheit und Gekränktheit, sogar seine Bösartigkeit scheint immer aus einer mehr oder weniger verborgenen Erfahrung des Leidens an sich selbst zu stammen." Ein Star wurde er zwar nie, "Wie auch, bei einem Charakter, der umso fremder wirkt, je näher man ihn anblickt? Wenn Schauspieler der zweiten Reihe oft dazu dienen, Lücken zu schließen, Ensembles zu vervollständigen, 'Zutat' für eine narrative Rezeptur zu sein, dann funktioniert Ray Liotta genau andersherum. Er reißt die Lücke erst richtig auf, er macht den Widerspruch erst richtig deutlich, er ist das kreative Verderben einer Rezeptur."

Privat soll er wohl sehr nett gewesen sein, aber in die Filmgeschichte ein ging er "als einer der gefährlichsten und unheimlichsten Männer, die in den vergangenen Jahrzehnten das amerikanische Kino bevölkerten", schreibt Claudius Seidl in der FAZ. "Schon der stechende Blick und erst recht die entschlossen aufeinander gepressten Lippen, die schnellen und zugleich sehr beherrschten Bewegungen - das alles schien von dem Willen zu zeugen, mit dem Ray Liotta behauptete, Ray Liotta zu sein, ein Außenseiter, dem die Cowboystiefel, die Lederjacken und die knappen T-Shirts immer besser passten als die Button-down-Hemden und die Loafers des Establishments." Weitere Nachrufe schreiben Fritz Göttler (SZ) und Gerhard Midding (Welt).

Léonor Serrailles "Mother and Son" 

Heute Abend werden in Cannes die Palmen vergeben - und die besten Filme wurden erst ganz am Schluss gezeigt, meint Andreas Busche im Tagesspiegel, nämlich Kelly Reichardts Künstlerinnenkomödie "Showing Up" und die Familiengeschichte "Mother and Son" von Léonor Serraille. Reichardts Film "ist erfüllt von der Liebe zur Handarbeit" und Serraille "gelingt es, ohne falsche Sentimentalität und dramaturgisch überzeugend, familiäre Bindekräfte zu beschreiben", und insbesondere auch "ein nüchterner, einfühlsamer Blick auf die Einwanderergeneration in der langen Ära Jacques Chiracs, die im französischen Kino noch immer einen blinden Fleck darstellt". In der FAZ widerspricht Andreas Kilb energisch: "Beide Filme dürften für die Goldene Palme nicht infrage kommen, obwohl der eine ein drängend aktuelles Sujet behandelt und der andere ein furioses Solo für die Schauspielerin Michelle Williams bietet. 'Showing Up' ist eine Sorte Kino, die in Cannes oft Furore gemacht hat: ein amerikanischer Autorenfilm. Nur dass von Furor bei Kelly Reichardt nichts zu spüren ist und von Kunst nur ein müder Hauch." Überhaupt glaubt Kilb, dass "die Entscheidung dieses Jahres auf jeden Fall ein Odeur von Notlösung haben wird". Chancen hätten seiner Meinung nach aber wohl Tarik Salehs "Boy From Heaven", das iranische Filmdrama "Leila's Brothers" von Saeed Roustayi und Valeria Bruni Tedeschis "Les Amandiers".

Im Standard resümiert Dominik Kamalzadeh das Festival: Der Wettbewerb war solide, setzte aber auf Bewährtes und Etabliertes - lange Runs, die von der Croisette aus bis zu den Oscars reichen, werde es dieses Jahr eher nicht geben. Auch fällt es ihm bei der für Cannes typischen Anhäufung großer Namen "schwer, klare Haltungen auszumachen. ... Godards Diktum, dass es nicht um politische Filme geht, sondern darum, Filme politisch zu machen, wurde am ehesten durch eine Handvoll satirische Arbeiten eingelöst". Gemeint sind Ruben Östlunds "Triangle of Sadness" und João Pedro Rodrigues' "Fogo-Fatuo". Unter Palmenverdacht stehen für ihn Lukas Dhonts "Close" und Kelly Reichardts "Showing Up".

