Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.06.2022 - Film

Den klassischen Feuilletons keine Notiz wert gewesen ist der heutige 40. Todestag von Rainer Werner Fassbinder - der WDR bringt eine viertelstündige Sendung von Detlef Wulke, in seiner wöchentlichen Artechock-Kolumne erinnert Rüdiger Suchsland an den Filmemacher immerhin am Rande, dem es um die "Revolution des Bewusstseins" ging, um "Aufklärung, Veränderung der Gesellschaft. Das Kino wollte nicht so dumm sein wie der Rest der Gesellschaft; es wusste, dass es klüger war, und es stand dazu. Es war Elite, aber nicht elitär. Für die Filmkritik galt das selbstverständlich auch."

Außerdem: Auf Artechock spricht Anna Edelmann mit Tim Roth über seine Rolle in Michel Francos mexikanischem (und hier besprochenen) Drama "Sundown". Die NZZ bringt eine Bilderstrecke zu Judy Garland, die vor 100 Jahren geboren wurde. Im SWR erinnert Silke Merten mit einem Feature an die Schauspielerin.

Besprochen werden Bruno Dumonts Mediensatire "France" (ZeitOnline, Artechock, mehr dazu hier), Jessica Krummachers "Zum Tod meiner Mutter" (SZ), Mamoru Hosodas Animationsfilm "Belle" (Artechock, mehr dazu hier), Colin Trevorrows neues "Jurassic World"-Blockbuster (Artechock), die abschließende Staffel von "Peaky Blinders" (NZZ), die Sitcom "How I Met Your Father" (taz) und die dritte Staffel von "The Boys" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.06.2022 - Film

Szene aus "The Lady of Heaven"


Nach Protesten muslimischer Aktivisten hat die Kinokette Cineworld den Film "The Lady of Heaven" von Eli King aus dem Programm genommen, "um die Sicherheit unserer Mitarbeiter und des Publikums zu garantieren", berichtet der Guardian. Der Film wirbt damit, der erste zu sein, der Mohammeds Gesicht zeigt, auch wenn es dem Guardian-Rezensenten schwer fällt, Mohammed in der Fülle des Casts eindeutig zu identifizieren. "Malik Shlibak, der ausführende Produzent des Films, sagte dem Guardian, dass die Kinos 'aufstehen und ihr Recht verteidigen sollten, jene Filme zu zeigen, die das Publikum sehen will. ... Dies ist ein künstlerischer Versuch, über die Geschichte und eine Religion zu reden und nachzudenken, was stets zu einer Fülle verschiedener Ansätze und Interpretationen führt. Das ist normal und gesund. Wir begrüßen das und wir begrüßen es, wenn Menschen ihrer Meinung Ausdruck verleihen, ob sie nun für oder gegen diesen Film sind', sagte er. 'Aber was wir nicht unterstützen und wogegen wir uns vehement richten, ist was die Leute hier versuchen: andere zensieren und diktieren, was wir in britischen Kinos sehen dürfen und was nicht.'"

Embedded Journalism: Léa Seydoux als France in "France"

Mit "France" nimmt der Autorenfilmer Bruno Dumont den von Social Media angestachelten Medienbetrieb der Gegenwart aufs Korn: Léa Seydoux spielt hier eine TV-Journalistin namens France, die der Wirklichkeit mit Blick auf die Quote gerne auf die Sprünge hilft - und dies auch mal vor Ort in Krisengebieten. Diese Figur "übt ihren Beruf mit furchterregendem Unernst aus. Die Welt existiert, um ihren Drang zu erfüllen, sich in Szene zu setzen", schreibt Gerhard Midding im Freitag. Doch Dumont "kennt seine Feindbilder genau. Mithin ist der Spielraum, den er sich gibt, begrenzt. France muss nicht erst entlarvt werden, sie ist von Beginn an als Monstrum gesetzt. Allein ihr Vorname ist schon anmaßend genug. Die Zeichnung" sei "nachgerade misogyn". Etwas anders sieht es FAZ-Kritiker Andreas Kilb: "Die Kamera versucht Léa Seydoux zu hassen, aber es gelingt ihr nicht." Dieses "Duell" behalte "bis zum Schluss eine wohltuende Unberechenbarkeit".

