Szene aus "Die Jakobsbücher". Bild: Krafft Angerer "Besser kann man Tokarczuks Werk im Theater wohl nicht gerecht werden", glaubt Christiane Lutz in der SZ nach Ewelina MarciniaksAdaption von Olga Tokarczuks Monumentalwerk "Die Jakobsbücher" am Hamburger Thalia Theater. Marciniak hat die Geschichte um den polnischen Juden Jakob Frank, der zunächst eine mystisch geprägte Befreiungsbewegung gründete, erst zum Islam und dann zum Christentum konvertierte, formstreng "auf den Punkt" inszeniert, staunt Lutz: "Marciniak führt die Religionen und Religiosität nicht vor. Der Diskurs, der Streit, ist immer auch ein Spiel, sich zu entwickeln. (…) Tausende Juden sind damals in katholischem Übereifer in Polen (zwangs-)getauft worden, eine brutale Aktion vermeintlicher Gleichmachung, nur damit danach alle bedröppelt feststellen, so richtig gleich sei man immer noch nicht. Fremdheit ist für Marciniak nichts, das es grundsätzlich zu überwinden, plattzuwalzen gilt. Mit Eleganz balancieren sie und ihr großartiges Ensemble an diesem einnehmenden Theaterabend auf dieser feinen Linie zwischen Fremdheit und Nähe, die es vielleicht zu erhalten gilt, damit die Menschen respektvoll zusammenleben können."
Außerdem: Im Tagesspiegelgratuliert Frederik Hanssen der Deutschen Oper Berlin in einer "Liebeserklärung" zum sechzigjährigen Bestehen. Der Prozess gegen den belgischen Choreografen Jan Fabre, dem sexuelle Belästigung vorgeworfen wird, beginnt im kommenden März, ihm drohen bis zu fünf Jahre Haft, meldet der Standard mit APA. In der nachtkritikdenkt Janis El-Bira darüber nach, warum es an deutschen Bühnen derzeit gleich drei Inszenierungen gibt, die sich dem Ödipus-Mythos widmen.
Besprochen werden Christina Tscharyiskis Inszenierung von Brechts "Die Mutter" im Berliner Einsemble (taz), Simone Sterrs "99 Schritte zum Meer" inszeniert von der Bremer Shakespeare Company am Bremer Theater am Leibnizplatz (taz), Matthias Ripperts Inszenierung von Jaroslav Haseks "Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk" am Landestheater Linz (Standard), Karin Beiers Inszenierung von Ian McEwans Roman "Kindeswohl" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg (SZ) und Frank Castorfs Inszenierung von Peter Handkes "Zdeněk Adamec" am Wiener Burgtheater (FAZ).
Szene aus "Unsere Zeit". Bild: Birgit Hupfeld Simon Stone hat am Münchner Residenztheater "Unsere Zeit" ("frei nach Motiven von Ödön Horvath") inszeniert, in einem Tankstellenshop. Es war anstrengend. Ganze sechs Stunden lang bekam FAZ-Kritiker Hannes Hintermeier "Botschaften" und die Debatten über "Rassismus, MeToo, weiße alte Männer, Kolonialismus, Flüchtlingswelle, Gesundheitsdiktatur und Afghanistan" um die Ohren gehauen: "Verstrickungen, soweit das Auge reicht. Mehr Abstiege als Aufstiege, vermeintlich abgehängte Einheimische, nicht ankommende Migranten. Das Zwischenzeugnis, das der Dramatiker in 'Unsere Zeit' ausstellt, lautet im besten Fall 'Vorrücken gefährdet'." Auch für SZ-Kritiker Egbert Tholl ist die Inszenierung "eine große Mühsal", aber auch eine "Feier der Bühnenkunst".
Weitere Artikel: In einem offenen Brief hat der Intendant des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, Uwe Eric Laufenberg, angekündigt, seinen bis zur Spielzeit 2023/24 laufenden Vertrag nicht zu verlängern, da es bis jetzt keine Gespräche mit dem Ministerium für Kunst und Wissenschaft gegeben hätte, meldet die FR: "Ich frage mich, ob die schiedsgerichtliche Bewertung der aus Ihrem Haus als Kräftemessen angelegten Abmahnung (die als ungültig festgestellt wurde!) insofern nachwirkt: Seit der Verkündung der Entscheidung habe ich von Ihrer Seite nichts mehr gehört. Das hätte ich anders erwartet." Der Kulturmanager Ricardo Carmona, seit 2012 Tanzkurator am Hebbel am Ufer (HAU), übernimmt ab 2023 die künstlerische Leitung des Festivals Tanz im August, meldet die Berliner Zeitung.