Mehr aus Cannes: Matthias Dell bespricht für ZeitOnline Jan Soldats in Cannes gezeigten Kurzfilm über die zahlreichen Filmtode des Schauspielers Udo Kier. Tim Caspar Boehme reicht in der taz seine Besprechung zu Hirokazu Kore-Edas "Broker" nach (mehr dazu bereits hier). Außerdem berichten critic.de und Artechock fleißig vom Festival.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.05.2022 - Film

Wo ist hier eigentlich der Faden geblieben? Park Chan-Wooks "Decision to Leave"

Endspurt in Cannes. Eindeutige Favoriten lassen sich den Berichten bislang allerdings noch nicht entnehmen. Immerhin Park Chan-Wooks "Decision to Leave" ist "unter Kritiker:innen besonders beliebt", schreibt Tim Caspar Boehme in der taz, bleibt selber aber distanziert. Der Thriller spielt im koreanischen Busan, ein Ermittler verliebt sich ausgerechnet in eine Mordverdächtige. Doch "dass man nicht recht herausbekommt, was die beiden aneinander finden, ist eines der Hindernisse, wenn man der Sache folgen will. Man hat zwischendurch den Eindruck, man sieht einer Romanze zu, die sich nicht ganz entscheiden kann, weil sie sich eigentlich dem Thrillergenre verpflichtet fühlt. So gleitet man beim Zuschauen stets ein wenig an der Sache ab, verliert den Faden." In der Welt reagiert Jan Küveler sehr viel enthusiastischer: Der koreanische Autorenfilmer verbessere hier mal eben so den amerikanischen Film Noir.

Habe ich Ihnen heute schon dafür gedankt, dass Sie geboren sind? "Broker" von Hirokazu Kore-Eda

Aber vielleicht geht die Palme ja auch an Hirokazu Kore-Edas in Südkorea gedrehte Tragikomödie "Broker"? Der ohnehin sehr geschätzte japanische Regisseur übertrifft sich jedenfalls selbst, schwärmt Daniel Kothenschulte in der FR: Ein junge Frau, die ihr Kind in einer Babyklappe abgibt, sieht sich hier mit einem Mal mit korrupten Machenschaften konfrontiert, was in ein Road Movie mündet. "Unterwegs enthüllt jeder und jede von ihnen, was ihn und sie antreibt, wonach sie sich sehnen, wovor sie sich fürchten", schreibt dazu FAZ-Kritiker Andreas Kilb. "Das ist das Gesetz des Kinos. Oder besser: des guten Kinos." Kore-Eda "hält das Geschehen in der Schwebe, bis eine Lösung unvermeidlich wird. Auf dem Weg dorthin sammelt der Film Augenblicke und Orte ein, die ebenso zu seiner Erzählung gehören wie zur Welt da draußen. ... Einmal, als die Reisenden in Hotelbetten liegen, sagt jeder von ihnen zu den anderen: 'Danke, dass du geboren bist.' Technisch betrachtet ist das nur eine Drehbuchidee. Aber es gehört zu den Dingen, die man im Kino noch nicht gehört hat."

Das französische Kino präsentiert sich in Cannes mal wieder als "auffallend homogen", berichtet Andreas Busche im Tagesspiegel: "Ob die neuen Filme von Arnaud Desplechin, Emmanuel Mouret und Michel Hazanavicius oder aber auch von geschätzten Regisseurinnen wie Claire Denis, Mia Hansen-Løve und Alice Winocour - man bewegt sich im Kino dieses Jahr in vertrauten sozialen und sehr weißen Milieus." Gerade die französischen Filme sind es allerdings, die FAZ-Kritiker Andreas Kilb, der auf diesem Festival schon viel seufzen, gähnen und auf die Uhr schauen musste, mit diesem Jahrgang etwas versöhnen. Es gibt in Cannes also auch Filme, "die einfach nur schön sind", schreibt er und meint damit "Un beau main" von Mia Hansen-Løve, "ein Film, der die Aufschwünge und Miseren seiner Figuren mit liebevollem, zutiefst mitfühlendem Blick betrachtet. ... Oder 'Chronique d'une liaison passagère' von Emmanuel Mouret, der "eine Art hat, das Alltägliche zum Schweben zu bringen, dass man dem Film alle seine Längen und Lücken verzeiht".

In der Zeit ärgert sich Katja Nicodemus, dass Cannes seinen Wettbewerb notorisch unparitätisch kuratiert: Frauen sind in diesem - dann auch noch durchwachsenen - Jahrgang mal wieder dramatisch in der Unterzahl. "Es gehe nicht um Quote, sondern um Qualität - so lautet die Standardantwort von Cannes auf die mangelnde Präsenz von Regisseurinnen im Wettbewerb. Ebendiesen strengen Qualitätsmaßstab legt man aber nicht bei der routinierten Einladung früherer Palmengewinner an. ... Das wichtigste Filmfestival der Welt wirkt wie der französische Hof kurz vor der Revolution von 1789: erstarrt im Zeremoniell, gefangen in Hierarchien und geistiger Günstlingswirtschaft. Viel Puder, wenig Bewegung."

Weiteres: Sergei Loznitsa spricht in der NZZ über seinen neuen Essayfilm "Natural History of Destruction" (mehr dazu bereits hier) und über die Frage, ob man russische Künstler boykottieren soll. Aus dem Festivalprogramm besprochen wird außerdem Baz Luhrmanns Biopic "Elvis" (Welt, Tsp, TA).