Eine "Erosion" beobachtet Perlentaucherin Stefanie Diekmann, die allerdings "weder als Demontage der Figur noch als Läuterung zu beschreiben ist, sondern als ein langgezogener Prozess, in dem das, was einmal wie ein ziemlich geiler Job aussah, alle Farbe und Attraktivität verliert." Und "noch die existentiellste Verunsicherung bleibt Teil jenes kühlen Kalküls, mit dem Dumont sein Publikum irritiert", hält Christiane Peitz im Tagesspiegel fest. Trotz kleinerer Vorbehalte zeigt sich Arabelle Wintermayr in der taz begeistert: "Eine heutigere, lustvollere und treffendere Abrechnung mit einer sich ausbreitenden Variante von Journalismus, die sich zuerst als Spektakel versteht, gibt es nicht."

Von der Außenseiterin zum Internetstar: "Belle"

Was geschieht, wenn die Realität in eine Welt der Virtualität und Avatare hinabgleitet, das erzählt der japanische Autorenfilmer Mamoru Hosoda in seinem neuen Animationsfilm "Belle" unter Rückgriff auf Motive aus "Die Schöne und das Biest". In diesem "überbordend fantasievollen Bilderrausch" erweist sich der Filmemacher einmal mehr "als einer der komplexesten und experimentellsten Animeregisseure der Gegenwart", schwärmt Jochen Werner im Perlentaucher. Hosoda "treibt die Auseinandersetzung mit Tod, Verlust und Trauer, die sich durch all seine Filme zieht, weiter als je zuvor: 'Belle' ist Hosodas traumatisiertester Film, und die Substanzen, mit denen er in der zweiten Hälfte ringt, sind schwer und dunkel." An Emotionen werde nicht gegeizt, schreibt Robert Wagner auf critic.de: "Das Kitschige und Sentimentale, auf das Hosoda wieder alles hinauslaufen lässt, erreicht wieder eine eindringliche Wucht, da optischer Reichtum und erzählerische Schnörkel einander perfekt ergänzen."

Etwas skeptischer blickt Sabine Horst in der Zeit auf den Film: "Diese Cyberwelt ist mithilfe internationaler Studios komplett im Computer entstanden, von den uniformen, recht unverhohlen errechneten Hochhaus-Architekturen über die allgegenwärtigen Glitter-Effekte bis zum beunruhigend perfekten Porzellangesicht der Heldin. Ein aufwändiger Look, der mit traditioneller japanischer Bild-für-Bild-Animation kaum mehr zu erreichen ist und der sich sehr weit vom kanonischen Stil des Arthouse-Anime-Films entfernt. Am Ende ist all das Fantastische, Märchenhafte, was man hier sieht, auch ein wirtschaftliches Experiment: Anime unter dem Druck der Globalisierung, getrieben vom eigenen Erfolg."  Daniel Kothenschulte hat für die FR mit dem Regisseur gesprochen. Weitere Kritiken in der taz und Tagesspiegel.

Weitere Artikel: Thomas Abeltshauser spricht für die taz mit dem mexikanischen Regisseur Michel Franco über dessen (in der FR besprochenen) Film "Sundown" und über die politische Lage in seinem Land. In seiner Pasolini-Reihe für den Standard denkt Ronald Pohl über die Körperdiskurse in den Filmen des italienischen Regisseurs nach.