Besprochen werden die Performance "Asphalt" der Bürger:Bühne Dresden am Staatsschauspiel Dresden (taz), Thomas Ostermeiers Inszenierung "Ödipus" an der Berliner Schaubühne und Christina Tscharyiskis "Die Mutter" am Berliner Ensemble (Tagesspiegel), Jan Bosses Inszenierung von Gabriele Tergits Roman "Effingers" an den Münchner Kammerspielen (FAZ), Barbara Bücks Adaption von Irmgard Keuns "Nach Mitternacht", Jan-Christoph Gockels Inszenierung von Upton Sinclairs "Öl" und Felicitas Bruckers und Alexander Leiffheidts Adaption von Kleists "Michael Kohlhaas" (FR), alle drei am Schauspiel Frankfurt (FAZ) und Martin Traxls Inszenierung von Joseph Haydns Oper "Lo Speziale" bei Klassikfestival "Herbstgold" (Standard).
Nordböhmisch: Peter Handkes "Zdenek Adamec" am Burgtheater. Foto: Matthias Horn Als Triumph feiert Ronald Pohl im Standard Frank Castorfs Inszenierung von Peter Handkes "Zdeněk Adamec" über jenen jungen tschechen, der sich auf dem Wenzelsplatz selbst verbrannte. Herrliche SchauspielerInnen, die in einem nordböhmischen Setting inwendig brennen: "Castorf zeigt: ein schmählich abgehängtes, dabei bumsfideles 'Flyover Country'. Einen malerischen Sperrmüllzoo, in dem jeder und jede einen potenziellen Zdeněk Adamec in sich trägt. In der Ablehnung der Konsumgesellschaft, in ihrem Glauben an das Gute, Schützenswerte im Menschen, begegnen einander Handke und Castorf. Der eine ist bockiger Nobelpreisträger, der andere störrischer Expressionist. Das ergibt - im Zeichen des säkularen Märtyrers Adamec - zusammen ein Fest der Widersetzlichkeit." Nachtkritikerin Gabi Hift findet den Handke-Text außergewöhnlich schön, aber bei Frank Castorf nicht unbedingt in den besten Händen, weil der Regie-Berserker einfach nicht ohne Handlung auskomme: "Deshalb lässt er die Figuren nacheinander in die Rolle von Zdeněk Adamec schlüpfen und 'ich' sagen, beim Erzählen von Geschichten, die eigentlich von anderen über Zdeněk erfunden werden, die nur Spekulationen sind und wahrscheinlich falsch. 'Woher weißt du das?' fragen sie einander immer skeptisch. Dieses 'Ich'-Sagen passt nicht zu den Texten, es zerstört die Gemeinsamkeit, die bei Handke eben gerade dadurch entsteht, dass alles ungewiss und Zdenek ewig ungreifbar bleibt." In der SZstaunt Wolfgang Kralicek über die ungewohnte Ruhe der Inszenierung.
In der SZbeschwört Viktor Schoner, der Intendant der Staatsoper Stuttgart, zur Saisoneröffnung einen Neustart der Bühnen: "Hatten wir diese künstlerischen Berufe nicht eben genau deswegen ergriffen, weil wir Systeme hinterfragen und zur Not aushebeln wollten, um genau deswegen relevant zu sein? Relevant für Menschen, aber nie relevant für ein System." Frauke Steffens berichtet in der FAZ von der Eröffnung der Theatersaison am Broadway.