Abseits von Cannes: Andreas Scheiner schreibt in der NZZ einen ersten Nachruf auf den völlig überraschend verstorbenen Schauspieler Ray Liotta. Esther Buss empfiehlt im Standard dem Wiener Publikum eine Retrospektive Ulrike Ottinger im Filmmuseum. In der FR blickt Thomas Stillbauer auf 50 Jahre "Raumschiff Enterprise" zurück. Vor 90 Jahren trat Goofy zum ersten Mal in einem Micky-Maus-Cartoon auf, erinnert Andreas Platthaus in der FAZ.

Besprochen werden Icíar Bollaíns "Maixabel" über den ETA-Terror (Perlentaucher, Freitag), der neue "Top Gun"-Film mit Tom Cruise (Perlentaucher), Julian Radlmaiers "Blutsauger" (54books, unsere Kritik hier), Paul Schraders "The Card Counter" (Intellectures),  Natja Brunckhorsts Regiedebüt "Alles in bester Ordnung" mit Corinna Harfouch (ZeitOnline), die Arte-Serie "Wild Republic" (taz), Jonas Rothlaenders Dokumentarfilm "Das starke Geschlecht" über männliche Sexualität (Freitag), die ARD-Doku "Volksvertreter" über die AfD (FAZ), neue Serien mit Hip-Hop-Bezug (ZeitOnline) und die auf MagentaTV gezeigte Serie "Crime" nach Irvine Welsh (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.05.2022 - Film

Lea Seydoux, Viggo Mortensen und Kristen Stewart begehen "Crimes of the Future"

Es kommt bekanntlich auf innere Werte an: Mit "Crimes of the Future" unternimmt Body-Horror-Altmeister David Cronenberg in Cannes mal wieder einen Exkurs in die Körper und Psychen seiner Protagonisten - und zu diesem Schönheitswettbewerb der Organe pilgern die Kritiker in Scharen. "Cronenbergs aktuelle Losung kommt aus dem Mund einer von Kristen Stewart gespielten Organ-Aktivistin und lautet 'Chirurgie ist der neue Sex'", schreibt Dominik Kamalzadeh im Standard. "Cronenbergs Film ist ein Untergrunddrama mit Kunstanbindung. Der Kanadier weiß nur zu gut, dass auf diesem Feld ... gern Transgressionen geschehen, die dann irgendwann zur Normalität werden. In der pandemischen Wirklichkeit wirkt 'Crimes of the Future' wie ein unerhörter Zwischenruf, der seinen Nachhall aus der Verweigerung klarer moralischer Positionen bezieht. Empörung war gestern, nunmehr geht es darum, mit neuartigen Empfindungen umgehen zu lernen."

Cronenberg "interessiert sich für den Punkt, an dem Fleisch und Metall, Körper und Technik zusammenstoßen", erklärt Andreas Kilb in der FAZ, "nicht weil er die technisierte Welt verteufeln, sondern weil er wissen will, warum der Mensch darin so schlecht funktioniert. In 'Crimes of the Future' bekommt dieses Muster einen aktuellen ökologischen Dreh, denn das Kind, das am Anfang stirbt, ist das erste Exemplar einer neuen menschlichen Spezies, die sich von Plastik ernähren kann." Der Film ist "von einer bizarren Komik, die den Schrecken mehr als ausgleicht", hält Tim Caspar Boehme in der taz fest. Hanns-Georg Rodek von der Welt meldet Zweifel an, ob Cronenberg was Körpermodifikationen betrifft, tatsächlich auf der Höhe der Zeit ist. Auch SZ-Kritiker David Steinitz weiß nicht so recht: "Das Ganze bleibt merkwürdig statisch und ungelenk."

Sergei Loznitsas "Natural History of Destruction"

Auch Andreas Busche vom Tagesspiegel hatte sich von diesem Cronenberg-Spätwerk ein wenig mehr erhofft, kommt in seinem Bericht aber auch auf Sergei Loznitsas neuen Film "Natural History of Destruction" zu sprechen, einen Essayfilm, der Archivmaterial der Bombardements des Zweiten Weltkriegs montiert. "Loznitsa stellt die Propaganda von wehrhaften Alliierten und leidenden Deutschen einander gegenüber, unterlegt mit fragwürdigen Mitteln. Dass beide Kriege moralisch nicht gleichzusetzen sind, schwächt seine Argumentation über die Verhältnismäßigkeit der Kriegsführung aber entscheidend. Die Aggression einer Invasion wird psychologisch durch keinen noch so martialischen Befreiungskrieg verständlicher."

