Efeu - Die Kulturrundschau

Wie ein frisch gebügelter Himmel

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20.05.2022. 458 Kulturstätten wurden in der Ukraine seit Beginn des Kriegs von russischen Truppen systematisch beschädigt oder zerstört, lernt die SZ. In Belarus wurde die belarusische Übersetzung von George Orwells Roman "1984" verboten und der Verleger verhaftet, informiert die FAZ. Für Tom Cruises neue Kampfjet-Sause "Top Gun" malte die französische Luftwaffe glatt eine Tricolore in den Himmel von Cannes, staunen die Kritiker. Die SZ rümpft die Nase und unterhält sich lieber mit dem russischen Filmregisseur Kirill Serebrennikow über den Krieg. Der Designer Dieter Rams feiert Neunzigsten: In der FR würdigt Designhistoriker Klaus Klemp die poetische Formensprache von Rams.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.05.2022 finden Sie hier

Kunst

458 Kulturstätten sind bislang in der Ukraine seit Beginn des Kriegs von russischen Truppen systematisch beschädigt oder zerstört worden, entnimmt Jörg Häntzschel (SZ) einem am Dienstag veröffentlichten Bericht des Conflict Culture Research Network, das von dem amerikanischen Anthropologen Brian Daniels mitgegründet wurde, um Kulturzerstörung in Kriegen via Satellit zu dokumentieren. Ihor Poschywajlo, Direktor des Kiewer Maidan-Museums, berichtet vom "Denkmal eines Soldaten in Gostomel, dem die Russen in die Brust schossen. Vom plattgewalzten Denkmal für den 1974 geborenen Opernstar Wassyl Slipak, der 2016 im Osten der Ukraine von einem Scharfschützen getötet wurde. Von einer Kollegin, die mit einem bekannten Künstler verheiratet ist. Die Russen verbrannten sämtliche seiner Werke im Garten ihres Hauses. 'Putin hat klar gesagt, war er vorhat: Er will alles zerstören, was mit ukrainischer Identität zu tun hat.' Daniels, der den Krieg vom Satelliten aus beobachtet, ist überzeugt, dass Putins Truppen genau das tun: 'Es ist eine Taktik der verbrannten Erde. Es geht darum, die historische Präsenz der Ukraine zu entfernen.'"

Weiteres: Die taz unterhält sich mit Koyo Kouoh, künstlerische Leiterin der Triennale der Photographie in Hamburg, über ihr Programm.
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Film

Kleiner Mann ganz groß: Tom Cruise in "Top Gun: Maverick"

Kampfjets über Cannes. Nein, keine Sorge - nichts Ernstes, allenfalls etwas Geschmackloses. Zur Premiere von Tom Cruise' Sequel zu seinem Durchbruchserfolg aus den Achtzigern, der Kampfjet-Sause "Top Gun", ließ es sich Festivalleiter Thierry Fremaux nicht nehmen, die Kunstflugstaffel der französischen Luftwaffe die Tricolore über die Croisette zaubern zu lassen, berichtet Andreas Kilb auf FAZ.net. Die Ehrenpalme für Cruise gab es noch dazu. Und Cruise gibt den Charmeur und spielte "nach den Regeln von Cannes, wo man auch von den Ikonen der Filmindustrie ein Bekenntnis zum Kino als Kunst- und Lebensform erwartet. Als er gefragt wurde, warum er die meisten seiner Stunts immer noch selbst macht, antwortete er mit einer Gegenfrage: 'Hätten Sie etwa Gene Kelly gefragt, warum er tanzt?'" Der Film selbst ist dann allerdings doch nur "ein reines Industrieprodukt, eine hochmotorisierte audiovisuelle Bespaßungsmaschine aus Männer- und Frauenklischees, Flugstunts und martialischem Gehabe." Weitere Besprechungen auf ZeitOnline und im Standard.

Alyona Mikhailova in Kirill Serebrennikows "Tschaikowskys Frau"

Ziemlich unpassend findet SZ-Kritiker David Steinitz all diesen Bombast um Cruise und seinen Film. Viel wichtiger findet er, dass Kirill Serebrennikows "Tschaikowskys Frau" gezeigt wird, ein Film, für den der russische Regisseur lange gekämpft hat, da die Darstellung vom Homosexualität im russischen Kino von den Behörden erheblich gegängelt wird. "Und jetzt, wo der 52-Jährige sein Traumprojekt gegen alle Widerstände des Regimes endlich fertig hat, fällt die russische Regierung in der Ukraine ein. 'Es ist ein Albtraum' sagte Serebrennikow mehrfach ... Er wolle das Festival nutzen, um die Welt mit seinem Film daran zu erinnern, dass man die russische Kultur nicht mit der 'paranoiden Ideologie' Putins gleichsetzen dürfe." Dennoch "löste seine Einladung nach Cannes in der Ukraine Irritationen aus. Unter anderem weil er sein Tschaikowsky-Projekt zu Teilen mit Geldern der Kinoprime Foundation finanziert hat. Das ist ein 100 Millionen Dollar schwerer privater Filmfonds des russischen Oligarchen Roman Abramowitsch, der lange zu Putins Förderern zählte." Tazler Tim Caspar Boehme sah "einen durchaus unangenehmen Film, da seine Figuren wenig an sich haben, mit dem man sich gern identifizieren möchte". Der Regisseur greift für sein Drama über die Frau des Komponisten, die nicht einsehen kann, dass ihr Gatte schwul ist, "tief in die Abgründe der berühmten russischen Seele", schreibt Jan Küveler in der Welt. Doch dabei "kratzt er oft dicht an Kitsch und Manierismus".