Besprochen werden Jan Bosses Adaption von Gabriele Tergits 900-seitigem Roman "Effingers" an den Münchner Kammerspielen ("Endlich wieder Theater im Großformat, freut sich SZ-Kritikerin Christine Dössel über die vierstündige Inszenierung, in der taz lässt sich Sabine Leucht den "süffigen Blockbuster" gern gefallen, in der Nachtkritik lobt Georg Kasch diese "Feier des Lebens"), Simon Stones Inszenierung von Ödön von Horváths "Unsere Zeit" Residenztheater München (die keinen aktuellen Diskurs außer Acht lässt, wie Sabine Leucht in der Nachtkritik klagt), Friedrich Dürrenmatts Klassiker "Der Besuch der alten Dame" am Zürcher Schauspielhaus (NZZ), Barbara Bürks Adaption von Irmgard Keuns Exilroman "Nach Mitternacht" (FR), "Dantons Tod" am Staatstheater Darmstadt (FR) und die Produktionen der Ruhrtriennale (Tsp).
Szene aus "Aufstieg und Fall eines Vorhangs und sein Leben dazwischen". Volksbühne Berlin. Bild: Christian ThielRene Pollesch eröffnet seine erste Spielzeit als Intendant der Volksbühne mit einem eigenen Stück, alle Zeitungen berichten, nicht ohne die Querelen der vergangenen Jahre noch einmal zu resümieren, die meisten KritikerInnen bleiben allerdings zurück zwischen Ratlosigkeit und Enttäuschung. Einen immerhin "gut abgehangenen" Pollesch zwischen "Tolstoi und Zirkus" erlebtNachtkritiker Janis El-Bira mit dem neuem Stück "Aufstieg und Fall eines Vorhangs und sein Leben dazwischen", das gewohntermaßen allerhand Diskurse eröffnet: "Es geht um Film-im-Theater-im-Film, um Kubismus, Roboter und prekäre Verhältnisse und um jede Menge Vorhang-Metaphysik mit Theorieeinsprechern nach Jean-Luc Nancy. Martin Wuttke sitzt in Gestalt eines Umschnall-Skeletts wortwörtlich der Tod im Nacken, Kathrin Angerer lässt sich royal die Füße waschen, Margarita Breitkreiz zelebriert die Pollesch-klassischen Pausen, in denen das Sprechen dem Körper stets um eine Silbe voraus zu sein scheint. Die Pollesch-Sprechenden bleiben wie eh und je Abgehängte auf den Autobahnen ihrer eigenen Hirnströme."
"Etwas mager bleibt, was an Denknahrung so hängen bleibt", kommentiert Katrin Bettina Müller in der taz: "Die Inszenierung ist lustig, aber gemessen an dem, was dieses Haus, das sich die Überforderung des Zuschauers lange auf seine Fahnen geschrieben hatte, und gemessen auch an dem, was René Pollesch hier schon an Gedanken bewegt hat, auch eine Unterforderung." Deutlicher wird etwa Charlotte Szasz in der Welt: "Hätte das Stück nach einer Stunde geendet, wäre es wie eine gute Party gewesen. Wie eine Party, auf der etwas geplaudert wird, man in Erzählungen, etwas von der Welt gesehen hat und man insgesamt mit Musik gut unterhalten wurde. Tut es aber nicht. Es fehlt irgendwas." Auf Zeit Onlinefragt Eva Behrendt nach dem Stück: "Wo weist es in die Zukunft?" "Enttäuschend lahm" findet Rüdiger Schaper im Tagesspiegel hingegen die Premiere.
Vielleicht liegt das auch daran, dass Pollesch immer wieder betonte, er wolle das Haus als "Nicht-Chef" leiten, glaubt Peter Laudenbach in der SZ: "Es wirkt ein wenig, als sei der Hauptzweck der Volksbühne als sich selbst regulierendes System, dass es sich alle Beteiligten nett miteinander machen - das Theater als Family-&-Friends-Programm, dessen Ergebnisse das Publikum aus reiner Großzügigkeit betrachten darf." In der NZZhört Bernd Noack vor allem "Sätze und Geschwurbel aus der Mottenkiste des Autors." Im Standardfreut sich Colette M. Schmidt lieber über die vielen Österreicherinnen, die Pollesch ans Haus geholt hat. Einen "schlicht-schönen" Abend erlebt nur Simon Strauss in der FAZ: "Es ist, als ob René Pollesch mit seinem Eröffnungsabend von vornherein deutlich machen wollte, dass er den Namen seines Hauses auf der zweiten Silbe betont: Die 'Bühne' ist ihm das Entscheidende, nicht das 'Volk'..."