Die ersten Bilder des Films zeigen das Landleben, dann fressen sich immer mehr Hakenkreuze ins Bild, was schließlich ins Bombardement der deutschen Städte mündet. "Wenn man sich fragt, warum Loznitsa nicht auch Archivaufnahmen aus Dresden verwendet, wo das Grauen noch größer war, kommt man der Idee des Films auf die Spur", schreibt Andreas Kilb in der FAZ. "Der ukrainische Regisseur wollte eben keine Anklage formulieren, sondern einen Vorgang beschreiben, die Ausdehnung des Krieges auf die Zivilbevölkerung." Der Film "entstand nach den Essays des deutschen Schriftstellers W. G. Sebald über 'Luftkrieg und Literatur' (deren englische Ausgabe denselben Titel trägt wie der Film), aber sein aktueller Auslöser war die Zerstörung Aleppos."

Weitere Artikel: Thomas Abeltshauser spricht in der taz mit der Regisseurin Iciár Bollaín über deren neuen Film "Maixabel", der den Terror der ETA thematisiert. Die Schauspielerin Adèle Haenel werde künftig keine Filme mehr drehen, sondern sich aufs Theater konzentieren, denn die Filmbranche, sagte sie in einem Interview, sei "absolut reaktionär, rassistisch und patriarchalisch", meldet Kathleen Hildebran in der SZ.

Besprochen werden James Bennings Essayfilm "United States of Americas" (SZ), John Maddens "Die Täuschung" (SZ, FAZ), der neue "Top Gun"-Film mit Tom Cruise (BLZ) und Jonas Rothlaenders Männer-Doku "Das starke Geschlecht" (SZ). Außerdem informiert uns die SZ, welche Filme sich diese Woche lohnen und welche nicht.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.05.2022 - Film

Ziemlich entsetzt kehrt der Filmhistoriker Lars Henrik Gass vom zweiten Kongress "Zukunft Deutscher Film" in Frankfurt zurück, wie er im Filmdienst bekennt. Nirgends ein Begriff von Kunst, nirgends Strukturkritik, nirgends Wille, etwas am Fördersystem zu ändern, das sich längst ein bequemer Mainstream unter den Nagel gerissen hat, um einen Rohrkrepierer nach dem nächsten zu produzieren. Als würden Diversity-Auflagen etwas gegen die Misere ausrichten. Beim Podium zu "Klassismus" begriff Gass dann "schlagartig, warum die Filmförderer, die in Allianz mit den Fernsehsendern seit Jahrzehnten im deutschen Film fast alles verhindern, was soziale Realität ungeschönt zeigen und künstlerisch aus dem Mittelmaß zur Vielfalt hinausführen will, auf einmal ein so großes Interesse am Change Management, also unserer aller Umerziehung haben: Das Problem sind nicht die Filmförderstrukturen, die sind okay, sondern wir mit den Privilegien, die sozial Benachteiligte am Fortkommen hindern, sind nicht okay. Nicht die brutale sozio-ökonomische Ungleichheit, die dieses Wirtschaftssystem am laufenden Band hervorbringt, muss verändert werden, sondern unsere Einstellung, am besten durch den 'systemischen Transformationsberater', der ja auch überleben will. Wenn der Zug der Kulturrevolution sich in Gang setzt in Richtung neue Ordnung, sitzt man eben besser in der Lok, als auf den Gleisen zu liegen."

Cristian Mungius "R.M.N"

Harter Schnitt nach Cannes, wo das Filmfestival in Richtung Halbzeit zielt. Die besten Filme liefen bislang in der Nebensektion "Un Certain Regard", berichtet Thomas Abeltshauser im Freitag - etwa Marie Kreutzers Sisi-Film "Corsage", den er gerne im Wettbewerb gesehen hätte, wo doch vieles "im Mittelmaß stecken bleibe oder in selbstreferenziellen Genreübungen". Cristian Mungius Drama "R.M.N." über Rassismus in einem rumänischen Dorf sei im Wettbewerb allerdings gut aufgehoben: "Mungiu seziert erneut seine rumänische Heimat und die sozialen, politischen und identitären Konflikte, die dort seit dem Ende der Diktatur immer offener zutage treten."

Emin Alpers "Burning Days"

Enttäuschung gibt auch Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche zu Protokoll: Erstmals rückt das Festival keine Umhängetaschen raus. Immerhin überzeugte ihn Emin Alpers in der Nebenreihe "Un Certain Regard" gezeigter türkischer Film "Burning Days", dessen Produzentin Cigdem Mater vor wenigen Wochen in der Türkei weggesperrt wurde. Es geht um einen Staatsanwalt, der in der Provinz landet, "die unter Wasserknappheit leidet. Das 'Chinatown'-Motiv deutet bereits an, dass Alper vom Film Noir inspiriert ist; und von der Korruption eines Staatskapitalismus. ... Zwar ist die politische Intrige, in die Emre verstrickt wird, eher unterkomplex. Aber sein Porträt einer Gesellschaft, in der niemand niemandem vertraut, in der Wahlen von Dorfpopulisten mit einfachen Versprechen gekauft werden und die Homophobie offen liegt, ist genremäßig bravourös inszeniert."