Besprochen werden Jessica Krumbachers "Zum Tod meiner Mutter" (Tsp), Abel Ferraras auf DVD veröffentlichter Thriller "Zeros and Ones" (critic.de), der neue "Jurassic World"-Film (Standard, FAZ, ZeitOnline, SZ), die Disney-Serie "Ms Marvel" (FAZ) und die Sitcom "How I Met Your Father" (ZeitOnline), Außerdem verrät uns die SZ, welche Filme sich diese Woche lohnen und welche nicht.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.06.2022 - Film

Wer desavouiert hier eigentlich wen? Historisches Material und Film Still aus "Gladbeck. Das Geiseldrama" (Netflix)

Für Netflix hat Archivmaterial-Collageur Volker Heise das Material zum Geiseldrama von Gladbeck gesichtet und den Film "Gladbeck. Das Geiseldrama" zusammengestellt. "Das Erzählerische ist ganz in der Montage aufgegangen", schreibt Peter Körte in seiner von der FAS online nachgereichten Besprechung. "Die Gruppierung, das Arrangement des Materials, Auswahl und Timing sorgen für die narrative Form. Zugleich gilt es, diese reflexionslosen Bilder, die Kumpanei und die Distanzlosigkeit derer, die sie gemacht, und derer, die sie in Auftrag gegeben und verarbeitet haben, nicht einfach zu reproduzieren. Heise löst das souverän: Er lässt die Bilder von damals die Bedingungen ihrer Entstehung desavouieren." Doch Körte beschleicht dabei auch "ein seltsamer Effekt. Man könnte von 'Refiktionalisierung' sprechen. Es kommt einem so vor, als sähe man einen formal avancierten Kriminalfilm, der mit einem Mangel an Perfektion kokettiert, gezielt verschiedene visuelle Formate einsetzt."

Außerdem: David Steinitz berichtet in der SZ von einem Urheberrechtsstreit um Tom Cruise' aktuellen "Top Gun"-Blockbuster: Die Erben des Journalisten, auf dessen Reportage der erste "Top Gun"-Film aus den Achtzigern lose basiert, machen Ansprüche geltend. Carolin Ströbele erinnert auf ZeitOnline an den 80er-Nahtanz-Klassiker "La Boum", der vor 40 Jahren in die Kinos kam.

Besprochen werden der neue "Jurassic World"-Blockbuster (NZZ, Freitag), die Satire "Der perfekte Chef" mit Javier Bardem, die in Deutschland allerdings erst Ende Juli startet (NZZ), und die Sky-Doku "Welcome to Flatch" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.06.2022 - Film

Militarisierung des staatlichen Kampfes gegen den Protest auf der Straße: "Riotsville, USA"

In ihrem Dokumentarfilm "Riotsville, USA" stellt Sierra Pettengill Archivaufnahmen zusammen, die zeigen, wie Polizei und Militär in den USA in den Sechzigern mit Schauspielern in Camps darauf gedrillt wurden, Proteste der Bürgerrechtsbewegung von der Straße zu fegen. "Die Militarisierung des staatlichen Kampfes gegen die Proteste wurde schließlich nicht nur hingenommen - sie war besonders von vielen weißen Bürgern auch gewünscht und ist es bis heute", schreibt Frauke Steffens in der FAZ. "Die vom Staat imaginierte 'Riotsville' mit ihren aggressiv auftretenden Manöver-Schauspielern wird so zu einer Metapher für den Blick der Behörden und vieler Weißer auf schwarzen Protest: Der 'Krawall' ist überall, ist gleichsam inhärent in den innerstädtischen Communities und muss immer und überall schon präventiv niedergeschlagen werden. Bis heute fungieren die auch im Deutschen lange 'Rassenunruhen' genannten Elendsaufstände als Rechtfertigung für einen hochgerüsteten Polizeiapparat und die Kriminalisierung von politischem Protest."

Außerdem: Christiane Peitz (Tsp) und Claudius Seidl (FAZ) gratulieren Ulrike Ottinger zum 80. Geburtstag. Im Standard empfiehlt Valerie Dirk dem Wiener Publikum eine Filmschau im Metro-Kino zur Geschichte des queeren österreichischen Kinos. Jakob Hayner erinnert in der Welt an 20 Jahre "The Wire" - bis heute bleibe die Serie "unerreicht". In der FAZ gratuliert Jürgen Kaube Liam Neeson zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden "Everything Everywhere All at Once" mit Michelle Yeoh (ZeitOnline), der Mafiathriller "The Outfit" mit Mark Rylance (SZ), die vierte Staffel von "Borgen" (taz) und der Gastauftritt von Prince Charles in der britischen Dauerbrennerserie "East Enders" (ZeitOnline).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.06.2022 - Film