Besprochen werden Lutz Pehnerts Dokumentarfilm "Bettina" über die DDR-Liedermacherin Bettina Wegner (Freitag, ZeitOnline), Ti Wests Horrorfilm "X" (Perlentaucher, Tsp), Leander Haußmanns "Stasikomödie" (Standard, FAZ), Julian Radlmaiers marxistische Vampirkomödie "Blutsauger" (Perlentaucher) und die Amazon-Serie "Night Sky" mit Sissy Spacek (Freitag).
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Design

Tonarmwaage von Dieter Rams für Braun, 1962. Foto: w/d/h, unter CC-Lizenz


Dieter Rams wird 90 Jahre alt - das Feuilleton gratuliert dem Vordenker des modernen Designs. Mit seiner legendären Arbeit für Braun ist es ihm gelungen, "eine Brückenfunktion von der Klassischen Moderne zur Gegenwart zu bilden" und dabei "eine ebenso exakte wie auch poetische Formensprache" zu finden, schreibt der Designhistoriker Klaus Klemp in der FR. "Alle Geräte von Braun besaßen alsbald ein einheitliches Gestaltungs-Gen, das sich aus einfacher, selbsterklärender Bedienbarkeit, aus dem Verzicht von allem ornamentalem Schmuck, aus visueller Langlebigkeit und aus sparsamem Umgang mit Farben definierte."


Entworfen von Dieter Rams: Das Gehäuse des Braun Phonosuper SK 61 von 1962. Foto: Konrad Conrad, unter CC-Lizenz


Gerhard Matzig schwärmt in der SZ von der Radio-Plattenspieler Kombination SK 4 aus dem Hause Braun, das in den Fünfzigern die Nachkriegsmoderne in die deutschen Wohnzimmer bringt. "Leicht wie eine Feder, strahlend optimistisch wie ein frisch gebügelter Himmel. Das hat Folgen. Erstens sagt zu diesem Futurismus-Objekt der Begierde aus Plexiglas, weiß lackiertem Blechkorpus und Wangen aus hellem Holz kaum jemand SK 4. Das verblüffende Teil, HiFi-Möbel, Sehnsuchtsort und Design-Utopie in einem, wird zum 'Schneewittchensarg'. Der Schneewittchensarg, der nicht den Tod in einem Märchen, sondern das Versprechen auf ein märchenhaftes Leben zum Sound der Fünfzigerjahre birgt, wird zweitens zum Symbol eines Landes, das sich aus dem Kriegsschutt heraustanzt. ... Das Überleben wird vom Leben abgelöst."

Auch FAZ-Kritiker Niklas Maak befällt die "Sehnsucht nach Rams", wenn er dieses einzigartige Portfolio an Designklassikern vor dem geistigen Auge vorüber ziehen lässt. Diese "erzeugen eine formale Spannung, die die Sinne schärfte, statt öde und leer zu wirken. Rams' Geräte und Möbel ähnelten auch darin eher der abstrakten Kunst ihrer Zeit - und es war auch deswegen nur konsequent, dass sie 1964 auf der Documenta und heute in vielen Museen der Welt zu sehen sind."
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Literatur

In Belarus wurde die belarussische Neuübersetzung von George Orwells "1984" verboten und deren Verleger Andrej Januschkiewitsch verhaftet, berichtet Felix Ackermann in der FAZ. Nach der Zerschlagung der Proteste gegen die fingierte Präsidentschaftswahl sind nun Verlage das Ziel der Repressionen, die Bücher in belarussischer Sprache veröffentlichen. "Das Prozedere ist stets dasselbe: Bei Durchsuchungen beschlagnahmen Uniformierte einzelne Exemplare, die einer Expertise unterzogen werden. Während dies vor 2020 noch Wissenschaftler erledigten, die indes zum Teil die Zusammenarbeit verweigerten oder sich gegen Verbote aussprachen, wird jetzt auf Publizisten zurückgegriffen, die im staatlichen Fernsehen und in der Kampfpresse Sowjetskaja Belorussija einen ideologischen Feldzug gegen Anhänger der Protestbewegung führen. ... Dass Andrej Januschkiewitsch unlängst nur wenige Häuser von einer KGB-Ausbildungsstätte entfernt den neuen stationären Buchladen Knihauka eröffnete, wurde umgehend als reale Bedrohung der staatlichen Ordnung verstanden. Das öffentliche Erscheinen von Dutzenden Kunden, die belarussische Bücher kaufen wollen, wird als ideologische Gefahr betrachtet."