Aus dem Festivalprogramm besprochen werden außerdem Mantas Kvedaravičius' "Mariupolis 2" (NZZ), Ruben Östlunds "Triangle of Sadness" (ZeitOnline, mehr dazu hier), der iranische Thriller "Holy Spider" von Ali Abbasi (taz) und Alex Garlands Horrorfilm "Men" (Welt).

Weitere Artikel: Daniel Haas staunt in der NZZ über die anhaltenden Höhenflüge in der Karriere von Tom Cruise, der gerade "Top Gun 2" (hier die online nachgereichte FAS-Kritik) in die Kinos bringt. Besprochen werden die Arte-Serie "Mafia Queens" (TA)  und die Amazon-Serie "Tokyo Vice" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.05.2022 - Film

Die Influencerin und das Model: offensichtliche Zielscheiben des Spotts von Ruben Östlund

Mit seinem Triptychon-Film "The Triangle Of Sadness" feiert der Regisseur Ruben Östlund sein Cannes-Comeback, wo er 2017 für "The Square" die Goldene Palme erhielt. Zu beobachten gibt es beispielsweise Woody Harrelson als saufenden Marxisten und Bootskapitän, ein Influencer-Pärchen und "die spektakulärste Brechorgie der Kinogeschichte seit Marco Ferreris Bourgeoisie-kritischem Klassiker 'Das große Fressen'", freut sich Daniel Kothenschulte in der FR und macht Lust aufs Finale des Films, der "als Robinsonade die sozialen Hierarchien noch einmal so gründlich durcheinander schüttelt, wie ein schlecht gemachter Martini seine Zutaten. Anders als sein geradezu intellektualistischer Vorgänger 'The Square' über die Doppelmoral des Kunstbetriebs ist dies ein grelles Stück Agitprop mit breitem Pinsel - aber hundert wohlplatzierten Pointen."

Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche erlebte ein "Satire-Stahlbad zwischen Feelbad-Movie und Crowdpleaser. ... Der schwedische Provokateur schien nur auf Cannes zu warten. Ein besserer Ort, um sich über die Schönen (Fashion!), Reichen (eine Cruisetour auf einer Yacht von Aristoteles Onassis) und Privilegierten (die soziale Hackordnung auf einer einsamen Insel) lustig zu machen, ist kaum vorstellbar." Doch "die Prämisse klingt so gut, dass Östlund sich danach aber nicht mehr viel einfallen lässt - außer einer lauten Nummernrevue mit offensichtlichen Zielscheiben für seinen Spott." Andreas Kilb von der FAZ musste im Kino mehrfach auf die Uhr sehen: "Im Kino ist Wirkung eine Frage der Ökonomie. Bei Ruben Östlund läuft die Erzählökonomie derart aus dem Ruder, dass man sich an eins jener Feste erinnert fühlt, die erst zu spät anfangen und dann nicht mehr enden wollen." Tazler Tim Caspar Boehme findet den Film "bei aller kalt-präzisen Beobachtung mitunter mehr als krude".

Aus dem Programm an der Croisette besprochen werden weiterhin Mantas Kvedaravičius' "Mariupol 2" (ZeitOnline, mehr dazu hier), Cristian Mungius "R.M.N." (Standard), Marie Kreutzers Sisi-Drama "Corsage" (Standard), Emily Atefs "Mehr denn je" (Tsp) und Tarik Salehs "Boy From Heaven" (FAZ). Außerdem berichten die Teams von critic.de und Artechock fleißig von vor Ort.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.05.2022 - Film

Bild aus "Mariupolis 2" von Mantas Kvedaravicius


Das Entsetzen war groß, als die Nachricht um die Welt ging, dass der litauische Dokumentarfilmer Mantas Kvedaravičius in Mariupol, wo er einen Film über den russischen Krieg gegen die Ukraine drehte, erschossen worden war. Seine Verlobte Hanna Bliobrova hat das bis dahin gewonnene Filmmaterial gemeinsam mit der Cutterin Dounia Sichow nun zu einem Film zusammengestellt, der in Cannes der Presse präsentiert wurde.