Szene aus "Öl!" am Schauspiel Frankfurt. Bild: Thomas Aurin Mehr Spaß haben die KritikerInnen derweil am Schauspiel Frankfurt mit Jan-Christoph GockelsInszenierung "Öl" nach Upton Sinclairs gleichnamigem Roman von 1927 über die kalifornische Ölindustrie. "Kein Abend für Faulpelze", freut sich Judith von Sternburg in der FR: "Der vielstrapazierte Begriff Spielfreude ist für solche leichtgängigen Dreistünder erfunden worden. Leichtgängig, aber helle und ein bisschen durchgeknallt, aber unter dem Strich so verblüffend unpolitisch, dass sich Upton Sinclair im Grabe umdrehen müsste, wenn ihm nicht klar wäre, dass auch alle Metaphysik nur dem Kapitalismus dient." Auch Nachtkritiker Leopold Lippert amüsiert sich prächtig mit diesem "exzessiven" "Abgesang" auf das Ölzeitalter. Und in der SZ ist Christiane Lutz froh, dass Gockel ihr keine moralische "Klimakrisen-Inszenierung" liefert.
Außerdem: Die nachtkritik bringt eine Statement von Robert Wilson, dessen Inszenierung "Oedipus" gestern das MITEM-Theaterfestival in Budapest eröffnete, der aber dennoch den "Verlust der Freiheit von Kunst und Lehre in Ungarn" und vor allem die Umstrukturierung der Hochschule für Theater und Film SZFE verurteilt: "So freue ich mich zwar, dass die Menschen in Budapest meine Arbeit sehen konnten, halte es aber für meine Bürgerpflicht zu erklären, dass ich weder mit der Aushöhlung der Freiheit und Unabhängigkeit der Lehre und der Kunst noch mit der ungesunden Konzentration von zu viel Macht und Einfluss in den Händen einiger weniger Akteure einverstanden bin."
Besprochen werden Katrin Henkels Inszenierung "Richard the kid & the king" am Schauspielhaus Hamburg und Johan Simons' Inszenierung "Der Idiot" am Hamburger Thalia Theater (taz), Aron Stiehls "Walküre"-Inszenierung am Klagenfurter Landestheater (Standard).
Bild: Dejan Kaludjerović in Zusammenarbeit mit Marija Balubdžić, Bojan Djordjev und Tanja Šljivar Conversations: I don't know that word … yet (2021), Opern-Performance, Foto: Mathias Völzke Den Geruch von Aufbruch und Freiheit hat Ingo Arend (SZ) beim 54. Steirischen Herbst unter dem Titel "The Way Out" in der Nase, der aber auch die Realität nie aus den Augen verliert, etwa mit der Arbeit "Conversations: I don't know that word … yet" von Dejan Kaludjerović: "Der serbische Künstler hatte zusammen mit Marija Balubdžić, Bojan Djordjev und Tanja Šljivar die Antworten Grazer Kinder zu Fragen wie Armut, Ausgrenzung oder Krieg in eine Oper gegossen. Die hinreißende Mixtur aus Soundcollage und Cut-up-Drama war eines der beeindruckendsten Werke zum Auftakt des vierwöchigen, sich sukzessive, entspannt und ohne spektakuläre Mega-Events entfaltenden Programms. Ein Musterbeispiel engagierter Kunst, das, so spielerisch und formbewusst es war, nicht in die Aporien der politisch motivierten 'bullshit-art' zurückfiel, die Degot auf einem Panel zur Zukunft des Kunstbetriebs im Forum Stadtpark geißelte."
Foto: Armin Smailovic
taz-Kritiker Jens Fischer vergeht der Traum vom Landleben beim Erleben der Ausgrenzungen, des Alkoholmissbrauchs und der Gewalt, die Anna-Sophie Mahler in ihrer Inszenierung von Dörte Hansens"Mittagsstunde" auf die Bühne des Hamburger Thalia Theaters bringt: "Das könnte alles sentimental, tragisch oder kitschig daherkommen. Mahler aber inszeniert erfrischend unprätentiös. Ein sanfter Triumph, wie sie ästhetisch konventionell ein mit dem Realismus spielendes Theater reanimiert. Das ist politisch zwar nicht so ambitioniert wie etwa die 'Unterleuten'-Dramatisierungen des ähnlich gelagerten Juli-Zeh-Romans, macht aber inniges Schauspiel möglich, das als bewegender, gedankenvoller Abend übers Sterben funktioniert - und über die Wehmut, aufgrund all der Ich-Identitäts-Kriselei noch gar nicht gelebt zu haben."