Rüdiger Suchsland von Artechock nutzt die Verschnaufpause nach dem Cannes-Trubel für eine Bilanz zur Lage der Filmkritik. "Viele Texte sind nur borniert", schreibt er. Vieles zu brav, zu engstirnig, zu sehr auf Film eingeschossen, ohne dessen Korrespondenzen zur Kunst, zur Gesellschaft zu thematisieren. "Der Kritik geht es nicht gut. Mehr denn je steht ihre Zukunft infrage. Mit der Existenzkrise, die das Kino gerade erfährt, ist auch Filmkritik in ihrer Substanz gefährdet. Man scheint sie nicht mehr zu brauchen. Aber braucht Kritik sich selber denn? Wenn sie sich selber nicht will, nicht achtet, warum sollten andere sie wollen und achten?" Allerdings bleibt Suchsland vage, auf wen seine Kritik an der Kritik zielt - Namen und Details nenne er aber gerne auf E-Mail-Anfrage, schreibt er.

Weitere Artikel: Albrecht Götz von Olenhusen berichtet im CulturMag von einer Tagung in Freiburg zu Ehren der vergangenes Jahr verstorbenen Filmhistorikerin Nina Gladitz, deren Existenzgrundlage in einem Prozess, den Leni Riefenstahl in den Achtzigern gegen sie führte, mehr oder weniger zerschlagen wurde. Sofia Glasl verneigt sich im Filmdienst vor dem Kino Joachim Triers. Für epdFilm befasst sich Thomas Abeltshauser mit der Darstellung der ETA im Film. Im CrimeMag analysiert Dietrich Leder, wie im TV-Krimi Kommissarinnen sterben. Tobias Kniebe wagt sich für die SZ todesmutig ins Sommerloch, um dort nach dem Bösewicht aus Tom Cruise' neuem "Top Gun"-Film (unsere Kritik) zu suchen. In der SZ gratuliert Susan Vahabzadeh Ulrike Ottinger zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Arthur Hararis "Onoda - 10.000 Nächte im Dschungel" (Welt), Joachim Triers Beziehungs-Tragikomödie "Der schlimmste Mensch der Welt" (Artechock, unsere Kritik hier), ein Filmbuch über Apichatpong Weerasethakuls "Memoria" (Filmdienst), Graham Moores Thriller "The Outfit" mit Mark Rylance (Artechock, Tsp) und die im ZDF gezeigte, schwedische Polizei-Serie "Thin Blue Line" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.06.2022 - Film

Sidse Babett Knudsen in der vierten Staffel von "Borgen" (Netflix)

Netflix sei Dank: "Borgen" ist wieder da, jubelt Carolin Ströbele auf ZeitOnline. Seit neun Jahren lag die einst für den dänischen Sender DR1 produzierte, international gefeierte Serie auf Eis. Die Polit-Serie erweist sich in ihrem Comeback, das von einem massiven Erdölfund in Grönland handelt, als "so aktuell wie nie. Sie führt im Grunde alle aktuellen politischen Themen in einem Strang zusammen: die Klimakrise, die Energiefrage, das Machtspiel zwischen Russland, China und den USA. ... All diese Großmachtinteressen spinnt der Serienschöpfer Adam Price kunstvoll um seine Königin Birgitte Nyborg herum. Wie eine Kampfkünstlerin lässt er sie einen Angriff nach dem anderen parieren. Einmal ist sie elegant und wendig, lässt ihre Gegner ins Leere laufen, ein anderes Mal unbeweglich wie ein Bollwerk. Wäre Nyborg ein Mann, würde man sagen, sie sei ein Homo politicus, vollkommen fokussiert auf ihre Leidenschaft für Politik, für Kommunikation, für den Kampf um Mehrheiten. Doch der Terminus existiert nicht in der weiblichen Version."