"Es ist ein ganz anderer Film über den Krieg, als wir es aus den Fernsehnachrichten gewohnt sind", schreibt Hanns-Georg Rodek in der Welt. Der Film beobachtet einen vom Krieg bereits schwer gezeichneten Vorort der Stadt und dessen Bewohner, während die eigentlichen Gefechte ein paar Kilometer weiter stattfinden. "Hätte er seinen Film fertigstellen können, Kvedaravičius hätte wahrscheinlich einen Großteil dieses Materials ausgesondert und andere Aufnahmen eingefügt, die er noch drehen wollte." Doch "'Mariupolis 2' bezieht seine Wirkung aus seinem rohen Zustand. Nichtbearbeitung ist hier der Ausweis von Echtheit. Nicht der Schnittmeister stellt die Wirkung her, sondern das Vergehen jener Zeit, die wir diesen Bildern ohne Trost ausgesetzt sind." Auch Andreas Busche vom Tagesspiegel lobt den Fragment-Charakter des Films: "ein eindrucksvolles, erschütterndes Dokument der menschlichen Widerstandskraft unter unvorstellbaren Bedingungen". Als Film lässt sich "Mariupolis 2" kaum bezeichnen, meint Andreas Kilb in der FAZ, "eher müsste man von einer Flaschenpost reden, einem filmischen Kassiber, der die Welt aus der untergegangenen Stadt an der Schwarzmeerküste erreicht. Daher ist es auch sinnlos, die Bilder von Kvedaravičius nach filmkritischen Maßstäben beurteilen zu wollen. Der Film ist gelungen, weil es ihn gibt."

Mit regem Interesse sah  FR-Kritiker Daniel Kothenschulte "Armageddon Time", den neuen, in Cannes gezeigten Film von James Gray: "Mit der humanistischen Ironie eines Mark Twain führt Gray in die Anfänge der Reagan-Ära. Der Amerikanische Traum ist noch lebendig, aber sichtlich befallen vom Mottenfraß von Rassismus und Klassismus. Durch die Löcher leuchtet in aller Unheimlichkeit die Gegenwart, erzählt mit der vergleichenden Weisheit des Dabeigewesenen. Einzigartige Darstellerleistungen machen Grays Film zu einem Schaustück des klassischen amerikanischen Kinos - Anthony Hopkins als geliebter Großvater und Anne Hathaway als in der Schulpflegschaft engagierte Mutter krönen die Besetzungsliste."

Mehr von der Croisette:Andreas Kilb beerdigt in der FAZ "Eo", den neuen Film von Jerzy Skolimowski, ein Remake von Robert Bressons Eselfilm-Klassiker "Zum Beispiel Balthasar" - ganz anders schätzt Artechock-Kritikerin Dunja Bialas den Film ein. Andreas Scheiner spricht in der NZZ mit Kirill Serebrennikow, der in Cannes seinen Film "Tschaikowskys Frau" präsentiert. Mit Felix Van Groeningens und Charlotte Vandermeerschs Naturfilm "Le otto montagne" über eine Freundschaft im Lauf der Jahrzehnte gibt es einen ersten Höhepunkt im Wettbewerb, berichtet Tim Caspar Boehme in der taz. Das Festival hat einen Wettbewerb für TikTok-Videos ausgerufen, wobei es erhebliche Querelen gab, berichtet Hanns-Georg Rodek in der Welt. Außerdem berichtet das Artechock-Team fortlaufend von vor Ort.

Abseits von Cannes: Andreas Hartmann erkundigt sich für die taz bei kleinen Kiezkinos nach ihrer Situation, nachdem die Coronahilfen weggefallen sind. Besprochen werden Lutz Pehnerts Porträtfilm "Bettina" über die Liedermacherin Bettina Wegner (Tsp) und die Disney-Serie "Beth und das Leben" mit Amy Schumer (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.05.2022 - Film

Kleiner Mann ganz groß: Tom Cruise in "Top Gun: Maverick"

Kampfjets über Cannes. Nein, keine Sorge - nichts Ernstes, allenfalls etwas Geschmackloses. Zur Premiere von Tom Cruise' Sequel zu seinem Durchbruchserfolg aus den Achtzigern, der Kampfjet-Sause "Top Gun", ließ es sich Festivalleiter Thierry Fremaux nicht nehmen, die Kunstflugstaffel der französischen Luftwaffe die Tricolore über die Croisette zaubern zu lassen, berichtet Andreas Kilb auf FAZ.net. Die Ehrenpalme für Cruise gab es noch dazu. Und Cruise gibt den Charmeur und spielte "nach den Regeln von Cannes, wo man auch von den Ikonen der Filmindustrie ein Bekenntnis zum Kino als Kunst- und Lebensform erwartet. Als er gefragt wurde, warum er die meisten seiner Stunts immer noch selbst macht, antwortete er mit einer Gegenfrage: 'Hätten Sie etwa Gene Kelly gefragt, warum er tanzt?'" Der Film selbst ist dann allerdings doch nur "ein reines Industrieprodukt, eine hochmotorisierte audiovisuelle Bespaßungsmaschine aus Männer- und Frauenklischees, Flugstunts und martialischem Gehabe." Weitere Besprechungen auf ZeitOnline und im Standard.