Außerdem: Der Prozess gegen den Choreographen Jan Fabre, dem Tänzerinnen Machtmissbrauch vorwerfen, beginnt erst jetzt, die Leitung der belgischen Tanzbiennale hat eine für den Oktober geplante Vorstellung von Fabres neuem Stück aber schon mal abgesetzt, meldet Wiebke Hüster in der FAZ. Ähnlich agierte auch der Intendant des österreichischen Landestheaters Linz, Hermann Schneider, im Falle der von ihm suspendierten Choreographin seiner Tanztheatersparte, Mei Hong Lin, so Hüster: "Im Februar waren aus den Reihen der Company Vorwürfe gegen die Zweiundsechzigjährige erhoben worden. Sie missbrauche ihre Macht, sie setze krankgeschriebene Tänzer unter Druck, möglichst bald zur Arbeit zurückzukehren, sie überschreite mit wiederholten Durchlaufproben eines Stücks die Belastungsfähigkeit der Tänzer, nehme Verletzungen in Kauf und keine Rücksicht, wenn diese einträten." Im Welt-Interview mit Shila Behjat plaudert Anna Netrebko über Wagner, den Lockdown und das Älterwerden.
Besprochen werden Max Claessens Inszenierung von Felicia Zellers "Der Geldkomplex" (nachtkritik), ein Stadtspaziergang durch Köln mit dem Titel "Utopolis" von Rimini Protokoll (nachtkritik) und Krzysztof Warlikowskis Inszenierung von Christoph Willibald Glucks "Iphigenie en Tauride" an der Pariser Opera (SZ).
Die Zeit erscheint heute mit einem "Spielzeit"-Spezial zur Eröffnung der Bühnensaison, in dem unter anderem Susanne Kaiser fragt, ob es sinnvoll sei, dass nur noch Homosexuelle Homosexuelle spielen sollen: "Es ist ein Rückschritt hin zu essenzialistischen Identitäten und bringt uns biologistischen Erklärungsmodellen wieder sehr nah: Ein Merkmal wie Schwulsein wird für wesenhaft, für 'echt' gehalten. So wie man früher dachte, es sei angeboren, als biologische Eigenschaft unabänderlich. So wird Identität zementiert. Dabei richtete sich das Konzept von LGBTQ+ doch genau gegen biologistische Erklärungsmodelle. Es feierte im Gegenteil die Uneindeutigkeit, die Durchlässigkeit und Prozesshaftigkeit von Identitäten. Welcher Bereich, wenn nicht die Schauspielkunst, schafft denn Raum für genau das: für Experimente, performative Prozesse und Empathie?"
Außerdem: Im nachtkritik-Interview mit Elena Philipp und Christian Rakow sprechen die ehemalige Berliner Kultursenatorin Adrienne Goehler und der Soziologe Manuel Riviera über den von ihnen mitinitiierten "Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit" (FÄN), der sich zum Ziel setzt, interdisziplinäre Arbeitsbeziehungen in Nachhaltigkeitsfragen zwischen Kunst, Wissenschaft und weiteren Arbeitsfeldern zu fördern.
Besprochen werden Milena Michaleks "Koralli Korallo" am Wiener Kosmotheater (nachtkritik), Leonie Böhms Ibsen-Inszenierung "Noorrrraaaaaaaa" am Berliner Gorki Theater (Tagesspiegel), Calixto Bieitos Inszenierung von Tolstois "Krieg und Frieden" in Genf (SZ) und Tina Engels Monolog zu Yasushi Inoues "Das Jagdgewehr" am Berliner Renaissance Theater (FAZ).