Außerdem: Marc Hairapetian spricht in der FR mit Felix Florian Werner, dem Sohn von Oskar Werner, dem das Filmarchiv Austria in Wien derzeit eine große Ausstellung widmet, deren größten Attraktionen Hairapetian an dieser Stelle präsentiert. In einer ZeitOnline-Glosse denkt Daniel Gerhardt über die Ästhetik direkter Ansprachen von Hollywoodstars an ihre Fans nach.

Besprochen werden die vierte Staffel von "Stranger Things" (Freitag) und Julian Radlmaiers marxistische Vampirkomödie "Blutsauger" (Standard, unsere Kritik hier).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.06.2022 - Film

Wie geht's weiter? Es gibt kein Richtig, es gibt kein Falsch: Joachim Triers "Der schlimmste Mensch der Welt"


In seinem neuen Film "Der schlimmste Mensch der Welt" erzählt Joachim Trier anhand einer Frau in ihren Zwanzigern "von den Entscheidungen, bei denen es kein richtig oder falsch gibt und mit denen wir uns für ein mögliches Leben und gegen eines oder unzählige andere entscheiden", schreibt Jochen Werner im Perlentaucher: Affäre oder nicht? Trennen oder nicht? "Überhaupt ist das das Hauptthema dieses an der narrativen Oberfläche so schlichten, emotional aber subtilen und komplexen Films, der seine Protagonistin durch einen Zeitraum von mehreren Jahren und Lebensphasen begleitet: wie sich, je länger wir leben, die Anzahl der Leben, die wir nicht gelebt haben, immer höher hinter uns auftürmt."

Der Regisseur "präsentiert das Panoptikum eines späten Erwachsenwerdens", schreibt Jens Balkenborg im Freitag, "und das mit einem Hang zu Verspieltheit und Anarchie, der den Film selbst in Bewegung hält und für Überraschungen sorgt: das Unstete als ästhetischer Motor." taz-Kritikerin Arabella Wintermayr sieht in dem Film "eine feinfühlige Reflexion über die Grundbedingungen des Menschseins". Andreas Busche staunt im Tagesspiegel über die Hauptdarstellerin Renate Reinsve, deren "Strahlkraft weit über das bloße Derivat eines Hollywood-Glamours hinausgeht. Sie verkörpert die erhitzte Euphorie über die mannigfaltigen Möglichkeiten ihrer Selbstverwirklichung wie auch die latente Depression einer permanenten Überforderung mit einer Unbekümmertheit, die den Film in seinen besten - und selbst in seinen schwächeren - Momenten trägt." Weitere Besprechungen auf ZeitOnline und in der SZ.

Weitere Artikel: Andreas Scheiner (NZZ) und Daniel Kothenschulte (FR) gehen dem Erfolg von Tom Cruise' neuem "Top Gun"-Film auf den Grund. Besprochen werden Jonas Engströms "Dark Spring" aus dem Jahr 1970, der heute die dem Regisseur gewidmete Retrospektive im Berliner Kino Arsenal eröffnet (Perlentaucher), Graham Moores Thriller "The Outfit" mit Mark Rylance (FR, FAZ), Marcus Lenz' "Rivale" (taz, SZ), Arthur Hararis "Onoda - 10.000 Nächte im Dschungel" (Tsp) und die DVD-Ausgabe von Henry Cornelius' "I Am a Camera" (taz). Außerdem verrät die SZ, welche Filme sich lohnen und welche nicht.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.06.2022 - Film

Im Standard spricht die Schauspielerin Renate Reinsve über ihre Rolle in Joachim Triers "The Worst Person in the World", wo sie eine junge Frau spielt, die ihr (Beziehungs-)Leben nur halb sortiert bekommt. In der Welt spricht die Schauspielerin Natja Brunckhorst, die als Christiane F. bekannt wurde, über ihr Regiedebüt "Alles in bester Ordnung". Besprochen werden die Arte-Serie "Europa. Kontinent im Umbruch" (ZeitOnline), die WDR-Serie "Hype" (taz) und die Amazon-Serie "Outer Range" (BLZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.05.2022 - Film