Torsten Schulz kann im Konflikt um das deutsche PEN-Zentrum für keine Seite recht Partei ergreifen, will aber dennoch Mitglied bleiben, schreibt er im Tagesspiegel: Weder überzeugt ihn Deniz Yücels lautstarker Abgang ("produktiver Trotz wäre eine erwachsene Position gewesen"), noch "die Garde der Verstaubten", die "mit ihrer unverschleierten Provinzialität" Schulz' Bild vom deutschen PEN gerade prägen. Doch "wie und was auch immer, der PEN ist zu schade dafür, als Theaternummer betrachtet zu werden".

Weitere Artikel: Gerrit Bartels schreibt im Tagesspiegel zum 100. Todestag von Marcel Proust. Besprochen werden unter anderem Wolf Haas' Brenner-Krimi "Müll" (Jungle World), Julia von Lucadous "Tick Tack" (Tsp), Oliver Lubrichs "Humboldt oder wie das Reisen das Denken verändert" (NZZ), Andreas Brettschneiders Abenteuerroman "Auch junge Leoparden haben Flecken" (Tsp), eine erweiterte Neuausgabe von Michel Leiris' Feldtagebuch "Phantom Afrika" (FAZ) und neue Kinder- und Jugendbücher, darunter eine Neuausgabe von Adam Silveras "More Happy Than Not" (SZ).
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Bühne

Robert Jungwirth unterhält sich für den Tagesspiegel mit Vasyl Vovkun, dem Intendanten der Oper in Kiew, die wieder spielt, weil die Menschen sonst jede Hoffnung und Freude verlieren, so Vovkun: "Wenn kreative Menschen ihre Träume und Pläne verlieren, entsteht im tiefsten Inneren eine große Leere. Eine kollektive Depression ist die größte Gefahr. Um die zu verhindern, haben wir sogar während des Krieges mit den Proben zu Francis Poulencs 'Les Dialogues des Carmélites' begonnen. Das ist wirklich hart, da wir keinerlei finanzielle Unterstützung dafür bekommen. Aber wir hoffen auf unsere europäischen Partner und auf die Verwirklichung unseres Traums."

Weitere Artikel: Roland H. Dippel hat sich für die nmz erkundigt, wie deutsche Musiktheater auf Pandemie, Klimawandel und Ukrainekrieg reagieren. Die Anwältin Christina Clemm sah für die nachtkritik beim Theatertreffen Pınar Karabuluts Inszenierung von Sivan Ben Yishais Stück "Like lovers do". 

Besprochen werden außerdem die Uraufführung von Martin Grubers "Lüg mich an und spiel mit mir" mit dem aktionstheater am Landestheater Bregenz (nachtkritik) und die Choreografie "Una imagen interior" des angesagten spanischen Theaterkollektivs El Conde de Torrefiel bei den Wiener Festwochen ("ein prätentiöses Konglomerat aus Schickimicki-Optik und kruder Küchenphilosophie", das "bereits Gelder von zehn Festivals bekommen hat", ärgert sich nachtkritikerin Gabi Hift)
Archiv: Bühne

Musik

Zumindest im Bereich der Kultur habe Europa Russland den Krieg erklärt, meint Florian Eichel in der Zeit - böswillige Verdrehung der übergeordneten realen Gegebenheiten oder bloß eine unachtsame Entgleisung? Wie dem auch sei, den Ausgangspunkt seiner Überlegungen bildet jedenfalls die "Gretchenfrage" insbesondere des Klassikbetriebs, wie man es derzeit mit der russischen Kultur hat. "Man hadert mit der symbolpolitischen Wirkung, die es entfaltet, der russischen Kultur eine Plattform zu geben, wenn gerade die ukrainische schutz- und aufführungsbedürftig ist. Doch rücken solche Überlegungen nationalideologische Bewertungskriterien in den Vordergrund, die man eigentlich überwunden zu haben hoffte. Hinter der Diskussion über das Für und Wider russischer Musik in Zeiten des Krieges scheint also eine grundsätzlichere Problematik auf: Wie viel politischen Ballast hält antipropagandistische Kunst aus, bevor sie unter einem solchen Gewicht selbst zu bloßer Propaganda wird?"

Weitere Artikel: Oliver Tepel blickt in der taz auf die Geschichte des 1982 gegründeten Clubs "The Hacienda" in Manchester. Harry Nutt schreibt in der Berliner Zeitung einen ersten Nachruf auf Vangelis, dessen Tod gestern Abend gemeldet worden war. Neben seiner berühmten Filmmusiken (natürlich, "Blade Runner") war er auch Mitbegründer der griechischen Avantgarde-Rockband Aphrodite's Child:



Besprochen werden das neue Album von Kendrick Lamar (taz, mehr dazu hier), ein Konzert von Arcadi Volodos in Wien (Standard) und das wohl wirklich unvermeidbare Comeback-Album von Marius Müller-Westernhagen ("Hausmannskost", urteilt FAZ-Kritiker Edo Reents)
Archiv: Musik