Alyona Mikhailova in Kirill Serebrennikows "Tschaikowskys Frau"

Ziemlich unpassend findet SZ-Kritiker David Steinitz all diesen Bombast um Cruise und seinen Film. Viel wichtiger findet er, dass Kirill Serebrennikows "Tschaikowskys Frau" gezeigt wird, ein Film, für den der russische Regisseur lange gekämpft hat, da die Darstellung vom Homosexualität im russischen Kino von den Behörden erheblich gegängelt wird. "Und jetzt, wo der 52-Jährige sein Traumprojekt gegen alle Widerstände des Regimes endlich fertig hat, fällt die russische Regierung in der Ukraine ein. 'Es ist ein Albtraum' sagte Serebrennikow mehrfach ... Er wolle das Festival nutzen, um die Welt mit seinem Film daran zu erinnern, dass man die russische Kultur nicht mit der 'paranoiden Ideologie' Putins gleichsetzen dürfe." Dennoch "löste seine Einladung nach Cannes in der Ukraine Irritationen aus. Unter anderem weil er sein Tschaikowsky-Projekt zu Teilen mit Geldern der Kinoprime Foundation finanziert hat. Das ist ein 100 Millionen Dollar schwerer privater Filmfonds des russischen Oligarchen Roman Abramowitsch, der lange zu Putins Förderern zählte." Tazler Tim Caspar Boehme sah "einen durchaus unangenehmen Film, da seine Figuren wenig an sich haben, mit dem man sich gern identifizieren möchte". Der Regisseur greift für sein Drama über die Frau des Komponisten, die nicht einsehen kann, dass ihr Gatte schwul ist, "tief in die Abgründe der berühmten russischen Seele", schreibt Jan Küveler in der Welt. Doch dabei "kratzt er oft dicht an Kitsch und Manierismus".

Besprochen werden Lutz Pehnerts Dokumentarfilm "Bettina" über die DDR-Liedermacherin Bettina Wegner (Freitag, ZeitOnline), Ti Wests Horrorfilm "X" (Perlentaucher, Tsp), Leander Haußmanns "Stasikomödie" (Standard, FAZ), Julian Radlmaiers marxistische Vampirkomödie "Blutsauger" (Perlentaucher) und die Amazon-Serie "Night Sky" mit Sissy Spacek (Freitag).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.05.2022 - Film

"Wir brauchen einen neuen Chaplin um zu beweisen, dass das Kino nicht schweigt", forderte der ukrainische Staatspräsident Selenski in einer Ansprache zur Eröffnung der Filmfestspiele von Cannes und spielte damit auf "Der große Diktator" an, Chaplins unsterbliche Hitler-Satire. Diese Ansprache war eine gute Entscheidung des Festivals, findet Andreas Busche im Tagesspiegel, dem es nach diesen zehn Minuten allerdings auch schwerfällt, in den Glitz-und-Glam-Modus der Gala zurückzufallen. Es ist ganz und gar nicht "banal angesichts Putins mörderischen Angriffskriegs in diesem Augenblick an die Unsterblichkeit eines Films zu denken", mahnt FR-Kritiker Daniel Kothenschulte. "Wie viel Kraft muss Selenski gerade aus diesem Film seines Idols gezogen haben und aus dessen Kampf gegen Goliath; schon als er noch selbst als Komiker die Missstände seines Landes ansprach, bevor man ihn zum Präsidenten wählte, um etwas dagegen zu tun. Und was hätte diese Nachwirkung seines Films Chaplin selbst bedeutet, der bis zu seinem Lebensende Zweifel hegte, ob das Lachen über Hitler moralisch richtig war." Selenskis Ansprache wirkte dringlich, aber auch etwas zwiespältig, findet Tim Caspar Boehme in der taz: "Die Grenze zwischen Ernst und Show verschwamm."