Für ZeitOnline unterhält sich Patrick Heidmann mit Ruben Östlund, dessen Film "Triangle of Sadness" eben in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde (unser Resümee). Unter anderem erklärt Östlund, warum er seine Kritik an den Superreichen, den Influencern und dem Modelbetrieb nicht einfach als Film über die Modebranche konzipiert, sondern seinen Film als Triptychon angelegt hat: "Weil ich etwas vermeiden wollte, was meiner Meinung heutzutage viel zu sehr an der Tagesordnung ist. Nämlich der Versuch, die Welt anhand des Verhaltens einzelner Individuen zu erklären. Wir sind geradezu besessen davon, dass es die Guten und Bösen gibt, doch mir ging es mehr um einen soziologischen Ansatz. Marx ist einer der Begründer der Soziologie und viele seiner Wirtschaftstheorien darüber, wie unsere Position innerhalb ökonomischer Strukturen unser Verhalten beeinflusst, haben mich bei 'Triangle of Sadness' sehr inspiriert. Gerade weil die Linke heutzutage Marx vergessen zu haben scheint und sowohl die Politikerinnen und Politiker als auch die Wählerinnen und Wähler sich fast nur noch auf diese Gut-Böse-Einteilung versteifen."

Thomas Abeltshauser resümiert im Freitag die Filmfestspiele in Cannes, deren Wettbewerb er allenfalls mittelprächtig fand. Insbesondere die Nebenreihen boten Entdeckungen: "Joao Pedro Rodrigues queere Musicalkomödie 'Fogo-fátuo' etwa, die Portugals Kolonialvergangenheit und schwule Fantasien über Feuerwehrmänner verzahnt. Oder Lola Quiverons hochtouriges Bikerdrama 'Rodéo' über eine nonbinäre Teenager-Rebellin. Oder die schillernd verwobene Dreiecksgeschichte 'Le bleue du caftan' der Marokkanerin Maryam Touzani über einen Kaftanschneider in der Medina von Salé, seine schwerkranke Frau und die lange unterdrückte Zuneigung zu seinem jungen Lehrling."

Außerdem: Karin Janker berichtet in der SZ von ihrer Begegnung mit Maixabel Lasa, über die die Filmemacherin Icíar Bollaín gerade einen Film gedreht hat (unsere Kritik). Besprochen werden James Bennings Essayfilm "The United States of America" (taz), Jonas Poher Rasmussens oscarnominierter Animationsfilm "Flee" über eine Flucht aus Afghanistan (Freitag, ZeitOnline), die neue "Star Wars"-Serie "Obi-Wan Kenobi" (FAZ) und die Sky-Serie "Tschugger" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.05.2022 - Film

Gespaltene Abendgesellschaft, gespaltene Kritik: Ruben Östlunds "Triangle of Sadness"

Das Filmfestival in Cannes ist mit einer Goldenen Palme für Ruben Östlunds Reichensatire "The Triangle of Sadness" (unser Resümee) zu Ende gegangen. Schon 2017 hatte Östlund für seine Kunstbetriebssatire "The Square" (unsere Kritik) die Goldene Palme erhalten. FR-Kritiker Daniel Kothenschulte ist von dem neuen Film jedoch nicht so überzeugt: "Fraglos überaus unterhaltsam, ist die Farce doch deutlich gröber gestrickt als Östlunds Vorgängerfilm. ... Dabei gab es auch feinere, einfühlsamere und kunstvollere Arbeiten in diesem uneinheitlichen Wettbewerb, die schönste kam zuletzt - und ging leider leer aus", nämlich "Showing Up" von Kelly Reichardt. Der Film lässt "der Fantasie keinen Raum", bemängelt NZZ-Kritiker Patrick Straumann, einen "Film gewordenen Urschrei" erkennt SZ-Kritiker David Steinitz in dem Film.

Auch Dominik Kamalzadeh vom Standard findet den Gewinnerfilm allenfalls halb geglückt: "Östlunds großes Talent für luzide Analysen liberaler Scheinheiligkeiten blitzt in dieser Klassen-Groteske über die Marotten und Arroganz von Superreichen nur gelegentlich auf." Dem Regisseur war hier der Publikumserfolg offenbar "wichtiger als künstlerische Subtilität". Ganz anders Kamalzadehs leer ausgegangene Favoriten: Albert Serras "Pacifiction", Saeed Roustaees "Leila's Brothers" und Kelly Reichardts "Showing Up" waren allesamt "Filme, die mit Nuancierungen und originellen inhaltlichen Setzungen" überzeugten. Stimmt schon, in Östlunds Film herrscht kein Mangel an "Plattheiten mit viel Freude am Slapstick", doch auch diese kann taz-Kritiker Tim Caspar Boehme "als gelungen betrachten". Eher schwach fand er in diesem Jahr die Auftritte der Altmeister.

Sehr zufrieden ist Rüdiger Suchsland von Artechock mit der Entscheidung für Östlunds Film: "Ein Glücksgriff für das Festival, ein Geschenk für das Kino in Zeiten seiner existentiellen Krise: Indem er das Publikum spaltet, indem er provoziert, indem er dazu anregt, nach dem Film weiter zu debattieren, nachzudenken und ihn sich vielleicht gleich noch mal anzuschauen, um zu verstehen, was man da eigentlich genau gesehen hat, ist 'Triangle of Sadness' eigentlich ideales Autorenkino. Wir haben es nur ein bisschen verlernt, auf solche Filme angemessen zu reagieren und die Uneindeutigkeit die sie in uns hervorrufen, als Vorzug wertzuschätzen und zu begrüßen."

Cannes leidet an Überalterung, muss FAZ-Kritiker Andreas Kilb feststellen: Die besten Jahre hat man hinter sich, nun bleiben "die gerade noch guten. ... Diesmal lief kein einziger Debütfilm im Wettbewerb. Dafür stammten zwei Drittel der Beiträge von Regisseuren, die schon mindestens einmal einen der Hauptpreise gewonnen haben." Dem kann Anke Leweke auf ZeitOnline nur zustimmen: "Man fühlte sich seltsam unterfordert vom Geschehen auf den Leinwänden. Zu bequem hatten sich die renommierten Autorenfilmer, die Stammgäste von Cannes, in ihren Themen und Erzählweisen eingerichtet. Zu gediegen ihre Wettbewerbsbeiträge." Welt-Kritiker Hanns-Georg Rodek fühlte sich beim Festival genervt von Filmen, die ihre Gesinnung vor sich hertragen, während die "paar tolle Filme" dieses Jahrgangs gemein hatten, "dass sie politische Aussagen der Politik überließen".

Im SZ-Gespräch unterstreicht der ukrainische Filmemacher Sergei Loznitsa seine Fassungslosigkeit, aus der Ukrainischen Filmakademie geflogen zu sein, weil er einen Totalboykott russischer Kultur, der auch putinkritische Künstler trifft, nicht mittragen will. Mit ihm gesprochen habe man nicht. "Jemanden einfach ohne Diskussion rauszuschmeißen, weil einem seine Meinung nicht passt, das erinnert mich doch leider sehr an die Zensur zu Zeiten der Sowjetunion. Diese Leute sind immer noch im alten Denken erstarrt. Das sind Sowjet-Methoden."

Abseits der Croisette: Joachim Hentschel berichtet in der SZ von seinem Treffen mit Natja Brunckhorst, die als Hauptdarstellerin in "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" bekannt wurde und nun mit "Alles in bester Ordnung" ihr Debüt als Regisseurin gegeben hat. Besprochen werden Dominik Galizias Berliner Kneipenfilm "Heikos Welt" (taz), Icíar Bollaíns ETA-Drama "Maixabel" (Standard, unsere Kritik hier), der neue "Top Gun"-Film mit Tom Cruise (taz, unsere Kritik hier), Andreas Wilckes Doku "Volksvertreter" über die AfD (Tsp)  und die vierte Staffel der Netflix-Serie "Stranger Things" (FAZ).