In der nachtkritik-Kolumne "Heimatgeschichten" denkt die Schauspielerin Lara-Sophie Milagro über den Unterschied zwischen Aufklärung durch Gewaltdarstellung und bloßer Reinszenierung des Grauens in Film und Bühne nach: Braucht es für die "Erkenntnis wirklich immer und immer wieder explizit ausgestellte verbale und / oder körperliche Gewalt gegen nicht-weiße Körper?"
Besprochen werden Romeo Castelluccis Inszenierung der"Pavane für Prometheus" über einen jungen Mann, der bei einem Motorradunfall beide Beine verliert (eines der "schönsten und berührendsten" Stücke in Nike Wagners achtjähriger Amtszeit als Intendantin des Bonner Beethovenfestes, jubelt Michael Struck-Schloen in der SZ), Gianluca Falaschis Inszenierung von Francesco Ciléas "Adriana Lecouvreur" am Staatstheater Mainz (FR), Elsa-Sophie Jachs Inszenierung von Enis Macis "Wüst oder Die Marquise von O… Faster, Pussycat, Kill! Kill!" am Theater Bremen (taz) und Dorian Drehers Inszenierung von Händels Oper "Rodelinda" bei den Händelfestspielen Göttingen (FAZ).
Szene aus "Die Brüder Karamasow". Sandra Gerling. Bild: Thomas Aurin Ziemlich erschlagen kommen die TheaterkritikerInnen aus Oliver Frljics Inszenierung von Dostojewskis "Die Brüder Karamasow" am Schauspielhaus Hamburg. Wo ist Frljics "Radikalität" geblieben, seufzt in der taz Katrin Ullmann, die zwischen dem zweieinhalbstündigen "Gebrülle" den roten Faden sucht: "Statt einen klaren inhaltlichen Fokus zu setzen, muss in seiner Inszenierung reichlich (Text-)Strecke gemacht werden. Dazu wird mal ein schwarzer Gazevorhang eingesetzt, mal ein Plastikherz an der Angel, mal ein zehn Meter langer Bart. Immer wird Klavier gespielt, mal wird dämonisch gelacht oder um Rubel gebettelt und oft wird einfach nur verloren im Raum herumgestanden." Dostojewski hätte seine Freude gehabt, glaubt zwar Nachtkritiker Stefan Forth, der auch das Ensemble lobt, die Inszenierung ingesamt aber ebenfalls "langatmig" und wenig zeitgemäß findet: "Stattdessen springt der Abend oft ausgesprochen ruckartig, ausgesprochen laut, ausgesprochen aufgeregt und ausgesprochen deutlich von Debatte zu Debatte, von Szene zu Szene. Auch den Spieler*innen bleibt dabei wenig Ruhe, wenig Raum."
Besprochen werden Andreas Homokis Inszenierung von Richard Strauss' "Salome" am Opernhaus Zürich (NZZ), Karen Stones Inszenierung von Verdis "Falstaff" am Theater Magdeburg (nmz), Leonie Böhms Inszenierung "NOORRRRAAAAAAAA" nach Henrik Ibsen am Berliner Maxim Gorki Theater (Nachtkritik), Stefan Bachmanns Inszenierung von Lessings "Nathan der Weise" am Schauspiel Köln (SZ) und Amir Reza Koohestanis Bearbeitung von Anna Seghers' Roman "Transit" beim Kunstfest Weimar (FAZ).
Dreisam einsam in Yana Ross' Inszenierung von David Foster Wallace' "Interveiws". Foto Sabina Boesch / Zürcher Schauspielhaus Am Zürcher Schauspielhaus hat Yana Ross "Interview mit fiesen Männern" nach Texten von David Foster Wallace inszeniert. In der Nachtkritik freut sich Valeria Heintges, wie "großartig" Genderklischees entlarvt werden. In der NZZ kann Ueli Bernays zwar die Porno-Szenen wegstecken, aber nicht unbedingt den Zynismus: "In den langfädigen, mitunter manischen Rezitativen der sieben Cowboys und Cowgirls lernt man das Leiden von Männern kennen, die zu Liebe und Leidenschaft nicht mehr fähig sind. Triebgesteuert und phallisch dirigiert, sind sie aufs Kopulieren fixiert, das ohne Gefühl nicht recht gelingen will. Umso abstruser und aggressiver werden ihre Reden. Und manchmal wird der Frust in Aggression abgeführt. Wenn das männliche Sendungsbewusstsein angeschlagen gärt und fault, bringt es offenbar eine toxische Sprache hervor, die weit anstößiger ist als das bisschen Live-Sex auf der Bühne. Wer aber ist schuld am Unglück der beziehungsunfähigen Männer? Der Kapitalismus vielleicht, der alles zur Ware macht und mithin auch den Menschen? Oder sind es die Frauen, die nicht mehr wissen, was sie wollen?"