Lässt Tschaikowsky schlecht aussehen: Aljona Michailowa

Selenski gab sich mit seiner anspielungsreichen Ansprache als Cinephiler von "rhetorischer Cleverness" zu erkennen, der jeden Auftritt für sich gewinnt, meint Andreas Kilb in der FAZ und findet es spannend, dass Cannes als ersten Wettbewerbsbeitrag mit Kirill Serebrennikows "Tschaikowskys Frau" dann einen russischen Film gesetzt hat. Dass Serebrennikow Tschaikowskys Homosexualität in dem Drama nicht recht ins Bild gesetzt bekommt, "ist die eine große Schwäche des Films. Die andere hat mit der Hauptdarstellerin Aljona Michailowa zu tun. Serebrennikows Kamera liebt diese Frau, sie kann sich nicht sattsehen an ihr. Die Vorstellung, dass die schöne Antonina in ihren blauen, roten und gelben Ballkleidern Unrecht haben könnte, ist dem Film fremd. So lässt er Tschaikowsky schlechter aussehen, als der Erzählung guttut." Auf den Eröffnungsfilm, Michel Hazanavicius' Zombiekomödie "Coupéz!" (unser Resümee), blicken nochmal Dominik Kamalzadeh (Standard) und Anke Leweke (ZeitOnline).

Außerdem: Claudia Reinhard wirft für die Berliner Zeitung einen Blick auf die handfeste Krise, in der sich Netflix gerade befindet. Besprochen werden Leander Haußmanns "Stasikomödie", bei der sich die Filmkritik die Frage stellt, ob man über die Stasi lachen darf (SZ, Welt, Zeit, Tsp, Freitag), die "Top Gun"-Fortsetzung mit Tom Cruise (Presse, SZ), Ti Wests Horrorfilm "X" (SZ), Bastian Günthers "One of These Days" (taz, Tsp), eine DVD des Films "Beyond the Infinite Two Minutes" der Theatergruppe Europe Kikaku (taz), Neus Ballús' "Sechs Tage unter Strom" (SZ) und Jola Wieczoreks "Stories from the Sea" (Standard). Außerdem verrät uns die SZ, welche Filme sich diese Woche im Kino lohnen und welche nicht.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.05.2022 - Film

Gestammel, Gefuchtel und Kunstblut: In "Coupez!" lässt Cannes es spritzen

Michel Hazanavicius' Zombiekomödie "Coupez" (die ursprünglich mal "Z (Comme Z)" hieß, was nach dem russischen Angriff auf die Ukraine und dem "Z", das die russische Propaganda als Symbol benutzt, eilig geändert wurde) über einen Regisseur, der einen Zombiefilm dreht, hat gestern Abend die Filmfestspiele von Cannes eröffnet - so überwältigend ist der Film (oder die Frist bis zur Deadline so kurz), dass die Kritiker ihre Berichte vor allem mit Strandbeobachtungen und Festival-Trivia füllen. Hazanavicius hält sein Publikum im übrigen für die erste halbe Stunde ziemlich zum Besten, schreibt David Steinitz in der SZ: Denn zunächst sieht man erstmal "den kompletten versauten Zombiekurzfilm", sodass man "sich fragt, in welchem Schwachsinnsspektakel man denn jetzt gelandet ist", bevor Rückblenden und Rückblenden in Rückblenden den eigentlichen Film erzählen - "ein gewagtes dramaturgisches Manöver für einen Eröffnungsfilm. Denn die Zuschauer in Cannes sind gnadenlos." Zwar liefert "Coupez!" dann noch "ein paar absurde und komische Szenen. Ein Riesenknaller ist er allerdings nicht."

Über weite Strecken ist ein "mäßig blutiger, mäßig lustiger Film" zu sehen, seufzt Hanns-Georg Rodek in der Welt, dem die ständigen Verschachtelungen des Films am Ende fast zu viel werden. Immerhin: Ganz am Ende schlummert in dieser Matroschka-Film doch noch "eine vergnügliche Hommage an alles Mögliche, an die Filmgeschichte, an das Film-im-Film-Genre und sogar an das frühe Fernsehen der 1950er." Hilft alles nichts, findet ein ziemlich angeödeter Andreas Kilb in der FAZ: "Die Komödie, die in diesem Triptychon steckt, ist noch deutlich erkennbar, aber sie geht in Gestammel, Gefuchtel und Kunstblut unter." Im Standard ist Dominik Kamalzadeh gespannt auf Marie Kreutzers  österreichischen Film "Corsage", einer Neuverfilmung von Sisis Leben. Tim Caspar Boehme von der taz äußert sich nicht zum Eröffnungsfilm, aber zu interessanten Problemen mit dem elektronischen Buchungssystem und dass Cannes Wegwerfflaschen verboten hat.

Außerdem: Radio Free Europe meldet, dass die iranische Filmemacherin Mina Keshavarz verhaftet wurde und im Gefängnis sitzt. Aurelie von Blazekovic schreibt in der SZ zum Tod des Schauspielers Rainer Basedow. Besprochen werden Leander Haußmanns "Stasikomödie" (online nachgereicht von der FAS), Ti Wests Slasherfilm "X" (Presse) und die Arte-Doku "Wir sind keine Puppen" (FAZ).