Besprochen werden Produktionen von Michael Finnissy und Michael Wertmüller bei der Ruhrtriennale (SZ), Bonn Parks Stück "Bambi & Die Themen" im Düsseldorfer Schauspielhaus (Nachtkritik) Edward Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" beim Theater Willy Praml (FR) und Christopher RüpingsDante-Inszenierung "Das neue Leben" in Bochum (SZ).
Proben das Leben nach Dante: Anne Rietmeijer und Damian Rebgetz. Foto: Jörg Brüggemann / Bochumer Schauspielhaus Viel Kunst, viel Anstrengung, aber auch Tiefe und Leichtigkeit erlebtNachtkritiker Sascha Westphal bei Christopher Rüpings Inszenierung "Das neue Leben" am Bochumer Schauspielhaus. Frei "nach Dante, Meat Loaf und Britney Spears" kreist das Stück um die Liebe zu Beatrice, um den Tod und die Kunst: "Anna Drexler scheitert daran, die Bedeutung, die Beatrices Gruß für Dante hat, in Worte zu fassen, und gerät dabei mehr und mehr außer sich. Eine wahre Glanznummer aus gespielter Verzweiflung und echter Unsicherheit, oder auch echter Verzweiflung und gespielter Unsicherheit, die in ihrer Hibbeligkeit deutliche Erinnerungen an Maja Beckmanns Spiel weckt. Und Anne Rietmeijer darf, nachdem sie zunächst in einer wunderbaren offenen, die Liebe jenseits aller binären Vorstellungen feiernden Kussszene mit William Cooper und Damian Rebgetz die körperliche Seite der Sehnsucht und des Verlangens gekostet hat, aus dieser Ménage-à-trois aussteigen und die unerfüllte Liebe als Quelle künstlerischer Inspiration preisen. All das verströmt eine Lässigkeit und Freiheit, die Rüpings Inszenierung in diesen ersten 80 Minuten eine ganz eigene Leichtigkeit verleiht. Aber so spielerisch, so kindlich kann es nicht bleiben. Das Unvermeidliche muss geschehen."
Besprochen werden Johan Simons' Inszenierung von Shakespeares "Richard II" am Wiener Burgtheater (und vor einem besorgniserregend schütter" besetzten Parkett, wie Margarete Affenzeller im Standard bemerkt, die vielen Premieren übersteigen offenbar die Nachfrage des Publikums, FAZ), Wu Tsangs "Orpheus" am Zürcher Schauspielhaus (Nachtkritik), Edward Taylors "Ein mörderischer Unfall" im Frankfurter Rémond-Theater (FR) und eine "Medea" im Theater in der Josefstadt (Standard).
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Olivie Blake: Gifted and Talented Aus dem Englischen von Heide Franck und Alexandra Jordan. Thayer Wren ist tot. Als Gründer des Großkonzerns Wrenfare Magitech galt er als Vater der modernen Technologie.…
Matt Dinniman: Carl's Doomsday Scenario Aus dem Amerikanischen von Leo Ruggero. Neues Achievement! Du hast es bis Band 2 geschafft. Herzlichen Glückwunsch, du Nerd! Belohnung: eine Stadt in Ruinen. Und Killerclowns.…
Carys Davies: Das Pfarrhaus Aus dem Englischen von Eva Bonné. Hilary Byrd, Bibliothekar aus dem englischen Petts Wood, ist an einem Wendepunkt in seinem Leben. Anfang 50 und unverheiratet muss er sich…
Amos Oz, Fania Oz-Salzberger: Worte Herausgegeben von Fania Oz-Salzberger und Gafnit Lasri Kokia. Mit einem Vorwort bon Fania Oz-Salzberger. Aus dem Hebräischen von Jan Eike Dunkhase. "Die Rechnung ist noch…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier